die Christen ihr unchristlich Herz gegen die verschließen , daß die Juden gar nicht das Christentum empfinden können . Der Bang predigte , wie Christus seine Jünger aufforderte , dem Volk das wenige , was sie an Nahrungsmitteln bei sich hatten , hinzugeben , ohne sich selbst zu bedenken . » Siehe ! da war plötzlich Überfluß für alle ! Und wenn es ein Wunder ist , daß der Überfluß in den Körben gesammelt ward , über das ihr staunt und Gott anbetet , so wollet doch auch als göttliches Wunder achten , daß die Liebe aus dem Herzen aller strömte , wie durch elektrische Berührung der Liebe des Sohns Gottes zu allen , so daß von Nachbar zu Nachbar sie einander mitteilten , und wollten lieber darben als darben lassen . Und so waltete der Segen in den wenigen Broten , als jeder das seine mit dem andern teilte , und kam daher der große Überfluß . - Wenn ihr das nicht als Wunder bekennt , sondern es als ein natürliches Ereignis nicht würdig achtet , zu den göttlichen Wundern gezählt zu werden , ist es dann nicht um so mehr von denen zu erwarten , die sich seine Jünger nennen , daß dieses natürliche Wunder infolge des Göttlichen ersprieße ? - Und da es doch zwischen euch , die ihr Jünger Christi seid , nicht auf die göttliche Weisheit ankommt , sondern bloß ums tägliche Brot euch streitet , so mag nun die göttliche Kraft des Wunders in den Broten gewirkt haben , daß sie sich mehrten oder in den Herzen der Juden , daß sie aus Hunger nach dem göttlichen Wort der leiblichen Sorge nicht achteten und sich einander im christlichen Sinn , der schon in ihnen zu keimen begann : Liebet euch untereinander , die leibliche Speise mitteilten und gönnten , so liegen denn immer diese Lehren darin : Richtet die Seele auf göttliche Weisheit , so wird die Sorge um das Irdische von euch gehoben durch göttliche Kraft . Oder auch : Die Sorge um Irdisches ist allein in die Welt geboren , damit ihr sie überwinden lernt um eurer Brüder willen und gemeinsam nach dem Göttlichen trachtet , was jedem zuströmt , soviel er zu fassen vermag . Der göttliche Segen aber regnet über alle Lande , und euch brüderlich in den irdischen zu teilen , achtet ihr das nicht als göttliches Wunder in euren Herzen ? - Mögen doch eure Herzen geschickt sein , Bruderliebe zu üben , so ist euch gewiß , daß das Wunder göttlicher Weisheit in euch erblühen werde , was von innen als Fülle des Segens über alle gleich sich ergießt , und nicht über diesen allein , weil er Christ ist , und über jenen nicht , weil er Jude ist . - Denn so oft wir den Segen , sei er irdisch oder himmlisch , abteilen wollen , so erstirbt er in uns , denn sein Leben ist : Gemeinschaft des Heiligen . Mit dem inneren Sinn sollen wir die Welt regieren , das äußere Regiment greift in ihre Gestaltung nur vorübergehend oder gar nicht ein und kann nur das Geistige , die wirkliche Entwicklung hindern , aber der innere Sinn , durchdrungen von dem höheren Regiment der Welt , breitet sich aus und greift um sich , ihm ist nicht Einhalt zu tun , erzeugt sich in allen Herzen , jeder pflanze den Kern dieser süßen Frucht ins eigne Herz , er ist der Frühling des Lebens , ohne den werden wir nicht ernten und keine Gewalt haben . « - Bang sagte mir nach der Kirche , er habe wohl gemerkt , daß ihm niemand zugehört habe als nur ich allein , die ganze Kirch hab geschlafen . - Ich hab von dieser Predigt in einem Brief an den Voigt geschrieben , weil ich ihm nichts Besseres zu erzählen wußte , so hat er mir geantwortet : » Der innere Sinn greift mehr um sich wie alles Regiment der Welt , der Flügelsame des Geistes kann nicht