- ist es nicht des Mannes Pflicht , den Willen einer Frau , noch dazu einer Frau , die er liebt , zu ehren ? Habe ich es nicht gethan ? bin ich nicht noch in derselben Nacht auf ein Wort , ja auf einen Wink hin , abgereist , bin ich nicht drei lange Jahre wie Ahasver ruhelos durch alle Lande geirrt , und habe ich , als ich dann endlich zurückkehrte - zurückkehrte , weil mir eine Ahnung sagte , daß Dir ein Unglück bevorstände - nicht jede Gelegenheit , mit Dir zusammenzutreffen , sorgfältig vermieden ? war es mein Wille , daß ich Dich auf dem Balle in Barnewitz traf ? ist es mein Wunsch gewesen , der uns hier zusammenführte ? Nein , Melitta , Du kannst nicht über mich klagen . Ich habe meine Liebe zu Dir lange , lange Jahre - denn ich liebe Dich , seitdem ich denken kann , seitdem ich weiß , daß Nachtigallengesang und Sonnenschein und Wogenrauschen köstlich sind - tief versteckt im Herzen getragen ; und wenn ich einen Augenblick thöricht genug war , die Hoffnungslosigkeit dieser Leidenschaft zu vergessen , so habe ich diese Thorheit schwer genug gebüßt . Wußte ich doch schon als Knabe , daß Du Dein Pferd und Deinen Hund lieber hattest , als mich ; und doch zwang ich den schwer verletzten Stolz , und doch demüthigte ich mich wieder und immer wieder vor Dir ; ich , der ich nie in meinem Leben eine Bitte über die Lippen bringen konnte ! Der Baron war aufgesprungen und setzte seine ruhelose Wanderung durch das Zimmer eine Zeit lang schweigend fort , dann blieb er abermals vor Melitta stehen und sagte : Ich habe mich noch tiefer gedemüthigt . Ich habe gesehen , daß das Weib , nach dem sich meine Seele sehnt , wie der Gekräuzigte nach einem Labetrunk , von einem Andern geliebt wird ; habe gesehen , daß sie diesen Andern wieder liebt mit jener Liebe , um die ich Gott auf meinen Knieen tausend und tausendmal mit heißen Thränen gebeten habe - und habe nicht mit der Wimper gezuckt ; ich habe der Schlange Eifersucht den Kopf zertreten - ja , und mehr ! ich habe redlich versucht , diesen Glücklichen nicht zu hassen , ich bin ihm entgegengekommen mit Gruß und Handschlag , ich habe mir sein Vertrauen , seine Liebe zu erwerben gesucht , nicht , um zum Verräther an ihm und an Dir zu werden , sondern weil ich fühlte , daß mir Dein Glück theurer war , als Alles , und daß der , welchen Du liebtest , auch von mir geliebt werden oder von meiner Hand sterben müsse . Sie sind fürchterlich , Oldenburg ! rief Melitta , sich halb vom Stuhle erhebend ; soll denn nicht der geheimste Winkel meines Herzens vor Ihnen verborgen bleiben ? Ich bin nicht fürchterlich , sagte der Baron ; ich bin nur unbequem ; das ist das Recht des Freundes . Glaube nicht , daß ich mich auf krummem Wege in Dein Geheimniß gestohlen habe ! Ich habe nur die Augen nicht geschlossen , das ist Alles . Oder glaubst Du , man lerne nicht zuletzt die leiseste Regung in einem Gesicht verstehen , das man stets im Wachen und ach , wie oft im Traume ! vor sich sieht ? Und dann , wenn man die Hoffnung , je geliebt zu werden , aufgegeben hat , so will man wenigstens die Ueberzeugung haben , daß derjenige , welchem dieses Glück zu Theil wird , auch kein Unwürdiger ist . Oldenburg ! Er ist kein Unwürdiger , aber - ich bin Dein Freund , Melitta ! Deiner würdig ist er nicht . Er hat viele große und schöne Eigenschaften , ich weiß es wohl ; aber sein Charakter ist noch nicht im dreimal heiligen Feuer