Welt ziehe . Es wurde dunkler ; da kamen die jungen Leute , trotz der Hungersnot , so vertraulich Paar und Paar gezogen ; mancher sang , viele lachten ; da war kein Rückhalt in allem , was sie meinten , und doch war es ein anderes Wesen , als in dem Frauenhause , ein anderes Wesen , als bei den Bürgerfrauen in München ; sie schienen so gut wie diese und so schlecht wie jene zu gleicher Zeit zu sein . Güldenkamm , mit seiner gewohnten Träumerei erfüllt , ging unter den Mädchen umher , wie von den rechten Weingegenden erzählt wird , daß durchwandernde Fremde so viel davon essen dürfen , als ihnen gefällt , ohne dafür zu zahlen , aber nichts nach Hause mitnehmen dürfen ; jedes Mädchen war ihm eine Traube , die er gern sogleich genossen hätte , aber die Hast , mit der er gewöhnlich zu Werke ging , zerdrückte sie meist früher , und er blieb ohne Genuß . Ohne daß ihm Susanna ein Zeichen ihrer Zuneigung gegeben hatte , glaubte er sich derselben schon versichert ; er bildete sich dieses Verhältnis aus ; stumm neben ihr sitzend und spielend mit einem Bande ihres Wamses , dachte er der letzten Zeiten in den steten Unruhen , wo er oft mit herzlicher Sehnsucht nach einem Mädchen sich umgesehen hatte , mit der er nur ein vertrauliches Wort wechseln könne ; und jetzt saß ein recht wunderbares Mädchen neben ihm und schwatzte von aller Welt Himmels und der Erden so unnachahmlich neu , und ihn beschäftigten jetzt andere größere Anforderungen an sie ; er verachtete seine Unbefriedigung , fühlte plötzlich den glücklichen Abend und sang zu ihr in freien Bewegungen mit leichter Begleitung der Zither : Seliger war ich noch nie als heute , Nach Tages Müh , an Liebchens Seite ; Spielend an Ufers Rand Durch ihre Hand , Mit ihrem Band , Umzieht mich ihr süßes Geschwätz Wie ein Netz ; Darum nenn ich sie Fischerin , Weil sie mit klugem Sinn Mich im eignen Element erhält , Nachdem sie mir Reusen gestellt , In die mich der Fluß Immer tiefer treibt im Genuß . Ich weiß es und setze die Flossen nicht entgegen , Möcht sie viel lieber ganz dicht an mich legen ; Lasse mich still von dem Strome bewegen , Es kühlet darin ein heimlicher Segen . Konnte sonst so listig und mutig , Und oft mit einem Herzen so blutig , Mich entreißen der Weiber Gewalt Und Wohlgestalt ; Und wie ein Kramsvogel aus den Dohnen Ließ ich zwar Federn ohne Schonen , Aber ich entriß mich der Schlinge , Sang fröhlich und guter Dinge . Eine Reihe Schönen , die meiner spotten Und mit mir zanken , Mich fragend , ob ich nun bald gesotten , Ohne glänzende Schuppen , Als ein Märtyrer gerieben zur Suppen , Würde büßen , Daß ich so fälschlich konnte küssen und grüßen ; Herzinniglich weiden , Stolz dann zu scheiden . Ei seht doch , nun bin ich ' s wohl gar , Der falsch und untreu und unbestimmt war : Hab euch alle geliebt , Ihr habt mich alle betrübt ; Die Kleine dort , weil ich nicht bei ihr blieb , Die Gute hier , weil sie mir nicht die Zeit vertrieb , Die Feine daneben , weil sie einem andern gehört , Die vierte Selbstüberlebte , weil ich sie nicht immer gehört Die immer hätte singen sollen , Ich bin ihr wie ein Lied verschollen . Eine aber , die tat mir weh , Die meinte , ich sei zu flüchtig zur Eh ' . Sie starb darüber am Fieber Und zieht vorüber so mild , so licht , Und streicht mir die Haare aus dem Gesicht . Es tut mir vieles leid , Doch bin ich unschuldig bis heut ; Ich sag ' s euch derb und trocken , Ihr schüttelt mit den Locken , Ich hab euch nie versucht , Die Gelegenheit hat mich aufgesucht . Liebliche Kleine in fürstlicher Krone , Die mein schlummerndes Herz erweckt , Gabst du mir nicht einen Schlag zum Hohne Auf die Backen , daß Glut sie bedeckt , Um mit dem Kusse ihn dann zu vergüten ? Lieblichste , mußtest du also wüten ? Mußte das Glück auf jeglichen Wegen Uns zusammenführen mit List ? In den Bäumen , ach , welches Erregen , Wie geschmückt zu dem heiligen Christ ; Wenn du hinter den Stämmen verborgen , Betest den fröhlichsten guten Morgen ! Doch die Verwirrung des Sinns zu entflammen Wußten die fürstlichen Brüder mit Lust , Warfen uns Abends auf Blumen zusammen , Und du ruhtest an meiner Brust ; Doch da sagte der böse Hofmeister : » Nehm Er nun Abschied , denn morgen , da reist Er . « Du ruhst , wo Gold und Silber ruht , In den Tiefen , - Viele Tage und Jahre verliefen , Schnell wie zum Tanze beschuht ; Ich ward Student Und dachte nur dein liebliches Gesicht , Und achtete der andern Mädchen nicht , Und wie ein Berg unübersteiglich uns getrennt , Die hohe Felsenwand Von Rang und Stand ; Verzweifelnd warf ich mich auf meine Bücher , Und ward , wenn nicht gelehrt , doch siecher ; Der trüben Lampe Licht Entfärbte mein Gesicht , Wie in dem Schacht die weißen Moose sprossen , Und sind doch auch des Lebens Mitgenossen . Da regte sich der erste Frühlingstanz Vor unsrer Stadt auf erstem Grün ; Der zarten Blumen erstgeborner Glanz Verschien , als eine Jungfrau drin erschien ; Ihr Leib war schlank gestreckt , doch voll und rund . Es öffnete sich leicht ihr roter Mund , Daß ihre Lippe zeigt der Zähne Bund . Und dieser Bund stand gleich dem Kriegesheer Der Tempelherren weiß und gleich im Feld , Das rings von süßem Blut ein wogend Meer ; Da stand es fest , als hätt es Gott gestellt . Und dieser Zähne Glanz ward jetzt der Felsenriff , Den ich für eine sichre Küste hielt ; Mit vollen Segeln lief darauf mein Schiff . Ich glaubte sie von hohem Geist umspült ; Ich reichte ihr im Tanze meine Hand Und blieb so Hand in Hand , bis uns das Licht Den Rücken hatte zögernd zugewandt . Das gute Kind zu mir kein Wörtchen spricht . Ich war begeistert wie von jungem Wein Und sprach zu ihr in manchem lust ' gen Wort ; Sie fuhr nach Haus , ich stieg da hinterdrein , Wo sonst nur der Bedienten schlechter Ort . Mir war ' s ein Thron , ich sprang am Haus herab ; Sie sah mich an und lächelte so dumm ; Sie stieg heraus , ich diente ihr als Stab . Statt alles Danks blieb sie noch immer stumm ; Ich trat mit ihr ins Haus , ich wußt nicht wie , Und eine Frau begrüßt uns nah am Tor ; Ach , warum beugt ich nicht vor ihr die Knie , Ich war ein Tor , daß ich den Tag verlor . Wie jene , hochgeschmückt , mit braunem Haar , War diese fein und zierlich , blond gelockt ; Ich wußte nicht , ob ich im Himmel war , So hat mein Herz bei ihrem Blick gestockt . Der Blick war blau , so wie Vergißmeinnicht , Und ihre Worte wie ein Perlenkranz , Doch war ich treu dem vollen Angesicht ; Es wogte noch in mir der Rausch vom Tanz . Du bist ein gutes Kind , ich sag ' s dir hier , Ich war , bei Gott , dir vierzehn Tage treu , Studierte mich fast tot , was ich nur sagte dir ; Du sagtest nur ein Ja , ein Nein dabei . Die blonde Frau hob alles sorgsam auf , Was meinem frohen Mund mit Lust entfiel , Und gab ihm Federkraft zum raschen Lauf , Es traf ihr Witz stets alle neun im Spiel . Allmählich ward ' s mir lieb , wenn sie allein , Ich setzte mich zu ihr , ich ließ dich stehn , Ich brachte dir den großen Hund , der mein , Und ließ ihn dir , damit du mich ließt gehn . Du warst vergnügt und ich war voller Glut , Wie ein Kamin voll hellem Flammenschein ; So trieb die Schwägerin herum mein Blut , Ich saß so gern bei ihr - sie war nicht mein ; Die Lieb , die ich mit Sange angeregt , Die wandte sie zum Mann , kam er nach Haus , Und hat sich froh mit ihm zu Bett gelegt ; Ich grämte mich und blieb dann doch nicht aus . Zum guten Glück kam eine Sängerin Mit kaiserlichem Hofe durch die Stadt , Die alle Welt bezaubert hat ; Ich war beim ersten Tone hin , Ich schmiegte mich in ihres Liedes Falten ; Die göttlichen Gestalten Der alten Helden , die sie schön besungen , Die hätt ich gerne dargestellt , Und wie Merkur bin ich gesprungen Ganz einsam unterm Himmelszelt , Und wie Apollo hohen Blicks , Hab ich gewartet meines Glücks . Du wolltest aber immer essen , Ich hatt es oft vergessen ; Du wolltest süßen Trank , Wenn schier mein Aug in Wehmut sank ; Du wolltest Schmuck , Ich hatt an dem Gesang genug , Der in den Ohren ewig tönte ; Da war ich oftmals der Verhöhnte Und lief davon , Eh ' mich beschien die Morgensonn ; Eh ' noch die Schuldner konnten klopfen , Da saß ich schon , die Schuh voll Tauestropfen Bei einem schönen Pachtergut Und sah den großen gelben Hut Auf einer festlichen Gestalt ; Ich schlich mich näher zu der Schönen ; Es war die Allgewalt Von allem , was mich konnt verhöhnen Und mich beglücken konnte , Als sie ihr Antlitz zu mir sonnte Und lauschte , ob ein Hase in dem Kraute , Und mich zuletzt mit großen Augen schaute . Sie hob die Hände auf , Als wollte sie in meine Arme fallen , Und mitten in dem Lauf Sah sie so stolz auf mich , wie Herrscher auf Vasallen ; Ich ward ihr Knecht , Und hab gelebt so arm und schlecht , Früh auf , spät nieder , Schmale Kost , viele Lieder ; So hat sie mich zu prüfen gemeint , Ich hab gelacht , geweint . Nichts weiß ich mehr von der Zeit , Mit mir , mit ihr ein ew ' ger Streit ; Mir war ' s , als hätt ich einen Schatz gefunden , Der mir zu schwer ; Ich hätt ihn gerne aufgewunden , Doch als das Werk bald fertig Und ich des Danks gewärtig , Da war die Grube voll und leer . Wieder lieb ich , da ich dein gedenke , Wieder leid ich , daß ich dich muß missen , Nicht zu mir die toten Augen lenke , Deine bleichen Wangen möcht ich küssen . Wieder wähn ich , daß ich dich verkannte , Wieder glaub ich , daß ich dich noch habe , Ach ich war ' s , den dir die Liebe sandte , Doch der Zweifel sandte dich zum Grabe . Güldenkamm hatte sich durch die Erinnerung rühren lassen ; es war ohne seine Absicht , daß sich sein Lied zum Ernst hin wandte ; es liegt das aber meist in der Art einer Tändelei bei einem bewegten Gemüte . Susanna fand sich durch seine Ausdrücke , durch das Gefühlvolle in ihm ergriffen , und sie wußte nicht wozu ; es gab nichts zu tun , sie wußte nichts , als ein paar Tränen auf seinen Wangen abzutrocknen und ihn zu streicheln . Anton hatten die Wanzen nicht lange schlafen lassen , denen sein glatter , saftiger