gewöhnte , ihn als seinen liebsten Spielgefährten zu betrachten . So ordnete sich bald ein für Alle sehr genußreiches Zusammenleben ; nur Ottokars Nähe schien Hippoliten noch gefehlt zu haben , um ihn ganz auf die Stufe der Bildung zu heben , für welche seine Natur ihn bestimmte ; bei ihm fand er im glücklichsten Verein den würdevollen Ernst des vollendeten Mannes mit fast weiblich weichem Zartgefühl auf das innigste verbunden ; und während Ernesto Hippolits Geist , dessen Verstand und Wissen mit alle dem Reichthum ausstattete , den er selbst in so hohem Grade besaß , würkte Ottokar nicht minder wohlthätig auf sein Gemüth . Er verhalf ihm zu jener Klarheit in seinem Empfinden , welche er selbst mühsam errungen hatte , und weihte ihn dadurch zu jedem Opfer , jeder Entsagung , welche das Leben im Laufe einer wahrscheinlich sehr langen Zukunft von ihm ferner noch heischen mochte . So waren mehrere Wochen vergangen , während welchen sich Hippolit immer fester an Ottokar anschloß , als dieser zufällig von einer leichten Unpäßlichkeit gezwungen ward , einige Tage zu Hause zu bleiben . Hippolit eilte auf die erste Nachricht davon herbei und fand ihn allein , in einem abgelegnen Kabinett , zu welchem sonst jedermann der Zutritt versagt ward , und das auch selbst er noch nie vorher betrat . Eine einzige Zeichnung über dem Schreibtisch schmückte die mit grüner Seide ganz einfach bekleideten Wände des kleinen traulichen Gemachs , sie mußte dem Eintretenden gleich in die Augen fallen , und erstarrt , bleich wie ein Sterbender blieb Hippolit wie eingewurzelt vor Gabrielens Abbildung ihrer väterlichen Burg stehen ; dem einzigen Angedenken von ihr , das Ottokar vor jedem fremden Blick hier wie ein Heiligthum aufbewahrte . Ottokar fuhr , über den Zustand seines Freundes erschrocken , vom Divan auf , auf welchem er lag . Er mußte ihn von einem plötzlichem Uebel befallen glauben und wollte ihm zur Hülfe eilen , als dieser in aller früheren , mühsam bekämpften Heftigkeit seines Wesens in seine Arme sich warf und ihn fest umklammerte . » Ja Du bist es , « rief er , und das Weh eines ganzen Lebens lag in dem schmerzlichen Ton dieser Worte , » Du bist es ! Wer anders konnte es seyn als Du ? Wie war es möglich , daß ich Dich nicht gleich erkannte ! Nun ist mir alles klar , ja nur Dich , nur Dich konnte Gabriele lieben , und nur Du konntest ihr entsagen . O ich Verblendeter ! Daß ich erst jetzt dieses weiß ! « Auch Ottokar erstarrte als er diesen Namen von diesen Lippen so nennen hörte . » Gabriele ! « rief er , » kennst Du Gabrielen ? Kennst Du dieß Schloß ? « » Ob ich es kenne ? ob ich Gabrielen , ob ich Schloß Aarheim kenne ? « antwortete Hippolit ; seine Augen blitzten und alles Blut aus seinem Herzen färbte die erblichnen Wangen in Purpurglut . Er sprang auf und riß sein Taschenbuch hervor , in welchem er eine kleine Kopie von Ernestos Virginia aufbewahrte , die er auf Schloß Aarheim heimlich zu zeichnen Gelegenheit gefunden hatte . » Sieh her , « rief er , » blick her , und Du , Du bist ja Icilius , unverkennbar ; mein Gott ! wie gehen mir jetzt erst die Augen auf ! « Ottokar betrachtete das Blatt ; auch er erbleichte , tief erschüttert , und kaum vermochte die zitternde Hand es fest zu halten ; denn eine Ahnung des ganzen Umfanges von Gabrielens traurigem Geschick ging ihm zum erstenmal aus diesen Zügen auf . Mit einer Art Beschämung fühlte er plötzlich , wie vergleichungsweise glücklich er diese Reihe von Jahren verlebt hatte , während sie den bittersten Kampf mit dem Leben bestand . Schweigend standen beide einige Minuten einander gegenüber , doch dem geprüften festeren