lächelnd auf das Papier vor ihm und führte ihn aus dem Haus zu ihrem Lieblingsplätzchen am Ufer der See . Das war eine Höhe , wo zwischen Gestein und leichtbeweglichem Dünensand niederes Gesträuch und einige vom Wind wunderlich zerrissene höhere Bäume in mühseliger Zähigkeit ihr Dasein dem harten Boden , dem wehenden Sand und den Stürmen abkämpften . Ein einsames Fleckchen , wo sich gut mit Land und Meer , mit den Wolken und Möwen , mit den eigensten Gedanken Zwiegespräch halten ließ . Hier hatte Grips dem Fräulein einen einfachen Sitz gebaut , und hier saßen am Abend Vor ihrer Hochzeit Hans Unwirrsch und Franziska Götz , sprachen von ihrem eigenen Schicksal und von Kleophea und sahen die Sonne untergehen . Sie sprachen viel von Kleophea , während sie auf das Meer blickten , über welchem sich nach dem schönen , glänzenden Tage die Nebel zusammenzogen . Die arme Kleophea war verschollen ; auf keinen der Briefe , die Fränzchen im Laufe des Jahres an sie geschrieben hatte , war eine Antwort gekommen . Die Verlobten wußten nichts von ihr ; - es war so seltsam , daß sie gerade an diesem Abend immer von neuem ihr Bild vor sich auftauchen sahen , daß ihre Gedanken nicht in dem eigenen Glück haften wollten . Hans und Franziska wußten nicht , daß das Schiff , welches Kleophea Stein trug , hinter dem grauen Nebel schwebe , der sich über die Wellen legte ! Sie wußten nicht , daß Kleophea auf dem Meere fuhr , während Ehrn Josias Tillenius am folgenden Tage ihre Hände für Zeit und Ewigkeit ineinanderlegte ! - Am achten September wollte die Sonne den ganzen Tag über nicht hervorkommen . Sie war , wie die Seeleute sagten , am Abend vorher in einem Sack untergegangen , und das bedeutete trübes Wetter für die nächste Zeit . Es wurde ein schwüler Tag , an welchem sich kein Lüftchen regte , an welchem dasselbe traurige Grau Himmel und Erde überzog , an welchem man sich nach einem tüchtigen Regenschauer hätte sehnen mögen , wenn es nicht Hochzeitstag gewesen wäre . Es regnete nicht in des Fränzchens Brautkrone , es regnete nicht in die treffliche Rede des Pastors Tillenius , es regnete nicht in die grimmige Rührung des Onkels Rudolf und des Obersten von Bullau , es regnete auch nicht in den Jubellärm des Hauses und Dorfes Grunzenow . Johannes Unwirrsch und Franziska Götz gaben sich die Hände , wie sie sich die Herzen gegeben hatten ; nach der Traurede des Pastors hielt der Leutnant Götz eine Tischrede , und auf den Orgelklang und die Kantate des Küsters folgte lustig die Tanzmusik von Freudenstadt , welche der Oberst von Bullau auf einem Leiterwagen hatte holen lassen . In seinem Kastell bewirtete der Oberst das ganze Dorf , und Grips als Majordomus und arbiter elegantiarum zeigte sich nicht als das , was er war , sondern als das , was er sein konnte : liebenswürdig , zuvorkommend , zärtlich gegen das schöne , höflich gegen das starke Geschlecht . In dem großen Saale wurde getanzt , und unendlicher Beifall wurde laut , als der Oberst mit der jungen Frau den Ball eröffnete . Es war ein Vergnügen , jetzt dem Leutnant in die strahlenden Augen zu blicken ; es war ein Vergnügen , den Pastor Josias Tillenius im Gespräch mit der Mutter Jörensen zu beobachten ; und ein Hauptvergnügen war ' s , zu sehen , wie der Pastoradjunkt und Bräutigam Hans Unwirrsch der schwindelerregenden Göttin Terpsichore verfiel und , um einen Ausdruck der anwesenden befahrenen