wieder ein Gefühl von Anbetung . Du schlichter Mann , Du verstehst mich , Du hast Nachsicht für mich , während Alle mich verkennen und verdammen , Du bist zu mir gestanden im Augenblick der Gefahr und hast Dich dessen mit keinem Worte überhoben , — o , Du bist ein edler , ein echter Mensch . Komm zu mir , laß mich ausruhen au Deinem Vaterherzen , laß mich Dir eine Heimat bereiten und für Deines Sohnes Zukunft sorgen ! “ „ Ich danke , ich danke Ihnen für Alles , mein liebes Kind , aber solche Großmut kann ich nicht annehmen , und Gott sei Dank , ich bedarf ihrer auch nicht . Mein Sohn hat sich bereit erklärt , die Medizin aufzugeben und für mich als Lehrer einzutreten . So ist für unsere Zukunft gesorgt , wir brauchen das alte liebe Schulhaus nicht zu verlassen ; ich darf sterben auf der Scholle , wo ich mein ganzes Leben zugebracht ! “ „ Ist der Gedanke so wert für Dich ? “ fragte Ernestine kopfschüttelnd . „ O ja — es ist Alles , was ich mir noch wünsche . Wer so , wie Sie , mein Kind , mit vollen Segeln in das Leben steuert , der kann sich wohl keinen Begriff machen von der Bescheidung , die wir armen Handlanger der Zivilisation allmählich lernen müssen , um nicht zu verzweifeln . Aber in dieser Bescheidung , in diesem Verharren auf dem engen Plätzchen , das uns angewiesen ist , liegt dock auch ein Glück : die Zufriedenheit der Gewohnheit . Wohl können Sie sagen , Gewohnheit stumpfe ab , — das ist aber meistens nur nach außen der Fall . Eine innerlich starke Natur wird mit derselben Kraft , mit der sie das All umfaßt hätte , ihre Wurzeln in die Tiefe der Scholle senken , an die sie gebannt ist — und wenn man sie im Alter davon losreißen würde , so risse man ihr halbes Leben los ! Ich liebe den kleinen Fleck Erde , das kleine Haus , das mir die Welt war , — ich glaube , ich würde sterben , wenn ich es verlassen müßte . “ Ernestine hörte ihm sinnend zu . „ Nun denn , wenn ich Dir keine Unterstützung bieten kann , so biete ich Deinem Sohne wenigstens das Material , um seine Studien fortzusetzen ; meine Bibliothek , meine Apparate stehen ihm zur Verfügung , ich hoffe , er wird es nicht verschmähen , sie in seinen Freistunden zu benutzen . “ „ O das ist eine Wohltat , die ich annehmen darf , wenn ich sie auch niemals werde lohnen können ! Ich danke Ihnen im Namen meines Sohnes ! Sie werden es einst fühlen , welches Glück darin liegt , einem Menschen das Beste gerettet zu haben , was er besitzt , seine Hoffnung auf die Zukunft ! “ „ Ich höre Dir staunend zu , merkwürdiger Mann ! Ich sehe immer mehr , welch tiefer , gebildeter Geist in Dir wohnt , “ sagte Ernestine warm . „ Welche Überwindung muß es Dich gekostet haben , mit diesen Wilden hier zu leben ? “ Der Greis lächelte . „ Ei nun , man verbauert allmählich selbst , dann fühlt man den Abstand nicht mehr so . Im Anfang war ich wohl auch dünkelhaft und wähnte mich zu gut für diese Menschen . Aber mein Glaube lehrte mich bald , daß Niemand zu gut ist für den Platz , auf den ihn Gott stellt . Als Student interessierte ich mich für das Theater und besuchte es mitunter . Da hörte ich einmal beim hinausgehen den Direktor über Widerspenstigkeit eines Mitgliedes klagen : < < Er will keine Episoden übernehmen , kein Gott , sie können doch nicht Alle erste