er , » alles ist mir einerlei , wenn ich hier nur bleiben darf , bis ich darüber sicher bin , daß ich mit meinem verwünschten Schießen keinen Schaden angerichtet habe . Es ist schönes Wetter , und ich werde nicht viel oben zu sein brauchen . « Er war auch wirklich nicht viel oben in seinem Verschlage , sondern mehr unten bei Lisbeth . Er bat sie so oft wegen des Schusses um Verzeihung , daß sie ungeduldig wurde und ihm mit einem Stirnfältchen des Verdrusses , welches ihr allerliebst stand , sagte , er solle das nun sein lassen . Nach fünf Tagen war sie vollkommen geheilt , der Verband konnte abgelegt werden und nur leichte rötliche Pünktchen an der weißen Schulter deuteten noch die Stellen der Verwundung an . Sie blieb im Oberhofe , denn sie war vom Hofschulzen , wie wir wissen , schon früher zur Hochzeit gebeten worden . Diese verspätete sich um einiges , weil die Ausstattung zum bestimmten Tage nicht fertig werden wollte . Der junge Jäger blieb auch , obgleich ihn der Hofschulze nicht einlud . Er lud sich aber selbst zur Hochzeit , indem er eines Tages dem Alten sagte , die Landesgebräuche seien ihm so merkwürdig , daß er sie auch auf einer Hochzeit kennenzulernen wünsche . Er sagte dies , nachdem er schon vielfältig unten bei Lisbeth gewesen war . Und als er es vorbrachte , flammte sein Gesicht und er konnte das Verlangen nach Erweiterung der Kenntnisse nicht so recht ohne zu stocken kundtun . Bald hatte der Jäger zwei Tageszeiten , eine unglückliche und eine glückliche . Die unglückliche war , wenn Lisbeth , und sie tat es alle Tage , am Brautlinnen half . Der Jäger wußte dann gar nicht , was er mit seiner Zeit beginnen sollte . Nun sahen ihn die Bäume des Gartens und die Eichen des Kamps erst recht wie sein Waldmärchen an . Zuweilen blickte er gen Himmel , aber noch öfter zur grünen , schwellenden Erde nieder , die er hin und wieder hätte küssen mögen , so lieb war ihm der Boden geworden , auf dem er gar manches erlebt hatte . Wenn seine Gedanken Worte wurden , so lauteten sie : » Das schöne Mädchen an der schönen Blume - und dann ihr liebes Blut droben am Freistuhl - und nun - und nun - - « Aber das alles füllte ihm die Seele nicht aus . Er bedurfte einer Gesellschaft , freilich war ihm nicht jede recht , denn dem Hofschulzen wich er eher aus , wenn er ihm begegnete . Aber nach der Linnenkammer war er oft unterweges , worin er die Mädchen plaudern hörte und worin Lisbeth still half . Hatte er aber die Klinke in der Hand um aufzudrücken , dann überzog sein Antlitz dunkle Glut , er wandte sich stolz und ging trotzig , wie ein Löwe , die Treppe hinunter , zum Hofe hinaus , weit , weit in das Feld , ohne sich umzusehen . Die glückselige Zeit begann , wenn Lisbeth von ihrer Arbeit ruhte und frische Luft schöpfte . Dann war es gewiß , daß beide zusammentrafen , der Jäger und sie . Und wäre er noch so weit hinten im Gebüsch gewesen , es kam ihm dann vor , als sagte ihm jemand : » Jetzt ist Lisbeth im Freien . « Dann flog er hin , wo er sie vermutete , und siehe , seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht , denn schon von weitem erblickte er die schlanke Gestalt und das liebliche Antlitz . Sie pflegte sich dann wohl seitwärts nach einer Blume zu bücken , als achte sie seiner nicht . Vorher hatte sie freilich nach der Gegend gesehen , woher er kam . Nun gingen sie zusammen durch Feld und Aue , denn er bat sie darum herzlich , daß es ihr wie eine Sünde vorkam , ihm die kleine Bitte