Seeleute zu gebrauchen , durch den Saal » schlingerte « . Die ältesten Leute , selbst die Urgroßmutter Margarete Jörensen , wußten sich eines solchen Tages nicht zu erinnern ; die Lust stieg von Augenblick zu Augenblick und riß alt und jung fort ; halb betäubt blickte das Brautpaar , das sich mit Mühe in einen stillen Winkel gerettet hatte , auf das Getümmel . » Feuer auf See ! « Wer rief das ? Wer hatte das gerufen ? Feuer auf See ! Feuer auf See ! - Wie ein elektrischer Schlag fuhr es durch das Fest . Die Musik brach ab , die Tanzenden hielten an wie gebannt ; die Zechenden sprangen von den Sitzen empor , und dem alten , einarmigen Hochbootsmann Steffen Groote blieb das malaiische Lied , des er eben einem kleineren Zirkel von Kennern zum besten gab , zur Hälfte in der Kehle stecken . Auch Hans und Fränzchen waren emporgesprungen , obgleich sie anfangs den Grund des panischen Schreckens nicht begriffen . Der Oberst drängte sich durch den Saal nach der Tür , und ihm nach stürzte der größte Teil seiner männlichen Gäste . Die Zurückbleibenden liefen aufgeregt durcheinander oder zu den Fenstern , welche auf das Meer gingen . Franziska faßte den Arm des Pastors Tillenius : » O mein Gott , was ist denn ? Was ist geschehen ? « » Dort , dort ! Wahrhaftig ! O Gott , erbarme dich ihrer ! « rief der Greis , der das Fenster aufgerissen hatte und auf die See deutete . » Ein Schiff im Brande - dort , dort ! « Die Blicke des jungen Paares folgten der zitternden Hand ; im tödlichsten Schrecken stockte das Herzblut - » Dort , dort ! « Es war halbe Abenddämmerung geworden , und der Übergang aus dem grauen Tage war so unmerklich geschehen , daß keiner der fröhlichen Hochzeitsleute darauf geachtet hatte . Noch immer bewegte kein Luftzug den Dunst , der über Land und Meer lag und den Horizont vollständig verschleierte ; nur die Bewohner des Strandes konnten wissen , was seewärts der rote Schein bedeutete ; den beiden Kindern des Binnenlandes aber mußte bei dem unbekannten Schrecknis das Herz um so wilder schlagen . Ein brennend Schiff ! Hunderte von Menschen in der gräßlichsten Todesnot ! Die Sinne verwirrten sich bei dem Gedanken , bei den hundert furchtbaren Bildern , die sich durch das Gehirn drängten . Das Haus Grunzenow wurde leer von seinen Gästen ; auch die Weiber stürzten durch die Gänge und eilten nach dem Strande hinunter ! Als Ehrn Josias Tillenius , Hans und Fränzchen an dem Landungsplatz der Boote anlangten , fanden sie die Fischer sowie den Oberst von Bullau , den Leutnant und die Hofleute in harter Arbeit beschäftigt , alles zur Ausfahrt fertig zumachen , während die Frauen in fieberhafter Aufregung durcheinanderliefen und - schrien und nach dem Schein in Nordwest winkten und deuteten . Unter die Männer mischte sich Hans Unwirrsch und zog und schob mit den andern ; die Weiber suchte der Pastor zur Vernunft oder doch wenigstens zur Ruhe zu bringen , wobei ihm Frau Franziska nach besten Kräften half . Zur glücklichsten Stunde entfaltete der Wind vom Süden , ein wahrer Engel Gottes , seine Schwingen und griff in die Segel der Boote von Grunzenow ; nur die ältesten Männer , die Frauen und die Kinder blieben am Ufer zurück , während die jüngeren Männer hülfebringend ausfuhren . In dem ersten Boot , welches vom Strande sich losmachte , befanden sich der Oberst und der Pastoradjunkt ; der Leutnant Rudolf Götz war bis zum Tode