wisse . Der Beutel aber war das gefährlichste corpus delicti . Herr Martin Ketzel erklärte auf späteres Befragen , daß er diesen Beutel noch am Abend des Nachtmahls in der Propstei bei Herrn Scheurl gesehen - die Herren hatten gespielt , was freilich nicht mit zu Protokoll genommen ward , denn schon hatte der immer auf Alles sorgfältig bedachte Rath gewisse Beschränkungen , das Kartenspiel betreffend , erlassen , das , obwohl noch nicht lange erfunden , doch bereits in bedenklicher Weise einzureißen drohte , aber die » Genannten « kehrten sich selten selbst an die von ihnen erlassenen Verbote : - der Beutel konnte also erst nach Scheurl ' s Heimgange in Katharina ' s Hände gekommen sein . Als man Katharina dies in einem spätern Verhör vorhielt , verwickelte sie sich in neue Widersprüche . Diese zu beseitigen , hielt man damals die Tortur für das wirksamste Hülfsmittel . Katharina hielt nur den ersten Grad der gräßlichen Marter aus , dann errang sie sich Erlösung von dem schrecklichen Instrument mit dem Jammerruf der Verzweiflung : » Ich will bekennen ! « Aber damit trachteten nur die unglücklichen Opfer unmenschlicher Grausamkeit sich zu entziehen . Als Katharina sich wieder frei von den Eisenstangen und Schrauben fühlte , die ihre Glieder zu zerreißen drohten , fürchtete sie gleichwohl noch eben so sehr als vorher die Wahrheit zu bekennen , und um nur etwas Neues zu sagen , sagte sie eine neue Unwahrheit . Sie erklärte , daß sie allerdings in jener verhängnißvollen Nacht den Herrn Scheurl habe nach Hause kommen hören , und daß sie dann später noch in das Schlafzimmer seiner Gemahlin gerufen worden . Hier habe ihr diese den Beutel mit dem Gold gegeben und gesagt , sie solle morgen wieder abziehen und dafür dieses Geld erhalten , wenn sie sich dem füge , ohne weiter etwas zu sagen , auch nicht daß sie noch diese Nacht mit ihr gesprochen . Sie , Katharina , habe gemeint , dies sei aus Eifersucht der Herrin geschehen , und habe sich gefügt . Am Morgen , eben da sie ihr Bündel habe schnürren wollen , sei das Schreckliche geschehen , und man habe sie um dieses falschen Scheines Willen verhaftet . Wenn etwas hiervon sich als wahr erwies , so bekam die Sache eine andere Wendung und der Verdacht fiel auf Elisabeth - jetzt gerade um so mehr , als Katharina gar nicht versuchte ihn auf diese zu werfen , sondern sich auch dabei ganz unschuldig und unbefangen stellte - in der That auch so suchte ihr eigenes Gewissen zu beruhigen ; denn Katharina gehörte eben noch nicht zu den schlechtesten Creaturen und dachte nur an Selbsterhaltung . So lange als möglich wollte sie diese versuchen , ehe sie ein anderes Wesen für sich büßen ließe . Auch hoffte sie , die angesehene Patrizierin werde vor dem Rath von Nürnberg einen bessern Stand haben , als die fremde Regensburgerin . Jedenfalls machte diese Aussage doch ein Verhör Elisabeth ' s nöthig , Katharina gewann Zeit , und was in solcher Lage Alles galt : sie hatte ein paar Tage Ruhe vor der entsetzlichen Folter und ihre geschundenen Arme und Hände konnten sich wieder ein wenig erholen . Neuntes Capitel Die freien Maurer Am Tage , nach dem Ulrich am Sterbebett seiner Mutter gewesen , war er mit Hieronymus der erste vor der Bauhütte ; bald darauf kam der Pallirer dieselbe zu öffnen , aber es fehlte fast noch eine halbe Stunde an der bestimmten Zeit . Ulrich sah aus wie nach einer durchwachten Nacht