als schleunigste Flucht . Vielleicht wäre ich Therese in den Tod gefolgt , hätte mich nicht das Schicksal , welches meiner dann harrte , abgehalten . Der fürchterliche Secirtisch der Anatomie und die lüsternen Blicke der jungen Männer , die sich lachend an meinen erkalteten Gliedern dann weideten , schreckten mich zurück . Flucht ! Flucht ! rief ich mir wohl tausendmal zu , packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen und brach auf . Erst als die kleine Stadt mit ihren kahlen Bergen hinter mir lag , fragte ich mich : wohin ? Die Entscheidung war nicht schwer . Meine unglücklichen , frommen , genügsamen Aeltern lebten noch in ihrer rauschenden Bergeinsamkeit . Noch ahnten sie nichts von dem grauenvollen Unglück , das sie am Spätabend ihres Lebens ereilt hatte . Sie beteten in gottgefälliger Einfalt für ihre fernen Kinder , davon eins schon nicht mehr unter den Lebenden wandelte . Zu ihnen ! rief es in der Tiefe meines Herzens , und ich schlug den Weg nach der Heimath ein . Vor der Thür ihrer Hütte sitzend fand ich die Aeltern . Sie erkannten mich nicht in der modernen städtischen Kleidung , die ich seit meinem Dienstantritt trug . Als ich sie bei Namen rief , umarmten sie mich unter Freudenthränen . Sie fragten nach Theresen , nach ihrem Wohlbefinden . Ich senkte den Kopf und schwieg . Als sie nun eine unerfreuliche Nachricht erwarteten und heftig in mich drangen , erzählte ich mit schonendster Milde den Hergang und das traurige Ende der Schwester . Meine Mutter sank besinnungslos in die zitternden Arme des alten schwachen Vaters . Ich kniete vor beiden nieder und benetzte mit reuigen Thränen ihr Gesicht , ihre Hände . » Dummes Ding ! « hörte ich hinter mir eine nur zu bekannte krächzende Stimme höhnisch rufen . » Wie abgeschmackt für ein hübsches Mädchen von zwei und zwanzig Jahren , sich eines Kindes wegen in ' s Wasser zu stürzen ! Die hat ihren Vortheil schlecht verstanden , und da ist denn freilich weder zu rathen noch zu helfen . Sei Du klüger , hübscher Schwarzkopf , wenn Dir ' s ähnlich ergehen sollte ! Zu einem kalten Bade hat man alle Tage noch überflüssige Zeit ! « Es war die Korbmarthe , die aus dem Walde ihres Weges ziehend den traurigen Schluß meiner Erzählung mit angehört hatte und sich zu dieser gemeinen Bemerkung gedrungen fühlte . » Dumme Dirne ! Dumme Dirne ! Sich zu ersäufen in der Blüthe ihrer Schönheit ! « murmelte sie vor sich hin , indem sie an uns vorüber schritt . Die Erscheinung dieses häßlichen alten Weibes erfüllte mich mit wahrhaftem Entsetzen , reizte aber auch zugleich meinen Zorn dergestalt , daß ich mir Gewalt anthun mußte , um nicht mit Tigerwuth mich auf sie zu stürzen und ihr das Genick zu brechen . Sie schien mir eine Abgesandte der Hölle , die sich ihres Triumphs über uns freute . » Ohne ihre tiefe unerschütterliche Gottgläubigkeit würden meine Aeltern diesem Schlage sogleich erlegen sein . Die Religion , die längst einen wahrhaften Bestandtheil ihres Wesens ausmachte und in ihnen lebendig geworden war , hielt sie aufrecht , das Gebet gab ihnen Kraft und Stärke , das Entsetzliche zu ertragen . Sie flehten Gott allabendlich um Gnade für ihr verirrtes , als zwiefache Verbrecherin aus der Welt geschiedenes Kind , und wenn je das Gebet frommer Aeltern Erhörung findet bei Gott , so muß Therese durch das gläubige Bitten ihrer Aeltern begnadigt worden sein . So innig ich an meinen braven Aeltern hing , so unheimlich ward mir doch in ihrer Nähe . Ich taugte ja nicht mehr in so heilige Kreise , ich war eine Sünderin , deren Herz vor Groll und Ingrimm brechen wollte . Eine unsichtbare