jenem Abend heimkamst , Johanna : obgleich Du wahrscheinlich nicht wußtest , daß ich an Dich dachte oder auf Deine Rückkehr wartete . Am nächsten Tage beobachtete ich Dich - selbst ungesehen - eine halbe Stunde lang , während Du mit Adelen in der Gallerie spieltest . Es war ein Schneegestöber , wie ich mich erinnere , und Du konntest nicht aus dem Hause gehen . Ich war in meinem Zimmer ; die Thür war nur angelehnt : ich konnte horchen und beobachten . Adele nahm Deine äußere Aufmerksamkeit auf eine Weile in Anspruch ; doch ich bildete mir ein , daß Deine Gedanken anderswo waren : aber Du warst sehr geduldig mit ihr , meine kleine Johanna , Du sprachst mit ihr und unterhieltest sie eine lange Zeit . Als sie Dich ehrlich verließ , versankest Du in eine tiefe Träumerei und begannst langsam in der Gallerie auf- und abzugehen . Von Zeit zu Zeit , wenn Du an einem Fenster vorüberkamst , blicktest Du hinaus nach dem dichtfallenden Schnee ; Du horchtest auf den seufzenden Wind und gingst dann leise weiter und träumtest . Ich denke , diese Visionen bei Tage waren nicht düster : es war zuweilen ein freudiges Aufleuchten in Deinem Auge zu bemerken , eine sanfte Aufregung in Deinem ganzen Wesen , die kein bitteres , gallichtes , hypochondrisches Brüten verrieth : Dein Blick zeigte vielmehr das süße Sinnen der Jugend , wenn der Geist auf willigen Schwingen dem Fluge der Hoffnung auf zu einem idealen Himmel folgt . Die Stimme der Mistreß Fairfax , die in der Vorhalle mit einer Dienerin sprach , erweckte Dich : und wie eigenthümlich lächeltest Du für Dich und über Dich selbst , Johanna ! Es war viel Sinn in Deinem Lächeln : es war sehr schlau und schien über Deine eigene Zerstreutheit zu spötteln . Es schien zu sagen “ ” Meine schönen Traumbilder sind alle sehr gut , aber ich darf nicht vergessen , daß sie durchaus unwesentlich sind . Ich habe einen rosigen Himmel und ein grünes , blumenreiches Eden in meinem Gehirn ; aber draußen , das sehe ich wohl , liegt eine rauhe Fläche , über die ich wandern , und um mich her sammeln sich schwarze Gewitterwolken , denen ich begegnen muß . ” ” Du eiltest die Treppe hinunter und fordertest eine Beschäftigung von Mistreß Fairfax : die wöchentliche Haushaltungsrechnung zu besorgen oder etwas dergleichen , meine ich . Ich war ärgerlich über Dich , daß Du mir aus dem Gesichte kamst . Ungeduldig erwartete ich den Abend , wo ich Dich zu mir rufen konnte . Ich vermuthete , daß Dein Charakter ein ungewöhnlicher , für mich völlig neuer sei : ich wünschte ihn näher zu prüfen und besser kennen zu lernen . Du tratest mit zugleich scheuem und unabhängigem Blick und Miene ins Zimmer : Du warst zierlich gekleidet : — fast so wie jetzt . Ich brachte Dich zum Reden : bald fand ich Dich voll seltsamer Widersprüche . Deine Kleidung und Dein Benehmen waren einer gewissen Regel unterworfen ; Deine Miene war oft mißtrauisch und durchaus die eines Wesens von höherer Natur , aber nicht an die Gesellschaft gewöhnt , und sehr furchtsam , sich auf unvortheilhafte Weise durch einen Sprachfehler oder irgend ein anderes Versehen bemerkbar zu machen ; doch als Du angeredet wurdest , erhobst Du ein lebhaftes , kühnes und glühendes Auge zu dem Gesichte des Anderen : es lag Scharfsinn und Kraft in jedem Deiner Blicke , wenn man genaue und bestimmte Fragen an Dich richtete , fandest Du sogleich passende Antworten . Sehr bald schienst Du Dich an mich zu gewöhnen — ich glaube , Du fühltest das Vorhandensein der Sympathie zwischen Dir und Deinem trotzigen und gebieterischen Herrn , Johanna ; denn es war erstaunenswerth zu sehen , wie schnell eine gewisse angenehme Ruhe in Deinem Wesen sich zeigte : ich mochte brummen , wie ich wollte , Du zeigtest keine Ueberraschung , Furcht , Aerger oder Mißfallen über mein mürrisches Wesen ; Du beobachtetest mich , Du lächeltest zuweilen über mich mit einer einfachen und doch verständigen Anmuth , die ich nicht beschreiben kann . Ich war zugleich zufrieden mit dem , was ich sah , und wurde davon angereizt : mir gefiel , was ich gesehen , und ich wünschte mehr zu sehen . Doch lange Zeit behandelte ich Dich fremd und suchte nur selten Deine Gesellschaft . Ich war ein verständiger Epikuräer und wünschte den Genuß dieser neuen und reizenden Bekanntschaft zu verlängern : überdies wurde ich von einer Furcht beunruhigt , daß die Blüthe verwelken möchte , wenn ich die Blume zu frei berührte — daß der süße Reiz der Frische sie verlassen könnte . Ich wußte damals nicht , daß es keine vorübergehende Blüthe sei , sondern vielmehr das strahlende Bild eines Gegenstandes in einen unzerstörbaren Edelstein geschnitten . Ueberdies wünschte ich zu sehen , ob Du mich aufsuchen würdest , wenn ich Dich vermiede — aber Du thatest es nicht ; Du hieltest Dich in Deinem Schulzimmer so ruhig wie Dein Schreibpult und Deine Staffelei : wenn ich Dir zufällig begegnete , gingst Du so schnell an mir vorüber und mit so geringen Zeichen des Erkennens , als sich nur immer mit dem Respect vertrug . Dein gewöhnlicher Ausdruck in jenen Tagen , Johanna , war ein gedankenvoller Blick ; nicht trostlos , denn Du warst nicht kränkelnd ; aber auch nicht freudevoll , denn Du hattest wenig Hoffnung und kein wirkliches Vergnügen . Ich war begierig zu wissen , was Du von mir dächtest — oder ob Du überhaupt je an mich dächtest : um dies zu entdecken , beschäftigte ich mich wieder mehr mit Dir . Es lag etwas Frohes in Deinem Blicke , etwas Geniales in Deinem Wesen , wenn Du Dich unterhieltest : ich sah , Du hattest ein geselliges Herz , die stille Schulstube — die Langeweile Deines Lebens stimmte Dich traurig . Ich gestattete mir die Wonne , freundlich gegen Dich zu sein ; Freundlichkeit brachte bald eine Bewegung hervor ; Dein Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an , Deine Töne wurden milde ; ich hörte meinen Namen gern von Deinen Lippen mit dankbarem , frohem Ausdruck ausgesprochen . Ich pflegte zu jener Zeit ein zufälliges Zusammentreffen mit Dir zu veranstalten : es lag ein seltsames Zaudern in Deinem Wesen ; Du sahest mich mit leichter Unruhe , — mit unbewußtem Zweifel an : Du wußtest nicht , welcher Art meine Laune sein möchte — ob ich den Herrn spielen und strenge sein , oder den Freund spielen und wohlwollend sein wollte . Ich war jetzt zu sehr für Dich eingenommen , um oft meiner ersten Grille nachzugeben ; und wenn ich vertraulich meine Hand ausstreckte , verbreitete sich ein so rosenfarbiges Licht , eine so beglückte Wonne über Deine jungen geistreichen Züge , daß ich oft sehr an mich halten mußte , um Dich dann nicht an mein Herz zu drücken . ” " Reden Sie nicht mehr von jenen Tagen , mein Herr , " fiel ich ein , indem ich verstohlen einige Thränen aus meinen Augen entfernte : diese Sprache war eine Folterqual für mich ; denn ich wußte , was ich thun mußte — und zwar bald - und alle diese Erinnerungen und diese Offenbarungen seiner Gefühle machten mein Vorhaben nur um so schwieriger . " Nein , Johanna , " entgegnete er , “ wozu ist es nöthig , bei der Vergangenheit zu verweilen , wenn die Gegenwart um so viel sicherer - die Zukunft um so glänzender ist ? ” Ich empfand einen Schauder bei dieser bethörten Behauptung . " Du siehst jetzt , wie die Sache steht - nicht wahr ? ” fuhr er fort . " Nach einer Jugend und einem Mannesalter , halb in unaussprechlichem Elend und halb in trostloser Einsamkeit zugebracht , habe ich zuerst gefunden , was ich wahrhaft lieben kann — ich habe Dich gefunden . Du bist meine Sympathie — mein besseres Ich — mein guter Engel — ich bin vermöge einer starken Neigung an Dich gebunden . Ich halte Dich für gut , für begabt , für liebenswürdig : eine glühende , feierliche Leidenschaft hat sich in meinem Herzen erzeugt ; sie neigt sich zu Dir , zieht Dich in mein Centrum , in die Quelle des Lebens , hüllt mein Dasein um Dich — zündet eine reine mächtige Flamme an und gießt Dich und mich zusammen in Eins . - Weil ich dies fühlte und wußte , war ich entschlossen , Dich zu heirathen . Mir zu sagen , daß ich schon ein Weib habe , ist leerer Spott : Du weißt jetzt , daß ich nur einen scheußlichen Teufel hatte . Es war unrecht von mir , Dich täuschen zu wollen ; aber ich fürchtete eine Widersetzlichkeit in Deinem Charakter . Ich fürchtete früh eingepflanzte Vorurtheile : ich wollte Dich sicher haben , ehe ich vertraute Mittheilungen wagte . Dies war feig : ich hätte mich gleich anfangs an den Adel Deiner großen Seele wenden sollen , wie ich jetzt thue - Dir offen mein Leben der Qual darlegen — Dir meinen Hunger und Durst nach einem höheren und würdigeren Dasein schildern — Dir zeigen sollen , nicht meinen Entschluß , das Wort ist zu schwach , sondern meinen unwiderstehlichen Trieb , treu und wahr lieben , wo ich treu und wahr wieder geliebt werde . Dann hätte ich Dich bitten sollen , das Wort meiner Treue anzunehmen und mir das Deine zurückzugeben : Johanna — gib mir es jetzt . ” Es trat eine Pause ein . " Warum schweigst Du , Johanna ? " Ich stand einen heftigen Kampf aus : eine Hand , wie glühendes Eisen , griff in mein innerstes Leben , und , schrecklicher Augenblick ! Alles war dunkel um mich her und ein wüthender Kampf ging in mir vor ! Kein menschliches Wesen , welches je lebte , könnte wünschen , inniger geliebt zu werden , als ich geliebt wurde ; und den , der mich so liebte , betete ich im eigentlichsten Sinne des Wortes an : und ich mußte dieser Liebe und diesem Idol entsagen . Ein schreckliches Wort sprach meine unerträgliche Pflicht aus : “ Scheide ! ” " Johanna , Du mußt verstehen , was ich von Dir verlange ? Nur dieses Versprechen : “ ” Ich will die Ihre sein , Herr Rochester . ” ” " Herr Rochester , ich will nicht die Ihre sein . " Wieder ein langes Schweigen . " Johanna ! " fuhr er mit einer Milde fort , die mich eiskalt vor unheimlichem Schrecken machte - denn diese leise Stimme war das tiefe Athmen eines Löwen , der sich erbeben wollte — “ Johanna , Du meinst Du willst einen Weg in der Welt gehen und ich soll den andern gehen ? ” " Ich meine