Gedanken in die Höhe richten , und « , setzte sie nach tiefem Atemholen hinzu , » ich glaube , mein Herz will nach . « In diesem Augenblicke eröffnete sich die Türe , und Montan trat herein , wie öfters der allzu lang Erwartete plötzlich und unverhofft erscheint . Lydie schritt munter auf ihn zu , umarmte ihn freudig , und indem sie ihn vor Makarien führte , rief sie aus : » Er soll erfahren , was er dieser Göttlichen schuldig ist , und sich mit mir dankend niederwerfen . « Montan , betroffen und , gegen seine Gewohnheit , gewissermaßen verlegen , sagte mit edler Verbeugung gegen die würdige Dame : » Es scheint sehr viel zu sein , denn ich werde dich ihr schuldig . Es ist das erstemal , daß du mir offen und liebevoll entgegenkommst , das erstemal , daß du mich ans Herz drückst , ob ich es gleich längst verdiente . « Hier nun müssen wir vertraulich eröffnen , daß Montan Lydien von ihrer frühen Jugend an geliebt , daß der einnehmendere Lothario sie ihm entführt , er aber ihr und dem Freunde treu geblieben und sie sich endlich , vielleicht zu nicht geringer Verwunderung unserer früheren Leser , als Gattin zugeeignet habe . Diese drei zusammen , welche sich in der europäischen Gesellschaft doch nicht ganz behaglich fühlen mochten , mäßigten kaum den Ausdruck ihrer Freude , wenn von den dort erwarteten Zuständen die Rede war . Die Schere Philinens zuckte schon : denn man gedachte sich das Monopol vorzubehalten , diese neuen Kolonien mit Kleidungsstücken zu versorgen . Philine beschrieb den großen Tuch- und Leinwandvorrat sehr artig und schnitt in die Luft , die Ernte für Sichel und Sense , wie sie sagte , schon vor sich sehend . Lydie dagegen , erst durch jene glücklichen Segnungen zu teilnehmender Liebe wieder auferwacht , sah im Geiste schon ihre Schülerinnen sich ins Hundertfache vermehren und ein ganzes Volk von Hausfrauen zu Genauigkeit und Zierlichkeit eingeleitet und aufgeregt . Auch der ernste Montan hat die dortige Bergfülle an Blei , Kupfer , Eisen und Steinkohlen dergestalt vor Augen , daß er alle sein Wissen und Können manchmal nur für ängstlich tastendes Versuchen erklären möchte , um erst dort in eine reiche , belohnende Ernte mutig einzugreifen . Daß Montan sich mit unserm Astronomen bald verstehen würde , war vorauszusehen . Die Gespräche , die sie in Gegenwart Makariens führten , waren höchst anziehend ; wir finden aber nur weniges davon niedergeschrieben , indem Angela seit einiger Zeit beim Zuhören minder aufmerksam und beim Aufzeichnen nachlässiger geworden war . Auch mochte ihr manches zu allgemein und für ein Frauenzimmer nicht faßlich genug vorkommen . Wir schalten daher nur einige der in jene Tage gehörigen Äußerungen hier vorübergehend ein , die nicht einmal von ihrer Hand geschrieben uns zugekommen sind . Bei dem Studieren der Wissenschaften , besonders derer , welche die Natur behandeln , ist die Untersuchung so nötig als schwer : ob das , was uns von alters her überliefert und von unsern Vorfahren für gültig geachtet worden , auch wirklich gegründet und zuverlässig sei , in dem Grade , daß man darauf fernerhin sicher fortbauen möge ? oder ob ein herkömmliches Bekenntnis nur stationär geworden und deshalb mehr einen Stillstand als einen Fortschritt veranlasse ? Ein Kennzeichen fördert diese Untersuchung , wenn nämlich das Angenommene lebendig und in das tätige Bestreben einwirkend und fördernd gewesen und geblieben . Im Gegensatze steht die Prüfung des Neuen , wo man zu fragen hat : ob das Angenommene wirklicher Gewinn oder nur modische Übereinstimmung sei ? denn eine Meinung , von energischen Männern ausgehend , verbreitet sich kontagios über die Menge , und dann heißt sie herrschend - eine Anmaßung , die für den treuen Forscher gar keinen Sinn