abgesperrt werden , der treibt umher , und der Wind der geistigen Natur überwältigt alle Vorkehrungen , drum ist ' s lächerlich , was die Menschen sich für Mühe geben , alles in der Zucht halten zu wollen oder durch etwas anders die Freiheit zu erkaufen als durch den Geist . Freiheit ist die strengste Zucht , denn sie greift da ein , wo kein Gebot noch Verbot was wirkt , sie zermalmt das Schlechte in der Wurzel ; denn Freiheit ist eine göttliche Kraft , die nur Gutes wirken kann , aber die Menschen verstehen nicht , was Freiheit ist , sie wollen sich ihrer bemächtigen , das ist schon sie ertöten . Der Freiheit kann man sich nicht bemächtigen , sie muß als göttliche Kraft in uns erscheinen , sie ist das Gesetz , aus dem sich der Geist von selbst aufbaut . Innere Gebundenheit und äußere Freiheit sind doppelt schwere Ketten , weil die Trunkenheit noch dazukommt , die die Sinne bindet und verwirrt . « - Das ist ungefähr das Bedeutendste , was ein zehn Seiten langer , sehr kritzlich geschriebner Brief enthält , ich wollt Dir ihn nicht schicken , ich fürcht , es möcht Deine Augen angreifen , ihn zu lesen . Er hat noch viel Hübsches und Freundliches geschrieben über Deinen Franken in Ägypten6 . - Er sei der Franke , aber das Mädchen werde er nimmer finden , das ihn in des Vaters Hütte führt , denn was ihm in der Seele woge , das sei nicht mit Schönheitslettern ihm ins Antlitz geprägt , seine fränkische Nase umschreibe kein schönes Profil . Den Brief kann ich Dir einmal vorlesen , wenn das Füllhorn eigner Mitteilungen ausgeleert ist , - aber wann wird das je sein ? - Ach , ich hab das Herz so voll zu Dir , nur heut hab ich von fremden Menschen geredet statt von meiner Seele , weil ich Dich nicht betrüben will mit meinen Klagen . Aber gewiß ist es wahr , auf dem Turm kann ich nur Seufzer ausstoßen , und meine Gedanken sind wie abgerißne Zweige und zerstreute Blätter - Laub , das im Winterwind herumwirbelt ! - - Ich kann keins haschen , und was mir zufliegt , das zerfällt und hat keine sybillinischen Zeichen ; aber ich will nicht klagen , denn es ist ja doch nur Einbildung von mir , Du bist nur so schweigsam , weil Du so in Gedanken versunken bist , wie Du schon als diesen Herbst warst . Wolltest Du nicht manchmal den Voigt sehen ? - Er ist doch gut , der könnt mir als von Dir schreiben . Er ist heiter und bescheiden und erzählt so viel Schönes aus seiner frühen Jugend , sein Leben ist Musik und Malerei , seine Bekanntschaft ist , wie wenn einer mit fröhlichem Gemüt umherschaut und einem unbefangnen Blick begegnet , dem er alles erzählt , was in seinem Innern vorgeht . Daß er schlecht geschrieben hat , will ich wohl glauben , aber es verdirbt mir ihn nicht , denn das war vermutlich die besessene Herd Schweine , die in die hohe Meeresflut gestürzt sind ; wie es denn gewöhnlich bei guten Menschen geht , die was Schlechtes hervorbringen ; es muß ihnen ganz leicht sein , wenn sie es los sind , - so ist er auch ausnehmend vergnügt . Ich hab ihn kennen lernen , wie er als Schulrat in Frankfurt vorgestellt war , da hat er mich mit seinem witzigen Humor ergötzt , und es lag so viel Wahres und Richtiges , zum wenigsten mir Zusagendes in seinen Bemerkungen , daß ich immer meine , er würde das Beste gewirkt und geraten haben , er sagte aber damals zu mir : » Ach , ich bin ein Wickelkind , mir sind die Hände mit dem Wickelband festgebunden , ich kann nur Gesichter schneiden , und da meinen die Leute , ich lach und weine im Traum , sie meinen gar nicht , daß ich mit meinen fünf Sinnen dabei bin , wenn ich was sag . « - Wenn es Dir