Kopf bis zu Fuß schwarz gekleidet und trugen , während jene ein buntes Tuch um den Kopf geschlungen hatte , breitrandige Strohhüte von geschmackvoller Form , die ihnen ein freies , kühnes Aussehen gaben . Die ältere sah gar nicht wie eine Zigeunerin aus , sie hatte hellbraune Haare und ein Gesicht wie Milch und Blut , aus welchem ein Paar hellgraue Augen keck und lustig hervorblitzten ; über ihrer vollen Brust wogte eine silberne Kette auf und ab , und ihre Finger strotzten von Ringen . Die jüngere , die ihr Bruder Katharina geheißen , war ohne allen Schmuck , bis auf ein brennend rotes Halstuch , das der Farbe ihres Gesichts und Halses verführerisch zu Hilfe kam ; denn wenn sie auch so wenig wie ihre Schwester einer Zigeunerin gleich sah , so ließ doch ihre Färbung den zigeunerischen Ursprung verraten ; sie hatte dunkelbraune Haare , und ihre Haut stach von dem hellen Aussehen ihrer Schwester mächtig ab , war aber ebensoweit entfernt von jener schmutzigen Hautfarbe , die ihre Mutter und ihren Bruder unverkennbar zu Zigeunern stempelte , sondern näherte sich dem reinen Braun des Erzes , so daß das Blut lebenswarm , gleichsam von der Farbe des Halstuches angelockt , durch die Haut hindurchschimmerte . Beide Schwestern waren von Gestalt untadelhaft . Auf den ersten Blick schien die ältere , solange sie durch ihr entgegenkommendes Lächeln bezaubern konnte , die schönere zu sein ; bald aber mußten einem unverdorbenen Blicke ihre Augen , die sie unnötig zu erweitern suchte , zu grell erscheinen , und das ewige Lächeln , das ihren Mund ins Breite zog , fand ebenfalls bald seine Erklärung : er war von Natur etwas zu groß , und um dies zu verbergen , liebte sie die Zähne zu zeigen , die freilich so blendend weiß waren , daß man ihr das Auskunftsmittel nicht verargen konnte . Die Mutter war eine alte häßliche Zigeunerin mit unheimlich blitzenden Augen , einer vorspringenden Nase , die das ganze Gesicht aufwog , und einem zahnlosen , von tiefen Furchen umgebenen Munde darunter . Die drei ungleichen Kinder , die sie ihre Mutter nannten , ein echter Zigeuner , eine völlige deutsche und eine Halbzigeunerin , konnten unmöglich von einem und demselben Vater stammen . » Es ist uns eine große Ehre , den Herrn Sonnenwirt bei uns zu sehen « , sagte die Alte , indem sie die Vorstellungsfeierlichkeit erwiderte , » wir haben so mächtige Dinge von Ihnen gehört , daß wir uns über Ihren Besuch sehr glücklich schätzen müssen ; und ich wünsche nur , daß es dem Herrn Sonnenwirt bei uns recht lang gefallen möchte . « » Bitt Ihnen ! « stammelte der Gast verlegen und bescheidentlich . » Ich bin nicht Sonnenwirt . Mein Vater ist immer noch auf der Wirtschaft . Man hat mich in meinem Ort eben den Sonnenwirtle geheißen , wie man des Anwalts Sohn den Anwältle heißt , und wie man des Amtmanns seinen , wenn der nämlich einen hätt , den Amtmändle heißen würde . Weiter ist ' s nichts . « Alle lächelten , und selbst der rauhe Schwamenjackel verzog den Mund ein wenig . » Nun sitz dich endlich , Bruder Sonnenwirt ! « sagte der Zigeuner lachend . » Wir sind freie Leute ; was kümmern uns Rang und Titel in dieser einfältigen Welt ! Wenn ' s dir aber nicht genehm ist , deines Vaters Titel zu führen , nach dem du freilich kein großes Verlangen verspüren wirst , so wollen wir dir seinen Namen geben . Reicht dem Friedrich Schwan die Hände , Mädels , und das mit Respekt , und nun wieder zu unserm