und seine Augen glänzten doppelt schwärmerisch als gewöhnlich . » Fehlt Dir etwas ? « sagte Hieronymus theilnehmend ; » Du bist so früh gekommen ? « » Weil ich nicht weiß , wie lange ich noch kommen werde ! « antwortete Ulrich wehmüthig . » Du gehörst hier immer mit zu den Ersten , es freut mich , daß Du es auch heute bist - es drängt mich noch mit Dir zu reden . « » Du bist so feierlich ! « sagte Hieronymus ; » mir ließ es auch keine Ruhe heute Dich zu sehen - das Geschick der Scheurlin beunruhigt Dich doch wohl , auch wenn es nur Mitleid ist . « » Nein , « sagte Ulrich fest , » das ist es nicht - sie ist nicht schuldig . « Hieronymus schüttelte verdrüßlich den Kopf : » Wenn ich nicht Dein Freund wäre und Dir mehr vertraute als den Reden der Leute , so könnte ich bei dieser Behauptung Dich doch in demselben Verdacht haben wie meine Mutter - « » In welchem ? « fragte Ulrich , da Hieronymus stockte , und sah ihn fest und flammend an . » Daß es dieses Weib Dir angethan ! « sagte Hieronymus , und schlug doch die Augen nieder , weil er sich dieser Aeußerung schämte . Ulrich lächelte : » Ihr könnt Recht haben im gewissen Sinne , nur nicht etwa in dem , der jetzt die Gemüther verwirren will mit dem Glauben an Hexen und Zauberspuk . Aber warst Du nicht der erste , der mir diese Elisabeth zeigte , nicht nur als das schönste , sondern als das aufgeklärteste Weib von Nürnberg ? Und war es nicht in demselben Augenblick , als ich die Rose wegwarf , die aus ihrer Hand mich getroffen ? Hab ' ich sie nicht gemieden wie jedes Weib , hat sie nicht dasselbe mir gethan und hat nicht Deine Mutter gleich Dir sie gerade darum gescholten , weil sie dadurch undankbar erschien ? Ob eben durch dies Schelten , durch diesen ungerechten Verdacht , ob durch ihre Schönheit oder durch Alles , was ich von ihr sah und hörte , durch die Zeichen ihrer Geisteshoheit , die nur in einzelnen Zügen und Worten sich mir offenbarten - ich weiß es nicht : aber ich habe durch sie erst eine Ahnung bekommen von der Macht und Größe des Weibes - durch sie erst gefühlt , daß unser Gelübde , seine Gemeinschaft zu fliehen , ein schweres ist , das , wenn wir in allen Versuchungen treu an ihm fest halten , uns Kraft geben muß , auch jeden andern Kampf im Leben oder in uns selbst siegreich zu bestehen . Die Bewunderung , die ein schönes Kunstwerk uns einflößt , die Andachtsschauer der Verehrung , die ich zuweilen empfand , wenn ich zur Himmelskönigin betete , das Mitleid mit dem Leiden und Dulden anderer heiligen Frauen , denen wir Monumente und Altäre weihen - das hab ' ich für diese Elisabeth empfunden , und rechne mir diese Gefühle nicht als Sünde an , um so weniger , als ich an ihre Tugend glaube und sie meiner Verehrung würdig finde . Ich wäre nur unglücklich , wenn ich an ihr irre werden müßte . Unser Gelübde der Entsagung bereue ich darum nicht , es erscheint mir nur in einem andern Lichte : ein Freibleiben und Losgerissensein von irdischen Banden und Pflichten , die dem Genius Fesseln anlegen können , der nur frei und allein sich entfalten kann - ein Aufschwung und Aufstreben zur höchsten Freiheit , die sich selbst bewußt an das Ganze hingiebt und nur im Ideal Ziel und Schranken findet ! - Sage mir , Hieronymus , wenn man mich auch beschuldigt , wirst Du an mich glauben ? « » Ich habe es gethan bis zur Stunde , « antwortete Hieronymus , » und begreife Deine Frage nicht , noch was Dich sonst so bewegt ? « » Eine Ahnung , « antwortete Ulrich , » vielleicht auch die feierliche Beklommenheit , die immer über uns kommt , wenn wir die letzte Hand an ein Werk legen , an dem wir lange gearbeitet . Sieh ' , diese Halbsäule mit ihrem Hochbild vorn ist bald vollendet , « fuhr er fort , auf eine solche deutend , aus der Eichenzweige hervortraten , auf welchen ein Eichhörnchen saß , zum Sprunge ausholend , indeß von unten eine Schlange emporzischte , die Eichenblätter wölbten sich oben zu einer Krone empor ; » das unschuldige Eichhörnchen braucht nicht im Bann der Schlange zu bleiben , « fuhr er fort , » aber es wird doch immer so erscheinen , es kann höher klettern , im freien Walde von Zweig zu Zweig sich schwingen , die drohend vorgesteckte Schlangenzunge und ihr Gift verachten , kein ekles Kriechthier vermag ihm etwas anzuhaben . So hab ' ich in den Stein hinein gedichtet , woran ich jetzt zumeist gedacht . « Die letzten Worte hörte der Pallirer , der jetzt näher zu den Beiden getreten war , und sagte : » Seid Ihr das Eichhörnchen selbst oder hab ' t Ihr an eine andere Person dabei gedacht ? « » Nicht an eine bestimmte Person , « antwortete Ulrich ; » es ist ja kein Conterfei , sondern ein Symbol . Wer in Unschuld wandelt und doch vermag sich zu den höchsten Höhen mit kühnem Sprunge empor zu heben , den mag die Schlange irdischer Gemeinheit und Bosheit immer zu verderben drohen - ja ihn gar einmal verschlingen , wo er sie am wenigsten vermuthet : er war dennoch eines höhern Looses werth ! « Der Pallirer klopfte ihm auf die Schulter und sagte : » Grabet Euer Zeichen ein , man wird bei diesem Symbole Eurer selbst gedenken ! « Dann wandte er sich mit einem mitleidigen Blicke ab , als habe er schon zu viel gesagt . Die andern Gesellen und Lehrlinge waren einstweilen auch gekommen und das Morgengebet ward gehalten . - Es war ein schwüler Sommertag , eine drückende heiße Luft lag auf der Bauhütte und verbreitete in ihr einen Dunst , der Alle lässig oder beklommen machte . Nur Ulrich gönnte sich nie eine Minute Ruhe , um sein Werk zu vollenden . In dem kleinen Gemach in der Hütte , neben dem großen Saal , in welchem die Steinmetzen arbeiteten , pflegte sich der Hüttenmeister aufzuhalten , wenn es Geschäfte zu ordnen , Contrakte abzuschließen oder eine Untersuchung zu führen gab . Es war eine Art von Comptoir . Als es um die zehnte Stunde war , ließ er Hieronymus und Ulrich hinein rufen . Neben dem Hüttenmeister befanden sich zwei ältere Gesellen , die , wie es schien , als Zeugen dienen sollten . Der Hüttenmeister begann zu den Beiden : » Es sind schwere Anklagen wider Euch erhoben worden . Ich frage Euch im Namen Gottes , des Sohnes und des heiligen Geistes , der heiligen Dreieinigkeit , zu der sich die gesammte Christenheit bekennt - ich frage Euch im Namen des heiligen Johannes , des erhabenen Schutzpatrones und Vorbildes aller freien Maurer : wollet Ihr die Wahrheit bekennen unerschrocken und ohne Menschenfurcht gleich ihm ? wollet Ihr sie bekennen , auch wenn sie Euch hinaus in die Wüste führte oder in ' s Gefängniß , oder Euch den Tod brächte ? « » Wir wollen sie bekennen ! « riefen Beide zugleich , aber bei Ulrich klang es wie der entschlossene Ruf eines Märtyrers , bei Hieronymus mischte sich etwas wie Schreck und Furcht hinein . » Leistet den Schwur jetzt vor mir mit Wort und Hand ; was Ihr