eines Gartens beschäftigen konnte . Das ganze Wesen wurde der Gemeine des nächstgelegnen Dorfes , deren Eigenthum dieser Theil des Gebirges ist , abgekauft , und Diagoras , unter dem Namen Agenor , mit einer Thracischen Sklavin , die ihm sein Freund überließ , in den Besitz desselben gesetzt . Agenor gilt ( wie er mir sagte ) unter den benachbarten Hirten und Landleuten , einer dem Thessalischen Volke gemeinen Vorstellungsart zufolge , für einen mächtigen Zauberer , in dessen Ungnade zu fallen jedermann sich sorgfältig hütet ; und er läßt sie um so lieber in diesem Wahn , da er sich , durch die gute Wirkung einiger von Demokritus gelernten Heilungsmittel für Menschen und Vieh , ihr Zutrauen erworben hat . Auch seine Unsichtbarkeit trägt zu der Ehrfurcht , die der Name Agenor einflößt , das Ihrige bei ; denn niemand kann sich rühmen , ihn jemals in der Nähe gesehen zu haben , und alles , was er mit ihnen zu verkehren hat , geht durch den Mund und die Hände seiner getreuen Sklavin . Diagoras verlangte von mir zu hören , ob zur Zeit meines Aufenthalts in Athen noch die Rede von ihm gewesen sey , und was für eine Vorstellung ich mir , nach den Gerüchten die über ihn herumgegangen , von ihm gemacht hätte . Ich antwortete , alles , was ich für und wider ihn gehört , wäre mir so übel zusammenhangend und widersinnisch vorgekommen , daß ich , in der Ungewißheit was ich davon denken sollte , nur die vermeinte Unmöglichkeit beklagt hätte , die Wahrheit von ihm selbst zu erfahren . So hätte ich z.B. die Sage von der wahren Ursache seiner Atheisterei gar zu ungereimt gefunden , - O , die möcht ' ich doch hören , fiel er mir ins Wort ; ich bitte dich , was sagte die Sage ? - » Es hieß , die eigentliche Veranlassung zu deiner erklärten Feindschaft gegen die Götter sey ein Rechtshandel gewesen , in welchen du mit einem gewissen Menschen gerathen , der dir ein ihm anvertrautes Gedicht unterschlagen und den Empfang desselben mit einem förmlichen Eide vor Gericht abgeläugnet , aber , nachdem er frei gesprochen worden , das Gedicht als sein eigenes Werk mit großem Beifall bekannt gemacht habe . Dieser Handel , sagte man , hätte dich so tief gekränkt , daß du den Göttern nicht hättest verzeihen können , daß sie nicht auf der Stelle ein Zeichen an dem Meineidigen gethan ; kurz , das erlittene Unrecht hätte dich in deinem Glauben so irre gemacht , daß du endlich auf den Gedanken verfallen seyest : da die Götter , wofern Götter wären , einen solchen Frevel unmöglich ungestraft lassen könnten , so müßten nur gar keine Götter seyn . Das ist lustig , sagte Diagoras : man muß gestehen , für ein so witziges Volk , wie die Athener sind , räsonniren sie zuweilen erbärmlich ; und überhaupt ist nichts so ungereimt , das sie sich nicht weiß machen ließen , sobald es auf andrer Leute Kosten geht . Fürs erste , habe ich in meinem Leben ( wenigstens seitdem ich nicht mehr in die Schule gehe ) nichts gemacht das einem Gedicht ähnlich sähe . Hätte ich aber auch das Talent , Verse zu machen die gestohlen zu werden verdienten , so würde ich , anstatt den Dieb gerichtlich zu belangen , mein Recht an sie dadurch bewiesen haben , daß ich noch bessere gemacht hätte . Und gesetzt endlich , ich hätte mich in der ersten Hitze zu einem Rechtshandel gegen den Räuber hinreißen lassen , so würde ich wenigstens nicht so albern gewesen seyn , zu verlangen daß Jupiter , - der , um den Erdboden nicht gänzlich zu entvölkern , so viele tausend falsche Eide ungestraft lassen muß , - nun gerade meiner Verse wegen eine Ausnahme machen sollte . Wahrlich wäre der sparsame Gebrauch der Donnerkeile , und die Art , wie die