allerhand Zwischenfällen gefehlt – als » Konventualin « eintrat und ihre Wohnung in einem alten Klosterkreuzgang bezog . An der Spitze des Klosters stand damals die Domina von Quitzow , eine schon neunzigjährige Dame , die , was Klugheit und Entschlossenheit anging , ihrem berühmten alten Namen alle Ehre machte . Selbst Preußin von Geburt , war sie froh , in Fräulein von Rohr » mal wieder eine Preußin « im Kloster zu haben , und in dieser Gesinnung verblieb die Neunzigjährige bis zu ihrem sechs Jahre später erfolgenden Hinscheiden ; aber diese wundervolle alte Domina war auch das einzige Element , auf das sich die neue Konventualin mit Sicherheit stützen konnte . Die Mitschwestern im Kloster waren entweder gegen oder doch mindestens nicht für sie , was in dem vorwiegend antipreußischen Gefühl des damaligen mecklenburgischen Adels seinen Grund hatte , ein Zustand der Dinge , der durch den 1866 er Krieg und unsern Sieg über Österreich eher geschärft als gemindert worden war . Klosterhauptmann zu jener Zeit war Graf Joachim Bernstorff , Sohn des alten Gartower Grafen , der aus seiner welfischen Gesinnung kein Hehl machte . Seine Gemahlin , eine Freiin von dem Busche , vordem Hofdame bei der Königin Marie von Hannover , begriff den Wechsel der Zeiten und versuchte Frieden zu stiften , was ihrem liebenswürdigen Naturell ohnehin entsprach , aber sie kam damit nicht weit , weil der Graf bei der Mehrzahl der Klosterdamen seinen eigenen Gesinnungen wiederbegegnete . Begreiflicherweise hatte Mathilde von Rohr unter dieser im Kloster herrschenden Strömung zu leiden , bis ihr ein Zwischenfall und der Mut , den sie dabei zeigte , zu einem großen moralischen Siege verhalf , der in seiner Folge die gegnerische Partei teils bekehrte , teils stumm machte . Das kam so . Eine der alten Damen – ich verschweige den Namen , um nicht nach zwanzig Jahren noch wieder böses Blut zu machen – erfreute sich einer kleinen Landwirtschaft , einer Kuh , die den Milchbedarf des halben Klosters bestritt . Aber da kam Krankheit und die Kuh wurde von einer so schweren Lungenseuche befallen , daß der Tierarzt anordnen mußte , sich ihrer so schnell wie möglich zu entledigen . Das geschah denn auch , aber nicht sehr vorschriftsmäßig , vielmehr erschien ein Schlächter aus Goldberg , um die Kuh zu kaufen und zu schlachten . Ein Zufall fügte es nun , daß Mathilde von Rohr von dem Fleisch dieser Kuh ein Suppenstück in ihre Küche bekam und sofort den widerlichen und gesundheitsgefährlichen Zustand erkannte . Der Fleischer wurde zitiert und mit Klage bedroht , was diesen endlich bestimmte , mit der Sprache herauszurücken und das empörte Fräulein wissen zu lassen , daß eine andere Konventualin ihm diese Kuh verkauft habe . Mathilde von Rohr war sprachlos und als sie sich schließlich erholt hatte , stand ihr fest , daß hier ein Exempel statuiert werden müsse . Die Domina , ganz auf ihrer Seite , berief eine Generalsitzung und hier , in großer Versammlung , erhob sich nun unser altes Fräulein , um mit siegender Beredsamkeit von Adel und christlicher Frömmigkeit zu sprechen , mit denen es freilich schlecht stehe , wenn dergleichen Ekelhaftes vorkäme , was noch dazu nicht besser sei als Vergiftung . Die Wirkung ging über alles Erwarten hinaus . In ihren Alltagsempfindungen waren all die alten Damen immer gegen » die Preußin « gewesen , aber das verletzte Rechtsgefühl war in diesem Augenblicke doch so mächtig , daß ein Umschlag zugunsten des Fräuleins eintrat , auch bei ihren ausgesprochensten Feinden . Von Liebe konnte freilich nach wie vor keine Rede sein , aber ein voller Respekt war gewonnen . Auch der Klosterhauptmann , dem trotz seiner Preußenabneigung das Herz auf dem rechten Flecke saß , war bekehrt . Bald nach diesem Vorfalle war es , daß ich meinen ersten Besuch in Dobbertin machte . Kein poetischerer Aufenthalt denkbar ! Das Zimmer , darin wir das Frühstück und abends den Tee zu nehmen pflegten , hatte noch ganz den Klostercharakter , denn aus seiner Mitte stieg ein schlanker , oben palmenfächriger Pfeiler auf ; halb verdeckt davon aber stand ein Schaukelstuhl , von dem aus ich , wenn ich mich im Pfeilerschatten hin und her wiegte , mal links mal rechts das Kohlenfeuer sah , das in dem altmodischen Kamin still verglühte . Denn ein Feuer war immer da und auch nötig , trotzdem wir mitten im Sommer waren . Um die Fenster rankte sich Blattwerk mit großen gelben Tulpenblumen dazwischen , die bis aufs Dach hinaufwuchsen und dies auf seiner Unterhälfte fast überdeckten . Um all die Baulichkeiten herum lagen Gärten , auch ein Stück Park , und wenn man diesen , mit der Richtung auf die Kirche zu durchschritt , kam man zuletzt an den Dobbertiner See , in dessen Nähe sich tagsüber nichts regte , bis dann bei Sonnenuntergang die Dohlen und Krähen zu vielen Tausenden von einem Eichenkamp her herüberkamen , um auf Turm und Kirchendach eine kurze Beratung abzuhalten . Im Mai 1875 starb die Domina , die alte von Quitzow , fast sechsundneunzigjährig . Bis zuletzt hatte sie sich bei Kraft und fast auch bei Frische erhalten . Sie hatte viel Ähnlichkeit mit der zu jener Zeit in Berlin lebenden Frau von Quast , Roonstraße 8 – Mutter des Kunstkonservators und Großmutter des Landrats von Quast – die sich noch mit dreiundneunzig in ihren Gesellschaften durch Lebhaftigkeit , Esprit und Dezidiertheit hervorzutun wußte . Der Eindruck , den ich dabei empfing – und mit der alten Domina von Quitzow ging es mir ebenso – war aber doch mehr ein Eindruck des Staunens als der Freude . Man kann auch zu lange frisch bleiben und die geistige Jugend , die sich viele so sehr wünschen , ist ein zweischneidig Schwert ; in einem gewissen Alter muß man auch alt wirken und wenn dies Natürliche sich nicht vollzieht , so berührt es mehr oder weniger unheimlich . Nach dem Tode der alten von Quitzow sollte die » Preußin « Domina werden , so war Wunsch und Wille der Verstorbenen gewesen . Aber die früheren Antagonismen waren mittlerweile wieder zu Kraft gekommen und da sich ' s traf , daß Mathilde von Rohr , just als die Neuwahl stattfinden sollte , schwer krank darniederlag , so siegte die Gegenpartei , was schließlich vielleicht allen angenehm war , auch den Vereinzelten , die für sie gestimmt hatten . In ihrem beständigen Betonen des Rechtsstandpunktes und der wiederzuerobernden historischen Domina-Machtstellung – die Domina rangiert , glaube ich , gleich nach den Mitgliedern der großherzoglichen Familie- desgleichen in dem strengen Regiment , das sie sicherlich eingeführt und in Kämpfen gegen die » weltliche Macht « , i.e. gegen den Klosterhauptmann behauptet haben würde , flößte sie den verschiedensten Parteien eine gewisse Besorgnis für ihre Zukunft , zum mindesten für ihre Bequemlichkeit ein . Eine jüngere , trätablere Dame wurde Domina und als Mathilde von Rohr wieder eine Genesende war , war sie weitab davon , in Indisziplin zu verfallen ; sie nahm die Dinge , wie sie jetzt rechtmäßig lagen , und unterwarf sich . Noch zehn Jahre war es ihr vergönnt , frisch und freudig in ihrer Stellung auszuharren , und einzelne Freundschaften , die sie während eben dieser Zeit schloß , gestalteten diese zehn Jahre , trotz herber Schicksalsschläge , zu besonders glücklichen ihres