hier folgt den Zeilen , die meine Hand an Dich schreibt , in ungemessene Ferne , - denn ach wie fern Du mir bist , das kann ja doch nur Dein Herz entscheiden - dies Auge sah heute nacht in Deinem Auge den Schein des Mondes sich spiegeln . Ich träumte von Dir ; Du träumtest mit mir ; Du sprachst ; ich empfinde noch den Ton Deiner Stimme ; was Du sagtest , weiß ich nicht mehr ; Schmeichelreden waren ' s , denn mit Deinen Reden gingen Schauer von Wollust durch mich . Gott hat alles gemacht , und alles aus Weisheit und alle Weisheit für die Liebe , und doch sagen sie , ein Liebender sei toll ! Weisheit ist die Atmosphäre der Liebe , der Liebende atmet Weisheit , sie ist nicht außer ihm , nein , - sein Atem ist Weisheit , sein Blick , sein Gefühl , und dies bildet seinen Nimbus , der ihn absondert von allem , was nicht der Wille der Liebe ist , der Weisheit ist . Weisheit der Liebe gibt alles , sie lenkt die Phantasie im Reich der Träume und schenkt der Lippe die süße Frucht , die ihren Durst löscht , während die Unbegeisterten sich nach dem Boden umtun , dem sie den Samen anvertrauen möchten , aus dem ihr Glück reifen könnte , um das sie ihre Vorsicht betrügt . Ich aber sauge Genuß aus diesen Träumen , aus diesen Wonnen , die mir ein Wahn von Schmerz , ein eingebildetes Glück erregt ; und die Weisheit , die meiner Begeistrung zuströmt ; sie schifft mich auf ihren hohen stolzen Wellen , weit über die Grenze des gemeinen Begriffs , den wir Verstand nennen , und weit über den Beruf der irdischen Lebensbahn , auf der wir unser Glück suchen . Wie schön , daß die Weisheit der Liebe wirklich meine Träume beherrscht , daß der Gott das Steuer lenkt , wo ich keinen Willen habe , und mich im Schlaf da hinüberschifft zum Ziel , um das ich , es zu erreichen , immer wachen möchte . Warum träumst Du nicht auch von mir ? Warum rufst Du mich nicht an Deine Seite ? Warum mich nicht in Deinem Arm halten und freundlich Deinen Blick in meinen tauchen ? Du bist ja hier ; diese sonnigen Pfade , sie schlingen sich durcheinander und führen endlich auch zu Dir , o wandle auf ihnen ; ihre labyrinthischen Verkettungen : sie lösen sich vielleicht auf , da , wo Dein Blick den meinen trifft , wie das Rätsel meiner Brust , da , wo Dein Geist den meinen berührt . * * * Heute las ich in diesen Blättern ; lauter Seufzen und Sehnen . Wie würde ich beschämt vor Dir stehen , wenn Du in diesem Buch läsest ! So bleibt es denn verborgen und nur zu eigner Schmach geschrieben ? - Nein , ich muß an Dich denken und glauben , daß dies alles einmal an Deinem Geist vorüberzieht ; wenn es auch manchmal in mir ist , als wollt ich Dich fliehen ; Dich und diese seltsame Laune der Sehnsucht ; Laune muß ich sie nennen , denn sie will alles und begehrt nichts . Aber dieses Abwenden von Dir wird doppelter Reiz ; da sprengt mich ' s hinaus , die Berge hinan , noch im ersten Frührot , als könnt ich Dich erjagen , und was ist das Ende ? Daß ich mich wieder zum Buch wende . Nun , was hat ' s denn auf sich ? Die Tage gehen vorüber so oder so , und was könnt ich versäumen , wenn ich in diesen Blättern mich sammle ? * * * Heute war ich früh draußen , ich ging den ersten Feldweg , die Feldhühner schreckten vor mir auf , so früh war ' s noch ; die Wiesen lagen da im Morgenglanz , übersponnen mit Fäden , an denen die Tauperlen aufgereiht waren . Manchmal hält die Natur Dir die Wage , und ich empfinde die Wahrheit der Worte : » Weg du Traum , so gold ' du bist , hier auch Lieb und Leben ist . « So ein Gang , wenn ich wieder unter die Menschen komme , macht mich einsam . Ach , die zahmen Menschen , ich verstehe ihren Geist nicht . Geist lenkt , er deutet , er fliegt voran auf immer neuen Wegen oder er kommt entgegen wie die Leidenschaft und senkt sich in die Brust und