fing an zu regnen . Man schlug hinten wol die Wägen auf , aber nach vorn blieben die Herren ungeschützt und mußten sich mit Regenschirmen behelfen . Das gab nun eine unerquickliche Fahrt . Man lachte zwar , aber nur um sein Unbehagen nicht zu ernst auszulassen . Melanie und die Mutter hüllten sich in Mäntel . Jene band sogar einen Schleier über den Hut und verbarg sich in einer Wagenecke wie eine verhüllte Nonne , sich ganz ihren Betrachtungen überlassend . Nur zuweilen blitzten die großen braunen Augen zu Dankmarn hinüber , wenn er gerade nachdenklich in den Wald starrte oder zu den immer dichter heranziehenden Wolken aufsah . Die Kutscher peitschten zur Eile ... Dankmarn waren trotz des strömenden Regens alle Stellen erinnerlich , wo er vor wenig Tagen mit dem jungen Prinzen , für den er hier selbst gehalten wurde , in nähere Berührung gekommen war und seine Gedanken mit einem Manne ausgetauscht hatte , der kein Tischler sein konnte . Was lag da nicht Alles auf seiner belasteten Seele ! ... Um sechs Uhr war man im Heidekrug . Er erkannte den lustigen jetzt aber nüchternen und verdrießlichen Hausknecht Dietrich und die rührsame unpolitische Liese , deren Rechnung Hackerten noch in schlimme Händel bringen konnte . Aber zu lange konnte er kaum beim Vergangenen verweilen ; denn Alles , was ihn an Schlurck , den Heidekrüger , die Wahlen und den Wagen , der hier mit seinem wiedergefundenen Verluste , den alten Papieren des Tempelhauses in Angerode , gestanden hatte , erinnerte , verdrängte jetzt die Überzeugung , daß sie hier wirklich den Geheimrath von Harder eingeholt hatten . Da stand sein Landau , vom Regen triefend , da war der Möbelwagen , die Arche Noäh , wie sie jetzt von Melanie genannt wurde ; da sah er am Stalle die beiden Gendarmen und die Leute des Intendanten , die von da aus den mit einer eisernen Stange verschlossenen Wagen streng behüteten ..... Wie sich Alles sammelte , über das Wetter klagte , Zimmer , Speisen verlangte , wie die Hunde an den Ketten rissen , Bello kläffte , Einer da , der Andre dorthin sich verlor , war Das ein Durcheinander zum Einbüßen aller Besinnung . Melanie flüsterte Dankmarn , als er in das Zimmer trat , das ihm die Liese für diese Nacht anwies , die kurzen aber bedeutungsvollen Worte zu : Wie und wo das Bild herkommen soll , weiß ich noch nicht ! Aber Sie haben es bis morgen ! Dankmar wollte etwas Verbindliches erwidern . Sie schnitt seine Worte ab und sagte nur : Lassen Sie , da ich nicht weiß , wie ich Ihnen das Bild zustellen kann , die Nacht über die Thür Ihres Zimmers offen ! Hören Sie ? Damit verschwand sie und überließ Dankmarn dem Erstaunen über Etwas , was ihm völlig unmöglich schien . Er öffnete das Fenster des kleinen dumpfen Zimmers , um trotz des Regens frische Luft zu gewinnen . Es war ihm nicht lieb , daß er diese Kammer als jene erkannte , in welche man Hackerten geführt hatte , als man ihm nicht sagen wollte , daß er im Schlafe wandelte . Das Heu , das damals von Hackert aus dem Stalle mitgebracht wurde , lag nicht mehr im Zimmer . Dafür war der Heidekrug zu reinlich gehalten . Aber die Erinnerung war da und die erschreckte ihn doch mächtig . Den Abend über ging es nun verworren genug in diesem Hause und auf dem Hofe zu . Die schöne Einheit der Gesellschaft war durch das Wetter und die breite Souverainetät , mit der sich die Excellenz des Wirthshauses und seiner besten Zimmer bemächtigt hatte , gestört . Jeder aß für sich . Die Damen hatten sich ganz zurückgezogen . Der Versuch , nachdem der Regen mit Sonnenuntergang aufgehört hatte , das Freie zu gewinnen , den Garten zu besuchen , in den Wald , an den er grenzte , einen Blick zu werfen , scheiterte an den stehenden Wassern und dem feuchten Grase . Dankmar war überrascht , sich so plötzlich allein zu wissen , kaum noch selbst von Melanie beachtet . Er hörte viel Trepp auf , Trepp ab gehen , sah auch den Geheimrath öfters den Kopf zum Fenster hinausstecken , vernahm auch , daß die Bedienten immer in Bewegung waren . Aber so sehr seine Neugierde durch dies Alles gesteigert werden mußte , so ergab er sich doch völlig ungewiß in das Unabänderliche und überließ es der Zukunft , in das Chaos , das auf seine Brust gewälzt war , Licht zu bringen und seine Stimmung in heitere leichtere Gefühle aufzulösen . Im Wirthssaale traf er bald mit dem reichen Banquier von Reichmeyer , bald mit dessen Schwager Lasally zusammen . Man berathschlagte über die vorsichtigste Art , zur sichern Entdeckung der Hackert ' schen Frevel zu gelangen . Dankmar , dessen Besorgniß über das von ihm an Lasally abzuliefernde Pferd immer mehr stieg , schloß sich ihrer Entrüstung mit aller Entschiedenheit an und weigerte sich keineswegs , etwa verlangte gerichtliche Zeugnisse abzulegen . Reichmeyer war über Hackert weniger unterrichtet als Lasally . Dieser gestand , als Dankmar von dem krankhaften Zustande des Nachtwandelns sprach , dies bedauerliche Übel des Burschen , wie er ihn nannte , ein , bemerkte aber , die Discretion verböte ihm , über die wahren Ursachen dieses Zustandes ausführlicher zu sprechen . Jedenfalls , sagte er , können Sie überzeugt sein , daß Das ein Mensch ist , der alle Fähigkeiten besitzt , Einem über den Kopf zu wachsen , wenn man ihn nicht zur rechten Zeit mit Füßen tritt . Sie werden doch jedenfalls zugestehen , daß es ein Unglück ist , wenn Spitzbuben große Männer werden ? Deshalb ist die Polizei , das Zuchthaus und im Nothfall jede andere eclatante Beschimpfung da , um die übergroße Üppigkeit solchen Talenten für immer zu vertreiben . Dankmar verstand nicht recht diese gewaltthätigen Äußerungen und fand sie auch zu unbehaglich , um länger über sie nachzudenken oder gar über sie zu fragen . Er beschloß die Erinnerung an diese Begegnung , wenn irgend möglich , ganz aus seinem Gedächtniß zu werfen und unterhielt sich mit Lasally über andere Dinge . Im Ganzen fand er ihn klug und sehr klar , aber von merkwürdig geringem Fond . Es war ein junger Mann , den man zum Gentleman erzogen hatte und der deshalb , weil ihm die Mittel dafür zu fehlen anfingen , in einer verdrießlichen Stimmung war . Es gefiel ihm , daß Lasally etwas Offenes und Aufrichtiges hatte . Als sie Beide im Saale allein waren und einander ihre Cigarren anrauchten , sagte der Stallmeister auch ganz frei heraus : Sie sind Prinz Egon von Hohenberg ! Man weiß es . Warum wollen Sie sich auch vor mir maskiren ? Ich stand sonst mit dem Grafen d ' Azimont in Verbindung . Er kam vor einigen Jahren aus Paris , ich sollte ihm damals einen Stall completiren und bin darüber noch mit ihm in Verrechnung . Von seinem Verwalter erfuhr ich , daß Sie im Incognito Ihre Güter besuchen wollen , zum größten Jammer der Gräfin , die Sie liebt ... Dankmar redete ihm diese Ansicht ganz entschieden aus , indem er ihm die Wahrheit gestand , soweit sie hierher gehörte . Ich bin ein einfacher Jurist , sagte er , Dankmar Wildungen ist mein Name , aber ich bin ein Freund des Prinzen . Ich bemerke , daß man