blasses Gesicht , das ersterbende Auge schien in Drohung zu funkeln , zwischen den Brauen faltete sich die Stirn und die keuchende Brust sandte harte , heftige Worte , dem Arzt unverständlich , wie die ganze Unterredung , über die zuckenden Lippen . Die Sclavin beugte das Haupt , große Thränen rollten aus ihren Augen und sie faltete im stummen Gehorsam die Hände über die Brust . Als nun Welland herantrat und leise verkündete , daß der Weg zum Versuch der Flucht geöffnet sei , stürzte die Schwarze nochmals am Lager ihrer Herrin nieder und bedeckte ihren Leib und ihr Antlitz mit Küssen . Dann - die Hände noch ein Mal flehend gegen den Arzt ausstreckend und auf die Kranke deutend , verschwand sie in dem dunklen Gemach . Welland sah sie einer Schlange gleich durch die Oeffnung des Fensters schlüpfen und verschwinden . Athemlos horchte er auf jedes Geräusch , - nur der Schlag seines eigenen Herzens ängstigte ihn , - die Flucht schien gelungen ! Als er , um den Verdacht so lange wie möglich aufzuhalten , den Teppich des Vorhanges wieder möglichst geschlossen und zurück sah auf die Kranke , schien eine tiefe verklärende Freude sich über ihr Gesicht ergossen zu haben . Ihr Mund flehte leise zu ihm auf : Beten ! Der Mann , der seit Kurzem Gefahr und Tod in krassen Zügen um sich gesehen , der der blutigen Bestimmung des Krieges entgegen ging , sank an dem Lager des mißhandelten sterbenden Mädchens , - das er zum ersten Male im Leben sah , - in die Knie , und leise murmelnd strömten über seine Lippen die Gebete der Kindheit . Wie lange hatte er nicht gebetet , wie lange hatte der Dämon des Zweifels und der stolzen Freigeisterei seinen Sinn in Fesseln geschlagen , ärger als der krasseste Aberglaube ! O , wie wohl that es ihm jetzt , glauben und beten zu können so recht aus vollem Herzensgrunde für ein vergehendes Leben , am Sterbelager der fremden Odaliske . Er sah , wie über ihr Antlitz die Schatten des Todes bleicher und bleicher zogen , - er sah das ersterbende Auge sich umfloren mit den ewigen Geheimnissen des Jenseits . Mit einer letzten Anstrengung hob sie die unverletzte Hand gegen ihn empor , streifte einen Ring von ihrem Finger und preßte ihn krampfhaft in die seinen - eine Gabe der Erinnerung . Er fühlte den Puls des Lebens schwächer und schwächer sich verlieren - immer weiter zum Herzen hin - und faltete seine Hände über den ihren . Dann hob sich die Brust noch ein Mal hoch , über die Lippen quoll im Todesseufzer der Name Abdul , des Großherrn Name , der im Arm einer andern Odaliske ruhte , und das schwarze Auge verging glasig und kalt in der Erstarrung des Todes . Mariam hatte geendet ! Lange noch betete der fremde Arzt an ihrem Lager ; dann bedeckte er das Gesicht der Todten mit dem Teppich und schritt ruhig und entschlossen , um das eigene Schicksal unbekümmert , nach der Thür . Auf sein Klopfen öffnete der Wache haltende Eunuch und vom Divan taumelte ihm sein vornehmer Führer entgegen . » Was bringen Sie uns für Nachricht ? « » Sehen Sie selbst Ihr Werk , mein Herr . Die Dulderin da drinnen hat ein Höherer , den Sie Allah , den wir Gott nennen , jeder weiteren Qual entzogen . Das Mädchen ist todt . « Der Minister trat bleich und erschrocken zurück . » Inshallah ! Es war Gottes Wille ! Kommen Sie . « Er wandte sich mit leichtem Schauder von der Thür ab und winkte dem Arzt , ihm zu folgen . Mit der Ruhe des guten Gewissens , aber Verderben und verrätherische Opferung in jedem Augenblick erwartend , folgte ihm Welland stumm durch das Vorgemach , von wo auf den Wink des Effendi zwei Schwarze ihnen voranschritten und sie durch mehrere Gänge und über Terrassen und Höfe