streifte , ein Leben , daß durch die Satzungen der Kirche über uns so weit erhoben ist , soll von uns nicht mit dem Maaßstabe gemessen werden , der unser eignes irdisches , unvollkommenes Dasein uns giebt . Wenn ihnen Kämpfe aufgegeben sind , wie uns allerdings die Geschichten der Heiligen sagen , so sind diese so weit über denen , die wir zu bestehn haben , daß ihrer theilhaft zu werden , schon eine Heiligung für uns wäre . Die Noth , die uns beugt , liegt als ein unbekanntes Gebiet weit ab von ihrer Bahn ; und doch suchen sie den Seufzenden dort auf , doch wissen sie ihn zu finden , und die reine Atmosphäre ihrer Nähe , zu der sie uns hinziehn , ist der Anfang , womit sie uns Schauder erregen vor unserer weltlichen Gestaltung . Denn allgemach zu dem Muthe zu erstarken , die Seele aufzuthun , die Sünde auszusprechen , von der wir uns selbst nur ein lügenhaftes Geständniß abzulegen vermögen , die Wahrheit aufgedeckt zu hören von dem geheiligten Munde des Reinen , Untadeligen und uns selbst baar von jeder Täuschung zu erkennen ; ferner in der Angst und Qual der Sünde , die uns dann befällt , an ihn uns festhalten und uns nicht verloren halten zu dürfen , so lange wir ihm gehorchen , ja von ihm die Last unserer Sünde getragen zu fühlen , ihn verantwortlich dafür gemacht zu sehen , wenn wir blos befolgen , was sein heiliger Mund gebietet - wie wäre damit die eitle Sucht zu verbinden , die Retter unserer Seele selbst auf eine Linie der Betrachtung mit uns zu stellen , da sie doch so hoch über uns stehn . Es muß ein schönes Loos sein , das gefunden zu haben , was Ihr schildert , erwiederte Maria . An einem hochbegabten reinen Geist in unserer Nähe uns aufzuranken und in seiner Klarheit leicht zu erkennen , wo in uns selbst es dunkel blieb ; Wahrheit gebend und empfangend , sich auszuheilen von dem leicht gehegten Schein derselben , das ist ein seliges Loos ; wer es gekannt , und einsam dann verbleiben muß , der welkt am Boden früher hin . England , rief hier Electa mit heiligem Eifer , ist arm geworden an dem heil ' gen Troste , den ich meine , und darum verwirrt ein irres Suchen dies arme Land . Der Sünder will vom Sünder Schutz , der von derselben irdischen Noth belastet seufzt , und der für den Leidenden an seiner Seite nur dieselbe Qual zum Austausch der Empfindung , nicht aber die Kraft zu entsündigen erhalten hat . Alle , die dem neuen Geiste fröhnen , alle die , gleich Euch , Mylady , wie mir däucht , an weltliche Bande denken bei dem , was ich auf jene höhern Geistlichen bezog , die werden welk werden vor der Zeit . Denn es ist zwar noch die Wurzel , die ihrer inneren Natur gemäß Zweige und Ranken treibt , aber die Hand des Gärtners fehlt , die sonst empor das strebende Gewächs gezogen hätte ; sich selbst überlassen , überwächst sich der Keim , erstickt in eigener ungeregelter Fülle und welkt am Boden hin . - Dies Gleichniß scheint Ihr , gute Schwester , auf unsere Kirche zu beziehen , und fragen möchte ich Euch dagegen , ob Ihr denn die Eure noch auf dem Standpunkte glaubt , den Ihr so eben schildertet , und der sich allerdings in ihrer früheren Entwickelung vorfand . Nie habe ich ohne Achtung und Verehrung der frommen Männer denken können , welche zuerst die Inbrunst ihrer Liebe und Anbetung unter jenen Formen darzustellen strebten , worin nach ihnen so viele Tausende mit gleicher Inbrunst ihr heißes Andachtsgefühl versenkten , und es heiligten und heilig übertrugen , durch das unschuldige Verlangen , das Höchste , was uns gegeben ward , zu ehren . Sie hatten sicher einen göttlichen Ruf empfangen , und erstaunenswürdig bleibt , was ihnen in einer Weltherrschaft gelungen , welche ohne Beispiel in der Geschichte steht , und deren Segensfülle in allen Richtungen nachzuweisen ist . Doch eben sie , die Geschichte , lehrt uns auch die ganze Stiftung als ein Menschenwerk betrachten , das der Welt seine großen Dienste that , und , des Inhalts entledigt , den das Bedürfniß erheischte , nun leer geworden ist und den Gang alles Irdischen , allmäligem Verfall entgegen geht . Noch sind einzelne Seelen mit ihrer frommen reinen Liebe vermögend , einen Sinn hinein zu legen , dem ihrer ersten Stifter ähnlich . Aber dies ist individuell , es ist nicht mehr das Werk , der Geist der Kirche ! Haltbar ist nicht , was Basis einer Weltentwickelung war , die , erreicht , nun ein anderes Bedürfniß sucht und findet ; und so , erlaubt es mir zu denken , ist die Reformation entstanden , nicht Menschenwerk dem Menschenwerk entgegen , sondern nothwendige Entwickelung der Menschheit in sich , das Bedürfniß eines höheren Lebens im Geiste , unabhängig von dem Verhältniß berechtigter Menschen , der Priester , zu unberechtigten , den Laien : mit einem Wort , ein Leben mit Gott durch den freien Genuß des Evangeliums . So bin ich gelehrt worden zu denken , und so sehe ich Eure Kirche nicht tadelnd , aber als ein ehrwürdiges Vergangenes an , und weiß gar wohl von ihrem wahren Inhalt zu trennen , was nothwendig mit ihrem Verfall als Sünde sich von ihr aus verbreitet hat . - Unglückseliges Kind , sprach hier Electa , sich bekreuzigend , welch ein Geist spricht aus Euch ? Ach , Herr , Herr ! Du prüfst mich hart in dieser Versuchung , warum muß ich , die Schwache und Ohnmächtige , unsere heilige Kirche angreifen hören ? Warum muß ich in ein Gemüth blicken , das sicher geworden ist in so schrecklicher Verläugnung ! - Es war nicht meine Absicht , Euch weh zu thun , unterbrach Maria die Erschütterte in ihren Klagen ; ich war eben nicht in der Stimmung , so ernste Dinge mit Euch zu erwägen . Ihr selbst habt mich dazu belebt , und die einmal gewonnene Ueberzeugung zu unterdrücken , fehlt mir jede Anlage . Glaubt nicht , in mir eine verhärtete Seele zu finden , ich hoffe eine Christin zu sein , und mein Herz ist voll von dem Glauben an die Offenbarung . Laßt uns damit beschließen ; wir möchten sonst weit über unsere Befugniß uns hinausreden . Und jetzt trat Pater Clemens zu ihnen , von dem es ungewiß blieb , ob er ein Zuhörer gewesen , da sein gelegenes und geräuschloses Herzutreten die Antwort der jetzt sich entfernenden Schwester Electa verhinderte , und es im Zweifel blieb , ob sie nachgiebiger oder zurückstoßender ausgefallen sein würde . Maria richtete , sichtlich erfreut , sich ihm entgegen , und es war nicht zu übersehen , wie sie , hold ihn anlächelnd , auf dem einzigen ihr gebliebenen bekannten Gesicht ein Wohlwollen suchte , das sie bei der Fremdheit und Verlassenheit ihrer Lage festzuhalten strebte . Aber Pater Clemens vermied den Blick dieses wiederbelebten Auges , und nachdem er sanft , aber kurz nach ihrem Befinden gefragt , kündigte er ihr trocken an , daß er komme , ihr Lebewohl zu sagen , da er vor Nacht das Schloß verlassen werde . Bei dieser Nachricht fühlte sich Maria wie von einem betäubenden Schlage gelähmt , und gleich darauf von einer Fluth so niederschlagender