gegen mich vorsichtig , behutsam , ja mistrauisch sich benimmt . Reden Sie doch Jedem den wunderlichen Verdacht aus ! Auch Melanien ? fragte Lasally , die Augen halb zudrückend . Auch ihr , sagte Dankmar . Sie hat mir Theilnahme bewiesen , aber es fängt mich zu verdrießen an , wenn sie mich nicht wegen meiner selbst schätzt , sondern aus einem Misverständnisse . Sie selbst lieben sie also schon ! sagte Lasally . Und deshalb möcht ' ich , Sie wären wirklich der Prinz Egon .... Man störte Beide in dieser wunderlichen Erklärung . Lasally wurde abgerufen und Dankmar schritt in der verdrießlichsten Stimmung im Wirthszimmer auf und ab . Sein Abenteuer war ihm wie zerstört . Er war mit der Nothwendigkeit , ehrenhaft und aufrichtig zu sein , in eine Collision gerathen , wo diese siegen mußte . In diesen gemischten Empfindungen störte ihn nun auch noch der Heidekrüger , der von der Helldorfer Wahlbesprechung zurückkam und sehr überrascht war , sein Haus so reich an Gästen zu finden . Er erkannte Dankmarn sogleich wieder , hörte von ihm die genaue Angabe aller der Personen , in deren Gesellschaft er angekommen war und erwiderte auf die Frage wegen der politischen Versammlung , die Dankmar an ihn richtete , mit einem sonderbaren Gemisch stattlicher Würde , aber auch ebenso großen Selbstvertrauens . Es wird nun doch dahin kommen , daß man mich , nicht den Justizrath wählt , sagte er . Es ist nicht möglich , sich dem Vertrauen seiner Mitbürger zu entziehen . Ich habe mich lange gesträubt , ein so wichtiges Amt , wie das eines Volksvertreters , anzunehmen , allein der große Augenblick und die Gefahr , in der sich unser Vaterland befindet , reißt Jeden fort , auch Den , der nur geringe Gaben hat und die , die er vielleicht besitzt , nicht wie ein Gelehrter ausbilden konnte . Das Ministerium schwankt . Es wird sich nicht halten können und was an mir ist , würd ' ich der Letzte sein , der es von seinem Falle rettete . Es genügt Keinem ; dem Adel nicht , dem es zu frei , dem Pöbel nicht , dem es zu gemäßigt ist . Die Verwirrung in der Hauptstadt soll grenzenlos sein und umsichtiger , besonnener , ruhiger Vaterlandsfreunde bedarf es mehr denn je . Ich bringe wenigstens meinen guten Willen mit . So hätte also der Justizrath Recht gehabt ? sagte Dankmar , erstaunend über die gewandte Art des Heidekrügers , sich zu fassen und auch in Worten auszudrücken . Ich schlug ihn vor , sagte Justus , die Achseln zuckend . Ich nannte Alles , was man zum Lobe eines so gelehrten Mannes sagen kann , der in großem Ansehen steht . Aber man scheut sich jetzt , von Advocaten zu hören . Man hat kein Vertrauen mehr , seitdem Die , welche am gewandtesten von den Rechten der Menschen sprachen , kein Wort mehr für die Pflichten hatten . Das Eigenthum ist es , bester Herr , das nicht in Gefahr kommen darf . Man muß nicht zittern dürfen vor einem tollen Durcheinanderwühlen von Mein und Dein . Man muß sich sogar nicht fürchten müssen vor Dem , was man uns von den Rechten der Andern schenkt ; denn wie bald würde man wieder von Solchem , was uns nun gehören soll , doch wieder Andern abzugeben haben ! Sie sind conservativ geworden , sagte Dankmar , und haben als reicher Mann alle Ursache , vor einer zu wilden Gährung der Köpfe Haus und Hof zu sichern . Aber der Justizrath wäre doch unstreitig auch ganz Ihrer Meinung gewesen .... Der Heidekrüger wurde nachdenklich . Er sah voraus , daß seine Stellung dem Justizrath gegenüber recht ärgerlich war ... Dankmar erleichterte ihm