, Lesüeur ' s letztes Begehr zu versäumen , tauchte auch die Furcht vor seiner Verschuldung mit verscheuchender Grausamkeit wieder in ihm auf ; und als er fortwandelte , schien er sich nur der rettungslose Sünder ! Das Stift war ein großer , ehrwürdiger Palast . Sein Bau und seine eben so alten Gartenanlagen sollten aus der Zeit der Katharina von Medicis herstammen , und obwol man die Guisen als Eigenthümer dieser Besitzungen nannte , glaubte man sie doch von der Königin erbaut und von ihr zu besonderen und geheimen Zwecken bestimmt . Die Anlage war jedenfalls den stolzesten Ansprüchen gemäß und von mancher geheimnißvollen Einrichtung durchkreuzt , die dem Beobachter sagen mußte , man habe andere Zwecke hier verfolgt , als offenes Haushalten im Glanze der damaligen Zeit . Jetzt bewohnte wahre Frömmigkeit diese schönen , wohlerhaltenen Räume ; und mit dem Ernste der Wissenschaften benutzte man die Ausdehnung des Baues , zu andern Zwecken einst empor geführt . In dem Augenblicke , als Leonin mit dem kleinen Führer sich dem Portale des Stiftes nahte , verschwand die Prozession der Mönche in seinem innern Raume , und Leonin eilte dem Knaben voran , wie getrieben , sich dem Zuge anzuschließen . Die Chorherren erfüllten den prachtvollen Portikus des Hauses , sie hatten das Allerheiligste bei dessen Durchzuge begrüßt . Der Abt , der den Fremden sogleich für den erwarteten Grafen Crecy hielt , wollte ihn anreden ; aber Leonin , nur die Prozession suchend , warf seine Augen ängstlich umher ; und ohne die Begrüßung des ehrwürdigen Abtes zu erwiedern , eilte er , den Mönchen zu folgen , die ihn an das ungeduldig erwartete Ziel zu führen versprachen . Niemand hinderte ihn . Die erfahrenen Menschenkenner verstanden den heftig erregten Zustand , der sich selbst Hülfe schaffen mußte . Leonin trat mit ihnen zugleich in ein großes Gemach , welches sich als die Werkstatt Lesüeur ' s verrieth , da in der Mitte desselben , auf einem Gerüste , mit Blumen und Zweigen geschmückt , in kunstreich geschnitztem goldenem Rahmen sich ein Bild erhob , das , obwol es Leonin die Rückseite zukehrte , ihn vermuthen ließ , daß es das letzte Werk des jetzt sterbenden Künstlers sei . - Die drei hohen , weiten Fensterthüren nach dem Garten waren geöffnet - der Frühling lag vor der Schwelle - glänzende Strahlen der Abendsonne vergoldeten das feine , gelbliche Grün des ersten Laubes und warfen ein belebendes Licht in das schöne alterthümliche Gemach und auf die ehrwürdigen Gestalten der Mönche , die , des Einlasses harrend , einen Kreis um den Geistlichen bildeten , der , von Chorknaben umgeben , in stiller Sammlung mit der verhangenen Monstranz , in ihrer Mitte stand . Es war der ehrwürdigste Anblick andächtiger Erhebung - die harmonische Vereinigung in der Absicht und Darlegung heiliger Hülfsleistung , von der sinnlichen Außenwelt zufällig auf eine Weise unterstützt , als ob ein Bestreben eingetreten wäre , sich dem Zwecke gemäß zu zeigen . Wie lange hatte Leonin nichts Aehnliches erlebt - wie begierig sog er die Erschütterungen ein , die er dadurch erfuhr ! Die Thüren öffneten sich jetzt vor ihnen und zeigten ein zweites geräumiges Gemach und , den Thüren gegenüber , ein Bett mit aufgeschlagenen Vorhängen . Leonin war auch hier bis zur Thüre gefolgt ; aber von dem fungirenden Geistlichen beordert , gab ihm ein dienender