Dobbertiner Lebens . Dann aber kam neue schwere Krankheit , ein Herzleiden . Die Anlage dazu mochte seit lange da sein , aber erst eine große Gemütsbewegung brachte das Leiden zum Ausbruch ; ein prinzipieller Streit , den sie hatte , schloß nicht bloß mit einer Niederlage , sondern , der Form nach , in der sie sich vollzog , auch mit einer schweren persönlichen Kränkung für sie ab . Gewiß hätte diese kränkende Form ihr erspart bleiben sollen , andererseits war sie wohl nicht ganz ohne Schuld , wenn der Satz richtig ist , daß man auch im Hervorkehren des sogenannten » Rechtsstandpunktes « zu weit gehen kann . Ich fürchte , daß etwas von diesem » zuviel « ihrerseits mit im Spiele war . Aber wie dem auch sein möge , sicherlich versah sie es darin , daß sie beim Eintritt in den ihr mehr oder weniger aufgedrungenen Kampf die Kräfte nicht richtig abmaß . Wer solchen Kampf aufnehmen und durchfechten will , muß im voraus wissen , daß er kraft seiner Persönlichkeit oder kraft der Unterstützung , die ihm mächtige Verbindungen und glückliche Gesamtverhältnisse leihen , den Sieg oder doch wenigstens die Chancen des Sieges in Händen hat . Siegt er nicht , so werden nutzlos die Kräfte verzehrt . Und so lag es hier . Mathilde von Rohr heimste schließlich in der von ihr geführten Fehde nichts ein , als ein zum Tode führendes schmerzhaftes Leiden . Dies Leiden selbst trug sie mit großer Ergebung und bestrebte sich dabei , was ihrem natürlichen Menschen beinahe widersprach , voll christlichen Sinnes demütig und vergebungsgeneigt zu sein . Und so verzieh sie denn auch denen , die sie gekränkt hatten . In zwei Stücken aber blieb sie sich gleich bis zuletzt : in der Liebe zu denen , an denen ihr Herz einmal hing , und in ihrem persönlichen Mut . Während ihrer letzten , von asthmatischen Beschwerden beständig heimgesuchten Leidenszeit , hatte sie das Unglück , eine freche Person als Hausmädchen um sich zu haben , und alle , die es gut mit ihr meinten , wollten dem abhelfen und namentlich in den Nachtstunden ihr eine zweite Pflegerin geben ; aber sie lehnte dies , trotz ihres absolut hilflosen Zustandes , ab , weil sie ihrer moralischen Überlegenheit vertraute . Und dies Vertrauen täuschte sie auch nicht . Mitunter schien ihr Zustand sich zum Bessern wenden zu wollen , am 15. September 1889 aber sahen alle , daß es zu Ende ging und am Vormittage des 16. entschlief sie . Die Trieplatzer Verwandten kamen ; am zweiten Tage schaffte man die Tote nach der Kirche hinüber und am Nachmittage des dritten ( 19. September ) wurde sie zur Ruhe bestattet . Unter denen , die zum Begräbnis erschienen waren , war auch der älteste Sohn ihres alten Freundes Bernhard von Lepel . Ein äußerlich nicht hervorragendes , aber innerlich tüchtiges Leben hatte aufgehört zu sein . Ihre vollste Würdigung hatte sie von der alten Domina von Quitzow erfahren , die von ihr zu sagen pflegte : » es gibt nur eine Rohr « und immer voll Anerkennung jener Ungeschminktheit und Einfachheit war , die zuletzt unser Bestes bleibt . Und einfach und natürlich waren schließlich auch noch die Aussprüche , die sie während ihrer letzten Krankheit zu Befreundeten tat : » Immer erst das tun , was vor Gott recht ist ; dann erst kommt die Rücksicht auf andere und die Liebe zu den Menschen . « Und bei anderer Gelegenheit : » Nur nicht immer bloß klug sein wollen ; wer bloß klug ist , da zeigt sich über kurz oder lang in abschreckender Gestalt , daß ihm das Beste fehlt : die Wahrheit und die Güte . Und wo die fehlen , da kommt nichts zustande . « Sie war eine richtige Lutheranerin , noch mehr ihrem Wesen als ihrem Bekenntnis