des Unglücks gestählt , und so weiß er auch das Glück noch nicht zu schätzen . Er hat eine unendliche Empfänglichkeit für Alles , was schön und anmuthig ist , und deshalb betet er Dich an ; aber , weil er seiner Natur nach eben für Alles empfänglich ist , wird es ihm unendlich schwer , nicht über dem Anmuthigeren und Schöneren das Schöne und Anmuthige zu vergessen ; das heißt : treu zu sein . Er ist ein Dichter , und des Dichters Liebe ist das Ideal . Er wird das köstlichste Gefäß bei Seite schieben , weil sein feines Auge doch irgendwo einen Flecken daran bemerkt hat ; er wird Alles , was ihm die Erde bietet , gierig ergreifen und verächtlich wieder fortwerfen , weil es eben irdisch , weil es , und wäre es noch so himmlisch , doch immer mit einem Erdenrest behaftet ist . Sie sagen mir nichts , Oldenburg , was ich mir nicht schon hundert und tausendmal selbst gesagt hätte . Ich weiß es . Die Beurtheilung solcher Naturen kann Ihnen nicht schwer werden , denn auch Sie sind diesem Dämon unterthan . Aber Sie sind ein Weib , und über Euch hat der Dämon nicht , wie über uns , unbedingte Gewalt . Ihr , und wenn ihr Euch auch noch so sehr sträubt , laßt Euch zuletzt doch in der Liebe Fesseln schlagen und seid stolz auf diese Fesseln ; der Mann , und wenn er im Anfang noch so sehr mit dem neuen Schmucke prunkt , schleudert ihn zuletzt doch von sich . Und so wird es geschehen . Nein , nein ! Ja , Melitta ; es wird geschehen und das ist das Unglück , das ich über Deinem theuren Haupte wie eine finstre Wetterwolke schweben sah . Glaube es mir , der Schlag wird über kurz oder lang auf Dich niederschmettern , und wenn Du dann zerschmettert am Boden liegst und nicht mehr leben magst und doch nicht sterben kannst - dann , Melitta , dann vielleicht wirst Du die Qualen begreifen , die ich erduldet ; dann wirst Du mir im Herzen das Unrecht abbitten , das Du mir gethan ! Wollte Gott , Du kämest nie zu dieser Erkenntniß ! Der Preis ist ungeheuer ! aber Du wirst ihn bezahlen müssen . Leb ' wohl , Melitta ! verzeihe , daß ich Dir weh gethan habe ; es wird nicht wieder geschehen : es ist das erste , und es ist das letzte Mal , daß ich so zu Dir geredet . Leb ' wohl , Melitta ! Melitta hatte das Gesicht in die Hände gedrückt ; bei der Dämmerung , die in dem Gemache herrschte , waren nur noch eben die Umrisse ihrer Gestalt zu erkennen . - - Sie wollte oder konnte nicht antworten . Gott segne Dich , Melitta ! sagte der Baron , und die Stimme des stolzen Mannes klang weich und mild wie eines Vaters Stimme . Als Melitta die Thür sich hinter ihm schließen hörte , sprang sie von dem Stuhle auf , und that rasch einige Schritte , als wollte sie ihn zurückrufen . Aber mitten im Zimmer blieb sie wieder stehen . Nein , nein ! murmelte sie , es ist besser so , ich darf ihm keinen Schimmer von Hoffnung lassen . Sie ging langsam zu ihrem Stuhl zurück . Sie setzte sich wieder , sie bedeckte das Gesicht wieder mit den Händen . Und nun brachen die lange zurückgehaltenen Thränen in Strömen aus ihren Augen . Ich weiß es ja , daß es so kommen wird ; murmelte sie ; aber weshalb den kurzen Traum des Glücks so grausam stören . Dreiundvierzigstes Capitel Der Postbote , welcher am Abend den Brief Helene ' s nach der Stadt trug , war am Morgen desselben Tages schon einmal dagewesen . Er hatte Oswald ein Schreiben aus Grünwald von einem seiner dortigen Bekannten gebracht , der