abzuschlagen . Und je weiter sie sich vom Hofe in die wallenden Felder , in die grünen Wiesen verloren , desto freier und fröhlicher wurde ihnen zumute . Und wenn die rote sinkende Sonne alles ringsumher und ihre jugendlichen Gestalten mit verklärte , dann meinten sie , es könne ihnen keine Angst und Pein mehr im Leben kommen . Der Jäger tat der Lisbeth auf diesen Gängen alles zu Gefallen , was er ihr nur an den Augen absehen konnte . Wenn sie zufällig nach einem Busche wilder Feldblumen sah , die entfernt vom Wege auf einer hohen Hecke blühten , so hatte er sich auf die Hecke geschwungen , ehe noch der Wunsch nach den Blumen in ihre Seele gekommen war . Und wo der Weg sich etwas abschüssig senkte , oder ein Stein im Wege lag , oder wo es ein geringes Wässerlein zu überschreiten gab , da streckte sich sein Arm ihr stützend und führend entgegen und sie lachte über die unnötige Dienstfertigkeit , und - nahm den Arm dennoch , und ließ ihren noch eine Zeitlang in dem seinigen , auch wo der Weg wieder eben geworden war . Auf diesen stillen und anmutigen Gängen hatten die jungen Seelen einander viel mitzuteilen . Er erzählte ihr von den schwäbischen Bergen , von dem grünen Neckar , von der Alb , vom Murgtale und von dem Berge Hohenstaufen , auf dem das große Kaisergeschlecht entsprossen sei , dessen Taten er ihr auch erzählte . Dann sprach er von der großen Stadt , worin er studiert habe , und von den vielen klugen Leuten , die ihm dort bekannt geworden seien . Und endlich erzählte er ihr von seiner Mutter , wie er diese so zärtlich lieb gehabt habe , und wie es daher wohl kommen möge , daß ihm nachher jede Frau teuer und wert erschienen sei , weil er bei jeder an seine selige Mutter gedacht habe . Die Lisbeth mußte dagegen von ihrem einfachen Leben erzählen . Darin kamen keine großen Städte und keine klugen Leute vor und - auch keine Mutter ! - Und dennoch meinte er , nie etwas Schöneres gehört zu haben . Denn jede niedere Pflicht , die sie geleistet , hatte sie durch Liebe geadelt , und von dem Fräulein und dem alten Herrn Baron wußte sie tausend rührende Züge anzugeben , auf allen Plätzen im Schloßgarten und hinter demselben waren ihr Geschichten begegnet , und aus den Büchern , die sie sich verstohlen vom Söller geholt , hatte sie erstaunliche Dinge über fremde Völker und Länder herausgelesen , und sonderbare Vorgänge zu Wasser und zu Lande , und alles hatte sie behalten . Wohl hatte der Diakonus recht gehabt , als er die Lisbeth mit der Blume verglich , die in Dust und Moder erblüht war . Die Natur hatte an diesem blonden Mädchen ihre Allmacht bewähren wollen . Sie hatte sich in einem Maienrausche vorgesetzt , durch die Tat zu sprechen : » Sehet da mein Werk ! Eure Erziehung ist Stückerei und Flickerei . « - In der Seele dieses Mädchens war alles neu , ganz , frisch , jungfräulich . Dieses Mädchen war verständig , wie ein Rechenmeister , und hatte mit den Bauern um den letzten Zinsgroschen sich gestritten , den sie ihrem Pflegevater verschaffen wollte , und dieses Mädchen war doch auch ganz lyrisch , ganz hingerissen , ganz quellendes und wiedergebärendes Empfangen . Über ihr Antlitz zogen die Geister der Dinge , die sie sah und hörte , ein sichtbarer Reigen . Wenn der Jäger ihr von den klugen Gesprächen der Weisen erzählte , so lag ein feines Verstehen um die Lippen , wenn er ihr sagte , daß Karl von Anjou mit finsterem unbeweglichem Gesichte zugesehen , als er den jungen unschuldigen Konradin hinrichten