es nicht ein Vierteljahrhundert jünger war ! « » Signora , « sagte Lelio ernst , » dies verstehen Sie wirklich nicht . « » Und weshalb nicht , Signor Lelio ? « » Weil sich die Welt nach der Ordnung der Gnade Ihnen noch nicht erschlossen hat . « » Und was ist das für eine neue mystische Weltordnung , Signor Lelio ? « » Es ist die , in welcher die Liebe zu dem gekreuzigten Gott der Offenbarung des Menschen höchstes Gesetz und heiligste Richtschnur ist . Es ist die , in welcher der Mensch , erlöst von der Wucht seines Ichs und von dessen unerträglicher Sklaverei , in den freiwilligen Dienst der göttlichen Liebe tritt und dadurch ein Werkzeug Gottes wird . « » Und für ein solches halten Sie Ihre Unbekannte ? « » Allerdings , Signora . In der Gnadenwelt sind höhere Kräfte tätig , als in der natürlichen Welt , darum üben sie auch einen höheren Einfluß . Lebt und webt eine Seele in der Gnade , so gehen auch Gnadenwirkungen von ihr aus . Die höchste ist : eine Seele zu retten . Die Unbekannte hat den Grund zur Rettung meiner Seele gelegt ; aber so recht wie ein unscheinbares Werkzeug Gottes : sie wußte es nicht , sie wollte es nicht . Sie übte nur einen kleinen Akt von Demut und Liebe - so klein , daß die Weisheit der Welt ihn nur beachtet , um ihn zu verachten ; aber er war gottgefällig und darum folgte göttlicher Segen ihm nach . Ahnungslos hat sie meinem verhärteten Herzen den ersten Ruck zu seiner Bekehrung gegeben . Gottes Barmherzigkeit tat das Weitere . Jetzt muß ich das Meine tun . « » Was wird das sein ! « rief Judith erwartungsvoll . » Nicht wahr , den Montblanc in den Leman stürzen - oder eine neue Sonne entdecken - oder einen neuen Weltteil erobern - darauf sind Sie gefaßt ? Nein , teure Judith ! ich gehe schlecht und recht zu meinen Eltern zurück , bitte sie um Verzeihung , daß ich so viele lange Jahre so bitter sie betrübt habe , und suche fortan ein guter Sohn zu sein , mit der festen Überzeugung , daß die wahre Befreiung Italiens sehr gefördert wird , wenn ein Italianissimo daran geht , sich vom Unglauben und von der eng damit zusammenhängenden hochmütigen Selbstsucht zu befreien . « » Wie , Lelio ! Sie verlassen mich ? « fragte Judith traurig . » Stabat mater , teure Judith ! Auch meine Mutter steht unter ihrem Kreuz und weint ! - ach ! um ihren verlorenen Sohn . Was wären Entschlüsse , wenn wir sie nur faßten , um unserem aufgeregten Gefühl eine momentane Befriedigung zu geben , und wenn sie mit unserer Erregung verschwinden würden ! Nein ! heute noch reise ich nach Rom ab . « » Unmöglich ! Sie wissen , wie unentbehrlich Sie mir sind ! « » Ich weiß , daß Sie einen Musiker brauchen , ja ! - doch hier nicht , denn hier ruhen Sie aus von Musik . Singen Sie dem Fürsten X. , dem Marquis Y. , dem Lord Z. die Skala vor , so brauchen Sie niemand zum Akkompagnement und die Herren sind ebenso entzückt , als hätten Sie die Casta dia gesungen . Überdas kommen Sie ja auch bald und für den Winter nach Rom . Da hoffe ich Ihnen einen brauchbaren Musiker aufgefunden zu haben . « » Also auch in Rom wollen Sie nicht mit mir zusammen bleiben ? Hindere denn ich Sie daran , ein guter Sohn zu sein ? Oder überlassen Sie mich meiner Verdammung , nachdem Sie sich gerettet haben ? « » Ich muß meine Seele retten , nicht die Ihre ! das überlasse ich vollkommneren Menschen . Was aber Ihre Verdammung betrifft , so hoffe ich genau das Gegenteil ! ich hoffe , daß