ausspricht . Staat und Kirche mögen allenfalls Ursache finden , sich für herrschend zu erklären : denn die haben es mit der widerspenstigen Masse zu tun , und wenn nur Ordnung gehalten wird , so ist es ganz einerlei , durch welche Mittel ; aber in den Wissenschaften ist die absoluteste Freiheit nötig : denn da wirkt man nicht für heut und morgen , sondern für eine undenklich vorschreitende Zeitenreihe . Gewinnt aber auch in der Wissenschaft das Falsche die Oberhand , so wird doch immer eine Minorität für das Wahre übrigbleiben , und wenn sie sich in einen einzigen Geist zurückzöge , so hätte das nichts zu sagen . Er wird im stillen , im verborgenen fortwaltend wirken , und eine Zeit wird kommen , wo man nach ihm und seinen Überzeugungen fragt , oder wo diese sich , bei verbreitetem allgemeinem Licht , auch wieder hervorwagen dürfen . Was jedoch weniger allgemein , obgleich unbegreiflich und wunderseltsam , zur Sprache kam , war die gelegentliche Eröffnung Montans , daß ihm bei seinen gebirgischen und bergmännischen Untersuchungen eine Person zur Seite gehe , welche ganz wundersame Eigenschaften und einen ganz eigenen Bezug auf alles habe , was man Gestein , Mineral , ja sogar was man überhaupt Element nennen könne . Sie fühle nicht bloß eine gewisse Einwirkung der unterirdisch fließenden Wasser , metallischer Lager und Gänge , sowie der Steinkohlen und was dergleichen in Massen beisammen sein möchte , sondern , was wunderbarer sei , sie befinde sich anders und wieder anders , sobald sie nur den Boden wechsele . Die verschiedenen Gebirgsarten übten auf sie einen besondern Einfluß , worüber er sich mit ihr , seitdem er eine zwar wunderliche , aber doch auslangende Sprache einzuleiten gewußt , recht gut verständigen und sie im einzelnen prüfen könne , da sie denn auf eine merkwürdige Weise die Probe bestehe , indem sie sowohl chemische als physische Elemente durchs Gefühl gar wohl zu unterscheiden wisse , ja sogar schon durch den Anblick das Schwerere von dem Leichtern unterscheide . Diese Person , über deren Geschlecht er sich nicht näher erklären wollte , habe er mit den abreisenden Freunden vorausgeschickt und hoffe zu seinen Zwecken in den ununtersuchten Gegenden sehr viel von ihr . Dieses Vertrauen Montans eröffnete das strenge Herz des Astronomen , welcher sodann mit Makariens Vergünstigung auch ihm das Verhältnis derselben zum Weltsystem offenbarte . Durch nachherige Mitteilungen des Astronomen sind wir in dem Fall , wo nicht Genugsames , doch das Hauptsächliche ihrer Unterhaltungen über so wichtige Punkte mitzuteilen . Bewundern wir indessen die Ähnlichkeit der hier eintretenden Fälle bei der größten Verschiedenheit . Der eine Freund , um nicht ein Timon zu werden , hatte sich in die tiefsten Klüfte der Erde versenkt , und auch dort ward er gewahr , daß in der Menschennatur etwas Analoges zum Starrsten und Rohsten vorhanden sei ; dem andern gab von der Gegenseite der Geist Makariens ein Beispiel , daß , wie dort das Verbleiben , hier das Entfernen wohlbegabten Naturen eigen sei , daß man weder nötig habe , bis zum Mittelpunkt der Erde zu dringen , noch sich über die Grenzen unsres Sonnensystems hinaus zu entfernen , sondern schon genüglich beschäftigt und vorzüglich auf Tat aufmerksam gemacht und zu ihr berufen werde . An und in dem Boden findet man für die höchsten irdischen Bedürfnisse das Material , eine Welt des Stoffes , den höchsten Fähigkeiten des Menschen zur Bearbeitung übergeben ; aber auf jenem geistigen Wege werden immer Teilnahme , Liebe , geregelte freie Wirksamkeit gefunden . Diese beiden Welten gegeneinander zu bewegen , ihre beiderseitigen Eigenschaften in der vorübergehenden Lebenserscheinung zu manifestieren , das ist die höchste Gestalt , wozu