lassen , so faltete sich die reine Stirn und Tränen flossen unter diesen lieben zornigen Falten ; aber eine süße Trunkenheit , ein seliger Sonnenschein durchleuchtete das Antlitz , wenn er ihr das grüne , wilde Murgtal schilderte und dazu mit seiner tiefen , wohlklingenden Stimme das Lied sang : Süßer , goldner Frühlingstag ! Inniges Entzücken ! Wenn mir je ein Lied gelang , Sollt ' es heut nicht glücken ? Alles , was er in diese unberührte Brust säte , das keimte , sproßte , wurzelte darin , blühte und trug Frucht . Der Jäger ward nicht müde , ihr aus seinem Vorrate zu geben , denn er empfing wieder das hundertste Korn ; seine Welt kam ihm verklärt , gelichtet , vergöttlicht zurück aus dem Lächeln Lisbeths und von ihren frischen Lippen . So wogte es zwischen ihnen hin und wider , ein Seliges , Unausgesprochenes , Unaussprechliches und war der Wonne kein Ende . Jegliches gefiel ihm an ihr . Wenn er ihr an einer schlimmen Stelle des Weges die Hand reichte und wohl fühlte , daß der leise Druck leiser erwidert wurde , so durchschauerte ihn die Freude , und wenn er ihr dann gleich wieder die Hand drückte und die ihrige nun regungslos in der seinigen blieb , gleich als wollte sie sagen : » Verschwenden wir das Beste nicht ! « so gefiel ihm das auch . Ebenso war es mit den Blicken . Ihr Auge ruhte einmal oder zweimal des Tages hingegeben an ihm und dann nicht wieder , er mochte es mit dem seinigen auffordern , wie dringend er wollte . Daß sie in allem Maß hielt , gefiel ihm so sehr . Ja , es gefiel ihm sogar , daß ihre Oberlippe ein klein wenig zu kurz war , und die weißesten Zähne zum Vorschein kamen , wenn sie lachte oder lebhaft sprach . Denn dieser Mangel gab in seinen Augen ihrem Gesichte etwas reizend Kindliches , lieblich Unfertiges , was wie alles in ihr auf die letzte , süßeste Vollendung durch den Hauch der Zärtlichkeit harrte . So gingen ihnen die Tage hin , einer nach dem andern im Oberhofe . Der Hofschulze sah freilich mit andern Augen drein , mußte zwar geschehen lassen , was er nicht hindern konnte , aber er schüttelte häufig den Kopf , wenn er seine jungen Gäste so viel miteinander gehen und verkehren sah . Dann pflegte er für sich zu sagen : » Es ist unrecht von so einem Junker . « - Seine rauhen Gedanken flogen wie ein widriger Sturm um diese reine Knospe , die zur Blüte aufbrechen wollte . Er nahm sich vor Lisbeth bei erster günstiger Gelegenheit zu warnen . Wovor ? - Zwischen ihr und ihrem Freunde war alles Unschuld , Demut , der keuscheste Traum eines guten Geistes . Noch war das Wort Liebe nicht über ihre Lippen gekommen und geküßt hatten sie einander auch noch nicht . Wenn er zu Nacht in dem elenden Verschlage auf sein Strohlager sank , so hatte er vorher die Luke aufgestoßen und die Sterne schienen ihm wie Lisbeths Augen tief in das Herz hinein , bis er entschlummerte . Wenn sie ihr Bettchen unten im Stüblein suchte , so kniete sie am Stuhle vor dem Bettchen nieder , und faltete die Hände und meinte , ein schönes Gebet zu sprechen , obgleich ihre Lippen kein Wort sagten . Er rief oben leise für sich hin , wenn seine Wimpern sich schlossen : » Der ganzen Welt möchte ich vertrauen , wie sie mir so wohl gefällt . « - Sie flüsterte , indem sie sanft ihre Wange an das Kissen drückte : » Er ist der beste Mensch , den ich noch gesehen habe « - und dann schliefen sie beide ein und die harmlosen Gedanken besuchten einander in den webenden Schatten der Nacht . Das waren die Tage , von welchen