Absicht lesen . Inzwischen war es gut , daß das Interesse Römers , hinsichtlich des Kopierens seiner Sammlungen , sich mit dem meinigen vereinigte ; denn als ich nun , gemäß seiner Aufforderung , mich wieder vor die Natur hinsetzte , erwies es sich , daß ich Gefahr lief , meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen . Es kostete mich die größte Beharrlichkeit und Mühe , ein nur zum zehnten Teile so anständiges Blatt zuwege zu bringen , als meine Kopien waren ; die ersten Versuche mißlangen fast gänzlich , und Römer sagte schadenfroh » Ja , mein Lieber , das geht nicht so rasch ! Ich habe es wohl gedacht , daß es so kommen würde ; nun heißt es auf eigenen Füßen stehen oder vielmehr mit eigenen Augen sehen ! Eine gute Studie leidlich kopieren , will nicht soviel heißen ! Glauben Sie denn , man läßt sich ohne weiteres für andere die Sonne auf den Buckel zünden ? « usf. Nun begann der ganze Krieg des Tadels gegen das Bemühen , demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu spielen , von neuem ; Römer ging mit hinaus und malte selbst , so daß er mich immer unter seinen Augen hatte . Es war hier nicht geraten , die Torheiten und Flausen zu wiederholen , die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte , da Römer durch Steine und Bäume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte , ob derselbe gewissenhaft sei oder nicht . Er sah es jedem Aste an , ob derselbe zu dick oder zu dünn sei , und wenn ich meinte , derselbe könnte ja am Ende so gewachsen sein , so sagte er » Lassen Sie das gut sein ! Die Natur ist vernünftig und zuverlässig ; übrigens kennen wir solche Finessen wohl ! Sie sind nicht der erste Hexenmeister , welcher der Natur und seinem Lehrer ein X für ein U machen will ! « Doch rückte ich allmählich vorwärts ; aber leider muß ich gestehen , daß mehr ein äußerer Ehrgeiz mich dazu antrieb als eine innere Treue . Denn es war mir hauptsächlich darum zu tun , daß die Arbeiten , welche ich selbst nach der Natur machte , nicht zu sehr zurückstehen möchten gegen meine kopierte Sammlung , und recht bald ein geistiges Eigentum von einigem Wert zu haben . Ich gelangte auch im Laufe des Sommers in Besitz von einem Dutzend starker und solider Papierbogen , auf welchen sich ansehnliche Baumgruppen , Steingerölle und Buschwerke ziemlich keck und sachgemäß darstellten , die einen Vorrat von guten Motiven enthielten , die Spuren der Natur und einer künstlerischen Leitung zeigten und desnahen , wenn sie auch weit entfernt waren , etwas Meisterhaftes zu verraten , doch als eine erste ordentliche Grundlage zu der Mappe eines Künstlers betrachtet werden konnten , welche man nicht nur der Erinnerung , sondern auch der fortdauernden Nutzbarkeit wegen aufbewahren mag . In diesen Blättern war dann noch diese oder jene Lieblingsstelle , wo ich einen glücklichen Ton getroffen und der Natur einen guten Blick abgelauscht , ohne es zu wissen , irgendein gutes Grünlich-Grau oder ein deutliches Sonnenlicht auf einem schwärzlichen Steine , womit Römer so zufrieden war , daß er es der Brauchbarkeit halber für sich kopierte . Er konnte dies unbeschadet seiner Strenge tun ; denn ich durfte nur einen Blick auf seine eigenen Studien werfen , welche er in diesem Sommer machte , so verging mir alle Überhebung , und wenn ich noch so viel Freude an meinen Schülerwerken empfand , so war diese Freude noch viel größer und schöner , wenn ich Römers glänzende und meisterhafte Arbeiten sah . Aber düster und einsilbig legte er sie zu seinen übrigen Sachen , als ob er sagen wollte was hilft das Zeug ! während ich die meinigen mit stolzer Hoffnung aufbewahrte und die Zeit nahe sah , wo ich ebensolche Meisterwerke mein nennen würde . Neben den ausgeführten Studien sammelte sich noch ein artiger Schatz von kleinen und fragmentarischen Bleistift- und Federskizzen , die alle wohl zu brauchen waren und mein erstes , auf eigene Arbeit und wahre Einsicht gegründetes Besitztum vervollständigten . Weil ich die mir durch den Aufenthalt Römers zugemessene Zeit wohl benutzen mußte , so konnte ich nicht daran denken , das Dorf zu besuchen , obschon ich verschiedene Grüße und Zeichen von daher erhalten hatte . Um so fleißiger dachte ich an Anna , wenn ich arbeitete und die grünen Bäume leise um mich rauschten . Ich freute mich für sie meines Lernens und daß ich in diesem Jahre so reich an Erfahrung geworden gegen das frühere Jahr ; ich hoffte einigen wirklichen Wert dadurch erhalten zu haben , der in ihren Augen für mich spräche und in ihrem Hause die Hoffnung begründe , die ich selbst für mich zu hegen mir erlaubte . Wenn ich aber nach getaner Arbeit in meines Lehrers Wohnung ausruhte , seinen Erzählungen vom südlichen Leben zuhörte und dabei seine Sachen beschaute , worunter manches Studienbild einer schönen vollen Römerin oder Albanerin dunkeläugig glänzte , so trat unversehens Judiths Bild vor mich und wich nicht von mir , bis es , von selbst Annas Gestalt hervorrufend , von dieser verdrängt wurde . Wenn ich eine blendendweiße Säulenreihe ansah und mit lebendiger Phantasie das Weben der heißen Luft zu fühlen glaubte , in welcher sie stand , so schien Judith plötzlich hinter einer Säule hervorzutreten , langsam die verfallenden Tempelstufen herabzusteigen und , mir winkend , in ein blühendes Oleandergebüsch zu verschwinden , unter welchem eine klare Quelle hervorfloß . Folgten meine Gedanken aber dahin , so sahen sie Anna im grünen Kleide an der Quelle sitzen , das silberne Krönchen auf dem Kopfe und silberblinkende Tränchen vergießend . Der Herbst war gekommen , und als ich eines Mittags zum Essen nach Hause ging und in unsere Stube trat , sah ich auf dem Ruhbettchen einen schwarzseidenen Mantel liegen . Freudig betroffen eilte ich auf denselben zu , hob das leichte angenehme Ding in die Höhe und besah es von allen Seiten , auf der Stelle Annas Mantel erkennend . Ich eilte damit in die Küche , wo ich die Mutter beschäftigt fand , ein feineres Essen als gewöhnlich zu bereiten . Sie bestätigte mir die Ankunft des Schulmeisters und seiner Tochter , setzte aber sogleich mit besorgtem Ernst hinzu , daß dieselben nicht zum Vergnügen gekommen wären , sondern um einen berühmten Arzt zu besuchen . Während die Mutter in die Stube ging und den Tisch deckte , deutete sie mir mit einigen Worten an , daß sich bei Anna seltsame und beängstigende Anzeichen eingestellt hätten , daß der Schulmeister sehr bekümmert sei und sie , die Mutter , selbst nicht minder , denn nach der ganzen Erscheinung des armen Mädchens glaube sie nicht , daß das feine zarte Wesen lange leben würde . Ich saß auf dem Ruhbette , hielt den Mantel fest in meinen Händen und hörte ganz verwundert auf diese Worte , die mir so unerwartet und fremd klangen , daß sie mir mehr wunderlich als erschreckend vorkamen . In diesem Augenblicke ging die Tür auf , und die ebenso geliebten als wahrhaft geehrten Gäste traten herein . Überrascht stand ich auf und ging ihnen entgegen , und erst als ich Anna die Hand geben wollte , sah ich , daß ich immer noch ihren Mantel hielt . Sie errötete und lächelte zugleich , während ich verlegen dastand ; der Schulmeister warf mir vor , warum ich mich den ganzen Sommer über nie sehen lassen , und so vergaß ich über diesen Begrüßungen ganz die Mitteilung der Mutter , an welche mich auch nichts Auffallendes erinnerte . Erst als wir am Tische saßen , wurde ich durch eine gewisse vermehrte Liebe und Aufmerksamkeit , mit welcher meine Mutter Anna behandelte , erinnert und glaubte jetzt nur Zu sehen , daß sie gegen früher fast größer , aber auch zugleich zarter und schmächtiger erschien ; ihre Gesichtsfarbe war wie durchsichtig geworden , und um ihre Augen , welche erhöht glänzten , bald in dem kindlichen Feuer früherer Tage , bald in einem träumerischen tiefen Nachdenken , lag etwas Leidendes . Sie war heiter und sprach ziemlich viel , während ich schwieg , hörte und sie ansah ; denn sie hatte ein dreifaches Recht zu sprechen als Gast , als Mädchen und als die Hauptperson dieses Besuches , wenn auch die Ursache traurig war . Andächtig und gern beschied ich mich und gönnte von ganzem Herzen Anna die Ehre , bei Tische mit den Eltern auf gleichem