erschöpft hingesunken , und seine Nichte kniete neben ihm und hielt sein weißes Haupt im Schoß ; - das furchtbare Leuchten in der Ferne aber erschien deutlicher und deutlicher . » Es ist ein Dampfer , sie könnten sonst nicht so gegen den Wind arbeiten ! « riefen einige der alten Seeleute , die zurückbleiben mußten . » Sie wollen den Strand anlaufen ! « meinte ein anderer . Allerlei Vermutungen über den Kurs des Schiffes wurden angestellt . Die einen hielten es für ein Stettiner Schiff auf dem Wege nach Stockholm , aber dagegen erhoben sich viele Einwendungen . Andere meinten , es sei das Petersburger Paketboot auf der Fahrt von Lübeck nach Kronstadt . Dieser Ansicht fielen die meisten und unter ihnen der Pastor Tillenius bei . Die Boote von Grunzenow waren längst in der zunehmenden Dunkelheit verschwunden . Man schleppte Brennmaterial am Strande zusammen und zündete ein mächtiges Feuer an und traf sowohl am Ufer wie in den Hütten andere Vorbereitungen für den Fall , daß das Volk des brennenden Schiffes von den Männern von Grunzenow heimgebracht würde . » Gott segne dich , mein Kind , mein ruhiges Herz « , sagte Ehrn Josias , dem Fränzchen die Hand drückend , » dein Hochzeitstag geht bös zu Ende , aber du bist recht zur Frau eines Fischerpastors geschaffen . Du trittst dein Amt in Ehren an ; Gott segne dich für ein langes , hülfreiches , tapferes Leben ! « Der Leutnant Götz saß auf einem umgestürzten Kahn ; die alte Plage meldete sich wieder , er hielt den Fuß in beiden Händen und biß die Zähne zusammen vor Schmerz . » Jaja , Alter « , rief er . » Da sitzen wir Krüppel im Sande und halten Maulaffen feil . Nimm mich in den Mantel , Fränzel , trag mich , nach Haus und koch mir ein Süppchen ! Sapperment , und Bullau ist zwei Jahre älter als ich ! « Ein Schrei der Menge unterbrach die kläglichen Betrachtungen des Leutnants . Der Feuerschein auf dem Meere verlor ziemlich schnell an Helligkeit und erlosch plötzlich ganz . Ein tiefes Schweigen folgte auf das schreckhafte Rufen ; die Bemerkungen , die jetzt noch gemacht wurden , geschahen im leisesten Flüsterton . Es war , als ob niemand mehr laut zu atmen wage . » Sie sind gerettet oder - verloren ! « sagte endlich der alte Pastor , nahm das Käppchen ab und faltete die Hände . Er sprach das Gebet für die Schiffbrüchigen , und Männer , Weiber und Kinder beteten inbrünstig mit ; die Väter der betenden Greise aber hatten noch das Strandrecht in seiner ganzen Scheußlichkeit für Recht erkannt und ausgeübt . Eine tödlich bange Stunde verfloß , dann tauchten wieder Lichter in der Finsternis seewärts auf . Es waren die Fackeln der heimkehrenden Boote , und nun schrie wieder alles auf , was noch der Stimme irgendwie mächtig war . Nach einer halben Stunde peinlichster Erwartung lief der erste übervolle Kahn an den Landungsplatz . » Rettung . Rettung ! Sauvé , sauvé ! « schallte es durcheinander in deutscher und französischer Sprache . In halb wahnsinniger Entzückung sanken die ersten der Geretteten nieder , küßten unter krampfhaftem Lachen und Weinen den festen Boden der Erde , umarmten und küßten die Leute von Grunzenow , die sich geschäftig , alle mögliche Stärkung und Hülfe bietend , an sie drängten . Der Oberst von Bullau und der Pastoradjunkt befanden sich nicht in diesem ersten Boot ; man vernahm aber jetzt , daß das verbrannte Schiff die » Adelaide « von Havre-de-Grâce sei , welche eine