Rollen spielen ! > > Der Mann ahnte wohl nicht , welch ernste Lehre er mir gegeben hatte : < < Nicht Alle können erste Rollen spielen ! > > sagte ich mir , so oft mir der Hochmut zuraunen wollte , ich hätte ein besseres Los verdient — und ich ergab mich darein , allen Fleiß und alle Kraft auf die Episode zu verwenden , die mir auf der Bühne des Lebens zugeteilt worden . Ich begehrte mir bald keinen besseren Lohn mehr , als daß der Herr einst zu mir spreche : „ , Du warst ein fleißiges , williges Mitglied ! ’ “ „ Nicht Alle können erste Rollen spielen , “ murmelte Ernestine , „ Vater Leonhardt , über dieses Wort werde auch ich noch nachdenken ! “ Sie schwieg eine Weile , dann fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn . „ Nein — nichts sein als eine Episode , eine Nebenfigur , die auftaucht , um wieder zu verschwinden , die einen Moment lang vielleicht das Interesse fesselt , aber eben so gut wegbleiben könnte — nein , das ertrüge ich nicht . “ Sie sprang auf und ging im Zimmer hin und her . „ O liebes Fräulein ... “ , ,Vater , sag doch Du zu mir , es ist so schön , sich < < Du > > zu nennen , wenn man sich wert ist , “ unterbrach ihn Ernestine . „ Ich begreife nicht , wie mir so lange das kalte < < Sie > > genügen konnte . Alle Menschen , die sich nahe treten , sollten sich < < Du > > nennen ! “ „ Nun denn , wenn Du es mir erlaubst , von ganzer Seele gern ! Also , mein liebes Kind , ich wollte nur das noch auf Deine Bemerkung erwidern , daß kein Mensch , der seine Pflichten erfüllt , < < eben so gut wegbleiben > > könnte . Für die Welt — ja ! Aber man muß auch nicht die ganze Welt zum Publikum haben wollen und in dem Beifall derselben die einzige Lebensbefriedigung suchen . Es ist nicht bescheiden , sich für eine der auserwählten Persönlichkeiten zu halten , die berufen sind , auf der großen Weltbühne vor einem Auditorium von Völkern hervorzutreten . “ Ernestine errötete tief . Leonhardt fuhr fort : „ Jeder Mensch findet Genossen , in deren engem Kreise er die Hauptrolle spielt , und ein Publikum von Freunden , deren Anerkennung ihn belohnt . Für diese Wenigen ist er keine Episode , sie ist er nicht < < aufgetaucht , um wieder zu verschwinden . > > Ein Weib und ein Freund oder ein Gatte und eine Freundin , denen man Alles war , sind sie nicht wert , für sie gelebt zu haben ? “ „ Vater Leonhardt , das ist nur für die ein Trost , die nie aus ihrer Subjektivität herausgetreten , den Schwerpunkt ihres Seins in ihr Gemütsleben , und was damit zusammenhängt , verlegen . Wer aber so weit aus sich heraustrat , um die Interessen der Welt zu den Seinen zu machen , der kann nur noch mit der Welt und für sie leben und so wenig mehr zu dem subjektiven Genügen an persönlichen Freuden zurückkehren , als die Pflanze sich in das Samenkorn rückbilden kann , dem sie entsproß . “ „ Wirklich , Ernestine ? “ rief eine wohlbekannte Stimme hinter ihr . Sie wandte sich erschrocken um . Johannes hatte unter der geöffneten Tür den Rest des Gesprächs mitangehört . Sein ganzes Wesen fieberte , seine breite Brust hob und senkte sich leidenschaftlich , als er auf sie zutrat . „ So — so — konntest Du mir entfliehen ? “ Er nahm Ernestinens Hand in die Seine , er heftete einen feuchten , schmerzvollen Blick auf sie , als wolle er in den Grund ihrer Seele tauchen , um die Perle zu suchen , die Perle der Liebe , die sie so tief verbarg . Inbrünstig flehend , bestürmend sah er sie an , preßte ihre schmale Hand in der seinen und jeder seiner schweren Atemzüge war eine Bitte — jeder Tautropfen auf seiner glühenden Stirn war eine Klage . — Schmerz , Angst und Hast der Verfolgung erschütterten diesen ehernen Körper , daß er bebte . Ernestine sah , hörte , fühlte das Alles , aber sie stand stumm und regungslos , sie konnte die Lippen nicht öffnen , sie konnte keinen Laut hervorbringen — sie war wie erstarrt , wie betäubt . „ Ernestine ! “ rief Johannes nochmals . „ Ernestine ! “ Und der Ton drang ihr bis ins Mark , ein leises Stöhnen entrang sich ihren Lippen , sie neigte das Haupt seiner Brust entgegen , sie war nahe daran , in seine Arme zu sinken — da trat ein Schatten , der Schatten seiner Mutter zwischen sie und ihn und umnachtete ihren Blick , daß sie den Mann nicht mehr sah in seiner reinen Schönheit , die Tränen nicht mehr sah , die ihm im Auge standen . Es ward kalt und dunkel um sie her , wie wenn Wolken vor die Sonne treten , der Schatten der Mutter verscheuchte sie von seinem Herzen . Sie bog den Kopf zurück und entzog ihm langsam die Hand . Hoffnungslos ließ er die Arme sinken . Der furchtbaren Aufregung folgte ein Moment des Ermattens , er wischte sich die Stirn , es war ihm , als müsse das Tuch in Blut getränkt von seinem Antlitz kommen . Alle Adern schlugen in ihm , es brauste in seinen Ohren , es wogte in seiner Brust , als solle sein ganzes Sein sich auflösen . Er nahm sich zusammen und ging fast wankend zu Leonhardt . „ Gott stärke Sie , lieber Herr Leonhardt , “ sagte er in abgebrochenen Sätzen . „ Ich weiß Alles durch den Boten an Ihren Sohn , den ich unterwegs traf . Ich brauche Ihnen nichts zum Troste zu sagen . Sie sind ein Mann und werden es als solcher tragen ! “ „ Ich bin ein Christ , lieber Herr Professor , das ersetzt dem schwachen Greise die Männlichkeit ! “ „ Wahr , wahr ! “ sagte Johannes und streifte mit einem trüben Blicke die fern stehende Ernestine . Sie trat heran und sprach mit zitternder Stimme : „ Vater Leonhardt , ich muß nach Hause und sage Dir für heute Lebewohl . Wenn Dein Sohn kommt , so sende ihn zu mir . “ Sie reichte Möllner die Hand : „ Vergeben Sie mir , ich konnte nicht anders . “ Johannes bekämpfte seine Bewegung und sagte mit scheinbarer Fassung : „ Ich werde Ihnen noch schreiben ! “ Ernestine neigte stumm das Haupt und ging . Der Greis horchte . Er vernahm ihre sich entfernenden Schritte und Johannes ’ fliegenden Atem und wieder sah er mit blinden Augen ! „ O , Herr Professor , lassen Sie sie nicht gehen , eilen Sie ihr nach und sprechen Sie sich mit ihr aus . O , glauben Sie mir , sie ist ein Engel und verdient es wohl , daß Sie ihr noch ein gut ’ Wort gönnen . Mit dem Schreiben ist nichts getan , denken Sie an den Oheim , der kann ja den Brief unterschlagen . Selbst reden ist immer das Beste . Eilen Sie , eilen Sie — sonst machen Sie sich und das Fräulein unglücklich ! “ „ Dank für dieses Wort , alter Freund , Sie haben Recht ! “ rief Johannes , in dem es wieder hell auflohte , und ehe er vollendet , war er auch schon zur Tür hinaus . Die Schulmeisterin kam mit