Fuße zu stehen , zumal sie durch ihr Schicksal diese Ehre mit frühen Leiden zu erkaufen bestimmt schien . Auch der Schulmeister war heiter und ganz wie sonst ; denn bei den Schicksalen und Leiden , welche uns Angehörige betreffen , benehmen wir uns nicht lamentabel , sondern fast vom ersten Augenblicke an mit der gleichen Gefaßtheit , mit dem gleichen Wechsel von Hoffnung , Furcht und Selbsttäuschung wie die Betroffenen selbst . Doch ermahnte jetzt der Schulmeister seine Tochter , nicht zuviel zu sprechen , und mich fragte er , ob ich die Ursache der kleinen Reise schon kenne , und fügte hinzu » Ja , lieber Heinrich ! meine Anna scheint krank werden zu wollen ! Doch laßt uns den Mut nicht verlieren ! Der Arzt hat ja gesagt , daß vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun wäre . Er hat uns einige Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen , ruhig zurückzukehren und dort zu leben , anstatt hierher zu ziehen , da die dortige Luft angemessener sei . Für unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von Zeit zu Zeit selbst hinauskommen und nachsehen . « Ich wußte hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen ; vielmehr wurde ich ganz rot und schämte mich nur , nicht auch krank zu sein . Anna hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lächelnd an , als ob sie Mitleid mit mir hätte , so peinliche Dinge hören zu müssen . Nach dem Essen verlangte der Schulmeister , von meinen Beschäftigungen zu wissen und etwas zu sehen ; ich brachte meine wohlgefüllte Mappe herbei und erzählte von meinem Meister ; doch sah man jetzt wohl , daß er zu sehr von seiner Sorge befangen war , als daß er lange bei diesen Dingen hätte verweilen können . Er machte sich bereit , einige Gänge zu tun und Einkäufe zu machen , welche hauptsächlich in einigen ausländischen Produkten zu Nahrungsmitteln für Anna bestanden , welche der Arzt einstweilen verordnet . Meine Mutter begleitete ihn , und ich blieb allein mit Anna zurück . Sie fuhr fort , meine Sachen aufmerksam zu beschauen ; auf dem Ruhbett sitzend , ließ sie sich alles von mir vorlegen und erklären . Während sie auf meine Landschaften sah , blickte ich auf sie nieder , manchmal mußte ich mich beugen , manchmal hielten wir ein Blatt zusammen in den Händen lange Zeit , doch ereignete sich sonst gar nichts Zärtliches zwischen uns ; denn während sie für mich nun wieder ein anderes Wesen war und ich mich scheute , sie nur von ferne zu verletzen , häufte sie alle Äußerungen der Freude , der Aufmerksamkeit und sogar der Ehrenbezeugung allein auf meine Arbeiten , sah sie fort und fort an und wollte sich gar nicht von denselben trennen , während sie mich selbst nur wenig ansah . Plötzlich sagte sie » Unsere Tante im Pfarrhaus läßt dir sagen , du sollest mit uns sogleich hinausfahren , sonst sei sie böse ! Willst du ? « Ich erwiderte » Ja , jetzt kann ich schon ! « und setzte hinzu » Was fehlt dir denn eigentlich ? « - » Ach , ich weiß es selbst nicht , ich bin immer müde und leide manchmal ein wenig ; die anderen machen mehr daraus als ich selbst ! « Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurück ; neben den seltsamen und fremdartigen Paketen , die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch legte , brachte er einige Geschenke für Anna mit , feine Kleiderstoffe , einen schönen großen Shawl und eine goldene Uhr , als ob er mit diesen kostbaren und auf die Dauer berechneten Sachen eine günstige Wendung des Geschickes erzwingen wollte . Als Anna darüber erschrak , sagte er , sie habe diese Dinge schon lange verdient und das bißchen Geld hätte gar keinen Wert für ihn , wenn er nicht ihr eine kleine Freude dadurch verschaffen könnte . Er zeigte sich zufrieden , daß ich mitfahren wollte ; meine Mutter sah es auch gern und legte mir einige Sachen zurecht , indessen ich das Gefährt aus dem Gasthause holte , wo es eingestellt war . Anna sah allerliebst aus , als sie wohlvermummt und verschleiert dem Schulmeister zur Seite saß . Ich behauptete den Vordersitz und hatte das Leitseil des gutgenährten Pferdes ergriffen , welches