geschrieben steht : Sie blühen einmal und nicht wieder ! Fünftes Kapitel Die Störung . Was sich in einer Dorfkirche zutrug Endlich hatte der Jäger die Feder geschnitten . Er schob Lisbeth ein Blatt Papier hin und bat sie , zu versuchen , ob sie schreibe . Sie tat es , konnte aber damit nicht zurechtkommen , sie habe Zähne , sagte sie . Er sah , was sie geschrieben , es war ihr eigener Name in den klarsten , ebensten Zügen . Die feinen Buchstaben entzückten ihn . » Ich glaube , an der Feder liegt es nicht « , stammelte er , » ich wollte wohl , ohne sie zu kappen , ein ganzes Gedicht damit niederschreiben . « - » Tun Sie es « , versetzte Lisbeth und schlug die Augen nieder , » Sie sagten mir ja überdies , daß Sie mir das Tuch mit einem Scherze haben schenken wollen . « » Oh - der Scherz wird wohl ausbleiben - « rief der Jäger , nahm Feder und Papier , setzte zu dem Worte : » Lisbeth « das Wörtlein : » An « , und schrieb einige Reimzeilen nieder . Lacht nicht über sie ! - Der Jäger konnte seinen guten , runden schwäbischen Vers machen , und hätte bessere zustande gebracht , wäre er freieren Herzens gewesen . Ich wollte dir mit leichten Scherzen Die arme kleine Gabe reichen ; Da trat mir ein Gefühl zum Herzen , Das jene Scherze machte weichen . Es war die fromme sanfte Rührung , Wenn man durch guter Genien Führung Die lieblichste Natur erblüht , Und aus sich selbst entfaltet sieht . In deinem Ernst , in deinem Lachen Gehörst du dir nach holdem Rechte ; Was deine frischen Lippen sprachen , Es ist das Deine , drum das Echte : Wo solche Zauber im Gemüte , Folgt das Geschick , wie Frucht der Blüte , So lebe , lebe immerzu Dein Los , dir eigen , hold wie du ! Er hatte diese Verse mit fliegender Feder geschrieben , denn die Glocke läutete schon , und Lisbeth , die im Hochzeitszuge nicht fehlen durfte , schien unruhig zu werden . Jetzt reichte er das Blatt mit abgewandtem Gesichte ihr hin und trat von ihr hinweg an das andere Fenster . Nach einigen Sekunden hörte er hinter sich tief atmen und dann leise schluchzen . Rasch wandte er sich und hatte den rührendsten Anblick . Lisbeth stand , etwas gebeugt , als drücke sie die Verehrung , welche sie empfangen , und hielt das Blatt in der reizendsten Unbehülflichkeit mit beiden Händen vor sich hin , wie ein Kind , das die glänzende Weihnachtbescherung sich noch gar nicht anzueignen wagt . Die hellen Tränen flossen ihr unter den Wimpern , dabei lächelte sie , und sah den Jäger mit dem gläubigsten Vertrauen an , als wollte sie sagen : » Wenn du einen armen Findling so hübsch besingen kannst , so mußt du es wohl recht herzlich mit ihm meinen . « - Endlich fand ihre Empfindung ein lautes Wort und sie lispelte : » Sie machen zuviel aus mir und ich werde noch ganz eitel durch Sie werden . « Er trat , fest seinen flammenden und doch so sanften Blick auf sie heftend , ihr entgegen und wollte ihre Hand küssen . Sie war küssenswert , diese Hand . Es ist , als ob manchem nichts schaden könne . Trotz aller Arbeit war die Hand weich und zart geblieben . Lisbeth entzog sie seinem Munde und bot ihm , die Augen schließend , die Lippen dar . Jauchzend wollte er mit den seinigen sie rühren , da öffnete sich die Türe und die Brautjungfer trat mit dem Putze und ihrem Anliegen ein . Die Gestörten traten erschreckt auseinander , Lisbeth zu ihrem Tüchlein , der Jäger , ohne sie anzusehen , an das Fenster , von wo er dann mit niedergeschlagenem Blicke aus dem Zimmer schlich . Denn das Gefühl