nicht störend ist , daß er Dich einmal besucht , so schicke ich ihm einen Brief an Dich . - Vom Hölderlin hab ich auch erzählen hören , aber lauter Trauriges , was ich Dir jetzt nicht erzählen mag , denn wir beide würden nichts darüber erdenken können ; und in meinem Herzen steht geschrieben : Streue die Saat der Tränen auf sein Andenken , vielleicht daß aus diesen die Unsterblichkeit einst ihm aufs neue erblüht ! - Ach , auch er hat gesagt : Wer mit ganzer Seele wirkt , irrt nie ! Ja , wer unzerstreut und mit ganzer Seele dabei wär , der könnte wohl Tote erwecken , drum will ich mich sammlen und an Dich denken , daß ich Dich mir wach erhalte , daß Du mir nicht stirbst . - Aber ich will meinen Brief nicht so traurig schließen . - Ein Brief , den ich kürzlich von Goethe gelesen habe , den er anno Achtzehnhundert an Jacobi schrieb , wird Dich auch freuen : » Seit wir uns nicht unmittelbar berührt haben « , sagt er ihm , » habe ich manche Vorteile geistiger Bildung genossen , sonst machte mich mein entschiedner Haß gegen Schwärmerei , Heuchelei und Anmaßung , oft auch gegen das wahre ideale Gute im Menschen , das sich in der Erfahrung nicht wohl zeigen kann , oft ungerecht . Auch hierüber , wie über manches andere belehrt uns die Zeit , und man lernt : daß wahre Schätzung nicht ohne Schonung sein kann ; seit der Zeit ist mir jedes ideale Streben , wo ich es antreffe , wert und lieb . « - So sehr ich sonst eine Sehnsucht hatte , allein und heimlich ihn aufzusuchen , jetzt ist ' s nicht mehr so ; - ich möchte gar nicht zu ihm , wenn ich nicht Dich an der Hand führte - nur als zeigte ich Dir den Weg , - und nur , daß ich mir den Dank von ihm und Dir verdienen will , denn was er im Brief sagt , berechtigt Euch , gegenseitig aufeinander Anspruch zu machen , denn wie freudig würd er erstaunen über das Ideal in Deiner Brust , so wie Du Dich aussprichst in jenem Brief , wo Dir auf einmal so hell dies Ideal erschien , als sähest Du voraus in Deine Unsterblichkeit . - Und mit was könnt ich ihm entgegenkommen ? - Ich hab keine Vorrechte , ich hab nichts , als den geheimen Wert , von Dir nicht verlassen zu sein , sondern angesehen mit Deinen Geistesaugen , die Gedanken in mich hineinzaubern , welche ich nie geahnt haben würde , läse ich sie nicht in Deinem Geist . Gestern abend haben sich jung und alt beschert , mir sind die leeren Weihnachtsbäume zuteil geworden , ich hab mir sie ausgebeten , ich hab sie vor die Tür gepflanzt , man geht durch eine Allee von der Treppe über den breiten Vorplatz bis zu meiner Tür , diese grünen Tannen , so dicht an meiner Tür , beglücken mich - und die Welt ist noch so groß ! Ach es steigt mir die Lust im Herzen auf , daß ich reisen möcht - mit Dir - wär das denn nicht möglich ? - Bin ich denn so ganz gefangen , kann ich mir hierin nicht willfahren ? - Und willst Du auch nicht das Unglück meiden , jener die sterben , ohne den Jupiter Olymp gesehen zu haben ? - Ich fühl , daß mir alle Sehnsucht gestillt könnte werden , hoch auf dem höchsten Berg die Lande , die Weite zu überschauen , ich würde mich wahrlich erhaben und mächtig fühlen , denn wessen das Aug sich bemeistert , dessen fühlt der Großherzige sich Herr . Ach , Günderode , ich weiß nicht , ob Du ' s auch schon gefühlt hast , aber mir ist jetzt vor allem der Sinn des Aug ' s gereizt , sehen möcht ich , nur sehen . - Wie groß und herrlich die Kraft , mit dem Aug alles zu beherrschen , alles in sich zu haben , zu erzeugen , was herrlich ist , - wie würden da die Geister uns umflügeln auf einsamer Stelle ? - Und dann kennen wir uns , wir