regt sich da . Geist ist flüchtig wie Äther , drum sucht ihn die Liebe , und wenn sie ihn erfaßt , dann geht sie in ihm auf . Das ist meine List , daß die Liebe dem Geist nachgeht . Dir geh ich nach auf einsamen Wegen , wenn ' s still und ruhig ist , dann lispelt jedes Blatt von Dir , das vom Wind gehoben wird , da lasse ich meine Gedanken still stehen und lausche , da breiten sich die Sinne aus wie ein Netz , um Dich zu fangen , es ist nicht der große Dichter , nicht Dein weltgepriesener Ruhm ! In Deinen Augen liegt ' s , in dem nachlässigen und feierlichen Bewegen Deiner Glieder , in den Schwingungen Deiner Stimme , in diesem Schweigen und Harren , bis die Sprache aus der Tiefe Deines Herzens sich zum Wort entfaltet ; wie Du gehst und kommst und Deinen Blick über alles schweifen läßt , dies ist es und nichts anders , was mich erfreut , und keine glänzende Eigenschaft kann diese Leidenschaft erregenden Zeichen überwiegen . Da streif ich hin zwischen Hecken , ich dräng mich durch ' s Gebüsch , die Sonne brennt , ich leg mich ins Gras , ich bin nicht müde , aber weil meine Welt eine Traumwelt ist . Es zieht mich hinüber nur Augenblicke , es hebt mich zu Dir , den ich nicht mit Menschen vergleiche . - Mit den Streiflichtern und ihren blauen Schatten , mit den Nebelwolken , die am Berg hinziehen , mit dem Vögelgeräusch im Wald , mit den Wassern , die zwischen Gestein plätschern , mit dem Wind , der dem Sonnenlicht die belaubten Äste zuwiegt ; mit diesem vergleich ich Dich gern , da ist ' s , als wenn Deine Laune hervorbräche ! - Das Summen der Bienen , das Schwärmen der Käfer trägt mir Deine Nähe zu , ja selbst das ferne Gebell der Hunde im Nachtwind weckt mir Ahnungen von Dir ; wenn die Wolken mit dem Mond spielen , wenn sie im Licht schwimmen , verklärt : da ist alles Geist , und er ist deutlich aus Deiner Brust gehaucht ; da ist ' s , als wendest Du Geist Dich mir entgegen und wärst zufrieden , von dem Atem der Liebe wie auf Wellen getragen zu sein . Sieh ! So lieb ich die Natur , weil ich Dich liebe , so ruh ich gern in ihr aus und versenk mich in sie , weil ich gern in Dein Andenken mich versenke . Ach , da Du nirgends bist und doch da bist , weil ich Dich mehr empfinde als alles andere , so bist Du gewiß in diesem tausendfachen Echo meines Gefühls . * * * Ich weiß einen ! Wie mit Kindeslächeln hat er sich mit der Weisheit , mit der Wissenschaft befreundet . Das Leben der Natur ist ihm Tempel und Religion ; alles in ihr ist ihm Geisterblick , Weissagung , ein jeder Gegenstand in ihr ward ihm zum eigentümlichen Du , in seinen Liedern klingt die göttliche Lust , sich in allem zu empfinden , alle Geheimnisse in sich aufzunehmen , sich in ihnen verständlich zu werden . * * * Wenn der Same in die Erde kommt , wird er lebendig , und dies Leben strebt in ein neues Reich , in die Luft . Wenn der Same nicht schon Leben in sich hätte , könnte es nicht in ihm erweckt werden , es ist Leben , was ins Leben übergeht . - Wenn der Mensch nicht schon Seligkeit in sich hätte , könnte er nicht selig werden . Der Keim zum Himmel liegt in der Brust wie der Keim zur Blüte im verschloßnen Samen liegt . - Die Seligkeit ist so gut ein Erblühen in einem höheren Element wie jene Pflanze , die aus dem Samen durch die Erde in ein höheres Element , in die Luft geboren wird . Alles Leben wird durch ein höheres Element genährt , und wo es ihm entzogen ist , da stirbt es ab . Erkenntnis , Offenbarung ist Samen eines höheren Lebens , das irdische Leben ist der Boden , in dem er eingestreut ist , im Sterben bricht die ganze Saat ans Licht . Wachsen , blühen , Früchte tragen von dem Samen , den der Geist hier in uns gelegt hat , das ist das Leben nach dem Tod . Du bist der Äther meiner Gedanken , sie schweben durch Dich hin und