auch zu gleicher einer von den Wenigen war , mit dem Professor Berger in einem intimiren Verhältnisse stand . Der Bekannte , ein Docent an der Universität , schrieb Oswald , daß er ihm die schleunige Nachricht von einem Ereignisse schuldig zu sein glaubte , das seit gestern Nachmittag die ganze Stadt in die größte Bestürzung versetzt habe . Professor Berger sei ganz plötzlich , zum wenigsten ohne daß irgend Jemand eine Ahnung von seiner Krankheit gehabt habe , wahnsinnig geworden . Er sei um vier Uhr , wie gewöhnlich , in seine Vorlesung über Logik gekommen , habe angefangen zu dociren , scharfsinnig , geistreich , wie immer . Dann hätte seine Rede begonnen , verworren und immer verworrener zu werden , so daß ein Student nach dem andern die Feder niedergelegt und den Nachbar voll Verwunderung und Schrecken angestarrt habe . Wissen Sie , meine Herren , habe Berger gerufen , was der Jüngling von Sais erblickte , als er den Schleier hob , der das große Geheimniß barg , - das große Geheimniß , welches der Schlüssel sein sollte zu den verworrenen Räthseln des Lebens ? Sehen Sie , meine Herren , hier nehme ich meinen Kopf auseinander , die eine Hälfte in diese , die andere in jene Hand - was erblicken Sie in dem Kopfe des berühmten Professor Berger , zu dessen Füßen Sie sitzen , seinen weisen Worten zu lauschen , und sie mit abscheulich kritzelnden Federn in Ihre langweiligen Hefte zu schreiben ? was erblicken Sie ? - genau dasselbe , was der Jüngling von Sais erblickte , als er den Schleier von der Wahrheit hob : Nichts ! absolut nichts , nichts für sich , nichts an sich , an und für sich : nichts ! und daß dieses hohle , öde Nichts des Pudels Kern sei , daß all unser bestes Streben nichts sei , wir unser Herzblut an nichts und wieder nichts setzen , sehen Sie , meine Herren , das hat den Jüngling von Sais toll gemacht , das hat mich verrückt gemacht , und wird auch Sie um den Verstand bringen , wenn Sie irgend welchen aus Ihren Spatzenköpfen zu verlieren haben . Und nun , meine Herren , machen Sie Ihre dummen Hefte zu , damit das abscheuliche Kritzeln endlich einmal aufhört und stimmen Sie mit mir in das tiefsinnige und erhebende Lied ein ; O , da sitzt ' ne Flieg ' an der Wand ! Berger habe darauf mit lauter Stimme , und das Katheder mit den Fäusten bearbeitend , angefangen zu singen , sei dann im Auditorium an den Wänden entlang gelaufen , nach imaginären Fliegen haschend , habe dann jedesmal die Hand geöffnet , hineingeschaut und triumphirend gerufen : Nichts , meine Herren , sehen Sie , nichts und wieder nichts ! Der Bekannte schloß den Brief mit der Mittheilung , daß Professor Berger sogleich am folgenden Tage auf den Rath seiner Aerzte nach Fichtenau in die berühmte Heilanstalt des Doctor Birkenhain transportirt sei ; er habe Alles gutwillig mit sich geschehen lassen , nachdem man ihm vorgeredet : man wolle ihm das große Ur-Nichts zeigen . Oswald war durch den Inhalt dieses Briefes tief erschüttert . Er hatte in Berger seinen Freund geliebt und geehrt ; er hatte sich des wunderlichen Mannes Liebe in hohem Grade erworben ; er hatte tiefere Blicke , als wohl irgend Jemand sonst , in diesen reichen Geist gethan . Wie oft hatte er dem Außerordentlichem mit entzücktem Schweigen zugehört , wenn dieser , von einem scharfsinnigen und genau formulirten Satze ausgehend , plötzlich aus dem Gebiete der Logik in eine Welt gerieth , die