zum Leben , zu viel zum Sterben war ; er mußte dabei alle Launen des Prinzipals ertragen und er that das wohlgemuth , bis jene beiden Kinder in das Haus kamen , bis ihm Marie erschien , bis sein Herz durch die Liebe zu ihr so namenlos unglücklich wurde . Als er in seiner Erzählung an diese letzte Zeit seines Lebens kam , zitterte seine Stimme und die Thränen tropften ihm langsam aus den Augen . Er schilderte mit glühenden Farben seine Liebe zu dem Mädchen und die thörichten Hoffnungen , die er genährt , - Hoffnungen , die er aber gern unterdrückt hätte , wenn sie glücklich geworden wäre . Nun aber kamen jene Vorfälle , und davon sprach er dem Phantome gegenüber mit fieberhafter Hast ; es drängte ihn , über diese schrecklichen Stunden hinüber zu kommen . Er erzählte von dem vergangenen Abend , von seiner Unterredung mit ihr , von seinem festen Entschlüsse , das Leben endigen zu wollen , von seinem Gange durch die dunklen Straßen , von seiner Ankunft hier am Kanale und sogar von der Melodie , die ihm das Wasser vorgesungen , von dem alten Wiegenliede - schlafen - schlafen - Ruhe ! - » Und nun bin ich fertig , « sagte er , als er geendet ; » aber die Ruhe , mit der ich hierher ging , ist aus meinem Herzen verschwunden . Ich war nicht mehr unglücklich , jetzt bin ich es wieder , o namenlos , namenlos unglücklich ! - Und nun sprecht nach Eurer Ueberzeugung , bin ich thöricht oder bin ich es nicht ? « Bei diesen letzten Worten schlug er die Hände vor ' s Gesicht und beugte den Kopf tief hinab auf das Geländer . Einige Augenblicke hörte er nichts als das Rauschen des Wassers , dann vernahm er die Stimme des seltsamen Wesens neben ihm ; und diese Stimme , bis jetzt hart und scharf , klang nun weich und milde . » Ich habe deine Geschichte angehört , « sagte es » und muß gestehen , daß allerdings viel Unglück darin vorkommt , aber nicht genug , daß ich dir , wie wir bedungen , mit einem Worte die Erlaubniß geben dürfte , dein Leben zu endigen . Denk ' daran , was du mir versprochen , lebe , bis wir uns wieder sehen , und glaube mir , wir sehen uns bald wieder . Sei auch versichert , daß du meinem Blicke nicht entgehst , und wenn du je dein gegebenes Wort brechen und doch zum Selbstmörder werden wolltest , so schaue vorher auf die Seite , du wirst meine Augen auf dich gerichtet finden , dich warnend und zurückziehend , wie ich es in dieser Stunde gethan . - Und nun lebe , und lebe so gut du kannst ! « - Damit schwieg die Stimme , und als sich der junge Mann ein paar Minuten nachher empor richtete , um einige Worte zu entgegnen , bemerkte er zu seinem größtem Entsetzen , daß die Gestalt neben ihm verschwunden und nirgends mehr zu sehen war . Und doch hatte er weder einen Tritt noch das Rauschen des Mantels vernommen . Er war wieder ganz allein in der Nacht , Alles um ihn her in tiefe Finsterniß gehüllt , nur der Himmel über ihm sah etwas lichter aus , und der glänzende Stern mit dem bläulichen Lichte strahlte in heller Pracht auf ihn hernieder . Zu gleicher Zeit schlugen die Kirchenglocken klar und deutlich ein Uhr nach Mitternacht . Zweiundvierzigstes Kapitel . Spaziergänge des Herrn Sträuber . Noch in der letzten Hälfte der Nacht , von der wir im vorigen Kapitel erzählten , änderte sich das Wetter ; der Wind war nach Osten herumgesprungen , hatte die trüben Wolken vor sich hergejagt und Alles frisch und blank gefegt für eine blitzende Wintersonne , die wenn auch in diesem Monat spät , doch klar und freundlich aufging . - Wie sah in ihrem Lichte Alles ganz anders aus , als gestern im Schatten der Nacht ! Da war der Kanal , da die Barrièren , an welchen Herr Beil jene Gestalt gesehen , die ihn glücklicherweise von seinem traurigen Vorhaben abgebracht ; aber heute Morgen hatte das Alles durchaus nichts Unheimliches , und wenn jetzt auch noch so viele Wesen in schwarzen Mänteln und mit noch blitzenderen Augen dort gelehnt hätten , es würde sich Niemand weiter um sie bekümmert haben . Auf dem Wasser des Kanals lag ein heller , freundlicher Schein ; seine Ufer hatten sich mit Reif bedeckt , auf welchem die Sonnenstrahlen zahllose Brillanten hervorzauberten . Die kahlen Aeste der Bäume waren auf einer Seite wie vergoldet , während die andere eine bläulich unbestimmte Farbe hatte . Auch die Barrière war hell angestrahlt und warf einen koketten Schatten auf den Weg , der an ihr vorüber führte . Die einzelnen Häuser , die in der gestrigen Nacht so sehr entfernt zu stehen schienen , - denn man sah durch Dunkelheit und Nebel kaum ihre Umrisse , - waren jetzt im hellen Lichte näher gekommen und standen frisch und wohlgemuth da mit ihren glänzenden Fensterscheiben , mit den hohen rothen Dächern , die wie eine Morgenmütze aussahen , und aus deren Spitze der hellblaue Rauch empor wirbelte , - eine lustig aufgesteckte Feder . Auch an mannigfaltiger Staffage fehlte es nicht : kleine Buben sprangen sich scheu umsehend und eilfertig dem Wasser zu , um nachzuschauen , ob nicht bald für eine solide Eisdecke Hoffnung sei ; Hunde aller Rassen machten ihren Morgenspaziergang und trieben sich namentlich in der Nähe der Barrière herum , an der sie jeden Pfuhl beschnüffelten und hierauf zarte Erinnerungszeichen zurückließen ; Weiber mit großen Körben voll Wäsche auf dem Kopfe drängten sich an die Treppen , die zum Kanal hinab führten , und hatten einander , ehe sie ihre Arbeit begannen , wichtige Begebenheiten mitzutheilen . Von draußen herein kamen Bäuerinnen und brachten Eier und Butter auf den Markt , sie hatten meistens schon einen weiten Weg zurückgelegt , sahen etwas übernächtig und verschlafen aus , und wenn sie zuweilen tiefaufathmend einen Augenblick stehen blieben , so kam der Hauch aus ihrem Munde wie eine blaue Wolke hervor . - Das ging aber Alles an einander vorüber und Keines bekümmerte sich viel um die Begegnenden ; die Buben liefen in das Haus zurück oder auf ihre Spielplätze , die Hunde suchten den warmen Ofen wieder auf und die Wäscherinnen begannen , immerfort plaudernd , ihr Geschäft . So mochte es vielleicht neun Uhr geworden sein , als von draußen herein gegen die Stadt zwei Leute kamen , die in eifrigem Gespräch neben einander gingen . Es war ein Mann und eine Frau , letztere in der Tracht der Bauernweiber , und daß wir es dem geneigten Leser nur gestehen , Beide gehören bereits zu unserer Bekanntschaft : sie war jene Bauersfrau , welche wir bei Madame Becker gesehen , wo sie der unglücklichen Nähterin den Tod ihres Kindes angezeigt ; und wenn wir von dem Manne , der neben ihr ging , sagen , daß er trotz der Kälte des Morgens einen ziemlich dünnen , abgeschabten schwarzen Frack trug , hohe , etwas gelbe Hemdkragen hatte , dazu einen fuchsigen Hut , und daß er mit großem Anstande daher schritt , so wird Niemand mehr im Zweifel sein , daß es der sehr ehrenwerthe Herr Sträuber war , den wir in