es . " " Johanna , " fuhr er fort , sich zu mir neigend und mich umarmend , " meinst Du es noch jetzt ? ” " Ich meine es . ” " Und jetzt ? ” sagte er , meine Stirn und Wange küssend . " Ich meine es , ” rief ich , mich rasch aus seiner Umarmung losmachend . “ O , Johanna , dies ist bitter ! Dies - dies ist böse . Es würde nicht unrecht sein , mich zu lieben . " " Es würde unrecht sein , Ihnen zu gehorchen . ” Ein wilder Blick erhob seine Augenbrauen — fuhr über seine Züge hin : er stand auf , hielt aber noch an sich . Ich legte meine Hand auf die Stuhllehne , um mich zu stützen : ich bebte - ich fürchtete — aber ich war entschlossen . " Noch einen Augenblick , Johanna . Wirf noch einen Blick auf mein schreckliches Leben , wenn Du fort bist . Mit Dir wird Alles Glück von mir gerissen . Was ist mir dann noch übrig ? Als Weib habe ich nur eine Wahnsinnige dort oben : ebenso gut könntest Du mich an eine Leiche auf jenem Kirchhofe verweisen . Was soll ich thun , Johanna ? Wohin soll ich mich wenden , eine Gefährtin und einige Hoffnung finden ? ” “ Thun Sie , wie ich . Vertrauen Sie auf Gott und sich selbst . Glauben Sie an den Himmel . Hoffen Sie auf Wiedersehen . ” “ So willst du nicht nachgeben ? ” “ Nein . ” “ So verurteilst Du mich , elend zu leben und verflucht zu sterben ? ” Seine Stimme erhob sich . “ Ich rathe Ihnen , sündenlos zu leben und wünsche Ihnen , ruhig zu sterben . “ So entreißest Du mir Liebe und Unschuld ? Du schlenderst mich zurück in das wüste Leben und ich muß in der Ausschweifung Leidenschaft - im Laster Beschäftigung suchen ? ” “ Herr Rochester , ich weise Ihnen dieses Schicksal nicht mehr an , als ich es selbst ergreifen werde . Wir wurden geboren zu kämpfen und zu dulden - Sie sowohl als ich : thun Sie es also . Sie werden mich vergessen , ehe ich Sie vergesse . " " Du machst mich zu einem Lügner durch solche Sprache : Du verletzest meine Ehre . Ich erklärte Dir , ich könne mich nicht ändern , und Du sagst mir in ' s Gesicht , ich werde mich bald ändern . Und welche Verdrehung in Deinem Urtheile , welche Verkehrtheit in Deinen Ideen beweist sich in Deinem Benehmen ! Ist es besser , ein Mitgeschöpf zur Verzweiflung zu treiben , als ein blos menschliches Gesetz zu übertreten , da kein menschliches Wesen durch den Bruch beeinträchtigt wird ? denn Du hast weder Verwandte noch Bekannte , die Du zu beleidigen fürchten darfst , wenn Du mit mir lebst . " Dies war die Wahrheit , und während er sprach , wurden Gewissen und Vernunft zu Verräthern an mir und zeigten mir den Widerstand gegen ihn als ein Verbrechen . Sie sprachen fast so laut wie das Gefühl , und dieses rief laut in mir . " O ! willige ein , " sagte es : “ bedenke sein Elend ; bedenke seine Gefahr - betrachte seinen Zustand , wenn er allein gelassen ist : bedenke seine stürmische Natur : bedenke seine Heftigkeit , die sich der Verzweiflung hingibt — beruhige ihn , rette ihn , liebe ihn : sage ihm , daß Du ihn liebst und die Seine sein willst . Wer in der Welt kümmert sich denn ums Dich ? aber wer wird beleidigt werden durch das , was Du thust ? ” Aber immer gab ich die unbeugsame Antwort : “ Ich sorge für mich selbst . Je einsamer , je freundloser , je verlassener ich bin , desto mehr will ich mich selbst achten . Ich will das von Gott gegebene und von den Menschen geheiligte Gesetz