werden von Dir im Flug getragen wie die Vögel in der Luft . An Dich denken , im Bewußtsein von Dir verweilen , das ist ein Ausruhen vom Flug , wie der Vogel ausruht im Nest . Geist im Geist ist unendlich , aber Geist in den Sinnen , im Gefühl ist Unendliches im Endlichen erfaßt . Meine Gedanken umschwärmen Dich wie die Bienen den blühenden Baum . Sie berühren tausend Blüten und verlassen eine , um die andre zu besuchen , jede ist ihnen neu ; so wiederholt sich auch die Liebe , und jede Wiederholung ist ihr neu . * * * Liebe ist immerdar erstgeboren , sie ist ewig ein einziger Moment , Zeit ist ihr nichts , sie ist nicht in der Zeit , da sie ewig ist ; sie ist kurz , die Liebe . Ewigkeit ist eine himmlische Kürze . Nichts Himmlisches geht vorüber , aber das Zeitliche geht vorüber am Himmlischen . * * * Hier auf dem Tisch liegen Trauben im Duft und Pfirsich im Pelz und buntgemalte Nelken ; die Rose liegt vorne und fängt den einzigen Sonnenstrahl auf , der durch die verschlossenen Fensterladen dringt . Wie glüht die Rose ! Psyche nenne ich sie ; - wie lockt das glühende Rot den Strahl in den innersten Kelch ! Wie duftet sie ; - hier lobt das Werk den Meister . Rose , wie lobst du das Licht ! - Wie Psyche den Eros lobt . - Unendlich schön ist Eros , und seine Schönheit durchleuchtet Psyche wie das Licht die Rose . - Und ich , die da wähnt , von Deiner Schönheit ebenso durchleuchtet zu sein , trete vor den Spiegel , ob es mich auch wie sie verschönt . Der Strahl ist dem Abend gewichen , die Rose liegt im Schatten , ich durchstreife Wald und Flur , und auf einsamen Wegen denk ich an Dich , daß Du auch wie Licht mich durchdringst . * * * Sehnsucht und Ahnung liegen ineinander , eins treibt das andre hervor . Der Geist will sich vermählen mit dem Begriff : ich will geliebt oder ich will begriffen sein , das ist eins . Darum tut der Geist wohl , weil wir fühlen , wie aus dem irdischen Leben das geistige ins himmlische übergeht und unsterblich wird . Die Liebe ist das geistige Auge , sie erkennt das Himmlische , es sind Ahnungen höherer Wahrheiten , die uns der Liebe begehren machen . In Dir seh ich tausend Keime , die der Unsterblichkeit aufblühen , ich mein , ich müsse sie alle anhauchen . - Wenn Geister einander berühren , das ist göttliche Elektrizität . Alles ist Offenbarung ; sie gibt den Geist , und dann den Geist des Geistes . Wir haben den Geist der Liebe , und dessen Geist ist der Liebe Kunst . Alles ist nichtig , nur der Wille reicht drüber hinaus , nur der Wille kann göttlich sein . * * * Wie begierig ist die Seele nach Wahrheit , wie durstet sie , wie trinkt sie ! - Wie die lechzende Erde , die tausend Pflanzen zu nähren hat , den fruchtbaren Gewitterregen trinkt ; die Wahrheit ist auch elektrisch Feuer wie der Blitz . - Ich fühl den weiten wolkendurchjagten Himmel in meiner Brust ; ich fühl den feuchten Sturmwind in meinem Kopf ; das weiche Heranrollen der Donner , wie sie steigen , mächtig , und das elektrische Feuer des Geistes begleiten . - Das Leben : eine Laufbahn , die mit dem Tod abschließt durch die Liebe , durch den Geist ; ein geheim verborgen Feuer , das sich bei diesem Abschluß ins Licht ergießt . Ja , elektrisch Feuer ! Das glüht , das braust , die Funken , die Gedanken , die fahren zum Schornstein heraus . Wer mich berührt im Gefühl meiner Geistigkeit , mit dem zusammen erbraust der Geist gewitterhaft und spielt im Pulsschlag der Stürme , im elektrischen Zittern der Luft . Das hab ich gedacht , wie wir miteinander sprachen und Du meine Hand berührtest . Geschrieben nach dem Gewitter , wie sich ' s nach dem Sturm noch einmal erhellen wollte und die Nacht dem nachträglichen Tag das Regiment abnahm . * * * Schon manch Vorurteil hab ich gelöst , so jung wie ich bin , wenn ich auch das