sich der Mensch auszubilden hat . Hierauf schlossen beide Freunde einen Bund und nahmen sich vor , ihre Erfahrungen allenfalls auch nicht zu verheimlichen , weil derjenige , der sie als einem Roman wohl ziemende Märchen belächeln könnte , sie doch immer als ein Gleichnis des Wünschenswertesten betrachten dürfte . Der Abschied Montans und seiner Frauenzimmer folgte bald hierauf , und wenn man ihn mit Lydien wohl noch gern gehalten hätte , so war doch die allzu unruhige Philine mehreren an Ruhe und Sitte gewohnten Frauenzimmern , besonders aber der edlen Angela beschwerlich , wozu sich noch besondere Umstände hinzufügten , welche die Unbehaglichkeit vermehrten . Schon oben hatten wir zu bemerken , daß Angela nicht wie sonst die Pflicht des Aufmerkens und Aufzeichnens erfüllte , sondern anderwärts beschäftigt schien . Um diese Anomalie an einer der Ordnung dergestalt ergebenen und in den reinsten Kreisen sich bewegenden Person zu erklären , sind wir genötigt , einen neuen Mitspieler in dieses vielumfassende Drama noch zuletzt einzuführen . Unser alter , geprüfter Handelsfreund Werner mußte sich bei zunehmenden , ja gleichsam ins Unendliche sich vermehrenden Geschäften nach frischen Gehülfen umsehen , welche er nicht ohne vorläufige besondere Prüfung näher an sich anschloß . Einen solchen sendet er nun an Makarien , um wegen Auszahlung der bedeutenden Summen zu unterhandeln , welche diese Dame aus ihrem großen Vermögen dem neuen Unternehmen , besonders in Rücksicht auf Lenardo , ihren Liebling , zuzuwenden beschloß und erklärte . Gedachter junger Mann , nunmehr Werners Gehülfe und Geselle , ein frischer , natürlicher Jüngling und eine Wundererscheinung , empfiehlt sich durch ein eignes Talent , durch eine grenzenlose Fertigkeit im Kopfrechnen , wie überall , so besonders bei den Unternehmern , wie sie jetzt zusammenwirken , da sie sich durchaus mit Zahlen im mannigfaltigsten Sinne einer Gesellschaftsrechnung beschäftigen und ausgleichen müssen . Sogar in der täglichen Sozietät , wo beim Hin-und Widerreden über weltliche Dinge von Zahlen , Summen und Ausgleichungen die Rede ist , muß ein solcher höchst willkommen mit einwirken . Überdem spielte er den Flügel höchst anmutig , wo ihm der Kalkül und ein liebenswürdiges Naturell verbunden und vereint äußerst wünschenswert zu Hülfe kommt . Die Töne fließen ihm leicht und harmonisch zusammen , manchmal aber deutet er an , daß er auch wohl in tiefern Regionen zu Hause wäre , und so wird er höchst anziehend , wenn er gleich wenig Worte macht und kaum irgend etwas Gefühltes aus seinen Gesprächen durchblickt . Auf alle Fälle ist er jünger als seine Jahre , man möchte beinahe etwas Kindliches an ihm finden . Wie es übrigens auch mit ihm sei , er hat Angelas Gunst gewonnen , sie die seinige , zu Makariens größter Zufriedenheit : denn sie hatte längst gewünscht , das edle Mädchen verheiratet zu sehen . Diese jedoch , immer bedenkend und fühlend , wie schwer ihre Stelle zu besetzen sein werde , hatte wohl schon irgendein liebevolles Anerbieten abgelehnt , vielleicht sogar einer stillen Neigung Gewalt angetan ; seitdem aber eine Nachfolgerin denkbar , ja gewissermaßen schon bestimmt worden , scheint sie , von einem wohlgefälligen Eindruck überrascht , ihm bis zur Leidenschaft nachgegeben zu haben . Wir aber kommen nunmehr in den Fall , das Wichtigste zu eröffnen , indem ja alles , worüber seit so mancher Zeit die Rede gewesen , sich nach und nach gebildet , aufgelöst und wieder gestaltet hatte . Entschieden ist also auch nunmehr , daß die Schöne-Gute , sonst das nußbraune Mädchen genannt , sich Makarien zur Seite füge . Der im allgemeinen vorgelegte , auch von Lenardo schon gebilligte Plan ist seiner Ausführung ganz nah ; alle