Einzelheiten der äußern Erscheinung bekannt waren . Dennoch betrachteten sie sich , während sie sich die Hände reichten und die ersten Worte wechselten , mit nicht geringer Aufmerksamkeit , wobei denn Sophie die Bemerkung machte , daß Melitta viel weicher und milder erschien , als sie sich die vornehme Dame gedacht hatte , und Melitta umgekehrt , daß Sophie lange nicht so ernst und athenenhaft drein schaute , wie nach Bemperleins Beschreibung die kluge , geistreiche Tochter des Geheimraths drein schauen mußte . Auch den Baron Oldenburg sah Sophie heute zum ersten Male , ebenso wie er sie , und sie warf vom Sopha aus manchen prüfenden Blick nach dem langen , grau gekleideten Mann , der in der Mitte des Zimmers mit der beiden Herren plauderte , während er ebenso von seinem Standpunkte aus die beiden Damen beobachtete und fand , daß sie in der üppigen Fülle des gleicherweise weichlockigen Haares und in dem Schnitt und Ausdruck der großen Augen eine gewisse Aehnlichkeit hatten , wie zwei Rosen , von denen die dunklere , vollere den schönen Kelch vollkommen erschlossen hat , während die andere hellere , die zart gefärbten Blätter eben erst zum Licht des Tages entfaltet . An Stoff zur Unterhaltung fehlte es dem Kreise nicht in diesen Aufgeregten Tagen , wo eine fieberhafte Unruhe in den Geistern Aller wühlte , weil auf alle der Schatten , welchen die kommenden großen Ereignisse vor sich herwarfen , gleicherweise drückte . - Ich bin im Herzen Republikaner , sagte Franz , aber ich trage kein Verlangen danach , die Republik proclamirt zu sehen , weil ich nicht glaube , daß uns das eben wesentlich weiter bringen wird , so lange wird das Uebel nicht bei der Wurzel erfassen . Des Uebels Wurzel sehe ich aber in dem dumpfen Pfaffenglauben , welcher die Natur der Dinge auf den Kopf stellt und die Menschen statt zu freien Bürgern dieser Erde zu Heloten eines transcendenten Dogmas erzieht , und anstatt die Solidarität der Interessen aller Menschen zu proclamiren , - eine These , welche die Vernunft begreifen und die Thatkraft üben kann , - dunkel von einer allgemeinen Bruderliebe lallt , gegen die sich , in dem Sinne wenigstens , wie man sie geist- und sinnlos von tausend Kanzeln und Kathedern predigt , jedes gesunde Gefühl sträubt . Ich weiß nicht , Herr Doctor , erwiderte Oldenburg , ob Sie dabei die Wirkung , welche ein nach den Principien der Vernunft geordnetes öffentliches Wesen - res publica , meine Damen , nannten es die Römer , und weil diese Bezeichnung die Sache am besten deckt , kommen die modernen Völker , welche aus dem geheimen Wesen , oder vielmehr der offenbaren Verwesung des Polizeistaates ein freies und fröhliches Leben machen wollen , immer wieder auf dieselbe zurück - ich weiß nicht , sage ich , ob Sie der Unterschied zwischen einer vernunftgemäßen und einer unvernünftigen Staatsform doch nicht zu gering anschlagen . Abgesehen davon , daß die persönliche und , so zu sagen , materielle Freiheit die freie Bewegung auf den geistigen Gebieten nothwendig in Gefolge hat , so wird auch ganz gewiß die verderbliche Wirkung vernunftwidriger Religionslehren in der Republik viel geringer sein , als in einem absoluten Staate , gerade so wie schädliche Dünste , die in einem geschlossenen Raume vielleicht tödlich sind , in der freien Luft ohne Gefahr eingeathmet werden können . Und dazu kommt noch dies : in einem Staate , der despotisch regiert wird , ist es nur zu gewiß , daß die weltliche Tyrannei mit der geistlichen ein Schutz- und Trutzbündniß eingeht , was in einem freien Staate , wo die Gewalt in Aller Händen ruht , nicht wohl möglich ist . Das Muckerthum in England zum Beispiel - obgleich ich England keineswegs als einen freien Staat im höchsten Sinne des Wortes ansehe - flüchtet sich in einsame Fabrikdistricte , oder bildet in den Städten obscure Conventikel , um die sich schließlich Niemand kümmert ; bei uns ist eine Macht , deren furchtbare Wirkung wir Alle gefühlt haben , ein Gift , das sich in allen Andern des Staatskörpers verbreitet und jede gesunde Kraft paralysirt . Um es mit einem Worte zu sagen : in einem freien Staate kann der Einzelne noch so krank sein , aber das gemeine Wesen ist und bleibt deshalb doch ein Geheimniswohl ; in dem Polizeistaate giebt es wohl gesunde Private , aber das gemeine Wesen ist nur eine große allgemeine Krankheit . Ich möchte , Sie hätten die Verhandlung mit angehört , die ich in Paris mit Berger über die schwere Noth einer Zeit geführt habe , die beinahe nur noch problematische Naturen hervorbringt . Wo ist der Professor ? Fragte Bemperlein ; ich hatte der Frau Doctor Hoffnung gemacht , den alten Freund ihres Vaters heute Abend hier zu sehen . Ich weiß es nicht , erwiderte Melitta ; wissen Sie es nicht , Oldenburg ? Nein ; ich habe ihn in der Volksversammlung von meinem Arme verloren . Ich glaube indessen sicher , daß er noch kommt . Problematische Naturen , sagte Franz , der , dem angeregten Gedanken nachhängend , den letzten Theil des Gespräches überhört hatte ; wissen Sie , Herr Baron , daß ich diesen Goethe ' schen Ausdruck schon in Verbindung mit Ihrem Namen hörte und zwar aus dem Munde eines Mannes , der mit sehr theuer gewesen ist und an dem auch Sie , so viel ich weiß , großen Antheil genommen haben ? - Sie brauchen nicht ungeduldig auf den Tisch zu trommeln , Bemperlein ; ich weiß , daß Sie sich , ganz gegen ihre sonstige fromme Denkungsart , in einen höchst unfrommen Haß gegen Oswald Stein hineingeredet haben , und ich erwähne unseres gewesenen Freundes hier auch nur , weil er mir , ebenso wie sein Lehrer Berger , immer als ein Typus der problematischen Naturen erschienen ist . Da Franz von dem Verhältniß Oswald ' s zu Melitta auch nicht die mindeste Ahnung hatte , so entging ihm natürlich die Röthe , welche so plötzlich in den Wangen der Dame aufflammte , daß sie sich , dieselbe zu verbergen , tief auf ihre Arbeit beugte ; und die Heftigkeit , mit welcher Bemperlein sagte : Ich dächte , Franz , dieser Mensch wäre einer Erwähnung gar nicht mehr werth ; reizte ihn nur zum Widerspruch . Denken Sie das auch , Herr Baron ? sagte er , sich zu Oldenburg wendend ; sollten Sie auch einen Menschen schonungslos verdammen , dessen größtes Unglück es vielleicht ist , in dieser Zeit geboren zu sein ? Nein , sagte Oldenburg ruhig und ernst ; ich habe das alte Wort , daß wir nicht richten sollen , um nicht selbst gerichtet zu werden , nicht vergessen . Ich habe stets die herrlichen Gaben , mit welchen die Natur jenen Mann verschwenderisch ausgestattet hat , aufrichtig bewundert , und es stets lebhaft bedauert , wie ich es denn noch bis zu diesem Augenblick thue , daß ein so reicher Geist , wie ein allzu üppig emporgeschossener Baum , nur taube Blüthen tragen sollte , von denen keine sich