Gnade empfange sie ihr Leben von mir . « - » Ihr seyd die Milde selbst , « äußerte der Oberstrichter : » ich weiß jedoch nicht , ob ich Eurer Barmherzigkeit werde willfahren können . Des Schultheißen Befehl dürften ... « - » Der Schultheiß wird nicht als Kläger auftreten können , so lange ich schweige , « versetzte Diether heftig . - » Wohl und recht ; « sprach der andre nach einer Weile : » erlaubt jedoch , daß ich Euch auf eine Pflicht aufmerksam mache , die Ihr - böslich , will ich nicht glauben - aber lässig zu übersehen scheint . « - Hiemit ging der Oberstrichter nach der Thüre , sah behutsam hinaus , ob Niemand um die Wege , kehrte dann zurück , und zog Margarethens Gatten in die Ecke . » Euer Sohn , « sprach er , » hat ein gewaltig Ärgerniß gegeben , und seine Vergehen sind weltbekannt . Er hat geschändet Euer Haus in sträflichem Bunde mit Eurem Weibe ; er hat entehrt Euern Stamm , der einen wilden Zweig in seiner edeln Krone trägt . Er hat höchst wahrscheinlich einen Mörder gedungen gegen Euch ; er hat das richterliche Amt verletzt auf öffentlicher Straße , eine schlechte Judendirne vertheidigend ; er lebt , nach wohlverbürgten Angaben in Buhlerei mit dieser Jüdin , deren Schlupfwinkel die Gerechtigkeit nur zu erfahren strebt , um ihr den wohlverdienten Lohn werden zu lassen . Blutschande , Verletzung kaiserlicher Majestät , Mord , Abfall vom christlichen Glauben nennt man obige Vergehen . Ihr hemmt den Arm der öffentlichen Rechtspflege ; aber die Sünde soll nicht ungestraft bleiben , da auch im Verborgnen gerichtet wird unter dem höchsten Königsbann . Ich frage Euch also , Diether Frosch , Schöppe der heimlichen beschlossenen Acht , ... was werdet Ihr thun ? « - Diether fuhr heftig zusammen , und mußte sich an dem Gesimse anhalten , um nicht hinzusinken . Der Oberstrichter raunte ihm hierauf in die Ohren : » Denkt Euers Eides , und Eurer frei-kaiserlichen Schöppenpflicht . Einmal habe ich gewarnt . Ich thue es nicht das zweite Mal . Nächsten Dienstag wird gehegt , und der Stuhl erwartet Eure Klage . « - » Um Gott ! « seufzte Diether : » Dieses Gräßliche hat mir nicht geahnt . Um des Heilands willen ! eben so gut hätte ich meinem Sohne , der doch mein Fleisch und Blut bleibt , den Dolch in die Brust stoßen können , denn - muß ich dort klagen , ist er ohne Gnade dahin . « - » Ertapptet Ihr ihn auf handhaftiger That , so wär ' s an Euch , in des Königs Namen zu richten ; « versetzte der Oberstrichter kalt : » verbessert jetzo Euern Fehler . Die Pflicht ist schwer , ich geb ' es zu ; aber eines echten Freischöffen schwerste Pflicht ist seinem Eide etwas Leichtes . Lebt wohl , Bruder . Gedenkt Euers Schwurs . « - Der Oberstrichter überließ den Altbürger seinen Betrachtungen , wie unerbittlichen Henkern ein vergebens widerstrebendes Opfer . Da nun der ehrbare Herr sich dem Rathhause näherte , sah er an dessen Pforte den Schultheiß stehn , im vertraulichen Gespräche mit Zodick , den er jedoch bald entließ , da er des Oberstrichters ansichtig wurde . Der Letztere säumte nicht , seinem Gönner und Freunde zu berichten , daß durch seine Bemühungen alles Verdächtige in Diether ' s Hause sich zu entwickeln im Begriffe stehe . Der Schultheiß lächelte freundlich bei dieser Kunde . - » Recht , mein guter Herr und Freund ; « sprach er : » hier gilt es viel zu thun für Euern Eifer , das Böse , das sich halsstarrig Euerm Falkenblick zu entgehen