Ladung französischer Weine und einige Passagiere nach Petersburg führen sollte Die Aufregung war jedoch noch zu groß , um über die Einzelheiten des Brandes Näheres zu erfragen und zu erfahren . Vierundsechzig unglückliche , zum Teil verwundete Menschen hatten die Grunzenower an das Land gebracht ; es fehlte nur noch der letzte Fischerkahn mit dem Oberst und Hans Unwirrsch . » Sie bringen den Kapitän und die Frauen « , lautete die Antwort auf die ängstlichen Fragen des Fränzchens , » Sie müssen gleich dasein ; es ist ihnen nichts passiert . « Franziska Unwirrsch drückte die Hand auf das Herz und wandte sich wieder zu ihrem Amt zurück . Sie mußte die Dolmetscherin zwischen der französischen Schiffsmannschaft und dem Dorfe Grunzenow sein . Gleich einem hülfe- und trostbringenden Engel schritt sie in dem wirren , wilden Getümmel einher ; der Onkel Rudolf , der sein Französisch ebenfalls noch nicht gänzlich vergessen hatte , hatte den Kopf viel mehr verloren als seine Nichte . Eben kniete sie neben einem bärtigen , halbnackten provenzalischen Matrosen , welcher beide Füße gebrochen hatte , als ein erneutes Rufen die Ankunft des letzten Kahnes ankündete . Der Provenzale hielt in seinem Schmerz ihre Hände so fest , daß sie sich nicht losmachen konnte , wenn sie es auch gewollt hätte . Sie konnte sich nicht einmal nach ihrem Gatten umwenden ; aber zwischen den Trostesworten , welche sie zu dem armen Verwundeten sprach , drängten sich doch alle ihre Gedanken nach dem Landungsplatze , wo es plötzlich ganz still geworden war . Sie horchte mit ganzer Seele , als eine Bewegung unter das Volk kam . Eine helle Frauenstimme rief mit fremdartigem Akzent : » Wo ist sie ? O ciel , wo ist sie ? « Der Provenzale ließ die barmherzige , milde Hand , die er bis jetzt so fest gehalten hatte , frei ; - ein Weib warf sich neben dem Fränzchen auf die Knie , faßte sie wild um den Leib , küßte ihr Kleid , ihre Hand , schluchzte und schrie . Der brennende Holzstoß und die Fackeln warfen ihr flackernd Licht auf die aufgeregte Fremde ; auch Hans beugte sich bleich und bewegt zu der Gattin herab - es war ein Traum , nur ein Traum ! - Wie kam Henriette Trublet an den Strand von Grunzenow ? » Sie ist ' s , sie ists ! O alle Heiligen ! O Mademoiselle ! O Madame ! Ma mignonne , gesegnet sei das süße Gesicht ! Gelobt sei Gott ! O Wunder ! Wunder , sie ist ' s ! « » Henriette ! Henriette Trublet ! « murmelte das Fränzchen , mit starren , zweifelnden Augen auf die Französin sehend . » Jaja , la pauvre Henriette ! und die andere ! die andere ! « Hans Unwirrsch hielt seine Frau im Arm und zog ihr Haupt an seine Brust : » O Liebe , Liebe , wen haben wir mitgebracht an das Land , aus dem Feuer und von der wilden See ? ! « Er führte sie sanft zu dem Ufer hinab ; sie zitterte heftig ; sprachlos schwankte sie zwischen dem Gatten und dem französischen Mädchen durch das einheimische und fremde Volk , das ihr ehrerbietig Platz machte . Auf einem Stein saß der Kapitän der » Adelaide « und stützte den Kopf mit beiden Händen . Neben ihm stand ernst und schweigend , wie auf einem seiner Schlachtfelder , der Oberst von Bullau . Der Leutnant Rudolf Götz aber kniete im Sande und hielt in seinem Schoß das Haupt eines bewußtlosen Weibes - » Kleophea ! Kleophea ! « rief Franziska , mit gefalteten Händen neben der Ohnmächtigen niedersinkend . » Ja , Kleophea ! « rief der Leutnant , und