und angstvoller Vorstellungen überwältigt , daß sie fast einen Schrei ausstieß und wie vor einem Schreckbilde ihr Gesicht verhüllte . Pater Clemens fuhr indeß , ohne sich davon scheinbar bewegen zu lassen , mit Ruhe fort : Ihr findet hier ehrenvollen Schutz und alle Gelegenheit , Euern Geist in die Stimmung zu bringen , die Eurer Zukunft die entsprechendste ist . Es wird Euch an belehrendem Umgang nicht fehlen , Ihr werdet Euch Liebe und Wohlwollen erwerben können , und jede Theilnahme finden , die der Tugendhafte stets für alle wahren Interessen des Lebens empfindet . Vor Allem aber denket mit Dankbarkeit gegen Gott daran , daß Ihr durch die Boten seiner Gnade auf Erden aus den Fallstricken des Lasters errettet seid . Indem mein Auftrag an Euch hiermit vollendet ist , setzte er mit weicherer Stimme hinzu , empfehle ich Euch dem Schutze des Himmels und will Gott bitten , Euerm Geiste diejenige Stimmung zu verleihen , die Euch den Frieden in Euch und zu Euern Umgebungen sichert . Der Herr segne Euch und - - - Maria fühlte eine kalte Hand auf Ihrem Scheitel , und den angefangenen Segen , dem nun die schnelle Trennung folgen sollte , unterbrechend , ergriff sie die Hand des Mönches und zeigte ihm mit dieser raschen Bewegung ihr rührendes , von Schmerz und Angst entstelltes Angesicht . Nein , nein ! Ihr könnt mich nicht verlassen wollen , rief sie bebend , so den letzten Trost nicht von mir ziehen ; Ihr wollt mich bestrafen für meine Ungeduld am Morgen , mich noch mehr erschrecken . Nein ! rief sie lebhafter , seine Antwort unterdrückend , Ihr könnt mich in dieser fremden Welt nicht ohne Schutz lassen . Bleibt nur hier , ich bitte Euch ! Still will ich sein und Euch gehorsam , wie ein Kind dem Vater ; Alles will ich thun , was die schreckliche Gebieterin verlangt , denn mein Inneres kann ich behüten , und das Aeußere zu befolgen , soll mich Demuth lehren und Nachsicht gegen fremden Willen . Ich will das düstere Nonnenkleid anlegen , fuhr sie fort , die steigende Bewegung des Pater Clemens nicht sehend , ja , ich will hinab steigen in die finstere Gruft , wo Ihr Gott dient , und hier , wie da , werde ich beten können . Aber geht nicht fort , wenn Ihr nicht den Tod über meinen geängstigten Geist hernieder rufen wollt ; oder müßt Ihr fort , so nehmt mich mit . Fürchtet nicht für mich auf einer vielleicht beschwerlichen Reise . Ich will Alles entbehren , was die Pflege des Körpers erheischt , ich will mit Euch zu Fuße wandern ; ich habe Kräfte , glaubt mir . Ach , erdrückt nur nicht den Geist in mir , raubt dem Herzen nicht den letzten Hoffnungsstrahl , und Ihr sollt mich ausdauernd finden und unermüdlich in Allem , was Ihr begehrt . Pater Clemens hatte nicht ohne Rührung und Erstaunen ihren Worten gehorcht . Maria hatte in ihrer Angst die Kenntniß der unterirdischen Kirche verrathen , und ihm zugleich eine Anhänglichkeit und ein Vertrauen gezeigt , daß er seinem Herzen nicht wehren konnte , zu überlegen , ob den Geboten Genüge zu leisten sei , die ihn von ihr vertrieben . Aber es konnte nur ein kurzer Kampf mit seinem menschlichen Gefühle sein ; schnell kehrte der gewohnte Einfluß des Gehorsams wieder , und er suchte sich mit der Hoffnung zu trösten , ihr Schicksal könne noch in dem höhern Willen seiner Obern eine bessere Wendung nehmen . Ich muß Euch zwar hier verlassen , hob er daher bald gefaßt an , als ihr Blick ängstlich seiner Antwort entgegen sah , doch geschieht dies mit