halten . Ich will bei den Grundsätzen bleiben . die ich als wahr anerkannt , als ich bei gesundem Verstande und nicht wahnsinnig war . wie jetzt . Gesetze und Grundsätze sind nicht für die Zeiten . wo keine Versuchung stattfindet : sie sind für solche Augenblicke wie dieser , wo Leid und Seele sich gegen ihre Strenge empören : bindend sind sie — unverletzlich sollen sie bleiben . Wenn ich sie nach eigener Bequemlichkeit brechen könnte , was würde ihr Werth sein ? Sie haben einen Werth — das habe ich stets geglaubt : und wenn ich es jetzt nicht glauben kann , so ist es , weil ich unsinnig bin - völlig unsinnig , da meine Adern mit Feuer angefüllt sind und mein Herz so schnell schlägt , daß ich die Schläge nicht zählen kann . Vorgefaßte Ansichten , frühere Entschlüsse sind Alles , was ich in dieser Stunde als Beistand habe : darauf fuße ich . ” Ich that es . Rochester las in meinem Gesichte und sah meinen Entschluß . Seine Wuth steigerte sich aufs Höchste : er mußte ihr auf einen Augenblick nachgeben , war auch daraus folgen mochte : er trat zu mir , ergriff meine Hand und umfaßte meine Taille . Er schien mich mit seinem flammenden Blicke zu verschlingen : physisch fühlte ich mich in dem Augenblicke so machtlos wie Stoppeln , die der Gluth eines Schmelzofens ausgesetzt sind — geistig besaß ich noch meine Seele und mit ihr die Gewißheit der endlichen Rettung . Zum Glück hat die Seele einen Dollmetscher - oft einen unbewußten , aber immer einen getreuen Dollmetscher — im Auge . Mein Auge erhob sich zu dem seinen , und während ich in sein leidenschaftliches Gesicht blickte , stieß ich einen unwillkürlichen Seufzer aus : sein Druck war schmerzlich und meine zu sehr angestrengte Kraft fast erschöpft . “ Nie , " sagte er , indem er mit den Zähnen knirschte , “ nie gab es etwas zugleich so Schwaches und Unbezähmbares . Sie fühlt , daß sie ein Rohr ist in meiner Hand ! ” Und er schüttelte mich gewaltsam . “ Ich könnte sie mit meinen Fingern biegen : und wozu würde es gut sind , wenn ich das Rohr böge , ausrisse und vernichtete ? Man sehe nur dieses Auge : betrachte dieses entschlossene , wilde , freie Wesen , welches daraus hervorblickt und mir Trotz bietet mit mehr als Muth — mit entschlossenem Triumphe . Was ich auch mit seinem Käfig anfange , ich kann mich doch nicht des wilden und schönen Geschöpfes bemächtigen ! Wenn ich das zierliche Gefängniß zerreiße und zerspalte , so wird meine Gewaltthat nur den Gefangenen freilassen . Das Haus könnte ich erobern ; aber der Bewohner würde zum Himmel entfliehen , ehe ich mich den Besitzer seines irdischen Wohnplatzes nennen könnte . Und Dich will ich , Geist - mit Willen und Kraft , Tugend und Reinheit- nicht allein Deine zerbrechliche Gestalt . Freiwillig könntest Du kommen in sanftem Fluge und Dich an meinem Herzen einnisteln , wenn Du wolltet : wider Deinen Willen ergriffen wirst Du der Hand ausweichen , wie eine geistige Essenz - Du wirst verschwinden , ehe ich Deinen Duft einhauche . O ! komm , Johanna , komm ! ” Als er dies sagte , ließ er mich aus seinen Händen los und sah mich nur an . Dem Blicke war weit schwerer zu widerstehen , als dem verzweifelten Drucke ; doch nur eine Wahnsinnige hätte jetzt unterlegen . Ich hatte seiner Wuth getrotzt und sie zurückgeschlagen ; ich mußte auch seinem Kummer ausweichen und zog mich