Bruder die Weisung , den Kranken nicht durch seinen von ihm so heiß ersehnten Anblick in seiner geistlichen Fassung zu stören . Leonin sah die Thüren sich vor ihm verschließen . Betäubt lehnte er sein Haupt gegen die Pfosten - horchte den Gebeten und einzelnen Accorden gleichmäßig wiederkehrender Responsorien , welche die Mönche abhielten und damit den Fortgang der heiligen Handlung bezeichneten . In jedem Augenblicke entkörperte sich sein Zustand mehr und mehr . Er wähnte in die heiligen Beschwörungen , die in sein Ohr drangen , mit eingeschlossen zu sein - von ihnen fortgezogen , hatte sich sein deutliches Bewußtsein in ein unbestimmtes , inbrünstiges Verlangen nach dem versöhnenden Troste der Religion aufgelöst , und eine körperliche Erschöpfung vollendete einen augenblicklichen Stillstand seiner überspannten Lebensgeister . Erst , als seine Füße unter ihm wichen , erwachte er , und von einem Geräusche hinter sich erschreckt , raffte er sich zusammen und erblickte , sich umwendend , vor Lesüeur ' s Bilde den Knaben , der ihn geleitet , in Thränen auf seinen Knieen liegend und frische Frühlingsblumen davor ausbreitend . - Langsam folgte er der Richtung . Er stand vor Lesüeur ' s Bilde , ohne es anzusehn , den weinenden Knaben liebevoll betrachtend . Doch dieser war fertig oder wollte mehr Blumen suchen - er enteilte in den Garten . Leonin sank in einen Lehnstuhl , in dem Lesüeur vielleicht sein Bild vollendet hatte . Da glaubte er sanfte Musik sich nahen zu hören - horchend richtete er sich auf . - Großer Gott , Fennimor stand vor ihm ! - verklärt - auf lichten Wolken schwebend - um das weiße Unterkleid den blauen , duftigen Mantel mit Sternen auf den Schultern - die Märtyrerkrone mit dem Heiligenscheine in den goldbesäumten braunen Locken - den tiefen Engelsblick des kindlichen Auges - das süße Lächeln um den schönen Mund - den Palmenzweig in der zarten , weißen Hand ! Sie schwebte vor , wie es erschien ; der leichte , nackte Fuß berührte kaum den Rand der Wolken , die sie zu umwölben strebten . Sanft schien sie vorgebogen , den Palmenzweig - das Friedenszeichen - hülfreich bemüht der Welt zu bieten , Trost und Vergebung kündigend aus der Welt , aus der sie wieder nur gekehrt , Alle liebend einzuladen , die mühselig und beladen im Erdenjoche keuchten . » Fennimor , Fennimor , « rief Leonin und stürzte auf seine Knie - » Du ladest mich zum ewigen Frieden ! Zu Dir gehöre ich mit dem tiefsten Leben meiner Brust - Du rufst mich zu unserer Heimat - hier bin ich ! Nimm ' mich ! Erbarme Dich des Sünders ! - Selbst im Sünd ' gen gegen Dich gehört ' ich Dir ! Dir allein ! Du geheiligte Liebe meiner Brust , schwebe nieder - nimm mich mit fort ! « Erwartungsvoll sank sein Kopf auf den Blumenteppich vor Lesüeur ' s Bild , das Fennimor ' s von ihm so heiß geliebte Züge , zur Heiligen verklärt , verherrlichte . Er träumte , hoffte , jauchzte der ewigen Vergebung mit ihr entgegen - da berührte eine sanfte Hand den kühnen Schwärmer . Er fuhr empor - der ehrwürdige Priester , der Lesüeur zum Tode eingeweiht , stand ernst und mild über ihn gebeugt . » Ermannt Euch , junger Mann ! « - sprach er mit weichem Tone - » die Pflicht der Freundschaft ruft Euch an das Lager des Sterbenden ! Schon umweht die ewige Ruhe jener Welt den müden Pilger - laßt sie Euch heilig sein und laßt , was irdisch ist , der