der Suppe und sah ihm verwundert nach . „ Der Herr hat ’ s eilig ! “ sagte sie . „ Laß ihn nur , liebe Mutter . Die jungen Leute streben mit tausend Ängsten und Schmerzen einem Ziele zu , auf das wir Alten längst mit befriedigtem Blicke zurückschauen . Gott leite sie ! “ * * * Johannes rief seinem Kutscher , der unweit des Schulhauses hielt , zu , ihn hier zu erwarten und folgte Ernestinen , die langsam auf dem Fußpfad vor ihm herschritt . Es war still und einsam um sie her , denn es war Mittag , wo die Bauern bei der Mahlzeit saßen . Sie sah sich um , als sie Johannes ’ Tritt hinter sich hörte und blieb stehen . Rasch hatte er sie erreicht : „ Ernestine ! “ sagte er entschlossen , „ ich muß noch ein letztes , ein entscheidendes Wort mit Dir reden , und Leonhardt hat Recht , dergleichen muß unmittelbar vom Herzen zum Herzen gehen . Willst Du mich hören ? “ “ Ja ! “ „ Er legte ihren Arm in den seinen , sie stiegen während der Unterredung die Anhöhe hinan , die zum Schlosse führte . „ Sieh , liebe Ernestine , sieh , ich gäbe , was ich habe , darum , wenn ich das , was zwischen Dir und meiner Mutter vorging , ungeschehen machen könnte . Du bist tödlich beleidigt worden und zwar als mein Gast , in einem Hause , das Dir Zuflucht gewähren , das Dir zur Heimat werden sollte . Aber es geschah in meiner Abwesenheit , ich bin ohne Schuld daran , willst Du es mich dennoch entgelten lassen ? “ „ Nein , mein Freund , gewiß nicht . “ „ Nun denn , so sei auch großmütig und vergib meiner Mutter , was sie sich selbst nie vergeben darf ! “ „ Ich habe ihr nichts zu vergeben . “ „ Du bist unerbittlich in Deinem gerechten Groll . Laß mich hoffen , daß die Zeit einst komme , wo meine Mutter gut machen kann , was sie heute an Dir verbrach . Teuerste , beste Ernestine , sie hat Dein junges , kaum erwachtes Herz zurückgeschreckt in seinem schönsten Empfinden , sie hat Dich schlimm vorbereitet auf das , was ich Dir heute sagen wollte und dennoch — dennoch muß ich reden — es ist zu weit gekommen , als daß ich noch schweigen könnte . Ja , Ernestine , ich wollte Dich heute zum Weibe begehren , ich wollte Dich bitten , mir die Opfer zu bringen , welche die Ehe jedem Weibe , Dir aber insbesondere auferlegt und ich glaube sicher , wenn ich Dir die Pflichten und das Los einer Gattin geschildert hätte , es wäre Dir nicht so abschreckend erschienen , wie durch die praktische , etwas pedantische Auffassung meiner Mutter . Ich hoffe , unsere Verhältnisse werden es gestatten , Dir den Materialismus des Lebens , vor welchem Dir so bangt , und dem meine Mutter eine zu große Wichtigkeit beimißt , zu ersparen . Ich werde meine weiße Rose nicht in einen Küchengarten pflanzen . Du sollst der Stolz und Schmuck meines Lebens sein . Ich fordere nichts von Dir , als Liebe für mein warmes Herz , Teilnahme für meine wissenschaftlichen Bestrebungen und Nachsicht für meine Fehler . “ Er ergriff bewegt ihre Hand und blieb stehen . „ Ernestine , wirst Du mir das gewähren können ? “ Er erwartete mit angehaltenem Atem ihre Antwort , sein Blick suchte vergebens durch ihre gesenkten Lider zu dringen . Sie verharrte in ihrer steinernen Ruhe und kein menschliches Auge konnte sehen , was in den Tiefen dieser verschlossenen Seele vorging . Endlich hauchten