Welt regiert wird , überhaupt die schwächste Seite der Götter , sie würden von mir immer unangefochten geblieben seyn ! Denn ich wüßte wirklich nicht wie sie es angreifen müßten , um die ungeheure Menge von Narren , Thoren und Schelmen , womit die Erde überdeckt ist , besser zu regieren , als wir im Ganzen regiert werden ; aber eben daraus , daß wir so gut regiert werden , als es unsre Narrheit und Verkehrtheit nur immer zuläßt , schließe ich , die Welt werde nicht von unsern Göttern regiert . Denn , nach der Probe zu urtheilen , die sie in Homers Ilias abgelegt haben , müßte es noch zehnmal toller zugehen , wenn die Zügel der Weltregierung in den Händen so selbstsüchtiger , launischer , ungerechter , stolzer , rachgieriger , wollüstiger und grausamer Despoten lägen , als der alte Sänger uns diese nämlichen Götter schildert , die in allen Städten Griechenlands Tempel , Altäre und Priester haben . Ich sagte ihm : auch mir wäre jene Sage von der Ursache seines Götterhasses zu lächerlich vorgekommen , um den mindesten Glauben zu verdienen . Aber was ich mir nicht zu erklären gewußt hätte , wäre der Hang zu den geheimen Gottesdiensten , der bei ihm ( wie man versichert ) ehmals bis zur Leidenschaft gegangen sey . Es war eine Zeit , sagt man , wo Diagoras im Glauben an Theophanien68 , Orakel und Wunderdinge aller Art eher zu viel als zu wenig that , und man weiß daß er den größten Theil seines Vermögens aufgeopfert hat , um in der ganzen bewohnten Welt herumzureisen , und sich in alle Mysterien , so viele er deren ausspähen konnte , einführen zu lassen . Wie ein Mann , der die Religiosität bis zu diesem Grade von Schwärmerei getrieben , auf einmal zum entgegen gesetzten Aeußersten habe überspringen können , schien etwas so Unnatürliches , daß man sich geneigt fühlte , selbst die ungereimteste Erklärung , die ein solches Wunder einigermaßen begreiflich machte , für gut gelten zu lassen . Dir , versetzte Diagoras , hoffe ich , ohne deiner Vernunft etwas Ungebührliches zuzumuthen , ziemlich begreiflich zu machen , wie ich gerade durch die vollständigste Befriedigung der besagten Schwärmerei zu dem Atheism gekommen bin , dessen ich mit und ohne Grund , je nachdem man ' s nimmt , beschuldiget werde . Alle Menschenkinder kommen , denke ich , mit mehr oder weniger Hang zum Wunderbaren auf die Welt . Bei mir äußerte sich dieser Naturtrieb von früher Jugend an sehr lebhaft , aber mit einer Gegenwirkung verbunden , die ihm alle seine Schädlichkeit benahm . Ich horchte nämlich mit dem größten Vergnügen auf alle Erzählungen dieser Art ; Milesische Mährchen , Zauber- und Gespenstergeschichten , theurgische Wunder , Theophanien , und alle die übernatürlichen Dinge , die sich täglich ereignet haben sollen als die Götter noch unter den Menschen wandelten , und die Erde mit ihren Söhnen und Töchtern erfüllten , kurz , alle diese Kindereien , wovon die Griechen immer so große Liebhaber waren , hatten auch für mich einen ungemeinen Reiz ; aber ich glaubte kein Wort davon . Sie belustigten und beschäftigten bloß meine Einbildungskraft und meinen Witz ; jenes desto mehr , je unglaublicher sie waren ; dieses , indem sie mich zum Nachdenken anreizten , wie es mit diesen Dingen natürlich habe zugehen können , d.i. woher wohl die dabei vorwaltende Täuschung gekommen , und wie es möglich gewesen , solche Albernheiten selbst den einfältigsten Menschen weiß zu machen . Diese Anlage bei mir vorausgesetzt , wird dir alles Uebrige sehr begreiflich werden . Ich hatte von Kindheit an viel von Orakeln , besonders von dem zu Delphi , gehört ; als ich heran gewachsen war , hörte ich auch zuweilen , wiewohl immer mit geheimnißvoller Zurückhaltung , von den Eleusinischen und andern Mysterien reden . Dieses Geheimthun der Eingeweihten reizte meinen Vorwitz , hinter die wunderbaren Dinge zu kommen , die , wie ich nicht zweifelte , in diesen Mysterien zu sehen und zu hören seyn müßten . Ich versuchte es auf alle Weise , fand aber , daß ich auf keinem andern Wege zu meinem Zweck gelangen würde , als wenn ich mich selbst in diesen geheimen Gottesdiensten iniziiren ließe . An Gelegenheiten dazu konnte mir ' s nicht fehlen . Mein Vater war einer der ansehnlichsten Handelsleute in Melos . Er schickte von Zeit zu Zeit Schiffe nach den vornehmsten Häfen des Aegeischen , Ionischen und Karpathischen Meeres , und hatte allenthalben Correspondenten , mit denen er in gastfreundlicher Verbindung stand . Frühzeitig mit dieser Art von Geschäften bekannt gemacht , wurde ich von meinem zwanzigsten Jahre an , unter der Führung eines alten Dieners bald dahin bald dorthin verschickt . Diese Reisen gaben mir Gelegenheit , mich mit den Orgien von Lemnos , Kreta und Cypern bekannt zu machen : aber was ich dadurch erfuhr , war so unbedeutend , daß es zu nichts diente , als meine Begierde nach wichtigern Entdeckungen desto stärker anzufeuern . Ich machte mir einen Plan , meine Nachforschungen bei den Priestern zu Memphis und Sais ( welche nach dem gemeinen Wahn der Griechen in uraltem Besitz einer geheimen theurgischen Weisheit sind ) anzufangen , sodann die von ihnen nach und nach zu den Persern , Syrern , Phöniciern und Griechen übergegangenen Mysterien auf dem Wege den sie genommen zu verfolgen , und nicht eher zu ruhen , bis mir in diesem Fache nichts mehr zu ergründen übrig wäre . Ich führte diesen Plan aus , sobald ich durch den Tod meines Vaters das Vermögen dazu bekam . Ich brachte mehrere Jahre damit zu ; und da wir natürlicherweise nach dem , was an uns in die Augen fällt , beurtheilt werden , so konnt ' es nicht fehlen daß ich mir durch eine so ungewöhnliche Anwendung meiner Zeit und meines Vermögens den Ruf eines bis zur Schwärmerei religiösen Menschen zuzog ; einen Ruf , den ich selbst , so lang ' er meinen Absichten beförderlich seyn konnte , auf alle Weise zu unterhalten beflissen war . « » Auf der letzten Reise , die ich zu Vollendung meines Plans zu machen hatte , ward ich zufälligerweise mit dem berühmten Abderiten Demokritus bekannt , den eine ähnliche Wißbegierde seit vielen Jahren in der Welt herum trieb ; nur daß seine Absicht mehr auf Naturgeschichte , und auf die physischen , astronomischen und medicinischen Geheimnisse der Aegyptischen Priester , Magier und Orphiker , als auf die religiösen gerichtet war . Wer die Mitbürger dieses außerordentlichen Mannes kennt , sollte glauben , sein Genius habe Mittel gefunden , sich alles Verstandes , den die Natur unter die Bewohner von Abdera vertheilen wollte , für ihn allein zu bemächtigen . Mir wenigstens ist unter so vielen merkwürdigen Männern , deren Bekanntschaft zu machen meine Reisen mir Gelegenheit verschafften , keiner vorgekommen , der mit einem so hellen und so viel umfassenden Geist einen so unermüdeten Fleiß in Erforschung der Natur , und mit beidem so viel Gutlaunigkeit und Anmuth im Umgang vereinigte wie Demokritus . Von der ersten Stunde unsrer Bekanntschaft an fühlte ich mich so stark von ihm angezogen , daß ich nie wieder von ihm getrennt zu werden wünschte ; und auch er faßte so viele Zuneigung für mich , daß er mir nicht nur erlaubte ihn auf seinen übrigen Wanderungen zu begleiten , sondern auch Vergnügen daran fand , mich in seinen eigenen Mysterien einzuweihen , welche mir , wie du gerne glauben