Ihnen hienieden das Gnadenleben - und droben die ewige Herrlichkeit zu Teil wird . « » Werden Sie für mich beten , Lelio ? « fragte sie und reichte ihm die Hand . Er drückte sie herzlich und rief : » Gewiß ! ich - und Bessere als ich ! « » Nun , so beten Sie für mich , daß ich zu meinem Ziel komme und Gräfin Windeck werde . « Lelio schleuderte ihre Hand fort und sprang zurück , als habe ihn eine Natter gestochen , und rief heftig : » Wissen Sie denn nicht , daß der Mann verheiratet ist . « » Ja , sehr unglücklich . « » Unglücklich oder glücklich , das gilt gleich ! Sie werden doch nicht in ein Serail gehen wollen ? « » Signor Lelio , ich bitte , mäßigen Sie Ihre Ausdrücke . Ich will Graf Windeck ' s rechtmäßige Frau werden . « » Ganz richtig , Signora ! dem Muhamedaner sind vier rechtmäßige Frauen erlaubt ; Sie müssen sich also mitsamt Graf Windeck zum Islam bekennen , wenn Sie ihn heiraten wollen - denn eine rechtmäßige Frau hat er bereits . « » Haben Sie denn nie gehört , daß man unglückliche Ehen auflöst , um eine glücklichere zu schließen ? « » Judith , Sie wissen nicht , was Sie sagen - nicht , was Sie anstiften ! « rief Lelio mit dem Ausbruch tiefsten Schmerzes . » Ich ahnte wohl die Leidenschaft des Grafen für Sie , doch nicht diese Wendung . O erbarmen Sie sich des Unglücklichen und treiben Sie ihn nicht zum Äußersten ! Er kann Sie nur dann heiraten , wenn er abfällt vom Glauben und in eine Sekte außerhalb der Kirche , kalvinische , lutherische , evangelische - was weiß ich , wie sie sich nennen ! eintritt - und Sie , Judith , mit ihm . « » Wozu die enormen Anstalten , Lelio ! Bleibe er doch katholisch , wenn er es ist , der arme Orest . Daß ich getauft sein muß , um ihn zu heiraten , weiß ich . Europa ' s Civilisation steht noch auf einer so niedrigen Stufe , um die Giltigkeit der Ehe an eine so leere Ceremonie zu binden . Mir ist es aber gänzlich einerlei , nach welchem Ritus es geschieht , und ich kann ebenso gut katholisch als kalvinistisch oder lutherisch mich nennen lassen . « » Ach , arme Judith , in welchem Wahn sind Sie befangen ! Die katholische Kirche betrachtet die Ehe als einen unauflöslichen Bund , welcher der Gnadenordnung , nicht den Gelüsten der wandelbaren menschlichen Natur angehört . Im Blut Jesu haben die Eheleute das Sakrament empfangen , sind sie verbunden zu einer Einheit , die nur der Tod scheidet . Dawider gibt es keinen menschlichen Richterspruch , und so lange Graf Windeck ' s Gemahlin lebt , ist eine Ehe mit einem anderen Weibe für ihn unmöglich . « » Die Sekten aber gestatten sie ? « » Ja ! denn sie beruhen auf Irrlehren ! und eine solche ist es , welche die Ehe ihres sakramentalischen Charakters beraubt , und gerade sie , welche mehr wie jedes andere menschliche Verhältnis des Beistandes der heiligmachenden Gnade bedarf , zu einem lockern Vertrag herabsetzt , über dessen Dauer der Rausch der Leidenschaft entscheiden darf . Judith ! Judith ! den Bund der Ehe dürfen Sie nicht anrühren . Sie dürfen es nicht ! « » Also auf Wiedersehen in Rom ! « sagte Judith abbrechend . » Reisen sie glücklich , lieber Lelio . Ich halte Sie keinen Augenblick zurück , denn ich sehe wohl , daß der Lelio , den ich vier Jahre lang gekannt habe , durch vier Wochen in Einsiedeln mir fremd geworden ist . « » Und gerade jetzt möcht ' ich bei Ihnen bleiben , möchte wachen und warnen .... « - » Sie werden langweilig , Lelio ! ich brauche