der innigsten Ueberzeugung , daß für Euer Wohl damit gesorgt ist . Ich habe bei dem , was Ihr mich thun seht , keine freie Wahl , mir steht nicht zu , zu ändern und zu klügeln , mir fehlt die Uebersicht von dem , was nöthig ist ; es wird erreicht , indem ein Jeder ohne Einspruch auf seinem Platze das Befohlene thut . Dies genügt uns und ist Erfüllung unseres Berufs . Ha ! rief Maria , sich erhebend und mit glühenden Wangen vor ihn tretend , wo ist die fürchterliche Gewalt , die Euern hellen Geist in solche Knechtschaft zwängt ? Wer seid Ihr , daß Ihr das hohe Recht der Menschen aufgegeben , frei der eigenen Ueberzeugung zu folgen ? Wie hat man es vermocht , Euch so in Fesseln einzuschlagen , daß Ihr Euch der freien Berathung mit Euch selbst entzieht , und blind und ohne Zweck ein abgerissenes Dasein lebt , unwissend , ob der Weg , den Ihr mit festgeschlossenen Augen geht , derjenige sein wird , auf dem Ihr vor Gott dereinst wünschen werdet Euch befunden zu haben ! Ist das die Stimme des Gewissens , der wir folgen sollen , die Euch von dem verlassenen Wesen fortruft , welches , verlockt durch falsche Kunst , aus ehrenvollem Schutz getrieben , hier unter grauenhaften Umständen von neuen , dunkel drohenden Gefahren sich umgeben sieht ? O , werft ein so fremdes Wesen von Euch , gehorcht dem heiligen Geiste , der in der Brust des bessern Menschen Thun und Lassen richtet ! O , daß ich Euch rührte , für Euch selbst , für mich ! Es entstand eine Pause . Der Pater war in eine Stimmung gebracht , die ihn entsetzte ; doch in dem Maaße , als er , was er eben vernommen , innerlich wie eine harte Versuchung zu bezwingen trachtete , riß er sich mit seiner ganzen Kraft davon los , und erwiederte mit mehr Kälte und Härte , als zu erwarten war : Haltet ein mit Euern unbesonnenen Reden ; Euer Verstand ist ein keckes Ding und überbietet mit leichten Worten schnell jedes Maaß , womit Ihr wenigstens trachten solltet , das zu würdigen , was fremd oder widersprechend erscheint . Lernt erst begreifen , daß , wer zu gehorchen vermag , in sich einer größern Kraft bedarf , als zum Widerstehen gehört , daß nur der mit Ruhe die äußere Freiheit aufgiebt , der sie nach Innen gesichert hält , und daß der Weg kein fremder ist , auf welchem das Panier des Heilandes weht . Eben darum verstummt die neugierige Frage , ob seine Bahn auch rauh und öde , über Fels und Trümmer , durch stille , nie bemerkte Thäler führe . Ihr wißt es selbst nicht , wie ich in Euerm Wesen eben jetzt die Weisheit derjenigen verehre , die Euch hier zur Erkenntniß Eurer selbst die Gelegenheit geben . - Scheltet mich , wie Ihr wollt , rief Maria , schnell seine weitere Rede hindernd , aber verlaßt mich nicht ; stellt mich so unmündig dar , wie Ihr wollt , überzeugt Euch nur , daß ich um so mehr Eures Schutzes bedarf . Ich glaube , daß Ihr mich kennt , und Eurer Weisung will ich gehorchen ; aber schweigt mir von der fremden Macht , von der ich mich gekannt denken soll . Oder , fuhr sie plötzlich ernster fort , ich muß glauben , wer ich bin , zu wem ich gehöre , ist nur ein mir vorenthaltenes Geheimniß , und jene Obern tragen irgend eine Absicht , mich , die Freigeborene , hier als Gefangene verschmachten zu lassen . O entsetzliches Loos ! Könnt Ihr es denken , dauert Euch meine Jugend nicht , nicht der Schmerz derer , die mich vielleicht zu finden trachten , und denen ich hier widerrechtlich vorenthalten bin ? Ihr werdet mit dieser Art , die