geleiteten , bis der Deutsche sich in dem großen ersten Hof des Serails wiederfand , in den von der Stadtseite der Pavillon oder die Pforte führt , von der das Reich den Namen hat , Tag und Nacht von fünfzig Kapidschi ' s bewacht . Hier blieb der Effendi stehen und reichte dem Arzt einen schweren Beutel . » Nehmen Sie , « sagte er , » und schweigen Sie wie das Grab , das Jene bedecken wird . Die Kapidschi ' s werden Sie bis zur Brücke geleiten , - Allah behüte Sie . « Der Arzt wies mit einer ernsten Geberde das Geschenk zurück , um keinen Preis hätte er das Blutgeld angerührt . Dann eilte er rasch durch das Thor , die Begleitung der Kapidschi ' s von sich weisend , und in die noch belebten Straßen . Seine Gedanken waren unwillkürlich auf die Flucht der Mohrin gerichtet und ob sie gelungen . Als er seine Wohnung erreichte , war es nahe an Mitternacht . Nach einer Nacht voll wilder Träume erwachte Welland ziemlich spät , und die schrecklichen Erinnerungen , die seine Seele belasteten , mit Gewalt von sich schüttelnd , machte er sich eben bereit , auszugehen und seinen Freund aufzusuchen , als Baron Oelsner bei ihm eintrat . Derselbe schien etwas echauffirt , suchte aber einen scherzenden Ton anzustimmen . » Was lange währt , wird gut , Doctor , « sagte er lustig ; » ich bringe gute Nachrichten , eben komme ich aus dem Seraskiat und habe diese Depesche für Sie mitgenommen . « - Er warf dieselbe auf den Tisch . - » Rathen Sie , wohin Ihre Bestimmung lautet ? « Welland griff hastig danach . » Man ließ mich hoffen nach dem Hauptquartier ? « » Falsch gerathen . Sie sind zum Oberarzt in Silistria bestimmt , und ich freue mich , daß - ich darf es sagen - meine Bemühungen für die Realisation Ihrer Wünsche nicht ohne Einfluß gewesen sind . « Der Doctor hatte während dessen die Depesche geöffnet und fand darin die erwähnte Ernennung mit der Ordre , sich alsbald nach seinem Bestimmungsort zu begeben , und dem Bujurulteh für die Stationen der Reise . » Sind Sie aber auch bereit , noch heute und zwar so bald als möglich aufzubrechen ? « Welland schaute ihn groß an . » Davon ist Nichts in der Ordre erwähnt . Sie lautet bloß auf Schleunigst . « » Man sagte mir mündlich im Seraskiat , daß man erwarte , Sie noch heute abreisen zu sehen . « » Aber das ist nicht möglich , ich muß doch einige Vorbereitungen treffen ; ich werde sogleich selbst nach dem Seraskiat gehen , um Urlaub auf zwei Tage zu erhalten . « Der Baron schien befangen und dann rasch einen Entschluß zu fassen . Nachdem ein Blick auf die Thür ihn überzeugt hatte , daß sie unbelauscht waren , trat er vertraulich auf den Deutschen zu . » Sollten Sie nicht vielleicht selbst wünschen , « sagte er mit Beziehung , » sobald wie möglich Constantinopel den Rücken zu wenden , um Erinnerungen und Nachforschungen zu entgehen ? Zufällige Ereignisse , wenn sie auch der Schatten der Nacht birgt , können selbst den tapfersten und ehrenwerthesten Mann zur Vorsicht mahnen . « Welland blickte ihn erstaunt an - wie konnte er wissen - » Mein Rath ist , « fuhr der Baron fort , » Sie sind binnen zwei Stunden unterwegs , und Sie wissen , ich meine es gut mit Ihnen . Ich erfuhr bereits heute Morgen die Nothwendigkeit Ihrer raschen Abreise , - das Wie ? erlassen Sie mir - und habe alle Vorbereitungen für Sie getroffen . Die Pferde bis zur ersten Station sind bestellt und ich kann Ihnen die gewiß angenehme Nachricht mittheilen , daß Ihr Freund Caraiskakis bereit ist , Sie zur Stelle zu begleiten . « Welland war befangen von dem Unerwarteten , dessen willenloses Spiel er schien . Er sann vergeblich auf Aufklärung , auf einen Entschluß . » Wenn Sie Geld brauchen , meine Börse steht Ihnen mit jeder Summe zu Diensten , « sagte Herr von Montmarquet . » Doch scheint mir ein solches Anerbieten fast unbescheiden bei einem Mann , der solche Kostbarkeiten besitzt und sie achtlos umher liegen läßt . « Er wies auf den Ring , den Welland von der sterbenden Odaliske empfangen und den er bei der Rückkehr auf den Tisch geworfen , ohne ihn zu beachten . Der Baron nahm ihn auf und ließ das Feuer des großen Solitairs in der Sonne blitzen . » Der Stein ist unter Brüdern mindestens seine zweitausend Imperials werth , jeder Jude im Bazar würde sie auf der Stelle zahlen . Ach habe lange keinen schöneren Diamanten gesehen , und selbst die antike Fassung hat bedeutenden Werth . Wollen Sie den Ring verkaufen ? « Der Deutsche verneinte befangen . » Wohl ! so rathe ich Ihnen wenigstens , ihn sorgfältiger aufzubewahren und weniger zu zeigen . Der Padischah dürfte nicht viele solcher Ringe in seinem Schatz haben ! - Doch um auf etwas Anderes zu kommen ; Sie haben noch keinen Diener und werden doch eines solchen bedürfen . Wollen Sie mir erlauben , dafür zu sorgen ? « » Sie würden Ihre Freundlichkeit damit noch erhöhen . Ich bin außer Stande , irgend Etwas zu bestellen und weiß kaum , wie ich meine Sachen in der kurzen Frist ordnen soll . « » Wohl , ich übernehme die Besorgung und werde einen passenden jungen Schwarzen , der etwas italienisch versteht und geläufig türkisch spricht , Ihnen zuführen . Aber es kann erst am Thor von Edrene geschehen . Jetzt , Doctor , packen Sie Ihren Mantelsack und arrangiren Sie sich mit Ihrer Wirthin . In zwei Stunden wird Ihr Freund mit den Pferden und dem Führer bereit sein . Ich selbst erwarte Sie , wie gesagt , am Thor . Nochmals , lieber Freund , den Rath und die Warnung : es ist am besten für Sie , wenn Niemand , mit dem Sie etwa hier in Verbindung gestanden , vorerst erfährt , wo er Sie zu suchen hat . « Er nahm seinen Hut und entfernte sich eilig . Welland , von all den Eindrücken betäubt , mußte seine ganze Willenskraft zusammen nehmen , um sich eilig mit der Ordnung seines Gepäcks zu beschäftigen , da er , ohne eine Lösung für die ihn bedrängenden Räthsel zu haben , doch einsah , daß der Rath des Barons bedeutungsvoll war und nicht unbeachtet bleiben durfte . Zwei Stunden nachher trat Caraiskakis , zur Reise gerüstet , in sein Zimmer , um ihn abzuholen . Auf die Anweisung des Barons hatte er die Pferde mit Mauro nach Stambul über die Brücke vorausgeschickt und nur einen Hamal7 mitgebracht , das Gepäck des Freundes bis dahin zu transportiren , um so durch die Abreise kein Aufsehen zu machen . Auch wechselten in dieser Zeit in den Pensionen und Gasthäusern Constantinopels die Kommenden und Gehenden so unaufhörlich , daß der Einzelne unbeachtet blieb , wenn er sich nicht selbst bemerklich machte . Welland mit seiner geringen Habe war bereit , und ehe eine halbe Stunde vergangen , fanden sie auf dem Platz vor der Moschee Walide Mauro mit den Pferden . Bald war der Weg durch die Stadt , am alten Serail , der Suleimania und der Moschee Mahmud ' s vorüber , zurückgelegt und Edrene Kapussi erreicht . Hier am Begräbnißplatz kam ihnen der Baron mit einem jungen schlanken Mohren , wohl beritten und bewaffnet und mit einem Felleisen versehen , entgegen , in dem sich nach der Mittheilung des Barons noch verschiedene nothwendige Artikel für seine Freunde befanden . Er empfahl dem Arzt , den schwarzen Knaben , den er ihm als Diener überlassen , freundlich und nachsichtig zu behandeln , da er von gutem Gemüth sei und ihm sicher mit Thätigkeit und Treue lohnen würde ; so wie , wenn sich Gelegenheit durch einen sichern Boten fände , ihm Nachricht von seiner Ankunft und seinem Wohlergehen zu geben , bis das Schicksal sie wieder zusammenführen werde . So schieden sie . Während die kleine Gesellschaft , jetzt aus fünf Reitern mit einem Packpferd bestehend , auf der Straße nach Crevatis und Silivria dahin galoppirte , wenn man diesen kaum der Beschaffenheit unserer Feldwege damals gleichen Pfad eine Straße nennen mag , hatte der Arzt Gelegenheit , seinen neuen jungen Diener mehrfach zu beobachten . Derselbe hatte ihn mit einem tiefen demüthigen Gruß am Thor empfangen und Welland bemerkte , wie seine großen dunklen Augen oft , wenn er sich unbemerkt glaubte , mit lebhaftem Ausdruck auf ihm hafteten . Es war ein schlanker junger Bursche von ausgebildeten , etwas weichen Formen und einem für einen Schwarzen auffallend edel und wohl gebildeten Gesicht , dessen Züge ihm sogar etwas Bekanntes , Gesehenes hatten , ohne daß er sich jedoch zu erinnern wußte , wie und wo . Er rief ihn an seine Seite und redete ihn italienisch an , was der Knabe ziemlich gut zu verstehen schien , wenn er sich auch erst dürftig in der Sprache selbst auszudrücken vermochte . Auffallend war es Welland , daß der Schwarze so wenig das heitere sorglose Wesen seines Volkes zeigte , vielmehr eine Art Schwermuth und Kummer ; doch bemerkte er zugleich aus allen Antworten des Knaben , der sich Nursah nannte , daß er aufgeweckten und scharfen Verstandes war und sich auch hierin von seiner Nation vortheilhaft auszeichnete , die gewöhnlich die größte geistige Stumpfheit zeigt . Auch bei Caraiskakis blieb Welland ungewiß , ob dieser durch den Baron Etwas von seinen schauerlichen Abenteuern der vergangenen Nacht wisse . Der Grieche deutete mit keiner Sylbe darauf hin und erwähnte nur , daß ihm die Benachrichtigung des Barons , Welland werde sofort nach dem Kriegsschauplatz aufbrechen , sehr willkommen gewesen sei . Sie waren bereits über die Bai von Kütschük-Tschekmedsche gesetzt und nicht weit von Kumburgas , als sie unfern von einigen Fischerhütten am Meer halten mußten , um die Fähre abzuwarten , die sie über die zweite Buchtung führen sollte . Da dieselbe noch am anderen Ufer war , machte Welland den Vorschlag , zu den Wohnungen zu reiten und dort die Rückkunft abzuwarten , zugleich um zu versuchen , Wasser für sich und die Pferde zu erhalten . Als sie den Hütten nahten , kamen einige türkische Frauen und Kinder heraus , und eine derselben brachte auf die Bitte einen Krug mit Wasser den abgestiegenen Reisenden . Dabei betrachtete sie aufmerksam den Deutschen , der sich durch seine fränkische Kleidung vor den Uebrigen auszeichnete . Die Türken scheinen den Glauben zu hegen , jeder Franke ohne Unterschied müsse ein Hekim-Baschi , das heißt ein Arzt , sein , und da sie im Ganzen zu den fränkischen Aerzten weit mehr Zutrauen haben , als zu ihren eigenen , ergreifen sie im Innern des Landes jede Gelegenheit , von dem europäischen Reisenden Hilfe für ein oder das andere Uebel zu verlangen . Ein solches Anliegen schien auch die Frau , unterstützt von ihren Gefährtinnen , die sich um die Gruppe versammelten , zu haben , denn sie sprach eifrig auf Welland ein , der endlich seinen Freund zu Hilfe rief . Dieser verdolmetschte ihm das Anliegen der Frau dahin , daß in ihrem Hause ein Kranker liege , der von Räubern überfallen , verwundet und dann in ' s Wasser geworfen worden sei , wo ihn durch Zufall ihr zum Fischen dahin , gekommener Mann gefunden und gerettet habe . Welland war sogleich bereit , seine Kunst anzuwenden , und indem er Nursah befahl , ein bezeichnetes Kistchen aus dem Gepäck ihm nachzubringen , folgte er den Frauen in das Haus . Hier , auf