Welt , die ihm schon entrückt ist ! Er ist in schönem Frieden ; - doch begehrt er Euch zu sehen , und ihm muß werden , was er für die letzte Pflicht der Erde hält . Doch seid es werth , den letzten Augenblick der verklärten Seele zu theilen - versucht , des Friedens theilhaft zu werden , der ihn umweht . « » Hört meine Beichte ! « rief Leonin - » laßt mein Herz vor Euch erleichtert werden , ehrwürdiger Priester ! Gebt mir den Trost , dessen Eure reine Seele voll ist ! « » Jetzt nicht ! « - sagte ernst der Priester - » jetzt nicht , mein Sohn ! Die Augenblicke Deines Freundes sind gezählt . Erfülle erst jene Pflicht und bedarfst Du dann der Beichte noch , so melde Dich im Kloster St. Sulpice , der Prior Tronçon wird Deine Beichte anhören . « Leonin nahm alle seine Kraft zusammen - seine Mienen drückten so deutlich seinen Seelenzustand aus , daß der ehrwürdige Prior die Hand auf seine glühende Stirn legte und ihm fast unwillkürlich , voll erhabener Rührung seinen Segen gab . - Leonin sah ihn im Gefolge seiner Brüder verschwinden - die Thüren des Sterbezimmers öffneten sich - er stand vor dem verklärten Antlitze Lesüeur ' s ! Lesüeur blickte auf Leonin , und wie oft er ihn auch verwünscht , wie lebhaft er ihn gehaßt , die Verklärung des Todes hatte diese Empfindung schon gemäßigt , ehe Leonin zu ihm trat ; und als er ihn erblickte , mit den deutlichsten Zeichen des Schmerzes und der Gewissensangst in dem bleichen Antlitze , erkannte er den blühenden Mann , den er früher gesehen , kaum wieder und fand wenigstens nicht den verstockten Höfling , den zu hassen er sich so berechtigt gehalten hatte . » Ja , ja , ich erkenne es « - rief er matt - » Gott ist gerecht ! Er hat Dich schon gezeichnet , Du armer , verlockter Sünder , und Du thust schwere Buße in Deinem Inneren . « » Nie , nie genug ! « - rief Leonin und kniete an dem Bette des Sterbenden ; - » und wenn kein Hauch des Lebens je wieder Frieden für mich bringt - doch ist es keine zu harte Buße ! Lesüeur , ach , wüßtest Du , wie ich es jeden Tag mehr und tiefer fühle - Du hättest Erbarmen mit mir ! « Er barg sein Haupt und hörte einen tiefen Seufzer neben sich . Am Fußende des Bettes kniete ein Priester im stummen Gebete - sein Gewand verhüllte ihn gänzlich . » Groß und entsetzlich ist Dein Verbrechen ; - aber ich will wissen , in welchem Maaße Du gesündigt - und ich , der ich ihr Freund - ihr Schützling - ihr heiliges Werk auf Erden ward - ich will Dich fragen , und Du sollst dem Sterbenden die Wahrheit enthüllen . Willst Du ? « » Ich will es ! « rief Leonin . - » Was sagte Dir Souvré den Tag vor Deiner Hochzeit ? « - » Ich sei frei ! - Und als ich mehr zu wissen verlangte , vertröstete er mich mit der Wiederholung dieser Worte . Erst am andern Morgen erfuhr ich ihren Tod ! « » Ihren Tod ? « rief Lesüeur , seine Hände zusammenschlagend - » ihren Tod ? Unglücklicher , weißt Du nicht , daß sie lebte - daß sie , Deine einzig , rechtmäßige Gemahlin - daß sie lebte , als Du das zweite Weib nahmst ? « Ein dumpfer Ton des Entsetzens brach aus Leonin ' s Busen . Er stürzte zuckend auf das Bett , während seine weit geöffneten Augen , auf Lesüeur starrend , genugsam seinen fürchterlichen Zustand verriethen . » Ja , « fuhr der Freund Fennimor ' s mit erhobener Stimme fort - » obwol der Tod lange über ihrem Scheitel stand - mußte sie dennoch leben ! Als endlich der Vikar die Nachricht davon zu mir gelangen ließ , war Alles zu spät - der Frevel geschehen - Ihr vermählt , und Fennimor gab schon Zeichen ihrer langsamen Auflösung ! Da beschwor ich die Menschen dort , sie sollten sie belügen - Euch in den Krieg gezogen schildern - ihr den Glauben geben , daß Ihr sie verstorben hieltet . « » Gott , Gott , « rief Leonin - » das Ungeheuer , das mich betrog - den ungeheuern Frevel mich begehen ließ ! « » Klage Dich an , nicht Andere ! « rief dumpf der verhüllte Priester - » Du wolltest betrogen sein - darum wurdest Du es ! « Betroffen blickte Leonin auf die düstere Gestalt , die seufzend und verhüllt neben ihm lag - schaudernd schien es ihm , als höre er die Stimme seines eigenen Gewissens . Flehend rief er gegen den Sterbenden : » Sage mir , sage mir um der Barmherzigkeit Gottes Willen - wann starb Fennimor ? und wo - wo ist mein Kind ? « » Höre mich , « sprach Lesüeur - » Du bist weniger schuldig , als ich dachte . Gewiß scheint mir , Du glaubtest an ihren Tod , als Du diese zweite Verbindung schlossest - und weil Dich das weniger schuldig macht , wie ich Dich hielt , so will ich Dir einen Tropfen reichen , der vielleicht in Etwas Deine Qualen dereinst lindern kann . - Höre denn - noch lebt Fennimor - aber am Rande des Grabes - und ihr einziger - heißester Wunsch ist , Dich noch ein Mal zu sehen ! « Mit einem Schreie war Leonin bei Lesüeur ' s letzten Worten aufgesprungen - seine zweite , Bewegung war , fortzustürzen - fort zu ihr hin - es war der einzige Gedanke , den er fassen konnte ! » Halt ! « rief Lesüeur und ergriff sein Kleid . » Laß ' mich , « stammelte Leonin - » ich muß fort , fort zu ihr in dieser Stunde - ohne Aufenthalt ! « » Nicht eher « - rief Lesüeur mit der alten Kraft - » als bis Du mir gelobt , ihre heilige Engelsruhe hier zu schützen - den Frevel ihr verhüllt zu lassen , der indeß begangen . - Willst Du bloß hin , um Dein ungestümes Herz vor ihr zu entladen , so treffe Dich der ganze Fluch des Unglücks , das Du verschuldet ! Niemand wünscht Dich dort zu sehen - und mit Recht ; - doch Fennimor ' s Sehnsucht , die sie nicht leben , nicht sterben läßt , hat den Widerwillen der Anderen , Dich zu sehen , gebrochen . « - » O , lasse mich fort , fort , fort zu Fennimor , zu meinem heißgeliebten Weibe - ich habe keine heiligere Pflicht - sie soll in mir Nichts finden , als ihren Gatten ! « » Und Viktorine ? « rief plötzlich die verhüllte Gestalt , indem sie sich rasch vom Boden erhob ; - und Fenelon stand vor Leonin , und aus seinem bleichen Antlitze blitzten zürnende Augen . Leonin verhüllte sein Gesicht ! Doch nur einen Augenblick . Nichts konnte neben dem , was jetzt in ihm angeregt war , Raum behalten . » Und dennoch , dennoch muß ich fort ! Ist es möglich , Fenelon , so schützt Viktorinen - nicht um meinetwillen - um ihretwillen - denken kann ich jetzt nicht für sie - ich habe nur eine Pflicht - nur ein Gefühl ! - Aber betet - betet für mich , wie Ihr für den verurtheilten Verbrecher betet - und lebt wohl ! « » Unglücklicher ! « - rief Fenelon - » armes Spielzeug des Augenblickes - zwei Kronen reichte Dir das Leben zum - zertrümmern ! « Leonin hörte ihn nicht mehr . Auf Lesüeur ' s kalte Hand gebeugt , nahm er Abschied von ihm für diese Welt - streckte flehend die Hände gegen Fenelon empor und stürzte zum Zimmer