zur Thür zurück . " Du gehst , Johanna ? ” " Ich gehe , mein Herr . ” " Du verlässest mich ? " “ Ja . ” " Du willst nicht kommen ? - Du willst nicht meine Trösterin , meine Retterin sein ? Meine innige Liebe , mein wildes Weh , meine wahnsinnige Bitte , ist Dir denn Alles Nichts ? ” — Welcher unaussprechliche Pathos lag in seiner Stimme ! Wie schwer war es , mit Festigkeit zu wiederholen : “ Ich gehe . " " Johanna ! " " Herr Rochester . " " Entferne Dich denn — ich willige ein — aber bedenke , daß Du mich hier der Qual überlässest . Geh auf Dein Zimmer und überdenke Alles , was ich gesagt , und , Johanna , wirf einen Blick auf mein Leiden denke an mich . ” Er wendete sich ab und warf sich mit dem Gesichte auf das Sopha . " O Johanna ! meine Hoffnung - meine Liebe-- mein Leben ! ” entfuhr qualvoll seinen Lippen . Dann kam ein tiefes heftiges Schluchzen . Ich hatte bereits die Thür erreicht : aber , Leser , ich kehrte zurück — kehrte eben so entschlossen zurück , als ich mich entfernt hatte . Ich kniete neben ihm nieder ; ich wendete sein Gesicht von dem Kissen zu mir ; ich küßte seine Wange ; ich glättete sein Haar mit meiner Hand . " Gott segne Sie , mein lieber Herr , " sagte ich . “ Gott schütze Sie vor Leid und Unrecht - lenke und tröste Sie — belohne Sie reichlich für ihre frühere Güte gegen mich . ” " Der kleinen Johanna Liebe wäre meine beste Belohnung gewesen , " antwortete er , " ohne sie ist mein Herz gebrochen . Aber Johanna will mir ihre Liebe schenken , ja — edel und großmüthig . " Das Blut stieg in sein Gesicht ; Feuer flammte aus seinen Augen ; er sprang auf : er breitete seine Arme aus ; aber ich entschlüpfte der Umarmung und eilte sogleich aus dem Zimmer . " Lebe wohl ! " war der Schrei meines Herzens als ich ihn verließ . Die Verzweiflung fügte hinzu : " Lebe wohl auf ewig ! ” In jener Nacht dachte ich nicht schlafen zu können ; aber der Schlummer bemächtigte sich meiner , sobald ich mich zu Bette legte . Ich sah mich in Gedanken unter die Scenen meiner Kindheit versetzt : ich träumte , ich läge in dem roten Zimmer in Gateshead ; die Nacht war dunkel und mein Geist von seltsamer Furcht befangen . Das Licht , welches mich vor langer Zeit in eine Ohnmacht versetzt hatte , kam mir im Traume vor , schien langsam an der Wand aufzusteigen und bebend im Mittelpuncte der verdunkelten Decke zu verweilen . Ich erhob den Kopf , um zu sehen : die Decke glich hohen und düsteren Wolken , der Schimmer glich dem , den der Mond den Dünsten mittheilt , die er zu zertheilen im Begriff ist . Ich wartete , daß er hervorkommen sollte — wartete mit mächtiger Ahnung , als müßte ein Urtheilswort auf seiner Scheibe geschrieben stehen . Er brach hervor , wie noch nie der Mond aus den Wolken hervorgebrochen : zuerst streckte sich eine Hand aus den schwarzen Falten hervor und winkte den Wolken sich zu entfernen , dann erschien nicht der Mond , sondern eine weiße menschliche Gestalt in dem Azurblau und neigte die Strahlenstirne erdwärts . Sie blickte und blickte mich an . Sie sprach zu meinem Geiste : und unermeßlich fern war der Ton , und doch flüsterte er so nahe in mein Herz : " Meine Tochter , fliehe die Versuchung ! “ Mutter , ich will es . ” So antwortete ich , als ich aus der Verzückung des Traumes erwacht war . Es war noch Nacht , aber die Julinächte sind kurz : bald