der Scholastik , und zum Teil noch gleichzeitig mit den späteren Entwicklungen derselben durch Occam , auftrat , zeigt nun alle diese Elemente vereinigt , und zugleich das Ehrwürdige , wie das Subtile und Dürftige jener Richtung . Ganz bewußt , mathematisch-streng , nicht etwa schwachgemütlich bildet der Kirchenglaube die Grundlage der Werke , von diesem gehn sie aus ; in der Steifheit und Magerkeit der Formen erscheint der Begriff , und in der symmetrischen Anordnung die Dialektik , kurz jene Bilder sind nichts als gemalte Scholastik . Diese verfiel , der Glaube verlor von seiner Strenge , der Geist suchte in Freiheit sein Ziel , und konnte auf diesem Wege der ganzen Fülle der Realitäten nicht entbehren . Wieder treu diesem Vorgange schreitet die Kunst der Periode nach , von welcher Cimabue und Giotto die Anführer sind . Das Strengkirchliche tritt mehr und mehr zurück , Maria wird ein schönes , wunderbares Weib , Christus ein begeisterter Lehrer , statt der symmetrischen bildet sich die dramatische Gruppe aus , und wenn die Maler nun allerdings Muskeln statt der parallelen und triangulären Linien malen , so sind es doch Muskeln in Handlung , mithin nur Träger einer geistigen Bewegung . Auch hier ist es nicht die sinnliche Natur , welche gesucht wird , sondern der Geist spiegelt in ihr , welche alle Bilder wiedergibt , nur seine eigne Emanzipation ab . Jene Periode erreicht ihren Gipfel und stirbt darauf in kranken Zuckungen nach und nach ab . Die Symptome des Verfalls sind trockne Empirie , wollüstiger Materialismus , kokettierende Selbstsucht . Alle diese Übel hat die Kunst mitgelitten . Wir sind nun auf dem Punkte angelangt , wo wir uns von geistiger Schwelgerei übersättigt fühlen , das heftigste Bedürfnis nach einem Obersten , Leitenden empfinden , und uns selbst einen gewissen Schematismus gefallen lassen würden , wenn er nur dahin führte , in unsre Unordnung Ordnung zu bringen . Ich frage : Liegen einer solchen Stimmung die freien , sinnlichglänzenden Kunstwerke nahe ? Wird uns aus den fliegenden Gewändern , aus dem gefälligen Faltenwurfe , und den runden Gliedern und Formen nicht immer eine gewisse Leere und Kälte entgegenhauchen ? Wird unser nach der Einheit der Regel schmachtender Geist nicht eine innigere Wahlverwandtschaft mit den alten strengen , symbolischen Bildern empfinden ? - Und in diesem Sinne muß ich unsrer Freundin vollkommen recht geben , und wenigstens meinesteils auch so viel behaupten , daß wenn in unsrer Zeit eine eigentlich große Kunst entstände ( was ich aber aus vielen Gründen für mehr als zweifelhaft halte ) diese mit der sogenannten byzantinischen eine starke Ähnlichkeit haben müßte . Diese Rede , welche manchen Widerspruch fand , wurde von Wilhelmi mit so geschickten und glänzenden Wendungen verfochten , daß er endlich alle Opponenten zum Schweigen brachte . Die Meyer genoß ihren Triumph , und holte leise ein paar uns noch unbekannte Täflein herbei , von welchen allerhand heilige Gestalten , so schmal , als man sie nur verlangen konnte , auf Goldgründen die Beschauer ansahn . Eine allgemeine Erbauung griff um sich ; man fragte die Besitzerin , aus welchem Kloster diese Schätze herrührten , welche jeder anwesende Kenner unbedenklich dem dreizehnten Jahrhundert zuschrieb . Unsre Wirtin lächelte und sagte : Freund Wilhelmi zweifelt an dem Aufblühn einer großen Kunst unter uns , so viel ist aber gewiß , daß es Gemüter heutzutage gibt , in welchen die ganze Begeisterung jener alten Meister schlummert . Ja , meine Freunde , diese Tafeln , von welchen Sie glauben , sie seien ein halbes Jahrtausend alt , sind vor noch nicht zwei Monaten , und hier in meinem Hause gemalt . Sie weidete sich an dem Erstaunen der Gesellschaft , und fuhr fort : Ich halte einen frommen Jüngling bei mir verborgen , welcher diese Bilder verfertigt hat . Durch Zufall machte ich seine Bekanntschaft , und fühlte mich verpflichtet , ihm fortzuhelfen , da ich sah , daß der Geist der Väter auf ihm ruhe . Noch mehreres als dieses hat er bereits geliefert . Ich sehe Ihr Erstaunen über das wundersame Talent , und da wir so freundlich beisammen sind , so erlauben Sie mir , ihn unter Ihnen einzuführen , Ihrer Huld und Gunst ihn zu vertrauen . Gewiß , Sie werden ihn lieben und fördern , wie ich . Gegenwärtig malt er an einem Heilande , mit mystisch geschlitzten Augen , welcher die Welt segnet , überaus ähnlich einem lieben Bilde , dessen ich mich aus einer böhmischen Kirche erinnre . Wenn es Ihnen ebenso viele Freude macht , wie mir , das stille Weben des Genius zu belauschen , so folgen Sie mir zu jenem Schiebefensterchen , durch welches ich oft stundenlang , von ihm unbemerkt , in seine stille Werkstatt blicke , und meinem Angelo ( denn so nenne ich ihn wegen seines engelreinen Gemüts ) zusehe . Wir erhoben uns , und zufällig war ich in dem Zuge nach dem Schiebefenster der vorderste . Ich schob sacht das Vorhängelchen von den Scheiben hinweg , und sah in die Werkstatt des jungen Byzantiners . Hier bekam ich aber etwas zu schauen , worauf ich keinesweges gefaßt war , und welches mir zugleich bewies , daß unsre Zeit wenigstens noch zwischen der Sehnsucht nach dem Symbolischen und dem Verlangen nach sinnlicher Naturwahrheit sich schwankend mitteninne hält . In der Werkstatt lag nämlich auf einem dunkelroten Teppich , der über ein Ruhebett gebreitet war , ein schönes Mädchen , in dem Zustande , wie sie Gott der Herr erschaffen , und in der Stellung der Danae oder Leda ; denn der Einzelheiten erinnre ich mich so genau nicht mehr . Der Byzantiner stand neben ihr , mit Kohle und Malerstock bewaffnet , und rückte an ihren Gliedmaßen , um die Stellung noch natürlicher zu machen . Ich hütete mich wohl , meine Überraschung laut werden zu lassen , sondern trat , nachdem ich einige Sekunden dieser keinesweges unerfreulichen Anschauung genossen , still zurück . Nach mir gelangte ein Pietist zum Schiebefenster , welcher in ein Gebetbuch geschrieben hatte , er bezeuge mit seiner Hand , daß der Herr an ihm ein Zeichen gesetzt habe . Dieser sagte auch kein Wort , sondern seufzte nur nachdrücklich , und zog dann den Kopf , scheinbar nicht ohne Widerstreben , hinweg . Bis dahin war alles leidlich gegangen ; nun aber wollte eine alte Dame das Weben des Genius sehen , legte Augen und Nase dicht an das Glas , fuhr aber dann mit einem fürchterlich zu nennenden Geschrei zurück . Dies hörten der Byzantiner und die Nackte ; sie sahen die fremden Zuschauer hinter den Glasscheiben . Rot und sprachlos stand der junge Mann da , stampfte mit den Füßen , und hielt den Malerstock gleichsam drohend in die Luft ; das arme Geschöpf schlüpfte hinter die Staffelei , welche sie nicht ganz verdeckte . Die Wirkung dieses so ganz unerwarteten Ereignisses war außerordentlich . Wir jüngeren Leute sahen verlegen vor uns hin , und taten , als ob wir uns schämten , der Pietist faltete die Hände und blickte gen Himmel , die alte Dame eiferte gegen die Meyer , welche , durch einen flüchtigen Blick in die Werkstatt auch von dem Unheil in Kenntnis gesetzt , wie vernichtet dastand , und sich auf Wilhelmi lehnte . Umsonst war dessen Trostspruch , daß es ja nur ein Modell sei , sie flüsterte ihm unter zornigen Tränen zu , er solle den sittenlosen Heuchler auf der Stelle aus dem