Teilnehmenden sind einig ; die Schöne-Gute übergibt dem Gehülfen ihr ganzes Besitztum . Er heiratet die zweite Tochter jener arbeitsamen Familie und wird Schwager des Schirrfassers . Hiedurch wird die vollkommene Einrichtung einer neuen Fabrikation durch Lokal und Zusammenwirkung möglich , und die Bewohner des arbeitslustigen Tales werden auf eine andere , lebhaftere Weise beschäftigt . Dadurch wird die Liebenswürdige frei , sie tritt bei Makarien an die Stelle von Angela , welche mit jenem jungen Manne schon verlobt ist . Hiemit wäre alles für den Augenblick berichtet ; was nicht entschieden werden kann , bleibt im Schweben . Nun aber verlangt die Schöne-Gute , daß Wilhelm sie abhole ; gewisse Umstände sind noch zu berichtigen , und sie legt bloß einen großen Wert darauf , daß er das , was er doch eigentlich angefangen , auch vollende . Er entdeckte sie zuerst , und ein wundersam Geschick trieb Lenardo auf seine Spur ; und nun soll er , so wünscht sie , ihr den Abschied von dort erleichtern und so die Freude , die Beruhigung empfinden , einen Teil der verschränkten Schicksalsfäden selbst wieder aufgefaßt und angeknüpft zu haben . Nun aber müssen wir , um das Geistliche , das Gemütliche zu einer Art von Vollständigkeit zu bringen , auch ein Geheimeres offenbaren , und zwar folgendes : Lenardo hatte über eine nähere Verbindung mit der Schönen-Guten niemals das mindeste geäußert ; im Laufe der Unterhandlungen aber , bei dem vielen Hin-und Widersenden war denn doch auf eine zarte Weise an ihr geforscht worden , wie sie dies Verhältnis ansehe und was sie , wenn es zur Sprache käme , allenfalls zu tun geneigt wäre . Aus ihrem Erwidern konnte man sich so viel zusammensetzen : sie fühle sich nicht wert , einer solchen Neigung wie der ihres edlen Freundes durch Hingebung ihres geteilten Selbst zu antworten . Ein Wohlwollen der Art verdiene die ganze Seele , das ganze Vermögen eines weiblichen Wesens ; dies aber könne sie nicht anbieten . Das Andenken ihres Bräutigams , ihres Gatten und der wechselseitigen Einigung beider sei noch so lebhaft in ihr , nehme noch ihr ganzes Wesen dergestalt völlig ein , daß für Liebe und Leidenschaft kein Raum gedenkbar , auch ihr nur das reinste Wohlwollen und in diesem Falle die vollkommenste Dankbarkeit übrig bleibe . Man beruhigte sich hiebei , und da Lenardo die Angelegenheit nicht berührt hatte , war es auch nicht nötig , hierüber Auskunft und Antwort zu geben . Einige allgemeine Betrachtungen werden hoffentlich hier am rechten Orte stehen . Das Verhältnis sämtlicher vorübergehenden Personen zu Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll , alle fühlten die Gegenwart eines höheren Wesens , und doch blieb in solcher Gegenwart einem jeden die Freiheit , ganz in seiner eigenen Natur zu erscheinen . Jeder zeigt sich , wie er ist , mehr als je vor Eltern und Freunden , mit einer gewissen Zuversicht , denn er war gelockt und veranlaßt , nur das Gute , das Beste , was an ihm war , an den Tag zu geben , daher beinah eine allgemeine Zufriedenheit entstand . Verschweigen aber können wir nicht , daß durch diese gewissermaßen zerstreuenden Zustände Makarie mit der Lage Lenardos beschäftigt blieb ; sie äußerte sich auch darüber gegen ihre Nächsten , gegen Angela und den Astronomen . Lenardos Inneres glaubten sie deutlich vor sich zu sehen , er ist für den Augenblick beruhigt , der Gegenstand seiner Sorge wird höchst glücklich gesichert ; Makarie hatte für die Zukunft auf jeden Fall gesorgt . Nun hatte er das große Geschäft mutig anzutreten und zu beginnen , das übrige dem Folgegang und Schicksal zu überlassen . Dabei konnte man vermuten , daß er in jenen Unternehmungen hauptsächlich gestärkt sei durch den Gedanken , sie dereinst , wenn er Fuß