Abschiede noch freundlich hinauf grüßend , worauf ihm Graf Robert noch mit zärtlicher Besorgniß Warnungen zurief , die der junge Mensch lächelnd beantwortete , indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edeln Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verließ . Trübe schlichen die Stunden vorüber , der Herbst war schon weit vorgerückt , feuchte Nebel senkten sich hernieder und die Natur bot dem bekümmerten Gemüthe keinen Trost , so daß nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewähren konnte . St. Julien kam , um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen . Er machte dem Grafen Robert Vorwürfe , daß er den jungen Gustav hatte abreisen lassen . Wir werden uns außerdem bald genug trennen müssen , sagte er , Du hättest doch gewiß einen andern finden können , der Deine Aufträge zu erfüllen im Stande wäre . Auch die Damen sind böse , daß Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast , und es wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen , und Du , nimm es nicht übel , Du bedarfst ihn am meisten . Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder , sagte der Graf lächelnd . Lieber Freund , erwiederte St. Julien ernsthaft , wenn man nur noch wenige Wochen zu leben hat , dann sind einige Tage viel . Du weißt , wir müssen uns bald trennen , und Gott weiß , wohin dann mich das Schicksal führt . Es scheinen sich neue Gewitter im Süden zusammen zu ziehen , und mir blutet das Herz , wenn ich denke , daß wir , die wir hier so glückliche Tage mit einander leben , uns nun trennen und vielleicht niemals wiedersehen , denn wer kann mit Bestimmtheit wissen , ob ich aus den Kämpfen , die sich zu entwickeln drohen , lebend wiederkehre . Der Graf Robert drückte schweigend die Hand des jungen Mannes , indem er liebevoll in die dunkeln Augen blickte , die mit Zärtlichkeit auf ihn gerichtet waren , und der junge Wertheim sagte in der übereilten Hoffnung , daß sich vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrünnig machen ließe : Wenn Sie Ihre deutschen Freunde so lieben , wie Ihre Worte zeigen , warum verlassen Sie denn nicht die Sache des Weltunterdrückers und ersparen Sich einen Schmerz , den ich natürlich finde , und die späte Reue , zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben ? Beleidigt blickte St. Julien auf , doch die Flamme des Zornes verschwand , als sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete , und er erwiederte lächelnd : Es wäre unpassend , wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht auf den Ruhm legen wollte , der die französischen Waffen umgiebt , und der allein hinreichend wäre , Frankreichs Krieger an ihren großen Feldherrn zu fesseln ; aber ich frage Sie , Herr von Wertheim , wenn ich so glücklich wäre , von Ihnen sehr geliebt zu werden , ob Sie in dieser Neigung , wie mächtig sie auch wäre , einen Grund finden könnten , Ihren König , Ihr Vaterland , Ihre Sache zu verlassen , wenn sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln ? Auch denken meine deutschen Freunde zu gut von mir , fuhr er etwas empfindlich fort , als daß sie einen solchen Schritt je auch nur für möglich gehalten hätten . Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte , die nicht dazu dienten die Gemüther einander zu nähern , und der Graf Robert erinnerte endlich , daß es Zeit sei , sich in den Saal zu begeben , wohin ihn alle drei Freunde etwas mißmüthig begleiteten . Die Hausgenossen waren schon versammelt , und man nahm um so lieber zur Musik seine Zuflucht , da sich ein heiteres Gespräch diesen Abend nicht wollte durchführen lassen , weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden war . Während des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich geräuschvoll in den Saal , und man sah es ihm an , daß er mit Ueberwindung den Schluß der Musik erwartete , weil er etwas auf dem Herzen hatte , das ihm wichtiger als alle Musik der Welt schien , und sein Bestreben , sich dem Grafen zu nähern , war so auffallend , daß selbst Emilie während des Gesanges sich dadurch gestört fühlte und dem Ende zueilte , ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages zu entfalten und ihr Gefühl in Tönen sich wiegen zu lassen . Man hatte auch kaum geendigt , als die auffordernde Miene des Geistlichen den Grafen nöthigte aufzustehen und sich ihm zu nähern , worauf dieser ein scheinbar gleichgültiges Gespräch anknüpfte , indem er mit dem Grafen durch den Saal ging und dann , wie er glaubte , unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer führte . Als sie dieß erreicht hatten , ging der Prediger einige Mal auf und nieder , und der Graf brach endlich das Schweigen , indem er sagte : Sie haben vermuthlich etwas zu berichten , das nicht angenehmer Natur ist , denn sonst würden Sie , Herr Prediger , nicht so lange mit der Mittheilung zögern . Wenigstens sonderbar ist es , erwiederte der Geistliche , und ich befürchte , Sie werden von mir glauben , daß ich mich in Ihre Familienangelegenheiten einzumischen suche , und doch konnte ich es , vermöge meines Amtes , nicht ablehnen , da ich ersucht wurde , meine Kräfte anzuwenden , um Frieden zu stiften und wo möglich zu vereinigen , was so lange schon unnatürlich entzweit ist . Wie verstehe ich das ? fragte der Graf mit finstrer Stirn . Ich will es zugeben , sagte der Geistliche mit so mildem Tone , wie er ihn nur von seiner scharfen Stimme erzwingen konnte , daß der Bruder Ihrer Frau Gemahlin Unrecht gegen seine Schwester geübt hat . Er gesteht dieß selbst ein mit herzlicher Reue , aber sollen deßhalb Geschwister einander ewig zürnen ? Beten wir nicht täglich : Vergib uns unsere Schuld , wie wir vergeben . Und soll dieß ein leeres Wort bleiben , bei dem unsere Herzen nichts empfinden ? Lassen wir das , Herr Prediger , sagte der Graf kurz und finster ; ich bitte Sie , diese Seite nie mehr zu berühren . Der Graf wollte nach diesen Worten zur Gesellschaft zurückkehren , der Prediger aber hielt ihn zurück , und indem er den Ton des Seelsorgers fallen ließ , sagte er im Tone des Geschäftsfreundes : Gönnen Sie mir noch einen Augenblick , ich habe meine Pflicht gethan , indem ich die Versöhnung der Geschwister versuchte , worauf ich nie gekommen wäre , wenn ich nicht den bestimmten Auftrag dazu hätte . Und Wer , fragte der Graf , mischt sich in meine Familienangelegenheiten ? Wer kann Ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben ? Wer anders , erwiederte der Pfarrer lächelnd , als der , dem die Versöhnung am Meisten am Herzen liegt . Wie , rief der Graf mit Erstaunen , der Baron Schlebach ? Ihr Herr Schwager , ja , versetzte der Pfarrer mit schlauem Lächeln . Niemals , erwiederte der Graf mit Heftigkeit , darf er auch nur die leiseste Annäherung erwarten ; und ich kann die Hartnäckigkeit , mit der er darauf besteht , nicht achten . Ich bitte Sie , ihm dieß so deutlich zu machen , daß er es einsehen muß . Wählen Sie dazu Worte , welche Sie wollen , nur befreien Sie mich und seine arme Schwester von einer Zudringlichkeit , die für uns unerträglich ist . Hören Sie mich , sagte ernsthaft der Geistliche , den die große Heftigkeit des Grafen in