Hause schaffen . Einige junge Mädchen , welche sich im Zuge verspätet hatten , und nun neugierig herandringen wollten , wurden von der alten Dame mit der Eröffnung , daß eine Fledermaus dort umherschwirre , die sich ihnen leicht in die Haare setzen könne , zurückgehalten . Nachdem Wilhelmi seinen strengen Auftrag in der Stille ausgeführt hatte , und wir wieder zu unsern Sesseln in der Kunstkapelle gelangt waren , fühlten wir wohl , daß fernere gesellschaftliche Freuden schwerlich geraten möchten , und wollten uns in schicklicher Weise entfernen . Leider aber hatte die Meyer einen fremden durchreisenden berühmten Künstler auf ihren Byzantiner bitten lassen , zu dessen Veröffentlichung und Ruhm der Tag ausdrücklich von ihr bestimmt worden war . Dies erfuhren wir durch einige Reden Wilhelmis , als wir der beim Abschiede empfangnen Einladung uns entziehen wollten . Unter solchen Umständen wäre ein Außenbleiben unhöflich gewesen , und so stellten wir uns denn sämtlich , mit Ausnahme der alten Dame , am Abend wieder ein , obgleich mir von einem Tage , der so quer begonnen hatte , nichts Gutes ahnte , und die verstörten Augen der Wirtin zu erkennen gaben , daß ihr die härteste Strafe lieber gewesen sein würde , als eine zierliche , im heiligen Geiste der Kunst versammelte Gesellschaft . Wir kamen in Zimmern zusammen , wo wir früher nie waren empfangen worden , weit von der Kapelle und von den Sammlungen der alten Periode . Papiertapeten bekleideten die Wände , gleichgültige elegante Meubles standen umher . Nur ein Gemälde war vorhanden , das Bildnis des seligen Meyer , im braunen Frack , von Weitsch gemalt . Es hing über dem Sofa ; wie ich hörte , hatte der verstorbne Eheherr diese Gemächer bewohnt . Das Gespräch lahmte , und wurde eigentlich nur von dem fremden Künstler im Gange erhalten , den ein Kreis andächtiger Verehrer umgab . Er erzählte viel von seinen Reisen , von seinen Bekanntschaften mit Kaisern und Königen , wobei eine angenehme Selbstgefälligkeit zum Vorschein kam , die unter uns , wie Sie wissen , nie ihre Wirkung verfehlt . Seine beiden Knaben , junge mutwillige Eulenspiegel , trieben sich umher und verübten allerhand Possen , welche die Zeit hinbringen halfen . Zuletzt , und ziemlich spät , erschien unser Dichter , welcher sein neuerdings bedeutend angeschwollnes Manuskript mitbrachte und nach kurzer Weigerung sich bereitwillig finden ließ , daraus die zuletzt ausgearbeiteten Kapitel vorzutragen . Nun war er aber leider an die Darstellung des fünfzehnten Jahrhunderts geraten und hatte diesem wegen seiner Wichtigkeit die gründlichste Durchführung gewidmet . Besonders erschöpfend handelte er die Frage ab , ob die Kunst jener Zeiten noch eine religiöse zu nennen sei ? und hatte das Für und Wider nach allen Richtungen hin in seinen Versen versammelt . Die Terzinen wälzten sich wie ein endlos flutender Strom daher , eine Stunde nach der andern schlug , und noch war kein Ziel der Sache abzusehn . Ich betrachtete zu meiner Unterhaltung die Gesellschaft ringsumher , und sah die verschiedenartigsten Versuche , sich durch tiefes Atemholen , Rücken auf dem Stuhle , Spielen mit den Uhrketten usw. munter zu erhalten . Nur die Höllenstrafen sind ewig , jede Vorlesung aber hört denn doch endlich auf . Der Kunstdichter schloß und trocknete sich den Schweiß ab , wir durften uns von unsern Stühlen erheben und die abwesenden Lebensgeister wieder herbeirufen ; die Meyer aber , welche vielleicht allein an dieser poetischen Leistung Behagen gefunden hatte , weil dieselbe sie über einen lästigen Abend hinwegbrachte , nötigte mit artiger Verbeugung in ein Nebenzimmer , wo uns