eine lösen könnte , daß die Zeit nichts verjährt , Hunger und Durst werden auch nicht älter ; so ist ' s auch mit dem Geist , in der Gegenwart bedingt er schon die Zukunft . Wer Ansprüche an die Zukunft macht , wer der Zeit voraneilt , wie kann der der Zeit unterworfen sein ? Ich habe bemerkt an den Bäumen , immer ist hinter dem abwelkenden Blatt schon der Keim einer zukünftigen Blüte verborgen ; so ist auch das Leben im jungen , frischen , kräftigen Leib die nährende Hülle der Geistesblume ; und wie sie welkt und abfällt in der irdischen Zeit , so drängt sich aus ihr hervor der Geist als ewige himmlische Blüte . Wenn ich im späten Herbst im Vorübergehen das tote Laub von den Hecken streifte , da sammelte ich mir diese Weisheit ein ; ich öffnete die Knospen , ich grub die Wurzeln aus , überall drängte sich das Zukünftige aus der gesamten Kraft des Gegenwärtigen hervor ; so ist denn kein Alter , kein Absterben , sondern ewiges Opfern der Zeit an das neue junge Frühlingsleben , und wer sich der Zukunft nicht opferte , wie unglücklich wär der ! - * * * Zum Tempeldienst bin ich geboren , wo mir nicht die Luft des Heiligtums heimatlich entgegenweht , da fühl ich mich unsicher , als hab ich mich verirrt . Du bist mein Tempel , wenn ich mit Dir sein will , reinige ich mich von des Alltäglichen Bedrängnis wie einer , der Feierkleider anlegt ; so bist Du der Eingang zu meiner Religion . Ich nenne Religion das , was den Geist auf der Lebensstufe des Augenblicks ergreift und im Gedeihen weiter bildet wie die Sonne Blüten und Früchte . Du siehst mich an wie die Sonne und fächelst mich an wie der Westwind , unter solchen Reizungen blühen meine Gedanken . Diese Lebensepoche mit Dir zieht eine Grenze , die das Ewige umfaßt , weil alles , was sich innerhalb ihrer bildet , das Überirdische ausspricht , sie zieht einen Kreis um ein inneres Leben ; nenne es Religion , Offenbarung , über alles , was der Geist Unermeßliches zu fassen vermag ! Was wacht , das weckt ! Gewiß , in Dir wacht , was mich weckt . Es geht eine Stimme von Dir aus , die mir in die Seele ruft . - Was durch diese Stimme geweckt wird , ist Geheimnis ; erwachtes Geheimnis ist Erleuchtung . Manches sehe und fühl ich , was schwer ist auszusprechen . Wer liebt , lernt wissen , das Wissen lehrt lieben , so wachse ich vielleicht in die Offenbarung , die jetzt noch Ahnung ist . Ich habe das Gefühl von dem Zeitpunkt an , wo mir ' s so freudig in die Sinne kam , meine Gedanken , mein geistiges Leben in Deinen Busen zu ergießen , als habe ich mich aus tiefem Schattental erhoben in die sonnigen Lüfte . * * * In dem Garten , wo ich noch als Kind spazierte , da wuchs die Jungfrauenrebe hoch empor an plattem Gestein . Damals hab ich oft ihre kleine Samtrüssel betrachtet , mit denen sie sich anzusaugen strebt , ich bewunderte dies unzertrennliche Anklammern in jede Fuge , und wenn der Frühling erschöpft war und die Sommergluten dem jungen weichen Keimleben dieser zarten Pflanze einfeuerten , da fielen allmählich ihre zierlichen rotgefärbten Blätter zum Schmuck des Herbstes ins Gras . Ach , ich auch ! Absterbend , aber feurig werd ich von Dir Abschied nehmen ; und diese Blätter werden wie jenes rote Laub auf dem grünen Rasen spielen , der diese Zeiten deckt . * * * Ich bin nicht falsch gegen Dich ; - Du sagst : » Wenn Du falsch bist , Du hättest keine Ehre davon , in bin leicht zu betrügen . « Ich will nicht falsch sein , ich frage nicht , ob Du falsch bist , sondern wie Du bist , will ich Dir dienen . Den Stern , der dem Einsamen jeden Abend leuchtet , den wird er nicht verraten . Was hast Du mir getan , was mich zur Falschheit bewegen könnte , alles , was ich an Dir verstehe , das beglückt mich ; Du kannst weder Auge noch Geist beleidigen , und es hat mich weit