ausgesagt hab ' t , werdet Ihr dann vor der ganzen Baubrüderschaft noch einmal bekennen müssen ! « Nach diesen Worten des Hüttenmeisters leisteten Beide den üblichen Schwur . Ulrich ward einstweilen entlassen und Hieronymus zuerst verhört . » Du bist sammt Ulrich von Straßburg angeklagt worden , daß Ihr mit ehrlosen Juden gemeinschaftliche Sache gemacht hab ' t und eine Judendirne mehr als einmal nächtlicher Weile in Eurer Wohnung gewesen ist ; daß Ihr mit denselben wieder im Benediktinerkloster seid zusammen gekommen und dann einen Mönch , der darin wohlverdienter Maaßen zum Tode verurtheilt gewesen ist , befreit hab ' t und im Kloster Andere dazu verführt , Euch bei diesem Werke zu helfen . Steh ' Rede über das Alles . « Hieronymus antwortete erstaunt : » Das kann ich nicht , denn ich weiß von dem Allen nichts . « » Gedenke Deines Eides ! « mahnte der Hüttenmeister . » Ich gedenke meines Eides und betheure meine Unschuld ! « antwortete Hieronymus . « » Ueberlege was Du sprichst ! gedenke Deines Eides ! « wiederholte der Hüttenmeister ; » weißt Du auch nichts von Ulrich ' s Schuld ? « Hieronymus schwieg und blickte zu Boden . Es herrschte eine lange Pause und Stille - man hörte nur draußen das Feilen der Steinmetzen , das gerade jetzt wie ein zur Andacht rufendes Geläute ineinander klang . Endlich sagte der Hüttenmeister wieder : » Du weißt , wir drohen mit keiner Folter , um von den Unsern Geständnisse zu erpressen ; wir brauchen keine profanen Mittel und Hände , um die Wahrheit von Denen zu erforschen , die sie verbergen und verleugnen wollen - wir kennen nur eine einzige Drohung : Wer nicht freudig die Wahrheit redet und bekennt , auch wo sie ihm Schaden bringen kann , wer betroffen wird auf einer Lüge , wer nur im Kleinsten sich versündigt hat an der Heiligkeit des Bundeseides - der wird ausgestoßen aus der Gemeinschaft freier Maurer , die Profanen mögen ihn richten . « Hieronymus blickte empor und sagte flehend : » Ulrich ist mein Bruder und Freund ; er hat mir das Leben gerettet mit Gefahr seines eigenen , wie Ihr wißt - ich kann nicht wider ihn zeugen . « » Damit hast Du schon seine Anklage ausgesprochen , « sagte der Hüttenmeister ernst ; » aber Du weißt auch , daß die Wahrheit bei uns herrschen muß über jedes andere Gefühl , jede andere Rücksicht ; der Eid , den Du geschworen , da Du Mitglied unseres Bundes wurdest , band Dich früher als jeder andere ; Du durftest gar keine andere Verpflichtung eingehen ohne diesen Vorbehalt - Bundesbrüder sind wir Alle ; aber über uns Allen herrscht Einer und ein einziges Gesetz , dem zu dienen mehr gilt , als unsern Gefühlen , ja dem zu Ehren wir diese bekämpfen müssen , wenn sie einmal mit ihm in Widerspruch gerathen wollen . Stehe Rede und Antwort - vielleicht kann Dein redliches Bekenntniß Ulrich eher retten als verderben , denn seine Sache steht schlimmer als die Deine , und ich verlange nicht , daß Du wider ihn zeugest , sondern für ihn , wenn Du es kannst . Gedenke Deines Eides ! « Hieronymus begann : » Ein Judenmädchen , Rachel , hat ein paar Mal versucht sich an uns zu drängen , und da wir einmal bei einem Straßenlärm vor unserm Hause ihrem Vater , dem alten Ezechiel , Hülfe leisteten , da er sonst wäre von Betrunkenen erschlagen worden , hatte sich seine Tochter in unser Haus geflüchtet , und Ulrich sperrte sie dort allein in eine dunkle Kammer , bis sie ungefährdet heim