Verwunderung setzte . Es ist ganz unmöglich , daß Sie den Baron Schlebach nicht sprechen ; Sie würden dadurch Auftritte veranlassen , die Ihnen , wie ich Sie kenne , im höchsten Grade widrig sein würden . Wie kommen Sie mit diesem Menschen in Verbindung ? sagte der Graf noch immer sehr entrüstet . Ohne mein Zuthun , erwiederte der Pfarrer . Der alte Lorenz brachte ihn heute zu mir , indem er zu mir mit seiner gewöhnlichen Heuchelei sagte , da ich von Gott dazu bestimmt sei , die Irrenden auf den rechten Weg zu leiten , so habe er dem Herrn Baron gerathen , sich an mich zu wenden , damit er den Frieden seiner Seele wieder gewänne und in Eintracht mit seiner Familie leben könne , denn ihm nage es das Herz ab , wenn er sehen müsse , wie seinen verehrten Freund , den Herrn Baron , der Kummer darüber verzehre , daß sich diejenigen , die Gott ihm so nahe gestellt habe , so fern von ihm hielten . Der Baron sprach weniger von Gott zu mir , sondern sagte mir bloß , Herr Lorenz habe ihm versichert , daß ich der Freund Ihres Hauses sei , und da mein Amt es mir zur Pflicht mache , die Gemüther der Menschen zu versöhnen , so werde ich , wie er hoffe , gewiß auf das Bereitwilligste ihm eine Unterredung mit Ihnen auszuwirken suchen , die vielleicht eine Versöhnung zwischen lang getrennten Geschwistern herbeiführen könne , um so mehr , da er bereit sei , jedes Unrecht gegen seine Schwester einzugestehen und sie deßhalb um Verzeihung zu bitten . Dieß alles wurde sehr höflich gesagt , aber er fügte hinzu : Sagen Sie meinem Schwager , daß ich ihn durchaus sprechen muß , und wenn er eine Unterredung , die ich , wie Sie selbst sehen , mit Vorsicht einleite , nicht bewilligen will , so bin ich entschlossen , nach Schloß Hohenthal zu gehen , um ihn aufzusuchen , und er kann meinen Anblick nur dann vermeiden , wenn er den nächsten Verwandten seiner Gemahlin mit Gewalt von seiner Schwelle treiben läßt . Was kann der Mensch von mir wollen ? rief der Graf entrüstet , welch neues Unglück will er durch seine Gegenwart hervorrufen ? Bewilligen Sie ihm die Unterredung , sagte der Pfarrer besänftigend . Ich habe ihn gebeten die Nacht bei mir zu bleiben , dann kann er morgen früh hieher kommen , und Sie sprechen ihn erst allein und bestimmen , ob er sich Ihrer Frau Gemahlin nähern soll . Hieher nicht , rief der Graf noch immer sehr aufgeregt , hierher darf er nicht kommen , die Gräfin darf ihn nicht in ihrer Nähe ahnen . Der unglückliche Frevler , er kennt nicht einmal den Umfang seiner Schuld . Der Graf schwieg plötzlich , denn mitten in seiner Leidenschaftlichkeit bemerkte er den aufmerksam lauernden Blick des Predigers , der zu erwarten schien , daß im Drang verschiedener schmerzlichen Empfindungen der Graf jede Zurückhaltung aufgeben und ihm die Quelle der Leiden zeigen würde , die er oftmals in einer Familie wahrgenommen hatte , die von außen so glücklich schien . Ein kurzes Schweigen war entstanden . Endlich sagte der Geistliche , ein wenig über die getäuschte Hoffnung verstimmt : So sprechen Sie ihn bei mir , wenn Sie ihn hier nicht sehen wollen , denn , glauben Sie mir , sprechen müssen Sie ihn durchaus , wenn nicht ärgerliche Auftritte entstehen sollen . Nach einigem Nachdenken sagte der Graf mit ruhiger Fassung : Ich nehme dankbar Ihr Anerbieten an und bitte Sie die Sache so zu leiten , daß der Gräfin die Nähe ihres Bruders wo möglich verschwiegen bleibt . Auch ich hätte gern ein Zusammentreffen vermieden , das nicht erfreulich sein kann ; indeß auch solche Dinge gehören zu den Bürden des Lebens , die ein Mann muß ertragen