Gewalt zog mich hinaus in die Welt , um in ihrem Geräusch Vergessenheit und ein neues Glück zu suchen . Mich drückte , mich beleidigte die Armuth , seitdem ich wußte , wie man mit ihr verfährt , wie man sie gleich einem räudigen Hunde von sich stößt oder sie mit herzloser Gleichgiltigkeit behandelt ! Obwohl fromm und schlicht und zu genügsamem Leben erzogen , vermochte ich doch nicht mehr andachtsvoll zu einem Gott zu beten , der Tausende seiner Geschöpfe so unwürdig behandeln läßt , und das Wort Christi : Selig sind die Armen , denn das Himmelreich ist ihr ! konnte mich zu verzweifeltem Lachen reizen . Ich konnte nicht an eine Seligkeit jenseits glauben , die ich mit völliger Vernichtung meiner angeborenen Menschenwürde diesseits erkaufen sollte ! Werde reich ! schrie es Tag und Nacht in mir mit gellender Stimme , werde reich um jeden Preis und Du bist glücklich , angesehen , geehrt ! Daheim konnte ich nicht bleiben . Meine Aeltern wünschten dies eben so wenig , als ich selbst , ich war daher Willens , wieder einen Dienst , wo möglich in einer großen Stadt zu suchen . Dort hoffte ich , sollte sich Gelegenheit finden , die mir von der Natur geschenkten Gaben zu meinem Vortheil zu benutzen . Ich war ja schön , und Schönheit mit Jugend gepaart wirft man so leicht nicht vor die Thür , wenn sie den zarten Panzer des Weibes , die verlockende List , anlegen . Ich wandte mich nun zuerst nach Hannover , da ich aber bei meiner schnellen Dienstentlassung und der Verwirrung , in die mich der unerwartete Tod meiner Schwester versetzt , ein Zeugniß meines Wohlverhaltens mir ausstellen zu lassen vergessen hatte , fand ich nicht sogleich einen Dienst , wie ich ihn wünschte . Es schien mir sogar , als zweifle man an meiner Unbescholtenheit , wozu ich vermuthlich selbst Anlaß gab durch freundliches , einschmeichelndes Betragen , das mehr von forcirter Koketterie als von reizender Natürlichkeit an sich haben mochte . Es vergingen ein paar Wochen und meine Baarschaft schmolz zusammen . Da machte ich an einem öffentlichen Orte die Bekanntschaft eines nicht mehr jungen , aber , wie ich auf den ersten Blick bemerkte , sehr wohlhabenden Mannes . Mein forschend auf ihn gerichtetes Auge mochte ihm Verheißungen vorgespiegelt haben , an die ich selbst nicht dachte . Er knüpfte ein Gespräch mit mir an , schenkte mir Blumen und schlug mir vor , als er meine nicht eben beneidenswerthe Lage erfuhr , die Stelle einer Haushälterin bei ihm anzunehmen . Er bedürfe grade einer solchen und sei in Verlegenheit , eine Person zu finden , der er vertrauen könne . Ich gefiele ihm , und hätte ich Lust , es mit ihm und seinen kleinen Launen zu versuchen , so könnte ich gleich morgen in seinem eigenen Wagen mit ihm abreisen . Herr M * war aus Hamburg , Kaufmann und Hagestolz . Seine Bedingungen dünkten mir sehr annehmbar , und da ich durchaus nichts zu verlieren hatte und dieser Anfang mir den vielversprechenden Eingang zu den schimmernden Palästen des Reichthums öffnen zu wollen schien , so nahm ich sie an . Drei Tage später war ich in Hamburg . Sie können errathen , Herr Kapitän , welch ein Leben ich hier führte . Eine Zeit lang war Herr M * sehr zufrieden mit mir . Er überhäufte mich sogar mit nicht ausbedungenen kostbaren Geschenken , die ich aus den angedeuteten Gründen annahm . Später mußte ich mich dafür erkenntlich zeigen , wozu ich mich nach einigen heftigen innern Kämpfen denn auch entschloß . Ich hoffte Madame M * zu werden und gab dies sehr unverhohlen zu erkennen . Dies war nicht politisch ; mein Gebieter ward von Stund ' an kälter gegen mich ; ich begann ihn zu