würden ineinander so einheimisch sein , es bedürfte keiner Mitteilung , die Gedanken flögen aus und ein , in ' einen wie in ' andern , was Du siehst , das ist in Dir , denn ich auch , ich hab mich nicht vor Dir verschlossen ; - ja , Du bist tiefer in meiner Brust und weißt mehr von meinem Seelenschicksal , als ich selber , denn ich brauch nur in Deinem Geist zu lesen , so find ich mich selbst . Und wie glücklich hab ich mich doch hingehen lassen in Deinem Kreis ? - Als schütze Dein Geist mich , so hab ich alles Unmögliche gewagt zu denken und zu behaupten , und nichts war mir zu tollkühn , überall fühlt ich den Faden in Deinem klugen Verstehen , der mich durchs Labyrinth führte . Ach , ich möchte alles haben , Macht und Reichtum an herrlichen Ideen und Wissenschaft und Kunst , um alles Dir wiederzugeben ; und meinem Stolz , von Dir geliebt zu sein , meiner Liebe zu Dir genug zu tun . Denn diese Freundschaft , dies Sein mit Dir , konnte nur einmal gedeihen . Ich zum wenigsten fühle , daß keiner mit mir wetteifern könnte in der Liebe , und darum siegt auch meine Großmut , - ich mag niemand eine Schuld aufbürden , um die er ewig büßen müßte . Mein Brief ist zerstreut geschrieben , das ist , weil ich Dich suche , - sonst stehst Du vor mir , wenn ich Dir schreibe , da spreche ich mit Dir , die Hälft sind da meine Gedanken , und die Hälft Deine Antwort , denn ich weiß allemal , was Du antwortest , wenn ich Dir was sage ; so lerne ich immer das Tiefere , das Weise , das Bestätigende aus Dir . - Die Post geht ab - ich lasse den Brief noch liegen , vielleicht kommt ein Brief , dann bitte ich Dir gleich noch in diesem meine Beschwerde ab . - Ach käm doch ein Brief . - Nein , es ist kein Brief gekommen . Ich bin böse - aber nicht auf Dich - auf mich bin ich böse , woher kommt mir die Krankheit ? - Ja , es ist Krankheit , und schon lange lag es in mir ; - es ist ja als ob ich nichts von Dir wisse , so verzage ich ganz , war ich denn im vorigen Jahr so bang ? - Da sind doch auch Zeiten vergangen , wo Du nicht schriebst . Du hast mich verwöhnt mit Deinen kleinen Briefen aus dem Rheingau , ich kenne ja doch Deine große Ruhe , in die Du manchmal so schweigsam versunken warst , daß ich oft stundenlang mit Dir war , und Du sprachst nicht , so wird ' s jetzt auch sein - der Nachhall Deiner stillen Begeistrung ist ' s , oder es wiederholen sich tiefe Melodien Deiner Seele in Dir , denen horchst Du zu . Ja ! Wie ' s in jener himmlischen zauberhaften Nacht war , auf dem Rhein , wo wir zusammen unter der blühenden Orangerie auf dem Verdeck saßen . - Wie schön war ' s doch , daß die grade von Köln nach Mainz fuhr , und daß wir beide auf dem Schiff die einzigen waren , die in der Nacht da oben blieben , die andern fürchteten die kalte Nachtluft , das war ein rechtes Glück . Wir freuten uns , als der letzte hinabgeflüchtet war und wir waren ganz allein und bloß der Steuermann und die Ruder und die große Stille , - und meinen Pelz warf ich um Dich und saß zu Deinen Füßen , und der deckte mich auch noch , und wie schön war die Mondnacht , es sollte nicht ein Wölkchen am Himmel sein , der unermeßliche Luftozean , in dem allein der Mond schwamm . - Da warst Du auch so stille , und wenn ich ein Wort sagte , so verlor sich ' s gleich im tiefen Schweigen - daß ich auch nicht mehr reden mochte aus Ehrfurcht vor der stillen Versunkenheit der ganzen Natur ! - Und wer kann ' s je vergessen , der in so heller Nacht auf dem Rhein schifft , wenn beide Ufer sich im Mondglanz baden ; - und dann kam der Wind und rauschte erst leise in den Kronen und