mit den Zähnen knirschend , setzte er hinzu : » Und sie ist allein ! Gottlob ! « Sechsunddreißigstes Kapitel So hatte sich das Geschick erfüllt , und so unbegreiflich seltsam alles im Anfange erscheinen mußte , so einfach und natürlich war es zugegangen . Das Schicksal des Vogels , der plötzlich aus den Lüften tot zu unsern Füßen niederfällt , begreifen wir auch nicht eher , bis wir die kleine Leiche eine Weile in unserer Hand gehalten haben ; - dann aber begreifen wir es . Sie trugen die arme Kleophea in das Pfarrhaus und bereiteten ihr zuerst ein Lager in einem Zimmer , welches der See zu gelegen war ; sie konnte jedoch die Stimme des Meeres nicht ertragen , schauernd verlangte sie in ihren Fieberträumen von dieser Stelle fort , und man mußte sie in ein anderes Gemach betten , wo der Wellenschlag nicht so vernehmbar war . Da lag sie über eine Woche betäubt und bewußtlos , ohne zu ahnen , daß die Freunde , welche sie im Fieber rief , ihr so nahe waren . Nur ganz allmählich gelangte sie ins Bewußtsein zurück , und noch tagelang waren ihr Franziska , der Leutnant Rudolf und Hans Unwirrsch nur Traumgestalten , an deren Wirklichkeit sie nicht glauben konnte . Franziska Unwirrsch wich nicht von dem Lager der Kranken , und ihr - ihr allein gelang es , die niedersinkende Lebensflamme der einst so lebensvollen , schönen , prächtigen Kleophea noch einmal , aber nur für kurze Zeit , vor dem Erlöschen zu bewahren . Die Zeit der Täuschung war abgelaufen , der Sand war verronnen , das nackte , hülflose Ich des einst so stolzen Wesens lag zitternd und blutend da , und im Erwarten der letzten dunkeln Stunde befreite Kleophea Stein ihr Herz nach Möglichkeit von allem Irdischen . Sie hatte nichts mehr zu verschweigen . Alle die buntfarbigen Schleier , die sie sonst über ihr anmutiges Haupt , ihr lachendes Leben gezogen hatte , alle die Schleier , unter denen sie so neckisch , so leichtsinnig hervorlugte , waren zerrissen und zerfetzt ; der erbarmungslose Sturm des Lebens hatte sie wirbelnd entführt . Kleophea erzählte von dem Jahre , welches verging , seit sie ihr elterliches Haus verließ , so tonlos , hoffnungslos , müde , daß es ein Grauen war Ihr Haupt aber lag an der Brust des Fränzchens , während sie sprach , und ihre Hand hatte sie dem Pastoradjunkt gegeben ; - nur Hans und seinem Weibe erzählte sie alles . » Ach , es war nur die wildeste Selbstsucht , die mich aus dem Hause meiner Eltern trieb ; ich habe keine , keine Entschuldigung für mich . Mein Herz war so kalt , so öde ; mich schaudert , wenn ich daran denke , in welcher schlechten , bösen Stimmung ich jenem - jenem Manne folgte . Oh , was bin ich gewesen und wie sterbe ich ! Ihr Guten wißt es ja , was ich in dem Hause meiner Mutter war . Was wußte ich von der Liebe ? Ich bin nicht um der Liebe willen fortgegangen ! - Seht , seht , ich habe nur allzu gut zu dem Doktor Theophile Stein gepaßt - ich habe ihm auch nichts , nichts vorzuwerfen . Es mußte so kommen , ich habe es ja so gewollt . Der Dämon , der in mir war , suchte in seinem wüsten Hunger nach seinesgleichen , und als er fand , was er suchte , da faßten sich die Bestien mit den Zähnen - ah , poverina , ich bin doch am schlimmsten dabei weggekommen ! « Hans und Franziska schauderten über diese schreckliche Art der Klage ; aber in demselben Augenblick war ' s , als ob ein Teil der früheren lebendigen Grazie der armen