Umstände anzusehen , erwiederte der Pater , unter die Ihr Euch fügen müßt , Euer Loos schwerer machen , als es der Wahrheit nach zu nennen ist . Nehmt die Dinge so einfach , wie sie vor Euch liegen , und überlaßt es der Zeit , die Veränderungen darin hervor zu rufen , die der Himmel Euch bestimmt . - Ach , welch ein Rath , für ein Herz , das in so kurzer Zeit alle Gefahren einer schutzlosen Lage durchkämpfen mußte , und sich nicht verhehlen kann , daß es auf sich , auf seine eigenen Kräfte angewiesen ist , auf eine Erfahrung , so jung und ungeprüft , die , muß ich Euern Worten glauben , so unzulänglich sich erwies , daß es einer fremden Einwirkung bedurfte , um die schrecklichen Folgen des ersten selbst gelenkten Schrittes abzuwenden . - Ihr solltet daraus lernen , wie wenig Ihr zur eignen Lenkung Euers Schicksals berufen seid , und dankbar anerkennen , daß Eurer Jugend diese Hülfe von einer Seite kömmt , wo mit der reifsten und weit reichendsten Erfahrung der Wille sich verbindet , sie zu Euerm Nutzen anzuwenden . - Nein , nein ! Ihr überredet mich umsonst , diese heimlich waltende Macht als eine wohlthätige anzusehen ; ihre Anordnungen sind im eigenen Interesse , mit Beschränkung der Freiheit dessen angeordnet , dem sie zu helfen vorgiebt . Ich will mich frei erklären . Ich verlange über mich Gewalt zu haben ; diese Mauern will ich verlassen , und heute noch ; ich will von Gott geschützt den suchen , der allein ein Recht hat , mir zu gebieten . - Da Ihr denn selbst diesem heiligen Schutze entsagt , so danket Gott , daß Niemand in diesen Mauern lebt , der Euch zu willfahren berechtigt ist . Ich warne Euch noch ein Mal , ergebt Euch mit Gelassenheit in Eure Lage . Der Widerstand möchte eine Aufmerksamkeit erregen , die Euer Schicksal auf eine Weise bestimmte , wie Ihr sie am meisten fürchtet , und wie sie jetzt vielleicht noch abzuwenden ist , wenn Ihr still ergeben Euern aufstrebenden Geist verberget . - Ihr sprecht in Räthseln und laßt doch ahnen , man habe mich zu andern Zwecken hierher gebracht , als mich der Schande zu entziehen . Ihr wißt mehr . Es ist gewiß , Ihr kennt die Absicht , die über mich bestimmt , und seid nicht ohne Mitleid , ohne Theilnahme . Erbarmt Euch denn und thut mehr ; entreißt mich dieser Lage , die so viel Bedrohliches in sich schließt . Ich muß Euch vertrauen , obwol Ihr Euch so klein , so gering als Diener jener fremden Macht bezeichnet . Ihr habt ein Herz , ich weiß es : Ihr könnt es nicht so sehr im Gehorsam ersticken , daß es Euch nicht sagte , was menschlich und gerecht ist . Fürchtet nichts von meiner heftigen Weise , die stärker ist , als ich sie sonst in mir kannte , was ich jetzt wohl fühle ; denn die Kräfte des Menschen , wenn sie erweckt werden , treiben gute und böse Früchte , und , eingehegt von treuer Liebe und belebt vom reinsten Vertrauen , kannte ich den Widerstand nicht , den ich heftig in mir sich regen fühle , wo Beides aus meinem Leben nun verschwunden ist . Doch ich will mich gegen Euch ganz bezwingen lernen ; denn Euch muß ich am meisten jetzt vertrauen , wenn ich auch wünsche , Ihr vertrautet in höherem Grade Euch selbst . Es sind erst Stunden verflossen , seit mein Geist von einer Schwäche befallen war , die , mir sonst fremd , mich jetzt mit Angst erfüllt . Ich glaubte sonst , der äußern Noth zu widerstehen , sei das Schwerste ; aber ein tödtliches Grauen umschleicht mich , wenn ich denke , der Geist wird endlich müde