nach , und wußte sich was damit . Da machte es denn einen großen Eindruck auf mich , daß sie mir , wenige Wochen vor ihrem Tode , wo ich sie noch einmal in Dobbertin besuchte , mit Ergriffenheit sagte : » Ja , wir hoffen selig zu werden und ich hoffe es auch . Aber wenn dann so die Beängstigungen kommen , da habe ich doch schon gebetet , daß es vorbei sein möchte , und wenn es auch ganz und gar vorbei wäre . Schrecklich zu sagen , aber die Seligkeitsfrage beschäftigte mich in solchem Augenblicke gar nicht mehr . « Neben ihrem lutherischen Wesen war sie vor allem spezifisch märkisch und gehörte zu denen , an denen man alle guten und auch einige schwache Seiten des alten Märkertums wie an einem Musterbeispiel studieren konnte ; sie war , um es am Schlusse noch einmal zu sagen , tüchtig , verständig , zuverlässig , ja , mehr denn das , treu wie Gold , und ihre schlichten , immer aus der Lebenserfahrung heraus gesprochenen Sätze haben durch ein Menschenalter hin einen großen Einfluß auf mich geübt , auch solche Sätze , denen ich jede höhere und mehr noch jede schönere Berechtigung absprechen mußte . » Nie über seine Verhältnisse leben « , das war natürlich richtig . Und auch das war richtig : » Niemandem zur Last fallen , lieber entbehren und entsagen . « Aber in ihrem am eindringlichsten gepredigten Satze : » Nur von andern nichts annehmen « , konnte ich ihr nicht zustimmen . Freilich lag gerade die Weisheit dieses Satzes – wenn er nun mal bedingungsweise ( und das kann er ) für weise gelten soll – tief in ihrer Natur begründet , von Jugend an . Als sie zehn Jahre alt war , wollte ihr eine alte Tante durchaus einen Taler schenken ; sie nahm ihn , nach langer Gegenwehr , endlich auch an , aber kaum wieder im Zimmer allein , so warf sie ihn fort und rief weinend : » Ich will keinen Taler . « » Nur nichts annehmen « – noch einmal , ich stehe gegen diesen Satz . Aber das unter märkischen Erfahrungen und Anschauungen herangewachsene und alle Zeit über unter eben diesen Eindrücken verbliebene Fräulein wird lokaliter , so viel kann ich zugestehen , wohl auch in diesem Punkte recht gehabt haben . Es ist nicht christliche Weisheit , die sich darin ausspricht , aber brandenburgische . Das arme Land hat in zurückliegenden Jahrhunderten eine dieser Armut entsprechende Weisheit großgezogen . Tramnitz Tramnitz Beneath those rugged elms Where heaves the turf in many a mouldring heap , The rude forefathers of the hamlet sleep . Thomas Gray Eine halbe Meile nördlich von Trieplatz liegt Tramnitz , ebenfalls ein alt-Rohrsches Gut . Der Weg dahin hat denselben Einsamkeitscharakter wie die zu Beginn des vorigen Kapitels von mir geschilderte Landschaft . Die Dosseufer sind eben von einer ganz besonderen Tristheit , wenigstens soweit der obere Lauf des Flusses in Betracht kommt . All diese Strecken veranschaulichen in der Tat jenes märkische Landschaftsbild , das im allgemeinen weniger in der Wirklichkeit als in der Vorstellung der Mittel- und Süddeutschen existiert . Dorf Tramnitz wirkt wie ein Kind des Bodens , auf dem es gewachsen . Es weckt ein Herbstgefühl . Und auch die Stelle , wo das Herrenhaus gelegen ist , ändert nichts an diesem Eindruck . Vielleicht wär es anders , wenn nicht der weiße , ziemlich weitschichtige Bau , vor dem ein paar mächtige Linden aufragen , eine wahre Mausoleumseinsamkeit um sich her hätte . Hat sich doch , seit dem Tode des Vorbesitzers , aus dem jetzt leerstehenden Herrenhause das Leben in ein abseits gelegenes einfaches Fachwerkhaus zurückgezogen , an dessen Schwelle wir von einer freundlichen alten Dame begrüßt und an einen mit Meißner