die sie hatte gespart oder geborgt gekriegt , gezeigt und damit geklimpert , als wenn die Leute machten das rarste Geschäft um ein Ferkelchen , das sie dann haben mitgenommen und nach und nach aufgezogen mit Glückseligkeit , wie , Gott verzeih ' mir ' s , ' nen polnischen Ochsen ! Und das Treudchen da ! Hat sich das Kind nicht die Augen ausgenäht und ausgestichelt und hat sie nicht gekriegt an die Fingerspitzen ganz ' ne rauhe Hand ! Ein Mädchen so rar ! Schön genug für ' ne Prinzessin ! Und die guten Kinder ! Gott soll sie segnen ! Während Grützmacher mit Bonaventura und dem Arzte flüsterte , küßte Treudchen Ley Lucinden die Hand und dankte für die » Ehre « ihres Antheils . Sie nannte die Sprecherin Frau Henriette Lippschütz . Es war die Hasen-Jette , die Wildprethändlerin , die Witwe des jüdischen Metzgers , der die Kundschaft der Leys geerbt und der nun auch schon wieder andern Platz gemacht hatte . Fräulein , wenn sie jetzt hier haben was zu nähen - fuhr , Lucinben richtig unterbringend und sich ihr zuwendend , die Hasen-Jette fort - feine , feinste Spitzen : geben Sie ' s nicht anders als an das Treudchen ! Weine nicht , Kind ! Du bist nicht verlassen ! Dein Toni , dein Edi ... alle kommen sie in die große Stadt , ins neue Waisenhaus , wo die Kinder leben wie die Prinzen ! Sag ' ich dir , Treudchen , Betten ! Staatsbetten ! Kauft die Stadt alle Federn von mir und die Decken hat mein Bruder geliefert ! Gott ! Was wird der Löb sagen , wenn er nach Hause kommt und findet Frau Ley nicht mehr - der Löb mit seinem gefühlvollen Herzen ! Bonaventura kannte auch den Löb , den Bruder der Frau Lippschütz , den berühmten Gütermakler und Handelsmann Löb Seligmann . Er durfte diesen Empfindungen einer einzelnen einen gemeinsamen Ausdruck geben . Noch sprach er , nicht als Geistlicher , sondern als Bekannter und Freund der Bewohner von Kocher , laut einen herzlichen Nachruf , tröstete die Kinder und ging zuletzt mit Grützmachern und dem Arzte . Als er sich mit ersterm über die vergebliche Verfolgung des Leichenräubers verständigt zu haben schien , bildete sich wieder jener Zug , der die Monstranz in die Kathedrale zurücktrug . Lucinde folgte ... Wie mußte sie ihrer eigenen Jugend und ihrer Geschwister gedenken ! ... Das neue Waisenhaus ! Es schlug zwölf , als Lucinde übermüdet wieder die Stufen zum Dome hinanstieg und wartete , bis Bonaventura aus der Sakristei zurückkehren würde . Endlich kam er ... in seinen gewöhnlichen Kleidern . Ich muß mich Ihnen anschließen ! sagte sie . Ich hatte Briefe an den Stadtpfarrer zu überbringen , deren Eile ich ganz vergessen hatte ! Ich hielt mich zu lange im Gespräch mit ihm auf , folgte dann Ihrem Zuge zum Sterbebette und muß nun unter Ihrem Schutze in die Dechanei zurückkehren ! Kann ich es thun , als wenn ich überhaupt nicht abwesend gewesen wäre , desto lieber ! Ich fürchte Frau von Gülpen und ihre üble Auslegung ! Bonaventura , der Frau von Gülpen ' s strenge Auffassungen kannte , erbot sich gern zu dem gewünschten Beistand . Er war so menschlich in allem und kein Haarspalter und kein Mückenseiger ... So gingen beide in den Park hinunter . Wie tobte es jetzt in Lucinden , wie stockte ihr Athem ! Und doch dies ruhige Gespräch über die Vorgänge der letzten Nacht , über Grützmacher ' s Nachrichten , über Benno , Hedemann , die Herbstübungen , den kürzern Weg da oder dort , die Leidensfamilie , die eben verlassene , wieder dann die Baumalleen , die Boskete , Windhack ' s Sternwarte ... Darauf hin kannten sich beide schon ... So konnte sie neben ihm gehen , wie eine Nachtwandlerin auf haushoher Zinne , jeden