sich ihm nur durch eine höhere Intuition erschließen konnte , und nun Traum an Traum und Gesicht an Gesicht reihte , so phantastisch , so märchenhaft , aber auch so schön und rein , daß Oswald alles Andere darüber vergaß und leibhaftig in dieser Fata Morgana umherzuwandeln glaubte , bis der Magier mit einem Worte höhnenden Schmerzes und wilder Verzweiflung die köstliche Spiegelung versinken ließ ; Und nun war dieser reiche Geist zerstört ! und diese hohe Intelligenz in des Wahnsinns öde Nacht versunken ! - Oswald erschien dies so ungeheuer , so unfaßbar , daß ihm war , als sei die Welt aus den Fugen gegangen : als müsse jetzt , nachdem diese erhabene Säule gestürzt , Alles in grause Trümmer zerfallen . Wenn dies geschehen konnte , was war dann noch unmöglich ? Dann war ja auch wohl Freundschaft ein Märchen und Liebe eine Fabel - dann mochte ja auch wohl etwas mehr hinter dem Zufall zu suchen sein , der ihn heute Morgen den augenblicklichen Aufenthaltsort Oldenburgs verrieth . - Als Oswald nämlich einen Blick auf die Aufschriften der Briefe warf , welche der Postbote aus seiner Tasche genommen hatte und durch die Hand laufen ließ , um den für Oswald bestimmten herauszusuchen , fiel ihm einer auf , auf welchem die Adresse offenbar von Oldenburg ' s höchst eigenthümlicher und schwer mit einer andern zu verwechselnder Handschrift war . Der Brief war an des Barons Verwalter in Cona adressirt . Weshalb sollte der Baron nicht an seinen Verwalter schreiben dürfen ? Aber Oswald erfuhr zugleich durch den Poststempel den Ort , von welchem aus dieser Brief abgesandt war ; dieser Ort war derselbe , wohin man Berger geschickt hatte , derselbe , wo Herr von Berkow seit sieben Jahren - und wo Melitta seit vierzehn Tagen war , das heißt , zwei Tage länger , als die geheimnißvolle Reise Oldenburg ' s gedauert hatte ! In dem ausführlichen Briefe Melitta ' s , den Oswald vor einigen Tagen durch Baumann erhielt , hatte sie des Barons Anwesenheit mit keinem Worte erwähnt ; Baumann selbst aber mußte durch Bemperlein davon unterrichtet gewesen sein , denn er war in Verlegenheit gerathen , als er die Personen nannte , die bei dem Besuche , welchen Melitta ihrem sterbenden Gemahl machte , zugegen gewesen waren . Warum dieses geheimnißvolle Wesen bei einem Manne , der die Gradheit und Offenheit selbst schien ? war er dazu beauftragt , oder hatte er , der die Verhältnisse der Herrin so genau kannte , seine besonderen , gewichtigen Gründe , die Wahrheit zu verheimlichen ? Dies waren die schlimmen Gedanken , die durch Oswald ' s Hirn zogen , als er im heißen Nachmittagssonnenschein barhaupt an dem Brunnen der Najade stand und bewegungslos in das Wasser starrte , während Fräulein Helene an ihrem Schreibtisch Betrachtungen darüber anstellte , ob sie selbst vielleicht die Ursache dieser Verstimmung sei . Ehe sie indessen darüber zu einem Resultat gekommen war , klopfte es an ihre Thür . Das junge Mädchen schloß sofort ihre Schreibmappe und schien ganz in Lamartine ' s voyage en Orient vertieft , als sich auf ihr Herein ! die Thür öffnete und die Baronin in ' s Zimmer trat . Störe ich Dich , liebe Helene ? Durchaus nicht , liebe Mama ! sagte das junge Mädchen aufstehend und ihrer Mutter entgegengehend . Du bleibst heut so außergewöhnlich lange auf Deinem Zimmer , daß ich doch sehen wollte , was Dich denn so lange fesselte . Lamartine ' s voyage ? nun , ein recht