tyrannisiren , auf meine Ansprüche pochend . Dies verdroß Herrn M * und eines schönen Morgens lohnte er mich ganz ruhig ab und händigte mir außerdem eine ansehnliche Summe als Abfindungsquantum ein . Obwohl ich es jetzt mit Bitten versuchte und keine kleine List unterließ , den Beleidigten mir wieder zu versöhnen , konnte ich ihn doch nicht erweichen . Ich mußte sein Haus verlassen - In diesem Verhältniß hatte ich so viel erworben , um nöthigen Falles allein anständig leben zu können . Dies zog ich einer neuen dienstlichen Stellung vor . Ich miethete mir ein elegantes Logis , gab mich für eine junge Wittwe aus und spielte nicht ohne äußerliches Glück die gebildete Dame . So hoffte ich am leichtesten ein Ehebündniß mit irgend einem wohlhabenden Manne , der mir gefiel , herbeiführen zu können . Allein auch diese Speculation schlug mir nicht zum Glück aus . Ich fand viele Liebhaber , keinen Geliebten , und da ich schon längst den festen moralischen Halt verloren hatte , sank ich von Monat zu Monat tiefer , bis ich mich selbst verachten mußte . Ich ging von einer Hand zur andern , lebte äußerlich gut , befand mich scheinbar wohl und trug tief verborgen die Hölle in meinem Herzen . Nach und nach wich die erkünstelte Heiterkeit von mir , die so leicht alle Männer bestach und sie mir zuführte . Ich ward traurig , kalt , abstoßend , melancholisch . Da flohen mich die Männer , die immer nur Lust und Scherz beim Weibe suchen . Ich kam , möchte ich sagen , klänge es nicht zu fürchterlich , aus der Mode , und um doch ein anständiges Leben dem Scheine nach fortsetzen zu können und der verhaßten Armuth nicht gänzlich zu verfallen , ward ich genöthigt , die Salons zu besuchen . « » Dies ist mein äußerst beneidenswerther Lebenslauf , « schloß Bianca mit bitterm Lächeln ihre Erzählung , » und finden Sie jetzt noch , daß ein ehrlicher Mann seine Hand rettend nach mir ausstrecken darf , ohne sich für immer zu besudeln , dann , Herr Kapitän , will ich es wagen , Ihrer Großmuth mich anzuvertrauen ! « » Aber Ihre Aeltern , Bianca ? Wissen sie , auf welchen Wegen ihre geliebte Tochter wandelte ? « » Gott Lob , Sie wissen es nicht , wenn sie nicht gleich Gott allwissend sind ! Der Tod hat sie längst erlöst . « Es war stiller und immer stiller geworden im Pavillon . Nur wenige Gruppen saßen noch verstreut im großen Saale . Da ward die Thür des kleinen Gemaches , wo Aurel sich mit Bianca unterhielt , behutsam geöffnet und Gilberts lebhaftes Gesicht lauschte herein . Gleich darauf stand er vor dem Kapitän . » Endlich ist das Fahrwasser sicher , « sagte er mit leichtfertigem Lächeln . » Ich habe verteufelt warten und mich verkriechen müssen wie eine Schiffsratte , und hatte es doch so eilig ! « » Was gab es ? « fragte Aurel . » Zum Teufel , Herr Kapitän , wird man denn taub , wenn man einem so reizenden Mädchen , wie Ihre Gesellschafterin es ist , in die geheimnißvollen feuchten Sterne schaut ? « Gilbert begleitete diese galanten Worte mit anmuthvoller Verbeugung gegen Bianca . » Als ich vor beinahe zwei Stunden Sie hier aufsuchte , lief mir draußen im Saale ein solcher Himmel mit zwei blauen Sonnen in die Arme , ich fing ihn auf und weil es ja doch eine große Seltenheit zu sein pflegt , den Himmel warm und weich an sein Herz zu schließen , so nahm ich mir geschwind diese Freiheit und berührte die beiden funkelnden Sonnen mit meinen Lippen . Und um solcher himmlischen Neigung wegen wollten mich die glanzfilzigen Bengel todtschlagen ! Darum mußte ich ausreißen und bis jetzt warten . Ich habe mich aber doch amusirt ! Oben auf dem Stintfange traf ich ein