, vom Boden , setzte ihn auf , und soll so eine Weile unschlüssig vor den Leuten gestanden haben , als besinne er sich auf etwas . Dann wandte er sich aber kurz von ihnen ab , und ging eine Strecke rechts hinunter , nach dem Walde zurück , aus dem er gekommen war . Doch kehrte er bald darauf um , rief der Frau zu , sie möge so gut sein , und drinnen im Schlosse sagen , er komme zum Essen nicht wieder , er speise drüben auf der Burg . Diesen Vorsatz muß er auch gehabt haben , denn er bestellte einen Geschäftsmann , der ihn am Morgen vergeblich erwartete , herüber zu mir . Nachher sah man ihn noch eine ganze Zeit auf der Insel hin- und hergehen . Später achtete Niemand auf ihn . Das ist Alles , was ich erfuhr . In seinem Zimmer standen und lagen die Sachen frei da , wie das stets seine Art ist . Briefe verbrennt er , oder verbirgt sie in einem geheimen Fache seines Schreibtisches . Ich mochte an Nichts rühren , was nicht offen für Jedermann geblieben . Hieraus war nichts zu ersehen . Ich habe lange mit mir gerungen , was ich glauben dürfe . Soll ich wahr sein , so steigt die Vermuthung in mir auf , Hugo wolle uns durch den Schein irre führen . Er will für uns todt sein , indeß er für immer aus dieser Gegend , vielleicht aus diesem Theile der Welt verschwindet . O ! lassen Sie mich hieran festhalten . Ich bin nicht im Stande , das Andere , das Grauenerregende , das Unselige zu denken ! Sophie an den Comthur Sie haben Recht , das ist ein Gedanke , den Ihr Neffe hätte haben können . Nur weiß ich nicht , weshalb er sein Vorhaben hinter eine so schauerliche List verstecken sollte , da er ohne alle Umstände weggehen konnte , und nur nicht wiederzukommen brauchte . Was würde ihn daran gehindert haben ? Er war schon einmal fort ! Wir wußten nicht , wohin . Niemand rief ihn zurück , Niemand erinnerte ihn an verletzte Pflichten , Keiner wollte ihm Fesseln anlegen . Er allein brachte sein unstätes Selbst zu uns zurück . Fürchtete er nicht vielleicht sich mehr als Andere ? Das sind Vermuthungen , Schlüsse ins Blaue hinein . Ich bin unfähig , irgend etwas Bestimmtes ins Auge zu fassen . Ich sehe nichts deutlich . Die Angst vor Elisens Erwachen , vor ihren Fragen , ihren Blicken , benimmt mir alle Fassung Möchte uns doch dieser Tag irgend eine Beruhigung geben ! Antwort Was Sie auch sagen mögen . Alles bestärkt mich in meinen Vermuthungen . Trotz dem mühseligsten Suchen , keine Spur von ihm ! Verschwunden ! völlig verschwunden ! sage ich Ihnen . Keine Bucht , keine Stelle von beiden Ufern blieb undurchforscht . Mehr als zwanzig Kähne fuhren den Strom hinauf , die ruhige Fluth ließ oft bis in den Grund hinunter sehen . Nichts , gar nichts war zu entdecken ! Er wollte sich uns entziehen . Niemand auf Erden sollte ferner Ansprüche an ihn haben , das war es , glauben Sie mir ! Madame Lindhof an Sophie Im Begriff , diese Gegend auf immer zu verlassen , da mein Sohn eine Anstellung in der Residenz erhielt , bleibt mir noch eine traurige Pflicht zu erfüllen ; recht , als solle ich hier enden , wie ich anfing , nämlich Glück und Hoffnung zu Grabe tragen zu helfen . Den Tag , da meine Schwiegertochter beerdigt ward , traf ich in diesem Hause ein , und ist es auch keine Leichenfeier , zu der ich gegenwärtig verpflichtet bin , so ist es doch wohl nicht viel besser . Ach ! gnädiges Fräulein , die wahrscheinliche Bestätigung von dem , was wir fürchten , senkt die Seele in tiefe Trauer . Wie schwer wird es mir , solche über Sie zu verhängen . Doch darf ich kaum mit dem zurückhalten , was ich ohnlängst erfuhr . Sehen Ihr Gnaden , um Alles im Zusammenhange zu berichten , der Umzug einer Familie , der Transport des vielfachen