jener Nacht im Fuchsbau kennen zu lernen das Vergnügen hatten . Herr Sträuber trug heute zur Vervollständigung seiner Toilette graue baumwollene Handschuhe , auch dampfte in seinem Munde eine Cigarre . Er ging mit großer Würde neben der Frau her , und wenn er so zuweilen im Gespräche steif und wichtig mit dem Kopfe nickte , so gab er sich das Ansehen eines vornehmen Herrn , der zufällig mit einer ganz geringen Person spazieren geht und sich vorgenommen hat , dabei sehr herablassend zu thun . Zuweilen blieb er auch stehen , stemmte beide Arme in die Seite und hob seine Nase gewaltig hoch empor , und dann stellte sich die Frau vor ihn hin , sprach eifrig mit ihm , und je ärger sie mit den Händen gestikulirte , desto ruhiger und würdevoller sah er auf sie herab ; dann erfolgte ein abermaliges ernstes Kopfnicken und sie zogen weiter . Als sie so an die Barrière kamen , wo gestern Nacht der Herr Beil gestanden und wo jetzt die Wäscherinnen lachten und plätscherten , versuchte es Herr Sträuber , einen großen Bogen zu machen , um nicht zu nah bei diesen Damen vorbei zu müssen . Die Bauersfrau achtete aber nicht darauf , daß sie in diesem Augenblicke besonders lebhaft erzählte , sondern sie ging so hart an der Schranke vorbei , daß sie im Eifer ihres Vortrags zuweilen ihre Hand auf dieselbe legte und den darauf gefallenen Reisen herab wischte , der sprühend auf die Erde fiel . » Bst ! bst ! « machte eines der Waschweiber , als die Beiden näher kamen , mit leiser Stimme zu den andern , » schaut euch den an , der da kommt , das ist ein Seelenverkäufer , ein Sklavenhändler . « » Ei der Tausend ! « meinte eine andere , die sehr stämmig aussah , » sollen wir ihn nicht ein wenig unter die schmutzige Wäsche tauchen und sauber waschen ? « » Das wäre vergebliche Mühe , « entgegnete die erste ; » wenn man den hundert Jahre in den Kanal versenkte , so käm ' er doch wieder schwarz wie eine Kohle an Leib und Seele heraus . « Die Bauersfrau , die diese Worte gehört , ging absichtlich langsam und zuckte verächtlich mit den Achseln . Ihr Begleiter dagegen machte einige lange Schritte , eilte ihr voraus , und als sie ihn in kurzer Zeit darauf wieder eingeholt , spuckte er grimmig aus und sagte : » Diese Bestien ! « » Es weiß aber auch der Teufel , « meinte die Bauersfrau , » woher es kommt , daß Ihr in ein so schlechtes Renommée gerathen seid , und daß Euch alle Welt kennt wie einen bunten Hund . « » Ich weiß es wohl , « entgegnete er mit zorniger Stimme ; » ich kann mich nun einmal mit dem Pack nicht gemein machen ; es ist eine Leidenschaft von mir , auf mein Aeußeres was zu halten . Ginge ich in einer schmierigen Jacke einher wie die Anderen , so wäre es freilich besser ; aber dazu kann ich mich nun eben nicht entschließen . « » Ja , ja , « erwiderte die Bauersfrau , indem sie ihn lächelnd von der Seite ansah , » Euer Aeußeres ist schon von dem unsrigen verschieden ; aber ich möchte aus Eitelkeit nicht so frieren wie Ihr . « Herr Sträuber zuckte mit den Achseln , während er entgegnete : » Das versteht Ihr nicht . Leider Gottes ! kann ich wohl sagen , bin ich auf einer anderen Stufe als Ihr geboren , und kann das nun einmal nicht verleugnen . Und dann glaubt mir auch , es ist für uns Alle besser , daß auch Jemand , wie ich bin , da ist , mit dem honette Leute ein vertrauliches Wort sprechen können . « - Damit strich er sanft seinen Hemdkragen , zupfte darauf an