und schläft ein ; im Schlaf könnte er geschehen lassen , wovor ihm beim Erwachen grauete . Seht , sagte sie leiser und mit kindlicher Furchtsamkeit ihm nahend , ich zittere für das Heil meiner Seele ! Ihr könnt nicht läugnen , ehrwürdiger Herr , hier wird ein anderer Glaube , als der meine , streng geübt , man wird mich ungern als anders Glaubende hier dulden , man wird den Uebelstand durch Bekehrung heben wollen , und seit heute Morgen fehlt mir der gute Muth , ich könnte siegend mir selbst getreu verbleiben . Ich sehnte mich zu sterben in meinem Schmerze , und konnte nicht recht beten , und jeder Trost , der lebenskräftig sonst aus meinem Glauben mir entgegen trat , war mir so fern , wie hinter Nebeln ein Freund , den man nur schwach erkennt . Das könnte wiederkehren ; ich weiß nicht , wie ich sagen soll ; sterben möchte ich , nur nicht den Rückschritt thun zu Eurer Kirche , und möglich halte ich ihn blos , weil mir die neue Erfahrung geworden ist von meiner Geistesschwäche . - Unglückliches Kind ! sprach nach einer Pause der Geistliche mit mehr Gefühl , als er sich gestatten wollte , Ihr rührt mich , so sehr ich Euch im Irrthume sehe , und darum desto mehr . Warum ward Euerm fähigen Geiste nicht von Jugend auf die sanfte Lenkung unsrer Kirche zu Theil ? Nicht Furcht , nicht Zweifel beugten dann Euern Muth ; Ihr würdet in jedem Glaubensbruder die Verwandten wieder finden , die Euch entrissen sind , wie Tausenden vor Euch . Das ist der Fluch von jener Spaltung der wahren , vom Heilande eingesetzten Kirche , daß Mensch vom Menschen geschieden steht im irren Zweifel , daß der Eine seiner Seele Heil nur dann behütet glaubt , wenn er gering hält und verachtet , was dem Andern heilig erscheint . Wo ist der Anhalt in Eurer Kirche , wenn der Geist ermüdet unterliegt , wie Ihr eben an Euch selbst gewahrtet ? Der Hochmuth Eurer Selbstgerechtigkeit treibt Euch hinaus , weit über die Grenzen Eurer wahren Kraft . Ihr unterliegt in dem eiteln Treiben der Welt , und nirgends findet Ihr den Anhalt in dieser Wüste , nirgends den sichern Port , in dem Ihr ausruhen könnt , und Schutz und Hülfe findet . Er ist nur im Schooße unserer Kirche , nur Eigenthum der frommen Männer , die in heiliger Betrachtung der göttlichen Dinge den Maaßstab für die richtige Würdigung irdischer Noth gefunden . Sie allein vermögen uns zu stützen , wo wir erlahmen in dem wilden Jagen nach eitler Lust ; und Ihr fürchtet diese Stütze , Ihr fürchtet sie in dem Augenblicke , wo Ihr Euch schwankend fühlt in Eurem stolzen Alleinsein . - Genug , ehrwürdiger Sir , unterbrach Maria hier den Eifernden schnell ; zu sehr mahnt mich Eure Rede daran , daß ich nicht umsonst fürchtete , in diesem Hause den Angriffen Eures Glaubenseifers ausgesetzt zu sein . Nicht zum polemischen Kampfe fühle ich mich gerüstet , und billig solltet Ihr meinem Geschlechte und meiner Jugend dies erlassen wollen , obwol , verhehlen will ich ' s Euch nicht , mir Einiges beifällt , das darthun möchte , die Erde sei überall des Herrn , und Hinfälligkeit drücke ihren Stempel auf alles Menschen-Werk . Der Glaube , dem ich angehöre , giebt mir Kraft , und eben jetzt , mich aufzulehnen gegen falsches , unklares Treiben . Frei bin ich geboren , und einem hohen Geschlechte gehöre ich an , wenn über seinen Namen mir auch ein Gewebe gezogen ist , in welchem ich Wahrheit von Trug nicht mehr zu trennen weiß . Dem gemäß darf ich nicht leiden , daß ich zu unbekannten