Manne gelang es eher , Fassung zu erringen als dem wild bewegten , sturmvollen Herzen des Jünglings . Ottokar nahm ihn an seine Brust , wie ein Vater sein liebes verwundetes Kind , er zog ihn zu sich , er sprach ihm liebkosend zu , mit seiner sanften beruhigenden Stimme . Hippolit erkannte die Töne , die einst auch in Gabrielens Herzen wiederhallten , er konnte ihrem Zauber nicht widerstehen , sie beschwichtigten allmählig das Toben in seinem Innern , und nun begann zwischen beiden edlen Menschen eine Scene des innigsten Vertrauens . Ihre Seelen , alle ihre Gedanken ergossen sich in einander ; was nie über ihre Lippen gekommen war , gestanden sie sich hier , offen , wahr , ohne Rückhalt , alles tief im Herzen Verborgne kam zur Sprache und diese Stunde , die bei minder Vorzüglichen vielleicht eine ewige Trennung bewirkt hätte , verband sie einander für Zeit und Ewigkeit . Den ganzen Tag hindurch ließ Ottokar den jetzt ganz Gewonnenen nicht von seiner Seite . Ernesto kam hinzu , es war unmöglich ihm , was vorgegangen , zu verhehlen , und er sah mit freudiger Rührung neues , ihm unerwartetes Heil aus einer Entdeckung entstehen , die er nur deshalb so ängstlich abzuwenden gesucht hatte , weil die Erfahrung eines langen Lebens unter den Menschen ihn um den Glauben an die hohe Reinheit des Gemüths gebracht hatte , die ihm doch hier , fast am Ende seiner Laufbahn , aus der Brust seiner Lieblinge so hell entgegen strahlte . Ottokar nachzustreben , in allem nur Erreichbaren , war von nun an Hippolits felsenfester Entschluß . » Sie hat ihn geliebt und er konnte ihr entsagen , « sprach er in einer ernsten Stunde des reinsten Vertrauens zu Ernesto . » Auch ich entsage , ich der Ungeliebte , der , hoffnungsloser als je , doch ewig ihr Bild im Herzen tragen muß . Ich kann sie nie gewinnen , nun so sey all ' mein Streben , ihrer werth zu werden , wie Ottokar es ist . Kein Laut , kein Blick verrathe von nun an meinen stillen Schmerz , auch Sie Ernesto , ich flehe darum , ehren ihn durch Schweigen . « Andre Pläne , andre Hoffnungen reiften indessen in Ottokars edler Brust . Erst jetzt , durch die Zeichnung Ernestos zur Sprache gebracht , hatte er von diesem treuen Freunde vernommen , welche lange Reihe von Entsagungen und Opfern jeden Tag in Gabrielens Leben bis zu dieser Stunde bezeichnete . Seine reuige Wehmuth , wenn er den Abstand zwischen seinem und ihrem Geschick betrachtete , steigerte sich zu einer ängstlich drückenden Höhe , ihm war , als habe auch er ihr Unglück mit verschuldet , und müsse jetzt nur suchen , sie zu erretten . In aller unerträglichen Lächerlichkeit und Widerwärtigkeit sah er Moritz neben Gabrielen , unablässig wie ein Schreckbild stand dieser vor seiner Fantasie . Er vermochte es nicht , sich von ihm abzuwenden ; im Gegentheil ward er nicht müde , Ernesto über seine Persönlichkeit auszufragen , als hoffe er , dennoch endlich etwas zu vernehmen , das ihm Trost zu geben vermöchte . Und zuletzt blitzte wirklich während eines solchen Gesprächs wenigstens ein Hoffnung verheißender Strahl in ihm auf . » Nein , « sprach er endlich , sich selbst zum Troste , » die Natur wird nicht ungerecht seyn , sie wird nicht die Lebenszeit des kränklichen Greises bis an die äusserste Gränze des menschlichen Lebens hinaus rücken , um die Qual jenes himmlischen Wesens zu verlängern . Gabriele wird frei , vielleicht bald , und wer wäre dann des Glücks würdiger die trübe Erfahrung ihres Lebens auszugleichen , jede qualvolle Erinnerung zu verlöschen , als dieser seltne Hippolit , mit seiner unendlichen Liebe ! An sich selbst dachte Ottokar nicht dabei , von jeher