freundliches Kind , frisch und munter wie ein Lachs . Mit ihm habe ich Sternenkunde getrieben bis jetzt und alle sieben Himmel Muhameds durchstreift . Es war prächtig , auf Matrosenehre ! « Aurel schüttelte lächelnd den Kopf . » Schon gut , mein Junge , ich kenne Dich ! Behalte jetzt Deine himmlischen Erkenntnisse für Dich und sage , was Deine Eile zu bedeuten hat ? « » Nichts weiter als einen Brief . Da ist er ! Schleunigst zu besorgen , steht darauf gekritzelt , irre ich nicht , von der Hand Ihres sehr ehrenwerthen Herrn Bruders . « Gilbert überreichte Aurel das Schreiben , der mit einiger Hast danach griff . » Sie erlauben , mein Fräulein ? « » Bitte ! « Aurel riß das Couvert auf , ein langer Brief blieb in seinen Händen . » Das geht nicht , « sagte er , das Schreiben zu sich steckend . » Ich brauche mindestens eine Stunde , um diese Buchstaben zu entziffern . « » Lassen Sie sich durchaus nicht stören , Herr Kapitän ! « » Es hat Zeit , « fiel Aurel Bianca ins Wort . » Geh , Gilbert , und besorge eine Droschke ! « Gilbert entfernte sich . » Bianca , « rief nun der junge Kapitän gerüht , indem er beide Hände des schönen Mädchens erfaßte , » Ihre Offenheit hat mich eben so tief erschüttert , wie die betrübenden Erfahrungen , die Sie , noch so jung , bereits gemacht haben . Ich nehme wahrhaften Antheil an Ihnen , und ich wünsche , daß bessere , heiterere , schuldlosere Tage die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen Sie werden vergessen machen . Nehmen Sie es für ein Schicksal , daß ich , selbst ein vielfach gefallener Mann , Ihnen gerade jetzt begegnet bin , und geben Sie mir das Versprechen , Hamburg zu verlassen , sobald ich es fordere . Es wird sich ein passenderer Aufenthaltsort für Sie finden , ich weiß es , und was an mir liegt , einen solchen recht bald zu ermitteln , soll geschehen . Können Sie sich dazu entschließen ? « Bianca ' s Blick ruhte geraume Zeit auf den freundlichen , treuherzigen Augen des Kapitäns . Sie drückte ihm dankend die Hand und sagte : » Ich folge Ihnen , denn ich erblicke in Ihnen den rettenden Engel , den meine fürbittenden Aeltern mir senden . « Aurel stand auf , drückte die schöne Sünderin an sich und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn . Ein Wagen fuhr vor . Gilbert meldete , daß Alles bereit sei . Ein paar Secunden später rollte die Droschke mit Aurel , Bianca und Gilbert nach der Stadt . Fußnoten 1 Diese abscheulichen Verordnungen hinsichtlich der an die Anatomie abzuliefernden Leichname bestehen noch heutigen Tages in Jena . Sechstes Kapitel . Die Mohrentaverne . Aurel begleitete Bianca bis an ihre Wohnung . Hier empfahl er sich nochmals mit herzlichem Händedruck , bat sie wiederholt , daß sie ihm blindlings vertrauen möge , und eilte alsdann mit Gilbert nach Hause . Es war bereits zehn Uhr vorüber und noch stand ihm für die Dauer der Nacht ein neues Abenteuer bevor . Wollte er dies nicht auf einen andern Abend verschieben , so war es die höchste Zeit , sich darauf vorzubereiten . » Gilbert , « sagte der Kapitän , » suche aus meiner Garderobe die schlechteste Matrosenkleidung zusammen und lege meine Pistolen und meinen indischen Dolch bereit . Ich will unterdessen sehen , was mir der Bruder so eilig zu melden hat . « Adrian schrieb : » Kaum habe ich Dir den wunderlichen Besuch mit seinem noch wunderlicheren Anliegen gemeldet , der mich vor einigen Tagen überraschte , und schon bin ich genöthigt , jetzt abermals in dieser mehr als räthselhaften Angelegenheit an Dich zu schreiben . Wir haben es mit ein paar alten Füchsen zu thun , die ihrer Sache ziemlich gewiß zu sein