hinaus . Fast besinnungslos trieb es ihn fort - er wäre zu Fuß nach Ste . Roche geeilt ; - aber sein Wagen stand vor der Thüre . » Jaques , « rief er dem alten Kutscher zu - » Du kennst den Weg nach Ste . Roche - treibe die Pferde an - laß ' sie mit Post wechseln - nur schnell , daß wir bald hingelangen ! « Der Wagen blieb halten . Dies eine Mal gehorchte Jaques nicht ; denn er war gewiß sich zu irren . Nach einigen Augenblicken stieg er vom Bocke und trat ehrerbietig an den Schlag : » Euer Gnaden befehlen nach Hause ? « » Nein , Jaques ! Nein , nicht nach Hause ! « - rief Leonin mit einem Ausdrucke , der Jaques die Ahnung einer ganz ungewöhnlichen Begebenheit gab - » nach Ste . Roche ! Nach Ste . Roche ! Ueberall frische Pferde - und schnell , schnell ! « Jetzt gehorchte Jaques - der Wagen eilte fort und Leonin dachte mit keinem Gedanken daran , daß im Pallast Crecy heute sein Sohn getauft werden sollte . Den Fahrweg durch das Thal von Ste . Roche entlang flog der einsame Wagen des Grafen Crecy ; ohne Vorreiter , ohne Livreen , ohne berittene Diener oder Reisegepäck . Niemand aus dem Schlosse erkannte daher den Ankommenden . Nur Fennimor sagte in diesen letzten Tagen oft : » er komme jeden Tag zu ihr und weine lange und heiß zu ihren Füßen , weil er sich so sehr nach ihr sehne ; - aber er sähe so bleich aus - und so anders , wie früher , daß sie immer weinen müsse , wenn er komme . « - Das glaubte ihr Niemand , obwol auch Niemand ihr zu widersprechen wagte . Aber , wer aus dem Nebenzimmer sie zuweilen betrachtete , wenn sie allein zu sein glaubte , konnte wohl sehen , daß in ihrem Geiste eine besondere Regsamkeit war . Himmlisch mitleidig blickte sie in den leeren Raum , bis Thränen aus ihren Augen niederfielen ; sie neigte sich vor , und die feine , weiße Hand schien eine Täuschung , die ihr vorstand , erreichen zu wollen . - Wer hätte durch Geräusch oder Frage sie stören mögen ! Alle , die sie seit ihrem Unglück umgaben , hatten sich die Hand gereicht zu einem Bunde des Schweigens . Jeder bezwang das schwellende Herz über ihr Schicksal , wie es wirklich war , und erwartete fast mit Andacht , was sie daraus machen würde . Lange Zeit hatte die Krankheit sie mit einer Heftigkeit beherrscht , die wenig Hoffnung für ihre Genesung ließ - und ihr selbst keine Besinnung . Auch war der Arzt vom Anfange an überzeugt , daß diese heftige Störung in der ersten , so verhängnißvollen Zeit einer Mutter , ihre Lebenskräfte verzehren würde . - Und als er die erste furchtbare Krankheit gebrochen hatte , wartete er nur , welchen Weg die Natur zu ihrer langsamen Auflösung einschlagen würde ; denn den Gedanken an gänzliche Herstellung räumte er weder sich , noch den Anderen ein , wenn er den fliegenden Puls unter seinem Finger fühlte - und fast war Keiner , der es wünschte . Auch blieb Fennimor ' s Zustand lange in einer Verhüllung , die halb geistig , halb körperlich war ; und zum Erstaunen , zur tiefsten Erschütterung gereichte es ihren Umgebungen , daß sie aus der Gegenwart entrückt blieb und das spielende Kind in den Buchenwäldern von Stirlings-Bai war , mit allen holden Tändeleien und dem vollen Liebesschatze dieser Zeit . Daß dieser milde Zustand mit der Genesung enden müsse , sagten sich Alle mit Schmerz , und so war auch ihr erster Ruf : » Leonin ! « ein Symptom der Krisis - mit denselben