den Handschuhen und drückte den Hut etwas näher an ' s rechte Ohr , ehe er fortfuhr : » Deßhalb halte ich es auch für Pflicht , etwas auf meine Reputation zu sehen , und darum wäre besser , Frau Bilz , wenn wir uns hier , wo die Straßen anfangen , für kurze Zeit trennten ; in einer kleinen halben Stunde komme ich zu Meister Schwemmer und da sehen wir uns wieder . « » Mir ist das auch schon recht , « sprach die Frau lachend ; » aber haltet Euch nicht zu lange bei Euren vornehmen Bekanntschaften auf und kommt pünktlich . « Herr Sträuber nickte statt aller Antwort nur , steckte die rechte Hand unter den zugeknöpften Frack und lenkte mit erhobenem Kopfe in eine der breiteren Straßen ein , die hier anfingen ; die Frau dagegen verlor sich in eine Seitengasse . Er schritt mit ruhiger Behaglichkeit weiter , schaute rechts und links an die Häuser , blieb hier vor einem Laden stehen , betrachtete dort einen Augenblick die Leute , welche in ' s Kaffeehaus gingen oder heraus kamen , und gewann darauf immer wieder die Mitte der Straße , namentlich wo andere Gassen seinen Weg kreuzten . Da blieb er auch wohl einen Augenblick stehen , sa sich forschend nach allen Seiten um und veränderte hierauf nicht selten seine Richtung . So that er auch jetzt wieder und schoß mit großer Geschwindigkeit in eine Seitenstraße , wobei er den Blick nicht von einer Stelle auf dem Pflaster verwandte . Als er sie erreicht , schaute er um sich her , bückte sich und griff Etwas vom Boden auf , das er hierauf lächelnd in seine Tasche steckte . Es war ein kleines Portemonnaie , das Jemand da verloren haben mußte . Und so war es auch , denn kaum hatte Herr Sträuber einige Schritte weiter gethan , so stürzte aus einem Hause ein junges Mädchen heraus , das sich überall auf dem Boden umsah , und dann auch den im schwarzen Frack im Vorübergehen fragte , ob er nicht Etwas gefunden , worauf dieser begreiflicherweise die Achseln zuckte und bedauernd verneinte . » Das ist kein schlechter Anfang , « sprach er zu sich selber , als er wieder in eine belebtere Straße eingebogen war , » und da uns der Zufall so günstig ist , so könnte auch am Ende mit leichter Handarbeit Etwas zu verdienen sein . « So denkend , stellte sich Herr Sträuber wenige Augenblicke nachher vor einen großen Bilderladen , vor dem sich schon eine Menge Personen befanden , und schien sich angelegentlich die Kupferstiche und Lithographen zu betrachten , in Wahrheit aber erforschte er genau die Physiognomien seiner Nachbarschaft , und mochte endlich seinen Mann gefunden haben , denn er schob sich leise hinter einen jungen Herrn , der eine Dame am Arme hatte und eifrig bemüht war , derselben die Schönheit irgend eines großen Blattes zu erklären . Die Dame trug einen mit Pelz besetzten Sammetmantel und einen grauen Muff , aus welchem ein zierlich gesticktes Sacktuch hervor sah . Herr Sträuber , der voll Enthusiasmus für eine büßende Magdalena zu sein schien , die sich in Kupferstich ebenfalls an dem Fenster befand , drängte sich , dabei sehr um Entschuldigung bittend , zwischen die junge Dame und einen dicken Herrn , der auf der andern Seite stand , worauf denn auch geschah , was er sich gedacht : die Dame in ihrer Artigkeit , wahrscheinlich befürchtend , mit ihrem vorgehaltenen Muff zu viel Platz für sich wegzunehmen , zog die rechte Hand heraus und nahm ihn leicht in die linke , worauf sich Herr Sträuber augenblicklich tief