eine kalte Kollation erwarten sollte . Ich hatte die Knaben des fremden Künstlers nach der ersten Lesestunde in das Nebenzimmer schleichen sehn , und die Glücklichen beneidet , welche dort ruhig auf einem Sofa die Vorlesung verschlummern durften . Nicht ahnete ich , daß sie weit verhängnisvollere Absichten im Schilde führten und wirklich durchsetzten . Als wir nämlich das Nebenzimmer betraten , und die Wirtin uns mit dem verbindlichen : Wenn es Ihnen gefällig wäre ... zu Tische nötigte , sahen wir zwar diesen , weißgedeckt , von Lampen beleuchtet , auch darauf verschiedne Schüsseln , Assietten und Fruchtkörbe , alle diese Eßgeschirre aber durchaus leer und ihres Inhalts beraubt . Die Urheber des Raubes konnten nicht lange zweifelhaft bleiben , denn die beiden Knaben standen am Tische , beschäftigt , die letzten Reste der Konfekte und Früchte zu verzehren . Von den Salaten , Fleischschnitten und Cremen war keine Spur mehr zu erblicken . Sie hatten der Tat auch kein Hehl , denn auf die zornige Frage des Vaters , wie sie sich das hätten unterstehn können , versetzten sie unbefangen , daß nach ihrer Meinung diese Sachen zum Essen hingesetzt worden , und daß sie hungrig gewesen wären . Unglaublich würde Ihnen diese Aufzehrung eines Abendessens für zwölf Personen durch zwei Knaben klingen , wenn Ihnen nicht die Frugalität unsrer Genüsse bekannt wäre . Die arme Meyer dauerte mich . Es war viel zu spät , um noch einen Ersatz des verschwundnen Abendessens herbeischaffen zu können . Sie wollte über den Vorfall scherzen , aber es gelang ihr übel . Die Gesellschaft gab ihr die Versichrung , daß niemand Appetit verspüre , aber wer hätte dieser Behauptung nach so langwierigem Vorlesen Glauben geschenkt ? Der Künstler , welcher die nächste Verpflichtung hatte , die Anwesenden für die durch die Gefräßigkeit seiner Knaben erlittne Einbuße zu entschädigen , fand sich am ersten zurecht und sagte : Wir haben hier leider erlebt , wie die Natur , aller Ästhetik spottend , in roher Weise ihren Weg geht . Angenehmer ist es , zu sehn , wie sie sich dem Zwange zum Trotz , den ihr Narren antun wollen , unaufhaltsam die Bahn bricht , und eine solche Erfahrung habe ich heute hier gemacht . Ich fand ein junges Talent , welches man von seinem Ziele abzuleiten gedachte , und welches sich dennoch zu dem machen wird , was es ist . Als ich in den Morgenstunden aus den Fenstern meines Gasthofs sah , hörte ich unten auf der Straße ein lautes Schluchzen . Ein junger Mensch stand vor der Pforte des Hauses und ließ einem Kummer , der auch halb wie Zorn aussah , auf solche ungezähmte Weise freien Lauf , ohne der Umstehenden zu achten . Die prächtige Gesichtsbildung des Jünglings , seine hohe Stirn , gebogne Nase , und das reich wallende Haupthaar zogen mich an , ich ging hinunter , und fragte nach der Ursache seiner Tränen . Anfangs wollte er mir nicht Rede stehn ; ich ließ jedoch nicht ab , nahm ihn mit auf mein Zimmer und brachte ihn dort zum Geständnis . Er sei ein armer Junge ohne Eltern und Beschützer , erzählte er . Von Kindheit an habe er die größte Lust zum Zeichnen gehabt , und alles nachgeahmt , was ihm zu Gesicht gekommen , Bäume , Tiere , Soldaten . Niemand aber sei ihm behülflich gewesen , daß er etwas lernen können . Endlich habe sich eine reiche Dame seiner angenommen ; nun sei er in ihrem Hause untergekommen , wo er aber verborgen habe leben müssen . Die Dame habe ihm gesagt , er werde ein großer Mann werden , wenn er sich ganz nach gewissen Bildern richte , die sie ihm denn auch gezeigt habe . Der Jüngling nannte diese Bilder in seiner Natursprache Herrgötter mit Eidechsenleibern , und