dann stärker , und es fielen Blüten auf Dich und mich , und da sah ich mich um nach Dir , hinauf zu Dir , da lächeltest Du , weil es zu schön war , was uns da widerfuhr , aber wir beide schwiegen still , um nicht zu stören , alles was sich an Schönheit rund um uns ausbreitete , und wir fuhren um die stillen Inseln und kamen näher ans Ufer , daß die Weiden herüberhingen und verwickelten ihre Zweige in unsre Bäume , und schüttelte über Dir die Krone , daß sie all ihre Blüten Dir in den Schoß warf , da warst Du erschrocken aufgewacht , denn Du warst eingeschlafen grade - einen Augenblick . - Ja , ich auch schlaf gern , wo es grad mir am seligsten ist , da ist immer die Ruhe über mir , als wäre Seligkeit nur eine Wiege und schaukelte die Seele und wiegte sie aus einem Traum in den andern hin und her , wo es schön und schöner wär . - Ich dachte da , es war ein köstlich Wohlgefühl in mir , und betete es vor Gott , ich wollte nicht glücklicher sein in der ganzen Fülle der Welt als so , wie es uns beiden da beschert war , und ich fühlte mich so gestärkt und knüpfte mich getreuer an Dich . - Und gelobte mir meinen Geist waffenfähig zu machen , und da gingen in Eile viele große kühne Taten vor mir vorüber , die ich all im Geist entschieden hatte , und da war ich so heiß einen Augenblick vor raschem Lebensentschluß und reiner Begeistrung . Und daher hab ich verstanden , was Du in Deinem Brief sagst von dem einfachen Phänomen , wo tragische Momente uns durch die Seele gehen , die sich ein Bild unsrer Lebensgeschichte auffangen , und wo die Umstände sich so ketten , daß man ein Tiefschmerzendes oder Hocherhebendes im Geist mit erlebt . - Mein Gefühl aber war nicht tragisch , es war glorreich , es war jubelnd , überall war ich Sieger ; - ja recht wie ein Adler , der sich aufschwingt über den Erdenballast von allen Geschicken , und der nur fliegen will , und so bin ich da auch ein paar Minuten über jenen Gelübden eingeschlafen , als wenn der Schlaf die Bestätigung aller Geisteserhebung wär ! - Oder ist es vielleicht im Schlummer , daß der Geist in seinen Gelübden aufsteigt ? - So war ' s mir nach jenem kurzen Schlaf , als sei ich im Port meines Lebens angelangt , und als brauche ich keine fremden Wege mehr zu suchen . - Es war , daß ich immer Dir verbleiben wollt , daß alles Glück , was uns entgegenkomme , nur Dein sein solle , und daß ich ' s nur durch Dich genießen wolle . Drum schieden wir auch am Morgen so leicht und heiter , ich stieg in den Wagen , der mich am Ufer erwartete , um nach Frankfurt zu fahren , und Du bliebst auf dem Schiff , und ich hatte Dir nicht einmal die Hand gereicht und rief nur hinüber : » Adieu Günderode ! « und Du riefst meinen Namen . Und es war , als ob die Welt uns nicht trennen könne . - Aber wie ich eine Weile vorwärtsgefahren war und sah Dein Schiff mit seinem südlichen Garten noch von weitem , da fiel mir ' s auf einmal ein , daß ich Dir nicht die Hand gereicht hatte und Dich nicht geküßt hatte und Du mich auch nicht auf meine Stirn , was Du doch sonst immer tatst und jeden Abend , wenn ich von Dir ging . - Und es war mir so angst drum , daß ich gern umgekehrt wär , wenn ich gedurft hätte . - Und jetzt , wenn ich an Dich denk und Du schreibst nicht , so fällt mir ' s ein und ängstigt mich . Aber doch ist es ja ein gutes Zeichen , ein so sicheres Gefühl , daß wir nicht getrennt seien , und wenn doch diese schönste idealische Nacht unseres Lebens die letzte war , die wir miteinander zubrachten , so wird uns auch der Genius wieder so zusammenführen , - und hin durch heiße Länder , wo kein