herabbückte , um am Kupferstich der büßenden Magdalena den Namen des Künstlers , der das Blatt gestochen , lesen zu können , zu gleicher Zeit aber auch , um durch einen unbemerkbaren Ruck das reichgestickte Taschentuch an sich zu bringen , worauf er nichts Eiligeres zu thun hatte , als , sich zurückziehend , dem Gedränge zu entschlüpfen und mit möglichster Schnelligkeit in einen benachbarten Laden zu treten , wo er sich von dem gefundenen Gelde eine neue Cigarre kaufte . Er zündete diese mit äußerster Langsamkeit an , dann fragte er nach dem Preise verschiedener Artikel , ließ sich auch einige Sorten feinen Tabak vorlegen , sprach über dies und das mit dem einfältig aussehenden Ladendiener , und als er fast eine Viertelstunde nachher den Laden verließ und wieder auf die Straße trat , er hatte natürlicherweise vorher auf ' s Sorgfältigste nach dem Bilderladen hinüber gespäht , - fand er zu seinem größten Erstaunen , daß sich ein ganzes Paket Cigarren zufällig unter die Schöße seines Fracks verirrt hatte und nun freiwillig mitgegangen war . Er hielt aber die Sache für zu geringfügig , um deßhalb nochmals in den Laden zurückzukehren . Hierauf verließ Herr Sträuber die Hauptstraßen und wandte sich den stilleren und entlegeren Stadtvierteln zu . Er schritt gedankenvoll durch eine enge Gasse , die auf einen freien Platz müngete , wo sich eine Kirche befand . Es war dies ein altes Gebäude mit dicken Strebepfeilern , zwischen denen man kleine Kramladen eingebaut hatte . Die Kirche stieß mit dem Chor an ein altes Kloster , das den Platz absperrte , und in welchem sich nur ein langer und finsterer Thorweg befand , der die einzige Verbindung zwischen hier und den hinten liegenden Straßen war . Diesem Eingänge schlenderte Herr Sträuber zu , mit außerordentlich langsamen Schritten und zwar so langsam , daß er ein kleines Mädchen von acht bis zehn Jahren , welches mit einem Körbchen in der Hand vor ihm ging , nicht einmal überholte ; doch blieb er dicht hinter ihr und betrat fast zu gleicher Zeit mit der Kleinen das einsame halbdunkle Gewölbe . Dann blickte er scharf ausspähend vorwärts und rückwärts , und als er kein menschliches Wesen weder auf dem Platze noch in der anderen Straße gewahrte , hatte er mit einem Schritt das Mädchen erreicht , faßte es mit raschem Griff fest an ihrem Hals und sagte : » Sobald du schreist , bring ' ich dich um ! « - Das arme Geschöpf war wie vom Schlage gerührt , und wenn sich auch ihr Mund krampfhaft öffnete , so brachte sie doch keinen Laut hervor , fing aber an leise zu weinen , als er sie nun bis in die Mitte des Thorwegs schleppte , ihr dort mit großer Geschicklichkeit die kleinen goldenen Ohrringe entriß , und dann , ihr nochmals mit der Faust drohend , in raschen Sprüngen entschwand . Hinter dem Gewölbe bog er rechts in eine kleine Gasse , dann links in eine andere , und beeilte sich soviel als möglich , in ein anderes Stadtviertel zu kommen , was ihm auch nach einer kleinen Viertelstunde ungefährdet gelang . Hier ging er langsamer , zog ruhig seinen Frack in die Taille herab , der ihm bei dem raschen Laufe etwas in die Höhe gerutscht war , richtete auch seine Vatermörder auf und schob den Hut wieder auf die Mitte des Kopfes . Als dies geschehen , betrachtete er die Straße , in der er sich befand , und schlug dann eine neue Richtung ein , die ihn bald in die Nähe des Fuchsbaues brachte . Doch ging er hier vorüber , durchschritt noch einige kleine Gäßchen und kam so in die Nähe der alten Stadtmauer , wo die Häuser lichter wurden und hie und da kleine Gärten zwischen ihnen zerstreut lagen . Auf einen der letzteren schritt er zu ; dieser war mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben und hatte ein kleines Thor , das nur angelehnt war . Er öffnete es und ging zwischen den kahlen Gartenbeeten einem kleinen und baufällig aussehenden Hause zu , welches eigentlich das Ansehen hatte , als sei es unbewohnt und werde nur von dem Gartenbesitzer als Scheune benutzt . Die Fundamente dieses Hauses mußten auf einer Seite gewichen sein , denn es stand vollständig schief und sah deßwegen sowie auch , weil sämmtliche Fensterladen verschlossen waren , recht trostlos aus . Wenn man es betrachtete , so drängte sich Einem unwillkürlich die Idee auf , es habe sich dort einmal ein Selbstmörder aufgeknüpft , und sei da lange , lange Jahre vergessen hängen geblieben . Dies Haus wurde in seinen unteren Theilen auch nur zum Aufbewahren von Stroh und alten Geräthschaften benützt , oben schien nur noch ein einziges Zimmer praktikabel zu sein , und das war die Wohnung unseres Bekannten , des Theaterschneider-Gehilfen-Schellinger . Von der Treppe existirten nur noch einige halbmorsche Balken und Bretter , die in ihrer traurigen Gestalt nur sehr undeutlich anzeigten , wo es für einen Wagehals möglich sei , hinauf zu steigen . Herr Sträuber öffnete dieses Haus , trat hinein und schloß die Thüre wieder sorgfältig hinter sich zu , dann schritt er durch den öden Gang und zu einer hinterm Thüre wieder hinaus auf einen kleinen Hof , an dessen Ende sich ein anderes und besser erhaltenes Gebäude befand . Augenscheinlich bildete das verlassene Haus vorn eine Art von Schutz und Schirm für das hintere , denn dieses , in einem Winkel der Stadtmauer gelegen , und vorne gedeckt , verbarg sich so vollkommen vor den Blicken aller Unberufenen . Dreiundvierzigstes Kapitel . Hehlerei . Nachdem Herr Sträuber durch den Hof geschritten war , klopfte er leise an die Thüre des anderen Hauses ; diese wurde augenblicklich geöffnet und er trat in einen Gang und von da in ein Zimmer , in welchem eine sehr unangenehme warme Atmosphäre herrschte . Der Ofen schien übermäßig geheizt zu sein , und es roch hier nach kleinen Kindern , mit deren Reinlichkeit man es nicht gerade sehr genau zu nehmen pflegt . Frau Bilz saß am Fenster , sie hatte ihren Kopf in die Hand gestützt und sprach mit einem Manne , der neben dem Ofen in einem alten ledernen schmutzigen Lehnsessel ruhte . Dieser Mann war nicht über vierzig Jahre , sah aber aus wie ein kranker Sechziger ; er war angethan mit einem dunkeln Schlafrock von nicht mehr zu erkennender Farbe , und seine Füße , die in dicken Filzschuhen staken , lagen über einander auf einen kleinen Fußschemel ; auf seinen Knieen hatte er ein rothkarrirtes Schnupftuch ausgebreitet , mit dem er sich häufig die Nase putzte und das er oft vor seinen Mund hielt , wenn er nämlich anfing zu husten , was alle Augenblicke geschah . Es war ein schlimmer Husten , der ihn sehr zu plagen schien ; er brachte ihn ganz außer Athem und röthete dann auf Sekunden seine tief eingefallenen bleichen Wangen . Auf diesen Mann ging Herr Sträuber zu , reichte ihm nachlässig seine Hand und begrüßte ihn , wobei er aber seinen Hut auf dem Kopfe behielt . Jener dagegen nickte ihm lächelnd zu und nahm dann