Augenblick den Niedersturz drohend - so er , gleichsam den Arm schützend und schon zum Auffangen ausgebreitet über sie gehalten und doch vom Gleichgültigsten plaudernd und scherzend sogar ... Wie der Geliebte dann den Hausschlüssel zog , öffnete , sie zuerst in das stille Vorhaus ließ , erklärte , zwar unten zu wohnen , aber sie doch bis hinauf begleiten zu wollen , wie sie dann ihn zum leisern Sprechen ermahnte , seine Begleitung ablehnte und er doch noch eine Stiege lang folgte - sollte es ihr da nicht wieder sein , wie schon oft , als müßte sie vor ihm niedersinken und ihn anflehen : Tritt lieber mit deinem Fuß auf mich , du Entsetzlicher , Kalter , Unerbittlicher ! ... An seiner Brust hätte sie jetzt ruhen , jetzt sich ausweinen , auslachen mögen ... und er sagte nichts als : Gute Nacht , Fräulein ! Sagte das ihr , die noch jung , noch schön war , die Huldigungen erlebt hatte , wo sie nur irgend erschienen war , eine Siegerin über so viel Männer von Reichthum , Ansehen , Geist ... Gute Nacht , Fräulein ... Und das in tiefster Stille ... im nächtlichen Dunkel ... Die zweite Stiege in ihren Entresol glaubte sie allein gehen zu können ... Sie hauchte ihm das in stammelnden Worten so hin ... Sie ging langsam ... halb ohnmächtig vor Schmerz über das eine » Gute Nacht , Fräulein ! « ... Alles ringsum war dabei still ... niemand bemerkte ihre Rückkehr ... vielleicht hatte auch niemand ihr Weggehen bemerkt ... Sie mußte sich an dem eisernen Gitter der Treppe halten , als sie langsam hinaufstieg ... Bonaventura war nicht mehr hörbar ... Auf dem Corridor der zweiten Etage blieb sie stehen und holte einen tiefen , tiefen Athemzug ... Dann erschreckte sie plötzlich ein Geräusch wie von einem auffliegenden Vogel ... Es war der Pfau , der ihr neugierig , hoch aufgerichteten Hauptes entgegenschritt . Sie entlief ihm fast bis an die Thür ihres Wohnzimmers ... ... Das Thier sah so gespenstisch aus ... Ihr Wohnzimmer lag am Aufgang zu einer dritten Treppe , die schon ins Dach und zu Windhack ' s Sternen führte . Wie sie in Eile rasch nur und um unbemerkt in ihr Zimmer zu kommen den Schlüssel drehte , wandte sie sich um , sah eine Weile ins Leere , schrie dann aber fast auf ... sie glaubte im ersten Augenblicke ein Gespenst zu sehen ... Es war , mit einem Lichte in der Hand aus einem der Corridore des Geviertes , in dem die Dechanei gebaut war , tretend , die leibhaftige Frau Hauptmännin von Buschbeck ... Dieselben funkelnden Augen aus dunkeln Höhlen , dieselbe aus Haube und Schleife hervorschießende spitze Nase , dasselbe Drehen und mühlsteinartige Schroten der zahnlosen Kinnladen ... Aber es war kein Gespenst ... Es war die Schwester ihres alten Nachtunholdes ... es war Frau Petronella von Gülpen - ohne die Verschönerungen ihrer Toilette ... Auf die aber auch von Seiten der Frau von Gülpen wie zum Tod erschrockenen Worte : Aber , mein Fräulein ! Wo kommen denn Sie noch so spät her ? Wo denn - um Jesu Wunden willen - waren - Sie - denn die - ganze Nacht - über - ? verschwand Lucinde ... Frau von Gülpen , die nur in diesem ihrem äußersten Négligé und sogar ohne ihre Zähne ihren unruhigen Lolo aufgesucht hatte , war noch mehr erschrocken gewesen als Lucinde ... Lucinde hätte in diesem Augenblick den Pfau erwürgen können . Ohne eine Antwort gegeben zu haben , war sie in ihrem Zimmer verschwunden . Immer noch hörte sie den knirschenden Sand auf dem steinernen Estrich draußen , immer noch hörte sie das Huschen des Pfaus , der neben der wie eine Juno keinesweges schönen , aber wie Juno mindestens ebenso zornigen Frau stand und sie mit seinem hoffärtigen