gefaßt , hinüber zu berufen , wo nicht gar selbst abzuholen . Allgemeiner Bemerkungen konnte man hiebei sich nicht enthalten . Man beachtete näher den seltenen Fall , der sich hier hervortat : Leidenschaft aus Gewissen . Man gedachte zugleich anderer Beispiele einer wundersamen Umbildung einmal gefaßter Eindrücke , der geheimnisvollen Entwickelung angeborner Neigung und Sehnsucht . Man bedauerte , daß in solchen Fällen wenig zu raten sei , würde es aber höchst rätlich finden , sich möglichst klar zu halten und diesem oder jenem Hang nicht unbedingt nachzugeben . Zu diesem Punkte aber gelangt , können wir der Versuchung nicht widerstehen , ein Blatt aus unsern Archiven mitzuteilen , welches Makarien betrifft und die besondere Eigenschaft , die ihrem Geiste erteilt ward . Leider ist dieser Aufsatz erst lange Zeit , nachdem der Inhalt mitgeteilt worden , aus dem Gedächtnis geschrieben und nicht , wie es in einem so merkwürdigen Fall wünschenswert wäre , für ganz authentisch anzusehen . Dem sei aber , wie ihm wolle , so wird hier schon so viel mitgeteilt , um Nachdenken zu erregen und Aufmerksamkeit zu empfehlen , ob nicht irgendwo schon etwas Ähnliches oder sich Annäherndes bemerkt und verzeichnet worden . Funfzehntes Kapitel Makarie befindet sich zu unserm Sonnensystem in einem Verhältnis , welches man auszusprechen kaum wagen darf . Im Geiste , der Seele , der Einbildungskraft hegt sie , schaut sie es nicht nur , sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben ; sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen , aber auf eine ganz eigene Art ; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne , und zwar , wie nun entdeckt ist , in einer Spirale , sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und nach den äußeren Regionen hinkreisend . Wenn man annehmen darf , daß die Wesen , insofern sie körperlich sind , nach dem Zentrum , insofern sie geistig sind , nach der Peripherie streben , so gehört unsere Freundin zu den geistigsten ; sie scheint nur geboren , um sich von dem Irdischen zu entbinden , um die nächsten und fernsten Räume des Daseins zu durchdringen . Diese Eigenschaft , so herrlich sie ist , ward ihr doch seit den frühsten Jahren als eine schwere Aufgabe verliehen . Sie erinnert sich von klein auf ihr inneres Selbst als von leuchtendem Wesen durchdrungen , von einem Licht erhellt , welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte . Oft sah sie zwei Sonnen , eine innere nämlich und eine außen am Himmel , zwei Monde , wovon der äußere in seiner Größe bei allen Phasen sich gleich blieb , der innere sich immer mehr und mehr verminderte . Diese Gabe zog ihren Anteil ab von gewöhnlichen Dingen , aber ihre trefflichen Eltern wendeten alles auf ihre Bildung ; alle Fähigkeiten wurden an ihr lebendig , alle Tätigkeiten wirksam , dergestalt daß sie allen äußeren Verhältnissen zu genügen wußte und , indem ihr Herz , ihr Geist ganz von überirdischen Gesichten erfüllt war , doch ihr Tun und Handeln immerfort dem edelsten Sittlichen gemäß blieb . Wie sie heranwuchs , überall hülfreich , unaufhaltsam in großen und kleinen Diensten , wandelte sie wie ein Engel Gottes auf Erden , indem ihr geistiges Ganze sich zwar um die Weltsonne , aber nach dem Überweltlichen in stetig zunehmenden Kreisen bewegte . Die Überfülle dieses Zustandes ward einigermaßen dadurch gemildert , daß es auch in ihr zu tagen und zu nachten schien , da sie denn , bei gedämpftem innerem Licht , äußere Pflichten auf das treuste zu erfüllen strebte , bei frisch aufleuchtendem Innerem sich der seligsten Ruhe hingab . Ja sie will bemerkt haben , daß eine Art von Wolken sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den Anblick der himmlischen Genossen auf eine Zeitlang