zur Frucht entwickelt . Während Oldenburg so sprach , hatten seine Augen fest auf Melitta geruht , die jetzt ihr Antlitz wieder erhoben hatte und ihn ihrerseits so prüfend anblickte , als wollte sie ihm bis auf den Grund der Seele schauen . Franz interessirte sich für Oswald noch immer zu sehr , als daß ihn Oldenburg ' s Worte nicht innig hätten erfreuen sollen . Er erwiderte deshalb in lebhaftem und herzlichem Ton : Ich war überzeugt , daß Sie so über Herrn Stein urtheilen würden . Weiß ich doch aus Stein ' s eigenem Munde manche Aeußerungen von Ihnen , die mir bewiesen , ein wie tiefes Verständniß Sie für seinen Seelenzustand hatten , und zeigte mir doch Ihre Intimität mit Berger , daß Sie ein Arzt sind für die Kranken , nicht aber für die Gesunden , - lieber Bemperlein , die bekanntlich keines Arztes bedürfen . Berger und Stein sind zwei Naturen , die sich in Anlagen , Temperament und Charakter in überraschender Weise gleichen . Wie hätten sie , die sich an Jahren so verschieden sind , auch sonst so schnell innige Freundschaft schließen können - eine Freundschaft , die , fürchte ich , mehr als Alles dazu beigetragen hat , in Stein die ausschweifenden Ideen zu nähern und zu befestigen , die ihn über kurz oder lang zum Wahnsinn oder Selbstmord führen müssen . Aber sie sehen doch , Franz , sagte Bemperlein daß Berger den Alp seiner Krankheit , die jedenfalls mehr physische als physische Ursachen hatte , glücklich von sich abgeschüttelt und dadurch allein bewiesen hat , daß in ihm eine ganz andere Kraft steckt , als in Stein . Den Tag nicht preise , bevor der Abend kommt ! erwiderte Franz , ich wünsche natürlich so lebhaft , wie Jeder von Ihnen , daß der Professor vollständig genesen sei , aber ich als Arzt nicht anders sagen , als daß ich einen Rückfall keineswegs für unmöglich halte , und wenn ich nicht sehr irre , Bemperlein , so erwähnten Sie noch gestern Abend , daß mein verstorbener Schwiegervater sich genau so über seinen Zustand ausgesprochen habe . Aber das wäre ja entsetzlich ! sagte Melitta . Ich behaupte nicht , gnädige Frau , daß es so kommen wird , ich sage nur , daß es so kommen kann . Haben Sie an Berger in der letzten Zeit etwas besonderes bemerkt ? fragte Melitta , zu Oldenburg gewandt . Ja , sagte dieser nach einigem Bedenken , ich kann es nicht leugnen , daß mir in der letzten Tagen sein Wesen viel aufgeregter vorgekommen ist . Seit der Februar - Revolution , an der wir , wie Ihnen bekannt sein wird , thätigen Antheil genommen haben , scheint eine fieberhafte Ungeduld in ihm zu wühlen , die mich oft an die Unruhe eines Löwen erinnert hat , der grollend hinter seinem Käfiggitter rastlos auf- und abgeht . Die Minuten werden ihm zu Stunden , die Tage zu Wochen . Vergeblich , daß ich ihn daran erinnere , die Geschichte der Ideen zähle nach Jahrtausenden . - Ich habe keine Zeit , ist seine stete Antwort ; wenn Sie , wie ich , vierzig Jahre durch die Wüste gewandert wären , würden Sie die Sehnsucht des müden Pilgers , nur einmal die Luft des gelobten Landes der Freiheit zu athmen , begreifen . Dieses Zaudern und Zagen , dieses Schwanken und Wanken werden mich nur zur Verzweiflung bringen . - Aber meine Herren , was ist das ? Alle lauschten . Von ferne her kam , das Rasseln der Wagen übertönend , ein gleichförmig zitternder dumpfer und doch starker Ton . Es ist der Generalmarsch , sagte Oldenburg , und seine Wangen rötheten sich ; ich kenne den Klang . Oldenburg hatte diese Worte kaum gesprochen , und die Gesellschaft erhob sich eben , um an die Fenster zu treten , als die Thür aufgerissen wurde und ein Mann in das Zimmer stürzte , in welchem man Berger kaum noch wieder erkennen konnte . Sein langes graues Haar hing in wahnsinnigen Streifen um sein Haupt ; Gesicht und Bart waren mit Blut besudelt , das aus einer Wunde auf der Stirn zu kommen schien ; sein Rock war hier und da zerfetzt , als wenn scharfe Instrumente hineingeschnitten oder gestochen hätten . Seine Augen glühten , sein Athem keuchte , als er jetzt , dicht an den Tisch herantretend und die Gesellschaft anstarrend mit heisern Tönen rief : Auf ! auf ! Ihr sitzt und schwatzt , während draußen Eure Brüder und Schwestern geworden werden ! Auf ! auf ! mit diesen unsern bloßen Händen wollen wir ihre Bajonette zerbrechen und die Henkersknechte erwürgen . Er wird ohnmächtig , rief Franz , indem er Berger , der schon , während er sprach , wie ein Trunkener geschwankt hatte und jetzt zusammenbrach , in den Armen auffing . Die Männer sprangen hinzu und trugen den Ohnmächtigen auf das Sopha . Etwas Eau de Cologne , gnädige Frau , sagte Franz ; danke , ängstigen Sie sich nicht , es hat diesmal noch nichts zu sagen , aber ich fürchte für die Zukunft . Die Gesellschaft umstand den Kranken , dessen Athemzüge ruhiger wurden , während draußen der Generalmarsch in der Ferne verhallte . Zweiundvierzigstes Capitel In einem Zimmer der dritten Etage desselben Hotels saß zu eben der Stunde eine junge Dame , die mit ihrem Gatten - dafür nahm man wenigstens den Herrn , der sie begleitete - unlängst in dem Hause angekommen war . Da auf den Reiseeffekten " Paris " stand und der Herr mit der Dame französisch gesprochen hatte , so nahm man im Hause an , daß es Franzosen seien , um so mehr , als das Hotel gerade von Franzosen sehr stark frequentirt wurde . Frau Hauptmann Schwartz , die Besitzerin des Hotels , hatte selbst die Fremden auf ihr Zimmer geführt , und , da die junge Dame angegriffen und leidend aussah , teilnehmend gefragt , ob sie etwas für Madame thun könne ? Der Herr hatte gebeten , Thee zu besorgen , und im Uebrigen alle Dienstleistungen abgelehnt : bald darauf war er ausgegangen . Er war kaum fünf Minuten fort , als eine Droschke , die seit dem Augenblick , wo die fremden gekommen waren , ein paar Schritte die Straße weiter hinauf gehalten hatte , vor dem Hause vorfuhr . Ein junger Mann stieg aus und fragte den Portier , ob ein Herr oder eine Dame , die vor einer Viertelstunde etwa aus Paris gekommen wären , zu Hause seien ? Als der Portier antwortete , daß der Herr so eben mit dem Bemerken , er werde in einer Stunde etwa wieder kommen , das Haus verlassen habe , Madame aber , so viel er wisse , sich auf ihrem Zimmer befinde , bat der junge Mann , ihn unverzüglich zu ihr zu führen . Der Portier - ein vielerfahrener Mann - sah , daß der junge Mann , der übrigens offenbar den höheren Ständen angehörte , sehr aufgeregt war , und da ihm neun Uhr Abends nicht die ganz geeignete Zeit schien , eine Dame , die allein auf ihrem Zimmer war , in einem ehrbaren Hotel aufzusuchen , sagte er , er glaube nicht , daß die Dame noch zu sprechen sei ; ob der Herr nicht lieber morgen früh wiederkommen wolle ? Ich habe es sehr eilig , sagte der junge Mann : ich - ich muß die junge