seine Verlegenheit und meinte : der Justizrath würde wol zu weit rechts gesessen haben ? Es ist sehr schlimm , sagte der Heidekrüger kopfschüttelnd , daß es soweit hat kommen müssen , jeden Menschen gleich links oder rechts unterzubringen . Wenn es nach mir ginge , setzte ich mich auf die äußerste Linke und stimmte rechts ! Was sollen denn diese Unterschiede ? Wozu denn dieser Zwang , den der Parteigeist schon ausübt , eh ' man nur den Saal der Sitzungen betritt ? Ich kann den Schwätzern nicht folgen und ich kann auch der Regierung nicht folgen ... sagen Sie mir die Stelle , wo ich mich hinsetzen soll ? Ins Centrum , meinte Dankmar ironisch , und da müssen Sie denn doch noch Minister werden , wie der Justizrath gesagt hat ... Indem brachte die unpolitische Liese ein Packet neuer frischangekommener Zeitungen , das sie unwirsch vor ihrem begierig darüber herfallenden Herrn hinwarf . Es waren deren eine so reiche Auswahl , daß Dankmar sagte : Alle neuen Zeitungen ? Sie treiben ja die Politik wie Metternich ! Das sollte Sie freuen , bester Herr , erwiderte Justus , die Blätter begierig auseinanderfaltend . Das Licht besserer Erkenntniß , die Verbreitung der Hülfsmittel , um das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden , that endlich noth . Wir haben auch früher in den Zeiten des Druckes , wo unsere Klagen in dem jämmerlichen Institut der Provinzialstände ungehört verhallten , nicht die Hände in den Schoos gelegt . Sehen Sie , daß ich mich wohl vorbereitete auf eine bessere Stunde und las , was uns frommen kann , nun sie endlich geschlagen hat . Damit öffnete Justus nicht ohne einige Zaghaftigkeit und geschmeichelte Verschämtheit die Thür eines Nebenzimmers . Es war ein Cabinet , recht traulich und fast wie das Studierzimmer eines Gelehrten anzusehen . Da waren Epheuranken am kleinen Fenster , Vogelbauer hingen mit einigen schon schlummernden Canarienhähnen , ein Stehpult mit einem Drehstuhl davor zeigte Spuren fleißiger Benutzung sowol des Tintenfasses wie der Streusandbüchse . Das Auffallendste aber war eine reiche Bibliothek . Hinter den Glasfenstern eines hohen Bücherschranks las Dankmar in der Abenddämmerung an dem Rücken der Bücher : Rotteck ' s Weltgeschichte , Das Pfennigmagazin , Welcker ' s Staatslexikon und eine Menge von Schriften , die früher zu den verbotenen gehörten und meist in Altenburg , Hamburg oder im Auslande erschienen waren ... Diese verbotenen Bücher , bemerkte Justus , enthielten viel Falsches , allein man mußte sie sich anschaffen , um auch das Gute sich anzueignen , das sie mit dem Falschen zugleich brachten . Wahrheitstrieb erschien damals für unerlaubte Freisinnigkeit . Ich galt viele Jahre für einen schlimmen Feind des Königs und wurde von seinen bösen guten Dienern arg verfolgt . Diese Schriften , die ich mir mit List und Gefahr verschaffen mußte , lagen alle versteckt und sind erst jetzt gebunden worden . Es war wahrhaft traurig , daß man etwas hüten und heimlich schützen mußte , was man nur las , um es sehr bald als Übertreibung zu vergessen . Doch war auch manches gute Korn unter der Spreu , und Das soll jetzt aufgehen und gute Frucht bringen . Nicht wahr , Herr ? Dankmarn war sonderbar zu Muthe . Er mußte den Mann , der sich da so ganz aus eigenen Mitteln emporgerafft , eine Bildung und sogar eine Meinung sich erworben hatte , von ganzem Herzen achten und doch misfiel ihm das Selbstgefühl des Heidekrügers , sein gewichtiger , feierlicher und dann wieder naiver und gemachter