wirst , eine ganz andere Befriedigung gaben als die priesterlichen , womit ich einige der besten Jahre meines Lebens vertändelt hatte . Die Bekanntschaft mit diesem Manne hätte mir viel Ungemach und die Nothwendigkeit , mein Daseyn in einer Felsenkluft zu verheimlichen , ersparen mögen , wenn ein Mensch seinem Schicksal entgehen könnte , oder richtiger zu reden , wenn ich meinen Eifer , die Menschen vernünftiger zu machen als sie zu seyn fähig sind , im Zaume zu halten gewußt hätte . « Was du mir da sagst , fiel ich ein , setzt mich desto mehr in Verwunderung , da ich nach dem Ruf , worin Demokritus steht , eher alles andere als einen Sachwalter der Götter von ihm erwartet hätte . Der war er denn auch so eigentlich nicht , versetzte Diagoras ; aber er hatte sich über diesen Punkt ein System gemacht , wobei er seine Vernunft zu retten glaubte , ohne mit den Priestern und Mystagogen , die den Glauben an ihre Götter und Mysterien zu einer Bürgerpflicht zu erheben gewußt haben , jemals in offne Fehde zu gerathen . Du würdest mich verbinden , sagte ich , wenn du mich mit seiner Denkart über diesen Gegenstand näher bekannt machen wolltest . - Dieß kann nicht besser geschehen , erwiederte Diagoras , als wenn ich dir eine Unterredung mittheile die über diese Materie zwischen uns vorfiel . Du bist , sagte Demokritus zu mir , vermuthlich der einzige Mensch in der Welt , der so viel Zeit und Geld aufgewandt hat , um hinter die Geheimnisse der Priesterschaft zu kommen : darf ich fragen , was der reine Gewinn deiner Entdeckungen ist ? - Immer so viel ( war meine Antwort ) daß ich die Unkosten nicht bereue . Ich weiß nun mit einer Gewißheit69 , die ich schwerlich auf einem andern Weg erlangt hätte : daß Götter und Priester Synonymen sind ; daß alle unsre Götter ( die bloß allegorischen ausgenommen ) Menschen waren , die ihre Standeserhöhung und den ihnen angewiesenen Antheil an der Weltregierung den Priestern , durch welche sie regieren , zu danken haben ; und daß der Tartarus mit allen seinen Feuerströmen und Schreckgespenstern , so wie die Inseln der Seligen mit aller ihrer Wonne , schlaue Erfindungen sind , wodurch die Priesterschaft sich der beiden mächtigsten Leidenschaften und durch sie der Herrschaft über die Welt bemächtigt hat . Ich begreife nun wie der Götter und der Menschen Vater Zeus zu Kreta geboren und begraben seyn kann ; warum Delos die Wiege des Apollo und der Artemis ist , und woher die unendliche Menge von Söhnen und Töchtern kommt , womit unsre Götter und Göttinnen die ganze Hellas so überschwänglich bevölkert haben , daß keine alte Familie ist , die ihr Stammregister nicht mit irgend einem göttlichen Bastard anzufangen die Ehre hätte . Ich begreife nun , warum eine Religion , die in sich selbst so übel zusammenhängt , und deren höchstes Geheimniß ist daß die Götter Nicht-Götter sind , so wenig zur Veredlung der Menschheit beitragen kann . Und wenn auch das alles nicht wäre ( setzte ich hinzu ) rechnest du etwa für nichts , daß ich weiß wohin Isis ihren Sohn Horus vor dem wüthenden Typhon verbarg , was das alte Mütterchen Baubo der Ceres zeigte , um sie in der höchsten Betrübniß zum Lachen zu bringen , und was in dem verdeckten Korbe war , den Pallas Athene den Töchtern des Cekrops in Verwahrung gab ? - O gewiß , versetzte Demokritus lachend , zu diesen Wissenschaften hättest du schwerlich auf einem andern Wege gelangen können ; aber alles übrige war wohlfeiler zu haben . - Ich muß bekennen , sagte ich , daß mir die Wissenschaft - nichts oder was wenig besser als nichts ist , zu wissen , hoch genug zu stehen kommt ; zumal , da mir , bei aller Aufklärung