hübsches Buch , aber ein wenig überspannt , wie mir scheint . Freilich , in meinen Jahren bekommt man eine etwas andere Ansicht von dem Leben , und so auch von den Büchern und Menschen . Aber ich freue mich , daß Du nicht müßig bist , daß Du das Talent hast , Dich zweckmäßig zu beschäftigen . Ich fürchtete schon , die Monotonie unseres Lebens hier würde doch gar zu sehr von dem muntern Treiben in der Pension abstechen , und Du würdest diesen Unterschied schmerzlich empfinden . Wir können Dir hier so wenig bieten ! das war immer mein Refrain , wenn der gute Vater darauf drang , Dich endlich einmal aus der Pension zu nehmen . Aber ich versichere Dich , liebe Mama , Du hast Dir ganz unnöthige Sorge meinethalben gemacht , sagte Fräulein Helene , die dargebotene Hand der Mutter an die Lippen ziehend ; ich fühle mich hier sehr glücklich , und wie wäre das auch anders möglich ! Bin ich nicht im elterlichen Hause , wo mir Alle mit Liebe oder doch mit Freundlichkeit entgegen kommen ? habe ich nicht Alles , was ich nur wünschen kann ? Ich wäre wahrlich sehr , sehr undankbar , könnte ich das auch nur einen Augenblick vergessen . Du bist ein gutes , verständiges Kind , sagte die Baronin , ihre schöne Tochter auf die Stirn küssend , ich werde noch recht viel Freude an Dir erleben . Das ist meine sichere Hoffnung , wie es mein tägliches Gebet ist . Ach , meine liebe Tochter , glaube mir , ich bedarf gar sehr dieses Trostes , wenn ich nicht den vielen Sorgen , die auf mich einstürmen , unterliegen soll . Die Baronin hatte sich auf ein kleines Sopha gesetzt ; sie schien sehr erregt und trocknete sich mit dem Taschentuche die nassen Augen . Was hast Du , liebe Mama ? sagte Fräulein Helene mit wirklicher Theilname ; ich bin nur ein unerfahrenes Mädchen , aber wenn Du Vertrauen zu mir haben kannst , theile Dich mir mit . Wenn ich Dir auch nicht rathen und helfen kann , so vermag ich doch vielleicht Dich zu trösten , und das würde mir eine große Freude bereiten . Liebes Kind , sagte die Baronin , Du bist lange - komm , setze Dich her zu mir und laß uns einmal recht vertraulich mit einander reden - Du bist so lange vom elterlichen Hause entfernt gewesen und warst noch so jung , als Du es verließest , daß Du nothwendigerweise von unsern Verhältnissen so gut wie gänzlich ununterrichtet bist . Du glaubst , wir seien reich , sehr reich ; aber es ist beinahe das Gegentheil der Fall , für uns Frauen wenigstens . Das ganze große Vermögen fällt nach des Vaters Tode - den der allgütige Gott in seiner Gnade noch recht lange verhüten möge - an Deinen Bruder . Mir bleibt , außer einer sehr geringen Wittwenpension , nichts - und Du , mein armes Kind , gehst gänzlich leer aus . Aber , Mama , ich hörte doch immer , daß Stantow und Bärwalde dem Vater gehörten , und daß er darüber ganz frei verfügen könne ? Du irrst , mein Kind ; die beiden Güter gehören nicht dem Vater . Sie werden ihm vielleicht einst gehören , wenn sich der eigentliche Erde bis zu einer gewissen Zeit nicht meldet . Ich kann über diesen Punkt nicht ausführlich sein , liebes Kind , weil ich dabei gewisse Verhältnisse Deines Onkels Harald berühren müßte , über die man mit einem jungen Mädchen lieber nicht spricht . Genug , auf die Güter können wir nicht mit Bestimmtheit rechnen . Alles , was uns bleibt , sind einige tausend Thaler , die Dein Vater und ich bis jetzt von unserer Rente haben erübrigen