können . Der Prediger gelobte von seiner Seite Verschwiegenheit , doch bemerkte er gegen den Grafen , daß der Baron mit dem alten Lorenz gekommen sei , der um so weniger eine Zusammenkunft , die er eingeleitet habe , verschweigen würde , wenn er wüßte , daß man dieß wünsche . Der Graf gab ihm Recht , und Beide wunderten sich darüber , daß der Baron mit dem Alten in einer Vertraulichkeit lebe , die unziemlich genannt werden konnte , da ihn nur niedrige Gründe bestimmt haben konnten , sich einem Trunkenbolde vertraulich zu nähern , von dem er durch Erziehung und Bildung und Gründe aller Art entfernt gehalten werden sollte . Der Graf kehrte jetzt mit dem Prediger scheinbar ruhig zu der Gesellschaft zurück und sagte , indem er dem ängstlichen Blicke der Gräfin begegnete , mit heiterem Lächeln : Der Herr Prediger hatte mir Mancherlei über die Gemeinde mitzutheilen ; aber nicht wahr ? setzte er hinzu , indem er ihm die Hand bot , wir werden gemeinschaftlich alle Uebel abwenden . Gewiß , antwortete der Pfarer lächelnd , das Schwerste haben Sie ja schon gethan . Die Gräfin , die durch die lange Abwesenheit ihres Gemahls und des Predigers beunruhigt worden war , glaubte nach diesem heiteren , gleichgültigen Gespräch , daß nichts Bedeutendes vorgefallen sein könnte , und wollte sich der Unterhaltung wieder hingeben , aber es war diesen Abend kein Leben in die Gesellschaft zu bringen . Der Graf war innerlich mit der Unterredung beschäftigt , die am folgenden Tage Statt finden sollte . Die Gäste des Grafen Robert waren , von Kummer und Mißtrauen gedrückt , zu keiner harmlosen Theilnahme an der Unterhaltung zu bewegen , so daß man zuletzt zu den Karten seine Zuflucht nahm , womit der Prediger besonders zufrieden war . Da der Baron Lehndorf , sein Freund Wertheim und der Prediger die Parthie des Obristen Thalheim machten , so redete der Pfarrer den Verwundeten oftmals an und nöthigte ihn die verabredete kleine Fabel zu wiederholen , daß er nämlich mit dem Pferde gestürzt sei und sich den Arm beschädigt habe , welcher Unfall ihn genöthigt , das Vorwort seines Freundes zu benutzen , um die Gastfreundschaft hier in Anspruch zu nehmen , wo er zugleich so glücklich gewesen sei , den Beistand des Herrn Doktors für seinen Arm benutzen zu können . Und davon haben Sie mir nichts gesagt , sagte der Prediger , indem er einen scharfen Blick auf den Arzt richtete , der dem Spiele zusah . Der überraschte Freund wurde roth und sprang einen Schritt zurück , drückte dann die Augen zu und sagte , vor Verlegenheit blinzelnd : Es ist eine unbedeutende Beschädigung , es war nicht der Mühe werth darüber zu sprechen . Der Prediger erwiederte nichts weiter , richtete aber noch einige gleichgültige Fragen über das französische Militair an den Baron Lehndorf und seinen Freund , und spielte ruhig seine Parthie zu Ende . Nach dem Abendessen nahm er den Arzt am Arme und schlug ihm vor , noch eine Pfeife Tabak in seinem Zimmer zu rauchen , welches dieser nicht ablehnen konnte , und so trennte sich die Gesellschaft , weil ein Jeder sich danach sehnte , sich seinen Gedanken ungestört überlassen zu können . Nachdem der Prediger im Zimmer des Arztes mit großer Gelassenheit seine Pfeife in Ordnung gebracht , gestopft und angezündet hatte , lud er seinen Freund ein , seinem Beispiel zu folgen , woran dieser noch nicht gedacht hatte , denn ihm war heute die Aussicht , daß der Geistliche noch lange könne bei ihm verweilen wollen , nicht angenehm , weil er sich gern losmachen und seine Pflicht erfüllen wollte ; denn die Wunde des Herrn von Wertheim