kronengeschmückten Kopfe angestarrt hatte ... Es ahnte ihr für den folgenden Tag nichts Gutes ... Freilich so bitter , wie ihr wieder der Kelch des Lebens geschenkt wurde , ahnte sie die Folge nicht ... Als sie nach einer ganz sanft verschlummerten , ganz außerordentlich erquickend gewesenen Nacht erwachte und die Sonne wundergolden in ihr Stübchen schien und das sogar verschönerte und das sogar behaglich machte , als sie dann das Fenster öffnete , den erquickendsten Lindenduft einsog ; als sie in der Ferne schon den zweiten Tag der militärischen Uebungen durch Trommeln und Pfeifen angekündigt hörte , erhielt sie von Windhack das Frühstück überbracht ... Er stellte es hin , während sie gerade an ihrem Haar kämmend vor dem Spiegel saß und sich in einem weiten Toilettenmantel verstecken mußte , und ging ... Wie sie aufgestanden war , bemerkte sie beim Frühstück ein Billet . Es war mit Geld beschwert ... Sie öffnete , las - ein Moment entschied alles ... Sie las die kurzen Worte : » Ich ersuche Sie , mein Fräulein , noch im Laufe des heutigen Tages unwiderruflich die Dechanei und für immer zu verlassen . Petronella von Gülpen . « Sie griff an ihr Herz . Im ersten Augenblick hatte es aufgehört zu schlagen . Fußnoten 1 Ein aus der geschilderten Zeit herrührender und später mit Beschlag belegter actenmäßiger Brief . 2 Auch dieser actenmäßige Brief wurde im Jahre 1837 mit Beschlag belegt . 3 Gleichfalls actenmäßig . 10. Zur selbigen goldenen Morgenfrühe saßen der Dechant und Bonaventura in des erstern traulichem , dufterfülltem Studirzimmer zum Frühstück ... Nach der löblichen Sitte katholischer Geistlichen wandelten sie nicht etwa noch in Schlafröcken und Pantoffeln , sondern waren schon ganz in ihren üblichen schwarzen Kleidern . Nun erst , an der Morgensonne , nahmen sich die grünen Decken und seidenen Vorhänge über den Büchergestellen , Bildern und Alabasterstatuetten , die schön eingebundenen Kupferstichsammlungen , französischen Ganzfranzbände mit dem Wappen der Asselyns besonders freundlich und vornehm aus . Nichts sah vergilbt , verblaßt aus . Die vielen Bekanntschaften , die der Dechant in der Nähe und Ferne sorglichst pflegte , hielten alles jung und angehörig der heitersten Gegenwart ... Schon längst war zwischen Oheim und Neffen über ihr verschiedenartiges Verhalten zu ihrem gemeinschaftlichen Beruf ein Abkommen getroffen . Bonaventura liebte den Oheim wie seinen Vater ... Er konnte noch jetzt , wie einst als Kind , die weiße , wohlgepflegte Hand des Greises an seine Lippen ziehen : so zärtlich empfand er für ihn ... Sammelt sich doch ohnehin der zurückgestaute Schatz von Liebe im Herzen eines katholischen Priesters und muß irgendwie und irgendwo hinausströmen , um das übervolle Herz nicht zu zersprengen ! In Bonaventura war dieses Bett seiner Empfindungen die Kirche , sein Beruf , seine Heerde ... und doch konnte er den Dechanten seinen weisen , menschenfreundlichen , lieben Philosophen nennen und der Dechant wieder nannte ihn seinen Heiligen , seinen künftigen Franz von Sales oder Carlo Borromeo und decretirte ihm , wie Paula , die Seherin , noch einst die Mitra eines Erzbischofs , den Purpur eines Cardinals . Von dem Liebesdienste , den ihm gestern in so später Stunde gleich nach seiner nicht mehr erwarteten Ankunft Bonaventura abgenommen , wurde nicht viel gesprochen . Das Kommen und Gehen der Menschen , Geburt , Leben und Tod ist die tägliche Erfahrung dieser Männer , wie beim Arzte das Befinden ihrer Patienten ... Dennoch blickte der Dechant düster und mit schmerzlicher Miene in den sonnenhellen Morgen , in die geöffneten