einem dürftigen Lager , hatte die Menschenfreundlichkeit der armen Moslems Jussuf , den Courier der unglücklichen Mariam , gebettet ; denn dieser war es , den vor acht Tagen die Fischer , in der Küstenbucht ihre Hafen aufstellend , auf den Steinen am Ufer der tiefen Schlucht gefunden hatten . Die Kugel des corsischen Mörders hatte den Schwarzen in der linken Seite getroffen , war aber durch den dicken Shawl des Gürtels geschwächt worden und hatte glücklicher Weise kein edleres Gefäß verletzt . Nur der Schmerz und die Betäubung warfen ihn zu Boden , und selbst der schreckliche Sturz von der Höhe des Felsens in ' s Wasser hatte neben mehreren geringeren Contusionen nur einen Bruch des linken Arms zur Folge gehabt . Die Kühle der Wellen hatte zugleich die betäubte Lebenskraft wieder aufgeregt und die Blutung gestillt ; so gelang es ihm , das Ufer zu erreichen , und hier , halb im kühlen Wasser hängend , liegen zu bleiben , bis gegen Abend der Zufall die Fischer herbeiführte . Das Alles wußte Doctor Welland freilich nicht , aber es bedurfte dessen auch nicht , um seine Theilnahme für den Leidenden zu erregen , und nachdem er sich von der Beschaffenheit seiner Verletzungen überzeugt , war er eben bemüht , mit der Sonde die Kugel zu suchen , als hinter ihm ein geller Schrei erklang und der Knabe Nursah , das Geräth des Herrn zu Boden werfend , auf den Verwundeten zustürzte und ihn stürmisch umschlang . Ausrufungen , zärtliche Worte , Liebkosungen und rascher Austausch des Erfahrenen in fremder , allen Anwesenden unverständlicher Sprache wechselten im Fluge , und erst auf sein wiederholtes Fragen und nachdem Nursah dem Kranken noch Vieles zugesprochen , erfuhr Welland , daß die Beiden Geschwister seien , durch den Zufall kürzlich getrennt , so wie das Schicksal , das Jussuf , den Tataren , betroffen hatte . Der Knabe Nursah hatte bereits in dem Arzt ein so lebhaftes Interesse erregt , daß er sich mit doppeltem Eifer des Kranken annahm . Während er den gebrochenen Arm so gut , als es die Umstände erlaubten , schiente und verband , die Kugel aus der Seite glücklich herauszog und einen Verband auf die eiternde Wunde legte , war Nursah mit tausend Hilfsleistungen thätig und schien dabei eben so eifrig für seinen Herrn , wie für den leidenden Bruder . Indeß Caraiskakis mit den Fährleuten verhandelte , machte Welland , so unangenehm es ihm auch war , dem Knaben den Vorschlag , zur Pflege seines Bruders hier zu bleiben und dann ihm nachzukommen , aber Nursah - nach kurzem Nachdenken und einigen Worten mit seinem Bruder , und nachdem er von seinem Herrn gehört , daß Jussuf , wenn er sich ruhig verhalte , in höchstens drei Wochen das Lager wieder verlassen würde , - weigerte sich entschieden , zurückzubleiben . Der Führer der Pferde drängte zur Abreise . So schied denn Welland von dem Kranken , nachdem er dessen Wirthen einige Anweisungen für seine Pflege gegeben und ihm selbst eine kleine Geldsumme zurückgelassen hatte , zu der auch Caraiskakis eine reichliche Gabe fügte . Noch ehe sie die Fähre erreichten , kam Nursah , der bei dem Bruder zurückgeblieben , ihnen nachgesprengt und küßte mit leidenschaftlichem Dank die Hand seines Herrn . Drei Stunden nachher waren sie in Silivria , dem ersten Haltepunkt auf der großen Straße nach Adrianopel und Schumla . Fußnoten 1 Stellvertreter des Pascha ' s. 2 Schreiber eines Pascha ' s. 3 Klephte ist die Benennung der freien griechischen Parteigänger , oder eben so richtig Wegelagerer . 4 Oberrichter . 5 Kadi ' s und Mollah ' s heißen die Richter , Mufti ' s überhaupt die Rechtsgelehrten . 6 Thorwächter . 