Dame in - Familienangelegenheiten sprechen . Wollen Sie nicht einmal nachfragen lassen , ob sie nicht noch Besuch empfängt , und ihr - er besann sich einen Augenblick - und ihr diese Karte bringen . Die Hand des jungen Mannes zitterte so sehr , als er die Karte hinreichte , und sein Gesicht war so blaß und verstört , daß der Portier mehr wie überzeugt war , die Sache sei nicht richtig und die Zusammenkunft des jungen Herrn mit der französischen Dame könne nur auf Kosten des ausgegangenen Herrn stattfinden . Was will ich denn , sagte er , da hängt ja der Schlüssel ; sie sind alle Beide ausgegangen . Der junge Mann hielt das Etui noch in der Hand . Ich bin überzeugt , sagte er , indem er ein Goldstück aus dem Etui nahm und es dem Portier in die Hand drückte , daß die Dame zu Hause ist und daß sie mich empfangen wird , wenn man ihr die Karte bringt . Der Portier war ein ehrlicher Mann , aber er hatte eine zahlreiche Familie und mußte morgen das Schulgeld für die beiden ältesten Kinder bezahlen . Drei Treppen , die zweite Thür auf dem Corridor links , sagte er mürrisch . Der junge Mann sprang , immer drei Stufen auf einmal nehmend , die Treppe hinauf und klopfte an die bezeichnete Thür . Entrez ! antwortete eine leise Stimme . Die junge Dame war , nachdem ihr Begleiter sie verlassen - er hatte nach der langen Fahrt das Bedürfniß gefühlt , noch ein Stündchen in den Straßen umherzuwandern - unbeweglich in der Sophaecke sitzen geblieben , den Kopf in die eine Hand gestützt , während die andere schlaff an ihrer Seite herabhing . Der Schein der Lichter auf dem Tische vor ihr fiel hell in ihr Gesicht . Es mochte ein gar reizendes Gesicht sein , wenn es , wie es wohl konnte , von Uebermuth und Lebenslust strahlte ; aber jetzt war es blaß und die Züge vom Weinen wie verzerrt . Die großen grauen Augen starrten auf den Fußboden ; die schönen Brauen waren düster zusammengezogen und die Lippen aufeinandergepreßt . Mechanisch hatte sie entrez ! gesagt , als der Kellner klopfte , um den Thee zu bringen ; sie hatte nicht einmal empor geblickt , während er die Sachen auf dem Tisch ordnete , und er mußte seine Frage : ob Madame noch etwas zu befehlen habe ? zweimal wiederholen , bevor sie mit einem kurzen Nein ! antwortete ; ja sie hatte , sobald er die Thür hinter sich geschlossen , vergessen , daß er da gewesen , und sagte , als es unmittelbar darauf wiederum klopfte , ebenso mechanisch , wie das erste Mal : entrez ! Emilie ! Die junge Dame fuhr mit einem Schrei in die Höhe und starrte den jungen Mann , der vor ihr stand , mit weitgeöffneten Augen an , als ob sie jäh aus tiefem Schlaf erwache und nicht wisse , ob das , was sie da vor sich sah , ein Traumbild sei oder Wirklichkeit . Emilie ! wiederholte der junge Mann und breitete seine Arme aus . Adolf ! rief sie , sich an seine Brust werfend , Adolf ! Die Geschwister hielten sich umschlungen , wie sie sich in den Tagen ihrer Kindheit umschlungen hatten , wenn der Bruder aus den Ferien nach Hause kam und die Schwester ihm schon bis an die Grenze des Parks entgegengegangen war ; aber heute riß Emilie sich alsbald aus seinen Armen , und rief , die Hände , wie um ihn abzuwehren , vor sich streckend : Wo kommst Du her ? was willst Du hier ? Kannst Du das fragen , Emilie ? erwiderte er traurig ; was ich hier will ? Dich ! woher ich komme ? von Paris , wo ich nach monatelangem Suchen