treuherziger Vortrag und mehr noch als Dies seine egoistische Auffassung des Staats . Als der Heidekrüger das Kämmerchen wieder schloß und nach den Zeitungen griff , um mit großer Spannung selbst noch in der Dämmerung , ehe man Licht brachte , ihren Inhalt zu überfliegen , mußte er sich sagen , daß ja zuletzt der Absolutismus eines Fürsten von Gottes Gnaden nicht schlimmer ist als so ein Patriot von Gottes Gnaden , der ganz wie Jener den Staat aus seinem eigenen Ich herleitet . Dennoch gefiel ihm wieder , als dieser Mann , den er fast für den rechten Urtypus des politisirenden deutschen Michels hätte nehmen mögen , beim Umblättern der Zeitungen sagte : Diese albernen sogenannten Eingesandts ! Ist ' s denn möglich ! Die Gesinnung möcht ' ich hingehen lassen , obgleich sie in übertriebener Unterwürfigkeit nur den Rückschlag in die alte dumme Zeit zu weit befördern , aber sieht man nicht jeder Unterschrift an , daß sie von Menschen herrührt , die gleichsam dem Landesfürsten sagen mögen : Merkst du dir denn auch meinen Namen ? Unterstützest du mich denn nun auch bei Gelegenheit oder befiehlst den Ministern , meinen Sohn zu befördern ? Da flucht ein Rittergutsbesitzer der Umgegend hier über die Demokraten und unterschreibt sich groß und breit mit seinem ganzen Major außer Diensten und allen Kreuzen , deren Inhaber und Ritter er ist . Aber wir Alle wissen , daß dieser Herr Vom Busche neulich die Dreistigkeit hatte , an den König zu schreiben , seine Tochter müßte doch nun wol auch das Pianoforte lernen , er könnte ihr , da er fünf Kinder hätte , kein Instrument kaufen , ob sein allergnädigster Fürst und Herr nicht die Gnade haben wollte und ihm für seine treuen Dienste - Ein Pianoforte kaufen ? sagte Dankmar , zornglühend , und setzte hinzu : Und ich glaube fast , daß der Mann das Pianoforte bekommen wird ? Er hat es schon , sagte Justus . Ja , ja , die Geheimnisse unserer fürstlichen Chatoulle gäben das unterhaltendste Buch , das einem hamburger Buchhändler nur könnte verboten werden ... O , rief Dankmar , müßte den König nicht Zorn , ja Scham ergreifen , wenn er sähe , worauf er die Behauptung seiner Vorrechte gründet , wenn man solche Adressen schreibt und schreiben läßt ! Sind es denn freie , unabhängige Menschen , die da mit sich selbst beschränkendem , lohndienerischem Verstande seiner Gewalt zustimmen ? Nein , es sind Die , denen die alte Ordnung der Dinge Vortheile brachte , die sie bei der neuen zu verlieren fürchten . Die Demokratie mag viel zügellose Elemente in sich hegen und manchen verdächtigen Ansprüchen einen schimmernden Namen geben , aber so auf die Lüge gebaut ist sie nicht , wie bei uns die Vertheidigung des alten beschränkten Landeskinder-Gehorsams . Menschen , die nie einen andern Blick in die Zukunft warfen , als der bis zu ihrem nächsten Gehaltstage oder bis zu ihrem Avancement reichte , geben sich plötzlich das Ansehen , politische Gedanken zu haben und wollen den Thron befestigen , indem sie ihn auf ihren eigenen Egoismus bauen ! Hätte sich das Regiment bei uns wirklich geändert , auch dieser Major Vom Busche würde sich verändert haben und sein Pianoforte von dem Tribunen oder Dictator erbetteln , der ihm gerade dem Staatsschatze am nächsten sitzend erscheint ... Hoffentlich bei Denen ohne Erfolg ! sagte der Heidekrüger etwas spitz . Und darum , fuhr Dankmar ungehindert fort , daß solche Zumuthungen , solche Misbräuche nur bei der gegenwärtigen Form der Regierung , ihren militairischen Erinnerungen