Geräthes , macht große Sorge und Unruhe . Es mir zu erleichtern , miethete ich einen Raum im Marktschiffe , und ließ diesen mit mancherlei unserer Sachen beladen . Das Fahrzeug legt gewöhnlich bei Wehrheim an . Die gewandte Frau des Zimmermanns dort , die arbeitsam ist , und sich gern etwas verdient , war mir in den Tagen des Packens zur Hand gegangen , und besorgte auch jetzt das Laden und die Zusammenstellung der Ballen auf dem Schiffe . Passagiere und Fährmann waren ins Dorf gegangen . Die Frau blieb mit ihren Kindern im Schiffe . Diese unterhielten sich nach Kinderart , und während die Mutter das Wehr , von dem sie keine zwanzig Schritte entfernt sind , gedankenvoll betrachtet , es sich zurückruft , wie sie mit demselben Schiffe hier umschlug , und der kühne Graf sie rettete , sagte das älteste Töchterchen : » Ach ! wie viel , wie viel schöne Vergißmeinnicht ! « Und tritt auf den Steg , der an das Ufer führt , die Blumen zu pflücken . Die andern Kinder folgen . » Es ist ganz blau da , « sagen sie . Die Mutter geht ihnen nach . Sie sieht mit Vergnügen ihrer Arbeit zu . » Ein Band ! ein blauseidenes Band hängt da an den Vergißmeinnicht , « ruft das Mädchen . Sie hat es schon , sie zeigt es der Mutter . Eine hellbraune Haarlocke , leicht mit einem Fädchen umwunden , hängt daran . » Gott im Himmel ! « seufzt die erschrockene Frau , » das ist des Grafen Band , er trug es noch den letzten Tag um den Hals . « Gnädiges Fräulein ! was soll ich weiter hinzusetzen ! Sie denken wohl wie Jene , die mir den Vorgang erzählte , und wie ich leider auch fürchten muß . Hier also ! Bei der schnellen Strömung . Er kannte die Stelle wohl . Was diese faßt , reißt sie pfeilschnell mit sich fort . Leider sagt das Band , daß der Graf hier war , und daß er von hier nicht wieder zurück ging . Fürchtete ich nicht beschwerlich zu fallen , so würde ich es mir nicht nehmen lassen , Ihnen das schmerzliche Andenken selbst zu überbringen ; so habe ich es dem Kammerdiener Birkner zugestellt , um es Ihnen , wenn Sie es zu besitzen befehlen , einzuhändigen . Ich scheide in Thränen , wie ich kam ; wie Vieles habe ich hier untergehen sehen ! Des Herrn Präsidenten Besitzung ist nun auch verkauft . Alles ist anders geworden ! Nur meine Gesinnungen für Sie , verehrtes Fräulein ! und die theuren Personen , die Sie , wie ich , lieben , verändern sich nie . Sophie an Madame Lindhof Gute , treffliche Frau ! wie sanft haben Sie uns bisher auf rauher Bahn begleitet , die wir zu gehen hatten . Ich drücke Ihre Hand , und sage Ihnen mit Wehmuth Lebewohl ! Alles scheidet von hier ! Wie öde wird das Alter ! Doch , es ist nicht an mir , zu klagen . Das verblichne Band , Liebe ! ist schon in meinem Besitz ; Birkner brachte es mir , ganz so wie es gefunden ward , in die Blumen verwickelt , um die es die Wellen geschlungen hatten . Wie es dahin kam - ? Lassen wir es auf sich beruhen . Es liegt ein Dunkel darauf , was wir auch sagen mögen ! Von Elisen wußte ich Ihnen bis jetzt nichts zu schreiben . Sie blieb während zwei Tagen in ihrem Zimmer eingeschlossen , ohne Nahrung zu nehmen , noch Kleider zu wechseln . Ich hatte ihr von dem , was nur aus Vermuthungen zu entnehmen war , nichts mitgetheilt . Doch muß ich fürchten , Johanna ist nicht so behutsam gewesen . Ich befragte sie deshalb , brachte aber nur Unzusammenhängendes heraus . Mein Bemühen , zu Elisen zu dringen , blieb ebenfalls vergeblich . Ich gerieth in immer größere Besorgniß . Stunden reihten sich an Stunden ; so durfte es nicht länger fortgehen , das Leben der Unglücklichen schien mir gefährdet , und doch scheute ich , sie durch einen Gewaltschritt zu verletzen . In dieser Nacht