Tassen besetzten Kaffeetisch geführt werden . Die freundliche alte Dame ist » Tante Wilhelmine « . Sie verwaltet , neben anderem , auch den Anekdotenschatz des Hauses , und der Kaffee , von dem wir eben wohlgefällig nippen , wohin könnte er den Gang der Unterhaltung natürlicher hinüberleiten als zur Geschichte von » Tante Fiekchen « . Eben diese , die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auf Tramnitz lebte , war um 1733 , als Kronprinz Friedrich in Ruppin stand , eine hochbetagte Dame , die des Vorrechtes genoß , allen derb die Wahrheit sagen zu dürfen , am meisten den jungen Offizieren des Regiments Prinz Ferdinand , wenn diese zum Besuche herüberkamen . Einstmals kam auch der Kronprinz mit . Er ward inkognito eingeführt und da ihm » Tante Fiekchens « Kaffee , der wenig Aroma aber desto mehr Bodensatz hatte , nicht wohl schmecken wollte , so goß er ihn heimlich aus dem Fenster . Aber Tante Fiekchen wäre nicht sie selber gewesen , wenn sie es nicht auf der Stelle hätte merken sollen . Sie schalt denn auch heftig , und als sie schließlich hörte , wer eigentlich der Gescholtene sei , wurde sie nur noch empörter und rief : » Ah , so . Na , denn um so schlimmer . Wer Land und Leute regieren will , darf keinen Kaffee aus dem Fenster gießen . Sein Herr Vater wird wohl recht gehabt haben ! « Übrigens wurden sie später die besten Freunde , schrieben sich , und wenn der König irgendeinen alten Bekannten aus dem Ruppinschen sah , unterließ er nie , sich nach Tante Fiekchen zu erkundigen . Das Tramnitzer Haus umschließt manche alte Erzählung , manche anekdotische Überlieferung . Unter den Familienbildern , die dichtgedrängt an den Wänden hängen , ist eines , das aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt und der Tradition nach von Philipp Hackert herrührt . Es heißt : ausnahmsweise ( was auch zutreffen würde ) hab er hier ein Porträt gemalt . Das Bild stellt ein Fräulein von Rohr als junges , kaum erwachsenes Mädchen in dem Rokokokostüm jener Tage dar . Hackert soll sie geliebt haben . Wer will es heute noch feststellen ! Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt übrigens eine Verwechslung der beiden Brüder Philipp und und Wilhelm Hackert vor . Philipp , der weitaus berühmtere , war Landschafter , Wilhelm Porträtmaler . Woraus sich auch das Vorhandensein eines Hackertschen Porträts an diesem Ort , aber von dem unberühmteren Bruder herrührend , am einfachsten erklären würde . Der interessanteste Punkt , den Tramnitz aufzuweisen hat , ist der » alte Kirchhof « . Er liegt mitten im Dorfe , von der sich hier teilenden Straße rechts und links umfaßt , und macht außen und innen den Eindruck eines verwilderten Parks . Eichen , Linden , Akazien wachsen hoch auf , dazwischen Fliederbüsche , halb Strauchwerk , halb Unterholz , alles umschlungen und durchdrungen von Blumen und Unkraut , von Efeu und Hagebuttengestrüpp . Eine vollkommene Wildnis . Die Stelle , wo die alte Kirche stand , ist kaum noch wahrzunehmen , seitdem Moos und Farnkräuter über die Fundamente hinweggewachsen sind . Nur zwei Denkmäler , freilich auch sie halb versteckt , mahnen noch daran , daß hier einst begraben wurde . Das eine – ein Obelisk , der » dem theuren Andenken der besten Gattin und Tochter , Frau Margarethe v. Rohr , geb . Freiin zu Putlitz « errichtet wurde -trägt folgende Inschrift : Sie ließ der Welt vergänglich Glück , Ließ Schmerz und Elend hier zurück , Drang , ewig frei von aller Noth In ' s Freudenleben durch den Tod . Wann einst von uns , in Gott vereint , Der letzte auch hat ausgeweint , Dann wird ein frohes Wiedersehn Auf ewig unser Glück