ihre bleichen Lippen kaum hörbar : „ Ich kann nicht — Deine Mutter — ich kann nicht ! — “ „ O nimm sie nicht zum Vorwand , wenn Du mich nicht lieben kannst , wälze nicht auf sie den Fluch , dem Sohne die Geliebte , das Glück seines Lebens geraubt zu haben . Die Strafe wäre zu hart ! Liebst Du mich aber , — so besiege den kleinlichen Stolz durch den edleren , ihr zu zeigen , daß sie sich in Dir getäuscht ! Beweise ihr , daß Du weiblich fühlen , daß Du Opfer bringen kannst und Du wirst sie so tief beschämt vor Dir sehen , wie es Dein rachsüchtigster Groll nur wünschen mag . “ „ Die Opfer , die sie fordert , kann ich nicht bringen , und wenn ich es könnte , ich würde sie nicht bringen , gerade weil sie gefordert , weil sie zu einer Bedingung gemacht werden ! Eine freie Seele verkauft ihre Überzeugungen und Bestrebungen nicht und wäre es auch um den Preis eines ganzen Lebensglücks ! Wenn Deine Mutter mir zumutet , ich solle meinem Plane , die akademische Laufbahn zu ergreifen , entsagen , solle alle Früchte meines bisherigen Fleißes ungereift begraben , so ist es verzeihlich , denn sie ahnt nicht , was sie verlangt , — wenn Du aber solche Bedingungen befürwortest , dann wirst Du mir nicht nur kein Gatte , Du hörst auch auf , mir Freund zu sein , denn dann verstehst Du mich nicht . “ „ Mein Gott , Ernestine ! was wollen wir denn , von Dir anders , als was jeder Mann von dem Weibe , das ihm gehört , fordern muß : daß sie ganz und ausschließlich ihm lebe ? Wie aber kannst Du das , wenn Du nicht Deinen Ehrgeiz besiegst und Dich aus der Öffentlichkeit zurückziehst in das Privatleben ? Du sollst ja deshalb nicht der Wissenschaft entsagen , Du sollst meine Vertraute , meine Gehilfin bei meinen Arbeiten , mein Freund und Fachgenosse sein , Dein großer Geist soll jede Befriedigung finden . Nur öffentlich sollst Du nicht auftreten — nicht Vorlesungen halten und ‚ Doktor ’ spielen . Der reine Name meiner Frau soll nicht der Verkennung , dem Gespötte preisgegeben sein . “ Ernestine fuhr auf , wie von einem Pfeil getroffen . „ Das sind die Worte Deiner Mutter ! Wie ? Du fühlst Dich so erhaben über den weiblichen Geist und verschmähst es doch nicht , nachzusprechen , was Dir Deine Mutter vorgesagt ? “ „ Ernestine , Du bist ungerecht ! Du kennst meine Ansichten über Stellung und Rechte der Frauen längst , Du kannst nicht erwarten , daß ich meinen heiligsten Überzeugungen untreu werde , indem ich den entscheidendsten Schritt meines Lebens tue . “ „ Und dennoch forderst Du dasselbe von mir ? “ „ Das Weib hat keine Überzeugung , Ernestine , es hat nur Gefühle für oder gegen eine Sache . Wo es sich aber um Gefühle handelt , muß das stärkere das schwächere verdrängen . Du hattest bisher nur Empfindung für die Leiden Deines Geschlechts , weil Du selbst nichts Anderes kanntest . Wenn Du liebst , wirst Du auch seine Freuden kennen lernen und den Wünschen des Gatten um so leichter den nutzlosen Kampf für dasselbe zum Opfer bringen . “ „ Glaubst Du ? “ fragte Ernestine mit ungewöhnlicher Schärfe . „ Ich hoffe es , denn nur so könnten wir glücklich werden . Ich bin ein ehrlicher Mann , ich sage Dir im Voraus , was Dich an meiner Seite erwartet . Ich will Deinen Entschluß nicht durch Schmeicheleien und falsche Nachgiebigkeit