umdämmerten , eine Epoche , die sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wußte . Solange sie die Anschauungen geheimhielt , gehörte viel dazu , sie zu ertragen ; was sie davon offenbarte , wurde nicht anerkannt oder mißdeutet , sie ließ es daher in ihrem langen Leben nach außen als Krankheit gelten , und so spricht man in der Familie noch immer davon ; zuletzt aber hat ihr das gute Glück den Mann zugeführt , den ihr bei uns seht , als Arzt , Mathematiker und Astronom gleich schätzbar , durchaus ein edler Mensch , der sich jedoch erst eigentlich aus Neugierde zu ihr heranfand . Als sie aber Vertrauen gegen ihn gewann , ihm nach und nach ihre Zustände beschrieben , das Gegenwärtige ans Vergangene angeschlossen und in die Ereignisse einen Zusammenhang gebracht hatte , ward er so von der Erscheinung eingenommen , daß er sich nicht mehr von ihr trennen konnte , sondern Tag für Tag stets tiefer in das Geheimnis einzudringen trachtete . Im Anfange , wie er nicht undeutlich zu verstehen gab , hielt er es für Täuschung ; denn sie leugnete nicht , daß von der ersten Jugend an sie sich um die Stern- und Himmelskunde fleißig bekümmert habe , daß sie darin wohl unterrichtet worden und keine Gelegenheit versäumt , sich durch Maschinen und Bücher den Weltbau immer mehr zu versinnlichen . Deshalb er sich denn nicht ausreden ließ , es sei angelernt . Die Wirkung einer in hohem Grad geregelten Einbildungskraft , der Einfluß des Gedächtnisses sei zu vermuten , eine Mitwirkung der Urteilskraft , besonders aber eines versteckten Kalküls . Er ist ein Mathematiker und also hartnäckig , ein heller Geist und also ungläubig ; er wehrte sich lange , bemerkte jedoch , was sie angab , genau , suchte der Folge verschiedener Jahre beizukommen , wunderte sich besonders über die neusten , mit dem gegenseitigen Stande der Himmelslichter übereintreffenden Angaben und rief endlich aus : » Nun warum sollte Gott und die Natur nicht auch eine lebendige Armillarsphäre , ein geistiges Räderwerk erschaffen und einrichten , daß es , wie ja die Uhren uns täglich und stündlich leisten , dem Gang der Gestirne von selbst auf eigne Weise zu folgen imstande wäre ? « Hier aber wagen wir nicht , weiter zu gehen ; denn das Unglaubliche verliert seinen Wert , wenn man es näher im einzelnen beschauen will . Doch sagen wir soviel : Dasjenige , was zur Grundlage der anzustellenden Berechnungen diente , war folgendes : Ihr , der Seherin , erschien unsere Sonne in der Vision um vieles kleiner , als sie solche bei Tage erblickte , auch gab eine ungewöhnliche Stellung dieses höheren Himmelslichtes im Tierkreise Anlaß zu Folgerungen . Dagegen entstanden Zweifel und Irrungen , weil die Schauende ein und das andere Gestirn andeutete als gleichfalls in dem Zodiak erscheinend , von dem man aber am Himmel nichts gewahr werden konnte . Es mochten die damals noch unentdeckten kleinen Planeten sein . Denn aus andern Angaben ließ sich schließen , daß sie , längst über die Bahn des Mars hinaus , der Bahn des Jupiter sich nähere . Offenbar hatte sie eine Zeitlang diesen Planeten , es wäre schwer zu sagen in welcher Entfernung , mit Staunen in seiner ungeheuren Herrlichkeit betrachtet und das Spiel seiner Monde um ihn her geschaut ; hernach aber ihn auf die wunderseltsamste Weise als abnehmenden Mond gesehen , und zwar umgewendet , wie uns der wachsende Mond erscheint . Daraus wurde geschlossen , daß sie ihn von der Seite sehe und wirklich im Begriff sei , über dessen Bahn hinauszuschreiten und in dem unendlichen Raum dem Saturn entgegenzustreben . Dorthin folgt ihr keine Einbildungskraft , aber wir hoffen , daß eine solche Entelechie sich nicht ganz aus unserm Sonnensystem entfernen , sondern , wenn sie an die Grenze desselben