die ich über unsre Mysterien erhalten habe , der Hauptpunkt noch immer unbegreiflich geblieben ist . - Was könnte dieß wohl seyn ? fragte Demokritus . - Weiter nichts , als wie es möglich ist , daß bei der unendlichen Menge von - Iniziirten , es noch einen einzigen vernünftigen Menschen geben kann , der sich durch ein so grobes Gewebe von Betrug , Gaukelei , Kindermährchen und Kinderpossen , wie die Religion unsrer Väter ist , noch einen Augenblick täuschen lassen kann . Denn wirklich thut die Priesterschaft ihr Möglichstes uns die Augen zu öffnen . - Ich sehe , erwiederte er , daß du mit allen deinen Nachforschungen noch immer nicht auf den Grund der Sache gekommen bist . Wir machen uns fast allemal einer Ungerechtigkeit schuldig , wenn wir irgend etwas Menschliches , sey es - Glaube , Gewohnheit , Sitte , oder - Lehre , Gesetz , Institut , eher für ganz ungereimt und verwerflich erklären , bevor wir unbefangen erforscht haben , ob es nicht in seinem Ursprung , zu seiner Zeit und in seiner ersten Gestalt , gut , schicklich und zweckmäßig war . Ich bin gänzlich deiner Meinung , daß der Gebrauch , den die Priesterschaft heutzutage von ihren Orakeln und Mysterien macht , die Verachtung , die du dagegen gefaßt hast , mehr als zu sehr rechtfertigt : nichtsdestoweniger scheinen mir beide zur Zeit ihrer Einsetzung schickliche Mittel zu einem löblichen Zweck gewesen zu seyn , und um dieser Ursache willen einige Schonung zu verdienen . Die undurchdringliche Finsterniß , die auf der ältesten Geschichte aller Völker liegt , hat mich nicht abgeschreckt , in den Alterthümern des unsrigen so weit zu forschen als irgend ein hier und da hervorbrechender Lichtpunkt mir vorzudringen erlaubte . Dem , was ich darin wahrzunehmen glaubte , zufolge , nehme ich drei verschiedene Epochen an , in welchen unsre Volksreligion sich nach und nach zu dem , was sie noch zu unsrer Väter Zeit war , gestaltet hat . Denn über das , was sie jetzt ist , sind wir , denke ich , ziemlich einverstanden . Der erste dieser Zeitpunkte ist der , da unser Land noch von ganz rohen Naturmenschen , oder richtiger gesagt , Thiermenschen bewohnt war . So lange der Mensch auf dieser untersten Stufe steht , kann man von ihm so wenig , als von irgend einem andern Thiere , sagen , daß er eine Religion habe : es ist etwas der Religion Aehnliches , wie man einigen Thieren etwas der Vernunft Aehnliches zuschreibt . Ein dumpfes Gefühl der gewaltigen , ihm unbegreiflichen Kräfte der Natur , das bei ungewöhnlichen , vorzüglich bei furchtbaren Naturbegebenheiten in ihm erregt wird , ist der rohe Stoff , woraus der finstre , schwermüthige und schreckhafte Aberglaube , in welchem wir die Kindheit des Menschengeschlechts befangen sehen , sich nach und nach hervorarbeitet . Das Wort Deisidämonie scheint in unsrer Sprache ganz eigentlich für diesen Zustand gemacht zu seyn ; etwas Bestimmteres von der besondern Gestalt , welche dieser noch so sehr unförmliche , dem Zufall und einer ungebändigten Einbildungskraft gänzlich überlass ' ne Dämonism70 , unter den Autochthonen71 unsers Landes angenommen haben mag , weiß ich nicht zu sagen . Die zweite Epoche scheint mir die ebenfalls unbestimmbare , uralte Zeit zu seyn , da die Titanen , vermuthlich vom Kaukasus her , sich eines großen Theils der nachmaligen Hellas bemächtigten , und ein Reich stifteten , das von keiner langen Dauer gewesen zu seyn , aber doch den ersten Grund zur Civilisirung dieser Gegenden gelegt zu haben scheint . Durch die Länge der Zeit mußte unter einem Volke , dem die Kunst , Gedanken und Worte mittelst einer leichten Art von Bezeichnung zu verkörpern und