Geschäft ! « Die beiden Mädchen nebst der Mutter gaben dem Gast die Hände , wobei die ältere Schwester ein warmes Fingerspiel mit unterlaufen ließ , die jüngere aber sich auf einen kurzen Handschlag ohne irgendeinen Druck beschränkte . Er wurde zwischen die beiden Schönen gesetzt , und die Mahlzeit nahm ihren Fortgang , wobei ein köstlicher Wein aus einem Fäßchen , dessen Handhabung Bettelmelcher übernommen hatte , fleißig die Runde machte . Friedrich konnte dem Reiz der Speise und des Getränkes nicht widerstehen und entschuldigte seine durch lange Entbehrung gesteigerte Begierde mit einer auf dem Anstande durchwachten Nacht . Man sprach ihm eifrig zu , und die beiden Mädchen wetteiferten , ihn zu bedienen , wobei die ältere ihn durch Schnelligkeit zu gewinnen suchte , die jüngere aber ihm seltener , jedoch ausgewähltere Bissen vorlegte . Mit Wein versah ihn die ältere aufs reichlichste , und bald kreiste das Blut rascher durch seine Adern ; die jüngere reichte ihm nur dann das Glas , wenn es längere Zeit nicht an ihn gekommen war und die ältere ihren Dienst im Schwatzen vergessen hatte . Die Mahlzeit ging in munteren Gesprächen hin , die sich großenteils auf ihn selbst bezogen und in welchen er bald mit gröberen , bald mit feineren Schmeicheleien überhäuft wurde . Selbst seine Büchse wurde gelobt , und er glaubte zum erstenmal in einer Welt zu sein , die alles an ihm vortrefflich fand . In diesem behaglichen Zustande störte ihn nichts als das Benehmen der älteren Schwester Margareta , das er auf die Länge auffallend zudringlich fand : sie setzte ihm mit mehr als herausfordernden Blicken und Reden zu und wußte sich dabei auf eine Weise an ihn anzuschmiegen , die ihn zugleich abstieß und doch entzündete . Dies hatte zur Folge , daß er das Feuer , das sie in ihm anfachte , mehr und mehr ihrer jüngeren Schwester zuwendete , die nicht bloß durch ihre Zurückhaltung gewann , sondern bei längerem Anschauen nach und nach eine Schönheit entfaltete , welche das Auge zu immer häufiger wiederholten Besuchen einlud . Diese Schönheit bot weit mehr ein Ganzes dar als die zusammengesetzten Reize ihrer buhlerischen Schwester . Auch konnte der strenge Ernst , der in dem dunklen Gesichte mit der geraden wohlgebauten Nase vorzuherrschen schien , einem warmen Lächeln weichen , die festgeschlossenen Lippen konnten zu einem Scherzwort auftauen , das den freien Ton der Unterhaltung überbot , und wenn ihr schwarzbraunes Auge einmal flüchtig über den Gast hinstreifte , so war es ihm , als ob sie hinter diesem stillen Blick eine Glut verberge , die sie plötzlich verzehrend auflodern lassen könnte . Er sagte sich vor , er wolle sie nur ein wenig auf die Probe stellen , indem er , durch Margaretens freches Strohfeuer erhitzt , sein Knie an das ihrige drückte ; sie rückte aber leise weg , und er beschloß , den Versuch nicht so bald zu wiederholen . Der » Balo « war unter Scherzen und Erzählungen verspeist , wobei die Geschichte des Ausbruchs von Hohentwiel , der einem der drei Kühnen das Leben gekostet hatte , den Hauptgegenstand bildete , und das auf einem Baumstumpf aufgelegte Fäßchen war schon geneigt , als der Zigeuner zum Beweise für die Schlechtigkeit der Welt die Lebensgeschichte des neuen Freundes zu erzählen begann und ihn dadurch zu Berichtigungen und Ergänzungen nötigte . Die Mitteilung wurde mit der lebhaftesten Teilnahme aufgenommen , und selbst Schwamenjackel