scheinen . Acht Tage haben diesen beiden Greisen genügt , mich und mittelbar also auch Dich wie Adalbert in die Enge zu treiben . Auf welche Weise ihnen dies möglich geworden ist , weiß ich noch nicht , daß sie es vermocht haben , ist leider nur zu gewiß ! - Sie haben uns verklagt , haben , wie ich höre , Zeugen aufgetrieben , welche das Vorhandensein verstoßener Kinder unseres verewigten Vaters eidlich erhärten wollen . Daran würde ich mich wenig kehren , denn ehe ein so schwieriger Beweis rechtskräftig geführt werden könnte , würden Jahre vergehen , und in so langer Zeit läßt sich viel ersinnen , um ein drohendes Uebel still zu beseitigen . Weit ärgerlicher ist es mir , daß diese mit dem Teufel verbündeten alten Bauern , auf welche Weise , mag Gott wissen , meine sämmtlichen Arbeiter und Unterthanen gegen mich aufgehetzt haben . Sie betrachten mich für den unrechtmäßigen Besitzer der Güter des Grafen Magnus und drohen mit gewaltsamen , unsern Namen entehrenden Maßregeln , wenn ich nicht die Forderungen dieses weißlockigen Wenden auf der Stelle befriedige . Wohin solche Widersetzlichkeit arbeitender , an mich und mein Interesse gefesselter Menschen führen kann und muß , ist gar nicht abzusehen . Ich brauche diese zerlumpten Tausende , brauche sie unter den Bedingungen , die ich ihnen bisher kaltblütig und in ruhiger Consequenz auferlegt habe , sonst gehen alle meine großartigen Speculationen in Rauch auf . Es gilt daher , den ausgestreuten Saamen des Mißtrauens um jeden Preis zu entfernen , die Murrenden zu beschwichtigen . Dies kann nur geschehen , wenn wir die Quellen verstopfen , aus denen sie ihren Argwohn schöpfen , kann nur von Dauer sein , wenn Sloboda und der alte verschlagene Maulwurffänger mit seinem ganzen Anhange schnellstens entfernt wird . Ich unterfange mich nicht , eigenmächtig einen Weg anzudeuten , der sofort eingeschlagen werden müßte , um dieses nicht blos wünschenswerthe , sondern durchaus nothwendige Ziel zu erreichen . Einige Pläne kreuzen sich wohl in meinem Kopfe , aber sie bedürfen der sorgfältigsten Ueberlegung . Es wäre deshalb am besten , wir drei Brüder kämen persönlich zusammen , beriethen uns mündlich , tauschten unsere Ansichten offen gegen einander aus und faßten einen gemeinsamen Entschluß . Coalisation ist in unsern Tagen das allersicherste Mittel , rasch und entschieden zum Ziele zu kommen . Bei persönlicher Zusammenkunft ließen sich auch die etwaigen Rollen , die Jeder von uns zu übernehmen haben dürfte , am leichtesten vertheilen . Du siehst , lieber Bruder , daß ich einen Feldzugsplan im Großen beabsichtige und diesen gegen einen Feind angewendet wünsche , der uns fürchterlicher werden kann , als es gegenwärtig noch den Anschein hat . Soll ich wahr sein , so gestehe ich gern , daß mir die plumpe Forderung dieser Fremdlinge recht zu gelegener Zeit kommt . Sie hilft mir eine Idee verwirklichen , die ich lange Jahre still mit mir herumgetragen habe . Das Nähere , sobald wir uns sprechen ! Ich wünsche nur , daß Du meine Ansichten und Entwürfe theilen magst ! Einigen wir Brüder uns , so ist die Ausführung leicht , und stände ein ganzes Volk uns feindlich gegenüber . Es gilt nur Einsicht und kraftvolles Handeln . Nach den Erkundigungen , die ich seit zwei Tagen unter der Hand eingezogen habe , ist es nicht so gar unwahrscheinlich , daß wirklich hier oder da ein illegitimes Kind unseres galanten Herrn Vaters unbekannt in der Welt herumläuft . Es wäre zu viel verlangt , wenn irgend Jemand von uns forderte , daß wir solch wilden Sprößling und Ableger aufsuchen und an unsere Bruderherzen drücken