ist auch darin nur sich selbst gleich , daß es mit dem Bewußtsein der reinsten Tugend die Furcht des lichtscheusten Verbrechens paart . - Du denkst an das geliebte Mädchen zugleich mit deinen Gedanken an Gott , du sagst , wie der Jäger in deinen einsamen Entzückungen : » Könnte ich diese Liebe , wie meine beste Tat , von den Dächern rufen ! « und dann verleugnest du sie wie Petrus den Herrn der ersten Basenfrage , und rufst , ob man von dir glaube , daß du so töricht seist ? - Draußen war unter dem Glockengeläute die Musik immer näher gekommen , und jetzt wurde der Brautwagen , gezogen von zwei starken Pferden am andern Ende des Weges , der durch den Eichenkamp leitete , sichtbar . Die erste Brautjungfer stand mit ihrem dicken , zum Teil übelriechenden Strauße ehrbar neben der Braut , die Knechte standen bei den Packen und Laden im Flur , zum letzten Anfassen bereit ; der Hofschulze schaute unruhig nach der zweiten und nach der improvisierten dritten Brautjungfer sich um ; denn wenn diese nicht vor der Erscheinung des Bräutigams den Platz , den ihnen der Tag anwies , nahmen , so war es nach seinem Gefühle um die ganze Feierlichkeit geschehen . Doch da kamen die beiden Erwarteten eben noch zur rechten Zeit die Treppe herunter und stellten sich zu der ersten , als der Wagen gerade auf den freien Platz vor dem Hause hinauslenkte . Gleichmütig im Gesicht , wie alle Hauptpersonen dieses Festes , stieg der Bräutigam vom Wagen . Junge Leute , seine nächsten Freunde , folgten ihm bebändert und bestraußt . Er schritt langsam auf die Braut zu , die auch jetzt noch nicht emporsah , sondern immerfort nur spann und spann . Nun befestigte ihm die erste Brautjungfer den großen Strauß , worin Sternblume und Salbei dufteten , vorn auf der Brust an dem hochzeitlichen Kleide . Der Bräutigam empfing diesen Schmuck , ohne zu danken , denn der Dank gehörte nicht zum Herkommen . Er reichte seinem Schwiegervater stillschweigend die Hand , dann sie ebenso stillschweigend der Braut , die sich darauf erhob und zu den Brautjungfern stellte , zwischen die erste und zweite und vor die dritte . Währenddessen hatten die Knechte die Ausstattung auf den Wagen geschafft . Die Szene bekam etwas Wildes , denn indem die Menschen mit dem Gepäck zwischen den Kochfeuern hindurchliefen , wurde mancher brennende Klotz von seinem Orte hinweggestoßen , knisterte und sprühte in dem Wege , den das Brautpaar zu gehen hatte . Nach dem Linnen , dem Flachs , den Betten , den Kleidungsstücken nahm die Braut mit ihren drei Jungfern und dem Spinnrade , welches sie selbst trug , auf dem Wagen Platz . Der Bräutigam setzte sich abgesondert von ihr in den hintersten Teil des Fahrzeuges , und die jungen Bursche mußten diesem zu Fuße folgen , da die Ausstattung zu viel Raum einnahm , um ihnen noch Sitze zu gestatten . Hierüber machte der eine hergebrachte Späße gegen den Hofschulzen , auf welche dieser schmunzelnd antwortete . Er ging hinter den jungen Burschen her , und zu ihm gesellte sich der Jäger . So gingen zwei zusammen , welche an diesem Tage die entgegengesetztesten Empfindungen hegten . Denn der Hofschulze dachte an nichts , als an die Hochzeit , und der Jäger an nichts weniger , als an sie , obgleich seine Gedanken um den Brautwagen flogen . Fahre dieser nun langsam nach dem Hofe des Bräutigams , wo schon die ganze Hochzeitsgesellschaft , Männer , Frauen , Mädchen , junge Bursche aus allen umliegenden Wehren , und überdies die Freunde aus der Stadt , der Hauptmann und der Sammler seiner warten . Dort wird abgeladen ; wir gehen inzwischen voran zur Kirche , die in der Mitte der ganzen Bauerschaft auf einem grünen Hügel , beschattet von Walnußbäumen und wilden Kastanien liegt . - In der Sakristei beschäftigte sich der Diakonus still mit seinem Texte . Er gehörte zu den glücklichen Geistlichen , deren innerste Glaubenskraft vom Zweifel , welchen die neuere Wissenschaft erst recht gründlich ausgeschaffen hat , nicht berührt wird . Die verflüchtigenden Vorstellungen , welche in das Christentum eingedrungen sind , waren ihm nicht fremd geblieben , und sein Geist mußte zu sich sagen , daß darin mehr Wahrheit sei , als in dem Buchstaben des Orthodoxen . Aber es ging ihm mit der heiligen Geschichte , wie es uns mit unsern Eltern geht . Wir erkennen ihre Schwächen und sind doch , wo es auf etwas ankommt , immer ihre Kinder . Denn er wurde gleich ein anderer , wenn er das Heiligtum betrat ; zwischen dessen Wänden verschwand ihm die Kälte , er empfand das Evangelium in allen seinen Ausstrahlungen , Wundern und Widersprüchen als eine ewige Tatsache , und als eine wirkliche , nicht als eine gemachte . So war er denn nie in der Kirche Lippengläubiger , sondern erbaut , um andere zu erbauen . Auch heute war er in den Gegenstand seiner Predigt fromm vertieft . Indessen störte ihn einigermaßen der Küster , welcher , ohne noch dort ein Geschäft zu haben , auch in der Sakristei verweilte , seinen Oberen mit verlegenen Blicken anschaute und dazu unablässig seufzte . Der Diakonus sah sich endlich genötigt , ihn zu fragen , was dies zu bedeuten habe ? » Beklemmung , Beängstigung , ein ungemeines Blutwallen und Zudringen der Säfte nach dem Kopfe hat es zu bedeuten , Herr Diakonus « , versetzte der seufzende Küster . » Es ist nicht zu verwundern , daß Ihr beklommen seid « , antwortete lächelnd der Diakonus . » Dieses Kopfkissen , welches Ihr jahraus , jahrein , sobald wir die Stadt verlassen , eingeknöpft auf dem Unterleibe tragt , die Witterung mag so schön sein , wie sie will , muß Euch das Blut wallen machen und die Säfte zu Kopfe treiben . « » Es ist nicht dieses , mein Herr Diakonus « , erwiderte der Küster , indem er seinen ausgestopften Unterleib streichelte , welcher sich in sonderbaren Wellenlinien , Wülsten und Knoten darwies , weil der Inhaber die Federn des Kissens nicht ganz gleich verteilt und verstrichen hatte . » Es ist nicht dieses . Besser bewahrt , wie beklagt , ich weiß ja , was eine hartnäckige Verkältung auf sich hat . Das Kissen ist gleichsam ein Teil von mir geworden und ruht mir ohne die mindeste Beschwer auf dem Herzen . Aber weshalb ich beklommen bin , das ist die Furcht vor einer Herabsetzung meines Ansehens und vor einer Schändung sozusagen des ganzen Küsterstandes , welche mir auf dieser unglückseligen Hochzeit bevorsteht . « » Wie denn so ? « » Der Herr Diakonus wissen , daß der Schulmeister loci vor nunmehr beinahe acht Tagen verstorben ist , und seine Stelle noch keine Besetzung gefunden hat . So fehlet also dieser Hochzeit der zweite observanzmäßige Aufwärter7 , und da hat nun der Hofschulze , dieser alte eigensinnige Mann sich nicht entblödet , mir gestern an- und zumuten zu lassen , ich solle statt des fehlenden Schulmeisters aufwarten , weil Küster und Schulmeister miteinander die meiste Ähnlichkeit und Verwandtschaft hätten , worüber ich denn die ganze Nacht hindurch kein Auge zugetan habe . Annoch kann ich vor Herzklopfen mich