Deine Spur fand , in dem Augenblicke , als Du abreistest , und von wo ich Dir von Stadt zu Stadt , von Gasthof zu Gasthof gefolgt bin , ohne daß es mir einmal gelungen wäre , Dich allein zu finden . - Nicht , als ob ich mich vor ihm fürchtete ! sagte der junge Mann , indem er sich unwillkürlich stolz zu seiner vollen stattlichen Höhe aufrichtete , aber ich wollte freundlich und gut mit Dir sprechen , und ich wußte , daß mir das in seiner Gegenwart nicht möglich sein würde . Adolf von Breesen näherte sich seiner Schwester und wollte ihre Hand ergreifen ; sie wich vor ihm zurück . Was willst Du von mir ? murmelte sie . Emilie , sagte er traurig , ist das die alte Liebe ? Emilie ! Kind ! besinne Dich ! was soll ich anders wollen , als Dich aus diesem unwürdigen Verhältniß befreien , das Dir schon längst zur Qual geworden ist . O , sage nicht nein ! ich sehe es ja an Deinen Augen , an Deinem blassen Gesicht , daß Du tief unglücklich bist ! Emilie , Schwester , liebe , liebe Schwester , folge mir ! Bei unserm alten Vater , der aus Gram um Dich vergeht , bei dem Andenken an unsere selige Mutter , bei Allem , was Dir heilig ist , beschwöre ich Dich , folge mir ! Emilie hatte sich schluchzend und ihr Gesicht in den Händen verbergend in die Sophaecke geworfen . Adolf kniete vor ihr nieder . Er nahm ihre Hände in die seinen , er küßte ihr die Stirn und Haar und Augen ; er sprach zu ihr in beredten Worten , wie sie auch einfache Menschen finden , wenn ihr Herz von treuer Liebe voll ist . Er sagte ihr , daß er nicht daran denke , sie zu ihrem Gatten zurückzuführen , den er selbst niemals habe leiden können , den sie gegen seinen Willen geheirathet habe ; daß sie niemals in ihre Heimath zurückkehren solle , wenn sie es nicht wünsche , daß er mit ihr in ein fernes Land gehen , daß er sie nie verlassen wolle . Er berührte alle Saiten ihrer Seele , von denen er wußte , von denen er hoffte , daß sie ihm antworten würden . Aber es war lange Zeit vergeblich . Ich kann ihn nicht verlassen , war Alles , was sie unter Schluchzen und Thränen immer wiederholte . Aber um Gotteswillen , Emilie , rief der junge Mann ; ist es denn möglich , daß eine Thorheit so lange währt ? ist es denn möglich , daß Du diesen Menschen noch immer liebst ? Ja , ja , ich liebe ihn ; liebe ihn mehr , als ich ihn je geliebt habe ; schluchzte sie . Adolf sprang empor und ging ein paar Mal mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab . Dann trat er wieder an Emilie heran und sagte : Ich will es glauben , weil Du es sagst ; aber Emilie , bei Deiner Ehre - denn Deine Ehre ist es , die auf dem Spiel steht - beantworte mir diese Frage : bist Du ebenso auch noch von seiner Liebe überzeugt ? Ein heftiges Weinen war Emilien ' s Antwort , und in dem Weinen schüttelte sie mit dem Kopfe . O , mein Gott , sagte Adolf bitter , bist Du so tief gesunken , daß Du einem Manne folgst , der Dich nicht liebt ? dem Du zur Last bist ? der viel darum gäbe , wenn er Dich nur wieder los wäre ? ist das meine stolze Schwester ? so will ich denn unser altes Wappen zerbrechen und vor jedem Lump auf der Straße die Augen niederschlagen , und wenn mich Jemand einen Buben schimpft , thun , als hätte ich es nicht gehört . Der junge Mann schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn , und Thränen des Zornes und der Scham drangen aus seinen Augen . Emilie sprang von dem