glich sein Gefühl für Gabrielen mehr der anbetenden Bewunderung , als irdischer Liebe . Jugendlich schön , fast noch in holder Kindlichkeit , wie sie in jener einzigen unvergeßlichen Stunde ihm erschienen war , um schnell wieder zu verschwinden , schwebte ihr Bild noch immer unverändert vor seinem inneren Sinn ; es konnte ihm nicht einfallen sich selbst des Glücks noch würdig zu halten , ihr alle ihre Leiden zu lohnen , sogar wenn ein unerwartetes Geschick die Bande zerreißen sollte , die ihn an Aurelien fesselten , und die er selbst nie eigenmächtig zu lösen längst entschlossen war . Die bedeutende Reihe von Jahren die er vor Gabrielen vorauszählte , hatte ihn jener Zeit zugeführt , wo jedes jugendlich-wild-aufbrausende Gefühl in milderes Empfinden übergegangen ist . Gabrielen noch dereinst glücklich zu wissen , mit dem Bewußtseyn , selbst zu ihrem Glück beigetragen zu haben , ward ihm jetzt zum vorherrschenden Wunsch , der immer und überall ihn verfolgte . Hippolits unveränderte mit jedem Tage steigernde Liebe zu ihm , die ganze Liebenswürdigkeit seiner Natur , zogen ihn immer mehr an , er gewöhnte sich , ihn nur mit Hinsicht auf Gabrielen zu betrachten . Bald kam er dahin , sich Beide schon jetzt als Eins zu denken , und so machte er es sich zum angelegentlichsten Geschäfte , ihm überall zur Seite zu stehen . Gabrielens Name ward nach jenen ersten Stunden heiligen Vertrauens nie wieder unter ihnen genannt , doch beide lasen ihn oft , eins in des andern Blicken . Auch Ernesto schwieg , und beruhigt durch Hippolits Herrschaft über sich selbst , gab er sich heiterer wie zuvor , der Freude an den Fortschritten seines Zöglings in allem Edlen , Guten und Schönen hin , ohne weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft ängstlich zu grübeln . An der Seite seiner edlen Freunde , angeregt und ermuthigt durch Ottokars Nähe und Ernestos klaren welterfahrnen Sinn , gelangte Hippolit zu immer sicherer Gewalt über sich selbst . Das Jahr neigte sich zu Ende , und er fühlte jetzt im gerechten Vertrauen auf sich , daß er es wagen dürfe , Gabrielen um die Erlaubniß zur Rückkehr zu bitten . Sie hatte sie ihm beim Scheiden unter Bedingungen versprochen , deren Erfüllung ihm zwar noch schwer , aber doch nicht mehr unmöglich dünkte . So schmerzlich auch Ottokar die Trennung fühlen mochte , bestärkte dieser ihn doch durch seine Zustimmung in diesem Entschluß , und so wagte es Hippolit denn endlich , ihn gegen Gabrielen auszusprechen . » Fürchten Sie keinen neuen Ausbruch jener vernichtenden Leidenschaftlichkeit mehr von mir , deren ich jetzt nur noch mit einem sehr beschämenden Gefühl gedenken mag , « schrieb er ihr . » Sie werden Ihren wilden Edelknaben in nichts wieder erkennen , als in der treusten Anhänglichkeit und unbedingten Ergebung in Ihren Willen . Mögen Sie ihn zum zweitenmal und auf immer verbannen , wenn je ein Wort , ein Blick , ein Athemzug jene trüben Tage Ihnen zurückruft , in denen er mit umdüsterten befangnem Sinn alles vergaß , was er Gott , sich selbst und Ihnen schuldig ist . Gabriele ! seyn Sie wieder mild und gütig , wie Sie es immer waren , Sie können es ohne Sorge , ich will ja nichts als in Ihrer Nähe seyn , Sie sehen , Sie hören . Sie selbst sollen bestimmen , wie oft , wie lange ? Und wenn Sie mir nur eine Stunde , ja nur wenige Minuten des Tages vergönnen , ich will nicht murren gegen Ihr Gebot , das ich dankbar verehre . « Wenige Wochen nach dem Empfange dieses Briefes stand Hippolit selbst vor Gabrielen . Er fand sie allein in ihrem stillen Zimmer in der Residenz , wohin sie von Lichtenfels zur Pflege ihres Gemahls zurückkehren mußte , der vor einigen Monaten sehr krank von seinen ermüdenden Streifereien zu Hause angelangt war . Hippolit wankte zwar , als er Gabrielen zuerst wieder erblickte , doch half ihm die Bewegung , in die sie selbst in diesem Momente gerieth , dieß zu verbergen . Ihr Auge strahlte mit ungewohntem Feuer , ein blühenderes Roth färbte ihre Wangen , ihre Gestalt schien noch ätherischer als sonst , die Zeit hatte ihrer Schönheit höheren Glanz verliehen und mit der ersten Blüthe früher Jugend ihr keinen Reiz geraubt . So erhob sie sich bei seinem Eintritte von ihrem Sessel und suchte vergebens nach freundlichen Worten , ihn damit zu begrüßen . Er wagte es nicht , die Hand zu berühren , die sie wie unwillkührlich ihm halb entgegenreichte , aber sein Herz sprach laut aus seinem gesenkten Blicke , aus der edlen und doch so demüthigen Stellung , in der er vor ihr , wie vor einem Götterbilde , sich ehrerbietig neigte . Der Edelknabe war zum Manne geworden , zum männlichschönsten , den ihr Auge je erblickte , aus dessen edlen , rein harmonischen Zügen jede Spur jenes wilden Feuers verschwunden war , von dem sie sonst so oft erschreckt worden . So hatte Ottokar ihren Jugendträumen vorgeschwebt , jetzt erblickte sie das Traumbild ins Leben gerufen , aber veredelt , verklärt , wie sie selbst in ihren fantasiereichsten Stunden es nie sich gedacht hatte . Beide schwiegen in den ersten Momenten ; Hippolit fand zuerst den Muth , dieß Schweigen zu brechen . Er brachte Briefe , Zeichnungen , Kameen , Pasten , kleine Mosaiken , die Ernesto ihm für Gabrielen mitgegeben hatte , und kramte alle die glänzenden Gaben in liebenswürdiger Geschäftigkeit vor ihr auf dem Tische aus . Von ihnen wendete sich das Gespräch auf sein Leben und seine Reisen in Italien . Er sprach viel von Ernesto , endlich wagte er es , sogar Ottokars Namen zu nennen und Gabrielen manches Angenehme von dessen jetzigem Leben mitzutheilen . Er that es mit etwas unsichrer Stimme und gesenktem Blick ; ohne jedoch Ottokars in irgend einer genauern Beziehung zu Gabrielen zu erwähnen . Er sprach von ihm nur als von einem ihm sehr theueren Freunde , dem er unendlich viel verdanke . Es war das letzte schwerste Erproben seiner Standhaftigkeit , das er sich selbst auferlegt . Er hatte darin bestanden , aber jetzt vermochte er auch nicht mehr . Er erhob sich um Abschied zu nehmen , und bat nur noch um die Erlaubniß , zu einer gelegenen Stunde auch Moritzen begrüßen zu dürfen . Hippolit hatte während seines Besuchs beinah allein gesprochen , denn Gabriele vermochte es kaum über sich , dann und wann einige Worte der Schicklichkeit zu Liebe einzuschieben ; sie war ganz Auge , ganz Ohr , hingerissen vom lebhaftesten Erstaunen über die unglaubliche Veränderung , die , in weniger als zwei Jahren , wie durch ein Wunder bewirkt , ihr hier entgegenleuchtete . In tiefem Nachsinnen und doch fast ohne Worte für ihre Gedanken , blieb Gabriele lange wie in sich verloren . War das der Hippolit , welcher einst so keck und vorlaut an dieser nemlichen Stelle auftrat ? War das der wilde rohe Jüngling , dessen ungebändigten Sinn sie unlängst mit so ernster Strenge zurecht zu weisen gezwungen war ? Ihr Herz regte sich laut in ungestümen Schlägen , ihre Wangen glühten vor Freude , meinte sie , über diese glückliche Verwandlung . Eine ihr unerklärliche Unruhe hielt sie mitten in diesem frohen Gefühle befangen , die bei dem Gedanken , ihn am Abend wieder zu sehen , in ihr ein Bangen erregte , wie sie kaum damals es empfunden hatte , als sie , ein Neuling in der Welt , zwischen Fürchten und Hoffen Ottokars Gegenwart im Salon ihrer Tante entgegenging . Endlich am Abend erschien Hippolit in Moritzens Zimmer . Der mürrische Kranke empfing ihn mit bittern Vorwürfen über seine plötzliche Abreise von Schloß Aarheim , die Hippolit mit vieler Sanftmuth ertrug . Bald fühlte sich Moritz wieder von dem gewohnten Zauber hingerissen , den die Gegenwart seines ehemaligen Lieblings stets an ihm übte . Er wurde immer freundlicher , zuletzt war alles Unangenehme so weit vergessen , daß er nur aufs neue mit Bitten in ihn drang , sein Haus wie ehemals als sein eignes zu betrachten . Der ihm nun wieder ganz zugeneigte Alte trug ihm sogar eine Wohnung in demselben an , er drang sie ihm fast auf , und Hippolit bedurfte aller seiner Gewandheit im Leben , um dieß Anerbieten bescheiden von sich abzuweisen . Er that es , ohne dabei den Blick zu Gabrielen zu erheben , die hocherröthend und schweigend der Verhandlung zuhörte , ohne die mindeste Aeußerung über sie zu wagen . Sie schämte sich innerlich ihrer Verlegenheit dabei , denn sie glaubte nun fest überzeugt seyn zu können , daß in Hippolits Gemüth keine Spur von jenem Gefühl mehr lebe , das sie einst zwang , ihn zu verbannen , und doch vermochte sie es nicht über sich , diese wunderbare , ihr selbst unerklärliche Befangenheit zu besiegen . Von nun an war Hippolit aufs neue Gabrielens täglicher Gast . Sein Betragen blieb sich immer gleich . Immer erschien er gelassen , sanft , freundlich gegen Moritzen ; voll inniger Theilnahme und ungeheuchelter Ehrfurcht gegen Gabrielen . Zuweilen fand er sie allein , öfter am Krankensessel ihres Gemahls , der von einem unheilbaren Asthma ergriffen , in manchen Augenblicken Todespein litt , von der er sich aber stets nach einigen qualvollen Minuten schnell wieder erholte . Zufolge des Ausspruchs der Aerzte konnte er noch viele Jahre lang mit diesem Uebel kämpfen , ehe es ihn überwältigte . Einst , nicht lange nach seiner Ankunft , überraschte Hippolit Gabrielen , eben da sie zitternd vor Frost , in der unfreundlichsten Jahreszeit , bei weitgeöffneten Thüren und Fenstern den athemlosen Kranken unterstützte , der für seine gequälte Brust nur in der fürchterlichsten Zugluft einige Erleichterung fand , und sie dabei in seinem bewußtlosen Zustand fest umklammert hielt . Der Anfall ging vorüber und Hippolit gewann Zeit und Kraft , Gabrielen zu betrachten , welche , mitleidige Thränen im schönen Auge , erschöpft hinsank . Sein Herz stand still vor Entsetzen , da ihm in diesem Momente die Gefahr plötzlich entgegenstarrte , der sich dieses zarte Wesen täglich aussetzte . Und für wen ? Die auf ihren vorher so bleichen Wangen schnell erblühende tiefe Röthe , das ungewohnte Strahlen ihrer Augen bezeichnete sie seinem vorahnenden Herzen auf einmal als eines jener Opfer , welche der langsam heranschleichende Tod erst mit überirdischer Schönheit schmückt , ehe er sie früh und auf immer erbleichen läßt . Von ungeheurer Angst getrieben , ergriff er nun die erste einsame Stunde mit ihr , um sie um Schonung für sich selbst anzuflehen . Es war die erste Bitte , die er seit seiner Rückkehr aus Italien an sie wagte ; wenn sie sie ihm gewährte , sollte es auch die letzte seyn , dieß gelobte er auf das Heiligste . Gabriele konnte sie ihm weder versagen noch gewähren , und Hippolit sah sich dadurch gezwungen , sie von nun an gleich einem theuern Kleinod argwöhnisch zu bewachen . Er beschloß , so viel Zeit als möglich in ihrem Hause zuzubringen , entstehe daraus was da wolle , um nur gleich zur Stelle zu seyn , wenn der Kranke so gefahrvollen Beistand verlange . Denn eigensinnig wie immer erklärte dieser , ihn nur von seiner Gemahlin oder Hippoliten annehmen