nicht zufriedengeben . « » Freilich würde bei der Aufwartung die eigene Leibesnahrung nicht so wohl gedeihen « , sagte der Diakonus . » Dieses nebenbei « , sprach der Küster sehr ernst . » Nötigenfalls würde durch Bündelschnüren und Serviettenverpackung dafür gesorgt werden , daß Küsterei in ihren Gerechtsamen keinen Schaden erlitte . Aber daß die Würde eine Beeinträchtigung dulden müßte und die Freiheit der Stelle von allen und jeden Aufwartediensten eine Verletzung erführe ; dieses ist die Hauptsache . Und ehe ich ein solches Präjudiz aufkommen lasse , wodurch mittelst fernerer Nachlässigkeit der Amtsnachfolger Küsterei einer immerwährenden Last unterzogen werden könnte , sterbe ich lieber , obschon ich einsehe , daß meine Weigernis einen furchtbarlichen Lärmen hervorbringen kann , denn der Hofschulze ist in allem fest , was er sich vorsetzte . Daher entsprießet denn wohl nicht ohne Grund einiger Kummer . « Der Diakonus , der durch das Geschwätz des närrischen Küsters sich in seinen Gedanken unangenehm geirrt fühlte , beschwichtigte ihn mit der Versicherung , daß er seinen Einfluß verwenden werde , um den Hofschulzen von dem rechtswidrigen Verlangen abzubringen . Der Küster ging , etwas erleichtert , da es Zeit war , und die Menschen sich schon in der Kirche versammelt hatten , hinaus und begann auf der Orgel die hergebrachte » Schlacht von Prag « zu spielen . Er kannte nämlich nur ein Präludium , und dieses war jene verschollene Schlachtmusik , an welche sich vielleicht noch einige ältere Leute erinnern , wenn ich ihnen in das Gedächtnis zurückrufe , daß das Tongemälde mit dem Aufmarsche der Zietenschen Husaren anfängt . Von diesem Aufmarsche wußte der Küster dann immer mit freilich nicht selten kühnen Gängen sich in die gangbaren Kirchenmelodien hinüberzuschwingen . Während des Liedes betrat der Diakonus die Kanzel , und als er die Augen zufällig auf die Versammlung warf , hatte er einen unerwarteten Anblick . Ein vornehmer Herr vom Hofe stand nämlich mitten unter den Bauern , deren Aufmerksamkeit er zerstreute , weil sie von ihrem Gesangbuche immer empor- und nach seinem Sterne schielten . Der vornehme Herr wollte mit irgendeinem Bauern in das Gesangbuch sehen , um in das Lied einzustimmen , da aber jeder , sowie der Herr vom Hofe sich ihm näherte , ehrerbietig auswich , so gelangte er nicht zum Zwecke und erregte nur eine fast allgemeine Unruhe . Denn wenn er in eine Kirchenbank sich setzte , so rutschten auf der Stelle sämtliche darin seßhafte Bauern bis in die äußerste entgegengesetzte Ecke , und entflohen der Bank gänzlich , wenn der Vornehme ihnen nachrutschte . Dieses Rutschen und Entrutschen wiederholte sich in drei bis vier Bänken , so daß der Herr vom Hofe , der in der besten Absicht diesen Dorfgottesdienst besuchte , es endlich aufgeben mußte , zu einer tätigen Teilnahme an demselben zu gelangen . Er hatte Geschäfte in der Gegend und wollte die Gelegenheit nicht verabsäumen , durch Herablassung die Herzen dieser Landleute für den Thron zu gewinnen , dem er sich so nahe wußte . Deshalb war in ihm , sobald er von der Bauernhochzeit hörte , der Vorsatz entstanden , ihr leutselig von Anfang bis zu Ende beizuwohnen . Den Diakonus berührte der Anblick des Vornehmen , den er aus den glänzenden Zirkeln der Hauptstadt kannte , nicht wohltuend . Er wußte , welche sonderbare Sitte der Predigt folgen werde , und fürchtete den Spott des Vornehmen . Seine Gedanken verloren daher von ihrer gewöhnlichen