bemerkte , es sei scheußlich , so mit einem Menschen umzugehen . » Wie könnte es mir einfallen « , sagte die alte Anna Maria , » meine Kinder im Heiraten beschränken zu wollen ! Ich hab ihnen stets ihren Willen darin gelassen , es ist ja ganz ihre eigene Sache . « Am stärksten aber verurteilte die Gesellschaft das Benehmen der Obrigkeit , die sich in Dinge gemischt habe , welche sie gar nichts angehen . Dabei wurde Friedrichs Standhaftigkeit mit Bewunderung hervorgehoben , und das Gefühl des erlittenen Unrechts , das schon zuvor an ihm zehrte , immer heftiger in ihm angefacht , bis es zuletzt ihm wie den andern feststand , daß die Welt aus lauter Spitzbuben bestehe , die man mit allen Waffen zu bekämpfen berechtigt sei . Die Weigerung des Pfarrers endlich , eine Trauung ohne Trinkgeld , wie es Schwamenjackel nannte , vorzunehmen , rief eine Empörung hervor , welche , von Leuten dieses Schlages ausgesprochen , einen besonderen Nachdruck erhielt und sie selbst wiederum in den Augen des Neulings , besonders wenn er ihre gesellschaftliche Stellung mit der Amtswürde des habsüchtigen Geistlichen verglich , bedeutend heben mußte . Sie bekannten sich sämtlich für gute katholische Christen und versicherten mit nicht geringem Stolze , daß ihre Konfession an solchen abschreckenden Beispielen weit ärmer sei . » Wißt ihr das Stückchen vom Leutnant Löw und seinem Louisd ' or ? « fragte die jüngere der beiden Zigeunermädchen , und auf Verneinen der anderen erzählte sie : » Eine arme Frau mit einem Kind steht weinend an der Kirche . Begegnet ihr ein Jud und fragt , warum sie weine . Der Pfarrer will mein Kind nicht taufen , sagt sie , weil ich die Taufgebühr nicht zahlen kann . Ei , sagt er , da ist bald geholfen , und gibt ihr einen Sonnenlouisd ' or , sie solle ihn dem Pfarrer bringen und sagen , eine Christenseele habe ihr aus der Not geholfen . Darauf geht sie in die Sakristei , und wie die Kirche aus ist , kommt sie ganz vergnügt heraus . Nun ! wie hat ' s gegangen ? fragte der Jude , der auf sie gewartet hat . Das Kind sei glücklich getauft , sagte sie , sie hätte freilich geglaubt , der Pfarrer solle ihr auf das Gold herausgeben , was ihm nicht eingefallen sei ; aber dennoch hat sie dem Juden tausendmal gedankt . Gott ' s Wunder , sagt der Leutnant Löw , wenn der Pf äff herausgegeben hält , so war der Spaß freilich noch größer , aber Dank ' s wert ist ' s auf keinen Fall , denn der Luckedor war falsch . « Die Gesellschaft brach in ein unbändiges Gelächter aus , in welchem sich Schwamenjackels Stimme durch ein eigentümliches Grunzen unterschied . Bettelmelcher lachte , daß ihm die Tränen in den Augen standen . » Leutnant Löw ? « fragte der Gast , als man sich müde gelacht hatte . » Unter welchem Militär gibt ' s denn jüdische Offiziere ? « Das Gelächter brach von neuem so heftig aus , daß er , in der Überzeugung , ungeschickt gefragt zu haben , mitlachen mußte . » Diese Art Militär « , belehrte ihn der Zigeuner , » ist bei Mergental zu Hause , steht aber nicht im Dienste des deutschen Ordens , obwohl unter allen Ländern dort am besten zu leben ist , denn der Deutschmeister hat gelobt , nie einen mit einer Todesstrafe zu belegen und nie die Auslieferung eines Flüchtigen zu verlangen , und alle seine Untertanen vom Schultheißen bis zum Nachtwächter halten ' s mit uns ; dort ist kein Bub und kein Mägdlein , das nicht Jenisch versteht . Darum wird auch kein