Sopha auf . Komm ! sagte sie hastig , komm ! Du hast recht ! ich bin ihm zur Last ! er wird froh sein , wenn er mich los ist , komm ! Gott sei gelobt ! rief Adolf . Sogleich wollen wir fort ! sagte Emilie , in dem Gemache hin und her irrend und leidenschaftlich die Hände ringend ; ich will ihn nicht wiedersehen . Ich will ihm schreiben - Ja , ja ! sagte Adolf ; hier ist ein Blatt aus meinem Portefeuille , Tinte und Feder ist hier ; - schreib ihm , aber nur wenige Worte ! Emilie setzte sich an den Tisch , aber sie hatte kaum ein paar Buchstaben geschrieben , als sie von neuem in Thränen ausbrach . O Gott , o Gott ! sagte sie , die Feder sinken lassend , ich kann es nicht . Gieb mir ! sagte Adolf , ihr die Feder aus der Hand nehmend ; ich will es thun . Binde unterdessen Deinen Mantel um ; ich bin gleich fertig . Während Emilie sich den Mantel umband , schrieb Adolf mit fliegender Feder ein paar Zeilen . Er war nicht eben gewandt in solchen Dingen , aber in diesem Augenblick kamen ihm die Ausdrücke wie von selbst . Bist Du bereit ? Ja ! Sie gingen die Treppe hinunter . Es begegnete ihnen Niemand . Adolf gab dem Portier den Schlüssel zum Zimmer . Sagen Sie dem Herrn , wenn er nach Hause kommt , Madame sei ausgegangen und würde wohl so bald nicht wieder kommen . Adolf hatte Emilie in die Droschke gehoben . Die Droschke fuhr in ungewöhnlicher Eile davon . Hm ! murmelte der Portier , indem er den Schlüssel zu den andern hing ; ich dacht ' s mir gleich , daß es so kommen würde . Nun , ich kann die Leute nicht halten , wenn sie partout davon wollen . Dreiundvierzigstes Capitel In der Williamsstraße , der vornehmsten Straße der Residenz , war kurz vor Neujahr durch den Hausmeister des Fürsten Waldernberg ein großes schönes Hotel , dessen Besitzer vor einiger Zeit gestorben war , gekauft worden . Der Fürst selbst , der bald darauf von Grünwald eintraf , hatte die innere Einrichtung überwacht und trotz der verschwenderischen Pracht , mit welcher sie ausgeführt wurde , so gefördert , daß er schon Ende Januar mit seiner zahlreichen Dienerschaft und seinem Marstall aus dem Hotel in der Bärenstraße , wo er bis dahin residirt hatte , in die Wohnung übersiedeln konnte . Er bezog den einen Flügel des Erdgeschosses . Der andere Theil blieb vorläufig leer , da der Fürst in der Einrichtung desselben dem Geschmack und den Wünschen seiner Braut , die nebst ihrer Mutter Anfang Februar von Grünwald erwartet wurde , nicht vorgreifen wollte . Mit desto größerem Eifer ließ er an der Ausstattung der Beletage arbeiten , deren prachtvolle Räume für die Fürstin Mutter , die den übrigen Theil des Winters in der Residenz zuzubringen gedachte , so wie zur Aufnahme der erwarteten Gäste bestimmt waren . Der Fürst hatte die Freude , auch diese Arbeit vollendet zu sehen , als er am 1. März die Residenz verließ , um seine Mutter von Stettin abzuholen , wo das Dampfschiff , welches sie von Petersburg nach Deutschland brachte , am nächsten Tage ankommen mußte . Zu gleicher Zeit waren durch seinen Hausmeister für seinen Vater , den Grafen Malikowsky , der von München aus seine bevorstehende Ankunft angekündigt hatte , in dem Hotel de Russie Unter den Akazien eine Reihe von Zimmern gemiethet worden . In einem der prachtvollen Salons des Hotels Waldernberg , in einem weichgepolsterten Lehnstuhl , der nahe an den Kamin gerückt war , in welchem ein lustiges