Uebergängen kehrte sie zurück - Thränenströme flossen nieder - Keinem gab sie Antwort , als die eine : » er hat mich doch so sehr geliebt ! « Dann trat ein tiefes Verstummen ein , was sie bei den nöthigen Störungen nachgiebig und verstehend , aber völlig wortlos zeigte . Bis dahin hatte sie weder ihres Kindes gedacht , noch war es ihr nahe gebracht worden . Da regte der Vikar diese Erinnerung in ihr an , und nach einigen Wiederholungen sah man ihrem Aufhorchen an , daß ihre Gedanken aus dem Schlummer geweckt wurden . Wie rührend war es , die steigende Ahnung in diesem bleichen himmlischen Antlitze zu verfolgen ; - plötzlich rötheten sich die lilienweißen Wangen , die Augen gewannen Glanz , und sie sagte kindlich schluchzend : » ein liebes kleines Kind , was mein ist ! « Da legte ihr Emmy das schlafende Wesen in den Schooß und zog den Schleier von seinem Köpfchen . Sogleich erkannte es Fennimor , und ein heißer Strom von Wonne fluthete noch ein Mal durch dies gebrochene Herz . » Mein Kind ! mein liebes kleines Kind ! « sagte sie immerfort leise , bebend , aber mit einer Innigkeit und so wunderbarem Ausdrucke von Entzücken , daß Beide davon schlichen , um im Nebenzimmer , schreiend fast vor Erschütterung , sich in die Arme zu sinken und Thränen zu weinen , die einem Gemische von Wonne und Schmerz angehörten . Lange ließ man sie allein - sie bemerkte nichts , als ihr Kind . Als es erwachte und sich ruhig dehnte , und die klaren Aeuglein mit dem Schlafe kämpfend so lieblich blinkten , und die kleinen Händchen das wunderliebliche Hämmern begannen , sahen sie Fennimor zuerst leise lachen . Sie versuchte es instinktartig an ihren bleichen Mund zu ziehen ; aber die müden , schwachen Hände hatten dazu keine Kraft . Das Kind ward unruhig - ein leises Weinen hub an . Fennimor erschrak und ward roth - sie nahm alle Kraft zusammen und drückte es endlich an ihre Brust ; - aber das Kind weinte nur lauter . Mit Gewalt fast hielt der herbeigekommene Arzt die Freunde zurück . - » Hieran wird sie sich sammeln , stört sie nicht ! « sagte der verständige Mann - » Gott ist groß in der Stimme der Natur ! « Die Angst , es zu trösten , zeigte sich deutlicher ; sie hatte nur zu bald eine Ahnung früheren Glückes empfunden . Mit dem Bewußtsein , wie sie es sonst beruhigt , tauchte die Erinnerung ihrer langen Trennung von ihm auf ; - seufzend ließ sie die müden Arme niedersinken - vor ihrem Kinde fand sie ihr Bewußtsein , ihren Schmerz , ihr ganzes Unglück wieder ! Als sie laut mit ihrem Kinde zusammen weinte , traten die Freunde hinzu . - Emmy nahm das hilfsbedürftige Wesen von ihrem Schooße . Da versiegten Fennimor ' s Thränen - sie versuchte aufzustehen , und da sie es nicht allein vermochte , unterstützten sie der Arzt und Veronika . Wohin sie begehrte , sagten ihre Augen , die Emmy ' s Schritten folgten . Der Arzt gab immer nach ; sie trugen Fennimor fast , die von ihrer Hinfälligkeit nichts zu bemerken schien . Im Nebenzimmer fand sie schon die Bäuerin mit dem Kinde an ihrer Brust . In tiefen Gedanken blieb sie vor diesem Anblicke stehen - sie setzten sie leise in einen Lehnstuhl vor der mitleidigen Amme nieder , und Fennimor sah nun , wie ihr Kind von einer Anderen Leben und Trost empfing . Tiefe Seufzer stiegen aus ihrer Brust auf - Thräne auf Thräne floß nieder , ein leises , schmerzliches Wimmern deutete