sollten . Ich meines Theils spüre wenigstens ganz und gar keine Lust dazu . Allein gut wäre es doch , wenn man mit Bestimmtheit wüßte , wo sich diese Pseudo-Bobersteine umtreiben , die wohl schwerlich auf gräflichen Burgen Hof halten werden . Es wäre wichtig der Zukunft und unserer eigenen etwaigen Nachkommenschaft wegen . Auch könnte man mildthätig sein und das großmüthige Schicksal spielen , indem man solch unbekannten Bruder unterstützte , falls er sich in Noth befinden sollte . Aber nur spärlich , damit er stets abhängig bliebe und sich nie überheben könnte ! Ist eigener Besitz Macht , so wird er durch Gegenbesitz in gewisser Hinsicht Ohnmacht und das muß ein berechnender Kopf vermeiden . Unterlasse daher nicht , ganz in der Stille herumzuhorchen und nach Spuren Boberstein ' scher Lebensthätigkeit zu suchen ! Nur schweige , schweige unverbrüchlich , ich bitte Dich ! Da die Jahreszeit noch nicht zu sehr vorgerückt und das Wetter mild ist , wird es hoffentlich nichts zu bedeuten haben , wenn Du auch vier Wochen später unter Segel gehen solltest . Es wäre mir ohnehin des Geschäftes wegen solche Verzögerung lieb , denn um diese Zeit kann ich Dir die prächtigsten Proben neuer Druckmuster mitgeben , für die sich in Ostindien , sollte ich meinen , ein großer Absatz finden wird . Doch darum kümmerst Du Dich nicht , wie ich weiß , deshalb nur diese oberflächliche Andeutung . - So eben erhalte ich Antwort von Adalbert aus Schlesien . Er kommt nach Boberstein und ist ganz meiner Ansicht . Ich bitte Dich , eile ebenfalls zu mir , damit wir schleunigst einen gefährlichen Feind vernichten können , ehe er noch Zeit und Macht gewinnt , sich gegen uns zu erheben . Es grüßt Dich liebevoll Dein Bruder Adrian . « » Das wird lustig , « sagte Aurel , indem er den Brief verschloß und schnell nach den Kleidern grift , die Gilbert inzwischen herbeigeholt hatte . » Mein Bruder glaubt seiner Sache sehr gewiß zu sein , « fuhr er im stillen Selbstgespräche fort , während er sich ankleidete . » Vielleicht änderte sich diese Ansicht , hätte er Kenntniß von meinem Funde . - Arme , unschuldige Opfer eines leichtsinnigen Mannes ! Verbergen , nicht kennen , in Dürftigkeit will man Euch schmachten , vielleicht auch verkümmern lassen , wenn man Euch wirklich auffindet ! - Das läuft schnurstracks Sturm auf mein Gewissen , Bruder Adrian , und darum besorge ich , daß es in Bezug auf diesen Punct zwischen uns zu einem Kreuzfeuer kommen wird . - Vergrößerung des Elendes der Armen , herzloses , vorausberechnetes Verstoßen eigener Blutsverwandten ? - Nein , Bruder , das ist ein Weg , den ich nicht betrete ! - Ich habe des Elendes auf Erden schon zu viel gesehen , als daß ich aus eigensüchtigen Absichten noch beitragen sollte zu dessen Vermehrung . Lieber etwas weniger besitzen und Andere auch glücklich wissen , als im Ueberflusse schwelgen beim Gewimmer Verhungernder ! - - Gehe ich nach Boberstein ? Warte ich unbestimmte Zeit auf die Gefahr hin , bei späterem Absegeln mit Mann und Maus unterzugehen ? - Hm , das Ungefähr , das Schicksal , mein Spiritus familiaris mag entscheiden ! Erfahre ich , wessen Finger dieser Ring ehedem zierte , so will ich die Heimath meines Geschlechtes besuchen . - Heda , Gilbert , bist Du fertig ? « » Immer , wenn mein Kapitän befiehlt . « » Wie viel Uhr haben wir ? « » Ein Viertel nach eilf . « » Vorwärts denn nach der Mohrentaverne ! - - - « Jene hoch liegende Fläche , die zwischen Hamburg und Altona in beträchtlicher Ausdehnung sich hinzieht und nach der Elbe zu in ziemlicher Hügelsteile abfällt , heißt wie bekannt der Hamburger Berg . Ein