Partie ihr zu verhelfen , hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen , und nun sei doch ihre Lage gewiß nicht beneidenswerth : eine Pflegetochter hüten , an die keine Blutsbande sie fesselten , zu einer Verbindung das Auge zudrücken , die sie ungern sähe , und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des Mädchens und gegen den alten van Asten , von dem sie noch obenein einen unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen . Könne das nicht ein edelgesinntes Gemüth herunterbringen ! - In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältniß der Geheimräthin mit dem Legationsrath . Der Legationsrath behielt bei den Anspielungen seine vollkommene Ruhe , und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der geistreichen Frau . Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des Verstandes eine Geliebte . Die Gevatterinnen wussten , daß er nur seltene Besuche machte , immer in der allgemeinen Besuchsstunde , sie wussten von der Dienerschaft , daß er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege . Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft , oder betrafen Geschäfte . Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten , und Wandel hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe , die er für die sichersten hielt , anempfohlen . Er war ein Freund des Geheimrathes , den dieser oft stundenlang in seinem Studirzimmer festhielt . Wandel war ein lebendiges Lexikon für alle Ausgaben des Horaz . Und wie theilnehmend hatte er sich bei dem letzten Unglücksfall , der das Haus betraf , benommen , wenn man den Todesfall des alten Bedienten so nennen kann . Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen , obgleich Geheimrath Mucius gesagt , er könne sich noch zehn Jahre quälen . » Wie recht hatte Ihre Frau Gemahlin , « hatte er zum Geheimrath gesagt , » die immer besorgte , daß er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde . Und mit welchem Takt sie die Charlatanerie der Aerzte erkannt ! « Als man Johann an einem Morgen todt neben seinem Bette gefunden , und alle Hausgenossen in die Kammer stürzten , war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen . Hier ging ihr der Athem aus , die Kräfte versagten , und sie war in die Knie gesunken . Ihr Gatte und der Legationsrath mussten die Ohnmächtige aufheben . Wie liebevoll hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen . Die Dienerschaft zerfloß in Thränen : » Warum erschrecken , meine Freundin , über Etwas , das nur eine Wohlthat des Himmels ist , für den armen Dulder , für uns Alle , die wir seine Leiden sehend mit ihm litten ! Preisen wir vielmehr die Hand , die dies gethan . Sein Wille geschehe , der es gut , schnell und kurz gemacht ! « Gestärkt durch seinen Zuspruch , hatte sie nachher an der Leiche gestanden , ihre Züge beobachtend . » So ist es recht , « hatte er gesagt : » dem was wir als gut erkannt , fest ins Auge gesehen ! Wem helfen Thränen , wem weichliches Gefühl des Mitleids ! Indem wir das eine Nothwendige erkannt , stärken wir unsere Nerven , um der Nothwendigkeit auch weiter ins Auge zu blicken , und wir mögen endlich den Sinn des alten Kirchenliedes erfassen : Tod , wo sind nun deine Schrecken ! « Sie war gestärkt worden . Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen geschmückt . Die Dienerschaft , die Nachbarschaft waren davon gerührt , und das Lob der Geheimräthin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet . Im Hause der Geheimräthin war es sehr still hergegangen , sagten wir , heut aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche . Die Regimenter von Larisch und Winning , von der Weichsel zurückberufen , marschirten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsort , der fränkischen Grenze . Die Straßen waren belebt , die Fenster besetzt . Der Durchzug