ich wußte bald , woran ich war . Er beschrieb mir seine Pein , welche er empfunden , da er diese Mißgestalten nachbilden müssen , in so rührenden Wendungen , daß mein Anteil immer höher stieg . Indessen , sagte er , habe er doch gemerkt , daß jene Herrgötter menschliche Körper vorstellen sollten , und da sei das brennendste Verlangen in ihm erregt , einen wirklichen natürlichen Leib in seiner wahren Gestalt zu erblicken . Zufällig habe er gehört , daß es Personen beider Geschlechter gebe , die sich wohl zu solchem Zwecke den Malern darliehen , und nun habe er nicht eher geruht , bis er des ersehnten Anblicks teilhaftig geworden sei . Da habe er denn etwas zu sehen bekommen , worüber nichts in der Welt gehe ; jegliches so ebenmäßig , fein , rund und doch straff . All sein Taschengeld habe er nun auf Modelle verwendet , deren verschiedne Stellungen er in seinen heimlichsten Stunden , selig vor Vergnügen , abgezeichnet habe . Heute sei er mit einer wahren Wollust bemüht gewesen , die Glieder und Formen eines wunderschönen Mädchens auf das Papier zu übertragen , als er wahrgenommen , daß man ihn belausche . Es sei hierauf ein großer Lärmen im Hause entstanden , und die Dame habe ihm , als einem schlechten liederlichen Menschen die Türe weisen lassen . Außer sich vor Ärger und Beschämung sei er nach dem Gasthofe gelaufen , um sein Brot anderweit zu verdienen , sei es auch durch Laufen und Packentragen für die Reisenden . Ich wollte den Namen jener guten Törin wissen , welcher es unbekannt zu sein scheint , daß man , um Menschen zu malen , ihre Gestalt kennenlernen muß ; mein junger Exilierter weigerte sich aber , da er aus meinen Worten abnahm , wie ich über den Vorfall denke , sie zu nennen , die immer , so fügte er hinzu , seine Wohltäterin bleibe . Durch diesen Beweis von Zartsinn wurde er mir noch lieber . Ich ließ ihn seine Zeichnungen bringen , und hatte über ein urkräftiges Talent zu erstaunen , welches in Gefahr gewesen war , durch verrückte Modetorheit , wenn nicht erstickt , doch aufgehalten zu werden . Roh und unfertig waren diese Sachen , das ist richtig , aber aus jedem Punkte , aus jeder Linie leuchtete ein so tiefer Sinn für die Natur , ein so reines Schönheitsgefühl hervor , daß ich wahrhaft in Erstaunen gesetzt ward . Es versteht sich , daß ich ihn nicht hierlasse , sondern mit mir nehme , obgleich ich voraussehe , daß er mich in kurzem überholen wird . - Wissen Sie vielleicht mir die altertümelnde Beschützerin zu nennen ? Denn ich muß ihr doch danken , daß ihre Kenntnis von dem Studiengange eines Malers mir zu dieser Bekanntschaft verholfen hat . « Achtes Kapitel » Die letzte Frage und Aufforderung hörte die Meyer nicht mehr . Sie hatte sich schon während der Erzählung , sobald deren traurige Beziehung klar ward , hochrot , eine Unpäßlichkeit vorschützend , still entfernt . Unsre Gesichter können Sie sich denken . Der gute Künstler war ganz verwundert , daß seiner Geschichte nichts als ein dumpfes Schweigen folgte . Beim Nachhausegehn fragte er mich , ob er gegen jemand verstoßen habe , worauf ich ihm versetzte , der ganze Tag sei nur ein Verstoß gewesen . Kurz nach diesem unglücklichen Ausgange byzantinischer Bestrebungen schickten die Meyer und Wilhelmi Verlobungskarten umher . Wir erfuhren , daß Wilhelmi nach ihrem Rückzuge aus der Gesellschaft ihr gefolgt sei , und sie auf dem Sofa liegend , erschöpft und weinend , gefunden habe . Sein Herz war gegen die Leidende übergegangen , aus sanften Tröstungen hatte sich bald eine zärtliche Erklärung entwickelt . Da sie , zu beständigem Wittum entschlossen , dieser widerstanden hatte , soll er auf eine