Kranken zurückkehre . Sie richtete sich lächelnd auf , faßte aber die Hand des Adjunkten fester und sagte : » Wie ich euch gequält habe , wie ich über euch gelacht habe ! O Fränzchen , Fränzchen , es war gestern , als wir in der Parkstraße zusammensaßen - l ' eau dormante - der Hungerpastor - der arme kleine Aimé . Wie habe ich euch gequält , wie habe ich mich an euch versündigt - es war so komisch , und jedermann schnitt solche Gesichter , ein Leichenstein hätte lachen müssen . « Das Lächeln verschwand von dem Gesichte Kleopheas , sie barg ihr Gesicht in den Kissen und schluchzte leise . Als Franziska sich mit sanften , beruhigenden Worten zu ihr niederbeugte , stieß sie sie von sich und rief : » Laßt mich , geht weg ! Laßt mich allein sterben , ich habe von niemand , niemand Liebe verdient , und meinen Vater habe ich getötet ! Wißt ihr es nicht , daß ich meinen Vater getötet habe ? Weshalb laßt ihr mich nicht allein mit dem Gedanken ? Ich habe genug daran bis zum Ende - . « An einem andern Tage erfuhren Hans und Fränzchen mehr von dem Pariser Leben der unglücklichen Frau . Je klarer es dem Doktor Theophile Stein wurde , daß er sich in seinen Voraussetzungen geirrt hatte , desto erbärmlicher wurde die Art und Weise , in welcher er sein Weib behandelte . Die Gewißheit , daß die Geheime Rätin Götz nie den Schritt ihrer Tochter verzeihen werde , entledigte einen Charakter wie den Doktor Stein jeder Verpflichtung , die lächelnde Maske vorzuhalten . Er hatte Geld , viel Geld haben wollen und hatte es nicht erhalten , sondern sich nur eine Last aufgebürdet , die ihm jeden Schritt durch das Leben , wie er es verstand , unendlich erschweren mußte . Den Grund und Boden , den er so fein in der großen deutschen Stadt gewann , auf dem sich so gut und fest bauen ließ , hatte er durch diesen falsch berechneten Zug gänzlich verloren . Er knirschte mit den Zähnen , wenn er seinen Gewinn überdachte . Und er hatte doch alle Wahrscheinlichkeiten so gut berechnet , er verstand doch so trefflich das » calculer les chances « ! Nichts , nichts ! Nun saß er in Paris , und sein Weib hatte ihm nichts zu geben als den Brief ihres Vaters , der ihr seine Verzeihung ankündigte . Es war lächerlich , aber es war auch zum Tollwerden . » Er hat den Brief zerrissen und mir die Stücke vor die Füße geworfen « , erzählte Kleophea in dem Pfarrhause zu Grunzenow , » und ich - ich hatte gedacht , ich wäre seine Herrin , ich hätte die Stärke , ich hätte den Willen , ich hätte den Geist ! Weil ich daheim ungestraft ausging , weil daheim keiner die Macht hatte , mich zu bändigen , meinte ich , die Welt sei wie das Haus meiner Mutter und zu bewegen durch ein Lachen , ein Lippenverziehen , ein Achselzucken . Ich habe es versuchen müssen , sie durch Tränen zu bewegen , und habe den besten Willen dazu gehabt , ihr könnt es mir glauben ; es ist aber auch nicht gelungen , und ich habe mir oft vorgestellt , solch ein elend , närrisch , dumm und einfältig Ding wie ich habe noch niemals fünf Stockwerk hoch im quartier du Marais gesessen und seinen Jammer im Spiegel besehen . Ich habe viel , viel gelernt , Frau Fränzchen Unwirrsch , aber das hätte ich in meiner Mutter Haus doch nicht geglaubt , daß ich das Gähnen verlernen würde . Langeweile habe ich nicht gehabt in Paris , ich mußte mir mein schwarzes Trauerkleid für den toten Vater nähen und mußte es gegen - gegen meinen