zu wollen . Die Welt , eigentlicher was man in großen Städten die Welt zu nennen pflegt , begann freilich hier und da des glänzenden Fremdlings stete Anwesenheit im Aarheimischen Hause zum Ziel ihrer Bemerkungen zu machen ; doch in der Abgeschiedenheit , in welcher Gabriele jetzt lebte , vernahm diese wenig davon . Weniger noch Hippolit . Denn sowohl sein Aeußeres , als die Erinnerung an sein Betragen gegen Adelberten waren ganz dazu geeignet , jedermann den Muth zu einem unziemenden Scherze gegen ihn zu benehmen . Und so war Hippolit jetzt glücklicher als er es je zu werden gehofft hatte ; er war es in der Ueberzeugung , daß es ihm wirklich gelänge , zur Erhaltung und Erleichterung des geliebten Wesens beizutragen , für das er mit Freuden sein Leben hingegeben hätte . Ein freundlicher Stern schien dabei sein Bemühen zu begünstigen , denn Moritz ward bald darauf scheinbar besser , wie das bei Kranken seiner Art zuweilen wohl auf kurze Zeit geschieht , und er ermangelte nicht , dieß einzig der treuen Pflege seines jungen Freundes zuzuschreiben . Seine beängstenden Anfälle verließen ihn einstweilen fast gänzlich , dafür aber stellte sich seine alte Feindin , die Langeweile , wieder ein , und er machte jetzt weit stärkere Ansprüche als je zuvor auf Hippolits und Gabrielens Gesellschaft in den Abendstunden . Um der Unterhaltung eine leidliche Wendung zu geben , trug Hippolit allmählig alle seine in Italien gesammelten Kunstschätze herbei . Gemälde , Zeichnungen , Kupferstiche , kleine Antiken gaben Moritzens Zimmer gar bald das Ansehen eines Museums . Wunderbarer Weise bildete dieser sich mit einemmale ein , ein großer Kunstkenner geworden zu seyn ; da indessen seine Redseligkeit durch sein Uebel sehr gehemmt ward , so war er weit weniger störend als sonst , und blieb gewöhnlich nur ein größtentheils stummer Zuhörer von dem , was Hippolit und Gabriele mit einander sprachen . Er behauptete indessen sehr ernstlich , diese Unterhaltungen , besonders Hippolits Erzählungen ungemein ergötzlich zu finden , spielte aber dabei doch mit sich ganz allein eine Schachparthie nach der andern , wie Philadelphia sie in seinem Schachbuche vorschreibt , sammt allen Abänderungen jedes einzelnen Spieles . Triumfirend rief er sein » Matt ! « aus , wenn die Weißen gewannen , die er nach seines Meisters Beispiel , der die Schwarzen gewöhnlich schlecht spielen läßt , in besondern Schutz genommen hatte . Dabei glaubte er steif und fest , sich den ganzen Abend über einzig mit der Kunst beschäftigt zu haben . Hippolits und Gabrielens Unterhaltung gewann durch dieses sonderbare Beisammenseyn einen ganz eignen Reiz , eine fast größere Freiheit , als wären sie ganz ohne Zeugen gewesen . Moritz vertiefte sich immer mehr in sein Studium des Schachspiels und mischte sich immer weniger in ihr Gespräch . Die Kunstwerke um sie her , und Hippolits in Italien , unter Ernestos Leitung sehr ausführlich geschriebnes Tagebuch gaben ihnen stets neuen unendlichen Stoff . Gabriele ward in mancher Hinsicht jetzt wirklich die Schülerin ihres Freundes , anstatt daß er sonst in Schloß Aarheim von ihr lernte . Lächelnd erwähnte sie einst gegen ihn dieser seltnen Umwandlung . » Bin ich nicht alles durch Sie ? « erwiderte er ihr . » Sie allein erweckten mich ja zu diesem neuen erhöhten Leben . Sie öffneten mir ja zuerst das Reich der Kunst und führten mich zur beseligenden Erkenntniß der ewigen Schönheit . O Gabriele , wüßten Sie , mit welchem Wonnegefühl ich mir täglich zurückrufe , was ich Ihnen alles verdanke ! Möge nur ein günstiges Geschick mir erlauben , Ihnen stets zur Seite zu stehen wie jetzt , um