nun , zog hier , und wohl auch bei Ihnen , ein starkes Gewitter herauf . Der Sturm , welcher es begleitete , heulte zwischen dem Donner hindurch , und schien dessen prasselndes Knattern mit wildem Geheul zu unterbrechen . Die freie Seite nach dem Wasser zu , war seinem ängstigenden Andringen besonders ausgesetzt . Die Läden vor dem Fenster zitterten , als rüttle sie eine starke Hand . Ich ließ deshalb die meines Schlafzimmers öffnen , wodurch die volle Gluth der Blitze blendend herein fiel . Ich besitze gerade soviel von weiblicher Zaghaftigkeit , um Naturerschütterungen der Art nicht ohne inneres Bangen sehen zu können . Vielleicht strenge ich mich aber deshalb jedesmal um so mehr an , den Zug der Wolken zu beobachten , den Grad der Gefahr darnach abmessend . Vom Fenster kann ich nicht lange wegbleiben . Ich trete immer wieder hinzu , wenn mich auch das starke Wetterleuchten zurückschreckt . So stand ich denn auch , mit dem Rücken gegen die Thür , das Auge auf einen weißlichen Streif gerichtet , von dem ich im Augenblick nicht wußte , ob es der Saum des heller werdenden Horizonts , oder der unruhig gepeitschte Fluß war , der höher als sonst zwischen den Gartenhecken durchschimmerte ? » Hier kann ich es nicht länger aushalten ! « sagte Jemand hinter mir . Ich wandte mich schnell um . Elise , ein Licht in der Hand , mehr einem Schatten , als sich selbst ähnlich , schwankte nach meinem Bette . Sie setzte sich auf dessen Rand , und das Licht noch immer vor sich haltend , als könne sie es nicht hell genug um sich haben , sagte sie , mit sehr matter Stimme : » Wie die Wellen brausen ! Wie das Wasser rauscht ! « » Es ist der Regen , « erwiederte ich , indem ich das Fenster ein wenig öffnete , um sie diesen deutlicher hören zu lassen . » O Gott bewahre ! « rief sie empfindlich . » Ich kann das wohl unterscheiden . « Sie horchte jetzt gespannt . In ihrer Stimme lag etwas Verwildertes und Scheues , was mir tödtlichen Schreck einjagte . Unglücklicherweise trieb der Sturm die herabfallenden Güsse immer dichter zusammen , so daß die starke Wassermasse in ihrer heftigen Bewegung wirklich den schäumenden Wogen der Fluth ähnlich ward . Elise war wieder aufgestanden . Sie hatte das Licht auf den Boden gestellt , und ging , die Hände ringend , stumm , mit allen Zeichen unaussprechlicher Angst , im Zimmer auf und ab . Ich wußte nicht , was ich sagen sollte ? wie ihr beizukommen sei ? die Pein dieses Augenblicks war schrecklich . » O , wie die Wellen brausen ! wie die Wellen brausen ! « wimmerte sie jetzt , » liege still , liege still , armes Herz ! « flüsterte sie darauf ganz leise . Ich zitterte an allen Gliedern . » Beste , « sagte ich , zu ihr herantretend , » denken Sie an Gott ! beten Sie , für ihn ! für ihn ! Hören Sie wohl ? « Sie sah mich erst starr an . Ich nahm ihre kalten Hände in die meinigen . Das Ungewisse ihrer Gedanken zuckte hin und wieder auf dem schönen , entstellten Gesicht . » O Sophie ! « brach sie jetzt schluchzend aus , und stürzte mir an die Brust . » Ist es denn wahr ? Ist es nun ganz gewiß ? Liegt er da unten ? « - » Nichts ist gewiß , « entgegnete ich schnell , » Vermuthungen ! voreilige Vermuthungen ! sonst in der Welt keine nähere Bestätigung . Beste Elise , warum fragten Sie denn nicht mich ! « setzte ich in der Hoffnung hinzu , sie beruhigen zu können . Aber sie sah und hörte nicht . Es war als habe ihre erstarrte Seele nur die Stimme liebender Theilnahme erwartet , um sich in Thränen aufzulösen . Das Gewitter tobte fort . Die Nacht ging so in entsetzlicher Bangigkeit hin . » Ich habe es wohl , wie im Vorübergehen , zuweilen gedacht , « sagte sie , nachdem sie stiller geworden , und in dumpfem Ermatten eine Weile vor sich hinstarrte . » Ich habe es gedacht und auch nicht , denn zu fassen ist so etwas nicht . « » Nein , « unterbrach ich sie . Und darum haben wir auch kein Recht , es zu glauben . « Sie schien achtsam auf meine Worte . » Weshalb , « fuhr ich fort , » sollen äußere Zufälligkeiten hier allein eine Stimme haben ? Dürfen wir ihnen die innere Ueberzeugung nicht entgegen stellen ? « Elise seufzte . » Also ist nichts erwiesen ? « fragte sie . Ich versicherte es ihr . » Was wissen Sie denn ? « hub sie nach einer Pause leise und schüchtern an . Ich theilte ihr jetzt Alles mit , überzeugt , daß ihr die volle Wahrheit nöthig sei , um mit sich und dem , was sie glauben dürfe oder müsse , einig zu werden . Sie verlangte das Band zu sehen . Ich brachte es ihr . Sie starrte es lange an . » Er hat es zerrissen ! « lächelte sie , dann steckte sie es in den Busen . Ich fand sie in diesen Augenblicken mehr dumpf als gefaßt . Sehr ermattet schlief sie auf meinem Bett ein Paar Stunden , trotz des anhaltenden Gewitters . Als sie am Morgen erwachte , es wieder still in der Natur und diese beruhigt war , setzte ich mich zu ihr . Wir sprachen lange mit einander . Ihre Kenntniß von Hugo ' s Charakter läßt sie weniger ungewiß über den letzten , zweifelhaften Schritt , als uns ; die erste große Erschütterung abgerechnet , glaube ich , weiß sie ihn lieber in dem kühlen Bett , als unstät auf der Erde . Bei allem dem erklärte sie , hier nicht bleiben zu können . Ich begriff das ohne Weiteres . Wir wollten gleichwohl beide jetzt noch nicht an eine neue Trennung denken . Wir fühlten die Nothwendigkeit , uns gegenseitig schonen zu müssen , und schwiegen . Es entstand eine lange Pause . » Arme Emma ! « - seufzte jetzt Elise . » Nun hat ihn Keine , oder es haben ihn Beide ! « » Ist sie noch in ihrem Waldkloster ? « fragte sie darauf . Ich bejahte dies . Sie versank wieder in tiefes Sinnen . Ich ließ sie so , und ging , Ihnen , beste Madame Lindhof ! alles das zu schreiben , einen Theil von Elisens Dankbarkeit gegen Sie mit übernehmend , indem ich diese gleichsam zu Ihnen sprechen und Sie in das Innere des beklagenswerthesten Herzens blicken lasse . Sie werden uns nicht vergessen , wenn auch für lange alle Beziehungen zwischen uns zerrissen sein sollten . Tavanelli an Leontin Ich habe sie gesehen , gesprochen . Ich war bei ihr . Ueber eine Stunde durfte ich ihr zur Seite sitzen . Sie sah , wenn ich das Auge senkte und nichts wahrzunehmen schien , fragend zu mir auf . Ich empfand das Streifen ihres forschenden Blicks . Es war weder Mißtrauen , Unwillen noch Kälte darin . Gütig verweilten ihre Gedanken bei mir . Nicht mich , die Zeit , da ich auch neben ihr saß , die hingewelkte , versunkene Zeit betrachtete sie in mir . Selbst die peinvolle Vergangenheit rührt uns unbeschreiblich . Ist doch die Pein vorüber , und der dunkle Hintergrund zeigt zurück auf Gefühle , die jetzt etwas Geheimnißvolles haben . » Sind Sie nunmehr mit sich einig ? « fragte sie mich . Ich versicherte es ihr . » Und Ihr Glaube war es , der sie rettete ? « fuhr sie , ernster werdend , fort . » Was ist auch der Mensch ohne Glauben ? « entgegnete ich . Sie erröthete . » Wie kam es denn , « fiel sie schnell ein , » daß sich der Ihrige nicht besser bewährte ? « » Mich irrten Zweifel , « bekannte ich mit gesenktem Blick . » Und darum , « sagte sie , klug und scharf in sich hineinsehend , » erzwangen Sie die rauhe , spröde Stimmung , den wilden Sinn , die harte Abgeschlossenheit , und zerrissen Ihre gute Seele , die den Himmel so nicht finden konnte ! « Ich wollte etwas erwiedern . » Lassen wir das jetzt , « bat sie . Sie