Zwecken unbekannter Menschen diene und müßt Ihr mich verlassen , so begehre ich mindestens durch Euch die kennen zu lernen , die hier gebieten , auf daß ich mich offen mit ihnen selbst verständigen könne . Maria hatte ihre volle Energie wieder erlangt ; ihr schönes Antlitz zeigte Licht und Farben , ihr schlanker Wuchs hob königlich sich höher , und der Ton ihrer Stimme hatte die bebende Tiefe , die aus einem gekränkten Herzen kömmt . Pater Clemens übersah dies nicht und fühlte wohl , wie wenig fürs Erste diese Stimmung geeignet sei , ihrem Schicksal eine bessere Wendung zu geben ; aber diese Betrachtung war zugleich mit einem warmen Gefühl der Theilnahme verbunden und machte es ihm unmöglich , ihren Vortheil ganz zu übersehen , ja , ihn beschlich sogar ein Gefühl von Furcht vor derselben Macht , der er diente , als müßte er sie davor zu schützen suchen . Vielleicht hätte ein etwas ruhigeres Nachdenken ihn dieser menschlichen Empfindung entzogen und ihn wieder zum Sklaven seiner aufgenommenen Pflicht gemacht . Häufig indeß übt eine wahrhaft edle Natur auf ein mühsam bezwungenes Gemüth , worin der edle Keim , überbaut von Absicht und Sophisterei , begraben liegt , die magische Gewalt , belebend zu dem halb Erstorbnen einzudringen . Es entstehen so oft Zeichen eines höhern Daseins in einem sonst leer davon befundenen Leben , wunderbarer , als die Oasen in der Wüste , und vergänglicher und leichter überschüttet von dem heißen Sande des ringsum herrschenden Bodens . Genug , der Pater zögerte nicht , ein Mensch zu sein . Wünscht diese Zusammenkunft nicht in dieser Stimmung , sagte er leiser , und laßt Euch warnen , den Geist nicht zu zeigen , der Euch belebt . Man fürchtet eben Euer hochstrebendes Gemüth , und wenn man sich davon überzeugt hielte , würdet Ihr nie mehr diese Mauern verlassen dürfen . Erschreckt nicht so heftig , sprach er begütigend weiter , da er die blasse Stirn , den Schreck des edeln Wesens sah , Ihr sollt nicht umsonst mir Vertrauen geschenkt haben . Haltet mich nicht zurück . Ich kann Euch nützlicher sein in der Ferne , und ich will es , wenn Ihr mir dagegen feierlich gelobt , Euch hier mit Klugheit zu verhalten , durch keinen Widerspruch eine zürnende Aufmerksamkeit auf Euch zu lenken , still ehrend Electa ' s und der Andern Glaubenseifer zu begegnen , und ruhig den kühnen Geist in Fesseln einzuschlagen . Dann , fuhr er schwankend fort , glaubt man vielleicht , wenn ich zu Eurer Freiheit Euch das Zeugniß des beschränkten Sinnes gäbe - doch genug , unterbrach er sich sichtlich beängstigt . Die Theilnahme macht mich geschwätzig ; ich hoffe , Ihr werdet mich nicht mißverstehn . Ich ehre jede Absicht meiner Obern und hoffe ihnen nicht zu nah damit zu treten , daß ich zu Duldung und Gehorsam Euch ermahnte . O , bereut nicht , edler Mann , was Euer menschlich Herz Euch sagen ließ , rief kindlich zärtlich hier Maria . Ihr habt genug gesagt . Kann ich auch den Grund von diesem Verfahren nicht erkennen , so weiß ich doch die Absicht und will mich wahren , mit Gottes Beistand , obwol ich niemals absichtlich zu täuschen gelernt , sondern es stets verschmäht habe . Ich will Gott bitten , daß er mir eingebe , was nöthig ist , die Feinde hier zu täuschen ; denn Freiheit ist so süß , und jenseits dieser Mauern lebt noch so manche heitere Hoffnung . Ach , helft mir sie erringen , und glaubt mir die schöne Welt , die Gottes Offenbarung war , sie ist nicht sündig , und Sünde