Stamm ein besonderer Leckerbissen zu sein schien ; ganz zerstochen sprang er an die Luft und sah die beiden so vertraulich beisammen sitzen . Er konnte es sich nicht sagen , welches Gefühl ihn durchwallte ; es wurde ihm so kalt , er schämte sich seiner selbst ; er hätte sich gewaltsam von beiden befreien mögen , um dieses Gefühl los zu werden ; er wandte sich von ihnen , setzte sich unter eine große Linde , in welche ein Muttergottesbild eingelegt war , und fing an zu beten ; während er betete , fiel ihm seine Frau und sein Kind ein ; er dachte sich Frau und Kind in dem Muttergottesbilde , das von der Mondnacht zwar beleuchtet , aber von der Linde dünn in schwebender Wallung beschattet war ; da ward er wieder Hausvater und Gatte und flehte um die Fortdauer seiner Liebe . Susanna aber ward ihm gleichgültig ; er dachte mit Behagen daran , daß er sie vielleicht mit Güldenkamm gut versorgen könnte ; alles wurde ihm fertig vor der Seele ; er nahm sich vor ein Schmied zu werden ; wenn seine Malerei nicht mehr bezahlt würde , da würde ihm seine Kraft nützen ; er sah schon in Gedanken die Kohlen in seiner Schmiede glühen , sah die Ritterpferde , die bei ihm beschlagen wurden ; da weckte ihn der Hunger und der Schmerz seiner Wunden aus der Betrachtung ; nicht bloß die Wunde am Schenkel , sondern auch der Finger , die Susanna ihm geheilt , schienen in den alten Zustand der Verletzung zurückkehren zu wollen ; er hinkte deswegen zu Susanna und Güldenkamm , die ruhig , in geringer Entfernung von einander , im Grase eingeschlafen waren . Er fühlte weder Neid noch Eifersucht , vielmehr war er so gutmütig , sie nicht stören zu wollen . Er selbst machte noch einen Versuch , ob er nicht zum Schlafe gelangen könne , aber unmöglich ; er wachte , bis die Morgenkälte die beiden andern auch erweckte . Susanna sah ihm gleich nach dem Erwachen an , daß sein Auge getrübt sei ; sie fragte nach der Ursache , er schützte Hunger und Schmerzen vor ; sie verschaffte ihm durch ihre schmeichelnde Fürbitte bei einigen Frauen etwas Kleienbrot mit Baumrinde gemischt ; dann mußten sie weiterziehen , wobei Güldenkamm , der in aller Not an nichts als an seine Liebe dachte , recht wacker voranschritt . Susanna wollte Anton unterstützen und verbinden , er wollte es aber nicht leiden . » Heute werden wir den schlimmsten Tag haben « , sagte Güldenkamm , » denn bis Pforzheim steht kein Dorf mehr ; Gras und Laub werden unsere Nahrung sein , und das ist allzu natürlich und paradiesisch . « In dieser schlimmen Erwartung schon halb ermüdet , gingen sie stillschweigend hinter einander eine Strecke ; es zog sich ein Morgennebel über die Ferne , und so hofften sie , wenigstens in eine erfreulichere Gegend einzudringen ; als er aber verschwunden , sahen sie eine weite Gegend ohne Merkzeichen vor sich , von Bergen begrenzt , die von der Hitze sehr verbrannt schienen , das Auge hatte kein Maß mehr , um sich Ruhepunkte in gewissen Entfernungen festzuhalten ; am Himmel war auch wenig zu sehen , gleichgültige weiße Wolken zogen vorüber , zuweilen schien es dunkler zu werden und regnen zu wollen , aber die Hitze war dann um so drückender . Nach ein paar Stunden , wo sie sich mehrmals ausruhen mußten , um zu gähnen und den kalten Schweiß abzutrocknen , legten sie sich vor einem Tannenwalde nieder . Güldenkamm sang halb lallend , indem er seine Füße streichelte : Meine Beine , meine Beine , Ach , ich weine um die Steine , Daß die Steine ohn Erbarmen Reißen durch den Schuh mir Armen In die Haut , Und die Tränen und der Schweiß Tröpfeln von der Stirne heiß . Arme Braut , Kann doch heut an deiner Seite Nicht empfinden Lust und Freude . Anton horchte bei diesen Worten auf und fragte ihn : » Seid ihr schon so weit ? Nun wohlan , so muß ich euch wohl einsegnen . « » Tut das , mein neuer Freund « , sagte Güldenkamm ; und Anton nahm mit abgewendetem Gesichte beider Hände und legte sie in einander . » Was macht Ihr « , fragte Susanna , » ich weiß von nichts , ich will nichts . Was soll mir das Zusammenlegen der Hände ? « » Seid glücklich mit einander « , sagte Anton , sprang auf und schritt mutig voran in den Wald , der vor ihnen lag ; die beiden Gesellschafter schritten stumm und langsam ihm nach ; sie hatten das Verlöbnis in der Mühe bald vergessen und aufgegeben . Als sie wieder eine Stunde fortgegangen , bemerkten sie über dem Walde einen starken Rauch . Anton rief mit Entzücken : » Feuer ! Menschen ! Essen ! « Er glaubte sich in der Nähe einiger Köhlerhütten zu befinden , aber der Rauch wurde vom Wind herangetrieben , immer heißer und stärker ; sie konnten sich diese Erscheinung nicht erklären ; endlich kamen sie auf einen freieren Platz mitten im Gehölze , als eben wunderbare leichte Flammen neben ihnen über die dürren Halme und die knisternden Tannenbäume hinaufliefen , bis der Baum , der von der Hitze ausgedörrt , in heller pyramidaler Flamme stand . Dieser freie Platz war ihre Rettung , sie hätten sonst in dem Waldbrande ersticken müssen ; aber auch dort litten sie noch von der Nähe des Feuers , das aber zu ihrem Glück nicht lange an einem Orte weilte , sondern , wenn es die Zweige und Rinde aufgezehrt hatte , dem grünen Stamme nur an der Spitze etwas anhaben konnte . Der Weg vor ihnen ward schon wieder gangbar , als das Feuer sich über den zurückgelegten Weg verbreitete ; sie sahen jetzt , wie die Vögel , ihres letzten Schutzortes beraubt , sich teils in die Flammen stürzten teils flüchtend von den Dampfwirbeln zurückgerissen wurden . Der gewaltige Anblick hatte ihre Ermüdung geistig unterdrückt ; sie schritten dumpf über die rauchenden Zweige fort , die in den Weg gefallen waren ; hin und wieder brannten sie noch , und Anton nahm Güldenkamm und Susanna und trug sie , ihres Sträubens ungeachtet , hinüber ; er kam in einen Ärger über die Hindernisse , die ihm die Natur entgegenstellte ; das erfrischte ihn . Nach zwei Stunden mußten sie sich an einer Stelle niederlassen ; sie fanden kein Bächlein , wohin sie auch blickten ; die trockene Hitze des Jahres hatte die Quellen in den Schoß der Erde zurückgeschreckt ; sie groben mit den Degen eine Höhlung und stießen bald auf dichte Felsmasse . Jetzt warfen sie alles von sich , was den Marsch erschwerte : Anton die Muskete und den Degen , Güldenkamm seinen Reisemantel , Susanna ihren Degen , und schritten erleichtert fort , wie Gefangene entwaffnet , durch die schwarzen geordneten Spieße des feindlichen Heeres , das sie in stolzer Ruhe anblickte ; denn also erschienen die verbrannten jungen Tannen . Als die Sonne über den Mittag hinaus in stärkster Hitze gegen drei Uhr brannte , sank Susanna