gehen konnte . Wohl fand ich es unrecht , daß er das Mädchen so lange duldete , da er uns dadurch in Schande bringen könne . Zwei Tage darauf wurden wir in das Benediktinerkloster gesandt und dann hat Ulrich nicht mehr bei mir gewohnt . Das Mädchen hatte damals einen Ring verloren , den Ulrich ihrem Vater in der Wirthschaft des Klosters wieder zugestellt hat ; aber weiter hat er keine Gemeinschaft mit den Juden gehabt . « Der Hüttenmeister frug weiter : » Und was hab ' t Ihr im Benediktinerkloster gethan - außer der Arbeit , die Euch zukam ? « » Ich weiß von nichts , « antwortete Hieronymus . » Hast Du nicht den Mönch Amadeus schon vorher gekannt , der das Weihbrodgehäuse zertrümmerte ? « » Gekannt ? - nein ! « » Auch Ulrich nicht ? auch nicht gesehen ? « » Gesehen - ja , « antwortete Hieronymus nach einigem Zögern ; » Ulrich ' s Schwert war vor Jahren im Gedränge an dem Rosenkranz des Mönches hängen geblieben , er hatte sein Kreuz verloren , das Ulrich bewahrte , um es ihm wieder zu erstatten . « Der Hüttenmeister lächelte ungläubig ; » Ihr hattet Glück im Finden ! - Wie seid Ihr im Kloster mit Amadeus in Berührung gekommen ? « » Wenn es eine Berührung war : als seine Ankläger . Wir sahen , daß das Tabernakel gewaltsam zerstört war - da hat er sich selbst als schuldig bekannt ; als wahnsinnig ist er im Gefängniß an die Kette gelegt worden - weiter weiß ich nichts von ihm . « » Kanntest Du den Novizen Konrad ? « » Er begrüßte uns als Baubruder - ich mißtraute ihm , weil er von unserer freien Kunst der Möncherei sich zugewendet , gleichviel ob es aus freiem Willen geschehen oder aus Strafe . « » Aber Ulrich traute ihm ? « » Allerdings - es schien so . « » Ihr seid schon zwei Mal angeklagt gewesen , Euch in Händel mit Raufbolden und Raubrittern eingelassen zu haben , die Frau von Scheurl zu beschützen , « begann der Hüttenmeister ein anderes Thema ; » das erste Mal hat unser königlicher Bruder Max Euch selber freigesprochen , zum andern Male hat man es Euch um deswillen nachgesehen und Ihr seid mit einem Verweis und einer Verwarnung , nicht unnütz das Schwert zu ziehen , davon gekommen - weißt Du , ob Ulrich sich weiter mit diesem Weibe eingelassen ? « » Ich weiß es nicht , « antwortete Hieronymus ; » Ihr wißt , wir haben seit Monaten nicht mehr zusammen gewohnt . « » Geh ' an Deine Arbeit ! Wir werden weiter erfahren , ob Du die Wahrheit geredet . « Nachdem Hieronymus mit diesen Worten entlassen war , ward Ulrich zu dem Hüttenmeister berufen . Er wiederholte ihm die vorige Anklage und fügte hinzu : » ich hoffe , Du wirst bekennen , wie Hieronymus auch bekannt hat . « » Hieronymus ! « rief Ulrich , » er ist unschuldig ; Alles , was Ihr mir da vorhaltet , ist allein mein Verbrechen - wenn es eines ist . « Und Ulrich schilderte wahrheitsgetreu , wie das Judenmädchen seinen Beistand für Andere angerufen , wie er selbst in jener Nacht sie beschützt habe , weil er in ihr das edle Streben erkannt , das Unrecht zu verhüten , daß ihr Vater oder andere Leute , von denen sie es erfahren , an Andern , an Christen hatten begehen wollen , und wie er , um Hieronymus vor jedem falschen Verdacht zu bewahren , von diesem gezogen sei . » Ich meine , ich habe kein Gelübde gebrochen , « fügte er hinzu , » daß ich dieses Judenkind anhörte ; so oft es kam meine Hülfe zu fordern , war es für Andere - und sonst habe ich keine Gemeinschaft mit ihm gehabt , mich fern und frei gehalten von allen Dingen , die wider unsere Statuten verstoßen . « » Aber Du und Hieronymus , « fragte der Hüttenmeister , » Ihr habt Amadeus befreit ; leugne nicht , denn ich weiß es , und Du wirst wohl ahnen , durch wen . « Ulrich blickte auf und sagte nach einer Pause : » Ich that es , aber ich allein , Niemand außer mir hat daran eine Schuld ; Hieronymus hat aus Freundschaft gelogen , wenn er sich dazu bekannt - er kann nur durch Eure Fragen das erste Wort davon erfahren haben . « » Und wie konntest Du Dich dessen erfrechen , « sagte der Hüttenmeister streng , » wie Dich unterstehen , Dich so aufzulehnen wider die Entscheidung eines geistlichen Gerichtes und der Gerechtigkeit des Klosters ein Opfer zu entziehen ? Wer eines solchen Verbrechens fähig , wie Du jetzt eingestanden , der wird keinen Gehorsam , kein Gebot der Kirche oder unserer Brüderschaft mehr heilig halten , der muß ausgestoßen werden aus der Bauhütte , die von ihren Mitgliedern Reinheit , Gehorsam und Treue fordert . Doppelt hast Du Dich versündigt , denn der , dem Du aus dem Kloster halfst , war nicht allein ein Verbrecher an seinem Orden , sondern auch an uns , den Dienern der geweihten Kunst , da er eines ihrer herrlichsten Werke aus schändlichem Muthwillen zertrümmerte ; solch ' ein Scheusal von einem Menschen - « » Das ist er nicht - haltet ein ! « rief Ulrich außer sich . » Er ist es ! « donnerte der Hüttenmeister , » und Du bist es mit , weil Du es wagen kannst , ihn zu vertheidigen , es wagtest , um dieses Ungeheuers Willen nicht nur den heiligen Klosterfrieden zu brechen , sondern auch Dein Gelübde und damit den ganzen erhabenen Bund der Maurerei in Dir und durch Dich , als einem ihrer Gesellen zu schänden . Du brauchst Dich nun nicht mehr zu scheuen , Alles zu gestehen , denn Du kannst nichts mehr sagen , das Dich unseres Bundes unwürdiger machte , als diese That ! - Geh ' hinaus und zertrümmere auch Dein letztes Werk , und dann leugne noch , daß Du ein Verbrechen begangen , indem Du den Meißel gebrauchtest , diesen Heiligthumschänder zu befreien - oder hast Du auch nur ein einziges Wort zu Deiner Entschuldigung zu sagen ? « » Nur ein einziges ! « antwortete Ulrich tonlos . » Nun ? « » Amadeus wäre frei ausgegangen , wenn ich nicht an dem Tabernakel die Frevlerhand erkannt und auf Untersuchung gedrungen hätte . Ich war an seinem Loose schuld . « » Das hatte Dich nicht zu kümmern , Du hattest recht daran gehandelt und die Strafe war des Sünders würdig - das ist keine Entschuldigung für Dich . « » Nun denn , ich habe Wahrheit geschworen - Ihr sollt sie haben ; besser , daß ich so selbst ein unschuldig Schuldiger den Stab über mich breche , als daß Ihr es thut . Mein Geständniß wird mich nicht retten - aber vielleicht rettet es das Werk meiner Hände , und Ihr erlaßt mir die Strafe , die Ihr drohtet . In demselben Augenblick , da ich den Frevler am Tabernakel angeklagt , erfuhr ich , daß ich der größere war - ich entdeckte in ihm meinen Vater . « Der Hüttenmeister hörte dies voll Verwunderung und sagte : » Das ist eine sonderbare Ausflucht ; - sie ändert auch nichts an der Thatsache . « » Ich mag dieselbe Strafe verdienen nach den Gesetzen , « sagte Ulrich , » aber vor menschlich fühlenden Herzen und christlichen Brüdern verdiene ich Entschuldigung . Ich allein trage die Schuld und bin Verantwortung schuldig ; wenn man Andere