Sehnen ist , und wo wir am Morgen nicht um den Abschied sorgen , weil wir uns nicht trennen werden . - Nur , daß ich jetzt in die beschneiten Felder sehe , und daß mir der Winter so tot jetzt erscheint , wo mir eine italienische Sommerglut im Herzen wogt ! - Ja , wir wollen fort , Günderode , wir zusammen ; - es war ein Schicksalsruf , jene himmlische Nacht unter südlichen Blüten , - sie rief uns zu dem Land , dort wohin mein Sehnen geht , um das ich schon mit der Mignon meine Nächte verweint habe . - Das erste , wenn wir uns wiedersehen , soll es sein , daß wir einen festen und reifen Plan machen . - Es ist am End ganz lächerlich , wenn wir alles Schöne und Herrliche , von dem gesprochen wird , im Geist berühren und genießen , und wir sitzen in der Wirklichkeit wie eingefroren . Ich bin begierig , ob wir ' s nicht dazu bringen , in der pappendeckelnen Welt ; das ist ' s eben , daß sie von Pappendeckel ist . - Da fällt mir wieder mein Kindertraum ein , wo ich auf einem backsteinernen Fluß auf der Reise war und die Ruderer vergeblich Wellen schlagen wollten , und nur mit den Stechstangen ging ' s langsam vorwärts , - und das krachte so unangenehm , es pfiff , daß es mir zwischen den Zähnchen weh tat . Ach und die Reisegefährten schnitten so fürchterliche Gesichter , - da hab ich recht in Natura gesehen und ohne Schleier , was ein Philister für eine fürchterliche Lebenslarve hat . - Der Trieb zur Schönheit ist doch wohl noch das einzige , was von einer höheren Natur übrig ist . - Am Feiertag wollt ich , der Ephraim sollt mich besuchen , es war mein Lerntag , aber weil ' s Feiertag war , so konnt ich einmal die Stund verplaudern mit ihm , wozu ich so große Lust hatte , und mit meinen Tannenbäumen eine Laube um seinen Sitz gebaut , das hat mir groß Vergnügen gemacht , ich schenkte ihm auch Wein ein , da kam der Professor Weiß dazu , der hatte mit ihm zu reden wegen zwei Schülern , der sprach auch mit großer Achtung mit ihm , daß er so große Kenntnisse habe . Sein Enkel holte ihn ab und blieb noch eine Weile da , aber er setzte sich nicht vor seinem Großvater und blieb stehen , und von dem Wein nippte er nur - und ich will Dir gestehen , daß ich die ganze Zeit von Dir gesprochen hab , denn ich kann auch nicht gut von anderem sprechen , weil ich doch immer dran denk , ob ich bald einen Brief von Dir krieg . - Was soll ich noch von ihm erzählen , er hat eine eigne Art , es scheint nur Bescheidenheit , aber man fühlt , daß es Herablassung ist und Güte ; ich möcht Dir auch gern noch manches von ihm sagen , aber weil ich gar nichts weiß von Dir , das bricht mir den Mut , ich weiß ja nicht einmal , ob Du es mit Anteil liest . - Er sagte mir , daß er bis nach den Feiertagen , bis nach Neujahr eine kleine Reise zu den Seinigen machen wolle , weil seine Schüler alle fort sind . Es ist eine Reise von acht Meilen - bei Butzbach , - den Weg macht er zu Fuß in dem Wetter , - es ist hier ein Sausen , davon hat man in der Stadt keinen Begriff ; auf dem Turm kommt allerlei Gezweig vom Wald oder von unten aus der Allee angeflogen . Gestern setzte ich mich gleich an den Boden nieder , um nicht davongetragen zu werden . - Ich fürchte mich für den Ephraim , oder ich wollt , ich könnt mit ihm gehen , - so , ein Stock in der Hand , und immer vorwärts geschritten , in neue Lande , wo andre Luft weht , andre Bäume blühen , - jetzt hat ' s aber noch eine Weile Zeit damit ; - so - ruhig sprechend - mit einem Weisen aus Morgenland . - Ich bin von Natur so neugierig , wenn ich nur in ein unbekannt Dorf komm , da kommt mir alles so sonderbar