nach Mitternacht kommt schon die Dämmerung . “ Es kann nicht zu früh sein , die Aufgabe zu beginnen , die ich zu vollführen habe , " dachte ich . Ich stand auf : ich war angekleidet , denn ich hatte nur meine Schuhe ausgezogen . Ich wußte , wo ich in meinem Schranke einige Wäsche , eine Haarlocke und einen Ring finden werde . Als ich diese Gegenstände suchte , kam mir das Perlenhalsband in die Hände , welches ich vor wenigen Tagen von Rochester hatte annehmen müssen . Ich ließ es zurück ; es war nicht mein : es gehörte der Braut meiner Träume , die in Luft zerflossen war . Die andern Gegenstände packte ich zu einem : Bündel zusammen : meine Börse , die mein ganzes Vermögen enthielt , welches in zwanzig Schillingen bestand , steckte ich in die Tasche , setzte meinen Strohhut auf , steckte meln Tuch fest , nahm das Packet und meine Schuhe , die ich noch nicht anziehen wollte , und schlich mich aus meinem Zimmer . " Leben Sie wohl , gute Mistreß Fairfax ! ” flüsterte ich , als ich an ihrer Thür vorüberschlüpfte . “ Lebe wohl , Adele , mein Liebling ! ” sagte ich , als ich die Thür der Kinderstube anblickte . Es war nicht daran zu denken , hineinzugehen und sie zu umarmen Es galt , ein feines Ohr zu täuschen und vielleicht mochte es jetzt horchen . Ich würde , ohne zu verweilen , an Herrn Rochester ’ s Zimmer vorübergegangen sein ; aber da mein Herz an der Schwelle auf einen Augenblick zu schlagen aufhörte , sah sich mein Fuß genöthigt , auch anzuhalten . Kein Schlummer war dort : der Bewohner ging ruhelos von einer Wand zur andern ; und wiederholt seufzte er , während ich horchte . Wenn ich wollte , war in diesem Zimmer ein Himmel — ein zeitlicher Himmel für mich : ich durfte nur hineingehen und sagen : " Herr Rochester , ich will Sie lieben und bis in den Tod mit Ihnen leben , " und meine Lippen wurden zu einer Quelle des Entzückens . Der Gedanke kam mir in den Sinn . Dieser gütige Herr , der jetzt nicht schlafen konnte , wartete mit Ungeduld auf den Anbruch des Tages . Am Morgen mußte er nach mir schicken : und dann war ich fort . Ich sah ihn , wie er mich vergebens suchte , wie er sich verlassen fühlte und seine Liebe zurückgewiesen sah - wie er litt , vielleicht zur Verzweiflung getrieben wurde . Auch dies fiel mir ein . Meine Hand erhob sich zu dem Schlosse : ich zog sie zurück und schlich weiter . Gedankenlos ging ich die Treppe hinunter : ich wußte , was ich zu thun hatte , und that es mechanisch . Ich fand den Schlüssel zu der Hinterthür in der Küche , ich suchte auch ein Fläschchen mit Oel und eine Feder und bestrich Schlüssel und Schloß damit . Ich genoß etwas Wasser und Brod , denn vielleicht hatte ich weit zu gehen und meine Kraft , die in der letzten Zeit sehr erschüttert war , durfte nicht schwinden . Dies Alles that ich , ohne Geräusch zu machen . Ich öffnete die Thür , ging hinaus und machte sie leise wieder zu . Die graue Dämmerung schimmerte auf dem Hofe . Das große Thor war verschlossen ; aber das Nebenpförtchen war nur eingeklinkt . Durch dieses ging ich ; auch dieses wurde wieder zugemacht , und nun war ich außerhalb Thornfield . Eine Meile entfernt , jenseits der Felder , befand sich ein Weg , der nach der entgegengesetzten Richtung von Millcote führte ; auf diesem Wege war ich nie gegangen , hatte ihn aber oft bemerkt und gedacht , wohin