legte die Hand an die Stirn . » Ich begreife das Zuviel und das Zuwenig , und wie Eins das Andere erzeugt . Aber ich kann es nicht ausdrücken , « klagte sie . » Ein andermal ! Ein andermal ! « Ich stand auf . » Kommen Sie bald wieder , « bat sie , » und bringen Sie Leontin mit . Ich habe eine große Sehnsucht nach ihm . « Ich ging , und schrieb Ihnen das . Fragen Sie nun , wie es geschah , daß ich vorgelassen ward ? wie ich es wagte , ihr zu nahen ? Mein bester Herr Baron ! Sie wissen , daß ich immer noch zögerte , das Kloster zu verlassen , daß ich mich nicht entschließen konnte , den vielfachen Aufforderungen des Herrn Präsidenten , in Betreff des Amts , welches er mir zudachte , Folge zu leisten . Sie wissen auch warum ? Ich gestehe es Ihnen , ich habe die verehrte Frau nie aus den Augen verloren . In ihrer Krankheit gelang es mir , einmal Zutritt in dem Amthause zu erhalten . Ich glaubte sie sterbend , ich war entschlossen , sie in den letzten Augenblicken nicht zu verlassen . Die Angst um ihre Seele ließ mich jede anderweitige Rücksicht hintansetzen . Ich entdeckte mich der gütigen Madame Lindhof , ich erklärte ihr meinen festen Willen . Sie hörte mich gelassen an , beruhigte mich für den Augenblick , und versprach , bei wachsender Gefahr mir in Zeiten Nachricht zu geben . Ich kehrte jeden Tag nach dem Amte zurück . Mein Gebet trug stündlich die theure Seele der Bewußtlosen zu dem Throne des Höchsten , ich flehte um ihre Rettung . Sie genaß . Vermuthlich erfuhr sie späterhin , was während dem vorging . Diesen Morgen ließ sie mir sagen , zu ihr zu kommen . Ich glaubte , es nicht recht zu verstehen . Ich folgte indeß augenblicklich ihrem Befehl . Sie will etwas . Dies ist mir nicht zweifelhaft . Ihr Gemüth ist in Unruhe . Sie möchte , was sie nicht kann , sie greift umher , sie denkt an mich . Als ich indeß nun kam , und sie mich sah , ward sie ungewiß . Sie vermochte es nicht , Vertrauen zu mir zu gewinnen . Ein paarmal hub sie verlegen an : » Sie meinen es gewiß gut . Sie meinten es immer gut . « - Sie hielt dann inne . Weiter kam sie nicht . Ich meinerseits wagte kaum anders , als leidend hierbei zu bleiben . Es ist so schwer , weise zu sein , wenn es einem treibt , sich hülfreich und thäthig zu zeigen . Ich empfand auch , daß sie nur in der Angst des Augenblicks auf mich verfiel . Und dann - es ist etwas in der Art , in dem Blick , dem Ton der Dame , was mich lähmt . Fürchten Sie nicht , es könne mich dies aufs Neue unsicher machen . Im Gegentheil , es zwingt mich , zu denken . Aber ich brauche Zeit , dem Moment habe ich nicht sogleich Besonnenheit entgegenzusetzen . Deshalb säumen Sie , verehrter Herr Baron ! doch nicht , sie aufzusuchen . Ach , wenn wir diesem schönen Herzen Frieden erflehen könnten ! Antwort Unternehmen Sie nichts ! Thun Sie so wenig als möglich von dem Ihrigen hinzu . Eifer ist selten ohne Hitze , und es giebt Menschen , welche sich kühl halten müssen . Unter hundertmal , gilt es neun und neunzigmal zu schweigen , um einmal zu rechter Zeit zu reden . Den Augenblick haben wir zu erwarten . Unsere Weisheit ist : hören zu können . Um die Antwort , wenn es Noth thut , brauchen wir dann nicht verlegen zu sein . Streiten wir nicht allzuviel über die Wege ? Wir wissen von keinem mit Sicherheit , ob er der kürzte sei ? Ich selbst kann jetzt nicht kommen . Aber ich werde einen andern für mich an Elise schicken , der ihr meine Aufträge bringt . Er wird auch Sie besuchen . Mein Vater begleitet mich auf einer Reise . Wir haben ein Geschäft zu beenden . Treten Sie ja zurück , wenn Sie fühlen , zu rasch zu handeln . Curd an seine Mutter Ich könnte mich in Stücke zerreißen und