festzuhalten , noch unbekannt war , die Geschichte der Titanen , durch bloße mündliche Ueberlieferung fortgepflanzt , nach und nach zu Sagen , und , durch eine Kette von Veränderungen , Revolutionen und zufälligen Ursachen aller Art , endlich zu Volksmährchen werden , wovon unsre übelzusammenhängende ältere Götter-und Heroengeschichte ein verworrenes Chaos ist . Unzählige Spuren setzen indessen ihr ehemaliges Daseyn und ihre Verdienste um die ältesten Bewohner Griechenlands außer allen Zweifel . Mit ihnen kamen die zu einem menschlichen Leben unentbehrlichen Künste zuerst in diese Gegenden ; und , aller Wahrscheinlichkeit nach , schreibt sich auch die Einführung der ältesten Religion des obern Asiens , die Verehrung des Himmels und der Erde , der Sonne und des Mondes von ihnen her . Wie es nun zuging , daß in der Folge die Titanen selbst für Söhne des Himmels und der Erde gehalten und kraft eines Erbrechtes , das ihnen von niemand streitig gemacht wurde , theils an die Stelle der Sonne und des Mondes , theils in den Besitz der Oberherrschaft über Luft und Erde , Wasser und Feuer gesetzt , theils , als die Urheber der ersten Anfänge des bürgerlichen Lebens , des Feldbaues und der dazu nöthigen Künste , lange nach ihrem Tode göttlich verehrt wurden ; ingleichem wie die Regierungsveränderungen , die sich in diesem vergötterten Geschlechte ereignet haben sollen , zu erklären sind , übergehe ich , als zu dem , wovon jetzt die Rede ist , nicht gehörig , und bemerke nur , daß die spätern Aegyptischen und Phönicischen Stifter oder Wiederhersteller der Städte Athen und Theben , Cekrops und Kadmus , als sie nach Griechenland kamen , unsre vornehmsten Götter , Zeus und Here , Poseidon , Apollo und Artemis , Pallas Athene und Aphrodite , Demeter und Persephone , Ares , Hermes und Hephästos ( sämmtlich aus dem Titanengeschlechte ) vermuthlich schon im Besitz der öffentlichen Anbetung gefunden und um so mehr ungestört darin gelassen haben , da sie ihre eigenen Götter , nur unter andern Namen , in ihnen wiederfanden ; wiewohl ich nicht zweifle , daß ein großer Theil der Verwirrungen und Widersprüche , die in der Genealogie und Geschichte der Griechischen Götter herrschen , sich von den mannichfaltigen Vermischungen älterer und späterer , einheimischer und ausländischer Sagen herschreibt , wozu die fremden Colonisten die Veranlassung gegeben haben mögen . Nichtsdestoweniger setze ich die dritte Epoche unsers alten Religionswesens in die Zeit des Aegyptiers Cekrops , insofern ich ihn als den wahren Stifter der Eleusinischen Mysterien betrachte , von welchen alle übrigen , ( die Aegyptischen des Osiris und der Isis , welche jenen selbst zum Muster dienten , ausgenommen ) bloße Nachahmungen sind . Bis dahin war die Religion unsrer theils wild gebliebenen , theils nach und nach wieder verwilderten Griechen bloße Deisidämonie gewesen ; und wiewohl zu glauben ist , daß wenigstens die Schutzgötter jedes Volkes , Stammes und Ortes schon lange vor Cekrops und Kadmus öffentliche Altäre , Tempel und Priester hatten , so findet sich doch keine Ursache , auch nur zu vermuthen , daß man bei den Opfern und Gelübden , die man ihnen darbrachte , etwas anders abgezielt habe , als sich ihrer Gnade und ihres Schutzes zu versichern , oder ihren Zorn , welchem man alle physischen und moralischen Uebel zuschrieb , zu besänftigen . Der Glaube , daß Zeus selbst unmittelbarer Schirmherr des gastlichen Rechts und Rächer des Meineides sey , und daß jeder , sogar unvorsetzliche Mord von den Erinnyen rastlos verfolgt werde , war damals alles , was die Religion zu Beförderung der Humanität unter den ungeschlachten