er wohl führen möge ; dorthin richtete ich meine Schritte . Kein Nachdenken war jetzt erlaubt : kein Blick durfte zurück noch vorwärts geworfen werden . Kein Gedanke durfte der Vergangenheit oder der Zukunft geweiht werden . Die erstere war ein Blau , so himmlisch lieblich - so tödtlich traurig — daß mein Muth dahingeschwunden und meine Kraft gebrochen wäre , hätte ich nur eine Zeile davon lesen wollen . Die letztere war eine schauerliche Einöde gleich der Welt nach der Sündfluth . Ich ging um Felder , durch Hecken und Gänge , bis nach Sonnenaufgang . Ich glaube , es war ein lieblicher Sommermorgen : meine Schuhe , die ich angezogen , als ich das Haus verlassen , waren bald vom Thau naß . Doch ich sah weder nach der aufgehenden Sonne , nach dem lächelnden Himmel , noch nach der wiedererwachenden Natur . Wer herausgeführt wird , um durch eine schöne Scene zur Schaffot zu gehen , denkt nicht an die Blumen , die lächelnd an seinem Wege stehen , sondern nur an den Block und das Beil ; an die Trennung von Knochen und Adern , an das klaffende Grab am Ende : und ich dachte an traurige Flucht und heimathlose Wanderung - o ! mit Seelenqual dachte ich an das , was ich verließ ! ich konnte es nicht vermeiden . Ich dachte an ihn jetzt - in seinem Zimmer — wie er den Sonnenaufgang beobachtete , — wie er hoffte , ich würde bald kommen und sagen , ich wolle bei ihm bleiben und die Seine sein . Es verlangte mich , die Seine zu sein ; ich sehnte mich nach der Rückkehr ; es war nicht zu spät : ich konnte ihm noch den bittern Schmerz der Beraubung ersparen . Noch hielt ich mich überzeugt , daß meine Flucht unentdeckt sei . Ich konnte zurückkehren und seine Trösterin werden — sein Stolz — seine Retterin vom Elende — vielleicht vom Untergange . O ! diese Furcht der seiner in Verlassenheit - weit schlimmer als meine eigene Verlassenheit — wie quälte sie mich jetzt ! Sie war wie ein Pfeil in meiner Brust , der mich noch stärker verwundete , wenn ich ihn herauszuziehen versuchte , und der mich krank machte , , wenn die Erinnerung ihn weiter eindrückte . Die Vögel begannen zu singen in Busch und Wald ; die Vögel waren ihren Genossen treu ; die Vögel waren Sinnbilder der Liebe . Und was war ich ? Mitten in meiner Herzensqual und der wahnsinnigen Anstrengung meiner Grundsätze verabscheute ich mich und die Selbstbilligung gewährte mir keinen Trost : auch die Selbstachtung nicht . Ich hatte meinen Herrn beleidigt - verwundet - verlassen . Ich war mir verhaßt in meinen eigenen Augen . Dennoch konnte ich nicht umkehren und keinen Schritt zurückthun . Gott muß mich weiter geführt haben . Leidenschaftlicher Kummer hatte meinen Willen mit Füßen getreten und die Stimme des Gewissens erstickt . Ich weinte heftig , als ich auf meinem einsamen Wege weiterging : doch rasch , rasch ging ich weiter , wie im Fieberwahne . Eine Schwäche , die innerlich begann und sich auf meine Glieder erstreckte , bemächtigte sich meiner und ich fiel hin : ich lag einige Minuten am Boden und drückt mein Gesicht auf den nassen Rasen . Ich hatte einige Furcht - oder Hoffnung - daß ich hier sterben würde , doch ich war bald wieder auf , kroch auf Händen und Füßen weiter , stellte mich dann wieder auf die Füße und war eben so begierig wie entschlossen , die Straße zu erreichen . Als ich dort ankam , war ich genöthigt , mich