an , daß sie ihr großes Leiden langsam zu verstehen begann . Die Bäuerin selbst zerfloß in Thränen und kniete dann mit dem rosenroth gefärbten , süß entschlafenen Kinde vor der unglücklichen Mutter . Da verlor der Schmerz seinen Stachel - der süße Athem , der über die kleinen , rothen Lippen säuselte , stieg erquickend zu ihr auf - das Kind verdrängte mit seiner reichen Schönheit jede damit verknüpfte Beziehung . Fennimor bekam wieder den verklärten Glanz von Wonne und verlor sich ganz in seinen Anblick . Als es aber unter ihren zärtlichen Liebkosungen erwachte und sie erst erstaun tansah , dann suchend das Gesicht der Bäuerin fand , und das entzückte Lächeln des Erkennens plötzlich durch den ganzen kleinen Körper zuckte , da richteten sich Fennimors Augen auf diesen ersten Liebesgegenstand ihres Kindes ; - und als sie den zärtlichen Blick sah , womit das gute Weib dies Erkennungszeichen erwiederte , lächelte auch sie ihr freundlich zu und strich leise mit der Hand über das gutmüthige , braune Gesicht . Von da an behielt sie eine still versenkte Existenz in ihrem Kinde , über das sie oft in rührenden Gebeten lag , die alle so harmlose , süße Gespräche mit Gott waren , so immer nur über seine schönen , wunderbaren Werke , daß Alle sichtlich zu verstehen glaubten , wie Gott sie zu sich zöge und ihr die Welt verhülle , nur den Weg zu ihm ihr offen zeigend . Von ihrem eignen , rasch vorschreitenden Zustande schien sie keine Ahnung zu haben . Sie klagte nicht und doch legte sie zuweilen die abgezehrte Hand auf die Brust , und wenn der Arzt sie fragte , ob sie Schmerzen habe , sagte sie freundlich : » immer ! immer ! « Auch ließ der im Fieber fliegende Puls und das öftere Erbrechen von Blut keinen Zweifel über ihr Uebel . Gegen Anfang des Frühjahres trat eine Veränderung ihres geistigen Zustandes ein . Der kleine Reginald hatte eben die ersten Versuche gemacht , sich an dem Stuhle seiner Mutter aufzurichten , und das Ereigniß hatte Fennimor bis zu einem lauten Ausrufe des Jubels gebracht . Als Emmy herbei stürzte , erblickte sie das unschuldige Glück , was die glühend erröthende Mutter erlebte , und sah den schönen , kleinen Reginald , der fast nicht von seiner bleichen Mutter zu trennen war , wie er lachend und lallend vor Lust , sein erstes Kunststück zu behaupten suchte und die kleinen , dicken Händchen eisenfest um den gedrehten Stuhlfuß krampte . Emmy kniete liebkosend neben diesem einzigen Trost ihres verdüsterten Herzens nieder - da hörte sie Fennimor tief seufzen und dann den fast vergessenen Namen Leonin aussprechen . - » Wo er nur bleibt , Emmy ? « sagte sie ; - » ich kann nicht , wie sonst , Alles bedenken ; aber er muß lange fort sein - und doch ist sein Kind so schön , und er läuft ihm endlich entgegen , wenn er noch lange zögert . « Emmy schwieg . Zu bitter war ihr Gefühl ! Sie hatte gehofft , Fennimor habe ihren Mörder ganz vergessen . Jetzt erwähnte sie ihn ruhig - freundlich - wie in ihr ganzes Leben verflochten . » Der bleiche Mann , den ich immer für die Schlange hielt , « fuhr sie indessen fort - » der hat ihn von mir getrieben . Armer Leonin , wie sie Dich wohl quälen mögen in der bösen Welt , in der Du leben mußt ! Ach , wie wollen wir Dich lieben , wenn Du wieder kömmst ; - nun hast Du einen mehr , der Dich liebt . Aber dort ? Wer liebt Dich dort , wo die Mütter auch