keinen Mentor . Ich will jetzt noch einige Wochen Nachsommer in Genua oder Nizza genießen ; dann komme ich nach Rom . A rivederlo ! « Sie winkte ihm freundlich mit der Hand zu und verließ das Zimmer . Lelio sah ihr traurig nach und seufzte heimlich : O die Arme ! sie stürzt in den Abgrund und reißt ihr Opfer mit sich hinab . Niemand geht allein in den Himmel , allein in die Hölle . Die Seelen hängen zusammen - im Abfall , in der Heiligung . Das erste Menschenpaar verwickelte die ganze Menschheit in den Sündenfall ; Christus zieht die ganze Menschheit am Kreuz empor . Drei Jahre im Ehestand Während der Genfer See in Sonnenglanz und Farbenpracht funkelte und strahlte , hingen graue Wolken über den Odenwald ; am Morgen lagen schwere Nebel auf den Tälern und am Abend sauste der Sturm durch die entlaubten Wälder und drehte kreischend die Wetterfahne des Schloßturms von Stamberg . Im Schloß herrschte tiefe Stille , kein Laut war zu hören , keine Bewegung zu sehen , kein Gehen und Kommen von Dienern und Untergebenen wahrzunehmen . Kein Pferd stampfte im Stall , kein Hund spielte im Hof . Ein trübes Gestirn schien über dem Schloß zu walten , so daß sich seit den Tagen der Gräfin Juliane kein frisches Leben darin entfalten konnte . Und doch war es mit Luxus und Komfort eingerichtet ! von der Eingangshalle bis zum Speisesaal - und vom Salon bis zu den Zimmern für Gäste - allüberall Behagen und Eleganz ! die weichsten Teppiche , die bequemsten Polster , die ausgesuchtesten Möbel , um in behaglichster Weise zu sitzen , zu liegen , zu lesen , zu schreiben , zu essen , zu ruhen - kurz , um dem Körper schlafend und wachend ein Nonplusultra des Wohlseins zu bereiten . Überdies arbeitete der Koch im weißen Baret und mit der weißen Schürze äußerst tätig in der Küche und der Haushofmeister saß mit der Feder in der Hand und führte Buch über den Inhalt des Weinkellers , und die Kastellanin wandelte mit einem Federwedel in der Hand durch die unbewohnten Gemächer , um sie zu lüften und von jedem Stäubchen zu befreien . Es war also nicht ausgestorben , das stattliche Schloß - und doch so tot ! denn es fehlte in diesen prächtigen Räumen das etwas , das Leben hervorruft : das häusliche Glück . In einem runden Turmkabinet befand sich die Herrin des verzauberten Schlosses - Corona Windeck , mit ihrer kleinen Tochter Felicitas . In diesem Gemach war Leben - ja , gleichsam ein Brennpunkt alles Lebens : eine traurige Frau und ein fröhliches Kind . Das Kabinett war mit der höchsten Eleganz eingerichtet ; die Wandtapeten , die Vorhänge vor den beiden Spitzbogenfenstern und vor der Türe , der Möbelbezug , alles war dunkelblauer Damast . Die Tische und die in der Dicke der Mauer eingelassenen Wandschränkchen mit zierlichen gothischen Türen waren von der schönsten eingelegten Holzarbeit mit feinen Metallstreifen und Perlmutterverzierungen . In dem weißen Marmorkamin brannte ein munteres Feuer , und auf dessen Gesims stand eine Garnitur Vasen von Meißener Porzellan in Blau und Gold , unter einem prächtigen Spiegel . In dem einen Fenster stand Corona ' s Schreibtisch , ganz überladen mit den Millionen von Sächelchen , welche einen Schreibtisch höchst elegant - und höchst unbequem zum Schreiben machen . Überdas hatte sie eine kleine Gemäldegallerie von Familienportraits , sehr schön in Aquarell ausgeführt , darauf eingerichtet . Im anderen Fenster stand ihr Stickrahmen und daneben