mußte noch verbunden werden , und er wollte den jungen Mann nur ungern noch länger die Ruhe der Nacht entbehren lassen . Also , fing der Prediger das Gespräch an , den Rauch aus seiner Pfeife in die Höhe blasend , der Herr von Wertheim ist mit dem Pferde gestürzt und dadurch ist er verwundet worden ? Unbedeutend , erwiederte der Arzt , er wird bald hergestellt sein und seine Reise fortsetzen können . Und nach Warschau will er ? fragte der Prediger weiter . So höre ich , sagte sein ängstlich werdender Freund . Lieber Doktor Lindbrecht , erwiederte hierauf der Geistliche lächelnd , Sie haben durchaus kein Talent zum Lügen . Das müssen Sie besser lernen , wenn Sie mich hintergehen wollen . Ich will Ihnen jetzt sagen , wie die Sache zusammenhängt . Ihr Kranker ist im Duell mit einem französischen Obristen verwundet worden , der noch übler weggekommen ist , denn an seinem Aufkommen wird gezweifelt , und der Divisions-General hat der Gemahlin des Obristen versprochen , den Mörder desselben auf ' s Nachdrücklichste zu verfolgen , deßwegen thun Sie gut , wenn Sie Ihrem Patienten rathen , seine Genesung nicht hier abzuwarten , und Sie müssen den Ruhm ihn herzustellen schon einem Andern überlassen . Der Arzt betrachtete seinen Freund mit weit geöffneten Augen , blieb eine Zeit lang sprachlos vor Erstaunen und rief dann : Sie haben einen Dämon , der Sie lehrt in die Tiefe eines jeden Geheimnisses zu blicken , denn auf gewöhnlichen Wegen können Sie unmöglich Alles erfahren . Sie sehen , ich habe meine Nachrichten , erwiederte der Prediger selbstgefällig lächelnd , und Sie sehen auch , daß das zuweilen nicht so übel ist , denn man kann unbesonnenen Leuten dienen , wenn man wohl unterrichtet ist . Noch stand der Arzt in Staunen verloren über die unbegreifliche Klugheit seines Freundes , als die Thüre geöffnet wurde und der Graf Robert eintrat , der mit einiger Verlegenheit den aufgeregten Arzt und den gelassen rauchenden Prediger betrachtete . Sie sehen nach , hob der Letztere schalkhaft lächelnd an , ob Sie unsern Freund , den Doktor , noch nicht allein finden , damit er die Wunden des Herrn von Wertheim endlich verbinde . Nicht ich , rief der Arzt heftig vorspringend und die Hand auf die Brust legend , nicht ich habe den Verrath begangen . Er weiß unser Geheimniß , aber , welcher Dämon es ihm verrathen , ist mir unbekannt . Sein Sie ruhig , sagte der Prediger ernsthaft , und gebehrden Sie sich nicht so wunderlich . Ich habe von Reisenden zufällig erfahren , daß ein französischer Obrist von einem verabschiedeten preußischen Offizier schwer verwundet worden ist . Also lebt der Obrist , rief der Graf in freudiger Ueberraschung , jede Zurückhaltung aufgebend . Er lebte noch vorgestern , erwiederte der Geistliche . Die Aerzte sollen aber sein Aufkommen bezweifeln und der Divisions-General die heftigste Verfolgung der Flüchtlinge beabsichtigen . Deßhalb rathe ich Ihnen , Ihre Freunde so bald als möglich fortzuschaffen und nicht eine Minute länger , als es nöthig ist , zu zaudern . Der Graf dankte dem Prediger und eilte , seinem Oheime die Nachrichten , die er eben erhalten hatte , mitzutheilen , worauf Dübois gerufen wurde , der alsbald wieder die Zimmer des Grafen verließ , um Postpferde für den folgenden Morgen um fünf Uhr zu bestellen . Der Arzt hatte die Wunde des Kranken eben verbunden , als der Graf Robert zu diesem eintrat , ihm die Nothwendigkeit anzuzeigen , schon den andern Morgen zu reisen . Wertheim war mit dieser Anordnung zufrieden , denn er fühlte sich gedrückt unter dem Dache des Grafen . Der Arzt