ungeduldig scharrte ; die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und wiederholte dem Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und , wenn es notwendig würde , hinzukommen und Anna zu pflegen ; die Nachbaren steckten die Köpfe aus den Fenstern und vermehrten mein angenehmes Selbstbewußtsein , als ich endlich mit meiner liebenswürdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Straße entlangfuhr . Es glänzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Lande . Wir fuhren durch Dörfer und Felder , sahen die Gehölze und Anhöhen im zarten Dufte liegen , hörten die Jägerhörnchen in der Ferne , begegneten überall zahlreichem Fuhrwerke , welches den Herbstsegen einbrachte ; hier machten die Leute die Gefäße zur Weinlese zurecht und bauten große Kufen , dort standen sie reihenweise auf den Äckern und gruben Kartoffeln aus , anderswo wieder pflügten sie die Erde um , und die ganze Familie war dabei versammelt , von der Herbstsonne hinausgelockt ; überall war es lebendig und zufrieden bewegt . Die Luft war so mild , daß Anna ihren grünen Schleier zurückschlug und ihr liebliches Gesicht zeigte . Wir vergaßen alle drei , warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren ; der Schulmeister war gesprächig und erzählte uns viele Geschichten von den Gegenden , durch welche wir kamen , zeigte uns die heiteren Wohnungen , wo berühmte Männer hausten , deren wohlgeordnete und gepflegte Räume und Gärten die weise Klugheit ihrer Besitzer verkündeten oder deren weiße Giebelwände und glänzende Fenster auch von entlegenen Halden im Sonnenschein die gleiche Kunde gaben . Da und dort wohnte eine berühmte Tochter oder deren zwei , von denen etwas zu erblicken wir im Vorüberfahren uns bemühten , und wenn dies gelang , so benahm sich Anna mit dem bescheidenen Anstande derjenigen , welche selbst Blumen des Landes sind . Doch dunkelte es eine geraume Weile , ehe wir ans Ziel gelangten , und mit der Dunkelheit fiel es mir plötzlich ein , daß ich Judith das Versprechen gegeben , sie jedesmal zu besuchen , wenn ich ins Dorf käme . Anna hatte sich wieder verhüllt , ich saß nun neben ihr , da der Schulmeister , welcher die Wege besser kannte , die Zügel genommen , und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer waren , so hatte ich Zeit , darüber nachzudenken , was ich tun wollte . Je unmöglicher es mir schien , mein Versprechen zu halten , je weniger ich das Wesen , welches ich mir zur Seite fühlte und das sich nun sanft an mich lehnte , auch nur in Gedanken beleidigen und hintergehen mochte , desto dringender ward auf der andern Seite die Überzeugung , daß ich am Ende doch mein Wort halten müsse , da mich Judith nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen , und ich nahm keinen Anstand , mir einzubilden , daß das Brechen desselben sie kränken und ihr weh tun würde . Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr nicht unmännlich als einer erscheinen , welcher aus Furcht ein Versprechen gäbe und aus Furcht dasselbe bräche . Da fand ich einen sehr klugen Ausweg , wie ich dachte , der mich wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte . Ich brauchte nur bei dem Schulmeister zu wohnen , so war ich nicht im Dorfe , und wenn ich am Tage dasselbe besuchte , so brauchte ich Judith nicht zu sehen , welche sich nur meinen nächtlichen und geheimen Besuch während eines Aufenthaltes im Dorfe ausbedungen hatte . Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem Sohne und zwei Töchtern vorfanden , welche uns erwarteten , teils um sogleich zu hören , was der Arzt gesprochen , teils um dem Schulmeister das Zurückbringen des geliehenen Fuhrwerks zu ersparen , als sie nun mich mitnehmen wollten und der Schulmeister sich freundlich dagegen beschwerte , erklärte ich unversehens , hierbleiben zu wollen , und die alte Katherine , welche jetzt Annas wegen sehr sorgenvoll und kleinlaut war , eilte , mir ein Unterkommen zu bereiten , indessen Anna , welche ganz ermüdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde , sich sogleich zu Bett begeben mußte . Sie führte mich