Theil desselben ist den Spiel- , Gaukler- und Thierbuden eingeräumt , die Jahr aus Jahr ein in abwechselnder Mannigfaltigkeit dem Publicum daselbst offen stehen . An diese Buden lehnen sich Schenken und Tanzplätze für die niedrigsten Volksklassen in reicher Auswahl . Hier tummelt sich der Matrose Nacht für Nacht in ausgelassenster Lust und verpraßt , was er zur See sich erspart hat . Ein eigenthümliches , wüstes , tolles , oft wahrhaft satanisches Leben entfaltet sich gegen Mitternacht in diesen geräumigen Höhlen , ein Leben , wie es in solcher charakteristischen Buntheit , in solcher Raserei der Lust kaum eine zweite Stadt des europäischen Festlandes kennt . Wer den Menschen herabgewürdigt bis zum vernunftlosen Thiere , als willenlosen Knecht der entfesselten Sinnenlust sehen will , der trete in eine dieser Matrosenkneipen , und er wird seine kühnsten Erwartungen noch übertroffen finden . Scenen , wie sie unter dem Deckmantel der Nacht sich hier fast täglich wiederholen , vermag die ausschweifendste Phantasie des Dichters nicht zu erfinden . Zu den besuchtesten Orten des Hamburger Berges gehörte zur Zeit unserer Geschichte die Mohrentaverne . Man hatte ihr diesen Namen gegeben , weil durch Zufall die meisten nicht europäischen Matrosen sich hier zusammenfanden . Immer konnte man sicher sein , gegen Mitternacht in der Höllengluth dieser Taverne an dreißig Mohren , Mulatten , Indier und Malayen anzutreffen . Der farbige Mensch herrschte hier , der weiße ward nur geduldet und mußte sich ohne Weigerung den Gesetzen fügen , die zu eigener Belustigung die Fremdlinge jeden Abend auf ' s Neue entwarfen und mit unerbittlicher Strenge handhabten . Die Mohrentaverne zeichnete sich schon äußerlich durch ihre Gestalt aus . Sie stellte nämlich eine colossale schwarz getheerte Tonne vor , deren hoher Zapfen auf dem Spunde zum Schornstein diente . Ihr Inneres war sehr geräumig , bestand aus Vorraum , Küche , dem großen Gesellschaftslocal und mehreren cabinenartigen Nebenzellell , die man durch Riegelthüren beliebig verschließen konnte . Im Hintergrunde , ebenfalls auf Tonnen ruhend , war das Orchester angebracht ; denn ohne Musik kann der Matrose auf dem festen Lande nicht leben . Schlecht gepolsterte Bänke liefen zwischen den Zellen an den Wänden hin . Hier standen auch Tische und Sessel für die Zechlustigen , obwohl selten in dem bacchantischen Getümmel des Tanzes ein paar Menschen ruhig neben einander sitzen konnten . Kurz vor Mitternacht traten zwei junge Männer von fast gleicher Größe in die Thür dieser berüchtigten Taverne . Sie glichen gemeinen Matrosen . Eine kurze Jacke von verschossenem ziegelrothen Tuch , weite schlotternde Beinkleider von blau und weißgestreiftem Wollenzeuge , grobe plumpe Schuhe von Rindsleder und ein gewöhnlicher mit schwarzer Glanzfarbe bestrichener niedriger Strohhut bildete ihre einfache Tracht . Diese späten Gäste waren Aurel und Gilbert . Wohl bekannt mit dem Tone , der in diesen Spelunken herrscht , wo der rohe Matrose nur Leute seines Gleichen duldet und jeden auf höherer Stufe der Bildung und des Umgangs stehenden Gast sogleich zu entfernen pflegt , umfaßte Aurel gleich beim Eintreten eine stämmige Dirne mit hochrothem Gesicht und Busen , die unfern der Thür an der Wand lehnte , und erlaubte sich enige nicht eben zarte Scherze , die von dem Mädchen mit heiserm Lachen und frechem Aufblick des unruhig umherflatternden Auges erwiedert wurden . Der Anblick der Mohrentaverne in diesem Augenblick war ein Bild für Höllenbreughel . Umdrängt von einer dreifachen Reihe rauchender , siedend heißen Grog oder blau brennenden