theilte ihm hierauf noch , ehe er sich zurückzog , die nöthigen Verhaltungsregeln für die Reise mit , versprach auch um vier Uhr die Wunde noch ein Mal zu verbinden und kehrte dann zum Prediger zurück , den er noch rauchend auf seinem Zimmer fand , und der nun auch mit dem übermüthigen Rathe von ihm schied , in der Zukunft das unnütze Bestreben ihm etwas zu verheimlichen aufzugeben . XV In der Dämmerung des Morgens hielt eine schlechte Postchaise auf dem Hofe und der Baron Lehndorf bestieg sie mit seinem Freunde , nachdem dieser aus den Händen des Arztes befreit war , der dieß Mal seinen Verband noch sorgfältiger als gewöhnlich aufgelegt hatte , damit die Anstrengung der Reise die Wunde so wenig als möglich erhitzen möge . Ein kleiner Mantelsack war gepackt worden , der die nöthigsten Gegenstände enthielt , mit denen der Graf Robert die scheidenden Freunde versorgte . Eine Summe Geldes hatte er ihnen ebenfalls eingehändigt , die ihre nächste Zukunft sicherte , und ob sie ihm gleich herzlich dankten , so empfingen sie doch seine Hülfe ohne Beschämung , da er zu ihrer Verbrüderung gehörte und es die Pflicht eines jeden Mitbruders war , aus allen Kräften die Glieder des Bundes zu unterstützen , die eben Hülfe bedurften . Da die Freunde aus sicheren Quellen wußten , daß Schill in Berlin erwartet wurde , so beschlossen sie , sich ebenfalls dahin zu begeben , und der Graf Robert hatte ihnen versprochen , dort wieder mit ihnen zusammen zu treffen , da auch er zunächst die Hauptstadt besuchen wollte und die Abreise dahin immer nur verzögert hatte , weil er sich vor dem Schmerze der Trennung fürchtete . Die beiden scheidenden Freunde hatten beinah die ganze Nacht dazu angewendet , ihn zu überreden , sich ebenfalls , wie sie es beschlossen hatten , an Schill anzuschließen . Der Graf aber war dem seinem Oheim gegebenen Worte treu geblieben , dem er feierlich versprochen hatte , nichts übereilt zu beschließen und jedes Unternehmen vorher streng zu prüfen , ehe er sich zur Theilnahme bereit zeigte . Deßhalb blieb er standhaft dabei , den Freunden zu versichern , daß er , wenn ihm in der Nähe Alles so sicher und vortheilhaft für die gute Sache erscheinen sollte , wie es ihnen in der Ferne vorkäme , dann keinen Anstand nehmen würde , sich mit ihnen zu vereinigen . Diese sehr bedingte Zusicherung war den Freunden keineswegs angenehm und sie beklagten in dieser Rücksicht ihren zu kurzen Aufenthalt auf Schloß Hohenthal , weil sie meinten , der Graf Robert würde ihrer Ansicht haben weichen müssen , wenn sie Zeit gehabt hätten öfter auf den Gegenstand zurück zu kommen . Doch trösteten sie sich damit , daß in Berlin der Anblick der Schaar begeisterter Krieger , die den heldenmüthigen Anführer umgab , auch die Seele des kälteren Freundes entzünden und ihn bestimmen würde , durch einen kühnen Entschluß in ihre Mitte einzutreten . Die Gräfin wunderte sich über die schnelle Abreise seiner Freunde , als der Graf Robert sie ihr beim Frühstück anzeigte . Doch fand sie es natürlich , daß der Herr von Wertheim einen Aufenthalt zu verlassen eilte , der ihm unangenehme Erinnerungen aufdrängte , und sie beklagte nur , daß vielleicht seine Gesundheit durch die zu große unnütze Eile leiden könne . Der Graf meinte , in der Jugend habe man viele Lebenskraft und könne großen Beschwerden Trotz bieten . Er selbst könne die Abreise der beiden Freunde nur loben und würde an ihrer Stelle eben so gehandelt haben . Man fand nichts Ungewöhnliches darin , als nach dem Frühstück der Graf sein Pferd zu satteln befahl , weil er dem Prediger einen