strebt , an ' s Tagslicht zu ziehen . Mir , « setzte er lächelnd hinzu : » mir ist das Glück nicht so günstig . So oben benachrichtigt mich der getaufte Jude , daß es ihm noch nicht gelungen , den Aufenthalt Esther ' s auszuwittern , und ich darf Euch versichern , daß ich des Geldes nicht schonen würde , ihn zu entdecken . « - Der Oberstrichter wiegte achselzuckend den Kopf . » Ich konnte nicht wissen , « entgegnete er , » daß die armselige Jüdin Euch es angethan . Ich hätte sie wahrlich nicht so wohlfeilen Kaufs damals entkommen lassen . « - » O , Ihr wißt nicht , was schön ist ! « versetzte der Schultheiß seufzend : » Das verwilderte Gesicht eines Mörders , der schon Jahre lang in Euern Kerkern modert , hat der Reize mehr für Euch als die Rosenwangen des schönsten Frauenbildes . Schafft mir diejenige wieder , nach deren Besitz ich mich unaussprechlich sehne , und verlangt von mir , was Ihr wollt . Mein schöner floßreicher Weiher am Feldberg hat Euch beständig so wohl gefallen . Er ist Euer mit all seinen Fischen , für das einzige Fischlein , das Ihr aus dem Netze ließt , weil Ihr seinen Werth nicht zu schätzen wußtet . « - » Traun , Herr Schultheiß , « lachte der Oberstrichter : » ich war all mein Tage ein schlechter und lässiger Dirnenfänger , aber dort seh ' ich , wie mich dünkt , einen ganz andern Fisch die Straße heraufschwimmen , der noch nicht einmal weiß , an welcher Angel er hängt . « - Es wälzte sich auch wirklich durch die ziemlich enge Gasse ein Schwarm von Menschen daher mit Sing und Sang und Pfeifenklang , die sich gar fröhlich geberdeten . Zwei Gestalten in buntfarbiger Kleidung , - junge Männer , die ihre jugendlichen Gesichter mit ungeheuern falschen Bärten verziert hatten , - eröffneten den kleinen Zug , lange Schwerter auf den Schultern tragend . Ein Panner- und Schildträger folgte auf sie , und ihnen nach jubelte die ganze Zunft der Harnischer und Waffenschmiede , dem Reiter , der in ihrer Mitte langsam und gravitätisch einherklepperte , ein helles » Lebehoch ! « bringend . » Ist das nicht der von Hülshofen ? « fragte der Schultheiß , die Hand vor die Augen haltend , um besser zu sehen . - » So ist ' s , gestrenger Herr , « erwiederte der Oberstrichter : » auf meine Einladung in Euerm Namen kehrt er zurück , und ich gönnte ihm gerne das kurze Festgepränge , das ihm die Waffenschmiede zugedacht , da er in Costnitz durch seine Fechterkunst unsrer Stadt viel Ehr ' und Ruhm erworben . An Euch ist es nun , ihm anzukünden , wozu er eigentlich hieherberufen . « - » Das geschehe auch auf der Stelle , « meinte der Schultheiß , und zog sich mit seinem Freunde an die innere Treppe zurück , da die ankommende Menge schon anfing , die Pforte zu belagern . Mit einem dreimaligen Vivat , dem Kämpfer und der Vaterstadt dargebracht , wurde Gerhard vom Gaule gehoben , und betrat die Schwelle des Heiligthums der Gerechtigkeit . Zu seiner Linken trug man sein Wappen und die Waffenstücke , die er im Rennen zu Dank erhalten ; zu seiner Rechten das Panner der Zunft , und die in Turnieren eroberten Stechfähnlein . Mit einer bescheidnen Unterwürfigkeit , aber nicht ohne jenes Selbstbewußtseyn , das so gerne dem wirklichen oder Schein-Verdienst entspringt , näherte sich der Fechter dem Vorsteher der Stadt , und empfahl sich seinem Wohlwollen , mit der Bitte , ihm die Ursache wissen zu lassen , die seinen also schnellen Aufbruch von Costnitz nöthig