erhöhn . Das andere Denkmal , um zehn Jahre älter , stellt den bekannten trauernden Knaben dar , der sich an eine Aschenurne lehnt . » Kindliche Ehrfurcht widmet dies Andenken . « Einer Inschrift am Sockel entnehmen wir , wem und wann es errichtet wurde : Hans Albrecht Friedrich v. Rohr , K. Preußischer Oberst , geboren den 3. August 1703 , gestorben den 6. December 1784 . Dieser Hans Albrecht Friedrich von Rohr stand in Magdeburg , machte sämtliche Kampagnen unter Friedrich II. mit und nahm 1760 den Abschied . Während seiner Garnisontage zu Magdeburg , unmittelbar vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges , trat er – soweit die Verhältnisse dies gestatteten – in Beziehungen zum Freiherrn von der Trenck , der ihm eine in seiner Gefangenschaft selbstgefertigte Tabaksdose von Kokosnuß und Perlmutter zum Geschenk machte . Die Seitenwände zeigen Cupido mit Pfeil und Köcher , der nach einem Herzen schießt , dazu die Umschrift : Du hast mich nicht getroffen , Was hat mein Herz von Dir zu hoffen ? ( Etwas dunkel . ) Oben auf dem Deckel ein Adler , der mit der Klaue das Rohrsche Wappen hält . All dies hatte Trenck mit einem eisernen Nagel gearbeitet , da er kein Handwerkszeug besaß . – Die Dose existiert noch im Herrenhause zu Tramnitz . Der » alte Kirchhof « , umspielt von Kindern , überwachsen von Gesträuch , ist , wie schon angedeutet , das Poetischste , was Tramnitz aufzuweisen hat . Der neue Friedhof , draußen am Rande des Dorfes , reicht an diesen alten nicht heran , und auch die hart daneben gelegene » neue Kirche « kann poetisch nicht retten und helfen . Hat sie doch selber keinen Überschuß davon . Sie stammt aus der » armen Zeit « , will sagen aus den zwischen 1806 und 1815 liegenden Jahren ( auch die Jahre , die folgten , waren nicht viel besser ) , und gleicht einer Fachwerkscheune , der man ein halbes Dutzend Fenster gegeben hat . Vielleicht , daß ich gar nicht dazu gekommen wäre , sie zu sehn , wenn ich nicht in Erfahrung gebracht hätte , daß hier , hinterm Altar , eine Fahne aufbewahrt würde , die von irgendeinem Tramnitzer Rohr entweder den Schweden bei Fehrbellin oder den Österreichern bei Hohenfriedberg abgenommen worden sei . Und wirklich , da war sie , hinterm Altar , alles wie erzählt . Ich rollte denn auch das Fahnentuch auseinander , das mir , anderer verdächtiger Anzeichen zu geschweigen , sofort durch seinen gänzlichen Mangel an Spinnweb auffiel . Denn eine richtige alte Fahne ist immer so , daß man nicht recht weiß , wo das Seidenzeug aufhört und das Spinnweb anfängt . Und als das Fahnentuch nun ausgebreitet vor mir lag , sah ich , daß es einfach das Rohrsche Wappen war , was darin prangte . So schwand die historische Glorie hin , die bis dahin dieses Banner umgeben hatte . Sehr wahrscheinlich war es eine Fest- oder Einzugs- oder Wappenfahne , die bei irgendeinem Karussellreiten von irgendeinem jungen Rohr getragen worden war . Mir aber erwuchs daraus ein neuer Beweis für die hundertfältig beobachtete Tatsache , daß überall da , wo Dorfbevölkerungen einem Gegenstande begegnen , der Interesse weckt ohne verstanden zu werden , die » mythenbildende Kraft « sofort in Aktion tritt . Ob die Dinge dabei lang oder kurz zurückliegen , ist gleichgültig . Die Sage verfährt in allen Stücken souverän ; was sie aber am souveränsten behandelt , das ist die – Chronologie . Auf dem Plateau Ganzer Frau von Jürgaß Frau von Jürgaß , geb . von Zieten Zehn Jahre , nachdem das vorstehende Kapitel geschrieben und eine Charakterskizze der alten Frau von Jürgaß versucht wurde , ging mir durch Frau von Romberg , geb . Gräfin von Dönhoff ( † 1879 ) eine zweite , denselben Gegenstand behandelnde Schilderung zu , der ich nachstehendes entnehme . » Als ich im Jahre 1818 , eben verheiratet , nach dem Rombergschen Gute Brunn , in der Grafschaft Ruppin , zog , lernte ich Frau von Jürgaß , die Tochter des berühmten › alten Zieten ‹ , auf ihrem benachbarten Gute Ganzer kennen . Sie war schon hochbetagt , und ich kann also von dem , was zurücklag , wenig oder nichts berichten . Ich weiß weder das Jahr ihrer Geburt , noch wo und wie sie ihre Kindheit und Jugendjahre verbrachte , nicht einmal an welchem der Berliner Höfe sie als Hofdame fungierte , bevor sie sich ( nicht mehr in der ersten Jugendblüte ) mit ihrem fünf Jahre jüngeren Manne , dem damals sehr schönen und von ihr mit schwärmerischer Liebe geliebten Carl von Jürgaß vermählte , mit dem sie dann auf sein nicht großes , aber hübsches und einträgliches Landgut Ganzer zog . Oft erzählte sie mir später von der Verlegenheit , mit der sie sich – ein verwöhntes und jeder häuslichen Sorge völlig überhobenes Hoffräulein – plötzlich an der Spitze einer großen Landwirtschaft befunden habe , deren ganzer Betrieb ihr fremd gewesen sei . Schnell aber war ihr Entschluß gefaßt , sich unbefangen in die Lehre einer tüchtigen Haushälterin zu geben , um nun , gleichsam von der Pike an bis zur Hausfrau hinauf zu dienen . Keine Arbeit war ihr dabei so niedrig oder so schwer , daß sie sie nicht mit eigenen Händen angegriffen hätte , jedem Dienstboten lernte sie die Kunstgriffe seines besonderen Amtes ab , und gelangte so sehr bald dazu , sich sowohl den klaren Überblick über das Ganze wie die genaue Kenntnis aller Einzelheiten zu verschaffen . Ich denke , es war nach Jahresfrist , daß sie sich selbst das Zeugnis ausstellen konnte , Herrin der Situation geworden zu sein . Und nun folgte der zweite energische Schritt : die gesamte Dienerschaft , von der obersten bis zur letzten Stufe , wurde mit einem Schlage entlassen , und durch eine ganz neue und fremde Schicht ersetzt . Denn keiner im Hause sollte die Herrin als Schülerin gekannt haben , vielmehr sollte der alleinigen Autorität eben dieser durch Kenntnis des Voraufgegangenen kein Abbruch geschehen . Sofort ging es jetzt ans Befehlen und Selbstregieren , und kein Feldherr hat wohl je seinen Kommandostab sicherer geführt , als diese echte Soldatentochter . Bald war ihr Haushalt als der Musterhaushalt der Gegend bekannt , und alle jungen Frauen auf den Rittergütern erholten sich Rat bei ihrer unbestrittenen Autorität . Dabei war ihr Haus bald das gastlichste in der durch ihre Gastlichkeit berühmten Gegend , und hielt doch gleichzeitig den einfachen Charakter der Zeit sowohl in der Ausstattung der Zimmer als auch im Hinblick auf die zwar stets überreichliche , aber nie künstlich verfeinerte Bewirtung fest . Zu Tisch ward man per carte auf eine › freundschafeliche Suppe ‹ geladen , die sich dann freilich zu einer Masse von Gängen und Schüsseln erweiterte ; aber immer nur treffliche Hausmannskost . Ein einziger alter Diener ( Christoph ) war das Faktotum des Hauses , und gebrach es an bedienenden Händen , so griffen die Hausmädchen zu . Mit patriarchalischer Naivetät benachrichtigte die treffliche Frau ihre Nachbarn und Nachbarinnen von den bevorstehenden Wasch- und Schlachttagen , um in diesen ganz von ihr geleiteten › großen Aktionen ‹ durch keine Besuche gestört zu werden . Ja dem Wurstmachen räumte sie sogar ihre sehr einfach ausgestatteten Wohnstuben ein . Als ich die treffliche Frau kennenlernte ( die auch mir später eine mütterliche Ratgeberin wurde ) , muß sie schon hoch in den Siebzigern gewesen