an einen artig eingerichteten Tisch , auf welchem ihre Bücher und Arbeitssachen , auch Papier und Schreibzeug lagen , setzte Licht darauf und sagte lächelnd » Mein Vater bleibt alle Abend bei mir , bis ich eingeschlafen bin , und liest mir manchmal etwas vor . Hier kannst du dich vielleicht so lange beschäftigen . Sieh , hier mache ich etwas für dich ! « und sie zeigte mir eine Stickerei zu einer kleinen Mappe , welche sie nach jener Blumenzeichnung verfertigte , die ich vor mehreren Jahren in der Weinlaube gemacht und ihr geschenkt hatte . Das naive Bild hing über ihrem Tische . Dann gab sie mir die Hand und sagte wehmütig leise und doch so freundlich : » Gut ' Nacht ! « und ich sagte ebenso leise : » Gut ' Nacht ! « Einige Augenblicke nachher , als sie gegangen , kam der Schulmeister herein , und ich sah , daß er ein schön eingebundenes Andachtsbucht mitnahm , als er sich wieder entfernte , um in Annas Zimmer zu gehen . Ich hingegen beschaute alle Sächelchen , welche auf dem Tische lagen , spielte mit ihrer Schere und konnte mir gar nicht ernstlich denken , daß irgendeine Gefahr für Anna sein sollte . Zweites Kapitel Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war , so er wachte ich am Morgen sehr früh , noch eh eine Seele sich regte . Ich machte das Fenster auf und sah lange auf den See hinaus , dessen waldige Uferhöhen vom Morgenrote beglänzt waren , indessen der späte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich kräftig im dunklen Wasser spiegelte . Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne , welche nun die gelben Kronen der Bäume vergoldete und einen zarten Schimmer über den erblauenden See warf . Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu verhüllen , ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle Gegenstände , und indem er ein glänzendes Bild um das andere auslöschte , daß sich rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte , wurde der Nebel plötzlich so dicht , daß ich nur noch das Gärtchen vor mir sehen konnte , und zuletzt verhüllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster . Ich schloß dieses zu , trat aus der Kammer und fand die alte Katherine in der Küche an dem traulichen hellen Feuer . Ich plauderte lange mit ihr ; sie ergoß sich in zärtlichen Klagen über Annas bedenklichen Zustand , berichtete mir , seit wann derselbe begonnen , ohne daß ich jedoch über seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde , da sie sich mancher dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente . Dann begann sie mit rührender , aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verkünden und ihr bisheriges Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurück , und ich sah deutlich vor mir das dreijährige Engelchen umherspringen , in genau beschriebener Kleidung , aber freilich auch ein frühes und leidenvolles Krankenlager , auf welches das kleine Wesen dann jahrelang gelegt wurde , so daß ich nun ein schlohweißes , länglichgestrecktes Leichnamchen erblickte , mit geduldigem , klugem und immer lächelndem Angesicht . Doch das kranke Reis erholte sich , der wunderbare Ausdruck der durch das Leiden hervorgebrachten frühen Weisheit verschwand wieder in seine unbekannte Heimat , und ein rosig unbefangenes Kind blühte , als ob nichts vorgefallen wäre , der Zeit entgegen , wo ich es zuerst sah . Endlich zeigte sich der Schulmeister , welcher , da seine Tochter nun des Morgens länger im Bette bleiben mußte und länger schlief als früher , sich des frühen Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach derjenigen seines kranken Kindes richtete . Nach einer guten Weile erschien auch Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frühstück , indessen wir das gewöhnliche verzehrten . Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut über den Tisch , welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit überging , als wir drei sitzen blieben und uns unterhielten . Der Schulmeister nahm ein Buch , die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis , und las einige Seiten daraus vor , indessen Anna ihre Stickerei vornahm . Dann hob ihr Vater über das Gelesene ein Gespräch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der herkömmlichen Weise meine Urteilskraft zu prüfen , zu mildern und zu gemeinsamer Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken . Aber ich hatte durch den letzten Sommer die Lust an solchen Erörterungen fast gänzlich verloren , mein Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet , und selbst die rätselhaften Betrachtungen über die Erfahrungen , die ich mit Römer anstellte , gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich . Außerdem fühlte ich , daß ich nun die größte Rücksicht auf Anna nehmen mußte , und als ich bemerkte , daß sie sogar froh schien , mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke preisgegeben zu sehen , hütete ich mich wohl , einen Widerspruch zu äußern , gab denjenigen Stellen , welche eine innere Wahrheit enthielten oder tief , schön und kraftvoll ausgedrückt waren , meinen aufrichtigen Beifall oder überließ mich einer reizenden Langweile , die schönen Farben an Annas Seidenknäulchen beschauend . Sie hatte sich wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein , so daß kein großer Unterschied gegen ihr früheres Wesen während des Tages bemerklich war . Der angenehme Aufenthalt in ihrem Hause diente daher nur dazu , meinen Leichtsinn und meine Sorglosigkeit zu bestärken und eine Bewegungslust in mir anzufachen , die mich hinaustrieb . Außerdem mußte ich ja am Tage meine Verwandten im Dorfe besuchen , wenn ich den kasuistischen Ausweg , Judith zu hintergehen , anwenden wollte . Als ich daher in den dichten Nebel hinausging , war ich , noch mehr aufgeweckt durch den frischen Herbstgeruch , sehr guter Dinge und mußte lachen über meine seltsame List , zumal das verborgene Wandeln in der weiß verhüllten Natur meinen Gang einem Schleichwege noch vollständig ähnlich machte . Ich ging über den Berg und gelangte bald zum Dorfe ; doch verfehlte ich hier des Nebels wegen den rechten Weg und sah mich bald in ein Netz von schmalen Garten- und Wiesenpfaden versetzt , welche bald zu einem entlegenen Hause , bald wieder gänzlich zum Dorfe hinausführten . Ich konnte nicht vier Schritte vor mir sehen , Leute hörte ich immer , ohne sie zu erblicken , aber zufälligerweise traf ich niemanden auf meinen Wegen . Da kam ich zu einem offenstehenden Pförtchen und entschloß mich , hindurchzugehen und alle Gehöfte gerade zu durchkreuzen , um endlich wieder auf die Hauptstraße zu kommen . Ich sah mich in einen prächtigen großen Baumgarten versetzt , dessen Bäume alle voll der schönsten reifen Früchte hingen . Man sah aber immer nur einen Baum ganz deutlich , die nächsten standen schon halb verschleiert im Kreise umher , und dahinter schloß sich wieder die weiße Wand des Nebels . Es war daher , als ob man in einen weiten Tempel getreten , dessen Säulen von Räucherwolken und Seidengeweben umhüllt und von dessen Decke grüne Kränze mit goldenen und rubinfarbigen Früchten herabhingen . Plötzlich sah ich Judith mir entgegenkommen , welche einen großen Korb mit Äpfeln gefüllt in beiden Händen vor sich her trug , daß von der kräftigen Last die Korbweiden leise knarrten . Das Einsammeln des Obstes war fast die einzige Arbeit , der sie sich mit Liebe und Eifer hingab . Sie hatte ihr Kleid des nassen Grases wegen etwas aufgeschürzt und zeigte die schönsten Füße ; ihr Haar war von Feuchte schwer und das Gesicht von der Herbstluft mit reinem Purpur gerötet . So kam sie gerade auf mich zu , auf ihren Korb blickend , sah mich plötzlich , stellte erst erbleichend den Korb zur Erde und eilte dann mit den Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude auf mich zu , fiel mir um den Hals und drückte mir ein Dutzend voll und rein ausgeprägte Küsse auf die Lippen . Ich hatte Mühe , dies nicht zu erwidern , und rang mich endlich von ihrer Brust los . » Sieh , sieh ! du gescheites Bürschchen ! « sagte sie froh lachend , » du bist heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze , mich noch vor Nacht heimzusuchen ; das hätte ich dir nicht einmal