sich verhärten können und von Gott abweichen , wie ich jetzt weiß . Da muß Dir das Herz schwer werden ! Wo bleibt er wohl , Emmy ? - Und ist es lange , daß er fort ist ? « » Er ist indessen mit dem Könige in den Krieg gezogen , « stammelte endlich Emmy , die gehässige Lüge kaum über die Lippen zwingend - » und Ihr waret ja lange krank . « Nur allmälig kamen Erinnerungen und Beziehungen in dem zerschmetterten und jetzt durch die vorschreitende Krankheit erschöpften Geist zurück . Schon sank das liebliche Haupt ermattet in den Stuhl ; der kurze , fieberhafte Schlummer deckte die glänzenden und doch so tiefe Leiden verkündigenden Augen . Emmy blieb mit dem Kinde zu ihren Füßen . Sein süßes Lallen störte nicht mehr diesen kurzen Schlummer - wenn es zu ihr drang , ward das schlafende Antlitz immer freundlicher . Auch ihre Träume mußten harmlose Bilder enthalten , in welche die ersten Töne der kleinen Kinderstimme hinein paßten und sie vielleicht leiteten und belebten . Doch war von dieser Stunde an Leonins Bild neben dem ihres Kindes , und sie begann bei ihren langen , rührenden Gebeten , ihn einzuschließen und Gott anzuempfehlen - ihm vorzustellen , wie er seine Hülfe so nöthig habe , da er ihn doch in Versuchungen führe . Wie er doch ja seine Seele behüten möge und immer bei ihm sein ! Dann schwieg sie wohl ; aber wenn sie fort betete , mußte man glauben , Gott habe ihr indessen geantwortet ; denn sie sagte : » das wußte ich wohl , daß Du bei ihm bleiben wirst , und will auch nicht um ihn sorgen , da Du es allein thun willst ! « Oft beriethen sich die Geschwister mit Emmy und dem Arzte über das Schicksal Fennimors , dessen schreckliche Härte sie durch Lesüeur erfahren . Immer mußten sie einig darüber bleiben , daß sie ihr Alles verhüllen müßten . » Lange brauchen wir es nicht mehr , « sagte der Arzt wehmüthig ; - » das Gras grünt - die Knospen schwellen - wenn die Blumen kommen , werden sie über ihrem Grabe aufblühen ! « In dem Maaße , als der Ausspruch des Arztes sich zu erfüllen schien , steigerte sich Fennimors Sehnsucht nach Leonin - und dies ward dann die Veranlassung der letzten Sendung an Lesüeur . Die Freunde glaubten zu bemerken , daß Fennimor eine Ahnung von ihrer Auflösung bekam . Sie hatte ihre Schwäche , wenn sie darüber zur Erkenntniß gelangte , noch immer auf die Geburt ihres Kindes bezogen . Jetzt wünschte sie zuweilen aufzustehen , um die immer kühneren Versuche des kleinen Reginald unterstützen zu können . Sie fühlte nun , daß sie es nicht mehr vermochte und befrug Emmy darum . Ausweichend antwortete das trostlose Weib ihrem hinsterbenden Lieblinge , und es schienen sich an diesen halben Worten in Fennimor Folgerungen zu entwickeln , die ihr Gebet offenbarte . Denn keine andere Mittheilung gab es mehr für sie - die Freunde erfuhren den Gang ihrer Gedanken aus den lauten Gesprächen , die sie in ernster , kindlicher Unschuld täglich mit Gott führte . » Du hättest mich doch bei meinem Kinde lassen können ! « sprach sie - » Du hättest nur wollen dürfen , und meine Glieder hätten wieder Kraft gehabt , ihm zu folgen - und Leonin - wie wird er weinen , wenn ich bei Dir bin und er mich nicht mehr sehen kann ! Ja , « fuhr sie dann fort - » freilich weißt Du Alles am besten - auch gehe ich gern zu Dir , wie Du mir auch glaubst . Aber Dein Leben ist doch auch so schön , und ich