Horden , welche nach und nach mit vieler Schwierigkeit zum bürgerlichen Leben vermocht worden waren , beitrug . Aber die neuen Gesetzgeber fanden ( den Begriffen gemäß , die sie aus ihrem Lande mitgebracht ) , theils zur Erhaltung und Aufnahme ihrer neuerrichteten Colonien , theils überhaupt zur Befestigung der bürgerlichen Ordnung unter einem ungeschlachten Volke nöthig , das schwache Ansehen der Gesetze durch den Glauben zu stützen , » daß die Götter unmittelbare Kundschaft von dem Thun und Lassen der Menschen nehmen , und , nicht zufrieden schon in diesem Leben die Bösen zu strafen und die Guten zu belohnen , auch die Seelen der Verstorbenen vor ein unerbittlich strenges Gericht forderten , und je nachdem sie entweder unsträflich gelebt , oder sich mit noch ungebüßten Verbrechen befleckt hätten , in jenem Falle in einen wonnevollen Zustand versetzten , in diesem durch die schrecklichsten Peinigungen zur Strafe zögen . « Diese Lehre , dem Volk als Glaubenspunkte bloß durch mündlichen Vortrag eingeschärft , würde wenig Eindruck gemacht haben : aber durch die Mysterien symbolisirt , und unter einer Menge Ehrfurcht gebietender Feierlichkeiten den Sinnen selbst unmittelbar dargestellt , mußte sie auf äußerst sinnliche und abergläubische Menschen , die man in den unterirdischen Wölbungen des Tempels zu Eleusis durch künstliche Täuschungen erst in den Tartarus , dann in die Elysischen Haine versetzte , die größte Wirkung thun . Du wirst nicht vergessen haben , Diagoras , wie dir selbst , trotz deinem Unglauben , dabei zu Muthe war , und du kannst von dem Eindruck , den das , was du hörtest und sahest , auf deine Einbildung machte , auf denjenigen schließen , den solche Anschauungen auf ungebildete Menschen machen mußten , die sich nicht , wie du , in ein Schauspiel , sondern übernatürlicher Weise in die wirkliche Unterwelt versetzt glaubten . Ich gestehe , sagte ich , daß sich , bei dem feierlich langsamen Durchgang durch die labyrinthischen Windungen des Tartarus , über das was ich hörte , und in einer durch zuckende Blitze und wirbelnde Rauch- und Flammenwellen erleuchteten sichtbaren Dunkelheit zu sehen glaubte , alle Haarspitzen auf meinem Kopfe und an meinem ganzen Leibe empor richteten . Aber freilich wird der Eindruck , den dieß allenfalls auf ein weiches Gemüth machen könnte , durch den geheimen Unterricht , den man bei der zweiten großen Weihe empfängt , wieder rein ausgelöscht . Daher , sagte Demokritus , wurden ehmals keine andern zu dieser hohen Weihe zugelassen , als Männer , die man stark genug glaubte starke Wahrheiten zu ertragen , und edel genug , sie gehörig zu gebrauchen . Ueberdieß zweifle ich nicht , daß die zweite Initiation bei den Eleusinischen Mysterien in ihrem Ursprung entweder noch gar nicht stattgefunden , oder wenigstens eine andere , der Einfalt jener Zeiten angemessenere Beschaffenheit gehabt habe . Wenn ich dir alles zugebe , versetzte ich , was du mit vieler Scheinbarkeit von den drei Epochen der Religion unserer Väter gesagt hast , was gewinnt sie dabei in ihrem dermaligen Zustande ? Wir leben in einer vierten Epoche , wo kein gebildeter Mensch mehr an Götter glaubt die nie gewesen sind , und unsre eben so ungläubigen Priester , mit den reichen Einkünften , die jedem sein Gott verschafft , zufrieden , sich eher um alles andere bekümmern , als um den sittlichen Einfluß , den die Religion auf das Gemüth der Menschen haben könnte . Es sollte mir nicht schwer seyn , dir beides streitig zu machen , erwiederte Demokritus : aber , wenn ich dir auch gestehe , daß mir gerade kein Priester beifällt , den ich deiner Behauptung