können . Liebe Mama , mache Dir meinethalben keine Sorge , sagte Fräulein Helene ; ich bin in Hamburg nicht verwöhnt , und der Luxus , mit dem mich hier Deine Liebe umgeben hat , ist mir etwas ganz Neues . Ich werde auch mit Wenigem zufrieden und glücklich sein können - und dann , der gute Vater ist ja jetzt , Gott sei Dank , wieder so munter und rüstig , hat sich von dem Fieberanfall in Hamburg so auffallend schnell erholt , daß wir uns seiner Liebe und Fürsorge gewiß noch recht lange werden erfreuen können . Das gebe Gott ! sagte die Baronin ; aber ich fürchte , wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen . Der Vater ist keineswegs so rüstig , wie Du glaubst . Er kränkelt fortwährend , obgleich er es uns so wenig wie möglich merken läßt . Der Hamburger Arzt schilderte mir des Vaters Zustand als sehr bedenklich . Sollte er uns entrissen werden , dann würdest Du leider Gelegenheit erhalten , die Stichhaltigkeit Deiner Grundsätze zu erproben . Aber , mein Kind , Du kennst das Leben nicht . Es läßt sich leicht von Armuth sprechen , wenn man sie nur von Hörensagen kennt . Ich kenne sie aus Erfahrung ; ich war ein armes Mädchen , als mich Dein Vater heirathete ; ich weiß , was es heißt , ein Kleid wenden und wieder wenden , weil man kein Geld hat , ein neues zu kaufen ; ich weiß , welchen tausendfachen Demüthigungen ein armes Mädchen von Adel ausgesetzt ist . Es wird anders und besser kommen , als Du denkst , theuerste Mama . Ich weiß nicht , ist es meine Jugend , oder ist es der schöne leuchtende Sommertag - ich kann unsere Lage nicht in dem trüben Lichte sehen . Ich werde - Mich mit einem reichen und würdigen Mann verheirathen ? sagte die Baronin mit einem Lächeln , das ihr sehr sonderbar stand . Aber Mama - Ich weiß es wohl , daß Du etwas Anderes sagen wolltest , meine Tochter . Es ist ein Scherz von mir , aus dem hoffentlich ein recht erfreulicher Ernst wird . Du stehst in den Jahren , wo es einem jungen Mädchen wohl erlaubt ist , in Zucht und Ehren einem solchen Gedanken in ihrem Herzen Raum zu geben . Wohl ihr , wenn sie ihre Wahl auf einen Würdigen lenkt , besser noch , wenn sie dieselbe ihren Eltern überläßt , die nur ihr Glück wollen und durch die reiche Erfahrung eines langen Lebens in diesem Bemühen unterstützt werden . Aber Mama , bis dahin hat ' s noch lange Zeit . Sehr wahrscheinlich , mein Kind ; indessen man kann nicht wissen , was der Himmel über Dich beschlossen hat , ihm muß man in diesen , wie freilich auch in den andern Dingen des Lebens , Alles anheimstellen . - Aber wer ist nur der Mann , welcher dort so lange unbeweglich am Baume steht ; ich habe meine Lorgnette in meinem Zimmer gelassen . Es ist Herr Stein , Mama ; er steht dort schon seit einer halben Stunde mindestens ; ich glaube , er ist festgewachsen . Ein wunderlicher Mensch , dieser Stein ; sagte die Baronin . Er hat für mich geradezu etwas Unheimliches . Es ist schlechterdings unmöglich , aus ihm klug zu werden . Wie gefällt er Dir , liebe Helene ? Aber , Mama , ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht ; und bei solchen Leuten kann doch von Gefallen oder Mißfallen kaum die Rede sein . Ich dächte , sie wären sich Alle gleich oder wenigstens sind die Unterschiede so gering , daß man sie nicht wohl bemerken kann ; - der Eine heißt Stein , der andere Timm - das ist doch im Grunde Alles . Du hast Recht , liebe Tochter , sagte