Besuch machen wollte , mit dem er , wie er sagte , manche die Gemeinde betreffende Gegenstände zu berathen habe , und die Gräfin ahnte nicht , als sie ihm nachblickte , indem er von dem Hofe hinunter ritt , welcher Zusammenkunft er entgegen eilte . Im Hause des Predigers war er schon mit Ungeduld erwartet worden , denn dem Hausherrn wurden seine Gäste überaus lästig , weil der alte Lorenz unter dem Schirme seines vornehmen Freundes den Prediger mit einer beleidigenden Vertraulichkeit quälte , die dieser nicht zurückzuweisen verstand und sich auch nicht geneigt fühlte zu ertragen . Er eilte also dem Grafen , so wie er ihn erblickte , vor die Thür seines Hauses entgegen und bewillkommnete ihn mit herzlicher Freude . Der Graf erwiederte diese freundliche Begrüßung in merklicher Spannung , und die Eile , mit welcher er eintrat , zeigte deutlich , daß er die ihn erwartende peinliche Unterredung so bald als möglich zu beendigen wünschte . Als er das Wohnzimmer des Pfarrers erreicht hatte , trat ihm der Baron Schlebach mit verbindlicher Freundlichkeit entgegen und wollte ihn mit der Vertraulichkeit eines Verwandten umarmen . Der Graf wich diesem Zeichen der Freundschaft durch eine höfliche , kalte Verbeugung aus und sagte , indem er einen strengen , verächtlichen Blick auf den alten Lorenz richtete : Da Sie mich wahrscheinlich allein und ungestört zu sprechen gewünscht haben , so denke ich , bitten wir beide den Herrn Prediger , daß er Ihrem Begleiter einen schicklichen Ort , Sie zu erwarten , anweiset ; er wird uns diese Gefälligkeit nicht abschlagen , da er schon so gütig gewesen ist , uns dieß Zimmer für eine kurze Zeit zu überlassen und hier eine Zusammenkunft zu gestatten , die Ihnen unvermeidlich scheint . Der Baron fügte sich dem Wunsche des Grafen , und der alte Lorenz hatte in der Gegenwart des Letzteren nicht den Muth , seine Unverschämtheit fortzusetzen . Er verließ also das Zimmer , und auch der Prediger fühlte , daß er der Unterredung zwischen den beiden , sich so seltsam gegenüberstehenden Verwandten schicklicher Weise nicht beiwohnen könne ; auch er verließ also das Gemach , obwohl mit zögerndem Schritte , indem seine natürliche Neugierde ihn wie ein Magnet festhalten zu wollen schien . So waren denn nun die beiden Verwandten allein , und ein fragender Blick des Grafen lud den Baron zum Sprechen ein , der noch immer lächelnd schwieg , weil er , wie es schien , die rechten Worte suchte , um diese seltsame Unterredung zu eröffnen . Der Graf hatte also Zeit ihn zu betrachten und sich zu erinnern , daß der Baron in der Blüte der Jugend ein auffallend schöner Mann gewesen war . Jetzt hatte freilich die Zeit und mehr vielleicht noch ein unregelmäßiges Leben die herrliche Gestalt zerstört ; aber immer noch leuchteten dem Grafen die schönen dunkeln Augen entgegen , die ihn an seine Gemahlin erinnerten , obwohl ein wilderes Feuer darin brannte . Die hohe , freie Stirn wurde durch die Beweglichkeit der Augenbraunen verunstaltet , und das süßliche Lächeln , welches den feinen Mund fortwährend umschwebte , gab diesem einen Zug von spöttischer Falschheit ; aber dennoch machte noch jetzt die Persönlichkeit des Barons einen angenehmen Eindruck , der durch seine schöne , weiche und doch männliche Stimme erhöht wurde , als er endlich zu sprechen begann , so wie die edeln Gebehrden eine gute Erziehung und das Leben in der feinen Welt bewiesen . Es ist wohl seltsam , hob der Baron mit scheinbarer Freimüthigkeit an , daß ich heute zum ersten Male das Glück habe , Ihnen als Verwandter gegenüber zu stehen , obgleich