angeklagt hat , als hätten sie Theil daran , so hat man sich vom Scheine täuschen lassen - ich habe keine Genossen und Helfershelfer dabei gehabt , außer solchen , welche nicht wußten , um was es sich handelte . « » Hieronymus , der Novize Konrad und sogar - der Propst Kreß sind mit Dir angeklagt ! « sagte der Hüttenmeister . » Jene haben Dir geholfen Amadeus aus dem Kerker zu befreien , und dieser hat ihn hier bei sich versteckt . Ich sage Dir dies , damit Du nicht durch unnützes Leugnen die Sache in die Länge ziehst . « Ulrich gerieth in Feuer : » Ich will es beschwören mit jedem heiligen Eid : Hieronymus ist unschuldig ! Konrad hat nichts gethan , als mir den Weg zu Amadeus ' Gefängniß gezeigt , ohne meine Absicht zu kennen , und der Propst - nun , Ihr wißt , der ehrwürdige Herr hat eine einzige Schwäche - er war nicht nüchtern , da ich und Amadeus ihn auflauerten und ihn zwangen , uns in der Propstei eine Nacht zu behalten . Werdet Ihr nicht lieber mich , als den allein oder doppelt Schuldigen bestrafen wollen , denn zugeben , daß über diese menschliche Schwachheit unsers Gottesjunkers verhandelt werde ? Möglich , daß er Euch lieber alles Andere eingesteht , denn daß er trunken war und seiner Sinne nicht mächtig ; aber ich kann es beschwören ; es war so . « Und nun bekannte Ulrich aufrichtig , aber alle Mitschuld der Andern mit auf sich nehmend , Alles ohne Rückhalt , was er gethan hatte . » Du hast also selbst das Vergehen eingestanden , « sagte der Hüttenmeister . » Du mußt an das geistliche Gericht abgeliefert werden , wir haben nichts weiter mit Dir in dieser Angelegenheit zu thun . Aber es giebt noch andere Anklagen wider Dich . Man beschuldigt Dich nicht nur , daß Du das Judenmädchen habest verführen wollen , sondern daß Du Dich an die Frau von Scheurl gedrängt , oder Dich hast von ihr verführen lassen - vielleicht zum Ehebruch - vielleicht zum Mord - « Einen Augenblick erbleichte Ulrich , denn diese Anklage kam ihm doch unerwartet . Stolz sagte er : » Solch ' ungerechter Anklage gegenüber habe ich keine Antwort , als meine Unschuld zu beschwören . « Seine weiteren Aussagen über diesen Punkt stimmten mit denen des Hieronymus , und dann fügte er hinzu , daß er nur einmal in Scheurl ' s Hause gewesen sei und mit der Hausfrau allein gesprochen habe , als er ihr den indianischen Raben gebracht , den das Judenmädchen ihm für Jene übergeben . Der Hüttenmeister glaubte Ulrich gern , denn er hatte ihn , seit er in der Lorenzkirche arbeitete , gleich sehr als Menschen wie als Künstler schätzen lernen , und ihn oft den andern Steinmetzen als Muster vorgestellt ; aber höher als der Einzelne stand ihm das Ganze der Brüderschaft und die gewissenhafte Aufrechterhaltung ihrer Statuten . Er sagte : » Ich habe dem geistlichen Inquisitor , der Dich vorladen ließ , die Antwort gegeben , daß Du ihm heute Abend ausgeliefert werdest - wenn wir Dich schuldig befunden , als ein Ausgestoßener aus unserm Bunde ; wenn wir Beweise für Deine Unschuld haben , aber als einen der Unsern , den wir vertreten werden vor Kaiser und Reich , und dem kein Haar gekrümmt werden darf , es sei denn , daß unsere oberste Behörde , der Maurerhof zu Straßburg , zuvor sein Urtheil gefällt . Draußen läutet jetzt die Mittagglocke - während die Andern gehen , bleibe hier und erwarte Dein Urtheil . « Darauf entfernte sich der Hüttenmeister mit dem einen Beisitzer , der andere blieb als Wächter für Ulrich und Hieronymus zurück . Die Freunde umarmten sich schweigend , da man sie wieder zusammen ließ . » Dir kann nichts geschehen ! « sagte Ulrich freudig , » Du bist unschuldig . « » O hättest Du mir mehr vertraut , « klagte Hieronymus , » ich hätte Dich besser vertheidigen können ! « Ulrich schüttelte mit dem Kopf : » Von dem Augenblick an , da ich fühlte , daß der Schein gegen mich zeugen und mich verderben konnte , mußte ich Dich meiden , mich von Dir zurückziehen , damit ich Dich nicht mit in meinen Sturz verwickelte . Nun begreifst Du wohl , warum es den Anschein hatte , als sei meine Freundschaft für Dich erkaltet - aus Freundschaft mußt ' ich Dich meiden , und das Band lockern , das uns umschlang . « Hieronymus konnte kaum sprechen und weinte an dem Halse seines Kameraden ; als er sich wieder von ihm losmachen wollte , hielt Ulrich seine Hand fest und sagte : » Laß mir jetzt die Hand noch , die vielleicht in der nächsten Stunde sich mir als einem Ausgestoßenen und Beschimpften für immer entziehen muß . « - Als der Pallirer wieder kam und die Glocke zur Arbeit rief , durften auch die beiden Baubrüder wieder mit an die ihrige gehen . Ulrich war es dabei wunderbar zu Muthe . Vielleicht war dies seine letzte Arbeitsstunde , vielleicht schwang er zum letzten Male den Meißel und lenkte das Richtscheit , vielleicht war er zum letzten Male in der Hütte , vielleicht war er in der nächsten Stunde kein Baubruder mehr - mit Schimpf und Schande ausgestoßen aus dem geweihten Bund ! Und seine ganze Seele hing an ihm - schlimmer als Tod war es , wenn man ihn ausstieß - und doch sah er kein anderes Loos vor sich ; aber war es ihm nur gelungen , dadurch , daß er die Schuld auf sich allein nahm , die drei andern Mitangeklagten als Unschuldige darzustellen , so fühlte er in sich einen freudigen Triumph , der ihn wenigstens auf Augenblicke sich selbst vergessen machte . Daß in dem Verhör , als Ulrich Amadeus seinen Vater nannte , der Hüttenmeister nicht weiter danach gefragt , das befremdete Ulrich . Seitdem er gestern am Sterbebett seiner Mutter gewesen , um ihren letzten Wunsch zu erfüllen , dadurch allen Zwang von sich werfend , den er bis jetzt sich angethan und seinem kindlichen Gefühl - seitdem war er darauf gefaßt gewesen , daß er über seine Eltern verhört werden würde . Nun hatte man diese Frage gegen ihn gar nicht berührt , da doch seine Erklärung , daß Amadeus sein Vater sei , schon eine Art von Geständniß war . Strahlte nicht hierin ein Hoffnungsschimmer ? Hatte nicht vielleicht der Propst Kreß einen Beweis gesucht und gefunden , daß Amadeus und Ulrike durch Priestersegen verbunden waren ? Gab es für ihn wirklich noch eine Rettung ? Der Ertrinkende in einer Fluth von Unheil sieht in der schwimmenden Strohähre einen Rettungsanker . Da es ein Samstag war , so ward an diesem Tage eine Stunde früher als sonst zum Feierabend geläutet . Als alle ihre Werkzeuge weggelegt hatten , pflegten sie noch zusammen zu bleiben , weil an diesem Tage jedem der Wochenlohn ausgezahlt ward . Da die Strafen für kleinere Vergehen wie Betrinken , Sichverspäten , Schimpfen u.s.w. meist in Lohnentziehungen bestanden , die dafür in die allgemeine Büchse flossen , oder in Wachs , das von den Strafbaren abgeliefert werden mußte , so wurden auch diese bei derselben Gelegenheit mit den üblichen Ermahnungen zur Besserung