gelangt ist , sich wieder zurücksehnen werde , um zugunsten unsrer Urenkel in das irdische Leben und Wohltun wieder einzuwirken . Indem wir nun diese ätherische Dichtung , Verzeihung hoffend , hiemit beschließen , wenden wir uns wieder zu jenem terrestrischen Märchen , wovon wir oben eine vorübergehende Andeutung gegeben . Montan hatte mit dem größten Anschein von Ehrlichkeit angegeben : jene wunderbare Person , welche mit ihren Gefühlen den Unterschied der irdischen Stoffe so wohl zu bezeichnen wisse , sei schon mit den ersten Wanderern in die weite Ferne gezogen , welches jedoch dem aufmerksamen Menschenkenner durchaus hätte sollen unwahrscheinlich dünken . Denn wie wollte Montan und seinesgleichen eine so bereite Wünschelrute von der Seite gelassen haben ? Auch ward kurz nach seiner Abreise durch Hin- und Widerreden und sonderbare Erzählungen der unteren Hausbedienten hierüber ein Verdacht allmählich rege . Philine nämlich und Lydie hatten eine Dritte mitgebracht , unter dem Vorwand , es sei eine Dienerin , wozu sie sich aber gar nicht zu schicken schien ; wie sie denn auch beim An- und Auskleiden der Herrinnen niemals gefordert wurde . Ihre einfache Tracht kleidete den derben , wohlgebauten Körper gar schicklich , deutete aber , so wie die ganze Person , auf etwas Ländliches . Ihr Betragen , ohne roh zu sein , zeigte keine gesellige Bildung , wovon die Kammermädchen immer die Karikatur darzustellen pflegen . Auch fand sie gar bald unter der Dienerschaft ihren Platz ; sie gesellte sich zu den Garten- und Feldgenossen , ergriff den Spaten und arbeitete für zwei bis drei . Nahm sie den Rechen , so flog er auf das geschickteste über das aufgewühlte Erdreich , und die weiteste Fläche glich einem wohlgeebneten Beete . Übrigens hielt sie sich still und gewann gar bald die allgemeine Gunst . Sie erzählten sich von ihr : man habe sie oft das Werkzeug niederlegen und querfeldein über Stock und Steine springen sehen , auf eine versteckte Quelle zu , wo sie ihren Durst gelöscht . Diesen Gebrauch habe sie täglich wiederholt , indem sie von irgendeinem Punkte aus , wo sie gestanden , immer ein oder das andere rein ausfließende Wasser zu finden gewußt , wenn sie dessen bedurfte . Und so war denn doch für Montans Angeben ein Zeugnis zurückgeblieben , der wahrscheinlich , um lästige Versuche und unzulängliches Probieren zu vermeiden , die Gegenwart einer so merkwürdigen Person vor seinen edlen Wirten , welche sonst wohl ein solches Zutrauen verdient hätten , zu verheimlichen beschloß . Wir aber wollten , was uns bekannt geworden , auch unvollständig wie es vorliegt , mitgeteilt haben , um forschende Männer auf ähnliche Fälle , die sich vielleicht öfter , als man glaubt , durch irgendeine Andeutung hervortun , freundlich aufmerksam zu machen . Sechzehntes Kapitel Der Amtmann jenes Schlosses , das wir noch vor kurzem durch unsere Wanderer belebt gesehen , von Natur tätig und gewandt , den Vorteil seiner Herrschaft und seinen eignen immer vor Augen habend , saß nunmehr vergnügt , Rechnungen und Berichte auszufertigen , wodurch er die seinem Bezirk während der Anwesenheit jener Gäste zugegangenen großen Vorteile mit einiger Selbstgefälligkeit vorzutragen und auseinanderzusetzen sich bemühte . Allein dieses war nach seiner eigenen Überzeugung nur das Geringste ; er hatte bemerkt , was für große Wirkungen von tätigen , geschickten , freisinnigen und kühnen Menschen ausgehen . Die einen hatten Abschied genommen , über das Meer zu setzen , die andern , um auf dem festen Lande ihr Unterkommen zu finden ; nun ward er noch ein drittes heimliches Verhältnis gewahr , wovon er alsobald Nutzen zu ziehen den Entschluß faßte . Beim Abschied zeigte sich , was man hätte voraussagen und wissen