über jede kleinliche Bedingung erhoben , daß ich Dir vertrauen darf ; und aus dem tiefsten Herzen kann ich Dir immer nur den reinen Wein einschenken , in dem Dein Bild sich spiegelt . Nicht wahr , Du glaubst nicht , daß ich falsch bin ? - Es gibt böse Fehler , die an uns hervorbrechen wie das Fieber ; es hat seinen Verlauf , und wir empfinden in der Genesung , daß wir schmerzlich krank waren ; aber Falschheit ist ein Gift , das sich in des Herzens Mitte erzeugt , könnte ich Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen , was sollte ich anfangen ? In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen , aber hier im Buch , da lasse ich Dir die Hand in meine Wunde legen , und es tut weh , daß Du an mir zweifeln kannst ; ich will Dir erzählen aus meinen Kindertagen , aus der Zeit , eh ich Dich gesehen hatte . Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich ; wie lange kenne ich Dich schon , wie oft hab ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen , und wie wunderbar war ' s , wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an die lang gehegte Erwartung anschloß . * * * In den hängenden Gärten der Semiramis bin ich erzogen , ich glattes , braunes , feingegliedertes Rehchen , zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden , aber unbändig in eigentümlichen Neigungen . Wer konnte mich vom glühenden Fels losreißen in der Mittagssonne ? - Wer hätte mich gehemmt , die steilsten Höhen zu erklettern und die Gipfel der Bäume ? Wer hätte mich aus träumender Vergessenheit geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen gestört auf nebelerfülltem Pfad ! - Sie ließen mich gewähren , die Parzen , Musen und Grazien , die da alle eingeklemmt waren im engen Tal , das vom Geklapper der Mühlen dreifaches Echo in den umgrenzenden Wald rief , vom Goldsandfluß durchschnitten , dessen Ufer jenseits eine Bande Zigeuner in Pacht hatte , die nachts im Wald lagerten und am Tag das Gold fischten , diesseits aber durch die Bleicher benutzt waren und durch die wiehernden Pferde und Esel , die zu den Mühlen gehörten . Da waren die Sommernächte mit Gesang der einsamen Wächter und Nachtigallen durchtönt , und der Morgen mit Geschrei der Gänse und Esel begonnen ; da machte die Nüchternheit des Tags einen rechten Abschnitt von dem Hymnus der Nacht . Manche Nächte hab ich da im Freien zugebracht , ich kleines Ding von acht Jahren ; meinst Du , das war nichts ? - Mein Heldentum war ' s , denn ich war kühn und wußte nichts davon . Die ganze Gegend , soweit ich sie ermessen konnte , war mein Bett ; ob ich am Ufersrand von Wellen umspült , oder auf steilem Fels vom fallenden Tau durchnäßt schlief , das war mir einerlei . Aber Freund ! Wenn die Dämmerung wich , der Morgen seinen Purpur über mir ausbreitete und mich , nachdem ich dem Gesang der steigenden Lerche schon im Traum gelauscht hatte , unter tausendfachem Jubel aller befiederten Kehlen weckte , was meinst Du , wie ich mich fühlte ? - Nichts geringer als göttlicher Natur fühlt ich mich , und ich sah herab auf die ganze Menschheit . Solcher Nächte zwei erinnere ich mich , die schwül waren , wo ich aus den beklommenen Schlafsälen zwischen den Reihen von Tiefschlafenden mich schlich und hinaus ins Freie eilte , und mich die Gewitter überraschten , und die breite blühende Linde mich unter Dach nahm ; die Blitze feuerten durch ihre tiefhängenden Zweige ; dies urplötzliche Erleuchten des fernen Waldes und der einzelnen Felszacken erregte mir Schauer , ich fürchtete mich und umklammerte den Baum , der kein Herz hatte , was dem meinen entgegenschlug . O lieber Freund ! - Hätte ich nun den lebendigen Pulsschlag gefühlt unter dieses Baumes Rinde , dann hätte ich mich nicht gefürchtet ; dies kleine Bewegen , dies Schlagen in der Brust kann