bestimmen . Du sollst ihn fassen mit dem vollen Bewußtsein der Pflichten , die er Dir auferlegt — sonst ist er wertlos . Du wirst denken , dies sei eine allzu barsche Art der Brautwerbung und Du magst Recht haben . Ich will aber mein Weib nicht durch Künste der Galanterie gewinnen , durch welche die Eitelkeit jeder Frau zum mächtigen Bundesgenossen des Werbenden wird . Ich will mein Weib keiner Schwäche verdanken und Eitelkeit ist eine solche . Deine Liebe für mich soll Deine Stärke sein . Groß möchte ich Dich sehen , wenn ich Dich zum ersten Male in meine Arme schließe und wann ist ein Weib größer , als indem es sich seiner selbst entäußert und seinen Stolz bezwingt , um sich dem Manne dahinzugehen . Sich selbst zu bezwingen , ist eine Tat , die Helden zu schwer fanden , welche ganze Völker bezwungen hatten , ist eine Tat der höchsten menschlichen Vollendung . Freilich die Welt wird Dir nicht Beifall klatschen , die größten Taten sind es oft , die sich den Augen der Menge entziehen , denn schon in dem Verzichten auf Anerkennung liegt eine Hoheit , deren sich Wenige erfreuen . Wie viel irdische Erhabenheit verbirgt sich nur zum Beispiel hinter den Mauern eines Klosters , an denen die Welt gedankenlos vorüberflutet , — wie manches Herz feiert da still verblutend den letzten schwersten Sieg , — den über alles Menschliche und es hat Niemanden , der ihm lohnt , Niemanden , der ihm den Lorbeer auf die Stirne drückt . — Was wartet seiner nach all den unermeßlichen Schmerzen ? — Das Grab ! Du , Ernestine , sollst ungleich leichtere Entsagung üben und für Dein Opfer den schönsten Beifall ernten , den ein Weib fordern kann , die Glückseligkeit eines liebenden Gatten . Kannst Du noch zaudern , mußt Du noch kämpfen ? — Kann sich diese königliche Seele nicht befreien aus der Knechtschaft einer ihr aufgedrungenen falschen Ehrsucht ? O , Ernestine , laß mich nicht länger stehen , sprich ein Wort , wem willst Du ferner gehören , Deinem Oheim — oder mir ? “ „ Mir selbst , — denn kein Mensch kann eines andern sein ! “ und sie maß Johannes mit einem fast feindlichen Blick . „ Ja , jetzt sehe ich , daß Du der Sohn Deiner Mutter bist — ich sehe ihre strengen Züge , ich höre ihre tadelnde Stimme , ich sehe mich zwischen Euch als ein willenloses Wesen , das nicht mehr selbstständig denken und fühlen , noch weniger es wagen darf , vor der Welt etwas zu bedeuten . Ich sollte den leitenden Gedanken meines Lebens , die Sehnsucht meiner Tage und Nächte von mir werfen wie ein Kleid , sollte jetzt mit Dir vor diese Mutter hintreten , mich auf Gnade und Ungnade ergeben , mich wie ein Kind entschuldigen und versprechen , mich zu bessern , um demütig den Kuß herablassender Verzeihung von ihren kalten Lippen zu empfangen ? Nein , nochmals nein ! Was berechtigt denn Deine Mutter , mich wie eine Missetäterin bessern und retten zu wollen ? Wem habe ich noch je etwas zu Leide getan , gegen welches Gesetz der Sitte gefehlt , daß sie mich behandelt , wie ein gemeinschädliches Übel ? Ich habe still und abgeschieden für mich gelebt , kein Glück gefordert , als das der Arbeit . Was befugt sie , mir ein anderes aufzudrängen und mir zu zürnen , wenn es mir nicht als solches erscheint ? Habe ich sie aufgesucht , bin ich Dir nicht mit Widerstreben