auf besonderem Gestell zwei große chinesische Deckelkörbe voll Seide , Wolle , Garn , Stickmuster und allem , was die weiblichen Arbeiten erfordern . Ein ganz niedriges Kindertischchen , mit Spielzeug und Bildern dermaßen überladen , daß die Hälfte davon auf dem sammtweichen Teppich am Boden lag , verriet - auch wenn sie beide nicht dagewesen wären - daß Corona ' s Kabinett auch das Zimmer ihres Kindes sei . Sie saß am Schreibtisch und hielt einen Brief in der Hand , den sie überlas , um ihn zu beantworten . Aber es traten oft Tränen in ihre Augen und dann blickte sie über das Blatt hinweg mit namenloser Zärtlichkeit auf Felicitas . Zwischen den Fenstern stand ein breites Sopha , und auf demselben hatte sich die Kleine mit ihren Puppen häuslich niedergelassen und eingerichtet . So oft Corona ' s Blick auf das Kind fiel , flog ein Sonnenstrahl über ihr Antlitz ; allein er verschwand , wenn er wieder in den Brief fiel . Er war aus Genf und lautete : » Da ich in diesen Tagen mit einigen lieben Freunden nach Genua gehen und dort Seebäder brauchen will , so leidet unser Reiseplan eine kleine Veränderung , liebe Corona . Ich kann unmöglich nach Stamberg zurückkehren , um Dich abzuholen , was ja auch ganz überflüssig ist , da Du an dem guten Papa einen besseren Reisemarschall hast , als an mir . Ich gehe von Genua direkt nach Rom , wahrscheinlich Ende November . Du wirst am besten tun , wenn Du Dich sogleich nach Windeck begibst , und wenn Ihr von dort aus die Reise nach Rom antretet , wie und wann es Euch genehm ist . Schreibt nur vorher an Hyazinth , daß er Quartier mache , Piazza di Spagna , Via Condotti - oder da so herum . Laß Dir vom Rentmeister Geld geben , wenn Du es notwendig brauchst . Ich meine aber , der gute Papa könnte die sämtlichen Reisekosten zahlen . Kurz , möglichst wenig Geld laß Dir geben , denn ich gebrauche enorm viel . Ich habe mir ein paar superbe Reitpferde gekauft und will sie mitnehmen nach Genua und Rom . Du darfst auf keinen Fall einen Diener mitnehmen . Für die Reise genügt der des Papa - und in Rom der meine . Adieu , gutes Kind ! Befiehl im Stall , daß die Pallas nie über eine halbe Stunde täglich spazieren geführt werde , damit es sich erhole , - das pompöse Tier ; und küsse Felicitas . Dein Orest . « So schrieb der Gatte dieser Frau und der Vater dieses Kindes - immer derselbe Orest von Jugend auf ; nur fortschreitend - aber auf seiner Bahn ; und immer rascher und gesteigerter , je fester er sie verfolgte . Ein Ruf vom Himmel zieht das Menschenherz aufwärts ; die Stimme des Erdgeistes - abwärts . Die ersten Schritte nach beiden Richtungen hin gehen langsam , schwankend , mit Ungewißheit , ja mit Rückschritten sogar : der Zug zum Himmlischen läßt nach ; der Zug zum Irdischen begegnet besseren Einflüssen . Die Kämpfe , welche hieraus entspringen , stählen entweder den Willen , der das köstlichste Gut , seine Freiheit , bewahrt und mit ihr auf der Bahn des Lichtes mehr und mehr aufwärts steigt ; oder die Willenskraft läßt sich besiegen vom verlockenden Bösen , läßt sich von den Leidenschaften in Fesseln schlagen , wird immer ohnmächtiger zum Guten und läßt das Menschenherz mehr und mehr einem Abgrunde zurollen , dessen Tiefe das sterbliche Auge nicht ermißt . Auf diesem Wege flieht der Mensch alles , was seine Genüsse und Freuden stören und ihn an seine Pflicht erinnern könnte . Er verliert den Sinn für himmlische Dinge ; er schätzt nur die Irdischkeit , kennt nur materielle Interessen , versteht nur die Neigungen , die Bestrebungen , die von der Erde stammen . Er ist gefesselt an die Gebilde des Staubes , er ist der Knecht der Sünde . Dieser innere Zustand des Menschen wirft einen furchtbaren Schatten auf ihn , den Schatten des ewigen Todes , der langsam , frostig , vernichtend an der Seele hinaufkriecht und sich zwischen sie und Gott ausbreitet . Davor weichen alle Ströme der Gnade zurück ! daran erlöschen alle Strahlen höheren Lichtes ! dadurch vertrocknet allmählig das übernatürliche Leben nicht bloß - sondern auch alle höheren Fähigkeiten des Menschen . Seine Intelligenz verdunkelt sich , sein Herz verhärtet sich , sein Verstand schwächt sich . Jeder Erkenntnis , welche über die Materie hinausliegt , wird er unfähig . Er begräbt seine entwürdigte Seele in dem Kerker seiner gefallenen Natur . So stand es mit Orest . Sein Wahlspruch : froher Genuß des Lebens ! hatte ihn dahin gebracht , daß er des schönsten Lebens nicht froh wurde und all sein Glück nicht zu genießen verstand . Daß das Glück Opfer fordere und daß aus den Verhältnissen Pflichten hervorgehen , fand er über allemaßen lästig , und was ihm lästig war , dem wich er aus . Selbstverleugnung , Selbstbeherrschung hatte er nie geübt , nie zu einem kräftigen gesunden Willen sich erhoben . Von seinen Launen und Einfällen , von seinen Neigungen und augenblicklichen Eindrücken ließ er sich wiegen und tragen , bestimmen und hinreißen . So geriet er auch manchmal an ein gutes Wollen ; aber es hielt nicht Stand . Durch gute Aufwallungen wird der Mensch nicht gut ! der Wind ist zu schwach , um sein Schifflein flott zu machen , wenn es auf eine Sandbank gelaufen ist . Nur ernster Beharrlichkeit und unermüdlicher Selbstüberwindung ist die Tugend erreichbar ; denn Tugend ist Beschränkung des Ich ' s nach allen Richtungen hin . Orest aber pflegte sein Ich nach allen Richtungen wie eine äußerst kostbare und edle Pflanze , und so wurde denn dieses Ich in der moralischen Welt zu einem Upasbaum , der alles Leben tötet , das in seine Nähe kommt . Einen Augenblick war er von Corona ' s Lieblichkeit ergriffen genug gewesen , um verschiedene gute Vorsätze zu fassen und seinen Ehestand mit dem Entschluß zu beginnen , Judith nicht wiederzusehen . Aber wie das immer zu gehen pflegt : hat man große Entschlüsse gefaßt , so treten stets eine Menge Umstände ein , um sie wankend zu machen . Das ist ganz in der Ordnung ; denn wie könnte sich ein Entschluß bewähren ohne Prüfung . Wer aber nicht geneigt ist , ihnen treu zu bleiben , klagt über sein unerhörtes Schicksal und die zwingende Gewalt der Umstände - und gibt sie auf . So machte es Orest . Gleich nach seiner Vermählung trat er mit Corona eine Reise in ' s Berner Oberland an und traf in Interlaken - auf Judith , auf seine schwarze Sonne , wie er sie nannte . Aber sie ließ kalt und stolz keinen Strahl auf ihn fallen . Sie übersah ihn bei jeder öffentlichen Begegnung , und als er ihr seinen Besuch machen wollte , nahm sie ihn nicht an . Dies war ganz genug , um seine Eitelkeit zugleich zu verwunden und zu befriedigen . Sie war verletzt , oder wenigstens beleidigt ; folglich war er ihr nicht gleichgültig . Je frostiger sie sich zeigte , desto heftiger wurde der Reiz , eine Kälte zu überwinden , die nur der Schild vor ihrem Herzen war - wie er hoffte und wie Judith es ihn zuweilen , wie durch ein leises Wetterleuchten , ahnen ließ . Noch in Interlaken , kaum drei Wochen seine Frau , sah Corona ihn in Judiths Fesseln und sich selbst in der Vernachlässigung , welche fortan ihr Los blieb . Es könnte befremden , daß ein so oberflächlicher Charakter wie Orest , dem es hauptsächlich nur darum zu tun war , den Schaum vom Lebensbecher zu schlürfen , in eine solche verzehrende Leidenschaft verfiel ; aber einesteils war er sehr hartnäckig , wenn es galt , das , was er sein Glück nannte , zu verfolgen - wie es Jäger gibt , die auf der Jagd voll Feuereifer , übrigens aber ganz phlegmatisch sind - und anderenteils zeigt leider die traurige Erfahrung , daß nicht selten Menschen , welche in jedem geheiligten Verhältnis eine Last finden und eine Sklaverei sehen , durch unheilige Verhältnisse in ganz erstaunlicher Weise sich binden lassen . Es ist die natürliche Strafe ihrer Verkehrtheit : sie wollten nicht die edle Freiheit ihres Willens üben , drum sind sie unfrei - und in einem solchen Grade , daß sie ihre Gefangenschaft für die rechtmäßigste und natürlichste Sache von der Welt halten . Corona war zu unerfahren und zu rein , um von diesen traurigen Verirrungen eine Vorstellung zu haben . Sie hatte , ohne die mindeste Neigung für Orest , dem Wunsche ihres Vaters , der Fügung Gottes gehorcht und , war je ein Traum von Liebe durch ihr junges Herz gezogen , so war es nicht Orest , der ihn hervorgerufen hatte . Aber sie reichte ihm mit dem festen Entschluß die Hand am Altar , daß sie ihn lieben wolle , wie es sich für eine christliche Ehefrau ziemt . Orest machte es ihr sehr schwer . Für die Feinheit ihrer Empfindung , für die zarte Jungfräulichkeit ihres Herzens fehlte ihm durchaus jedes Verständnis . Tausendmal verletzte er sie , quälte er sie durch seine Scherze , durch seine Bemerkungen , durch seine Handlungsweise , durch seine Auffassung von Welt und Leben ; sie litt und schwieg . Sehr selten erlaubte sie sich eine Einwendung , aber so bittend und demütig , daß Orest , der ohnehin schon , vermöge seiner Selbstsucht , vielmehr ihr Herr als ihr Gatte sich fühlte , dadurch in seiner Despotenlaune bestärkt wurde . Ihr Ton hätte sehr ernst und äußerst bestimmt sein müssen ; dann würde sie ihm imponiert haben - wie ihm das zuweilen bei Regina geschehen war ; aber diese unüberwindliche Entschiedenheit , die , auf dem innersten Grunde von Regina ' s geistigem Sein beruhend , ihre ganze Wesenheit gleichsam illuminierte - war nicht in Corona . Bei ihrem Vater hatte sie gehorchen gelernt ! an ihre Schwester hatte sie sich gelehnt wie an eine zärtliche und weise Mutter ; einem Orest war sie nicht gewachsen . Aber sie hatte die Tradition ihrer frommen Mutter und das Vorbild ihrer frommen Schwester ! Die Baronin Isabella und Regina hatten ihr oftmals erzählt , wie diese Mutter durch Milde , durch Stillschweigen , durch Opferwilligkeit dem Egoismus des Vaters begegnet sei und wie sie ihn damit gewonnen habe . Die Mutter , die kaum in ihrer Erinnerung lebte - lebte umso mehr in ihrer Gegenwart als ein Vorbild stiller , unscheinbarer Tugend und an dem Streben , diesem Beispiele nachzufolgen , entwickelte sich die tiefe Frömmigkeit , die von der Wiege an ihrem Gemüt eingesenkt , aber nicht entfaltet war und jetzt aus einer grünen Knospe in voller Blüte hervorbrach . Corona erkannte schnell , daß sie in ihren Verhältnissen himmlischen Beistand nötig