eine Schnupftabaksdose , die neben ihm auf dem Tische stand , öffnete sie und bot dem eben Eingetretenen eine Prise . Herr Sträuber nahm einige Körner und that nur so , als schnupfe er , indem er seine Finger leicht hinauf an die Nase warf , in Wahrheit aber ließ er den Tabak auf den Boden fallen und schnüffelte dazu auf eine unangenehme Art. » Aber es ist hier verdammt heiß , « sagte er hierauf , während er sich auf einen Sitz am Fenster niederließ , seinen Hut abnahm und mit dem bewußten feinen Spitzentuch , das er aus der Brusttasche gezogen , seine Stirne abtrocknete . Die Frau neben ihm sah diese Bewegung , und da sie wohl wissen mochte , welcher Art Taschentücher sich der Herr Sträuber gewöhnlich zu bedienen pflegte , so lächelte sie verschmitzt und streckte die Hand nach dem kostbaren Spitzengewebe aus , indem sie sagte : » Was soll der Lappen kosten ? « » Ich habe Euch den Lappen noch gar nicht angeboten , « entgegnete der Andere , während er Miene machte , das Tuch wieder in seine Brusttasche zu stecken . » Ihr seid ein furchtbar rohes und habgieriges Weib , Frau Bilz ; aber ich will Euch verzeihen , da Ihr nicht eine Spur von Bildung genossen habt , sonst müßte offenbar dies zudringliche Fragen nach Sachen , die Euch durchaus nichts angehen , mit einem stolzen Stillschweigen beantwortet werden . - Im Uebrigen kostet das Tuch zwei Gulden , nicht einen Kreuzer weniger . « » Zwei Gulden ! « lachte die Frau mit geringschätzender Miene , erfaßte aber eifrig einen Zipfel des fraglichen Gegenstandes , um ihn näher zu betrachten . » Halt da ! « sprach Herr Sträuber mit großer Gelassenheit , » zwei Gulden und dann das Tuch . « » Aber ich darf es doch vorher ansehen ? « » Nicht die Idee einer Tertie vorher ; das Tuch hat zehnmal so viel wirklichen Werth . - Dann kommt es auch , « setzte er seufzend hinzu , » von einer schönen Herzogin , die - « Der Mann am Ofen wollte laut hinaus lachen , brachte es aber nur zu einem gräßlichen Hustenanfall ; worauf sich der Andere geringschätzend nach ihm umwandte und verächtlich die Achseln zuckte . » Nun , ich will Euch was sagen , « meinte Frau Bilz , » für das Tuch gebe ich Euch einen Gulden , und lege noch dreißig Kreuzer darauf für das Andenken an die schöne Herzogin . - Hier ist klingendes Geld , nehmt es , denn ich weiß , daß Ihr sehr auf dem Trockenen seid . « » Da irrt Ihr Euch , « entgegnete gelassen Herr Sträuber und zog das gefundene Portemonnai heraus . » Seht her , wie ich bei Kasse bin , - das Honorar eines Clienten , für den ich einen schwierigen Prozeß gewonnen ; es handelte sich dabei um nichts Geringeres , als die ersten Advokaten des Gerichtshofes total hinter das Licht zu führen . - Ich that es . « » O weh ! er hat Geld , « rief die Frau ; » da kostet mich das lumpige Tuch zwei Gulden . « » Und vierundzwanzig Kreuzer , « sagte gravitätisch Herr Sträuber ; » sein Werth steigt mit jedem Zaudern . « » Nun denn , in ' s Teufels Namen , gebt her ! « versetzte ärgerlich das Weib , warf einen Fünffrankenthaler auf den Tisch und zog dann das Tuch hastig an sich . - » Das sind vier Kreuzer weniger , das hält uns an einander . « Bei diesen Worten breitete sie das Tuch gegen das Licht aus , und als sie sah , daß es vollkommen unversehrt war , steckte sie es schmunzelnd ein . » Braucht Ihr auch Ohrringe ? « fragte Herr Sträuber nach einer kleinen Pause , während welcher er aus seiner Cigarre