meine Uebereilung durch alle ersinnliche Plagen abbüßen , dächte ich nicht , daß es so hätte sein sollen . Dieser Rest von Glauben , den ich Ihnen , gute Mutter , verdanke , rettet mich jetzt vor Verzweiflung . Denn sonst , - sagen Sie selbst , wäre ohne mich , ohne meinen Haß gegen Hugo , jemals die Entdeckung des unglücklichen Geheimnisses ans Licht gekommen ? Preßte die Angst für sein Leben der armen Frau nicht den Schrei aus ? Und folgt das Uebrige nicht , wie ein Uebel dem andern ? Ich mag gar nicht an Elise denken , nicht nach ihr fragen ! Sie erkundigen sich noch , ob es denn auch ganz gewiß sei ? Nun , beim Himmel ! wenn es das nicht wäre , gäbe es denn noch einen erbärmlichern Menschen auf der weiten Gotteswelt , als einen , der nicht sterben kann , und für Niemand , als sich selbst leben mag ? Nein , wie fremd mir auch immer der kalte Philosoph blieb , so bin ich ihm doch nie so gram gewesen , um solch ' arges Mißtrauen in ihn zu setzen . Todt ist er ! darauf schwöre ich . Man ersinnt jetzt allerlei , dem Dinge einen Mantel umzuhängen . Er soll beim Schwimmen durch einen Krampf unfähig geworden sein , dem raschen Strudel beim Wehr zu widerstehen . Wissen kann das Niemand , und ist es der Familie ein Trost , es zu glauben , so lasse man sie dabei . Ich denke aber , wie er einmal war , hatte er hier nichts mehr zu thun . Das wußte kein Mensch besser als er selbst . Solch ' verdorbenes Genie , Gott verzeihe mir ' s , daß ich das von einem Todten sage , aber wahr ist es , solch ' verdorbenes Genie ist nicht im Himmel , nicht auf der Erde zu Hause , und doch , hätte ihn nur das Wiedersehen der Frau , der erste Schreck bei ihrem Anblick , und dann , daß sie Nonne geworden ist , nicht so außer aller Fassung gebracht , er wäre am Ende von meiner oder einer andern Kugel im Zweikampf oder auf dem Schlachtfelde , wie ein Mann gefallen , der sich vor nichts , auch vor dem Leben nicht fürchtet . Das aber machte ihn confus . Der Fall lag außer seiner Berechnung , das Geschick hatte ihn überlistet . Er wußte nicht mehr aus noch ein . Ich wette meinen Kopf gegen die schlechteste Kupfermünze , wäre Emma frei gewesen , hätte er sie ohne Schwierigkeit mit sich zurück nach der Burg führen können , er würde das Spiel höchst abgeschmackt und die ganze Geschichte eine tragische Farce genannt haben , die ihm noch dazu die Freiheit ließ , von da seinen Weg allein zu gehen . So aber ! daß er mußte , was er eigentlich nicht wollte , das machte ihm das Dasein verhaßt . Er suchte einen andern , einen ungewissen Ausweg . Wohin er nur gekommen sein mag ? Ich frage mich das hundertmal , und dann regt sich mir ' s im Gewissen . Du hast ihn dahin gebracht ! Elise wird das auch glauben . Es thut einem doch wehe , verkannt zu sein . Ich weiß das wohl von sonst her . Es ärgerte mich immer . Jetzt - nun , es wird sich auch geben . Es ist das größte Glück auf Erden , daß sich Alles vergißt , Alles verschmerzt . Was würde auch sonst aus der Welt ? Schreiben Sie mir ja gleich , liebe Mutter ! wenn Elise etwas von sich hören läßt . Ich habe keinen Begriff davon , wohin sie sich wenden , was sie nun mit sich selbst anfangen wird . Die verwünschten Romanenstreiche ! Antwort Wie kann es Dir nur einfallen , lieber Sohn ! daß Du an all ' dem verruchten Wirrwarr schuld bist ? Du gerechter Gott ! Mir schwindelt es im Kopfe , wenn ich denke , daß Menschen auf dergleichen Abwege gerathen ! Ich habe in meinem Leben immer eine große Furcht vor Narren gehabt , und bin gerannt , was ich nur konnte , wenn ich Einem auf tausend Schritt nahe kam . Aber jetzt , ich sollte es wohl nicht sagen , denn es klingt vermessen , doch mir kommt es