und ihrem patriarchalischen Verwachsensein mit dem Dünkel der isolirten Nationalität möglich sind , darum soll das Bessere , Vernunftgemäßere gefährlich und verderblich sein ? Den Schmarotzern am Tische der Monarchie allein ist es verderblich und darum auch der Monarchie selbst gefährlich . Können sich Throne auf die Länge behaupten , die auf den Egoismus einzelner träger Classen gebaut sind ? Wird man nicht endlich einsehen , daß , wie die Schrift sagt , die Lüge der Leute Verderben ist und jedes Königshaus entweder der Republik oder einer radicalen monarchischen Verjüngung weichen muß , wenn es , wie einst die Stuarts , selbst eine Partei im Staate vertritt ? Republik ? sagte der Heidekrüger lächelnd . Bitte ! Bitte ! Nicht Republik ! Und den Kopf schüttelnd , ergriff er wieder die Zeitungen und blätterte in ihnen ; denn es war nun auch Licht gebracht worden und sein Nachtessen wartete ... Dankmar ging noch einige mal im Saal auf und ab und empfahl sich kurz , um auf sein Zimmer zu steigen ... Lasally , Reichmeyer und einige der Frauen , die ihm begegneten , Alle verfolgten ihn neugierig und fast zuthunlich . Aber er war in einer Stimmung so völligen sich Vereinsamtfühlens , daß er am liebsten zu Melanie gegangen wäre , an ihre Thür gepocht und sich ihr mit ganzer Seele anvertraut hätte . Wo ist auch noch ein Trost für unbefriedigte Gemüther , wenn sie die Söhne unserer Zeit sind , als allein in der Liebe ? Wo ist die Bürgschaft noch , daß in den Schrecken der Empörungen und Kriege , in den schaudervollen Gerichten der Reaction und der Rache noch etwas vom Ewigen und Menschlichen sich erhält , als in der Liebe ? Wo werden noch Worte des Lebens gesprochen , wo rinnen noch Thränen der Freude , wo weht noch der Hauch des stillen Einverständnisses , wo ist noch Liebe , als in der Liebe ! Dankmar lehnte jede Einladung ab . Er warf sich auf das Lager in seinem kleinen Zimmer ... Es mochte gegen zehn Uhr sein . Er hätte schlafen sollen ; denn die Erschöpfung dieser Tage hatte seine Nerven bis zur Krankhaftigkeit abgespannt . Schon vor Übermüdung konnt ' er nicht schlafen . Er hatte die Fenster geschlossen ... er riß sie wieder auf . Die runde volle Mondscheibe konnte am bewölkten Himmel nicht überall hervortreten , noch drückte Gewitterschwüle die Luft , so feucht schon die Erde war , so frisch es schon herüberduftete von den durchnäßten Tannen des Waldes ... Es war nicht ruhig im Heidekrug . Er hörte die Säbel der Gendarmen . Er hörte laut lachen und ein Hin - und Wiederhuschen auf dem Corridor . Die Thüre ließ er unverschlossen . Mußt ' er nicht annehmen , daß ihm Melanie plötzlich wie im Traum erscheinen wollte ? Was hatte sie vor ? Wie konnte sie sich das Bild aneignen aus einem Raume , der bewacht und verschlossen war ? Wird sie den Intendanten überreden ? Seiner Eitelkeit schmeicheln ? Ihm unmögliche Versprechungen machen ? Sogar die Eifersucht ergriff ihn , so lächerlich der Gegenstand war . Unter ihm , im Wirthszimmer , glaubte er jetzt die Diener des Intendanten , die Gendarmen , die Jockeys Lasally ' s zu hören . Er warf sich nieder auf das Bett , dessen unheimliche Erinnerungen an Hackert er nicht loswerden konnte . Er blieb angekleidet , wie er war ... Nach einer Weile ließ sich doch der Schlaf nicht mehr zurückweisen . Er verfiel in einen halb wachen , halb träumenden Zustand , der ihm eine Zeit lang bleischwer aufs Auge sich senkte ... Dann fuhr er wieder empor . Er mußte eine halbe Stunde so gelegen haben . Das Zimmer war hell . Die Wolken hatten sich etwas verzogen und ließen dem Monde Raum , sein goldgelbes , fast zehrendes Licht auszugießen . War es die Erinnerung an Hackert , an dessen nächtlichen Gang auch am Schlosse , den Egon beobachtet und ihm erzählt hatte , war es die Erinnerung an Hackert ' s gespenstisches Hinschreiten über die Wiese zum Ebereschenbaum , von dem der Jäger gesprochen , seine eigene Begegnung mit ihm am Thurm und sein Verschwinden zur Waldschlucht und dem Kreuze hin , wo des Sägemüllers Nantchen verunglückt war ; waren es alle diese Erinnerungen an das fast dunkle phantasmagorische Leben eines Andern ... oder war es seine eigene nervösen Reizung ... es kam ihm vor , als fühlte er recht die ziehende , magische Gewalt der Mondstrahlen , das Verzehrtwerden von diesem trockenen , ausgebrannten Himmelskörper , der so geheimnißvoll auf die Erde wirkt , fühlte er recht das Schwinden in das geisterhafte Licht hin ... Er legte sich und glaubte zu schlafen , schlief und wachte ... War es Traum ? War es wirkliche Erscheinung ? ... Er sah die Thür sich leise öffnen ... er hörte sie knarren ... Tritte schleichen ... Ach , kam ihm der Gedanke , Das ist Melanie ! Er blinzelte einmal auf , lächelte und schloß die Augen wieder ... bleischwer lag eine räthselhafte Gewalt auf seinen Sinnen ... er mochte sich erheben und konnte nicht ... er mochte reden und der Mund war wie krampfhaft geschlossen ... Wie Musik floß es um ihn her ... Er fühlte jene Schwingungen der Seele , die uns oft sind , wie die Vorahnungen der Seligkeit ... wie der Tod uns nahen mag ... So zerfließen ... so hinübergehen ... so sterben ! Er täuschte sich aber nicht . Es war ein nächtlicher Besuch , den er zu begrüßen , anzureden keine Kraft hatte ... Nicht aber Melanie war es . Eine männliche , edle Gestalt beugte sich auf ihn nieder ... Er sah , er fühlte sie ... Er lächelte zu ihrem lächelnden , freundlichen Gruß empor . Der Fremde hatte ein Bild in der Hand ... es war rundoval ... die Farben blaß ... Der goldene Rahmen glänzte matt im Mondenschein ... Es war das Bild einer jungen schönen Frau und Der , der es trug , war Ackermann , der Amerikaner . Leise trat der nächtliche Besuch näher , neigte sich über Dankmar , küßte abwechselnd das Bild , abwechselnd die Stirn des halbwachen Schläfers ... Dann war das Bild verschwunden , aber der Fremde , derselbe , den man Ackermann nannte , des holden Selmar Vater , blieb noch . Nach einer Weile zog er das Portefeuille aus der Brust , neigte sich über Dankmar und ... Was that er nur ? Dankmar hörte etwas , wie das Klingen eines Instruments - er hörte den Schnitt wie eines Messers - nein , er fühlte etwas an sich selbst , das aber nicht schmerzte , nicht verwundete ... Seine müden Augen blinzelten ... Er wollte den Traum nicht stören ... Das Mondlicht that den Sternen der Sehkraft wehe ... Aber die Gestalt war keine Täuschung . Der Amerikaner trat zurück und betrachtete eine Locke , die er sich eben von Dankmar ' s Haupte geschnitten , küßte sie und legte sie mit Rührung in sein Portefeuille . Das Zimmer wurde dunkler , die Wolken traten vor den Mond ... Die Erscheinung war verschwunden . Als Dankmar sich aufrichtete , war es ihm fast , als hörte er noch die Thür klinken . Alles war still . Alles dunkel , der Mond war dicht verhüllt ... er konnte nichts unterscheiden ... Du hast geträumt ! sagte er sich , und schön geträumt ! ... Und Dankmar glaubte geträumt zu haben , so schwer lag die Ermattung auf