Gatten verteidigen . O mein Gatte hatte einen großen Umgang , es kamen viele Leute , die alle die schwarze Farbe nicht leiden konnten . Es war ein tolles Leben , und wenn mein dummer , wirrer , schmerzender Kopf nicht gewesen wäre , ich glaube , ich hätte eine allerliebste Rolle spielen können . Ich glaube , wir nahmen es nicht allzu genau mit unserer Ehre , wir hatten zu viel Geld nötig , um uns mit lächerlichen Vorurteilen zu befassen . Wir knüpften Korrespondenzen mit allerlei merkwürdigen , hochgestellten Personen in Deutschland an und schrieben Briefe , die uns sehr gut bezahlt wurden . Ich glaube , wir achteten im Auftrage verschiedener Regierungen auf das Befinden mancher Landsleute , denen man daheim nicht traute . Wir machten uns sehr nützlich , denn wir waren sehr hungrig ; - ich hatte mich für zwei zu schämen . Gesellschaften gaben wir auch , es wurde hoch gespielt , und man kam sehr gern zu uns - die Schande stieg uns an den Hals , und es war nur schade , daß ich nicht so gut zu schwimmen verstand wie monsieur mon époux . - Laßt mich allein , o laßt mich allein ! « Die Mannschaft der verbrannten » Adelaide « hatte nun allmählich das Dorf Grunzenow verlassen und sich über Land nach der nächsten Hafenstadt begeben . Die Verwundeten waren geheilt , und der letzte , welcher unter tausend Segenswünschen von dem Obersten von Bullau Abschied nahm , war der Provenzale , der die Füße gebrochen hatte . Grips fuhr ihn nach Freudenstadt , um ihn daselbst mit einem gefüllten Geldbeutel auf die Post zu setzen . Nur das Pfarrhaus behielt seine Gäste - noch für eine kurze Zeit , und während derselben hatte auch Henriette Trublet viel , viel zu erzählen . Sie hatte ihr Wort gehalten , sie hatte den Doktor Theophile Stein und Kleophea gesucht und hatte sie gefunden . » Voyez « , sagte sie , » ik wär ihnen nachgegangen bis zu der End von der Welt ; aber sie war nur gelauf bis Paris . Oh , monsieur le curé , o mademoi - madame , der gute Gott , der mik zu Euch führt ' in jener Nacht , der hat mik auch geführt in der Not zu der pauvre enfant und dem slekt Mann , daß ik hab könn tun das Meinige für sie und gehalten gekonnt ma parole - voyezvous . Und wenn ik alt würde tausend Jahr , wollt ik nik vergeß der Nacht , in welcher Ihr mik zudecktet mit Euer Mantel und mir gabet Euer Hand und mir sprachet aus Euer Herz in das meinige . Da bin ik gekommen mit Euer Geld in ma patrie und nach Paris und hab gedacht , ik hab geträumt ein Traum von der slimm Allemagne - vraiment un très mauvais songe ! Da sind meine Bekannten gewesen et le Palais-Royal et les Tuileries et Minette et Loulou et les Champs et Arthur , Albert et les autres , und ik wie die Fisch in der Wasser . Aber ik haben gedacht an der cigale und der fourmi und an der Allemagne , an monsieur le curé und mademoiselle l ' ange und habe stillgesessen wie ein Maus und hab gemacht der modes und nur gesucht den Halunk monsieur Théophile und die arm Dame . Das war nicht schwer , die zu find . Da ist gewesen Albert und Cölestin , Armand , der Vicomte de la Dératerie , dann mon petit agent de change , die kann ik fragen in der Gaß , und ik hab bald gewußt , was ik wissen wollt . O mon Dieu , voilà la petite in schwarzer robe und so bleich , so bleich , und solch Augen ! Mein Herz hat mir geblutet ; aber courage , hab ik gesagt und hab den Concierge ausgefragt und seine Frau , und dann hab ik