Fenster , die grüne Linde und das Hüpfen der gezähmten und an die Brosamen des Frühstücks gewöhnten Vögel . Diese wagten sich vor zwei Bewohnern heute nicht ins Zimmer . Bonaventura war eben im Begriff , mit einem Körnchen weißen Brotes einen der Spatzen zu überzeugen , daß sich durch ihn hier nichts geändert hätte , daß jeder Hungerige getrost kommen könnte auf den Frühstückstisch , wo in altem geschnörkelten Porzellan Chocolade servirt wurde , die dem Dechanten , wie er behauptete , das Blut erwärmte und ihm mehr Lebensstimmung gäbe , als der nach ihm die Melancholie nährende Kaffee ... Er bereitete sich diese Chocolade , auch nachdem er die Messe gelesen - das Messelesen selbst mußte nüchtern geschehen - mit eigener Hand ... Windhack brachte dann siedendes Wasser , das auf einer Theemaschine im Kochen erhalten wurde . In ein kleines Gefäß wurde das Wasser durch einen Hahn abgelassen und während es langsam strömte , mußten die dünnen Scheibchen der Chocolade , die der Dechant dem Strahl entgegenhielt , schmelzen . Nach jedem geschmolzenen Stücke quirlte er die gewonnene Auflösung , die er so oft mit neuen Täfelchen wiederholte , bis sein Geschmack getroffen war . Er behauptete , diese Art der Chocoladebereitung wäre die einzig richtige . Er hätte sie einst von seinem Bruder Max , Benno ' s Adoptivvater , gelernt , als dieser aus Napoleon ' s in Spanien kämpfender Armee verwundet zurückkehrte und damals ein Knäblein von wenigen Monaten mitbrachte gen Borkenhagen , wo er zum besten der ganzen Familie Landwirth werden wollte , unsern Benno , der indessen dem Haarrauch acclimatisirt und der Familie längst wie ein geborener Angehöriger war . Die heute so düstere Miene des Dechanten galt zuvörderst dem Mismuth über die abendlichen Enthüllungen wegen Lucinden . Noch wußte er nichts von dem nächtlichen Vorfall und der bereits schon definitiv erfolgten Kündigung . Bonaventura gab Lucinden sogar das Zeugniß , daß sie dem Onkel eine anregende , originelle , wenn auch die Menschen etwas wirr durcheinander hetzende Unterhaltung werden könnte . Da wird nichts helfen ! sagte der Dechant . Ihre Erscheinung ruft bei uns Erinnerungen wach , die wir fern halten müssen ! ... Bonaventura wußte , wie wenig gern der Dechant an Schloß Neuhof erinnert wurde ... doch hielt er Lucindens Bleiben für so entschieden noch nicht gefährdet , als es war . Dann hatten die Briefe sehr aufregend auf den Onkel gewirkt , die Angelika Müller durch Benno und Hedemann geschickt hatte und die letzterer schon gestern Nachmittag abgegeben ... Von Benno sah und hörte man nichts . Endlich aber und vorzugsweise galt die düstere Stimmung einigen auf einem Nebentische ausgebreiteten wunderlichen Gegenständen , die im ersten Augenblick vielleicht einem Eintretenden nicht einmal wären aufgefallen , da sie den allgemeinen Nippcharakter des ganzen Mobiliars trugen . Auf dem Tischchen , einem jener zierlichen von Mahagoni , die zu den kleinen Spielpartieen in der Dechanei gebraucht wurden , lagen eine zerbrochene goldene Uhr , ein Gemshorn , ein grüner Schleier , eine Spielhahnfeder , ein Klappmesser mit vielen eingeschlagenen Klingen und ähnliche Gegenstände von verwittertem und verrostetem Aussehen . Dies waren die Sachen , die man in dem Sarg des alten Mevissen gefunden hatte . Warum hatte der Alte diese Dinge so gehütet ? Warum hatte Mevissen , der in seinem eigengezimmerten Sarge schlief , eine so große Furcht vor ihrer Entdeckung gehabt ? Wie hing , da Bonaventura sehr bald aus der Uhr und einem Namenszuge des Messers erkannte , daß diese Gegenstände einst seinem Vater gehört