Klarheit , seine Gefühle waren etwas bedeckt und er kam , je weiter er redete , um desto weiter aus der Sache . Seine Zerstreuung wuchs , da er bemerkte , daß der Vornehme ihm verstehende Blicke zuwarf und bei einigen Stellen beifällig mit dem Haupte nickte ; meistenteils da , wo der Redner mit sich am unzufriedensten gewesen war . Er beschnitt daher die einzelnen Teile der Traurede , und eilte sich , zur Zeremonie zu gelangen . Das Brautpaar kniete nieder und die verhängnisvollen Fragen ergingen an dasselbe . Da trug sich etwas zu , was den vornehmen Fremden in den äußersten Schreck versetzte . Denn er sah links und rechts , vor sich und hinter sich , Männer und Frauen , Mädchen und junge Bursche dicke Knittel , aus Sacktüchern gewunden , hervorziehen . Alles war aufgestanden , zischelte untereinander und sah sich , wie es ihm vorkam , mit wilden und heimtückischen Blicken um . Da es ihm nun unmöglich war , den richtigen Sinn dieser Vorbereitungen zu erraten , so verließ ihn alle Fassung , und weil die Knittel doch unwidersprechlich auf jemand deuteten , der Schläge empfangen sollte , so kam ihm der Gedanke , daß er der Gegenstand einer allgemeinen Mißhandlung sein werde . Er erinnerte sich , wie scheu man ihm ausgewichen war , und er bedachte , wie roh der Charakter des Landvolkes ist , und wie die Bauern vielleicht , weil ihnen seine herablassende Gesinnung nicht bekannt sei , sich vorgenommen hätten , den ihnen unbequemen Eindringling zu entfernen . Alles dieses ging blitzschnell durch seine Seele und er wußte nicht , wie er Würde und Person vor dem entsetzlichen Angriffe wahren sollte . Als er noch ratlos nach Entschlüssen rang , schloß der Diakonus die Feierlichkeit , und es entstand augenblicklich der wildeste Tumult . Sämtliche Knittelträger und Knittelträgerinnen stürzten schreiend und tobend und ihre Waffen schwingend nach vorwärts , der Herr vom Hofe aber war über mehrere Bänke mit drei Sätzen seitwärts nach der Kanzel zu gesprungen , erstieg dieselbe im Nu und rief von diesem erhöhten Standpunkte mit lauter Stimme in die tobende Menge hinunter : » Ich rate euch , mich nicht anzutasten ! Ich hege die besten und herablassendsten Gesinnungen gegen euch , aber jede mir zugefügte Beleidigung wird der Monarch ahnden , wie eine ihm selbst widerfahrene . « Die Bauern aber hörten nach dieser Rede nicht hin , von ihrem Vorhaben begeistert . Sie rannten dem Altar zu , und unterweges bekam schon dieser und jener unabsichtliche Prügel , bevor das eigentliche Ziel derselben erreicht war . Dieses war der Bräutigam . Die Hände über den Kopf schlagend , bahnte er sich mit aller Anstrengung eine Gasse durch die Menge , welche ihre Knittel auf seinem Rücken , seinen Schultern und überhaupt allerorten , wo Platz war , tanzen ließ . Er lief , sich gewaltsam Raum schaffend , nach der Kirchtüre zu , hatte aber , bevor er dieselbe erreichte , gewiß über hundert Schläge empfangen , und kam so , wacker zerbläut an seinem Ehrentage aus dem Heiligtume . Alles lief ihm nach ; der Brautvater , die Braut folgten , der Küster schloß unmittelbar hinter dem letzten die Türe ab und verfügte sich in die Sakristei , welche einen besonderen Ausgang in das Freie hatte . In wenigen Sekunden war die Kirche leer geworden . Noch stand indessen der vornehme Herr auf der Kanzel . Der Diakonus aber stand vor dem Altare , sich gegen den Vornehmen mit freundlichem Lächeln verbeugend . Dieser hatte , als er auf seinem Felsen Ararat sah