entgegenzustellen wagen möchte ; so ist doch die Anhänglichkeit des großen Haufens an den Glauben ihrer Voreltern noch immer so augenscheinlich , daß ich niemand rathen wollte , ihn auf die Probe zu setzen . Sogar unter den ersten Männern unsrer Zeit kenne ich mehr als Einen , der so stark als seine Großmutter an Orakel , Vögel und Opferlebern glaubt , vor einer Mondfinsterniß oder einer Doppelsonne wie vor einem Unglückszeichen erschrickt , und mit dem größten Ernst einem ganzen Senat oder den versammelten Befehlshabern eines Kriegsheers erzählt , was ihm diese Nacht geträumt hat . Macht dieß die Sache unserer Priester nicht besser , so beweiset es wenigstens : daß unser alter Volksglaube noch bei weitem nicht so unwirksam ist als du dir einzubilden scheinst ; und ich ziehe daraus die Folge , daß es , sowohl für einzelne Personen als für den Staat selbst , gefährlich wäre , sich über diesen Punkt zu täuschen . So lange die Religion , die bei Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft eines der stärksten Bande der Ordnung und Sittlichkeit war , in dieser Eigenschaft noch nicht alle Kraft verloren hat , soll sie , denke ich , von den Weisen geschont und geachtet werden ; wie löblich und nöthig es auch übrigens ist , den Aberglauben durch kluge Verbreitung richtiger Begriffe von der Natur der Dinge nach und nach dermaßen zu entkräften , daß er , wie die Spulwürmer durch gewisse Arzneien , zuletzt unvermerkt und ohne Beschwerde , gleichsam von selbst von den Menschen abgeht . Du erlaubst mir alles , erwiederte ich , indem du mir das Recht zugestehst gegen den Aberglauben zu arbeiten . Denn was ist unsre Volksreligion anders als der gröbste und lächerlichste Aberglaube ? Ich läugne nicht , daß er noch wirksam ist ; aber daß er den wohlthätigen sittlichen Einfluß , den er ehemals gehabt haben soll , noch in unsern Tagen habe , das ist was ich ihm gänzlich abspreche . Was hilft z.B. der Glaube an Zeus den Rächer des Meineides ? Der ehrliche Mann schwört keinen falschen Eid , nicht weil er den Donner des Horkios72 fürchtet , sondern weil er ein ehrlicher Mann ist ; und wer es nicht ist , sieht so viele Meineidige unangedonnert herumgehen , und findet überdieß bei den Priestern so viel Bereitwilligkeit ihn für die Gebühr mit Jupiter Horkios auszusöhnen , daß die Furcht vor seinen Donnerkeilen ihn keinen Augenblick zurückhält . Der noch immer im Schwange gehende Glaube an die Orakel , und die Vorbedeutungen die man aus den Eingeweiden der Opferthiere nimmt , ist , wenigstens auf Seiten unsrer bürgerlichen Obrigkeiten und Kriegsbefehlshaber , pure Heuchelei , und kann also weder Gehorsam gegen göttliche Winke noch Zuversicht auf göttlichen Beistand wirken . Man hat schon lange Mittel gefunden , die Pythia sagen zu lassen was man will ; oder ihre Aussprüche sind so geflissentlich räthselhaft und vieldeutig , daß man sie nach eignem Gefallen deuten kann ; und wenn die Milzen und Lebern der Opferthiere nicht günstig sind , so schlachtet man so lange andre , bis die Vorbedeutung endlich nach Wunsch ausfällt . Demokritus behauptete : in den Händen kluger Regenten und Heerführer könne dieser Aberglaube , so lang ' er noch seine Wirkung auf die Menge thue , in vielen Fällen den glücklichen Ausgang einer Unternehmung entscheiden , oder großes Unheil verhüten ; und was ich ihm auch entgegen hielt , immer kam er auf den Grundsatz zurück : es sey unweislich gehandelt , ein durch die Länge der Zeit ehrwürdig gewordenes Institut zu vernichten , bevor man gewiß sey , etwas Besseres an seine Stelle gesetzt zu haben . Ist das Bessere wirklich da , sagte er , so wird das Schlechtere