so vor , als wäre die ganze Welt wie ein Irrenhaus zu betrachten . Was hört man nicht für Dinge ! was erlebt man nicht ! Und wie die Leute unsern Herr Gott immer im Munde führen , von Opfer und Entsagung , und weiß der Himmel Alles raisonniren , und nun läuft eine christlich getraute Ehefrau mir nichts , dir nichts , von ihrem Manne fort , stellt sich todt , läßt ihn in dem sündlichen Glauben , er dürfe nun dem Gelüsten seines Herzens nachgehen , und kann doch selbst nicht von ihm lassen , windet sich um ihn herum , bis es so weit kommt , daß er sie wiederfindet , und erfährt , wie sie ihn zu einer doppelten Ehe verleiten wollte . Ei , da kann einem wohl die Haut schaudern , und der gesunde Menschenverstand ausgehen ! Ich bin sonst nicht die Lobrednerin des Grafen , aber hier muß ich doch der Wahrheit die Ehre geben , ihm ist schlimm mitgespielt worden . Ueber die Art , wie er ein Ende genommen hat , sollen wir auch nicht richten . Wir tappen hier im Finstern . Viel Kluges habe ich von ihm nie erwartet , denn warum ? Er glaubte an Nichts . Das habe ich Elisen wohl angemerkt . Eine Frau singt immer in dem Ton , den ihr Liebster anstimmt . Es hat mich Thränen genug gekostet . Von daher also sah ich Gottes Gericht wohl anrücken . Aber drüben - von dem grünen Holze - da war ich mir besserer Früchte gewärtig . - Wie das Alles klug thut und über seine Kräfte hinaus will ! Ich weiß es am besten , man hat in den engen vier Pfählen , auf gerader Diele schlechtweg , einen Tag wie den andern denselben Weg gegangen , und hat sich vorzusehen , daß man nicht einmal über die eigenen Füße fällt . Und die da wollen die feste Erde gar wegstoßen , und in der Schwebe bei Sinn und Verstand bleiben . Ja , siehst Du , wenn das nicht verrückt sein heißt , so weiß ich es nicht . Kurz und gut , soll ich die Menschen nicht mit Krankheit geschlagen , nicht für verwirrt und aberwitzig halten , dann kann ich mir gar keinen Begriff von unserer Zeit machen . Du , Curd , darfst auch nicht soviel nach Elisen fragen . Das schickt sich nicht für Dich . Ja , hättest Du sie nicht heirathen wollen , und Dir allerlei darüber in den Kopf gesetzt . In Gottes Namen ! Du bist ihr Vetter . Verwandte sollen zu einander halten . Aber so ! - Schilt nicht so strenge auf Romanenstreiche , Du möchtest auch Deinen Theil mit dran haben . Nun will ich Dir dann aber doch sagen , ich reise selbst zu Elisen . Ich muß wissen , wie es dem armen Kinde geht ? sie mag daraus abnehmen , wie lieb ich sie habe , daß ich mich mit meiner Aengstlichkeit auf einen so weiten Weg mache , alles hinter mir lasse , Haus und Hof und Wirthschaft , blos um sie zu sehen , sie da wegzuholen , wo ihr so schwer ums Herz sein muß ! Ja , wenn sie auch ganz , ganz anders wie ich , und auch nicht so denkt , wie sie sollte , kann ich dann aufhören , ihr gut zu sein ? Ich wüßte nicht , wie ich es anfinge . Lebe wohl , lieber Sohn ! Von dem Stifte aus , schreibe ich Dir wieder . Sophie an den Comthur Der Anblick meiner Schriftzüge wird Sie nach gerade unruhig machen . Seit lange hörten Sie nur traurige Berichte durch mich bestätigen , oder Sie darauf vorbereiten . Ich eile deshalb um so mehr , Sie im Voraus zu beruhigen , ja , Ihnen Erfreuliches zu verheißen . Elise , hoffe ich , ist ihrer ängstlichen Unsicherheit , dem kranken Hin- und Hergreifen , der ganzen schmerzlichen Trostlosigkeit , in die wir sie mit Betrübniß kraftlos versinken sahen , entrissen ; oder vielmehr , alles dies führte ihre Rettung herbei . Ich sagte Ihnen , daß sie Tavanelli kommen ließ , auch an Leontin schrieb , daß sie überall hinhörte , etwas wollte , sich gleichwohl nirgend verständigen konnte , und