kluge Weise haben einfließen lassen , daß ein kunstkundiger Gemahl ihr gesagt haben würde , die Maler ständen nun einmal von nackten Mädchen nicht ab , und wer solches nicht ertragen könne , der müsse sie nicht in das Haus nehmen . Da hat die Meyer auf einmal die ganze Mißlichkeit ihrer Stellung erkannt , hat eingesehen , daß eine gelehrte Frau , welche sich behaupten will , durchaus eines Gatten bedarf , der seine Schulen durchgemacht hat ; und aus diesen Gefühlen und Erwägungen ist das Bündnis erwachsen , worüber die Stadt beinahe eine ganze Woche zu reden hatte , welches aber jetzt über andre Dinge von Belang schon wieder vergessen worden ist . « Nur ungern hörte Hermann diese Erzählung mit an , welche ihm zwei Personen , denen er zugetan war , in einem lächerlichen Lichte zeigte ; indessen konnte er der unermüdlichen Zunge des Spötters nicht entrinnen . - » Wie sie bemüht sind , sich alles zu zersprechen , damit nur gar nichts übrigbleibe , woran Liebe und Verehrung haften kann ! « rief er , als er allein war , aus . » Dieser Mensch nennt sich einen Freund des Hauses und scheut sich nicht , mit der giftigsten Lästerung über die Herrin des Hauses herzufallen ! « Er hatte vergessen , daß ein geheimer Hohn die Lebensluft der guten Gesellschaft ist , weil nur durch ihn das Gleichgewicht bewahrt wird , dessen sich jedes Mitglied bewußt sein muß , um zur Unterhaltung beizutragen . Nach manchen vergeblichen Gängen traf er endlich seinen Freund Wilhelmi , und wünschte ihm herzlich Glück . Mußte er auch über dessen Emphase lächeln , womit Wilhelmi lauter Eigenschaften an seiner Verlobten hervorhob , welche diese wirklich nicht in ausnehmendem Grade besaß , so war in dessen Äußerungen doch so viel Empfundnes , so fühlte der Freund doch so tief das Glück , einem einsamen Leben zu entrinnen , daß er sich wahrhaft über dessen Schicksal freuen konnte . Selbst das Äußere Wilhelmis hatte der Bräutigamsstand verwandelt , seine Wangen waren röter geworden , seine Augen lebhafter , und er sah wieder wie ein stattlicher Mann in den besten Jahren aus . Auch Madame Meyer fand er vorteilhaft verändert . Sie war stiller und sinnender , trug sich nicht mehr so viel vor , redete auch mehr von den gewöhnlichen Dingen des Lebens , als von der Kunst . Die Kapelle und die altertümlichen Sammlungen waren geschlossen . Sie empfing ihre Freunde wirklich in den Zimmern , die der Spötter beschrieben hatte . Der Kreis ihrer Gesellschaft hatte sich verengt , und sie bekannte unsrem Freunde in einer traulichen Stunde , daß sie sich dabei wohler fühle . Dagegen sagte Wilhelmi , daß er nur die Hochzeit abwarten wolle , um dann die Vereinigung seiner Sammlungen mit denen seiner Frau vorzunehmen , und in das ganze Besitztum eine systematische Ordnung zu bringen . Er fügte triumphierend hinzu , daß diese verbundnen Schätze von der Art sein würden , um auch noch neben den Sammlungen des Staats die Aufmerksamkeit der Kenner und Liebhaber zu erregen . » Dein gutes Geschick hat freundlich für dich gesorgt « , versetzte Hermann . » Du wolltest Direktor des Nationalmuseums werden , worin du manchen Verdruß und Zwang würdest zu erdulden gehabt haben . Anstatt dessen macht dich die Liebe zum Kustos eines Privatkabinetts , mit dem du wirst schalten können , wie du magst . « War es ihm von Herzen lieb , das Los seiner Freunde auf so zuverlässige Art gesichert zu sehn , so konnte er sich doch eines stillen Neides nicht erwehren . » Der Misanthrop , der Grillenhafte wird ohne sein Zutun , aller Wahrscheinlichkeit zuwider , in den Hafen geführt , während ich , der ich das Glück einfach und gerades Weges suche , plan- und bahnlos mich von meinem Ziele fortschleudern lassen muß ! « rief er . » Wo ist da noch Zusammenhang in der Welt , wenn Launen und Seltsamkeiten das Gute und Zweckmäßige gebären , dem wirklichsten Bedürfnisse aber sich grausam die Erfüllung versagt ? « Er fühlte lauter Widersprüche in seinem Schicksale , und ein unbestimmtes Grauen vor der nächsten Zukunft überschlich ihn . Um Schutz gegen sich und seine Gedanken zu finden , nahm er die Bibel zur Hand , welche aber hier , wie in jedem Falle einer aus dem Stegreife mit ihr gesuchten Bekanntschaft , dieselbe ablehnte und dem heftig Andringenden ein hartes , undeutsames Antlitz zeigte . Von Johannen und Medon hörte er wenig . Sie hatte sich seit einiger Zeit fast ganz zurückgezogen und selbst den Umgang mit Madame Meyer aufgegeben : Er war , wie man sagte , von seinem Plane , zu reisen , abgegangen , und sollte sehr ernsthaft an einer staatswirtschaftlichen Schrift arbeiten . Hermann schob seinen Besuch von Tage zu Tage auf , obgleich ihn eine tiefe Sympathie zu dem unglücklichen schönen Wesen hinschmeicheln wollte . Das Museum war jetzt der Sammelpunkt der feinen Welt geworden . Eines Tages traf Hermann dort den Prinzen , welchem er in Medons Hause vorgestellt worden war , den Erzähler des Mondscheinmärchens . Er war so gefällig , sich seiner zu erinnern , und freute sich , ihn wiederzusehn . » Man wollte hier wissen « , sagte der Prinz , » Sie würden nicht zurückkehren . Sie wären der Associé Ihres Oheims in seinem Geschäfte geworden . « - » Die Welt « , versetzte Hermann , » hat einen entschiednen Hang , uns Dinge anzudichten , welche gewöhnlich dem , was wir eigentlich tun und begehren , schnurstracks entgegen sind . « » Das ist wahr « , erwiderte der Prinz . » Hierin zeigen sich die Menschen wahrhaft erfindungsreich , und aus den gewöhnlichsten Köpfen entspringen nicht selten die sinnreichsten Mythen . So hat man mich zum Beispiel - und ich wüßte durchaus nicht zu sagen , wodurch ich die Veranlassung gegeben hätte - zu einem begeisterten Verehrer oder gar Protektor der bildenden Künste gemacht , während ich mir bewußt bin , für sie eigentlich kein Auge zu besitzen . Das Lustigste bei solchen Gesellschaftsfabeln ist , daß man unversehens und unwillkürlich aus einem Objekte derselben , zu ihrem Subjekte und Helden wird . Nach und nach versammelte sich um mich allerhand Gemaltes und Plastisches , ich übernahm das Patronat eines Vereins , und gehöre zu den fleißigsten Besuchern dieser Säle , obgleich ich , die Wahrheit zu gestehn , mehr der Menschen , welche sich hier einfinden , als der Gemälde wegen komme . « » Gnädigster Prinz « , sagte Hermann höflich , » Sie werden heute auf Ihre eignen Unkosten zum Märchendichter . « » O nein « , erwiderte der Prinz , » und ich schätze mich deshalb nicht geringer , weil ich der Mode meine Neigung versage . Ein lebendiges Interesse kann nur an einer Sache sich entzünden , welche in der Gegenwart kräftig wurzelt . Nun aber sehe ich an den Handlungen der Zeitgenossen durchaus nichts für das Auge , mithin auch nichts für den Pinsel oder Meißel . Wo die Kanonen und die taktischen Bewegungen das Schicksal der Reiche entscheiden , gibt es keine Heldengruppen , wo die Predigt im Gottesdienste das Wort führt , keine Erscheinungen , wo die Leute bis zu den Schustern und Schneidern hinunter den Frack tragen , kein Genre . Was soll also entstehn ? Entweder ein geschmackvoller Eklektizismus , welcher niemals eine Epoche macht , oder ein romantisches Unbestimmtes ; Versuche , der Poesie nachzutreten , die in wenigen Jahren schon , wenn gewisse momentane Stimmungen vorübergegangen