nur ist , was sie von Gottes Ebenbild trennt . Thränen flossen auf die Hand des Priesters , die Maria mit den ihrigen fest umschlossen hatte , und so lebensvoll , so überzeugt sprach sie ihm zu , daß es fast schien , als habe sie vielmehr das Werk der Bekehrung an ihm versucht und sei weiter darin vorgedrungen , als mit seinem Berufe sich vertragen wolle ; denn das niedergeschlagene Auge konnte nicht ganz verbergen , was seine ausdrucksvollen Züge von innerem Widerspruch und tiefer Rührung sagten . So laßt uns scheiden , sagte er sanft , und Gott behüte Euch und lenke Alles nach seinem Wohlgefallen . Sanft beugte Maria das Haupt , und segnend berührte er es einen Augenblick . Leise , aber fest , verließ er das Gemach , und Maria blieb nicht so trostlos zurück , wie er sie gefunden . Ein Strahl von Hoffnung erhellte die düstern Räume ihres Herzens , in welche mit der vollen Kraft der Jugend das Vertrauen wiederkehrte und der Muth , dem Widerwärtigen zu begegnen . - Wir wollen nicht behaupten , daß Maria ' s Muth derselbe blieb , als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug und ihre Gedanken darauf fielen , daß Pater Clemens längst aus diesen Mauern entfernt sei und sie allein Allem gegenüber stehe , was ihr fremd und besorglich erschien . Aber der gesunde Schlaf der Jugend hatte nicht umsonst ihren Körper erquickt ; frei lebte er auf , und in ihm fand die Seele Ruhe . Margariths Vater bereitete das Frühstück an dem lodernden Feuer des Kamins , während Maria sich mit Hülfe der Tochter im Nebenzimmer ankleidete . Bei ihrem Eintritt empfing sie eine sehr feierliche Einladung des alten Dieners , der Herrin des Schlosses sich vorzustellen . Ich bin bereit , erwiederte Maria mit leichtem Wechsel der Farbe ; sagt Eurer Dame meine Willfährigkeit , ihr aufzuwarten . Sie wird die Stunde Euch vielleicht bestimmt haben , wann sie mich empfangen will , denn wenig kenne ich noch die Ordnung des Hauses . Ihro Gnaden bedürfen einer langen Morgenruhe , sprach der alte Diener , die Augen niederschlagend . Schwester Electa wird Euch , Mylady , abrufen , wenn Ihro Gnaden dazu bereit sind . Schön , mein guter Alter , erwiederte Maria ; wir sind erst kurze Zeit Bekannte , ich habe Euch aber Dank zu sagen für die Sorgfalt und Güte , die Ihr mir bei einigen Zufälligkeiten erwieset . Schuldigkeit , durchaus Schuldigkeit , murmelte der alte erfreute Mann und schob den Sessel zu dem Tischchen , worauf ein Frühmahl bereitet stand , das der Schloßküche Ehre machte und nichts vergebens aufgestellt war für Maria ' s angeregte Eßlust . Sie beschäftigte sich alsdann damit , die Einrichtung ihrer Zimmer zu mustern , und untersuchte besonders ihre Bibliothek , die , allerdings von einseitiger Auswahl , Maria aufs Neue die unheimliche Ueberzeugung gab , daß man auf alle Weise ihrem Geiste jene Richtung zu geben trachte , welche in diesem Hause die allein geduldete war . Eine kleine Ausgabe des italienischen Homers war hinter andern Büchern verborgen , offenbar eine Abweichung vom vorgeschriebenen Plan , die Pater Clemens sich erlaubt . Es erfreute sie dies um so mehr , da sie eine tröstliche Zusage seiner milden , wohlwollenden Gesinnungen darin wahrnahm , das einzige Unterpfand aller Hoffnung für ihre Zukunft . Diese Beschäftigungen wurden von der Schwester Electa unterbrochen , welche erschien , sie zu dem bevorstehenden Besuche abzurufen . Maria empfing sie mit der ihr eignen huldvollen Güte