vernünftiger Koch um in jenem Gebiet etwas anstellen , aber es ist ein sehr günstiges Terrain , um von da aus in der Umgegend mit Unternehmungen aufzutreten . Drei Leutnants haben dort Gesellschaften gegründet mit einer Einrichtung , die man sonst nirgends trifft . Jeder hat ungefähr dreißig Mann unter sich , meist Juden , auch Zigeuner , und im Notfall werben sie auch sonst taugliche Leute dazu . Wenn ein Koch unternommen werden soll , so wird zuerst der Waldoberer ausgeschickt , der die Gelegenheit auskundschaftet und dafür seine besondere Belohnung erhält . Der kauft dann etwa einem Bauern ein paar Ochsen ab und sieht , wo er das Geld hintut , damit man ' s wieder holen kann und weiteres dazu . Dann schickt der Leutnant seine Knechte aus und läßt seine Leute von Ort zu Ort - bei den Judenschulen trifft man sie am sichersten - auf einen Sammelplatz zusammenbieten , reicht ihnen auch , bis die Sache ausgeführt ist , was oft acht Tage und darüber ansteht , allen ihr regelmäßiges Taggeld nebst Unterhalt , und wenn das Unternehmen gut ausfällt , noch obendrein jedem seine Portion . Nach der Verteilung der Beute stellt er sie in einen Kreis , liest die Namen ab und heißt sie dann einzeln auf verschiedenen Wegen sich fortmachen , nicht trinken , nicht spielen , bloß bei den Juden über Nacht bleiben und still zu Hause warten , bis er sie auf einen anderen Koch zusammenberufen werde . Bei dem Unternehmen müssen sie streng Order parieren , und es wird nicht jeder angenommen , sondern scharfe Auswahl gehalten . Der Jägerkasperle - du wirst ihn kennenlernen , wir erwarten ihn täglich hier - der hat einmal mitgehen wollen , aber der Leutnant Löw hat ihn bei der Musterung von oben herab angesehen und gesagt , was man denn mit dem kleinen schlechten Kerl tun wolle , es seien ohnehin Leute genug da , man solle ihm etwas geben und ihn fortweisen . Darauf hat ihm ein Unterbefehlshaber einen Gulden geschenkt ; der Kleine ist heut noch wild darüber . « » Das war auch nicht recht « , bemerkte Bettelmelcher , » denn der Jägerkasperle ist zwar nicht groß , aber ein solch rahner , flüchtiger , gewandter Bursch , daß er ' s mit dem Teufel aufnimmt , freilich mehr in List als Gewalt . Er lobt besonders den Welzheimer Markt . Ich freue mich sehr auf den lustigen Bürsten-und Kehrwischhändler , der sich die Leute durch so hohe Preise vom Leib zu halten versteht , daß ihm gewiß niemand seinen nötigen Vorrat abnehmen wird . Auch auf sein kleines sauberes Frauele freu ich mich : sie ist eine treffliche Bemutter und wird nicht leicht eine so geschickt einen Beutel wegzustibitzen wissen . « » Jawohl « , sagte der Zigeuner . » Diese Juden « , fuhr er in seiner unterbrochenen Rede fort , » sind ganz verfluchte Kerls . Sie haben ein Regiment und Staat errichtet , dergleichen zwischen Rhein und Donau nirgends ein ähnliches existiert , und die Sache wär wohl der Nachahmung wert . Sie müssen einen unbegreiflichen Profit davon haben , denn sie zahlen nicht bloß nobel aus , sondern wenn ein Unternehmen mißglückt , so fallen alle Kosten auf sie allein . Und doch haben sie immer Geld genug , tragen goldene Uhren , gehen im feinsten Tuch proper gekleidet , und die vornehmsten Juden halten es mit ihnen . Wollen wir ' s nicht auch einmal probieren ? « setzte er lächelnd gegen den Gast hinzu . » Da wird ' s für einen Anfänger nötig sein , sich ein hebräisches Wörterbuch anzuschaffen « , bemerkte die alte Zigeunerin mit wohlmeinendem Tone gegen denselben , » denn das Jenische reicht bei ihnen nicht ganz aus , sie mischen mehr hebräische Wörter darunter . Übrigens « , wendete sie sich gegen ihren Sohn , » sehe ich nicht ein , warum man den Juden in ihren Sack arbeiten soll . Und wie lang werden sie ' s noch mit ihren Gewalttaten treiben ? Ich bin überhaupt nicht für diese Art von Arbeit . Diese Einbrüche machen einen großen Lärm weit umher , verderben das Terrain , mißlingen oft und tragen im besten Fall nicht viel ein , weil der Gewinn in zu viele Teile geht . Ich lobe mir die stillen sichern Marktunternehmungen , wie sie in unserer Familie bisher gebräuchlich gewesen sind . Kennt unser Gast die Fuhre ? Ich denke , wir dürfen ihn als einen Kochum , das heißt , wenigstens als einen vertrauten Mann betrachten ? « » Ich bürge für ihn « , rief der Sohn , während der Gast erwiderte , daß die Fuhre ihm bis jetzt ein unbekanntes Wesen sei . » Die Fuhre « , belehrte ihn die alte Zigeunerin , » ist eine zweckmäßige Kleidung für den Marktgang - « » Ja , sie gehört eigentlich ins Gebiet der Moden « , unterbrach Bettelmelcher lachend . » Richtig , und ist . eine sehr sinnreiche Mode - « » Für die Weiber « , sagte Schwamenjackel . Die jungen Leute lachten zusammen . » Für die Weiber « , fuhr die Alte geduldig fort , indem sie jedoch zugleich einen stechenden Blick nach dem Unterbrecher sendete . » Ober- und Unterkleid , welche sehr weit und faltig sind , werden am unteren Saum rings mit einem Faden zusammengezogen , der innen auf beiden Seiten bis zu den hohlen Taschenöffnungen heraufgeht . Auf diese Weise bildet das Kleid einen großen Sack , in den eine tüchtige Schottenfellerin zwei , drei Ballen von je zwanzig Ellen und mehr nacheinander hineinpraktizieren kann , ohne daß jemand eine Spur davon sieht . Ist das Gepolster zu groß , so deckt man ' s mit dem breiten Strohhut zu . Der Krämer muß sich ' s gefallen lassen , daß man vor seine Bude tritt und seine Waren prüft . In der Regel hütet er nur die kleineren Stücke und denkt nicht daran , daß ihm so ein großer Pack verschwinden kann . Wenn er aber etwas merkt , so zieht man nur den Faden auf , daß die Ware durch die Säume auf den Boden fällt , hebt sie auf , als ob man sie zufällig vom Tische gestreift hätte , und überreicht sie mit dem größten Anstände von der Welt , so daß er noch höflich danken muß . « » Das Schottenfellen « , bemerkte der Gast , » scheint mir also bloß ein Geschäft für die Frauenzimmer zu sein . Da haben ja die Männer das Zusehen . « » Ein rechtes Frauenzimmer wird sich ' s stets als ein Glück anrechnen , für ihren Geliebten arbeiten zu dürfen « , sagte die ältere der beiden Schwestern zärtlich zu ihm . » Die Weiber sind flinker und gescheiter als die Männer « , bemerkte die jüngere stolz . » Was die mit ihren plumpen Fingern bei einem Einbruch davontragen , reicht oft nicht , um einen Tag zu leben , während ich auf einem guten Markt , wie sie am Rhein drüben sind , ein paar hundert Gulden an einem einzigen Tag verdienen will . « » Vom Weibsverdienst zu leben , das war nicht nach meinem Geschmack « , versetzte der Gast . » Und ich « , erwiderte sie , » möcht mich nicht von einem Mann erhalten lassen . Lieber will ich ihn erhalten , wenn mir einer gefällt . « » Die Männer sind nicht so müßig dabei , wie man meint « , sagte die Alte . » Sie haben auf dem Markt einen