Sehr wohl , Sir . « » Jane , bist du bereit ? « Ich erhob mich . Wir hatten keine Brautführer , keine Brautjungfern ; keine Angehörigen , die uns begleiteten oder uns erwarteten . Niemand , niemand außer Mr. Rochester und mir . Mrs. Fairfax stand in der Halle , als wir diese durchschritten . Ich hätte so gern mit ihr gesprochen , aber er hielt meine Hand mit eisernem Griffe fest . Er zog mich mit sich und schritt so schnell vorwärts , daß ich kaum folgen konnte ; und als ich Mr. Rochester ins Antlitz blickte , da empfand ich deutlich , daß er mir um keinen Preis der Welt und unter keiner Bedingung auch nur eine Minute des Aufschubs gewähren würde . Ich möchte wissen , ob je ein Bräutigam seit Anbeginn der Welt so ausgesehen hat , wie er – so grimmig entschlossen , so energisch entschlossen zu handeln . Oder ob jemals die Augen eines Mannes auf seinem Wege zur Trauung unter hartnäckig gerunzelten Brauen so gefunkelt und geblitzt haben ! Ich weiß nicht , ob es ein schöner , klarer oder ein stürmisch regnerischer Tag war ; als ich den großen Fahrweg hinunterschritt , blickte ich weder zum Himmel empor noch zur Erde hinab ; meine Augen waren bei meinem Herzen , und beide weilten jetzt bei Mr. Rochester . Ich wollte jenes unsichtbare Etwas sehen , auf das er während unseres Weges seinen wilden ungestümen Blick zu heften schien . Ich wollte jene Gedanken kennen , nachempfinden , mit denen er rang und kämpfte . An der Kirchhofspforte hielt er inne ; jetzt erst entdeckte er , daß ich vollständig außer Atem war . » Bin ich grausam in meiner Liebe ? « fragte er . » Warten wir einen Augenblick . Stütze dich auf mich , Jane . « Und jetzt sehe ich wieder das Bild jenes grauen , alten Gotteshauses vor mir , wie es still und mächtig emporragte in den rosigen Morgenhimmel . Ein Raubvogel umkreiste den Kirchturm . Ich hege auch noch eine Erinnerung an die grünen Grabhügel ; und ich habe ebensowenig jene beiden fremden Gestalten vergessen , welche zwischen den niedrigen Gräbern umhergingen und die Inschriften lasen , welche auf den wenigen moosbewachsenen Denksteinen zu entziffern waren . Ich bemerkte sie , weil sie augenblicklich hinter die Kirche traten , als sie unserer ansichtig wurden , und ich zweifelte nicht einen Augenblick daran , daß sie durch die Thür des Seitenflügels in das Gotteshaus eintreten würden , um der Trauungsceremonie beizuwohnen . Von Mr. Rochester wurden sie nicht bemerkt ; er blickte mir ernst ins Antlitz , aus dem für den Augenblick alles Blut gewichen war ; denn ich fühlte , wie ein kalter Angstschweiß meine Stirn bedeckte und meine Wangen und meine Lippen eisig kalt wurden . Als ich mich erholt hatte , was sehr bald geschah , ging er langsam und fürsorglich den Pfad zum Kirchenportal mit mir hinauf . Wir traten in den stillen , bescheidenen Tempel . Der Priester stand in seinem weißen Chorrock an dem niedrigen Altar und wartete . Neben ihm der Küster . Tiefe , heilige Ruhe überall . In einem entfernten Winkel bewegten sich zwei Schatten . Meine Vermutung war die richtige gewesen : die Fremden waren vor uns in die Kirche geschlüpft und jetzt standen sie an dem Grabgewölbe der Rochesters . Sie hatten uns den Rücken zugewendet und blickten durch die Gitterstäbe auf den alten , von der Zeit geschwärzten Marmorstein , wo ein knieender Engel die irdischen Überreste des Damer de Rochester hütete , welcher zur Zeit der Bürgerkriege auf Marston Moor den Tod gefunden hatte . Neben ihm ruhte Elizabeth , seine Gemahlin . Wir hatten uns am Abendmahlstische aufgestellt . Als ich einen vorsichtigen Schritt