Punsch trinkender Matrosen aus aller Herren Ländern , von denen Mancher ein , wohl auch zwei Mädchen im Arme hielt , führten drei Mohren und zwei Mulatten einen der wildesten und die Sinne erhitzendsten Tänze ihres Vaterlandes auf . Das unheimliche Rollen ihrer weißen glänzenden Augäpfel in den dunkeln Gesichtern , das tigerartige Zähnefletschen und das convulsivische Zucken ihrer sehnigen Arme , wenn sie die blendend weißen Körper ihrer Tänzerinnen wollüstig umschlangen , konnte einem mit solchen Scenen nicht Vertrauten glauben machen , er sei plötzlich in die Hölle unter Verdammte und Teufel versetzt worden , die sich eben in dämonischer Weise vergnügten . Die Mädchen waren groß , schlank und von schönem Wuchse , nur Blick und Gesichtsausdruck verriethen ihre moralische Verwilderung . Mit fast ganz nacktem Oberkörper , mit fliegenden Locken und gelöstem Haupthaar ras ' ten sie im Arm ihrer farbigen Tänzer , die vor Lust jauchzten und häufig fast thierische Töne ausstießen , in beschränktem Raume keuchend auf und nieder . Dazu schrien ein paar verstimmte Geigen und schrillte das Tamtam . Hinter Tänzern und Zuschauern hockte auf einigen umgestürzten Fässern eine Gruppe von Negern und olivenbraunen Indiern . Einer dieser Neger hatte ein scharlachrothes Tuch , das einem der anwesenden Mädchen gehören mochte , um sich geschlagen , was dem glänzenden nachtschwarzen Gesicht mit dem dichten wolligen Haar ein majestätisches Ansehen verlieh . Die Indier trugen weiße Turbane oder doch turbanähnliche Kopfbedeckungen . Alle rauchten aus langen Pfeifen und weideten sich mit Behagen an dem Tumult des Tanzes . Der Lärm war so arg , daß kaum die nächsten Nachbarn einander verstehen konnten . Dolche und Messer von den verschiedensten Formen trugen die Meisten in ihren Schärpen und Leibbinden . Sie mochten häufig gebraucht werden , denn sämmtliche Besucher der Taverne schienen wenig Spaß zu verstehen . In jeder Viertelstunde faßte irgend eine Hand den Griff seiner Waffe und nicht selten funkelten blaue Klingen über den Köpfen der Ausgelassenen . Dies chaotische Getümmel halb und ganz trunkener Menschen , die gewohnt waren , allen Leidenschaften ungehindert den Zügel schießen zu lassen , heiler Haut zu durchschreiten , schien unmöglich . Aurel zog es daher vor , im Hintergrunde eine Zeit lang den Beobachter zu spielen , und bestellte für sich und Gilbert steifen Grog . Sie nahmen Platz an einem der zur Seite stehenden Tische und unterhielten sich mit den hübschen Dirnen , die auf der Bank dem Tanze zusahen oder ab und zu gingen und bisweilen die schmucken Matrosen neckten . Aurel ' s Aufmerksamkeit richtete sich nunmehr auf das Orchester und die Musiker . Es war jedoch unmöglich , die Spielenden durch die feuchte und schwere Rauchwolke zu erkennen , die auf das wogende Menschenmeer in grauer Trübe niederhing . Er wandte sich daher an das hübscheste und , von ihrem Gesicht auf ihr Herz zu schließen , an das mindest verdorbene Mädchen mit der Frage : ob sie einen Mann kenne , welcher den Namen Blutrüssel führe ? Das Mädchen bejahte und fügte hinzu , daß er so eben das Tamtam spiele . » Kannst Du es nicht veranstalten , hübsches Kind , daß er einmal herabsteigt von seinem Throne ? « » Das thut er schon von selbst nach jedem Tanze , « versetzte das Mädchen . » Länger als eine halbe Stunde kann er ohne heißes Getränk nicht leben , und damit er es recht frisch aus der Quelle bekomme , holt er sich ' s allemal selbst . Sehen Sie , da ist der alberne Tanz zu Ende ! Einer von den Schwarzen ist gefallen vor Erschöpfung . Eher hört man nicht auf . « Die