wichtigen Dienst zu versehen . Einmal müssen sie ihren Schottenfellerinnen die Waren in Sicherheit bringen , damit diese , wenn gerade ein guter Tag ist , wieder ihrer Arbeit nachgehen können . Dann müssen sie den Markt bewachen , nicht bloß gegen die Fleischmänner , die dort Aufsicht halten , sondern oft auch gegen Bekannte , die sich einen Anteil vom Ertrag nehmen wollen und vorgeben , man habe ihnen den Markt verderbt . Ein Mann hat also oft alle Hände voll zu tun , wenn der Markt glücklich ausfallen soll , und einer allein ist nicht immer Manns genug , denn wenn ' s Lärmen gibt , die Fleischmänner über die Weiber herfallen und sie gefangen nehmen wollen , so müssen die Männer sie oft mit Gefahr ihres Lebens befreien . « » Das läßt sich eher hören « , sagte der Gast . » Ja « , fiel der Zigeuner ein , » da ist im Pfälzischen drüben so ein vermaledeiter Kerl , der Kastor , der ' s mit der Kostenbärbel und ihrer Tochter hält . Der führt eine schöne Polizei auf den pfälzischen Märkten , läßt die beide Canaillen unter seiner Aufsicht stehlen , soviel sie wollen ; aber andern ehrlichen Leuten , die ein Geschäft machen wollen , paßt er um so schärfer auf und jagt ihnen alles wieder ab , nicht für das Amt , sondern für seinen eigenen Sack . Auf dem Bruchsaler Markt , weißt , Margarete , wie wir einmal miteinander dort gewesen sind , da hat er mich auf einmal mit meinem Namen angeredet und hat mir mit Verhaftung gedroht , wenn ich ihm nicht sechs Karolin gebe . Unser ganzes Vermögen bestand damals in einem Schwerttaler und einem Stückchen Wollendamast . Das hat er uns alles abgejagt und der Margarete noch obendrein ihre Haube mit feinen Spitzen , die nicht einmal vom Markt und wenigstens fünf Guldenwert war , und hat uns versprochen , daß er ' s uns auf dem Germersheimer Markt wiedergeben wolle , wenn wir uns gut halten und ihm die Hälfte unseres dortigen Ertrages abtreten wollen . Hätt ich einen einzigen entschlossenen Mann bei mir gehabt , wie ihr drei seid , da hätten dem infamen Kerl die Ohren sausen sollen . « » Bei einem Nachtgang « , bemerkte Schwamenjackel , » ist doch mehr Mannhaftigkeit und auch mehr Spaß . « » Die Mutter meint ja nicht , daß man die Branche ganz aufgeben soll . Zur Abwechslung kannst du dir immer wieder einen Spaß machen . Aber recht hat sie : es kommt nicht viel dabei heraus und macht ein Aufsehen , daß gleich eine ganze Gegend davon voll ist und daß man viel Berg und Täler zwischen sich und den Ort schieben muß . Warum haben wir Geld ? Warum können wir herrlich und in Freuden leben , heut und alle Tage ? Weil wir auf den rheinischen Märkten gute Geschäfte gemacht haben . Es ist nur schade , daß man nicht immerfort in der einen Gegend bleiben kann . Wenn aber vier zuverlässige Männer , wie wir , mit unsern Weibern zusammenstehen , dann können wir alle Märkte im schwäbischen und fränkischen Kreis beherrschen . Keiner darf uns ins Handwerk pfuschen , weil die andern nicht zusammenhalten , und gehen wir nach einem festen Plan zu Werke , so daß immer eine gute Zeit verstreicht , bis wir auf den nämlichen Markt zurückkommen , dann können wir ungestört fortarbeiten bis an unser seliges - « » hänfenes Ende ! « ergänzte Bettelmelcher . » Das hat keine Gefahr , beim Schottenfellen am allerwenigsten « , entgegnete der Zigeuner . » Nein , nein , das Projekt ist gut « , versetzte Bettelmelcher . » Wo aber die Kunden herbekommen , an die