mächtige Züge gethan . - » Fast neue goldene Ohrringe . « » Auch von einer Herzogin ? « » Nein , Herzoginnen tragen nur Brillanten . Doch wie solltet Ihr das wissen ? Diese Ohrringe ließ ich für ein Pathchen von mir machen , sie waren aber etwas zu groß ausgefallen , und nun will der Spitzbub von Juwelier sie nur für den Goldwerth zurücknehmen . - Da sind sie . « » Ei ! « rief der Mann am Ofen , » Goldsachen ! - Das ist mein Geschäft ; laßt die Finger davon , Frau Bilz , und begnügt Euch mit Euren Lumpen . - Gebt mir die Ohrringe einmal her ! « » Hier sind sie , « sagte die Frau ; worauf sie dem Meister Schwemmer die Ringe gab . » Aber Euer Pathchen , « wandte sie sich hierauf an Herrn Sträuber , » muß ein recht ungewaschenes Ding sein : von einmaligem Anprobiren sind die Ohrringe schon ganz angelaufen ! - Da ist auch ein Blutflecken . « » Laßt mich aus mit Euren Dummheiten ! « schnaubte sie Herr Sträuber an . - - » Blut , Blut ! Mit Eurem miserablen Gewäsch ! Ihr wißt wohl , daß ich das nicht leiden kann . « » Richtig , « sprach der Mann am Ofen , » er kann das nicht leiden , kann ' s auch weder sehen noch riechen , das hat er bei vielen Veranlassungen bewiesen . - Nun , ihr braucht Euch nicht zu ärgern , es ist einmal Eure Art so , Ihr habt Sympathien für schöne Herzoginnen , aber nicht für das Dreinschlagen . « Meister Schwemmer hustete hierauf gewaltig , dann erhob er seinen Knotenstock und klopfte damit auf ein Blech hinter dem Ofen , worauf eine Weiberstimme aus dem Nebenzimmer sogleich fragte : » Was gibt ' s denn ? « » Bring ' mir den Probirstein und die Goldwage . « Bei dem Schlag auf das Blech war der Herr Sträuber erschrocken zusammen gefahren . Wahrscheinlich hatte das Gespräch von Blut seine Nerven irritirt , denn er warf hastig seinen Kopf herum und murmelte alsdann etwas von rohem Volk , von Mangel an Erziehung und Bildung und vom Unglück eines honetten Menschen , der durch Ungunst der Verhältnisse gezwungen sei , unter solcher Canaille zu leben . » Das Gold ist gut , « sagte Meister Schwemmer , » sechzehnkarätig ; ich zahle Euch dafür einen Gulden und dreißig Kreuzer ; und wahrhaftig nur so viel , weil der Blutflecken daran ist ; seit ich meinen Bluthusten habe , macht es mir doppeltes Vergnügen , dergleichen auch von Anderen zu sehen . - Wollt Ihr einen Gulden und dreißig Kreuzer ? « » Meinetwegen ! meinetwegen ! « versetzte hastig Herr Sträuber , » obgleich ich den bittersten Schaden daran habe , denn mich kosten sie sechs Gulden . « Beide Theile schienen indessen mit dem gemachten Handel wohl zufrieden zu sein . Herr Sträuber strich sein Geld ein und Meister Schwemmer polirte mit dem rothkarrirten Taschentuch eifrigst an den Ohrringen , bis sie wieder in hellem Glanze strahlten . Es trat hier eine Pause ein , nur zuweilen unterbrochen von einem leisen Husten des Mannes am Ofen , oder von einem Geklapper im Nebenzimmer , wo das Weib , welches vorhin die Goldwage gebracht , mit allerlei Kesseln und Eisenwaaren herumhantirte ; dazwischen hindurch vernahm man zuweilen , aber aus weiterer Entfernung , das halb unterdrückte Geschrei von kleinen Kindern , bald ein lautes Aufkreischen , bald leises Wimmern derselben . » Ich bin auf neun Uhr herbestellt , « sagte endlich Herr Sträuber » jetzt ist es wenigstens halb Zehn . Was soll ich eigentlich und warum muß ich unnütz warten ? Ihr wißt , daß meine Zeit kostbar ist . « » Wir wissen