die Baronin . Diese Leute sind Statisten , man sieht sie nur , wenn die handelnden Personen einmal abgetreten sind . Glücklicherweise kann ich Dir in allernächster Zukunft eine andere und bessere Gesellschaft versprechen . Und die wäre ? Dein Cousin Felix . Ich erhielt so eben einen Brief von ihm - der Postbote ist noch draußen in der Küche , Du kannst ihm einen Brief mitgeben , wenn Du vielleicht ein paar Zeilen nach Hamburg schreiben willst - er meldet uns seinen Besuch auf morgen oder übermorgen an . Aber war das nicht Deines Vaters Stimme ? Adieu , liebes Kind ; mache Dich zurecht , wir wollen etwas früher essen und dann noch eine Visite bei Plügens machen . Die Baronin küßte ihre Tochter auf die Stirn und verließ das Zimmer . Fräulein Helene holte eilig den auf die Seite geschobenen Brief wieder hervor , um noch dazu zu schreiben : Mama , die mich soeben verläßt , ist doch wirklich sehr gut und freundlich zu mir . Sie kündigte mir einen Besuch an : Cousin Felix ( der Lieutenant ) . Es wird wohl durch ihn etwas mehr Leben nach Grenwitz kommen , denn auf Herrn Stein scheint man nicht mehr rechnen zu können . Er steht noch immer am Brunnen . Adieu , dearest , dearest Mary ! Vierundvierzigstes Capitel Wer sich für Albert Timm specieller interessirte , konnte bemerken , daß diesem Herrn in den letzten Tagen irgend etwas Besonderes zugestoßen sein mußte . Zwar ließen sich der schwarze Frack , den er jetzt beständig trug , die größere Sorgfalt , die er auf seine Toilette verwandte , und andere mit seinem äußeren Menschen geschehene Veränderungen füglich durch die Anwesenheit Fräulein Helene ' s und die gehobenere Stimmung , welche durch dieselbe in die Gesellschaft auf Schloß Grenwitz gekommen war , erklären , aber wie sollte man den Ernst deuten , der jetzt häufig auf seiner weißen Stirn und in seinen hellen blauen Augen lag ? wie die Schweigsamkeit , zu der er , der sonst keine Minute still sein konnte , sich oft auf Stunden verurtheilte ? wie vor allen Dingen den rastlosen Fleiß , mit welchem er jetzt halbe Tage lang über sein Reißbrett gebeugt stand und zeichnete und tuschte ? Allerdings hatte Herr Timm während der kurzen Abwesenheit der Familie nur den harmlosen Freuden eines angenehmen ländlichen Aufenthaltes gelebt bis zu dem Augenblicke , wo er , von einer plötzlichen Anwandlung von Fleiß ergriffen , in die Registratur ging , die alten Flurkarten zu holen , und bei dieser Gelegenheit ein kleines , mit einem rothseidenen Faden zusammengebundenes Packet Briefe fand , in deren Lectüre er durch das Rollen des Wagens , welcher die Familie Grenwitz so unverhofft zurückbrachte , gestört wurde . Indessen , es war ganz gegen Albert ' s Natur , über einen Müßiggang , dem er sich längere oder kürzere Zeit hingegeben , Reue zu empfinden ; und überdies arbeitete er so schnell und gewandt , daß es ihm ein Kleines war , auch größere Versäumnisse in sehr kurzer Zeit nachzuholen . Die Flurkarten , die neuen oder die alten , waren es sicher nicht , über denen er sich den Kopf zerbrach . Davon würde man sich überzeugt haben , wenn man an dem Nachmittage einen Blick in sein Zimmer geworfen hätte , das er , sehr gegen seine Gewohnheit , hinter sich abgeschlossen . Herr Timm saß auf dem kleinen Sopha in seiner Stube , ein Bein untergeschlagen , den Kopf in die Hand gestützt , und aus seiner Cigarre mächtige Wolken blasend , offenbar in