gemacht . - Der Schultheiß erwiederte mit Würde : man würde ihm diese Ursache nicht vorenthalten , sobald er sein Geleite verabschiedet haben würde . - » Nun , so geht denn hin , ihr guten Jungen ; « sprach Gerhard zu den jubelnden Freunden : » Gott hat meinen Einritt gesegnet , und mich mit allerlei Ruhm bekrönt wiederkehren lassen . Eure Freude thut meinem Herzen wohl , aber noch wohler wird meiner dürftenden Kehle der Firnewein thun , den ich von Eurer Freigebigkeit zu erhalten hoffe , gehet darum hin auf Eure Stube , und pflanzt die weißen Holzbecher auf , die ich so sehr liebe , und diese Waffen und Fähnlein , die Zeugen der Tapferkeit , mit welcher ich das Ansehen Eurer Stadt in der Fremde behauptete . Mit den gestrengen Herren allhier habe ich noch einige Worte zu wechseln , und dann bin ich bei Euch , ehe Ihr ' s Euch verseht . « - Die Meister der Zunft schüttelten dem erprobten Zecher und Raufer die mächtige Faust , die Gesellen schlugen die kleinen Tartschen und Kolben aneinander , mit denen sie sich der Festlichkeit halber geschmückt hatten . Die Pfeifer bließen zum Rückzug , und unter gellendem Freudengeschrei wurde dieser auch wirklich angetreten . Gerhard stieg mit den beiden Machthabern die Treppe vollends hinan , und erschöpfte sich in prahlerischen Redensarten , und in der Wiederholung der Grüße und Freundschaftsversicherungen , welche ihm , seinen Betheuerungen zu Folge , Fürsten und Herren an den wohlweisen Rath von Frankfurt aufgetragen , mit auf den Weg gegeben hatten . In dem Strome seiner langathmigen Rede dahinschwimmend , und wie ein geschickter Schütze immer das vorgesteckte Ziel erreichend , und die Hoffnung berührend , die er auf die bekannte Großmuth und Freigebigkeit des Magistrats gesetzt , bemerkte Gerhard nicht , daß Schultheiß und Oberstrichter hartnäckig schwiegen , und kein Wörtlein auf all diese zudringlichen Höflichkeiten zu erwiedern Lust hatten . Da aber die Thüre des Schöffengemachs hinter ihnen zugefallen war , und Gerhard sich noch immer vergebens nach einem freundlichen Gesichte umsah , statt dessen jedoch nur zwei ganz ernsthafte vor sich erblickte , wurde ihm anders zu Sinne . Er schwieg ebenfalls , und manche längst vergessene Schalkheit , für die er jetzo zur Verantwortung gezogen zu werden befürchtete , drang sich seiner Erinnerung auf ; indessen glaubte er aus allen Himmeln zu fallen , als ihn der Schultheiß folgendermaßen anredete : » Herr ! Ihr habt Euch zu Costnitz gehalten wie ein Mann ; glaubte ich nicht den Berichten der dort anwesenden Schöffen , ich müßte es Euerm ruhmredigen Mund unbedingt glauben ; allein nicht um Eurer Thaten willen belobt zu werden , wurdet Ihr zurückberufen , sondern um Rechenschaft zu geben von einer Handlung , die sich eben so wenig mit Euerm Wappen , als mit Euerm Stand als Dienstmann dieser reichsfreien Stadt verträgt . Darum werdet Ihr Belieben tragen , Eure Wehr an den ehrbaren Herrn hier zu meiner Seite abzuliefern , und in seinem Hause für ' s Erste ritterliche Haft Euch gefallen zu lassen . Von Euerm Benehmen und Euern Geständnissen wird es abhängen , ob Ihr daselbst verbleiben dürft , oder härtern Gewahrsams schuldig seyd . « Der Edelknecht stand verblüfft , und spielte in seiner Verlegenheit mit dem Wehrgehänge . » Gestrenger Herr , « versetzte er endlich : » Gott der Herr behüte meine Ohren ; ich fürchte aber , sie haben falsch gehört . Ich