Sie schon so lange mit meiner einzigen Schwester verbunden sind und man glauben sollte , daß nach dieser Verbindung unser natürliches Verhältniß zu einander das , in dem Brüder gegen einander stehn , wäre . Es drängt sich uns im Leben , erwiederte der Graf , oft die Erfahrung auf , daß wir uns den Banden , welche die Natur zu knüpfen scheint , dennoch entziehen müssen , wie beklagenswerth uns auch diese Nothwendigkeit erscheinen mag . Aber ist es möglich , sagte der Baron mit einschmeichelndem Lächeln , daß meine Schwester einen Groll so lange nähren kann , daß die vernünftigere Ansicht des Gemahls nicht im Stande sein sollte , ihn zu besiegen ? Ich kann nicht glauben , daß sie einen so hohen Werth auf einige Summen legen sollte , die ich , ich gestehe es , von ihrem ersten Gemahl empfing und bei dem besten Willen nicht zurück geben konnte . Wenn meine Gemahlin , versetzte der Graf mit höflicher Kälte , Gründe hat , jede Annäherung zu vermeiden , und lieber das lieblose Urtheil der Welt über sich ergehen läßt , die sie schonungslos genug tadelt , daß sie dem Wunsche des einzigen Bruders entgegen in dieser Zurückgezogenheit beharrt , so kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung geben , daß diese Gründe nicht so niedriger Art sind . Sollte denn also ihr Herz , sagte der Baron mit den weichsten Tönen seiner sanften Stimme , sich auf immer feindlich gegen mich geschlossen haben , weil sie glaubt , daß ich freventlich , unkindlich unsere arme Mutter Preis gegeben habe ? Ach , könnte sie sich nur entschließen mich zu hören , sie würde dann auch dieß gewiß milder beurtheilen und mein Unglück vielleicht beklagen , wenn ich es auch durch Leichtsinn selbst veranlaßt haben sollte . Meine Gemahlin , antwortete der Graf , hat jeden Anspruch darauf , Ihre Handlungen zu beurtheilen , längst aufgegeben , und wenn sie sich außer dem Bereiche schmerzlicher Erinnerungen zu halten wünscht , so ist dieß , um den Frieden ihres Lebens zu bewahren , nothwendig , ohne von feindlichen Gesinnungen zu zeugen . Sie gewähren mir einen großen Trost , sagte der Baron mit scheinbarer Herzlichkeit , indem er dem Grafen die Hand bot , die dieser , wenn er nicht geradezu beleidigen wollte , nehmen mußte ; denn Sie geben mir die Versicherung , daß ich von meiner Schwester nicht gehaßt bin , und so darf ich denn nun mit größerer Zuversicht die Hoffnung einer endlichen Versöhnung hegen . Ich bitte Sie , entgegnete der Graf mit großem Ernst , jeden Gedanken an eine Annäherung gänzlich aufzugeben . Hat das Leben Ihrer Schwester den geringsten Werth für Sie , so werden Sie sich dieser Nothwendigkeit um so eher fügen , wenn ich Ihnen sage , daß Sie auf das Haupt dieser Unglücklichen ein Schicksal geladen haben , vor dem Sie vielleicht selbst schaudern würden , wenn Sie es in seinem ganzen Umfang kennen sollten . Wenn Sie aber trotz dieser Erklärung annähernde Schritte noch für angemessen halten , so muß ich noch hinzufügen , daß ich solche wie eine offenbare Feindseligkeit gegen mich betrachten würde , der ich auf gleiche Weise dann begegnen müßte . So wäre diese Hoffnung vorüber , sagte der Baron seufzend , und ich scheide völlig verarmt im Herzen aus meinem Vaterlande . Sie sehen nur mein Unrecht , aber nicht meine Schmerzen . Sie wollen Ihre Gemahlin vor unangenehmen Eindrücken bewahren und beachten es nicht , wenn Sie das Herz des Bruders zerreißen . Doch es sei , Sie ahnen nicht das Gefühl der Verzweiflung , mit dem ich von Ihnen scheide , da ich in der Hoffnung kam , das Herz meiner geliebten Schwester zu rühren , und