an den Boden , sie hatte den Schmerz der wunden Füße lange bekämpft , sie war erschöpft ; Anton kniete neben ihr und hielt ihr das Haupt , sie erholte sich wieder ; Güldenkamm hatte auch nicht viel Macht zum Aufstehen , als er sich neben ihr niedergelassen . Susanna sagte sehr matt : » Was mir das Herz abstößt , ist der Gram , daß ich alles dieses Unglück über dich gebracht habe , mein Anton ; meine Ahnung hat dich von einem wahrscheinlichen Unglücke zu befreien gesucht , um dich einem gewissen schmerzlichen Hungertode zu opfern , laß mich hier liegen , ich kann nicht weiter ; suche aus dem Wald zu kommen , vielleicht bringst du mir zur rechten Zeit noch Hülfe zurück . « Anton sprach ihr Mut ein , er sei noch stark genug , sie zu tragen ; nie würde er sie verlassen . Güldenkamm sagte , daß er voranlaufen wolle , weil er des Weges kundig , um ihnen Hülfe zu schaffen . Dieses Anerbieten wurde angenommen ; er lief , nach manchem gerührten Ausdrucke seiner Leidenschaft , ohne sich umzuwenden fort ; er war wie ein Schatten entschwunden , und das Elend trat immer deutlicher hervor . Anton fühlte bald , daß nur seine Kraft den Schmerz der Wunden bisher bekämpfte , beide hatten sich geöffnet , und Arm und Fuß waren so entzündet , daß er sie nicht mehr brauchen konnte ; vergebens wartete er zwei Stunden , nagte Gras und Wurzeln ; endlich , es mochte sechs Uhr sein , hörten sie das Auftreten , dann das Schnaufen von mehreren Pferden , sie rieten um Hülfe ; sie sahen mit freudigem Jubel drei kräftige Pferde , von denen nur eins einen gewaffneten Reiter trug , heransprengen ; der Reiter machte vor ihnen Halt , sah herab , sie sahen hinauf - es war Seger . Unwillkürlich wollte Anton nach seinem Degen greifen , da gedachte er , wie er den Degen von sich geworfen . Seger sah ihn verwundert an und sprach : » Welcher Wurm hat sich in Euer Gehirn eingebohrt , daß Ihr so unsinnig in die Welt gelaufen seid ? Ihr seid doch ein Querkopf , wie noch keiner mit dem Steiß die Welt angesehen ; da liegt Ihr , elend , wie geschundene Vögel zum Braten auf Kohlen , und mir kostet der Streich ein paar brave Kameraden . Hol Euch das Käuzlein ! ich komme den Abend mit ein paar Gesellen , bringe Futter für Euch mit ; da schrieen mir gleich ein Dutzend alte Kerle entgegen , wo ich des alten Herrn Sohn hingetragen ; ich mag sagen was ich will , wie ich Schmächtling so eine dicke Sau wegtragen könnte ! sie wollen uns fangen , wir wollen es nicht leiden , sie reißen meine beiden Gesellen vom Pferde , ich muß ausreißen , und die beiden Pferde laufen hinter mir her . « Anton sah nach seinen Taschen : » Laß gut sein , es war nichts zu fressen auf dem Schlosse . Hast du was bei dir ? « » Freilich , ich werde auch nüchtern ausreiten « , sprach Seger ; » einem wilden Eber hab ich eine Kugel durch das alte Fell gejagt , daß er zusammengestürzt ist , und mir die Keulen bei dem schönen Waldbrande ordentlich gebraten ; mein Fäßchen ist auch nicht mit Regenwasser gefüllt , um mir die Haut damit zu waschen . « Er bestätigte diese Rede mit Vorweisung der angezeigten Lebensmittel und warf noch ein großes Weißbrot herunter , das aus dem Korbe herausfiel . » Potz Vetter Michel « , sagte er , » ein paar Brote und eine gute Wurst hab ich verloren . « Aber Anton hatte schon mit Wut das Brot