können , daß von den jungen , rüstigen Männern sich gar mancher mit den hübschen Kindern des Dorfs und der Gegend mehr oder weniger befreundet hatte . Nur einige bewiesen Mut genug , als Odoardo mit den Seinigen abging , sich als entschieden Bleibende zu erklären ; von Lenardos Auswanderern war keiner geblieben , aber von diesen letztern beteuerten verschiedene , in kurzer Zeit zurückkehren und sich ansiedeln zu wollen , wenn man ihnen einigermaßen ein hinreichendes Auskommen und Sicherheit für die Zukunft gewähren könne . Der Amtmann , welcher die sämtliche Persönlichkeit und die häuslichen Umstände seiner ihm untergebenen kleinen Völkerschaft ganz genau kannte , lachte heimlich als ein wahrer Egoist über das Ereignis , daß man so große Anstalten und Aufwand mache , um über dem Meer und im Mittellande sich frei und tätig zu erweisen , und doch dabei ihm , der auf seiner Hufe ganz ruhig gesessen , gerade die größten Vorteile zu Haus und Hof bringe und ihm Gelegenheit gebe , einige der Vorzüglichsten zurückzuhalten und bei sich zu versammeln . Seine Gedanken , ausgeweitet durch die Gegenwart , fanden nichts natürlicher , als daß Liberalität , wohl angewendet , gar löbliche , nützliche Folgen habe . Er faßte sogleich den Entschluß , in seinem kleinen Bezirk etwas Ähnliches zu unternehmen . Glücklicherweise waren wohlhabende Einwohner diesmal gleichsam genötigt , ihre Töchter den allzu frühen Gatten gesetzmäßig zu überlassen . Der Amtmann machte ihnen einen solchen bürgerlichen Unfall als ein Glück begreiflich , und da es wirklich ein Glück war , daß gerade die in diesem Sinne brauchbarsten Handwerker das Los getroffen hatte , so hielt es nicht schwer , die Einleitung zu einer Möbelfabrik zu machen , die ohne weitläufigen Raum und ohne große Umstände nur Geschicklichkeit und hinreichendes Material verlangt . Das letzte versprach der Amtmann ; Frauen , Raum und Verlag gaben die Bewohner , und Geschicklichkeit brachten die Einwandernden mit . Das alles hatte der gewandte Geschäftsmann schon im stillen , bei Anwesenheit und im Tumult der Menge , gar wohl überdacht und konnte daher , sobald es um ihn ruhig ward , gleich zum Werke schreiten . Ruhe , aber freilich eine Art Totenruhe , war nach Verlauf dieser Flut über die Straßen des Orts , über den Hof des Schlosses gekommen , als unsern rechnenden und berechnenden Geschäftsmann ein hereinsprengender Reiter aufrief und aus seiner ruhigen Fassung brachte . Des Pferdes Huf klappte freilich nicht , es war nicht beschlagen , aber der Reiter , der von der Decke herabsprang - er ritt ohne Sattel und Steigbügel , auch bändigte er das Pferd nur durch eine Trense - , er rief laut und ungeduldig nach den Bewohnern , nach den Gästen und war leidenschaftlich verwundert , alles so still und tot zu finden . Der Amtsdiener wußte nicht , was er aus dem Ankömmling machen sollte ; auf einen entstandenen Wortwechsel kam der Amtmann selbst hervor und wußte auch weiter nichts zu sagen , als daß alles weggezogen sei . - » Wohin ? « war die rasche Frage des jungen , lebendigen Ankömmlings . - Mit Gelassenheit bezeichnete der Amtmann den Weg Lenardos und Odoards , auch eines dritten problematischen Mannes , den sie teils Wilhelm , teils Meister genannt hätten . Dieser habe sich auf dem einige Meilen entfernten Flusse eingeschifft , er fahre hinab , erst seinen Sohn zu besuchen und alsdann ein wichtiges Geschäft weiter zu verfolgen . Schon hatte der Jüngling sich wieder aufs Pferd geschwungen und Kenntnis genommen von dem nächsten Wege zum Flusse hin , als er schon wieder zum Tor hinaus stürzte und so eilig davonflog , daß dem Amtmann , der oben aus seinen Fenstern nachschaute , kaum ein verfliegender Staub anzudeuten schien , daß der verwirrte Reiter