vor , und die kleinen Reisen , die ich bis jetzt gemacht hab , - wie war mir alles so auffallend - , wenn wir im Dunkeln vor einem Posthaus hielten , wie sah mich da der halberleuchtete Gang so seltsam an , als könnt er sprechen und erzählte mir : Ja , hier gehen allerlei Geschichten vor ! - Und so eine Nacht in unbekannte Gegend gefahren , oder im fremden Nachtquartier , wenn man da aus dem Traum aufwacht und hört die Glock schlagen , und noch eine , und dann wieder eine . Da dacht ich als : da sind also viel Kirchen , wie mögen die aussehen ? Und dann der Nachtwächter , der ein ganz fremd Lied singt mit heiserer Stimme , und die Schellen an den Häusern , die man noch läuten hört , und dann am Morgen sieht alles wieder anders aus , und ist wieder so neu und überraschend , als wär die ganze Welt wie ein Spielsachenladen und Häuser und der Markt vor der Tür und die Leute , die da wohnen und laufen , das sei lauter Spielzeug , und die Hunde , die herumspringen , die Brunnen , wo die Leut Wasser holen , das kommt einem alles vor bloß wie zum Vergnügen , lauter Bilder , man freut sich , daß alles so niedlich eingerichtet ist und gar nichts vergessen . So fremde Orte , sie sind wie Feenmärchen . - Das alles möcht ich mit Dir genießen ! Es ist ja nur der Eingang , aber Himmel und Erde , im Freien - in die Weite hinaus , - wo man stumm steht und sieht die Berge sich aufrichten und mit dem Morgenlicht sich küssen , und alles Unendliche , was da vorgeht , was stumm macht und alle Weisheit überflüssig , denn wie ' s Kindchen , wenn ihm die Milch zuströmt aus der Mutter Brust , genug damit zu tun hat , sie zu schlucken , mit der Fülle fertig zu werden , so ist ' s auch mit der Natur , sie gibt so vollauf dem Blick , dem Herzen , daß es nicht zu Atem kommen kann . - Aber der Ephraim liegt mir am Herzen , daß der jetzt , wo die Natur schläft und nur aufrührische Träume hat , die eisige bergige Straße wandert , wo es so früh Nacht ist , und wo er in schlechte Herbergen kommt ; aber er sagt , er habe einen Tag schon versäumt wegen dem Wetter und seine Enkel warten alle auf ihn , die würden so schon in großen Sorgen um ihn sein , und das Sturmwetter werde er schon ertragen , er habe es schon mehr mitgemacht , und sein Enkel trägt den Bündel . - Er muß die Kinder sehen ; da muß man ihn nicht abwendig machen , er sah auch gar nicht sorglich aus . - Dürft ich nur , wie ich wollt , so hätt ich einen bequemen Wagen ihm vor die Tür fahren lassen ; und ich hatte Lust dazu , hätt ich ' s nur heimlich tun können , aber ich fürcht , man hätt geschrien , ich wär extravagant , ich wollt die Sonderbare spielen , und gelitten wär ' s doch nicht worden , denn von Verkehrtheiten muß ich abgehalten werden . - Außer dem Clemens , der hätt das gewiß recht gern gewollt . - Nun hab ich doch diese acht Tage Sorge um Dich und um den alten Mann . - Ich fürcht mich vor dem Turm . Ich will aber , oder ich muß hinauf . - Das ist zum drittenmal , daß mir so was begegnet ; daß mich so was fesselt , nächtlich und geheim an einen Ort zu gehen , wo mich die Geister hin bestellen . Wie ich ganz klein war ; der Vater hatte mich am liebsten von allen Kindern , ich kann kaum zwei Jahr alt gewesen sein , wenn die Mutter was von ihm zu bitten hatte , da schickte sie mich mit einem Billett zu ihm , denn sie schrieben sich immer , sie sagte , wenn der Papa das Billett liest , so bitte , daß er Ja schreibt , und er richtete oft nach meinen Bitten seinen Beschluß . Er sagte : » Mein liebes Kind , weil Du bittest , so sag ich ja , ja . « - Alle Kinder fürchteten sich