7 Lastträger . Dieselben schleppen auf dem Rücken die erstaunlichsten Lasten durch die bergigen Straßen . Oltenitza . I. Des Donners Grollen . Ein glänzender Ball beim preußischen General-Consul in den Donau-Fürstenthümern hatte eine Anzahl Offiziere des russischen Heeres und die Elite der vornehmen Welt von Bukarest versammelt . Herr von Meusebach , einer der wenigen Glücklichen , die sich für muthiges conservatives Auftreten in den Sturmjahren von Achtundvierzig und Neunundvierzig eines offiziellen Dankes zu erfreuen hatten , wenn auch hors de Berlin durch eine Mission in ' s Land der Wilden oder Halbwilden , hat seine gemüthliche und furchtlose Ruhe , mit der er einst der erbitterten Linken das Mene Tekel : » Die Versammlung riecht nach Leichen ! « von der Tribüne entgegen warf , auch unter den Bojaren bewahrt und vertritt dort die Flagge seines Königs , wie schon mehrere Gelegenheiten bekundet haben , würdig und nicht ohne Glanz . Junggesell , mit Vermögen und von lebenslustigem Charakter , hat er sich vielfach den orientalischen Sitten bequemt und bildet einen Centralpunkt für den geselligen Verkehr der Fremden und Einheimischen von Bukarest . Es ist bekannt , daß bald nach der Besetzung der Donau-Fürstenthümer das russische Ober-Kommando seine Macht auch auf die administrative Verwaltung ausdehnte und am 23. Juli den Hospodaren befahl , die Verbindung mit Constantinopel abzubrechen und den Tribut nicht mehr nach Constantinopel zu senden , sondern in der Staatskasse zu belassen . Bereits unterm 25. Juli forderte demnach Reschid Pascha die Hospodare , die Fürsten Stirbey in Bukarest und Ghika in Jassy auf , die Fürstenthümer zu verlassen und nach Constantinopel zu kommen . Die eigenthümliche Zwitterstellung , welche die Regierung der Moldau und Walachei seit langer Zeit zwischen der Oberhoheit des Sultans und dem fremden , namentlich russischen und österreichischen , Einfluß eingenommen , veranlaßte die Fürsten , dem Befehl durch Zögerung auszuweichen , obschon derselbe am 30. August wiederholt wurde . Die Stellung der machtlosen Fürsten zwischen den beiden Gewalten ließ sich unmöglich länger halten und sie erklärten , die Regierung niederlegen zu wollen . Fürst Stirbey verließ mit Bewilligung des russischen Oberbefehlshabers am 29. October Bukarest und ging über Herrmanstadt nach Wien . Die Regierung blieb einem außerordentlichen Verwaltungsrath übertragen , während bald darauf General von Budberg zum russischen Commissar und außerordentlichen Civil-Bevollmächtigten in den Fürstenthümern ernannt wurde und an die Spitze der obern Leitung trat . Ebenso verließ der Fürst Ghika Jassy , um gleichfalls nach Wien zu gehen , und der General Fürst Usuroff trat dort an die Spitze des Administrationsrathes . Viele Bojarenfamilien folgten den beiden Hospodaren und zogen sich nach Oesterreich zurück , andere - die zum Theil von den Verhältnissen Nutzen zu ziehen hofften - blieben jedoch im Lande . Die neue Administration brach allen Verkehr mit der Türkei ab und benachrichtigte davon die fremden Consuln . Ein Erlaß versprach den Walachen , die in die russische Armee treten wollten , verschiedene Vortheile , und die Einverleibung der moldau-walachischen Contingente wurde vorbereitet . England und Frankreich hatten bereits im Juli gegen die Besetzung der Fürstenthümer protestirt und erklärt , daß sie eine Dauer derselben nicht dulden würden . Am 31. October , an demselben Tage , an welchem Kaiser Nicolaus das Manifest an sein Volk mit der Ankündigung des Krieges richtete , - erhielten die englischen und französischen Generalconsuln und Consuln in den Donaufürstenthümern den Befehl ihrer Regierungen , das Land zu verlassen . Dies war im Augenblick - jenes Fest , das wir zu Anfang dieses Kapitels erwähnt , fand am 3. November statt , - die administrative Lage in den occupirten Ländern auf dem linken Donauufer . Es ist nöthig , daß wir zunächst einen Ueberblick über die militairische Lage und die letzten Ereignisse geben . Offenbar hatte sich das russische Cabinet über den Erfolg sehr getäuscht , welchen ein gewaltsames Vorgehen von seiner Seite zur Lösung der schwebenden Fragen haben würde . Die Türkei hatte in militairischer Beziehung die Zusage und den Schutz Frankreichs und Englands hinter sich , an die Kaiser Nicolaus noch immer nicht glauben wollte , und das andere Europa - wie selbst von Denen nicht geleugnet wird , die auf russischer Seite in dem großen Kampfe standen , - war des mit Unvorsichtigkeit und Anmaaßung dominirt habenden russischen Einflusses müde . Der Glaube an die Macht dieses Einflusses hatte Rußland zu seinem Vorgehen verführt , ohne daß genügende militairische Vorbereitungen getroffen waren . In anderer Beziehung ist diese Unterlassung wieder Bürge dafür , daß man die Zwecke ohne Eroberung zu erreichen glaubte . Im Ganzen hatten nur ungefähr 77,000 Mann den Pruth überschritten , nämlich das vierte Corps , eine Division und die Reiterei des fünften , und das war natürlich eine zu geringe Macht , um damit einen Krieg gegen die Türkei zu führen . Eine Division des fünften Armeecorps rückte später von Odessa nach , und erst als die Ereignisse zeigten , daß die Türken den Kampf aufnehmen würden , erhielt das dritte russische Armeecorps , geführt vom General von Osten-Sacken , Befehl , die Armee zu verstärken und rückte in Eilmärschen nach der Moldau , die sein Vortrab am 14. November betrat . Der größte Theil der russischen Occupationsarmee - wie gesagt circa 80,000 Mann - hatte seine Stellung in der Walachei genommen und dehnte sich entlang der Donau aus . Fürst Gortschakoff hatte sein Hauptquartier theils in Bukarest , theils in Budeschti , einem kleinen Flecken zwischen Bukarest , Giurgewo und Oltenitza , etwa fünf Meilen von dem ersteren , drei von dem letzten Orte entfernt , genommen . Der linke Flügel dieser Aufstellung in der Walachei stand unter dem Kommando des Generals Anrep , auf Kalarasch gestützt , den Türken bei Silistria gegenüber , während General Lüders die Moldaugränze bei Galacz besetzt hatte . General Dannenberg hielt die Mittellinie an der Donau und Giurgewo , Rustschuk gegenüber , und General von Fischbach den rechten Flügel an der Aluta bis Krajowa gegen Kalafat , nachdem man thörichter Weise den Türken gestattet hatte , sich hier festzusetzen . Fürst Gortschakoff behielt , wie erwähnt , die Reserve des Mitteltreffens bei sich , und die russischen Truppen waren durch das strategische Talent des Generalstabs-Chefs Generals von Kotzebue so geschickt aufgestellt , daß es von dem durch die Natur so überwiegend begünstigten bulgarischen Ufer doch nicht möglich war , ihre Vertheilung und Bewegungen zu erspähen , während andererseits vierundzwanzig Stunden genügten , um 30,000 Mann russischer Truppen auf einem der Hauptpunkte zu concentriren . Auf türkischer Seite befand sich das Hauptquartier und der Centralpunkt der Operationen gegen die Donau in Schumla , doch war in diesem Augenblick Omer Pascha bereits an der Donau im Centrum der Stellung eingetroffen . Den rechten Flügel stützte er auf Hirsowa und Silistria , von Izzet-Pascha kommandirt , den linken , bereits über die Donau vorgeschoben , auf Widdin und Kalafat . Hier kommandirte Sami-Pascha . Der Sirdar befehligte auf dieser ausgedehnten Stellung ungefähr 100-120,000 Mann , theils Nischam ( Linie ) , theils Redifs ( Landwehr ) und Baschi-Bozuks ( Irreguläre ) 1. Eine Masse europäischer Flüchtlinge aller Länder befand sich nicht blos in seiner nächsten Umgebung , sondern auch als Offiziere und selbst als Gemeine in dem ganzen Heer , zum großen Theil Renegaten , da durch die Bemühungen des Muschirs bei dem Uebertritt der ungarischen Armee im Jahre 1849 Offiziere und Soldaten in Masse dem Religionswechsel des greisen Generals Bem gefolgt waren . Es wird für die Leser , die nicht gleich eine Karte des damaligen Kriegsschauplatzes zur Hand haben , wenigstens ein übersichtliches Bild gewähren , nachstehend die einander gegenüber liegenden Hauptpunkte des linken und rechten Donauufers angeführt zu sehen . Wir beginnen von der serbisch-österreichischen Gränze aus , den Lauf der Donau bis Galatz , also bis zu dem Punkt verfolgend , wo die große Walachei , die Moldau , die Dobrudscha und das russische Gebiet von Beßarabien an ihren Ufern zusammenstoßen . Krajowa Bukarest Kalafat ----- Turnul Simnitza Giurgewo Oltenitza - - - - - - Widdin Rahova Nicopoli Schistowa Rustschuk Tuturkai Kalarasch Futestie ----- Brailow Galatz - - - - Silistria Hassowa Hirsowa Matschin ----- Isaktscha Das türkische ( bulgarische ) Ufer bildet bereits von Matschin aus eine fast ununterbrochen fortlaufende Bergwand , während die walachischen Ufer , mit wenigen Unterbrechungen flach und sumpfig , den Ueberschwemmungen der Donau ausgesetzt sind , so daß die gewöhnlichen Gränz- und Quarantainewachen am Ufer in Wachthäusern kampiren müssen . Die Donau theilt sich an vielen Stellen in mehrere Arme und bildet größere und kleinere Inseln . Ihre Breite ist demnach sehr wechselnd . Wie bereits erwähnt , hatten die Feindseligkeiten , und zwar von türkischer Seite , bei Isaktscha2 , einer kleinen türkischen Festung in der Dobrudscha , begonnen . Fürst Gortschakoff hatte den Befehl ertheilt , daß ein Theil der in den Mündungen ankernden russischen Donau-Flotille den Fluß herauf bis Galatz fahren solle , um für etwaige Operationen bei der Hand zu sein . Der Befehl lautete , bei Nacht an den Festungswerken von Isaktscha und den von den Türken dort angelegten Schanzen vorüber zu fahren ; der Kommandant , Capitain Werpakhowsky , und alle Offiziere der Flotille erbaten jedoch die Erlaubniß , die Festung bei Tage zu passiren , als eine Gnade . Das Geschwader , aus den Kriegsdampfern » Pruth « und » Ordinarez « , jeder vier Kanonenboote im Schlepptau , bestehend , näherte sich um 8 1 / 2 Uhr Morgens den 23. October Isaktscha und sofort eröffneten die Türken das Feuer aus 27 Geschützen , worauf sich eine lebhafte Kanonade von beiden Seiten entspann , die fast anderthalb Stunden währte . Zwei der Kanonenboote wurden durch das türkische Feuer so beschädigt , daß sie nur bis Reni gebracht werden konnten , die anderen Schiffe jedoch trafen am Abend in Galatz ein . Ein großer Theil der Stadt Isaktscha war durch die russischen Bomben in Flammen gesteckt ; unter den dreizehn Todten des kleinen Geschwaders befand sich auch sein tapferer Kommandant Werpakhowsky . Sechsundvierzig Mann wurden verwundet . - Am 25. October hatten die Türken unter Sami-Pascha , dem Gouverneur von Widdin , den ersten Uebergang über die Donau unternommen . Die zwischen Widdin und Kalafat belegene Insel wurde von einem Corps von 2000 Mann besetzt und befestigt , ohne daß die Russen , deren schwache Vorposten in Kalafat standen , dies im Geringsten zu hindern suchten . Selbst als am Nachmittag des 27. von der Insel aus die Türken unter dem Befehl von Ismaël-Pascha das linke Ufer unterhalb Kalafat betraten , sahen die russischen Offiziere von dem auf der