tiefes Nachdenken verloren . Neben ihm auf dem Sopha lagen die Briefe , die er in dem Repositorium der Registratur gefunden . Es waren ihrer nicht viele , alle von derselben zierlichen Hand auf ziemlich graues Papier geschrieben , wie man es noch vor einigen Jahrzehnten ganz allgemein selbst zu Briefen benutzte . Die Briefe mußten wohl dieses Alter haben , denn die Tinte war ganz vergilbt und konnte so einigermaßen das Datum ersetzen , das in sämmtlichen Briefen fehlte . Es muß sich etwas mit diesen Briefen anfangen lassen , sagte Albert , leise mit sich selbst redend , ich weiß nur nicht gleich was . Wenn es mir gelänge , die Antworten dazu zu finden , so müßte es doch mit dem Teufel zugehen , wenn ein so schlauer Kopf , wie der meine , dem großen Geheimniß nicht bis in seine verborgenste Höhle nachspürte . Auf der richtigen Spur , denke ich , bin ich schon jetzt . Daß Mutter und Kind gestorben sein sollten , ist so unwahrscheinlich wie möglich . Die Marie war allem Anschein nach ein wahres Kernmädel und das bischen Jammer und Kummer wird ihr das Herz schon nicht gebrochen haben . Das Kind aber aus dieser wilden Ehe hat sich jedenfalls des legitimen Vorrechts aller illegitimen Sprößlinge , weniger hoch- , als wohlgeboren zu sein , zu erfreuen gehabt . Die Mutter also , oder das Kind , oder Beide leben noch . Leben sie aber - und ich wünsche und hoffe es - so wissen sie entweder nichts von dem kostbaren Codicill zum Testamente des seligen Bruder Lüderlich , oder sie sind davon unterrichtet . In dem letzteren Fall , der nicht sehr wahrscheinlich ist , - denn vor einer so fetten gebratenen Taube den Mund zu verschließen , überstiege doch Alles , was ich von menschlicher Dummheit bis jetzt gehört und gesehen habe , und das will sehr viel sagen , - müßte man sie zu bestimmen suchen , von ihrem guten Rechte Gebrauch zu machen ; in dem ersten Fall , dem bei weitem wahrscheinlicheren , müßte man ihrer erbarmungswürdigen Unwissenheit freundlichst zu Hülfe kommen ; in jedem Falle - und da liegt der Hase im Pfeffer - müßte man erst wissen , wo sie denn überhaupt zur Zeit sich befinden . Daß sie sich in allzugroßer Nähe einen Zufluchtsort gesucht haben sollten , ist nicht wohl anzunehmen . Denn einmal würde sie Harald , der jedenfalls kein Mittel unbenutzt ließ und das Geld nicht schonte , nach der Flucht gefunden haben , zweitens pflegen die Leute bei solchen Gelegenheiten so weit zu laufen , als es irgend möglich ist , und drittens scheint dieser Monsieur d ' Estein ein viel zu schlauer Fuchs gewesen zu sein , um sich vor dem Löwen , der ihm auf der Fährte war , nicht sicher mit seinem Täubchen zu verstecken . Ueberhaupt ist dieser Monsieur eine sehr irrationale Größe , die sich in meiner Rechnung als ein äußerst störender Factor erweist . Wenn er nicht bald nachher gestorben ist , so hat er jedenfalls noch viel Unsinn angerichtet , vielleicht gar die kleine Marie geheirathet , das Kind adoptirt und die Beiden zurück nach Frankreich , oder nach Amerika oder sonst wohin geführt , wo für mich die Welt mit Brettern zugenagelt ist , und mir so den ganzen Spaß verdorben . Das wäre schändlich , denn die Geschichte könnte wirklich über alle Begriffe spaßhaft werden . Ich möchte wohl die Gesichter von den Beiden sehen , wenn ich vor sie träte und sagte : meine armen Schelme , was gebt Ihr mir , wenn ich Euch zu einem hübschen Vermögen von einigen