hinter mir hörte , blickte ich über meine Schulter : einer der beiden Fremden – augenscheinlich ein Gentleman – näherte sich dem Altarplatz . Der Gottesdienst begann . Die Erklärung des Endzwecks der Ehe wurde durchgenommen . Dann trat der Geistliche um einen Schritt vorwärts und indem er sich leicht zu Mr. Rochester herabbeugte , fuhr er fort : » Und so bitte und verlange ich denn von euch beiden ( da ihr am furchtbaren Tage des jüngsten Gerichts , wenn das Geheimnis aller Herzen enthüllt sein wird , dafür werdet Rechenschaft ablegen müssen ) , daß wenn einem von euch ein Hindernis bekannt ist , weshalb ihr nicht gesetzmäßig in die Ehe treten könnet , ihr es jetzt bekennet . Denn das sollt ihr wissen , daß so viele da beieinander leben anders als durch Gottes Wort verbunden , so viele sind nicht durch Gott verbunden und ihre Ehe bedeutet nichts nach dem Gesetz . « Hier hielt er inne , wie es der Brauch ist . Wann wird die Pause nach jener Frage jemals durch eine Antwort unterbrochen ? Vielleicht nicht ein einziges Mal in einem ganzen Jahrhundert . Und der Geistliche , welcher die Blicke nicht von seinem Buche erhoben und den Atem nur für einen Augenblick angehalten hatte , fuhr jetzt fort . Seine Hand war schon gegen Mr. Rochester ausgestreckt und er öffnete die Lippen um zu fragen : » Willst du dieses Mädchen hier zu deinem Weibe nehmen « – als eine Stimme deutlich und klar sagte : » Die Trauung kann nicht vollzogen werden . Ich erkläre hiermit , daß ein Hindernis existiert . « Der Prediger blickte auf und sah den Sprecher an – sprachlos stand er da . Ebenso der Küster . Mr. Rochester machte eine leise Bewegung , als spüre er ein Erdbeben unter seinen Füßen . Dann faßte er wieder festeren Fuß und indem er weder das Haupt noch den Blick wandte , sagte er mit gebieterischer Stimme : » Fahren Sie fort ! « Als er diese Worte gesprochen hatte , herrschte tiefe Stille . Leise aber fest waren sie erklungen . Dann sagte Mr. Wood : » Ich kann nicht fortfahren , ohne Nachforschungen über die Behauptung anzustellen , welche hier soeben gemacht worden ist . Ich muß untersuchen , ob es Lüge oder Wahrheit gewesen . « » Die Ceremonie der Trauung hat hier ein Ende , « entgegnete die Stimme hinter uns . » Ich bin in der Lage beweisen zu können , daß das , was ich behaupte , auf Wahrheit beruht . Es existiert ein unüberwindliches Hindernis für diese Ehe . « Mr. Rochester hörte wohl , aber er achtete auf nichts ; steif und starr stand er da . Er machte keine Bewegung , nur meine Hand faßte er noch fester . Welch ein starker , mächtiger , heißer Griff das war ! – Und wie marmorgleich war seine blasse , festgewölbte , starke Stirn in diesem Augenblick ! Wie sein Auge blitzte , wie ruhig , wie wachsam und doch wie feurig es glänzte ! Mr. Wood schien in diesem Moment nicht zu wissen , was er thun solle . » Und welcher Art ist dieses von Ihnen erwähnte Hindernis ? « fragte er endlich , » Vielleicht ließe es sich hinwegräumen – erklären – überwinden ? « » Wohl kaum , « lautete die Antwort . » Ich habe es unüberwindlich genannt und ich spreche mit Überlegung . « Der Sprecher trat vor und lehnte sich über das Gitter des Altarplatzes , Dann fuhr er fort , deutlich , ruhig , ohne inne zu halten , aber nicht laut . » Es besteht einfach in einer bereits früher geschlossnen Ehe . Mr. Rochester hat eine Gattin , welche noch am Leben ist . « Diese leise und ruhig gesprochenen Worte machten meine Nerven erbeben , wie ein Donnerschlag es nicht vermocht hätte zu thun – mein Blut empfand ihre listige Gewalttätigkeit , wie es niemals Frost