sein werden , unverständlich sein müssen . Man darf sich ja nicht durch die jetzige allgemeine Neigung zu diesen Dingen täuschen lassen . Ein Unterschied der modernen Zeit von der griechischen besteht darin , daß unter uns Neueren das wahrhaft geniale Schöne fast immer im Gegensatze zu der herrschenden Stimmung erwächst , welche dagegen ihrerseits das als vorhanden zu präkonisieren pflegt , woran es ihr eben ganz gebricht . Dagegen ging in jener glücklichen griechischen Periode das besondre Genie der Künstler aus dem allgemeinen Talente der Nation hervor . Um an einem Beispiele meine Meinung klarzumachen , so glaubten wir an Klopstocks Oden , Bardieten und an den Nachahmungen derselben eine große vaterländische Poesie zu besitzen , und doch waren diese frostigen Exerzitien am allerfernsten von einer solchen . Nur eine Entwicklung der Schönheit sehe ich noch vor uns , nämlich die poetische ; in der Dichtkunst hat , wie ich glaube , Deutschland den Gipfel noch nicht erreicht . « » Diese Meinung ist für die Poeten der Gegenwart sehr tröstlich « , sagte Hermann , » um so tröstlicher , als viele Stimmen das dichterische Element der Zeit ganz leugnen wollen . « » Ich rede nicht von einem einzelnen , nicht von Individuen « , erwiderte der Prinz . » Urteile über Personen und Werke , deren Zeitgenosse man ist , sind meistens sehr mißlich . Meine Hoffnung bezieht sich auf etwas Allgemeines . Nun ist es wohl klar , daß eine Periode , in welcher alle Schätze des Geistes gewaltsam aufgeregt worden sind , so daß sie gleichsam in das Freie fielen , von selbst einen Fähigen hervorrufen muß , welcher sich dieses Reichtums bemächtigen wird . Diesem wird gerade der Mangel an äußerm plastischen Leben höchst förderlich sein , da unsrer Stimmung die deskriptive Poesie immer langweilig erscheint , und die Dichter dieser Jahrhunderte mit Glück nur das Innerliche , die bewegenden Ursachen der Dinge ergriffen haben . « Hermann hatte nur aus schuldiger Rücksicht dem letzten Teile dieser Auseinandersetzung zugehört , denn eine unerwartete Erscheinung wendete seine Gedanken von den Reden des Prinzen ab . Zu der Flügeltüre des Saals , in welchem sie standen , trat nämlich herein , abenteuerlich aufgeputzt , im bunten Gewande , eine Gestalt , in welcher er nach kurzem Besinnen Flämmchen erkannte . Flatternde Bänder zierten Achseln und Schulter , Schmelzbesatz säumte Busen und Leib , das kurze Röckchen war zackig ausgeschnitten , darunter sahen rotflammige Strümpfe und goldne Schuhe hervor . Die schönen nackten Arme umschlossen an den Gelenken Korallenschnüre , ein safrangelbes Bindentuch , welches sich durch ihre Locken zog , vollendete den fremdartigen Anblick . Sie betrat den Saal mehr schwebend , als gehend , spielte mit einem Elfenbeinstäbchen , warf es empor , und fing es mit reizender Beugung des Arms wieder auf . Ihr nach drang ein Schwarm verwunderlich-geschmückter junger Herrn ; eine ältliche korpulente Figur mit kahlem Haupte , die Brille vor den Augen , bewegte sich mühsam hinterher . Flämmchen scherzte und schäkerte mit ihrer Begleitung , der ganze Zug rauschte an den Wänden umher , und auf die Gemälde wurde wenig geachtet . Es war das Bild einer leichtfüßigen Nymphe , welche Satyrn und Faunen umspringen , und der Silen mit Anstrengung folgt . » Was ist Ihnen ? « fragte der Prinz Hermann , welcher starr nach Flämmchen hinsah . Dieser versetzte , daß er ein Frauenzimmer bemerke , welches er früher sehr wohl gekannt habe . » Ach , unsre herkulanische Tänzerin und junge gnädige Frau dort « , sagte der Prinz , der nun erst auf den Zug aufmerksam wurde . » Ja , ich erinnre mich ,