gewußt , was ik muß tun . Me voilà en robe bleue bei Armand . Mon cher , sage ik , da bin ik zurück aus der vilaine Allemagne . Vive Paris , mon petit coeur , wie geht ' s ? Was fangen wir an ? Comment vont les plaisirs ? Théophile ist auch zurück , und gar mit einer Frau . Du weißt , wie wir haben gestanden zusammen , er und ik , je m ' en vengerai ; ik gehöre wie früher zu euch , führe mik zu ihm ! Armand lakt wie ein enragé , und wir schütteln uns die Hand . An die folgend Abend komm ik wie der Commandeur in die festin de Pierre , und Armand weiß gewißlich nicht , wie mein arm Herz schlägt auf der Trepp . Monsieur Armand ! Mademoiselle Henriette Trublet ! - Voilà les autres und die kleine , bleiche Dame en deuil und - Théophile ! Ah monsieur le curé , j ' ai fait une scène à cet homme ! Ik hab diesen Mensch gut in Szene gesetzt . « Fränzchen und Hans sahen erschreckt auf Kleophea ; aber diese nickte nur , lächelte matt und sagte : » Es war wohlgetan . Gott segne sie für ihr gutes Herz . Sie kam zur rechten Zeit - doch es war wirklich eine recht komische Szene , und die Gesellschaft lachte sehr über uns . Ich kann freilich nicht leugnen , daß ich am Anfang ein wenig den Kopf verlor und sehr daran zweifelte , ob ich meinen gesunden Verstand wohl über die Nacht hinaus retten würde ; aber als ich aus der dummen Betäubung in den Armen Henriettes erwachte und sie mir zurief , das Fränzchen habe sie geschickt - als sie mich , ihr armes , liebes Lamm nannte und mit den Fingernägeln gegen meinen Herrn Gemahl anfuhr , da orientierte ich mich , o es war so lustig , so lustig ! War es nicht , Henriette ? « Henriette weinte zu sehr , um die Frage beantworten zu können . Sie schüttelte nur den Kopf und warf sich dann leidenschaftlich aufgeregt neben dem Lager der Kranken auf die Knie , um ihr wieder und immer wieder Mund und Hände zu küssen . Nun erzählte Kleophea in ihrer Weise , wie von diesem Abend an Theophile ihr das Leben noch mehr zur Hölle gemacht habe , wie sie die Tage im tatlosen , unbeschäftigten Abquälen verbracht habe , wie sie zitternd die Minuten in der Nacht gezählt und auf den gefürchteten Schritt auf der Treppe gehorcht habe . Sie erzählte von geheimen , scheuen Zusammenkünften mit Henriette , von unsinnigen Plänen , sich diesem unerträglichen , gräßlichen Dasein zu entziehen , von Todesgedanken und Todeshoffnungen , und endlich , wie der Gedanke der Flucht aufgetaucht sei , sich festgesetzt habe und zum Entschluß geworden sei . Es traf sich , daß aus Petersburg ein sehr schlecht stilisierter und sehr unorthographischer Brief von Mademoiselle Euphrosyne Lechargeon , einer Jugendfreundin von Henriette , anlangte . Diese Freundin schrieb begeistert von dem Glück , das die Pariser putzverständigen Demoiselles unter den » Mongolen « machten , und meldete , daß sie , Euphrosyne Lechargeon , Herrin eines großartigen Etablissements und enfant gâtée aller möglichen Herrschaften auf - off , - ow , - sky , - eff , - iew usw. sei und daß es Eulalie . Véronique , Valérie und Georgette auch nicht übel gehe und daß Philippine eine glänzende Partie gemacht und den Obersten Timotheus Trichinowitsch Resonowski geheiratet habe . » Partons pour la Tartarie ! « hatte Henriette gerufen . » Madame Kleophea hat ihre Juwelen , ik habe fünfunddreißig Francs Ersparnisse . Allons au bout du monde ! Retten wir uns vor diesem Verräter , filou