auf Deine dringenden Bitten zu ihr gefolgt , was veranlaßte sie , mich wie eine Überlästige fortzutreiben und mir Bedingungen für eine Wiederkehr zu stellen , nach der ich gar nicht Verlangt ? O , Johannes ! Wenn Du mich großherzig , wie Du mir zuerst erschienen , geliebt hättest , nicht wie ich sein sollte , sondern wie ich bin , mit all meinen Fehlern und Seltsamkeiten — ich hätte für Dich getrachtet , das vollkommenste Wesen zu werden . Und wenn Du mir gesagt hättest : Sei mir Gefährtin , ich werde Dir helfen , für die Ehre Deines Geschlechts zu kämpfen , was Dir heilig ist , soll es auch mir sein , — wenn Du so meiner Individualität Rechnung getragen , mir Dein Glück , Deine Ehre vertraut hättest ohne weitere Bürgschaft , als die , welche Dein Herz für mich leistete , — ich hätte mich gebeugt vor der Gewalt eines solchen Gefühls , — ich hätte Dir freudig meine Freiheit zum Opfer gebracht , — ja sogar das schwerste : ich hätte mich Dir zu Gefallen — vor Deiner stolzen Mutter gedemütigt ! — So aber Du kommst als ihr verstärktes Echo — nun Du es als unerläßliche Grundlage unseres Glückes betrachtest , daß ich sei , wie sie es will . Dich im Voraus ängstlich versicherst , ob ich mich auch allen Deinen Anforderungen unterwerfen werde , auf daß Du mit dem eigenwilligen Geschöpf keinerlei Gefahr läufst , — nun erst hat sie uns ganz getrennt , ich habe Dich verloren , und Alles , was ich Euch verdanke , ist die Erkenntnis , daß ich nicht für diese Welt tauge und daß ich elend bin ! “ Johannes stand bleich und stumm vor ihr , aber in seiner hochaufgerichteten Gestalt prägte sich sein reines Bewußtsein aus . Ernestine wagte nicht , ihn anzusehen , sie zerpflückte mit den zitternden Händen einen Zweig , den sie von einem Busche am Wege gerissen . „ Wir sind nach dieser Erklärung fertig mit einander , “ begann er , und es war , als falle jedes dieser Worte wie geschmolzenes Eisen von seinen Lippen in ihr Herz . Er schöpfte Atem , wie um sich von einer schweren Anstrengung zu erholen . Dann fuhr er fort : „ Die Anklagen , mit denen Du mich und meine Mutter überhäufst , beantworte ich nicht , sie tun mir wehe für Dich , sie sind Deiner großen Seele unwürdig ! Ich habe an Dir gehandelt , wie es unsere Begriffe von Ehre geboten . Ich habe Dir gesagt , was ich meiner innersten Überzeugung nach für das Glück der Ehe erforderlich halte ! Daß Du mir das verlangte Opfer weigerst , weigern kannst , beweist mir , daß Du mich nicht liebst . Dies ist der Grund , der uns trennt . Auch bitte ich Dich , zu bedenken , daß ich nicht für mich allein sorge , da ich vorsichtig handle . Ich muß als ein rechtschaffener Mann vor Allem prüfen , ob das Weib , das ich heimführe , auch dereinst fähig sei , den teuern Wesen , denen sie vielleicht das Leben schenkt , im wahren Sinne Mutter zu sein . “ Seine Stimme ward weich bei diesen Worten . „ Du hast die Prüfung nicht bestanden — Dein Herz ist noch nicht reif für die große hingebende , selbstvergessende Liebe , die allein den schweren Pflichten der Ehe genügen kann . Ob es je dazu reifen wird ? Wer weiß ! Vielleicht erntet einst ein Anderer , was ich in Schmerzen gesäet . Ich mache Dir keinen Vorwurf , wie könnte ich ! “ Er legte seine Hände auf ihr Haupt , die Tränen