mit jedem Athemzuge Ihnen zu beweisen , daß ich nur für Sie lebe , für Sie , die mich allein dem Sonnenlichte und der Hoffnung erhielt . « Ein Monat nach dem andern verging auf diese Weise , und Hippolit fühlte mit immer tiefrer Ueberzeugung , daß weder Zeit noch Veränderung des Ortes seinem Gemüth in Hinsicht auf Gabrielen eine andre Richtung gegeben habe , noch geben könne . Sie nur thronte , gleich einem Götterbilde , in seinem Herzen , und die Einsamkeit war noch oft Zeuge seines Schmerzes . Unendliches Mitleid mit ihr , mit sich und auch mit Ottokar hielt manche bange lange Nacht hindurch den Schlummer fern von seinem Lager . Doch er hatte gelobt , sich zu beherrschen , und er führte es mit bewundernswerther Standhaftigkeit aus . Er kam und ging , und kein Wort , kein Blick durfte sein Geheimniß verrathen . Er dachte wohl daran , daß Gabriele auf diese Weise setne frühere Liebe zu ihr als erloschen , und in ruhige Freundschaft umgewandelt betrachten würde , aber er war bereit , auch dieses zu tragen , um nur den innern Himmelsfrieden der hochgeliebten Frau nie wieder zu trüben . Aechte Liebe und Bescheidenheit gehen stets Hand in Hand . Deshalb kam in Hippolits Seele keine Ahnung von dem , was in qualvoller Seligkeit ihn vielleicht zum Wahnsinn getrieben hätte , wäre es von ihm erkannt worden . Ach ! jener Himmelsfriede , den er schonen wollte , war längst aus Gabrielens Brust gewichen und entfremdete sich ihr immer mehr und mehr mit jedem Tage , den Hippolit in ihrer Nähe verlebte . Während die unablässige Sorgfalt , mit der er in Gabrielens Gegenwart stets über sich selbst wachte , ihm keine Zeit ließ , sie anders als in Hinsicht auf ihre Zufriedenheit mit ihm zu beobachten , entzückte ihn zwar die holde Freundlichkeit , mit der sie ihn gewöhnlich behandelte , aber er dachte dabei nur daran , sich dieses sein gegenwärtiges Glück zu erhalten , und war weit davon entfernt , zu kühnern Hoffnungen den Blick zu erheben . Auch Gabriele blieb Wochen- und Mondenlang sich selbst ein Räthsel , dessen Auflösung sie , ohne sich dessen bewußt zu seyn , immer weiter hinaus schob . Vom Rückblick auf das frühere , von ihrer Seite so ruhige reine Verhältniß zu Hippoliten geblendet , glaubte sie , es sey noch wie ehemals . Sie ahnete nicht , was alles Blut ihres Herzens in heißen tobenden Strömen ihren Wangen zutrieb , wenn sie aus fast unhörbarer Ferne den Ton seiner Stimme , das Nahen seiner Schritte vernahm . Neues , nie zuvor geahnetes Leben war ihr aufgegangen , doch sie erkannte weder dessen Ursprung , noch das Stürmen und Wogen , welches ihre Brust mit süßem Schmerz beklemmte , himmelweit abweichend von jedem früheren Gefühl . Früh , wenn sie erwachte , war Hippolit ihr erster Gedanke , Sehnsucht , ihn wieder zu sehen , ihr erstes Empfinden , und dennoch erschrak sie , und hätte es gern abgewendet , wenn sein Besuch ihr gemeldet ward . War er aber erst da , dann begann ein hohes genußreiches Leben . Seine Worte , seine Aeußerungen entwickelten ihr täglich eine zuvor nicht gekannte Liebenswürdigkeit , eine neue , höhere Achtung fordernde Eigenschaft an dem edlen schönen Manne , der dabei in ungeheuchelter Verehrung sich und jede seiner Handlungen ihrem Willen unterwarf . Sie hing an seinen Blicken , an jeder seiner Bewegungen , alles andre vergessend , bis irgend ein unbedeutender Zufall sie aufschreckte . Verlegen wandte sie sich dann von ihm ab , floh aus seiner Nähe oder suchte ihre , ihr selbst unbegreifliche , tiefe Beschämung hinter irgend einem kleinen Geschäft , das sie plötzlich unternahm , zu verbergen . Zwanzigmal des Tages fühlte sie sich auf