sein , aber sie zeigte sich noch in voller , rüstiger Lebenskraft , alle Jüngeren durch ihre Tätigkeit beschämend . Sie war immer die Erste , die im Hause erwachte , ging umher , um alle Dienstboten aus dem Schlafe zu wecken , und erst wenn das tägliche Uhrwerk im Gange war , legte sie sich noch einmal auf ein Stündchen zur Ruh . Sie war von kleiner , kräftiger , untersetzter Gestalt , dem › alten Zieten ‹ auf dem Wilhelmsplatze wie aus den Augen geschnitten . Der Ausdruck von Klugheit und Energie , der ihr eignete , war durch den einer großen Freundlichkeit und Herzensgüte gemildert , wie ich denn auch nie gehört habe , daß sie ihre Autorität im Hause durch Strenge oder gar Härte unterstützt hätte . Sie regierte vielmehr ausschließlich durch Ernst und Konsequenz , vor allem aber durch ihr Beispiel , und war von ihren Untergebenen , wie von allen Nachbarn und Freunden , ebenso geliebt als verehrt . Von ihrer Frömmigkeit , dem schönen Erbteil ihres gottseligen Vaters , machte sie keine Worte , und alle Liebeswerke wurden in der Stille geübt . Bei aller häuslichen Tätigkeit vernachlässigte sie nicht die Bildung ihres Geistes und ging stets mit der fortschreitenden Zeit , deren Erscheinungen sie mit dem lebendigsten Interesse verfolgte . Walter Scotts Romane zählten zu ihrer Lieblingsunterhaltung , und oft erinnerte sie mich selbst an einzelne poetische Gestalten darin , besonders wenn sie mit einem wahren Feuereifer von dem Besuche Friedrich Wilhelms III. und der reizenden Königin Luise in Ganzer erzählte , als wäre es ein Vorgang von gestern gewesen . Eine lila Flachsstaude im Garten , die die Königin Luise für ihre Lieblingsblume erklärt hatte , wurde , fast ein halbes Jahrhundert hindurch und von einem eisernen Korbgeflecht umfangen , sorgsam gepflegt und jedem Besucher gezeigt . Ihre Unterhaltung war belebt und belehrend , und oft vom originellsten Humor gewürzt , wie sie denn durch und durch ein naturwüchsiges Original war . Wenn man sich ihrer Kräfte bei allen Anstrengungen verwunderte , versicherte sie , das rühre von einem starken Beisatz von Schwefel in ihrem Blute her , und rieb sich , zum Beweise , die Hände , wobei ich indes von dem verheißenen Schwefelgeruch niemals etwas wahrgenommen habe . Die Frische und Jugendlichkeit aber , die sie sich bis ins hohe Alter bewahrte , gipfelte besonders in ihrer fast anbetenden Liebe zu ihrem Manne , der dieselbe mit großer Treue und etwas kühler Verehrung erwiderte . Bei Tische horchte sie nur auf seine Stimme , und wenn irgendein scherzhaftes Wort seines Mundes zu ihr herüberklang , so rief sie , wie in unwillkürlichem Entzücken und mit strahlender Miene : › Himmlischer Jürgaß ! ‹ › Göttlicher Karl ! ‹ Nie werde ich den Zustand vergessen , in dem wir die Achtzigjährige fanden , als sie die Nachricht erhalten hatte , daß ihr Karl , während eines Besuches bei seinem Bruder in Berlin , heftig erkrankt sei , und sie nicht zu ihm dürfe ! Mit Tränen überströmt , an allen Gliedern zitternd , ganz aus ihrer gewohnten festen und kräftigen Haltung hinausgeworfen , stand die alte Frau da , wie das Bild der Leidenschaft jugendlichster Liebe . Einst gestand sie mir , daß sie , an jedem Jahrestag ihrer Vermählung , in aller Stille immer ihr Hochzeitskleid unter ihrem einfachen Hausrock anlege , und daß ihre große Halskrause dann den Schmuck und die Perlenschnur des Hochzeitsstaates vor aller Augen berge . Sogar der Beisatz der Eifersucht fehlte dieser leidenschaftlichen Liebe nicht ; doch richtete sie sich auf den unschuldigsten Gegenstand , auf den von sieben andern einzig übriggebliebenen Bruder ihres Mannes ,