rieselten ihm über die Wangen . Er sah sie an und schwieg , vom Schmerz überwältigt . Sie brach unter diesem Blicke innerlich zusammen , ihre künstliche Fassung verließ sie , ein Schrei entrang sich ihren Lippen . Jetzt erst erkannte sie , was sie getan in ihrem Hochmut und ihr Herz erbebte unter der Last , die sie ihm aufgebürdet , bevor sie einen Begriff von ihrer Schwere hatte . Johannes strich ihr milde über die Stirn . Ihre Erschütterung gab ihm seine Haltung wieder „ Du bist gut , Ernestine . Du fühlst , daß Du mir wehe getan , und nun ergreift Dich das Mitleid . Das ist so Frauenart — und diese kleine Schwäche gereicht Dir zur Ehre in meinen Augen . Ich bitte Dich , fasse Dich , Du siehst , auch ich bin wieder ruhig . “ Er wollte ihr seine Hand entziehen , sie hielt sie fest und schaute ihn mit jenen bittenden traurigen Augen an , die schon in ihrer Kindheit einen Zauber auf ihn ausgeübt . „ Verlaß mich nicht ganz ! “ flüsterte sie mit halb erstickter Stimme . „ Nein , so wahr ich wünsche , daß Gott mich nicht verlasse — so wahr werde ich Dich nicht verlassen . Ich werde Dich nicht fliehen wie ein Feigling , der dem unerreichbaren Gute den Rücken kehrt , um sich die Entsagung leicht zu machen und vergessen zu lernen . Du bedarfst eines Freundes , der Dich schützt und vertritt in Deiner zweifelhaften Lage , der Welt und Deinem Oheim gegenüber . Dieser Freund will ich Dir bleiben — bis Du — einen besseren findest ! Fürchte nicht , daß Du ein Wort der Liebe oder Klage ferner von mir hören wirst — ich werde allein mit meinem Schmerz fertig werden . Dein Glück soll meine einzige Sorge sein . Leb wohl — und wenn Du meiner bedarfst , so rufe mich . “ Er drückte noch einmal ihre Hände und schritt , ohne sich umzuwenden , von dannen . Ernestine sah ihm nach , wie er dahin ging in seiner männlichen Hoheit , sie schaute und schaute , bis er um eine Ecke bog und verschwand . Dann sank sie in die Knie und rief mit ausbrechendem Schmerz : „ Hab ’ ich denn das wirklich zu tun vermocht ? ! “ — Lange konnte sie so unter den schattigen Kirschbäumen gelegen haben , als das Rollen eines Wagens vom Schlosse her sie aufscheuchte . Es war ihr Oheim . Er ließ halten und stieg aus . „ Du kannst wieder ausspannen , “ rief er dem Kutscher zu . „ Ich fahre nun nicht in die Stadt . “ Der Angeredete kehrte um und fuhr nach Hause zurück . Leuthold stand stumm vor Ernestinen und folterte sie mit seinem durchdringenden , forschenden Blick . Er hatte von Frau Willmers mit Ausnahme der Beziehungen , welche schon länger zwischen Ernestinen und Johannes bestanden , Alles erfahren , was sich gestern zugetragen . Kaum acht Tage war er fort und schon war ihm sein Schützling entflohen , — entflohen mit einem wildfremden Manne ? Das war unmöglich . Ernestine war nicht feige , ein Haufe betrunkener Bauern hätte das spröde Mädchen nicht dem nächsten besten Unbekannten in die Arme getrieben . Sie mußte den großmütigen Ritter schon gekannt haben . Er hielt nun Verhör nach allen Seiten hin , aber die übrigen Dienstboten , die ihn haßten und zur Willmers hielten , beharrten darauf , sie wüßten von nichts , — das Fräulein müsse den Herrn nur im Schulhause kennen gelernt haben , denn dort gehe der Fremde aus und ein . Das genügte Leuthold , um