erfolgte unregelmäßig , bataillonsweise ; die Truppen , in Eilmärschen aus Polen herangezogen , hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt , sich zu einem Paradezug zu ajustiren . Während Monturen , Gesichter , Haltung von den Strapazen der angestrengten Märsche sprachen , wirbelten aber die Trommeln und die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft ; der Jubel der Zuschauer überbot sie noch . Aus den Fenstern schwenkte man Tücher , auf der Straße drückte man den Soldaten die Hand ; man reichte ihnen zu trinken , und während die Schnapsflaschen und die Semmelkörbe umhergingen , schickten patriotische Hausfrauen große Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter . In der Küche der Geheimräthin brodelte ein Waschkessel , Adelheid hatte für den Soldatenkaffee und für die Chokolade der Gäste zu sorgen . Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern . Es gehörten nicht Alle zu einander . Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden einen Artikel vor : Dem Vernehmen nach hat der Herr Staatsminister von Hardenberg dem französischen Gesandten , Herrn Laforest , die Antwort ertheilt : Sein König wisse nicht , worüber er sich mehr zu verwundern habe , über die Gewaltthat des französischen Heeres , oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür . Wie habe man Preußens aufopfernde Redlichkeit vergolten , das Opfer gebracht , die seinen theuersten Pflichten nachtheilig werden könnten . So könne man denn doch keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen , als daß derselbe Ursachen gehabt , die zwischen ihm und der Krone Preußen bestehenden Verpflichtungen für werthlos zu halten , und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller früheren Obliegenheiten entbunden . Frieden wolle Preußen auch noch jetzt , halte sich aber nun verpflichtet , seinem Heere die Stellung zu geben , welche zur Vertheidigung des Staates unerlässlich sei . » Ja , es werden drei Heere gebildet , wie ich aus sicherer Quelle weiß , « bemerkte Jemand . Ein Anderer setzte hinzu : » Und es bleibt nicht bei der Rückberufung unserer Weichselarmee , sondern wir haben auch den Russen den Durchzug durch Schlesien geöffnet . « Der Kriegsrath Alltag flüsterte seinem Nachbar ins Ohr : » Die Donschen Kosacken sind schon in Breslau angemeldet . « Auch die Fürstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewürdigt . Sie lächelte , zum Rath Fuchsius sich abwendend : » Mir will die Vorstellung einer Komödie noch nicht aus dem Sinn . « » In einer Stadt , wo das Theater eine so große Rolle spielt , « entgegnete der Rath , » ist dieser Gedanke sehr natürlich . « » Es wäre doch grausam , « fuhr die Fürstin fort , » wenn man mit den armen Menschen wieder nur Kämmerchen vermiethen spielte . Vom Rhein nach der Weichsel , und von der Weichsel nach dem Main ! « » Das könnte das beste Heer demoralisiren , « äußerten Mehrere . » Aus welcher Zeitung ist der Artikel , Herr van Asten ? « fragte die Lupinus . » Aus dem Hamburger unparteiischen Korrespondenten , der heut Morgen ankam . « » Warum müssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren ! Ueber etwas , das uns so nahe angeht , lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen . « » Dann ist ' s auch vielleicht nicht wahr , « lächelte die Fürstin mit einem besonderen Blick auf den Regierungsrath . Es mochten mehrere den Blick verstehen . Fuchsius besorgte für die Hamburger Zeitung Regierungsartikel . » Die erlauchte Fürstin , « entgegnete Fuchsius , » weiß , daß gewisse Regierungen schüchternen Jungfrauen gleichen , die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien vertragen , hinter ihrem Rücken hören sie sich recht gern gelobt . « » Ich kenne auch Regierungen , « setzte die Gargazin darauf , » die erschrecken , wenn man ihre Gedanken ausspricht , besonders , wenn sie gar keine haben . « Der Kriegsrath Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab . Er hatte nicht geglaubt , daß vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen könnten . Die Gruppe löste sich auf , als die Janitscharenmusik das Anrücken eines neuen Bataillons verkündete . Adelheid streifte mit dem Präsentirbrett an Walter vorbei » Ein bischen zuvorkommender gegen meinen Vater ! Auch mit Mutter könnten Sie mehr sprechen . « Der Jubel am Fenster und auf der Straße ersparte ihm die Antwort . Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer . Eine weibliche durchdringende Stimme ließ sich vernehmen : » Nein , sag ich doch , so vieles Volk , und alle zum Todtschießen ! ' s ist grausam ! - Sieh mal Fritz , wie sie blitzen ! die Spontons ! Da der mit dem rothen Federbusch ! - Malwine , willst Du Dich nicht so ' rüber legen ! - Was man mit den Kindern Noth hat . Und da das blutjunge Gesicht - ach du liebe Seele , der hinkt , hat sich die Füße durchgelaufen . - Was ' ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen muß ! - Und staubig , Alle wie gepudert ! - Liebechen , « rief sie hinunter , - » sehn Sie , Dem da schenken Sie ' ne Tasse Kaffee ! Er friert so , und ein so hübscher Mensch . - Sieht sie ' s wieder nicht , die Lisette ! - Nu ist er fort ! - Na , ' s wird wohl noch andere mitleidige Seelen geben . - Was so ein Tornister drücken muß ! - Fritz , wenn Du auch solche grausame Flinte auf dem Buckel tragen müsstest . - Nu paß Acht , nu kommt der Tambour . Hurrje , hurrje ! hörst Du , wie er schlägt ! « » Will auch Trommler werden , « sagte der Junge . » Nein , Fritzchen , da wirst Du todtgeschossen . Das ist nur für ordinaire Leute . Guter Leute Kinder , die sind zu was anderem da . « » Will Trommler werden ! « wiederholte der Trotzkopf . » Papa hat ' s gesagt . « » Ja , wenn Du ein Taugenichts wirst , dann wirst Du unter die Soldaten gesteckt . « Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde . » Du Olle , Du sollst mir ' s nicht verbieten , Du hast mir nichts zu verbieten . « » Range Du ! Untersteh ' Dich und kneif ' noch mal . Wenn wir nicht bei hübschen Leuten wären , kriegtest Du eins hinter die Ohren , daß Du Dich wundern sollst . « Die Geheimräthin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen . Sie brachte den Kindern Bretzeln und fragte : ob sie schon Chokolade bekommen . » Ach du mein Gott , die gestrenge Frau sind auch gar zu gütig gegen die Kleinen ! « rief Charlotte , die sich umgedreht . » Daß wir Ihnen auch so viel Inkommodität verursachen ! Aber Kinder sind nun mal Kinder , und wer weiß , ob sie so was mal wiedersehen , sagte meine Cousine , die Frau Hoflackir . Ja sie gehen alle in den Tod . « » Giebt es einen schönern als fürs Vaterland ! « sprach die Geheimräthin mit Erhebung . » Das sagte mein Wachtmeister auch , Frau Geheimräthin , aber , nehmen Sie mir ' s nicht übel , Tod ist doch Tod . Und eingebuddelt werden sie , ohne Sang und Klang , ohne Leichenhemd und ohne Sarg , wo sie stehen und liegen . Und der Fritz will absolut Soldat werden . Ist ein rabbiater Junge . Und mein guter Geheimrath , der die Güte selbst ist , Sie glauben gar nicht , wie er ihm schon auf der Nase spielt . Kinder sind Gottes Segen , o gewiß , aber sie können auch Gottes Fluch werden , wenn sie ausschlagen . « Die Geheimräthin streichelte die Köpfe der Kleinen : » Geht , liebe Kinder , in die andere Stube und lasst Euch Chokolade geben . « Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbretzel , welche die Frau mit den spitzen Fingern den Kleinen gab ; warum kamen ihr diese Finger heut nicht spitz vor , als sie über die blonden Haare der Kleinen strich . Charlotte war auch jetzt in innerer Bewegung , aber es war eine andere , als sie plötzlich in Thränen ausbrechend den Saum des Kleides