wüßte nicht , welcher Popanz von Gläubiger mich verklagt haben könnte . In Costnitz hat der Wirth zum Engel mein Kerbholz feierlich zerbrochen , und in allen Ehren auf der Schiefertafel das Zeichen , das mich vorstellte , ausgelöscht . Ich bin frei dort weggegangen wie der Barfüßer , der den besten Schmaus mir mit einem Gratias vergilt . Kleine Lumpereien zu geschweigen , welche einige gemeine Hintersassenseelen allhier von mir zu fordern haben , bin ich ohne alle Schulden , und begreife darum nicht , warum ich in des ehrbaren Herrn Oberstrichters Hause meine Schlafstätte aufschlagen soll1 . Hier ist ein Irrthum , liebe Herren und Meister . « » Mit nichten , Junker ; « erwiederte der Oberst-richter : » Von Eurer gewöhnlichen Krankheit ist diesmal nicht die Rede . Ihr gebt einen sehr unvortheilhaften Begriff von Euerer christlichen Gewissenhaftigkeit , daß Ihr keine Ahnung von dem Vergehen kund gebt , dessen man Euch bezüchtigt . Da sich jedoch Eure Erinnerungen meistentheils nur an Herbergen und Trinktische knüpfen , so brauche ich Euch nur den Wirth zur Traube zu Worms in ' s Gedächtniß zu rufen , um Euch mit einemmale von Allem in Kenntniß zu setzen . « - » Ha ! der Schelm ! « braußte Gerhard auf : » Ich wollte , ich dürfte bei einem Ringelrennen seinen nichtswürdigen Glotzkopf vom Rumpfe stechen . Der Bursche lügt , wenn er das Kleinste noch an mich begehrt . Hie Paar Turnosen , die ich ihm schuldig wurde , weil er immer doppelt und dreifach in ' s Holz schneidet , sind ihm längst bezahlt ; das will ich durch einen gestabten Eid erhärten und bekräftigen . « - » Laß das ! « antwortete der Schultheiß verächtlich : » Daß Ihr zahltet , wissen wir . Sagt uns lieber , wie Ihr bezahlet . « » Je nun , « .... hob Gerhard an , und verstummte aber in selbigem Augenblick , da ihm plötzlich der Handel mit dem Juden beifiel . - Der Oberstrichter fiel dagegen siegreich ein : » Da haben wir ' s. Dieses Stocken verräth den ganzen Hergang . Die Wormser Juden haben Recht , und Junker Gerhard wird sich freisam herausreden müssen , wenn er mit ehrlichem Schild aus dem Gedränge zu kommen Lust hat . « - Gerhard nahm mit einer wehmüthigen Miene das Schwert von der Hüfte und reichte es wie ein armer Sünder dem Oberstrichter hin . - » Getrenge Herren , « stammelte er verlegen : » Eure Weisheit und Gerechtigkeit wird ja wohl einen Fehler von einem Verbrechen unterscheiden . « » Nicht alles , was Juden und ähnliche Heiden über einen eifrigen Christen aussagen , ist ein Evangelium . - Ich vermuthe , « fuhr er immer verzagter fort , während seine Zuhörer das Lachen verbeißen mußten , - » daß hier von einem gewissen Knaben die Rede werden dürfte , der mir zu Worms plötzlich zu , und noch plötzlicher abhanden gekommen seyn soll . Ich kann jedoch einen körperlichen Eid darauf ablegen , daß der verdammte Jude , « .... - » hier ist nicht der Ort zu Eurer Rechtfertigung , noch zum Eide , « unterbrach ihn der Schultheiß : » Der Oberstrichter wird Euch beides abfordern , wann er es für nöthig erachtet . Folgt ihm jetzt . « - Gerhard rieb sich ängstlich die Stirne . » Euer Haus , liebster Herr , « seufzte er , » ist so nahe am Eschenheimer Thurm , daß ich nichts Gutes aus meiner Einkehr bei Euch erwachsen sehe . Und dennoch - Ihr werdet sehen - bin ich eigentlich schuldlos . Laßt mich daher zum mindesten im Staat gewahrsam . Ich gebe Euch meinen adlichen Handschlag , durch