zerrissen und seinen Teil verzehrt , als er die andere Hälfte Susannen kaum zugeworfen ; er konnte kein Wort sprechen , der wilde Schweinbraten war sein Leitgericht und hielt ihm diesmal in aller Wahrheit Leib und Seele zusammen , der Wein netzte seinen Gaumen , aber er wünschte auch Wasser ; selbst das schaffte Seger , indem er rings umher in den Wald sprengte , aus einem versteckten kleinen Teiche . Susanna nahm nichts als Wasser ; sie zeigte einen Widerwillen gegen Fleisch und Wein und konnte sich nur wenig erholen , während Anton mit feurigem Gesichte neben ihr saß und über das Bein fluchte , daß es sich noch nicht wollte brauchen lassen . » Marsch ! fort jetzt ! « rief Seger , » binde deinen Jungen auf das kleine Pferd , ich will dir aufs große helfen ! « » Hätten wir nur den Güldenkamm nicht nach jener Seite geschickt , um uns Hülfe zu erbetteln , wir könnten jetzt zum Schlosse meines Vaters zurückkehren « , sagte Anton . » Ja , hätten wir nicht « , rief Seger , » da wäre meine Mutter noch eine Jungfer ; fort nach Pforzheim , da wird sich der Kerl irgendwo in einer Kneipe vorfinden ! « Sie ritten fort ; Susanna , die nie zu Pferde gesessen , ließ ihr Pferd von Anton führen und hielt sich mit den Händen fest ; Seger lachte über einen so furchtsamen Burschen . Gegen das Dunkel kamen sie aus dem Walde heraus und in die Nähe von Pforzheim und fanden Güldenkamm , der mit einem alten Hirtenweibe aus einem Topfe aß . Kaum konnte er seine armen Gesellen auf den schönen Pferden wiedererkennen ; dann flehte er sie aber an , ihm seine Zither , die er dem alten Weibe für einen warmen Brei verkauft hätte , einzulösen . Seger , ohne ihn zu kennen , sprang ab , nahm stillschweigend die Zither fort , stülpte ihr den Breitopf über den Kopf , half Güldenkamm hinter Susannen aufs Pferd , stieg selbst auf und sagte : » Der alten Vettel soll doch endlich einmal die Lust an der Zither vergehen ; sie zittert selbst schon am ganzen Leibe ; hört , wie sie in den hohlen Topf hineinbrüllt , sie kriegt ihn nicht ab , ohne ihn zu zerschmeißen oder sich die Nase zu zerbrechen - der soll die Wohltätigkeit auf ewig vertrieben sein . « Susanna beschämte der Vorfall , aber sie waren alle zu schwach , um viel an Edelmut zu denken ; also ritten sie zu Pforzheim durch das schöne Tor mit den zwei gespitzten Türmen ein und stiegen bei der Herberge zum Hopfenblatt ab . Als sie im Zimmer saßen , schwor Anton dem Seger in herzlicher Gesinnung und reiner Dankbarkeit : Für den einen Dienst möchte er sich einmal fordern , was es sei , er wolle es ihm zu Gefallen tun . Seger schlug ein ; er wird es nicht vergessen , denn der Teufel vergißt so etwas nicht . Er sorgte mit großem Eifer für die Bequemlichkeit Antons , der nach frohem Mahle sehr bald einschlief ; Susanna legte sich ihm zu Füßen auf eine Streu , Güldenkamm wußte nicht recht , was mit sich anfangen , und begleitete noch Seger in die untere Wirtsstube , wo dieser sich mit einigen Wilddieben in erbauliche Gespräche einließ . Am anderen Morgen mußte Anton den Wundarzt der Stadt kommen lassen , der sein Bein und seine Wunde sehr entzündet fand und einen Gulden voraus forderte , um die nötigen Salben und Umschläge anzuschaffen . Seger gab den Gulden sehr bereitwillig her , verlangte aber , Anton möchte sogleich zu seiner Frau