hatten , ein dem Werthe nach so unbedeutender Besitz zusammen mit der Furcht des alten Begleiters seines Vaters , sie durch den Tod in andere Hände gelangen zu wissen ? Warum hatte er , wenn er diese Gegenstände der Welt und ihrem Verkehr entziehen wollte , sie nicht vernichtet ? Die Uhr , das Gemshorn , das Messer ließen sich vielleicht nicht so leicht zerstören ; was aber sollte noch die Aufbewahrung des grünen Schleiers und der Spielhahnfeder ? Die Unfähigkeit , sich alle diese Fragen zu beantworten , beunruhigte auch Bonaventura so sehr , daß er wegen dieser theuern Reliquien zu seinem Oheim gereist war . Der Dechant freilich sagte , als er soeben mit Rührung diese Erinnerungen an seinen Bruder Fritz gemustert hatte , er wisse wohl , wie diese Gegenstände mit dem unglücklichen Ende desselben in Verbindung zu bringen wären . Er könne nur nicht erklären , warum der Diener , dessen Anhänglichkeit und Treue eine seltene und erprobte war , auf diese Andenken einen so ganz unbegreiflichen Werth gelegt hätte . Ja , fuhr Bonaventura fort , wie konnten diese Dinge damals bei dem theuern Todten selbst fehlen , da Sie doch , wie ich hörte , so manche andere Andenken bei ihm fanden , den Trauring meiner Mutter , das Portefeuille mit seinem letzten Willen , die Wäsche , die er in einem Reisesack trug , als er durch das Val de Bagne über den St.-Bernhard nach Aosta wollte , sogar die Schaumünzen , die er in der sogenannten Jupitersebene noch gefunden ? Wie ist überhaupt der Tod meines Vaters verbürgt ! Begruben Sie ihn selbst ? Ich zweifle jetzt an allem ! Bona ! rief der Dechant verweisend . Stand Ihnen denn Mevissen zur Seite , als Sie doch wol eine Untersuchung über den Tod des Vaters anstellten ? Mevissen war ja mein Führer bis St.-Remy , wo der Verunglückte zur Ruhe bestattet liegt ! Ließen Sie denn nicht den Sarg öffnen ? Nie haben Sie mir , nie der Mutter , nie dem Stiefvater erzählen mögen , wie alles beim Ableben des Vaters zuging ! Was sollt ' ich vor eure Seelen diese Bilder des Schreckens führen ! Meine Aeltern liebten sich nicht ! Doch ! Doch ! ... Ich war in Wien , lieber Sohn , und recht wie um mich zu strafen für meinen heitern Genuß der Stadt , erhielt ich dort die Mittheilung , von deinem Vater hätte man seit Wochen keine Nachricht und fürchte ein Unglück . Im ersten Augenblicke glaubte man ... An Selbstmord ? Es ließ sich daran denken ... Um meine Mutter ! Bona , gib diesen Vorstellungen nicht ohne prüfende Gerechtigkeit Raum ! Deine Mutter lebt und liebt dich ! ... Mevissen hatte bereits nach dem Orte geschrieben , wo deine Mutter während der Reise deines Vaters weilte ! Von dort erhielt ich die Nachricht , daß man seine Spur verloren . Er hatte von Genf Abschied genommen , um durch die Walliser Alpen eine Fußwanderung anzutreten , die er ohne Begleitung seines Dieners machen wollte . Wochen waren vergangen , bis Mevissen etwas von ihm erfuhr . Endlich währte dem Diener das Ausbleiben seines Herrn zu lange . Er stellte Erkundigungen bis auf den Weg zum Simplon an und bis nach Martigny . Leider vergebens . Jede Spur schien nach diesen Richtungen hin verloren . Als ich dann mit einer Eile , wie sie nur irgend in der damaligen langsamen Communication möglich war , in Genf ankam , hört ' ich schon , daß seine Spur auf dem andern Uebergange nach Italien , der von Martigny über den großen St.