kein Pförtlein noch Thor zu entwischen . « - Der Oberstrichter verneinte . - » Traut Ihr dem Worte eines biedern Edelmanns nicht , so verstattet mir einen Bürgen ; « fuhr Gerhard dringender fort . » Mein bester Freund lebt zum Glücke hier , Herr Dagobert Frosch des Schöffen Sohn . Er wird sich für meine Redlichkeit und Haft verbürgen , und mir ein vorteilhaft Zeugniß geben können , da , wie mir gerade einfällt , er selbst just bei dieser ganzen Wormser Begebenheit gegenwärtig gewesen . « » Dagobert Frosch ? « fragte der Oberstrichter schnell . - » Der junge Mann hat ja überall die Hände im Spiel ; « setzte der Schultheiß mit Schadenfreude hinzu , und dem armen Gerhard wurde es mit einemmale recht klar , daß er des Freundes wohl zu vorschnell erwähnt hatte . Nun half ihm kein Zögern mehr . Der Schultheiß wieß ihn bloß auf ein aufrichtiges Bekennen an , und , statt auf der Zunftstube Wein und Lob im ungeheuern Maße zu genießen , mußte er dem Oberstrichter ohne Widerrede folgen . Wie ein Sieger war er eingezogen , und saß nun zwischen vier kahlen Wänden . Von einer Säule des Ruhms hatte ihm geträumt , und vor den Gittern seines Fensters streckte sich der Eschenheimer Thurm in die Höhe , sein künftiger Aufenthalt , wenn Zufall oder Willkür oder Gerechtigkeit seine Lage verschlimmern würden . Von Dagoberts Klugheit allein hoffte er einen Ausweg aus diesem Gewirre von bösen Folgen einer übeln That , und darum war bald der Entschluß in ihm fest geworden , den jungen Mann ohne Rückhalt mit in die Geschichte zu verwickeln ; überzeugt , daß der Verstand desselben gewiß Sieger werden würde . Fußnoten 1 Des Oberstrichters Wohnung war in der Regel das Schuldgefängniß angesehener Leute . Neuntes Kapitel . Ein wenig Lieb ' ist karg und leer , Ein wenig Lieb ' ist keine ; Viel Lieb ' ist eben auch nicht mehr ; Lieb ' ist die völlig Eine , Lieb ' ist nicht wenig und nicht viel , Deine Lieb ' ist ohne Maß und Ziel . St. Schütz » Leb ' wohl , mein süßes Kind ! Gott behüte Dich , arme Maid ! « hatte Dagobert bei seinem Abschiede zu Esther gesprochen , und dieses einfache herzliche Lebewohl war der Verlaßenen fest im Gedächtniß geblieben . An jedem Tage wiederholte sie wohl tausendmal die Worte ihres Beschützers , wie ein frommes Gebet , denn sie schienen ihr einen unfehlbaren Segen zu enthalten . Die gute Crescenz , die - ein seltnes Beispiel in ihrer finstern Zeit - Dankbarkeit höher achtete , denn Vorurtheil , bemühte sich , an Esther aus Kräften zu vergelten , was sie von deren Vater empfangen , und war treu in der Sorgfalt , die sie dem scheidenden Junker Dagobert gelobt hatte . Auf diese Weise konnte es denn geschehen , daß Esther auf dem Schellenhofe einige Tage verlebte , so ruhig , als sie nur , den Umständen nach , seyn konnten . In einem versteckten Giebelstübchen hausend , von niemand bemerkt . Allen im Hause fremd , - die gutmüthige Pflegerin ausgenommen - hatte sie völlige Muße , ihres treuen Freundes zu denken , und ihres armen Vaters , den sie nicht sehen zu wollen dem Junker , welcher für ihre eigne Freiheit zitterte , hatte versprechen müssen . Sobald jedoch die Dämmrung heranschlich , durfte sie auch von den Gegenständen ihrer Liebe sprechen , denn Frau Crescenz nahm alsdann Platz an ihrer Seite im traulichen Kämmerlein , und geschwatzt wurde von der Vergangenheit und gebaut auf die Zukunft . Wollte nun auch Estehr ' s Vertrauen auf diese