man die Waren absetzen müßte ? « fragte der Neuling . » Den Kattun oder Damast kann man doch nicht essen oder trinken . « » Das laß deine geringste Sorge sein « , erwiderte der Zigeuner lachend . » In ganz Franken und Schwaben « , sagte seine jüngere Schwester , » gibt ' s Pfarrer , Schultheißen , Wirte und sonst honette Leute genug , die bei einem wohlfeilen Einkauf ein Auge zudrücken . Alle Welt verwünscht die Krämer , die auf ihre Zunftrechte pochen , mit dem hundertfachen Profit nicht zufrieden sind und das Publikum mit ihren Sündenpreisen betrügen . Wer diesen Schelmen ihren Raub abjagt , ist den Käufern so lieb , wie den Bauern der Wildschütz , der ihre Felder bewahrt . Und da wir einmal von einer festen Ordnung reden , so meine ich , man könnte ebensogut einen planmäßigen Handel einrichten , feste Preise machen und vertraute Leute zum Wiederverkauf aufstellen , damit man nicht christlichen und hebräischen Juden preisgegeben und genötigt wäre , jedes Stück gleich wieder zu verschleudern . « » Davon hab ich eben reden wollen « , versetzte die Zigeunermutter , » aber meine Christ - meine Katharine « - verbesserte sie sich , » kommt mir mit ihrem schnellen Geist zuvor . Dieser Handel müßte jedoch großenteils in Person betrieben werden , da man von den meisten Unterkäufern , wie wir aus Erfahrung wissen , doch nur betrogen wird und sich nicht hinlänglich gegen sie schützen kann . Ihr könnt euch jetzt schon denken , wo ich hinaus will . Wir müßten mit unsern Reisen zugleich einen wandernden Kramhandel für gemeinschaftliche Rechnung verbinden , der sich ganz offen in die Karten sehen lassen und viel ehrlicher betrieben werden müßte , als es bei den honettesten Krämern der Fall ist : überall Patente gelöst , jedes Stückchen Ware aufs pünktlichste verzollt , gegen das Gesetz und das kaufende Publikum durch und durch reell und dabei Preise , die jede Konkurrenz schlagen müssen ! Das können wir . Es fehlt gar nichts , als daß wir in der Gesellschaft ein Mitglied haben - « » Und dazu ist unser Freund Schwan wie gemacht ! « rief ihr Sohn dazwischen . » Das will ich ja gerade sagen ! « rief die Alte eifrig . » Man darf unsern Freund nur ansehen . Wenn er Sonnenwirt wäre an seines Vaters Statt oder sonst ein offenes Geschäft hätte , oder mit einer Kramkiste umherreiste , wie ja fürnehme Krämer mit den kostbarsten Waren hausieren - wer würde einem Mann von solch aufrichtiger Physiognomie , von solch leutseligem und bescheidenem Betragen nicht sein Vertrauen schenken ? « » Schönes Kompliment ! « rief Bettelmelcher lachend . » Das heißt mit andern Worten : wir sehen aus wie Spitzbuben und er wie ein Biedermann . « » Alles in seiner Art « , sagte die Alte , » und jeder an seinem Platz ! Was kann unser Freund für sein Gesicht ? Er sagt , er sei um sein Mütterliches gebracht worden . Oh , das ist ein großer Irrtum ! Sein Mütterliches guckt ihm aus dem Gesicht heraus . Die meisten Menschen sehen bloß ihrem Vater ähnlich , und die Männer verhärten sich im Leben , das kann nicht anders sein . Wenn aber einer etwas von seiner Mutter hat , so braucht man die Frau gar nicht gekannt zu haben , man sieht ' s auf den ersten Blick , und wenn er noch so finster und grimmig dreinschaut . Ich verstehe mich auf Physiognomien . Das ist ein Gesicht , mit dem es alle , die sich ehrliche Leute nennen , gern zu tun haben , denn man merkt ihm gleich den Deutschen und , was noch