zugetraut ! « - » Nein « , erwiderte ich , zur Erde blickend , » ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister , weil Anna krank ist . Unter diesen Umständen kann ich jedenfalls nicht zu dir kommen ! « Judith schwieg eine Weile , die Arme übereinandergeschlagen , und sah mich klug und durchdringend an , daß mein Blick in die Höhe gezogen und auf den ihrigen gerichtet wurde . » Das wäre allerdings noch gescheiter , als wie ich es meinte « , sagte sie endlich , » wenn es dir nur etwas helfen würde ! Doch , weil unser armes Schätzchen krank ist , so will ich billig sein und unsere Übereinkunft abändern . Der Nebel wird sich wenigstens zwei Wochen lang täglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise zeigen . Wenn du jeden Tag während desselben zu mir kommst , so will ich dich für die Nacht deiner Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen , dich nie zu liebkosen und dich selbst zurechtzuweisen , wenn du es tun wolltest ; nur mußt du mir jedesmal auf ein und dieselbe Frage ein einziges Wörtchen antworten , ohne zu lügen ! « - » Welche Frage ? « sagte ich . » Das wirst du schon sehen ! « erwiderte sie ; » komm , ich habe schöne Äpfel ! « Sie ging mir voran zu einem Baume , dessen Äste und Blätter edler gebaut schienen als die der übrigen , stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und brach einige schön geformte und gefärbte Äpfel . Einen derselben , der noch im feuchten Dufte glänzte , biß sie mit ihren weißen Zähnen entzwei , gab mir die abgebissene Hälfte und fing an , die andere zu essen . Ich aß die meinige ebenfalls und rasch ; sie war von der seltensten Frische und Gewürzigkeit , und ich konnte kaum erwarten , bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte . Als wir drei Früchte so gegessen , war mein Mund so süß erfrischt , daß ich mich zwingen mußte , Judith nicht zu küssen und die Süße von ihrem Munde noch dazuzunehmen . Sie sah es , lachte und sprach » Nun sage bin ich dir lieb ? « Sie blickte mich dabei fest an , und ich konnte , obgleich ich jetzt lebhaft und bestimmt an Anna dachte , nicht anders und sagte » Ja ! « Zufrieden sagte Judith » Dies sollst du mir jeden Tag sagen ! « Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte » Weißt du eigentlich , wie es mit dem guten Kinde steht ? « Als ich erwiderte , daß ich allerdings nicht klug daraus würde , fuhr sie fort » Man sagt , daß das arme Mädchen seit einiger Zeit merkwürdige Träume und Ahnungen habe , daß sie schon ein paar Dinge vorausgesagt , die wirklich eingetroffen , daß manchmal im Traume wie im Wachen sie plötzlich eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme , was entfernte Personen , die ihr lieb sind , jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden , daß sie jetzt ganz fromm sei und endlich auf der Brust leide ! Ich glaube dergleichen Sachen nicht , aber krank ist sie gewiß , und ich wünsche ihr aufrichtig alles Gute , denn sie ist mir auch lieb um deinetwillen . - Aber alle müssen leiden , was ihnen bestimmt ist ! « setzte sie nachdenklich hinzu . Während ich ungläubig den Kopf schüttelte , durchfuhr mich doch ein leichter Schauer , und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas Gestalt , welche meinem innern Auge vorschwebte . Und fast in demselben Augenblicke war es mir auch , als ob sie mich jetzt sehen müsse , wie ich vertraulich bei der Judith stand ; ich erschrak darüber und sah mich um . Der Nebel löste sich auf , schon sah man durch seine silbernen Flocken den blauen Himmel , einzelne Sonnenstrahlen fielen schimmernd auf die feuchten Zweige und beglänzten die Tropfen , welche von denselben fielen ; schon sah man den blauen Schatten eines Mannes vorübergehen , und endlich drang die Klarheit überall durch , umgab uns und warf , wie wir waren , unser beider Schlagschatten auf den matt besonnten Grasboden . Ich eilte davon und hörte in dem Hause meines Oheims die Bestätigung dessen , was mir Judith mitgeteilt ; wohl aufgehoben in dem lebendigen Hause und beruhigt durch das vertrauliche Gespräch , lächelte ich wieder ungläubig und war