letztere wanken , so war die fromme Hauswirthin bereit , mit unzähligen Trost- und Denksprüchen dieses Vertrauen zu befestigen , erinnerte die Zagende an die Unschuld ihres Vaters , die denn doch gewiß , wie Alles , an den Tag kommen müßte , an den Freund , den ihr die Vorsicht zugesandt , und an die unendliche Gnade Gottes , die auch an ihr sich wunderthätig erweisen werde . - » Glaube mir ; « sprach die wackre Alte dann : » was auch Deine Rabbiner sagen mögen , - Ihr habt keinen andern Gott , denn wir . Er ist der Einzige der alle Mensch mit gleicher Liebe umfaßt . Es ist freilich ein Unglück , daß Du noch in den Irrthümern Deiner Glaubensbrüder verstrickt liegst , allein der Herr wird Euch schon davon befreien , wann es zu Euerm wahren Heil seyn wird . Ich denke , Euerm Beschützer , der sich ja ohnehin der heiligen Kirche zu weihen hat , wird das fromme Werk Eurer Bekehrung vorbehalten seyn , und einen bessern Täufer findet Ihr niemals . Bis dahin tröste Dich jedoch mit dem Beispiele andrer Unglücklichen , die aus ihren tiefen Nöthen zum Herrn emporschreien und seufzen , je nachdem sie ihr Elend offenkundig machen dürfen , oder geheim halten müssen . Geld und Gut macht nicht glücklich , die liebe Gesundheit des Leibes sogar nicht , aber die weit bessre Gesundheit der Seele und des Gewissens , die Zufriedenheit in Herz und Haus . Sieh nur einmal die Eltern unsers ehrsamen Junkers Dagobert : Reichthum die Hülle und Fülle , und doch nicht glücklich , nicht einig . « - » Esther horchte auf , und fragte nach der Ursache . Crescentia schüttelte bedeutend den Kopf , und meinte , Gerüchte wie sie des Pöbels lügenhafter Mund ersinne , zu wiederholen , gezieme einer gottesfürchtigen Frau nicht . « - » Meine Else hat mir auch mehr des Unheils ahnen lassen , als wirklich erzählt ; « setzte die Alte bei : » aber ein böser Wurm muß an dem Leben und dem Frieden der beiden Eheleute nagen . Sie sind , wenn gleich von derselben Mauer umschlossen , getrennt in ihrem eignen Hause , und der Himmel weiß , welch Unheil noch aus all den bösen Vorzeichen sich entwickeln wird . Eh , als eine treue Dienerin des Hauses , baue fest auf die Vermittlung des jungen Herrn , der wohl bald im Kleide des Friedens zwischen die beiden treten und sie versöhnen wird . « - » Jawohl ! « bekräftigte Esther mit schwärmerischem Ausdruck : » Er ist ja ein versöhnender Engel ! ein gar holder lieblicher Diener des barmherzigsten Herrn , wie er sie nicht häufig zur Erde niedersendet . « - » Du sprichst ja fromm und zart , wie ein heiliges Buch ! « bemerkte Crescenz wohlgefällig lächelnd : » Wandle fort in dieser Bahn , so wirst Du bald den Herrn in seiner reinsten Glorie erkennen lernen . Verehre immerhin den tugendhaften Junker als einen Heiligen und liebe ihn wie einen solchen . Es ist völlig in der Ordnung , daß er sich nimmer ehelich verbinden darf . Er gehört nämlich unter die seltnen Männer , die zu edel sind , um blos als Männer geliebt zu werden . Meinst Du nicht auch ? « - Verschämt und stumm gab ihr Esther vollkommen Recht , insofern ihr Haupt nickte . Was aber auf dem Grunde ihres Herzens vorging , mochte sie der freundlichen Wirthin doch nicht enthüllen . Sie mochte ihr nicht entdecken , wie Dagobert so ganz der Abgott ihrer Seele geworden , wie sie sich sehne , ihn zu umfangen hier auf der Erde wie jenseits in den Himmeln . Sie mochte ihr nicht gestehen , daß selbst des