ihm , daß er für Alles , was Wahrheit sein mußte , jene süße Gleichgültigkeit empfand , die die gewaltigste Reaction der Natur verrieth . Er sah nach seiner Uhr und glaubte den Zeiger schon auf Eins zu erkennen und doch war es finster ... Er kleidete sich in zwei Minuten völlig aus und warf sich ins Bett , unbekümmert um Alles , was ihm noch eben Freude oder Schmerz , Antheil oder Widerwillen eingeflößt hatte ... Schon stand die Sonne hoch am Himmel , als Dankmar erwachte . Er sprang aus dem Bett und erstaunte , daß seine Uhr bereits über Sieben zeigte . Seine Toilette machen , nach frischem Wasser klingeln war das Eiligste , was er thun mußte . Du hast dich verspätet , sagte er sich , den lang ' entbehrten stärkenden Schlaf hat die Natur in dieser Nacht für sich mit Gewalt eingefodert ... Von elf bis sieben Uhr . Ei , du Schläfer und welch ein Schlaf ! Wie bleiern lag es in deinen Gliedern ... du weißt nichts ... nichts ... Himmel , ein ganz neues Leben erquickt deinen müden Körper ... aber die Zeit hast du doch verschlafen ... Das steht fest . Und so tummelte er sich fort ... Da fährt er mit der Bürste durch sein Haar . Er steht vorm Spiegel und will sich den gewohnten Scheitel ordnen ... Was ist das ? Die Lage der Locken ist nicht die alte ... der gewohnte Strich , der Fall der Haare ist gestört ... Ein Büschel sich rundender Haare fehlte ihm dicht über den linken Schläfen ... Er besinnt sich ... auf die Nacht ! Auf den Traum ! Nein , kein Traum ! Wirklichkeit ! Hier fehlt das Haar ... die Locke wurde abgeschnitten . Die ermatteten Augen hatten nur nicht die Kraft gehabt , sich länger offen zu halten ; die Willenskraft , der Widerstand war von der Übermüdung gelähmt gewesen . Die Locke fehlte . Er sah sich im Zimmer um . Der Gedanke an das Bild ergriff ihn mit Zauberkraft . Es war da gewesen . Ackermann hatte es geküßt , hatte sich über ihn geneigt mit dem Bilde . Selmar ' s Vater ! Wie war Das ? Er rückte den Tisch , die Stühle , er warf das Bett auseinander ... noch einmal ... er faßt nach dem Kopfkissen . Da ist ... da fällt etwas in die Betten ... ein harter Gegenstand ... ein rundes Bret ... er wendet es um . Es ist das Bild ! Egon und Melanie hatten das Bild Dankmarn beschrieben , sowie er es fand . Ein weiblicher , schöner Kopf in blassen Pastellfarben ... ein goldener Rahmen gab ihm die Form eines Medaillons ... Hinten ein stärkeres Bret ... das Bild viel schwerer , als es seinem Umfange nach sein konnte . Er zweifelte nicht , daß es ein Geheimniß enthielt . Die Feder , die es durch einen Druck auf das Glas öffnete , zu suchen , trieb ihn zwar die Neugier . Aber als er einige male vergebens über das Glas gefahren war , hier drückte , da schüttelte , es von allen Seiten betrachtete und nichts sogleich von der geheimen Öffnung entdeckte , war er fast froh nicht in Versuchung zu gerathen und Dinge zu erfahren , die nicht für ihn bestimmt waren . Jetzt hätte er rufen mögen : Melanie ! Selmar ! Er hätte Ackermann sich an die Brust ziehen mögen ohne Erkennungszeichen , ohne Geheimbund , ohne zu wissen , wer er war und was er glaubte und dachte ... Er riß die Thür auf und rief nach dienenden Wesen , der Liese , dem Dietrich . Niemand hörte ihn . Doch war Alles in Bewegung . Trepp auf , Trepp ab hörte er rennen , toben . Man klopfte , schrie , man drohte . Was war ? Was ist ? Hatte man das Bild vermißt ? Rasch kehrte er zurück und verbarg es . Da tritt die Magd ein und erzählt ihm in ihrer polternden Art : Es wär '