der Geheimräthin erfasste und es an die Lippen drückte : » Ach , Frau Geheimräthin , das müssen Sie mir schon erlauben . Es war doch zu schön . So einen ordinären Dienstboten unter die Erde zu bringen , und seine eigne Herrschaft ! Das wird Ihnen Gott lohnen . Darüber ist auch nur eine Stimme in der Stadt . Und meine Cousine , die Frau Hoflackir , sagt , solch einen Sarg und von so schönem fettem Eichenholz , hat sie nicht gesehen , als ihr Mann seine Alte begrub , und das war ihr Glück , und ihr Mann versteht ' s ; wenn der den Beutel aufthut , dann hält er nicht den Finger drauf . Aber der Silberbeschlag ! Nein , Frau Geheimräthin , das ist es gar nicht . Was ist Silber ? Unter der Erde rostet ' s , wir rosten Alle . Aber die Blumen , nein du mein Himmel Jesus nein . Wie ein Purpurri ' rüber geschüttet , wie ich da in den Hausflur trat , es knickte mir in die Knie , und ich wollt ' s nicht glauben , und die Menschheit ! Vom Gensd ' armenmarkt , vom Fürstenhause her , die Polizei konnte gar nicht durch , daß die Leichenträger nur Platz hatten . Und da war doch nur eine Empfindung . « » Er war ein treuer Diener , und wir sind alle Menschen . « » Aber doch mit Unterschied , Frau Geheimräthin . Und den Kranz von weißen Rosen , den Sie auf seine Todtenlocke gedrückt , und sein bleiches Antlitz ! Er war mein Cousin , schluchzte ich , und meine Cousine , die Frau Hoflackir , sprach : Ja das Leben ist doch schön ! Nein , Frau Geheimräthin , und wenn Sie mich eine schlechte Person nennen , Sie haben ihn sterben lassen , daß Mancher sagen möchte , so möchte ich auch sterben . « Wenn eine Emotion sich in dem halb geschlossenen Auge der Geheimräthin kund geben wollte , so bemerkte es Niemand , Charlotte am wenigsten , denn helle Trompetenstöße lockten jetzt aufs Neue und unwiderstehlich an die Fenster . Jeder stürzte dahin , wo er Platz fand ; Charlotte hatte einen , der ihr wohl nicht zukam , eingenommen , Arm in Arm mit der Baronin Eitelbach . Keine sah die Andere , keine gab auf die andere Acht . » Ach da reitet er ! « rief Charlotte , den Blick auf eine Schwadron der Gensd ' armen gerichtet , die um die Ecke schwenkte . Sie gab den durchmarschirenden Dragonern nur das Geleit . » Ach da reitet er ! « tobte es in einer Brust neben ihr , ohne daß die Lippen sich bewegten . » Nein ! wie viel schöner sehen doch unsre aus , als die Dragoner ! « Wunderbare Sympathie ! Dasselbe dachte die Baronin . » Wem gilt dieser Jubel ? « fragte am andern Fenster die Fürstin . » Den neuen Uniformen , Erlaucht , « flüsterte Jemand hinter ihr . » Die bleiben in Berlin ? « » Es wäre schade , sie dem Herbstwetter auszusetzen . « » Aber die armen maroden Truppen , die ins Feld müssen , werden es übel nehmen . « » Erlaucht ! Das Futter fürs Pulver darf nichts übel nehmen . « Plötzlich stieß Charlotte die Nachbarin in ihrer heftigen Bewegung fast zurück : » Er streicht sich den Bart ; das gilt mir : ja , ja , ich seh ' s , « und damit er ' s wieder sähe , bog sie sich hinaus . Malwine und Fritz waren dafür gestoßen worden . Es war nicht nöthig , daß sie das Umschlagetuch sich abgerissen , der Wachtmeister ritt schon unter dem Fenster , und warf ihr Kusshände zu . Und wie keck schmunzelnd er wieder den Bart strich ! Die Baronin sah auch etwas , aber - sie ward blaß . Er strich nicht den Bart , nein ; aber als er hinaufgeblickt , ihre Augen ihn getroffen , wandte er plötzlich den Kopf . Er setzte die Sporen ein und war zur Generalität geflogen . Sie sah ihn im Gedränge nicht wieder . » Ist Ihnen unpässlich , meine Gnädige ? « fragte der Legationsrath , der , jetzt erst eingetreten , die Dame nach einem Stuhl führte . » Es wird bald vorüber gehen . « » So ist es recht . Weinen Sie sich aus . Verhaltener Kummer ist für Seele und Leib gefährlich . « Die Eitelbach hatte Zeit sich auszuweinen ; bis auf die Kinder , welche die Einladung an den Chokoladentisch nicht umsonst vernommen , war kein lebendes Auge im Zimmer . Alle auf das Schauspiel draußen gerichtet . Prinz Louis selbst ritt vorüber , der Jubel hatte seinen Gipfelpunkt erreicht , und brach doch immer wieder von neuem aus . Tücher , Hüte , Mützen flogen . Es wollte nicht enden . » Der Krieg ist ja noch nicht erklärt , « flüsterte der Legationsrath ; » die Garde bleibt jedenfalls noch in Berlin , wenn Ihr empfindsames Herz vielleicht für einen dieser tapfern Krieger Besorgniß hegt . « Die Baronin sprach es nur für sich : » Er sieht mich ja nicht an . « Sie bereute schon den Selbstverrath , als ihr Blick auf das verwunderte Gesicht des Legationsrathes fiel . Er rückte einen Stuhl heran . » Theuerste Frau , « hub er nach einer Pause an , » erlauben Sie ein Wort des Vertrauens . Sie waren so gütig , mir jüngsthin Ihres zu schenken , und es ruht in dieser Brust , wie in einem Grabe . « » Sie wissen ja Alles . « » Ich hielt es für längst vorüber ; das Spiel des Windes auf einem Aehrenfelde . « » O es wird auch wohl so sein . Sie werden recht haben , ganz recht , « brach es aus der bewegten Brust . » Aber er verfolgte mich ja letzthin so auffällig . « » Besitzen Sie einen Brief von ihm ? - sprach er Sie an ? « » Nein - aber - es war ja ganz klar - die Fürstin Gargazin - « » Können Sie der auch ganz trauen ? - « Der Legationsrath sah sich vorsichtig um . » Sie ist eine seelensgute Frau . Schon vor acht Tagen versicherte sie mich , ich möchte mich vorbereiten , er könne sich gar nicht mehr halten . Sie hat ihn neulich bei sich in ihr Kabinet zurückgedrückt , er wäre im Stande gewesen , in ihrer Gegenwart mir zu Füßen zu stürzen . « Der Legationsrath sah ernst vor sich hin und schüttelte den Kopf : » Das glaube ich doch nicht - « » Als wir von der Waldow kamen , öffnete er mir den Wagenschlag . Ei , wie komm ich zu der Ehre , sagte ich . « » Und er - « » Er hatte schon , ganz träumerisch , einen Fuß auf dem Tritt , als mein Mann dazu kam und ihn einlud mitzufahren - « » Worüber er zur Besinnung kam , das ist freilich sehr begreiflich . « » Sahen Sie , wie er jetzt fortsah , als er mich erblickte ? « Er fasste sanft ihre Hand : » Einem Kavalier muß der Ruf seiner Geliebten über Alles gehen . Was der Rasende im verschlossenen Kabinet der Fürstin vielleicht gewagt hätte , wird er doch nicht vor tausend Augen sich unterstehen . Nein , da beruhigen Sie sich - und wenn er es gethan , so hätte ich ein Wort mit ihm reden wollen . Eine Bitte ! Thun Sie sich Gewalt an . Verbergen Sie diese Gefühle . Sie sind zu schön und rein , die Welt ist Ihrer nicht werth . Möglich , das gebe ich zu , möglich , daß auch er Ihrer nicht werth ist . Aber erscheinen Sie dafür desto größer , und wenn er treu ist , bewahren Sie ihm das Vertrauen , ist er es nicht , sich die Größe , über ihren Schmerz erhaben zu sein . Meine Freundin , « sagte er aufstehend und drückte ihre Hand an seine Brust , » das Vergängliche gehört der Zeit , was aber in die Aeonen hinausragt , das ist das heilige Bewusstsein einer schönen Seele . Sie werden mich verstehen . « Ganz verstand sie ihn nicht , aber es war gut , daß sie ihn nicht fragte , denn die Gesellschaft war wieder im Zimmer . Nur der Major schien am Eckfenster noch draußen : » Das Friedrichs Heer ! « » Gerade in diesen Regimentern ist nichts geändert , « sagte Fuchsius . » Jeder hat allerdings noch seine drei gepuderten Locken . « » Sie marschirten doch vortrefflich - « » Geknickte Glieder eines Riesenkörpers , die nicht mehr in einander klingen . Mein Freund , zuweilen will ' s doch auch mich beschleichen , als wäre es am gescheitesten , zur Friedenspartei überzugehen . « Der Legationsrath wurde mit Fragen , was er Neues bringe , überstürmt . » Duroc ist abgereist . « » Wirklich ! Endlich ! « rief es . » Mit einer Kriegserklärung ? « » Man hat ihm nur zu verstehen gegeben , daß man unter den obwaltenden Umständen das Freundschaftsbündniß als gelöst vielleicht zu betrachten genöthigt sein dürfte . « » Und hat Laforest Pässe erhalten ? « » So unhöflich ist man nicht gewesen « Die Fürstin lächelte : » Er denkt übermorgen eine Matinée zu geben . « » Dies unterbleibt doch vielleicht , « sagte Wandel , » wenn Erlaucht mir erlaubt , das Gerücht mitzutheilen , was ich von der Börse bringe . Seine Majestät Kaiser Alexander wird hier erwartet . Der Oesterreichische Erzherzog Anton ist schon auf dem Wege nach Berlin . « Die Nachricht überraschte . Auch der Regierungsrath war frappirt : » Dieser Mensch weiß Alles . « » Wenn wir nicht wollen , « sagte Eisenhauch , die Lippen zusammen beißend , » so zwingen uns Andere zum Ernst . « Man beobachtete die Fürstin , um auf ihrem Gesicht die Bestätigung zu lesen . Man konnte nichts lesen ; sie war mit Adelheid beschäftigt , der sie heut ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen schien . » Herr von Wandel , Ihre Neuigkeiten sind noch nicht zu Ende ? « Er war gefällig , und gab eine Liste von Avancements und Verfügungen zum Besten : » Auch hat Herr von Bovillard mit seinem Sohne sich ausgesöhnt . Er will ihn wieder für den Staatsdienst gewinnen . Einstweilen hat der junge Bovillard Courierstiefeln anziehen müssen . Er ist fortgeschickt . « » Da wird doch wenigstens ein Platz in den Gefängnissen frei , « sagte die Geheimräthin mit Bitterkeit und ihr Blick fiel auf Adelheid . » Ob zufällig , oder ob sie eine Veränderung auf ihrem Gesicht bemerkte ? « » Meine holde Adelheid erschrak , « sagte die Fürstin , » bei Ihrer Nachricht von der Ankunft unseres Kaisers , Herr von Wandel . Sie stellt sich unter einem Kaiser aller Reussen einen orientalischen Despoten vor , einen Großmogul , vor dem Alles in Ehrfurcht auf den Boden stürzen muß . Ihr Lehrer wird ihr sagen , ein wie liebenswürdiger Kavalier Kaiser Alexander ist . Auch ein Welteroberer , aber - durch Huld und Güte gewinnt er die Herzen . - Doch mich dünkt , unser Neuigkeitsbote hat seinen Sack noch nicht ausgeschüttet . Was sagt die Falte auf ihrer Stirn ? « Der Legationsrath zuckte die Achseln : » Ich weiß nicht , ob ich die frohe Stimmung hier stören darf . « Eine Aufforderung zum Reden dringt . » Die Oesterreicher sind total geschlagen , Mack mit 6000 Mann gefangen , es existirt keine österreichische Armee an der Donau mehr . Der Courier kamschon heut Morgen an . Man hielt die Nachricht zurück , um den Jubel beim Durchmarsch der Truppen nicht zu dämpfen . « Eine stumme Pause folgte . Die Janitscharenmusik eines neu vorüberziehenden Bataillons bildete dazu einen üblen Kontrast . » Adieu Deutschland ! « seufzte Fuchsius . » Viktoria ! « rief der Major . » Das geht ans Leder . Die Haut lässt man sich nicht ruhig abziehen . « Die Fürstin warf einen ihrer himmlischen Blicke an den Plafond : » So musste es kommen , und es muß noch mehr kommen . Meine Herren , ich halte es für eine frohe Botschaft . Ja , der Mann ist groß , denn ein Größerer hat ihn gewürdigt , seine Geißel zu sein . Es soll noch mehr Blut fließen , um die Welt zu reinigen , und wir haben kein Maß für die Ströme , die da rauschen werden über die Länder . « » Ach du mein Gott , das ist ja schrecklich ! « rief die Kriegsräthin erblassend . Adelheid war zugesprungen , und umfasste die Mutter , die auf einen Stuhl gesunken war . » Warum schrecklich , « sagte die Fürstin mit Holdseligkeit , » wenn es Sein Wille ist ! Er , der die Haare auf unserm Kopfe gezählt hat , weiß auch , wen er opfern , wen er retten will . Und über seinen Erwählten schweben seine Engel . Einen weißen leuchtenden Fittich seh ich gebreit über dieses Kindes Haupt ! « sprach sie und legte wie segnend ihren Arm auf