Vaters Leiden nicht den Sturm in ihrer Brust erregten , als der einfache Gedanke , es möchte dem geliebten Dagobert auf seinem Zuge ein Leid begegnen . Zerrissen von herbem Kummer , und beseligt von verschwiegener Liebe verschloß Esther den Schmerz und die Lust ihrer Abgeschiedenheit in sich , um flehte täglich zu dem Gott ihrer Väter um die Erfüllung ihrer heißesten Wünsche : um Dagobert ' s Rückkehr , um Ben David ' s und Jochai ' s Befreiung durch des Edeln Hülfe und Macht , um ungestörte Verborgenheit bis zu diesem ersehnten Zeitpunkte . Diese Verbogenheit aber konnte sie dem Geschick nicht abringen . Am folgenden Tage wurde Crescentia , da sie gerade ihrer Schutzbefohlnen das Vesperbrod gebracht hatte , durch den Klang der wohlbekannten Thorschelle abgerufen , um einen Besuch zu empfangen . Esther , deren Busen hoch schlug in der Erwartung des Geliebten , lauschte an der Treppe , ob nicht die erfreuliche Stimme des Junkers unten laut würde . Sie hörte Reden aus männlichem und weiblichem Munde wechseln , und endlich in Crescentia ' s Wohnstube verhallen , und bereits wollte sie , mißmuthig über die Täuschung ihres sehnsuchtvollen Herzens , in ihre Klause zurückkehren , um sich einzuriegeln , als ein leiser knisternder Schritt sich auf den Treppen hören ließ , die zu ihrem Versteck führten . Die Hoffnung erneute sich in ihrer Brust . O gewiß ! dachte sie , ... o gewiß ist er zurückgekehrt , und gedenkt mich zu überraschen mit einer Fülle von Seligkeit , mit seinem wonnigen Anblick , Leise erklimmt er die Stufen , um wie eines Schutzengels Erscheinung plötzlich vor mir zu stehen ; aber er soll mich vorbereitet finden . Er soll sehen , daß ich nur an ihn denke , daß meine Sinne nur nach ihm gerichtet sind , daß ich durch mein dankbares Vertrauen seines Schutzes werth geworden bin ! - Erfüllt von diesen entzückenden Gedancken beugte die Lauschende dem Nahenden über die Spitze der Treppensäule den Kopf entgegen , und blieb stehen wie ein in gebückter Stellung ausgehauenes Steinbild , da der Anblick , welcher sich ihr darbot , ihr alle Kräfte zum Fliehen für den Augenblick benahm . Denn nicht Dagobert ' s blühendes Antlitz , umwallt von braunen Locken , - ein Rothkopf mit blassem häßlichem , aber wohlbekanntem Angesichte schaute sie an . » Ei , Schickselchen , « flüsterte der Häßliche , in welchem der abscheuliche Zodick nicht zu mißkennen war : » ei , lieb Estherchen ! Sind ' ich Dich endlich ? O Du bös Vögelein ! hast Du doch endlich nicht entkommen mögen dem Vogelsteller , der so lange hat geharrt umsonst ? « - Der Mensch stand nun lebensgroß vor der Versteinerten , und gab ihr das Leben wieder , da er es versuchte , ihre Hand zu ergreifen . » Zurück ! Gräßlicher ! « rief sie mit vor Entsetzen halb erstickter Stimme : » Du wagst es ? Diese Hand , die meine Väter ermordet , wagt ' s , mich zu berühren ? .. « - Zodick gebot ihr mit einer halb spöttischen , halb drohenden Geberde Schweigen , und zog sie in die offne Thüre der Giebelkammer . » Laß ein vernünftig Wort finden Platz in Deinem Ohre ; « ermahnte er mit leiser Stimme : » kümmre Dich nicht um das , was ich unternommen gegen Deinen Vater und Jochai . Solche Dinge gehören nicht für das Weib , und ich werde verantworten alles , so ich gethan , an jenem Tage des Zochs und der Barmherzigkeit . « - » Laß ab von mir , « seufzte Esther » wie kömmst Du hieher , ungetreuer Sohn Jakob ' s ? welch böser Fürst des Unglücks hat Dir verrathen , wo ich athme ? « - » Zwei scharfe Diener meines Willens ; « entgegnete Zodick : » meine beiden hellen Augen . Beruhige Dich . Nicht von heute erst ist die Entdeckung . Ich schlich Euch nach , da Ihr diesen Schlupfwinkel suchtet , Dein Buhle und , Du . « - Esther erblaßte . - » Beruhige Dich , sage ich noch einmal , « wiederholte Zodick scharf : » daß ich bis jetzo Dich nicht an die Gojim verrieth , die Deiner Freiheit Ketten schmieden möchten , sey Dir Bürge , daß ich Dich noch nicht verrathen will . « - » Lügner ! « zürnte Esther . - Er fuhr jedoch kalt und gemessen fort : » Ich spreche die Wahrheit . Ich will nicht gehen gerade von hier , wenn ich lüge . Warum sollte ich auch gehässig seyn Dir , die ich zur Frau machen wollte , ehe der Goi Deine Gunst errang ? Hast Du doch nicht den Christenknaben gekreuzigt , und nicht erschlagen den Friedberger . Hast Du Dich versündigt mit einem Edomiter , ist es Deine Sache allein , und Deinem Geschlechte der Treubruch angeboren . Schon Hera hat gefrevelt vor dem Gesetz . Warum nichts Du ? Die Obrigkeit würde Dich deßhalb auf den Scheiterhaufen setzen , aber ich vergebe Dir . « - » Welche . Sprache ? « fragte Esther entrüstet : » Bist Du gekommen , meiner zu spotten , ehe Du mich dem Henker überlieferst ? Geh ' oder ich rufe nach Hülfe . « - » Und bereitest dadurch Dein eigen Verderben ; « ergänzte Zodick boshaft : » thue es doch ja . Es sitzt ein Gast bei der alten Beschließerin , der es nicht ungerne sähe , wenn er mit der Verführerin seines Sohns bekannt würde . Herr Diether Frosch nämlich , der Altbürger . Verloren bist Du , gibst Du einen Laut von Dir . Ich verhafte Dich dann im Namen der Obrigkeit . « - » Barmherziger , hochgelobter Gott ! « klagte Esther die Hände ringend : » Entziehe mir nicht gänzlich Deine Huld ! Laß mich nicht umkommen in den Schlingen meiner Feinde . Oder , .. wär ' es nicht besser , ich theilte die Fesseln meines Vaters , als daß ich hier noch kurze Frist athme unter der Faust des unmenschlichen Henkers ? « - » Oder , .. « äffte Zodick nach ... » wär ' es nicht besser , ich gäbe mich gutwillig in die Fesseln des Schultheißen , als daß ich schmachte noch länger ohne Liebeskuß und Spiel , wie eine Wittib ? « - Esther erschrak mehr über die Mahnung an des Schultheißen Sinnlichkeit , als über die rohe Beleidigung , die sie aus diesem Munde erwarten mußte . Der Abtrünnige fuhr aber fort : » Bist Du klug , Estherchen , so schweigst Du , und vertraust auf meine Güte . Ich hab ' es überlegt : Du bist zu schön und zu holdselig für die lüsternen Richter aus Amalek . Ich gönne Dich ihnen nicht ; aber auch dem jungen Goi gönne ich Dich . Der Bube hat mich einst geschlagen mit Faust und Kolben , und das vergesse ich ihm nie , so wahr ich gedenke meines Vaters , dem das Paradies sey . Denn es heißt : Wer einen schlägt aus dem Volke Israel , dessen Stamm wird verdorren und sein Geschlecht ausgerottet werden mit der Schärfe des Schwerts , oder durch den Strahl des Himmels . Was der Herr bös gemacht hat durch meine Hand und meinen Mund , will er wieder gut machen auf dieselbe Art. Ergib Dich mir zum Weibe , und Ben David soll nicht sterben ; - auch Jochai nicht , « setzte er nach einigem Bedenken hinzu . - » Esther starrte ihn unbeweglich an und stumm empört . « » Besinne Dich nicht lange ; « fuhr er fort : » gemessen ist die Zeit .