mehr sagen will , den Schwaben an . « Die Augen der Alten ruhten bei diesen Worten mit einer brennenden Wärme auf ihm , als ob ihr altes Herz sich noch von jugendlichem Liebesfeuer durchglüht fühlte . Es belästigte ihn , es lächerte ihn , und dennoch tat es ihm wohl . Erst als ihre ältere Tochter den Ausspruch der Mutter mit tätlichen Beweisen der Zustimmung begleiten wollte , fühlte er einen wirklichen Widerwillen und rückte von ihr weg , wie die jüngere vorhin sich von ihm entfernt hatte . » Die Mutter hat zwei Deutsche zu Männern gehabt « , sagte der Zigeuner lächelnd zu seinen Gesellen . » Das verbirgt sich nicht . Aber ihr Vorschlag scheint mir gut . « » Très bon « , sagte Bettelmelcher , » das Projekt ist insidiös . « Schwamenjackel sagte nichts , sondern schaute gedankenvoll durch die leere Flasche , die er sich vor die Augen hielt . Die stumme Kundgebung bewog seinen Genossen , dem versäumten Schenkendienste gewissenhaft wieder obzuliegen . » Was sagst du zu dem Antrag , Bruder Schwan ? « wendete sich der Zigeuner an den Gast . » Ich rechne mir euer Zutrauen zur Ehre « , antwortete dieser , » aber ich weiß nicht , ob ich auf den Posten tauge . « » Zweifel und Bedenken über deine Fähigkeit lassen wir nicht gelten , da gib dir nur gar keine Mühe « , erwiderte der Zigeuner . » Es fragt sich bloß , ob du Lust und Liebe hast , dich zu einem gemeinsamen Geschäftsbetrieb mit uns zu verbinden , und ich denke , die Antwort sollte dir nicht schwer werden . Du weißt , ich hab dich schon von Hohentwiel aus mitnehmen wollen , und es hat mir nicht gefallen , daß du durchaus nach Ebersbach gewollt hast . Jetzt seh ich ' s noch viel deutlicher ein , daß dein Herumhocken in dieser Gegend zu nichts Gutem führen kann . Deine Hartnäckigkeit bringt dich gewiß noch an den Göppinger Galgen . Mach , daß du in eine andere Luft kommst ; es ist allenthalben etwas zu verdienen . Und was ist das für eine Existenz , für Leben und Sterben hier und da ein Stück Fleisch oder Brot aus einem Haus zu holen und den Hals dabei zu riskieren , oder einem Brenner aus Malice , weil er einen elenden Fusel hergegeben hat , den Brennhafen fortzuschleppen , den man unterwegs liegen lassen muß ! Das mag , wie gesagt , zur Abwechslung dann und wann recht sein , wenn nicht viel dabei auf dem Spiel steht , aber für einen Mann von deinen Gaben - nimm mir ' s nicht übel , Schwan , du weißt , ich pflege offen zu reden , und als dein Freund und Kriegskamerad brauch ich kein Blatt vor den Mund zu nehmen - , für einen Mann , der , wie du , zu etwas Besserem bestimmt ist , ist es ein erbärmliches Handwerk . Ich sag dir , es ist unter deiner Würde , und wieviel du Seide dabei gesponnen hast , wirst du selbst am besten wissen . « Der Gast warf einen unwillkürlichen Blick auf seine abgetragenen Kleider , der dem Redner gestand , daß er ihm recht geben müsse . » Hanf aber « , fuhr dieser fort , » kannst du dabei gerade so viel spinnen , wie bei den schönsten Unternehmungen , die sich der Mühe und Gefahr wenigstens verlohnen . Meinst du , wenn sie dich kriegen , so werden sie mit ihren lateinischen Ausdrücken , die auf alles passen müssen , große Unterscheidung machen ? Mich wundert ' s nur , daß sie dich nicht schon längst am Fittich haben , und es geschähe dir recht ; denn wie du ihnen unter der Nase herumvagierst , das ist kein Mut , das ist Wahnsinn ! Bei uns ist ganz anders für deine Sicherheit