Adelheids Locken . Die von solcher Huld gerührte Kriegsräthin wollte aufstehen . Die Fürstin drückte sie sanft zurück : » Glückliche Mutter , auf deren Kindes Stirn die Worte des Dichters stehen : Und was kein Verstand der Verständigen sieht , Das schaut in Einfalt ein kindlich Gemüth ! « » Die Königin hat sich neulich sehr angelegentlich nach Ihrer Tochter erkundigt . Sie wünscht sie einmal zu sehen ; « flüsterte die Fürstin im Fortgehen mit holdseliger Herablassung zur Mutter . Sie glaubte in die Erde versinken zu müssen . Die Harmonie der Gesellschaft , wenn man die Stille so nennen kann , die vom Eindruck der Nachricht hier noch herrschte , ward durch häßliche Kinderstimmen in der Nebenstube unterbrochen , und als Charlotte plötzlich in ein heulendes Geschrei ausbrach , stürzte die Gesellschaft dahin . Der Rath und der Major , die nicht für Familienangelegenheiten gestimmt waren , ergriffen die Gelegenheit sich zu entfernen . Auf der Treppe sagte Fuchsius : » Der Frömmigkeit der Gargazin wäre es genehm , wenn ganz Deutschland in Brand und Flammen aufginge . « » Damit Rußland es erlösen kann ! « setzte der Major hinzu . » Es fragt sich da eben nur , wo die Scylla und wo die Charybdis ist . « Das Familienereigniß , welches den Aufstand verursachte , war auch für die näher Angehörigen kein eben interessantes . Die Lupinus ' schen Kinder , bei der Aufmerksamkeit , welche Prinz Louis und die Retter verursachten , sich selbst überlassen , waren über die Reste des Chocoladentisches hergefallen . Knabe und Mädchen hatten um die Wette » gestopft « , um die Zeit zu nutzen , wo man sie nicht beobachtete , und Fritz es angemessen gefunden , auf die Chololade und das viele Zuckergebäck einige Gläser süßen Weines zu gießen . Mit der Schilderung der Wirkungen , die sich hier zeigten , verschonen wir unsere Leser . Charlottens Aufschrei galt dem traurigen Anblick , den Malwine verursachte , die leichenblaß mit blauen Lippen , gläsernen Augen und krampfhaften Bewegungen auf dem Stuhle lag . Fritz saß , als die andern eintraten , noch wie ein Kobold auf dem Tisch , und machte den Versuch , mit grinsendem Gesichte aus der Flasche , die er in der Hand hielt , das Glas in der andern zu füllen , was ihm aber nicht gelingen wollte . Der süße Wein floß auf die Dielen . Was noch darauf erfolgte , überlassen wir der Phantasie des Lesers ; aber der Knabe schlug , als er schon Kopf über vom Tische gefallen war , noch mit der Flasche , die er krampfhaft in der Hand hielt , um sich . Zwar verwundete er keinen der Andern , die herbeigesprungen waren , aber , indem die Flasche in Scherben zerschlug , sich selbst an den Schläfen . Charlotte schrie wie besessen : » Sie stirbt ! « Den Kindern sei ' s angethan ! Andere : » Ein Doktor ! Schnell einen Doktor ! « Nur die Geheimräthin hatte ihre Besinnung behalten : » Was wird es sein ! Die Kinder haben sich den Magen überladen . Irgend ein Hausmittel , Legationsrath . « Die kurze Zwischenzeit , wo Walter und Adelheid zugleich hinausgestürzt waren , um nach einem Arzt zu schicken , und die noch Anwesenden Miene machten sich zu entfernen , füllte Charlotte mit ihren Lamentationen , bis die Geheimräthin ihr ins Wort fiel ; sie meinte , hier sei nichts weiter zu beklagen als ein Ungeschick , ein trauriger Zufall oder die vernachlässigte Erziehnug der Kinder . Das Glück wollte , daß ein Regimentsarzt schon vor dem Hause angetroffen ward , und auch der Vater der Kinder vom abgeschickten Boten bereits auf dem Herwege gefunden und benachrichtigt war . Der Chirurg erklärte beider Zustand für gefährlicher als die Geheimräthin gedacht ; Malwine , deren Natur sich nicht selbst geholfen , bedürfe eines Blutlasses ; aber er musste die herangeholte Lanzette noch sinken lassen , weil die Wunde an der Schläfe des Knaben so nahe an die Arterie streifte , daß