diese Weise von ihm angezogen und fortgetrieben . Sie war von einer Unruhe , einer Unbestimmtheit ergriffen , die sie mit Angst erfüllten , die ihr nicht erlaubten , irgend etwas zu unternehmen oder gar zu vollenden , als nur in Bezug auf Hippolit . Jene , ihr eignes Wesen wie die Welt , hellüberschauende Klarheit , war für den Moment gänzlich von ihr gewichen ; Gedanken , Empfindungen stiegen in ihr auf , ihr so fremd , daß sie oft sich überredete : das Herannahen einer bedeutenden Krankheit vorzuempfinden . Ein Zufall mußte sie über sich selbst klar werden lassen , wenn gleich auf schmerzliche Weise . Unerachtet ihres jetzt sehr merklich herannahenden höheren Alters hing Gabrielens Tante , die Gräfin Rosenberg , noch immer mit gewohnter Leidenschaftlichkeit an der Welt , an deren Freuden , und war keinesweges gesonnen , den Platz aufzugeben , den sie in ihr so lange ehrenvoll behauptet hatte . Mehr als je zuvor beruhte jetzt ihr Glück auf Glanz und Geräusch , denn sie bedurfte beides , um manchem ernsteren Gedanken zu entweichen , der sich zuweilen doch ungerufen ihr entgegendrängte . Ein einziger unbesuchter Assembleeabend in ihrem Hause hätte ihr den Tod geben können . Dieß fühlend , und treu ihren früheren Grundsätzen , suchte sie daher bei Zeiten in dem sie umgebenden Kreise nach einem jungen liebenswürdigen Wesen , das fähig wäre , Gabrielens Alle herbeizaubernde Gegenwart ihr einigermaaßen zu ersetzen . Denn sie mußte leider diesen Winter über in ihrem Salon Gabrielen vermissen , weil die Pflicht diese an das Krankenzimmer des Gemahls gefesselt hielt . Der Gräfin gewohnter Scharfblick fand gar leicht den geselligen Magnet , welchen sie suchte , in der im üppigsten Jugendreiz eben aufblühenden Ida von Schöneck , Gabrielens ehemaliger Begleiterin nach Schloß Aarheim . Seltne Schönheit und manches angenehme Talent hatten sich seit jener Zeit auf das schnellste und liebenswürdigste in diesem jungen Mädchen entwickelt . Die Gräfin konnte keine glücklichere Wahl treffen , denn der ewige Kampf zwischen einem unbegränzten Hange zum Vergnügen und sehr beschränkten häuslichen Verhältnissen machten die arme Ida zur Gefälligkeit selbst , was auch immer von ihr gefordert werden mochte . Sie verließ das Haus ihrer Mutter und bezog ein Zimmer im Hotel ihrer neuen Beschützerin . Alle Stunden , welche Toilette und Gesellschaft ihr übrig ließen , wurden dort mit unermüdetem Eifer auf den Unterricht gewendet , den ihr die Gräfin in Musik , Tanz und allen jenen Künsten geben ließ , welche in unsern verfeinerten Tagen den höchsten Schmuck der darüber selbst zur Kunst gewordnen Geselligkeit ausmachen . Von Eitelkeit gespornt , ersetzte der angestrengteste Fleiß , was hie und da die Natur versagt haben mochte , und die einmal der Dunkelheit entrißne , vor kurzem noch so unbedeutende Ida trat ganz unerwartet als eine leuchtende Sonne hervor , deren Glanz alle ihre Umgebungen überstrahlte . Der Gräfin Rosenberg Haus ward durch Ida wieder , was es stets gewesen war , der Mittelpunkt aller guten Gesellschaft in der Residenz , sie selbst schwamm in Seligkeit , und vergötterte beinahe die kleine Zauberin , welche alle diese Wunder bewirkte . Zwar war Ida himmelweit davon entfernt , Gabriele zu seyn ; ihre Talente , ihr Wissen , waren nur ein oberflächlich Erlerntes , auf den Licht-Effekt berechnet ; aber eben diese Licht-Effekte hatte sie meisterhaft studirt . Dazu besaß sie den Reiz der Neuheit , der frischesten Jugend und obendrein eine seltne Fähigkeit , fremde Liebenswürdigkeit sich anzueignen . Sogar das Mondenlange Zusammenleben mit Gabrielen hatte sie , wenigstens für