Vertrauen erregen und kann den Feigen zum Helden umwandeln ; denn wahrlich ! - fühlt ich Dein Herz an meinem schlagen und führtest Du mich in den Tod , ich eilte triumphierend mit Dir ! Aber damals in der Gewitternacht unter dem Baum , da fürchtete ich mich , mein Herz schlug heftig , das schöne Lied : » Wie ist Natur so hold und gut , die mich am Busen hält « , das konnte ich damals noch nicht singen , ich empfand mich allein mitten im Gebraus der Stürme , doch war mir so wohl , mein Herz ward feurig . - Da läuteten die Sturmglocken des Klosterturms , die Parzen und Musen eilten im Nachtgewand mit ihren geweihten Kerzen in das gewölbte Chor , ich sah unter meinem sturmzerzausten Baum die eilenden Lichter durch die langen Gänge schwirren ; bald tönte ihr ora pro nobis herüber im Wind , so oft es blitzte , zogen sie die geweihte Glocke an , so weit ihr Schall trug , so weit schlug das Gewitter nicht ein . Ich allein jenseits der Klausur , unter dem Baum in der schreckenvollen Nacht ! Und jene alle , die Pflegerinnen meiner Kindheit , wie eine verzagte verschüchterte Herde , zusammengerottet in dem innersten feuerfesten Gewölb ihres Tempels , Litaneien singend um Abwendung der Gefahr . Das kam mir so lustig vor unter meinem Laubdach , in dem der Wind raste und der Donner wie ein brüllender Löwe die Litanei samt dem Geläut verschlang ; an diesem Ort hätte keins von jenen mit mir ausgehalten , das machte mich stark gegen das einzige Schreckenvolle , gegen die Angst , ich fühlte mich nicht verlassen in der allumfassenden Natur . Der herabströmende Regen verdarb ja nicht die Blumen auf ihrem feinen Stengel , was sollte er mir schaden , ich hätte mich schämen müssen , vor dem Vertrauen der kleinen Vögel hätt ich mich gefürchtet . * * * So hab ich allmählich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und hab zum Scherz manche Prüfung bestanden , Sturm und Gewitter zog mich hinaus und das machte mich freudig ; die heiße Sonne scheute ich nicht , ich legte mich ins Gras unter die schwärmenden Bienen mit Blütenzweigen im Mund und glaubte fest , sie würden meine Lippen nicht stechen , weil ich so befreundet war mit der Natur ; und so bot ich allem Trotz , was andre fürchteten , und in der Nacht , in schauerlichen Wegen im finstern Gebüsch , da lockte es mich hin , da war ' s überall so heimlich , und nichts war zu fürchten . Oben im ersten und höchsten Garten stand die Klosterkirche auf einem Rasenplatz , der am felsigen Boden hinab grünte und mit einem hohen Gang von Trauben umgeben war , er führte zur Türe der Sakristei , vor dieser saß ich oft , wenn ich meine Geschäfte in der Kirche versehen hatte , denn ich war Sakristan , ein Amt , dem es oblag , den Kelch , in dem die geweihten Hostien bewahrt wurden , zu reinigen und die Kelchtücher zu waschen , dies Amt wurde nur dem Liebling unter den jungfräulichen Kindern vertraut , die Nonnen hatten mich einstimmig dazu erwählt . In dieser Türwölbung saß ich manchen heißen Nachmittag , links in der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbäumen , rechts der kleine Bienengarten , bepflanzt mit duftenden Kräutern und Nelken , aus denen die Bienen Honig saugten . In die Ferne konnte ich von da sehen ; die Ferne , die so wunderliche Gefühle in der Kinderseele erregt , die ewig eins und dasselbe vor uns liegt , bewegt in Licht und Schatten , und zuerst schauerliche Ahnungen einer verhüllten Zukunft in uns weckt ; da saß ich und sah die Bienen von ihren Streifzügen heimkehren , ich sah , wie sie sich im Blumenstaub wälzten und wie sie weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne , wie sie im blauen sonnedurchglänzten Äther verschwebten , und da ging mir mitten in diesen Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Glück auf . Ja