Feuer brannte , saß die Fürstin Letbus . Dicht neben ihr , die hohe Gestalt zu ihr herabgebeugt , wie um der Mutter selbst die Anstrengung des lauteren Sprechens zu ersparen , stand der Fürst . Adieu , liebe Mama , sagte der Fürst , indem er sich noch tiefer herabbeugte und die feine , welke Hand der Mutter an seine Lippen führte , es ist Zeit , daß ich gehe , wenn ich die Ankunft des Zuges nicht versäumen will . Adieu , mein lieber Sohn , erwiderte die Fürstin ; heiße Deine Braut in meinem Namen willkommen . Sage ihr , daß ihr meine Mutterarme geöffnet sind . Hat der Graf zugesagt , sich an dem Empfange der Damen zu betheiligen ? Ja , liebe Mama ? Nun denn , mein lieber Sohn , gehe mit Gott , der Deinen Ausgang und Deinen Eingang segnen möge ! Sie hauchte einen Kuß auf die Stirn des Fürsten , der sich erhob und über die dicken Teppiche des Fußbodens geräuschlos zur Thür hinausschritt . Die Fürstin blieb , nachdem der Sohn sie verlassen hatte , in dem Lehnstuhl zusammengekauert sitzen . Es waren keine tröstlichen Gedanken , die in diesem Augenblicke durch ihr Hirn zogen , denn der Ausdruck ihres bleichen Gesichtes wurde immer düsterer und düsterer , und immer starrer blickten die schwarzen Augen in die Flamme des Kamins , so daß sie in dem Widerschein des Feuers unheimlich funkelten und blitzten . Zuletzt schauderte sie aus dieser Starrheit auf und drückte auf die Feder der silbernen Glocke , die dicht neben ihr auf einem Tischchen stand . Unmittelbar darauf trat ihre erste Kammerfrau Nadeska herein . Was befiehlt meine Fürstin ? sagte Nadeska , mit einer Stimme , durch deren leisen unterwürfigen Ton eine gewisse Vertraulichkeit hindurchklang . Laß die Lichter in den Zimmern anzünden , Nadeska , und hörst Du , Nadeska , daß die ganze Dienerschaft sich zum Empfang der Damen in dem Hausflur aufstellt . Wen hast Du zu ihrer speciellen Bedienung bestimmt ? Ich dächte : Katinka , Mademoiselle Virginie und von den deutschen Mädchen Marie und Louise . Es ist gut . Du selbst empfängst die Damen an der Thür und begleitest sie auf ihr Zimmer . Hat meine Fürstin sonst nichts zu befehlen ? Nein , Nadeska . Die Kammerfrau verneigte sich und ging nach der Thür . Als sie dieselbe beinahe erreicht hatte , rief die Fürstin sie zurück . Sie trat wieder an den Stuhl . Hast Du den Grafen heute Vormittag beobachtet , Nadeska ? Ja , meine Fürstin . Hast Du nichts Besonderes bemerkt ? Er schien noch stutzerhafter und geschminkter als früher . Sonst nichts ? Nein . Nadeska , ich habe eine unbeschreibliche Angst , daß er etwas gegen uns im Schilde führt . Sie haben diese Angst stets gehabt , meine Fürstin , so oft der Graf einen Besuch machte , und haben sie jetzt mehr als sonst , weil Sie ganz bestimmt erwarteten , daß er der Einladung des Fürsten nicht folgen würde . Ja , sieht es nicht wie Hohn aus , daß er kommt ? Was will er hier ? Aber es ist nicht das allein . Er hat gestern wiederum eine enorme Summe von mir verlangt . Die Sie ihm hoffentlich gegeben haben . Nein , Nadeska . Meine Geduld ist erschöpft , wie meine Casse . Michail sagte mir , daß er das Geld nicht schaffen könne . Er muß es schaffen . Bedenken Sie , was auf dem Spiele steht ! Aber diese Tyrannei ist unerträglich ! rief die Fürstin , und die großen schwarzen Augen leuchteten im Wiederschein des Feuers wie glühende Kohlen . Nadeska zuckte die Achseln . Was wollen Sie