-Bernhard führt , entdeckt worden war , aber auch das , daß sie zu dem sichern Ergebniß seines Todes geführt hatte . Mevissen befand sich auf dem Hospiz der Augustinermönche ; ich reiste ihm nach . Dein Vater , mein edler Bruder , war von einem Schneewetter überfallen , verschüttet , in einen Abgrund gesunken und elend erfroren . So oft der Gleichschritt im gewöhnlichen Dasein mir die Bequemlichkeit als eine zu unverdiente Gnade des Himmels erscheinen läßt , muß ich dieser Tage gedenken und des Anblicks , wie ich meinen theuern Bruder wiedersah ! Wiedersah ? Doch sahen Sie ihn wieder ? Allerdings ! Sie fanden ihn nicht schon bestattet ? Ich hatte den Genfersee hinter mir und fuhr an den immer mehr sich verengenden Ufern der Rhone nach Martigny , wo mir Mevissen , selbst ein Bild des Todes , entsetzt entgegenkam . Von dort nimmt man Saumrosse ; aber mein Gemüth war zu erschüttert , ich legte mir die Wanderung zu Fuß auf . Sie führte durch gesprengte Felsen , an uralten , noch aus der Römerzeit herausblickenden Mauern vorüber , durch das Geröll der Betten wilder Berggewässer , armselige Dörfer , immer höher empor zu jenem Paß , auf dem Napoleon 1800 die Fußtapfen der alten Cäsaren im ewigen Schnee wiederfinden wollte . Tief in den Schluchten , in die der Blick mit grausendem Schwindel sich verliert , weiden die Heerden der Rinder zwischen den Ausläufern der Gletscher . Hier schon befindet man sich auf einer Höhe von 7-9000 Fuß und erblickt dicht neben und über sich in den Felsenriffen die Spuren des sprengenden Frostes und der wenigen im Frühjahr schmelzenden langen Schneegehänge . Ich reiste im Juni und doch wurden die weißen Todtenfelder immer unabsehbarer , die Ausblicke öder und kahler . Die Führer erzählten von einem Fremden , der vor zwei Monaten allein und ohne Warnung anzunehmen den Paß hätte ersteigen wollen . Da hätte plötzlich niederfallender Schnee die Wege verschüttet und den Wanderer auf eine falsche Fährte geführt . Den Unglücklichen , den ich eben sehen sollte , hätte man auf einem vom Wege abgelegenen Felsenzacken gefunden , dicht an einem unermeßlichen Niedersturz ... Sie sahen den Vater ! Ich sah ihn ! Ich sah ihn in jener grauenvollen Morgue , die oft auf viele Jahre die Leichen der auf dem St.-Bernhard gefundenen Verunglückten zur Wiedererkennung durch ihre Angehörigen aufbewahrt ! Gräßliche Erinnerung ! Eine Stunde vom Hospiz entfernt liegt ein kleines Gebäude , ausgesetzt dem schärfsten Zuge der Eisesluft , die das Défilé de Marengo durchstreift . Einer der Augustiner stand schon mit dem Schlüssel an der Pforte des Todtengewölbes und begrüßte mich . Ein und derselbe Glaube , ein und derselbe Beruf , und doch wie verschiedenartig unsere Pflichten ! Ich kam aus Wien mit goldenen Ringen an den Fingern , mit zierlichen Billets in der Brieftasche , die mich zu einem Diner , dort zu einer Soirée eingeladen hatten , noch schwirrten die Opern der Italiener mir im Ohre , die im Kärntnerthor ihre Stagione hielten , und vor mir stand trotz der Kälte im leichten Chorherrenrock ein Priester von nicht viel über dreißig Jahren mit seinem Begleiter , einem ihm mit dem Kopf bis an die Hüfte reichenden Hunde , dessen gewaltige Muskeln , aufmerkende hohe Ohren , fürchterliche Lefzen und Tatzen in einem rührenden Contrast zu dem Körbchen mit Lebensmitteln und dem ledernen weingefüllten Schlauche standen , die an seinem zottigen Halse befestigt waren . In französischer Sprache begrüßte mich der Chorherr und bedauerte die Veranlassung , bei welcher zwei Priester so ihre Bekanntschaft machten . Eine nach niederwärts führende Thür schloß er auf und wir standen in einem Gewölbe , das die erhitzteste Phantasie nicht grauenvoller sich ausmalen kann . Rings an den Wänden Gerippe an Gerippe , und nicht etwa nur völlig versehrte , nicht etwa nur Reste , sondern wohlerhaltene