gen Waiblingen schicken , um etwas Geld von ihr zu fordern ; sie hätte immer noch ein paar tausend Gulden übrig , das wisse er . Anton beredete Susannen , die er in Gedanken dem frohen Güldenkamm schon ganz übergeben , in dessen Schutz nach Waiblingen zu wandeln ; Seger gab ihnen Reisegeld , sie sollten nur mäßige Tagereisen gehen ; in einem Briefe stellte Anton der Frau seine Not recht eindringlich vor , und seine Sehnsucht , zu ihr zu kommen und dort ein Schmied zu werden , wenn seine Kunst sie nicht mehr ernähren wollte . Der Zufall führte einen Güterwagen durch Pforzheim , der die Straße nach Waiblingen ging , wo Susanna und Güldenkamm sich für ein Geringes auffrachten ließen ; dem Fuhrmanne war Gesellschaft sehr willkommen , insbesondere da allgemein ein Gerede lief , daß Franz von Sickingen und Götz von Berlichingen wieder gegen den Schwäbischen Bund verfehdet seien , die Kaufleute niederwürfen und die Wagen plünderten . Anton gab beiden Bitte und Befehl , sich in kein Gefecht einzulassen , denn wer jetzt recht hätte in der Welt und wem etwas gehöre , das sei ganz unbestimmt . » Zieht mit Gott ! « rief er , als Susanna mit Tränen Abschied nahm . Güldenkamm und Susanna saßen hinten auf der Höhe des stoßenden Wagens , wo eine Kiste mit scharfen Leisten ihnen zum Sitz , eine andere als Rückenlehne diente ; wäre die Erinnerung des vorigen Tages nicht so ermüdend in ihren Gliedern gewesen , sie hätten die bequeme Einrichtung des Wagens , der das Nebenherlaufen zuließ , weit vorgezogen ; sie mußten mit solcher Kunst die einzelnen Schwankungen und Stöße des Wagens ausnivellieren , um nicht herabgerissen zu werden , daß sie , bis der lange Stadtdamm zurückgelegt war , an nichts anderes denken konnten . Erst dann überlegte sich Güldenkamm , in welches angenehme Verhältnis ihn das gute Glück zu einem lieben , zarten Mädchen geführt ; er beschloß , keine Freude , die sie ihm gewähren könnte , aufzuschieben ; ja er fürchtete zuweilen , daß sie ihm die schlechte Benutzung jener Nacht am Wasser als einen Mangel an Zuneigung auslegen möchte . Er unterhielt sie mit vielen sonderbaren Liebeshistorien , denen sie ernsthafte Bemerkungen beifügte ; er las jeden ihrer Wünsche in ihren Augen , sie war ihm so freundlich ; mit welcher Wonne hob er sie in Böcklingen , wo sie die Nacht verweilen wollten , vom Wagen . In dem Wirtshause war ein großer Lärmen ; da lagen viele Handelsleute , kein Mensch kam heraus und begrüßte sie . Nach langem Schreien guckte einer wie eine Schnecke zum Häuschen heraus , der zeigte dem Fuhrmann mit der Hand , wo die Pferde und wo die Menschen untergebracht würden . Sie traten ein ; da war eine Hitze , weil trotz des Sommers in dieser Waldgegend eingeheizt wurde , ein Gestank , weil sich da jeder die unreinen Kleider auszog und lüftete , daß Susanna fast umzusinken vermeinte . Güldenkamm fragte nach einem Zimmer , da sagte der bärtige Hausknecht , der wie ein Hauslumpen in allen Winkeln gelegen zu haben schien , wenn sie mit der Stube nicht zufrieden , möchten sie wo anders einkehren . Was war zu machen ! Es gab keine andere Herberge , Susanna suchte Wasser , um sich zu waschen , sie mußte aber zum Brunnen gehen , denn jenes im Zimmer war von den Kohlenbrennern schon so geschwärzt , daß sie zwei andre Wasser nötig gehabt hätte ,