die Wehmut ist der Spiegel des Glücks ; Du fühlst , Du siehst in ihr ausgesprochen ein Glück , nach dem sie sich sehnt . Ach und im Glück wieder durch allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche Wollust . Ja das Glück ist auch der Spiegel dieser aus unergründlichen Tiefen aufsteigenden Wehmut . Und jetzt noch in der Erinnerung , wie in den Kindertagen , füllt sich meine Seele mit jener Stimmung , die leise mit der Dämmerung hereinbrach und dann wieder nachgab , wenn das Sonnenlicht mit dem Sternenlicht gewechselt hatte und der Abendtau meine Haare losringelte . Die kalte Nachtluft stählte mich , ich buhlte , ich neckte mich mit den tausend Augen der Finsternis , die aus jedem Busch mir entgegen blitzten . Ich kletterte auf die Kastanienbäume , legte mich so schlank und elastisch auf ihre Äste ; wenn dann der Wind durchschwirrte und jedes Blatt mich anflüsterte , da war ' s , als redete sie meine Sprache . Am hohen Traubengeländer , das sich an die Kirchenmauer anlehnte , stieg ich hinauf und hörte die Schwalben in ihrem Nestchen plaudern ; halb träumend zwitschern sie zwei - , dreisilbige Töne , und aus tiefer Ruhe seufzt die kleine Brust einen süßen Wohllaut der Befriedigung . Lauter Liebesglück , lauter Behagen , daß ihr Bettchen von befreundeter Wärme durchströmt ist . O Weh über mich , daß mir im Herzen so unendlich weh ist , bloß weil ich dies Leben der Natur mit angeschaut hab in meinen Kindertagen ; diese tausendfältigen Liebesseufzer , die die Sommernacht durchstöhnen , und inmitten dieser ein einsames Kind , einsam bis ins innerste Mark , das da lauscht ihren Seligkeiten , ihrer Inbrunst , das in dem Kelch der Blumen nach ihren Geheimnissen forscht , das ihren Duft in sich saugt wie eine Lehre der Weisheit , das erst über die Traube den Segen spricht , ehe es sie genießt . Aber da war ein hoher Baum mit feinen phantastischen Zweigen , breiten Sammetblättern , die sich wie ein Laubdach ausdehnten ; oft lag ich in seiner kühlen Umwölbung und sah hinauf , wie das Licht durch ihn äugelte , und da lag ich mit freier Brust in tiefem Schlaf ; ja mir träumte von süßen Gaben der Liebe , gewiß , sonst hätte ich den Baum nicht sogleich verstanden , da ich erwachte , weil eben die reife Frucht sich von seinen Zweigen gelöst hatte und im Fallen auf meine Brust ihr Saft mich netzte ; dies schöne dunkle überreife Blut der Maulbeere , ich kannte sie nicht , ich hatte sie nie gesehen , aber mit Zutrauen verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuß verzehren . Und es gibt Küsse , von denen fühl ich , sie schmecken wie Maulbeeren . Sag , sind das Abenteuer ? - und würdig , daß ich sie Dir erzähle ? * * * Und soll ich Dir noch mehr erzählen von diesen einfachen Ereignissen , die so gewöhnlich sind wie der Atem , der die Brust hebt , und doch fanden sie auf der reinen , noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlöschbaren Eindruck . Sieh , wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur Nahrung seiner Kräfte gedeiht , bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das Pferd und das Schwert regiert , so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des Naturlebens zur Nahrung des Geistes . Nicht jetzt noch würde ich jene Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen , nicht mich der Wolkenzüge als erhabener Begebnisse erinnern , die Blumen der verschwundenen Frühlinge würden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulächeln , und die reifen Früchte , denen ich liebkoste , eh ich sie genoß , würden mich nicht nach verschwundenen Jahren , wie aus den Träumen seliger Genüsse , mahnen an die heimliche Lust . - Sie lachten mich an , diese runden Äpfel , die gestreiften Birnen und die schwarzen Kirschen , die ich mir aus den höchsten