Körper , die die Eisesluft , die durch die offenen , correspondirenden Fenster zieht , an gänzlicher Verwesung verhindert . Niemand wird hier begraben , dessen Identität nicht im Laufe der Jahre hergestellt wird . So standen dort Gestalten schon zwanzig Jahre an die Wand gelehnt ! Vor ihnen lagen auf einem Tische ihre Kleider und die sonstigen Gegenstände , die sie bei sich trugen . Der letzte in der Reihe war ... ja ! es war mein unglücklicher Bruder , dein theurer Vater ... Ich sah ihn stehen ! Vor mir ! Todt ! Von einem Sturz von der Felsenkante , wo man ihn fand , war das Haupt zerschmettert und hing , schon fast nur noch in Knochen , hernieder ! Im übrigen war es sein lieber , edler Eindruck ! Da lagen die Kleider , die ich nur zu gut kannte , da lag das Portefeuille , das ich an mich nahm , da lag noch sein Geldbeutel mit dreißig Napoleons und etwas kleiner Münze und einigen römischen , wie man sie in diesen Gegenden oft findet , ein Plan der Schweiz , ein Fernrohr , Billets zur Ueberfahrt über den Genfersee , einiges weißes Brot , eben noch wie davon abgebrochen , eine Korbflasche mit Kirschengeist , Handschuhe , Tragbänder , der Trauring deiner Mutter ... alles ... alles ... Die Träger bürdeten es sich dann mit der Leiche auf . Ich stieg mit dem Mönch zum Hospiz empor . Die Leiche blieb da so lange in der Kapelle , bis man sie auf meinen Wunsch nach der südlichen , italienischen Seite zu , über dem Orte St.-Remy beerdigte ! Der Dechant schwieg ... Nie hatte er diese Schilderung so genau gegeben . Nur einmal vor den Gerichten und einmal - vor dem jetzigen Kirchenfürsten , als dieser noch die Geschäfte eines Generalvicars verwaltete und die Heirath der Witwe beanstanden wollte . Der Trauring meiner Mutter ! wiederholte Bonaventura schmerzlich . In ihm liegt - die ganze Lebensfrage unserer Kirche ! Das ist ein Abgrund , mein Sohn , wie auch unsere Ehelosigkeit ... sagte der Greis . Laß es ruhen ! Beide Priester schwiegen ... In diesem Schweigen lag der Schauer zweier Jahrtausende . Eine Weile verging - - So also war es ! begann Bonaventura wieder voll Schmerz . Und doch wie ist es möglich , daß diese Gegenstände vor uns auf dem St.-Bernhard damals fehlten ? Warum hat sie Mevissen ohne Ihr Wissen an sich genommen ? Warum nahm er sie mit ins Grab ? Der Dechant schwieg ... Ich weiß es nicht ! sagte er dann nachdenklich . Mevissen wohnte allen diesen Vorgängen bei , die Sie schilderten ? In aufrichtigster Trauer ! Wir legten oben auf dem Hospiz alles zusammen , was deiner Mutter zu übersenden war . Diese Gegenstände dort fehlten , das weiß ich genau . Da das Geld unangerührt war , gedachten wir nicht der Uhr . Die Spielhahnfeder ist ein Hutschmuck der Alpengegenden . Das Gemshorn saß ohne Zweifel als Griff an einem Alpenstock . Der grüne Schleier ist eine Schutzwehr des Auges gegen die blendende Wirkung des Schnees . Gewiß ! Ich sah damals diese Dinge nicht und begreife den Werth nicht , den Mevissen so weit darauf legte , sie so heimlich zu bewahren ! Er war so ehrlich und so treu ... Ich erkundigte mich später in Genf ; ich hatte die sichersten Beweise , daß diese einsame Alpenwanderung deines Vaters , während Mevissen allein im Gasthofe zur Balance zurückbleiben mußte , ihn mit einer durch den Erfolg nur zu sehr gerechtfertigten Unruhe erfüllte . Die Beerdigung in St.