habe , denn kein irdischer genügte ihr , noch bot er sich ihr . Ihr Vater hatte nun einmal beschlossen , daß Orest und Corona miteinander glücklich zu sein hätten . Der arme Vater ! sprach Corona zu sich selbst ; hat er nicht bei Regina , Hyazinth und Uriel sich an seinen Hoffnungen getäuscht gesehen und auf seine Wünsche und Erwartungen verzichten müssen ! ich will ihm , so viel an mir liegt , keinen Kummer machen ; ich werde glücklich sein , glücklich - die Bestimmung zu erfüllen , die Gott mir angewiesen hat . Und so machte sie sich denn an das Heldenwerk der Heiligen : in übernatürlicher Weise glücklich zu sein . Zu Orest ' s quälenden Eigenschaften gehörten auch die , daß er , wenn er nicht in irgend einer Spannung und Erregung war , sich beständig langweilte . Die soldatische Disziplin , dies und das und jenes zu der und der Stunde pünktlich verrichten zu müssen , war ihm anfangs äußerst lästig , allmählig aber ganz lieb gewesen ; denn sie gab ihm täglich die Befriedigung , die aus einer , wenn auch noch so geringen Pflichterfüllung hervorgeht . Überdas machte es der ganze Schwarm der Kameraden , unter denen sich doch mancher rebellische Kopf und störrische Nacken befand , genau so wie er , weil die Unannehmlichkeiten , welche der Mangel an Disziplin nach sich zog , doch am Ende noch lästiger waren , als die militärische Subordination . Aber auf Stamberg gab es keine Lebensregel für ihn . Er konnte schalten und walten wie - tun und treiben , was ihm beliebte . Hatte er heute ein Geschäft begonnen , so zwang ihn niemand , es morgen fortzusetzen . Er konnte es ganz liegen lassen , oder es nach acht Tagen wieder aufnehmen , oder es dem Rentmeister , dem Förster , oder sonst dem betreffenden Beamten zur Fortsetzung zuschicken . Letzteres geschah denn auch regelmäßig ! Er fand alle Geschäfte , die Art sie zu führen , den Gang , den sie gingen , tötlich langweilig , und da die Beamten nun einmal auf diese Langeweile eingeübt waren und dafür bezahlt wurden , auch die Sache viel pünktlicher und schneller machten : so gab er es sehr bald ganz auf , sich um seine Geschäfte , seine Verhältnisse , den Zustand der Herrschaft , die Verwaltungsart seiner Beamten , um das Gute , das zu tun , um die Mißbräuche , die abzustellen waren , zu bekümmern . Drei Arten von Beschäftigungen hatte er auf Stamberg , und die trieb er abwechselnd mit einer Art von Wut : jagen , reiten , lesen . Die Jagdzeit war seine Lieblingszeit ; da trieb er sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Flur und Wald umher und ermüdete sich dergestalt , daß seine etwaige üble Laune bei der Heimkehr - in Schlaf unterging . Reiten war seine zweite Liebhaberei , nämlich Pferde zuzureiten . Das verstand er meisterhaft , und je böser das Pferd war , desto lieber übernahm er dessen Erziehung und » brachte die Bestie zur Raison « - wie er es nannte . Das war denn aber auch der Hauptspaß ! war einmal das Pferd zugeritten , so hatte er keine Freude mehr daran . Deshalb verschwendete er Unsummen für den Ankauf junger roher Pferde , die er zuritt und dann für ein Billiges verkaufte , um sie nur wieder los zu werden und Platz in den Stallungen für neue Zöglinge zu gewinnen . Endlich , wenn er bis zur äußersten Abspannung im Walde ein Nimrod und in der Reitbahn ein Rossebändiger gewesen war - pflegte er zu sagen : » Jetzt erhole ich mich an Leib und Geist bei den schönen Wissenschaften ; « legte sich auf einen breiten , niedrigen Divan von braunem Saffian , rauchte ein orientalisches Nargileh und las dutzendweise französische Romane greulichster Art. Dermaßen war er dann in seine Lektüre versunken , daß er nicht selten bei Tisch mit seinem Buch erschien und , da Corona sich seine Vorlesung verbat , während des Essens still für sich las . Diese Bücher trugen natürlich nicht dazu bei , ihm Lust und Liebe zum häuslichen Herd und zu dessen Freuden und Beschäftigungen zu geben . Mißmut überfiel ihn ; die Bücher wurden ihm verhaßt ; Corona sollte ihn unterhalten . Wie gern hätte sie das getan ! allein er fand sie nicht munter , nicht ausgeweckt genug . » Als Kind hattest Du Anlagen zu einer Lionne ! « rief er einmal höchst mißmutig ; » aber die fromme Erziehung hat sie bis auf ' s letzte Fünkchen ausgelöscht . Du bist eine ganz alltägliche Person geworden . « » Darin hast Du recht , lieber Orest , « sagte sie demütig . Und sie hatte doch einen feinen Verstand und eine liebenswürdige Munterkeit ; aber freilich , einbalsamiert in geistige Grazie , so daß alles Scharfe , Exzentrische , Leidenschaftliche - alles , was nicht bestehen konnte neben zarter Sitte und heiliger Wahrheit - dem Kreise ihrer Anschauungen und Urteile , dem Gang ihrer Gedanken fern blieb . Ein solcher Geist war nicht nach Orest ' s blasiertem Geschmack . Er machte den Versuch , sie in seinem Sinn höher zu bilden und sie mit einer gewissen traurigen Richtung des Geistes in literarischen Erzeugnissen bekannt zu machen , an welche manch ' großes Talent sich wegwirft . Er brachte ihr solche Bücher und empfahl ihr dringend , sie zu lesen . Sie las den Namen der Autoren , machte die Bücher zu und sagte : » Ich danke Dir tausendmal , aber lesen kann ich diese Bücher nicht . « » Was ich Dir gebe , darfst Du lesen ! « fuhr Orest auf . » Gewiß - insofern es nicht gegen Glauben und Sittlichkeit ist . Onkel Levin hat mir aber eben diese Autoren als solche genannt , die gegen beides verstoßen und mich vor ihnen gewarnt . « » Onkel Levin ! ... ich bitte Dich , rede doch nicht so kindisch ! der siebzigjährige Greis hat andere Ansichten über Lektüre , als die siebzehnjährige Frau . « » Andere - aber richtigere , « lieber Orest . « » Höre , Corona , Du tust mir leid , daß Du mit Deinem bischen Verstand fortwährend zwischen den Scheuklappen vegetieren sollst , die Onkel Levin Dir anbindet . Darum stelle ich Dir die Bücher hier in ' s Wandschränkchen und schenke sie Dir erb- und eigentümlich . In einem Augenblick von Langeweile nimmst Du sie doch vielleicht zur Hand und guckst neugierig hinein , und hast Du das nur erst getan , so wirst Du auch schon weiterlesen . Schau ' , wie sie gut eingebunden sind - dunkelblauer Saffian , ganz in Harmonie mit Deinem Kabinett ! eine wahre Zierde Deiner Bibliothek ! « » Da Du mir die Bücher schenkst , lieber Orest , so sage ich Dir meinen schönsten Dank , « sagte Corona . Die Bücher blieben unverändert auf ihrer Stelle ! Orest , der eine Ahnung hatte , als ob sie vielleicht verschwinden könnten , öffnete von Zeit zu Zeit das Wandschränkchen ; aber da standen sie in Reih ' und Glied . Weiter brachte er es jedoch nicht bei Corona . Fragte er , ob sie gelesen habe , so verneinte sie es . Da rief er einmal zornig : » Nun ! willst Du sie nicht lesen , so sollst Du sie hören ! « und griff ein Buch heraus . Es klappte in seiner Hand zusammen , denn es