-Remy vollzog er mit all der Standhaftigkeit , zu der ich mich nicht aufschwingen konnte . Ich saß erschöpft im Refectorium des Hospizes und schilderte den kindlichen Mönchen die Tugenden des Verblichenen . Wie hätt ' ich sie erfreut , wenn ich ihnen schon damals hätte sagen können , daß der Sohn des Unglücklichen in den geistlichen Stand treten würde ! Ich mußte diese Männer bewundern , die über siebentausend Fuß über dem Meere wohnen , fünfzehn Jahre hier zu verweilen verpflichtet sind und selten , wenn sie auch mit zwanzig Jahren schon vom Bischof zu Sitten hierher entsendet werden , ihr fünfunddreißigstes Jahr erreichen . So wüthen die Stürme , so dorrt der Frost die Glieder aus , so verbraucht die tägliche Anstrengung , die es kostet , nur allein die nächsten Bedürfnisse auf diese Höhe zu bringen , nur Holz und Wasser ! So oft ich jene vermessenen Reden unserer Geistlichkeit höre , Reden , wie ich sie noch gestern wieder vernahm , möcht ' ich doch aufstehen und eine Schilderung des Lebens der Augustinerchorherren auf dem St.-Bernhard geben und rufen : Hic Rhodus ! Hic salta ! Da zeigt euern Heldenmuth ! Bonaventura schüttelte sein Haupt , hob sein braunes Auge wie verklärt und erwiderte : Nein , Oheim ! Was ist es denn , was diesen Menschen dort oben selbst den Schnee so rosig erglühen läßt , daß sie ihn auch ohne die Sonne wie nur in Purpur getaucht zu erblicken glauben ! Es ist die himmlische Sonne , die sie bescheint , die moralische , daß sie sich fühlen in einer großen Gemeinschaft , der zu Liebe diese und alle Opfer dargebracht werden ! Laßt diese Priester der Ebene doch vermessen reden und sich ihrer Rechte und Pflichten rühmen ! Würde nicht schon in der Ebene dieser Geist der Hingebung gepflegt , allmählich aufgezogen , allmählich herangebildet , wie könnte er in die Berge steigen ! Nein ! Aus einer einzelnen zufälligen Entschließung des edeln Herzens hier und dort ist es nicht möglich jene jungen Männer dort oben wohnen , wirken , früh dahinwelken zu lassen ! Sie würden vielleicht zuweilen in größerer Anzahl sich einstellen , als sie nöthig sind ; öfter aber auch würden sie ganz fehlen . So muß es eine Pflanzschule dieses Geistes der Aufopferung geben , irgendeine magische Zauberformel muß sie alle halten und regieren . An dem Muth , dort unter den Gerippen und dem Schnee des St.-Bernhard auszuhalten , arbeitet der streitende Geist derer hier unten mit ! Das ist ja das Geheimnißvolle in unserer Kirche , daß sie ein Zusammenwirken tausendfacher Kräfte ist , wo sie wunderbar durch die Formen ersetzt , was an den Personen sich heute findet , morgen fehlt . Unsere Kirche befreit den Geist von den Launen des Zufalls , der Natur ! O daß das so wenig verstanden wird ! Unsere Methode ist groß ! räumte der Dechant ein ; seufzend aber setzte er hinzu : Soviel Schönes , soviel Erhabenes in unserer Kirche , so vieles , was den poetischen Menschen in uns mit den tiefsten Ahnungen und Schauern durchrieselt - wenn nur so vieles andere , was dem Menschengeiste von unsterblichem und göttlichem Werthe sein darf und muß , nicht in ihr verloren ginge ! Dies Thema trennte beide wie immer ... Ein rätselhaftes Gefühl drängte den Dechanten , während der entstehenden Pause seinem Schreibtisch zuzulangen , als müßte er jenen Brief von unbekannter Hand Bonaventura mittheilen , jene Aufforderung im Jahre 18 * * am Tage des heiligen Bernhard von Clairvaux unter den Eichen von Castellungo sich zu einem Concil der Befreiung einzufinden ! Doch erblickte er unter den Papieren zunächst nur den Brief Angelika Müller ' s mit den Einlagen ... Auch dessen Inhalt erlaubte es , bei dem Gegenstande zu verweilen , den Bonaventura die Grundlage der katholischen Kirche genannt hatte . Der Dechant war der Meinung , daß die katholische Kirche nicht zu ihrem Vortheil die Ehe zu einem Sakrament erhoben hat . Wo die persönliche