oder Hitze empfunden hatte . Aber ich war gefaßt , grausam gefaßt , und die Gefahr des Ohnmächtigwerdens drohte mir nicht . Ich blickte Mr. Rochester an – und ich zwang ihn , mich anzusehen . Sein ganzes Gesicht erschien mir in diesem Augenblick wie ein farbloser Felsen . Sein Auge war Funke und Feuerstein zugleich . Er leugnete nichts . Er sah nur aus , als sei er bereit , allen Dingen der Erde und des Himmels Trotz zu bieten . Er sprach nicht ; er lächelte nicht ; er schien in mir kein lebendes Wesen mehr zu erkennen . Nun umschlang er meine Taille mit seinem Mannesarm und hielt mich so an seiner Seite fest . » Wer seid Ihr ? « fragte er den Störer , » Mein Name ist Briggs – ich bin Advokat in Regentstreet , London . « » Und Sie wollen mir eine Gattin imputieren ? « » Nein Sir , ich wollte Sie nur an die Existenz Ihrer Gemahlin erinnern ! Das Gesetz erkennt Ihre erste Ehe an , wenn auch Sie selbst nicht gesonnen scheinen , dies zu thun . « » Beglücken Sie mich doch mit einer Beschreibung dieser Dame – mit ihrem Namen – ihrem Herkommen – ihren Verwandten – ihrem Wohnsitz . « » Gewiß , Sir , ich stehe ganz zu Diensten . « Hier zog Mr. Briggs ruhig ein Papier aus seiner Tasche und las mit einer gewissermaßen geschäftsmäßigen und nasalen Stimme folgendes : » Ich bestätige und kann beweisen , daß am zwanzigsten Oktober anno domini , ( hier folgte eine Jahreszahl , die um fünfzehn Jahre zurück datierte ) Edward Fairfax Rochester von Thornfield-Hall , in der Grafschaft – , und von Ferndean-Manor in – shire , England , mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason , Tochter von Jonas Mason , Kaufmann , und seiner Gattin Antoinette , einer Kreolin , in der Kirche Allerheiligen zu Spanish Town auf Jamaika getraut wurde . Das Protokoll über jene Trauung steht in den Kirchenbüchern der genannten Kirche verzeichnet – eine Kopie desselben befindet sich zur Zeit in meinen Händen . gez . Richard Mason . « » Das mag beweisen – wenn es übrigens ein echtes Dokument ist , daß ich einmal verheiratet war , aber es beweist nicht , daß jenes Weib , welches darin als meine Gattin bezeichnet wird , noch am Leben ist . « » Wenigstens lebte sie vor drei Monaten noch , « entgegnete der Advokat , » das ist bewiesen . « » Woher wissen Sie das ? « » Ich habe einen Zeugen für jenes Faktum , Sir ; einen Zeugen , Sir , dessen Aussagen selbst Sie nicht bestreiten oder entkräften können . « » Bringen Sie ihn zur Stelle – – oder fahren Sie zum Teufel ! « » Vorerst will ich ihn zur Stelle bringen – er befindet sich in nächster Nähe . Mr. Mason , haben Sie doch die Güte vorzutreten . « Als Mr. Rochester diesen Namen hörte , knirschte er mit den Zähnen ; ein starkes convulsivisches Zittern machte seinen ganzen Körper erbeben ; er hielt mich so fest an sich gedrückt , daß ich das krampfhafte Beben der Wut und der Verzweiflung , das seine ganze Gestalt durchfuhr , mit empfinden mußte . Der zweite Fremde , welcher sich bis jetzt im Hintergrunde gehalten hatte , trat jetzt ebenfalls näher . Ein bleiches Gesicht blickte über die Schulter des Rechtsgelehrten – ja – es war Mr. Mason in eigener Person . Mr. Rochester wandte sich um und starrte ihn an . Wie ich schon oft erwähnt habe , war sein Auge schwarz – jetzt aber hatte es einen rotbraunen , nein , einen blutigen Glanz in seiner Düsterkeit ; – sein Antlitz färbte sich – die olivefarbenen Wangen , die bleiche Stirn wurden von einer Glut überzogen , die wie ein Feuer aus dem gemarterten Herzen emporzusteigen schien . Dann machte er eine Bewegung , erhob seinen starken Arm – er war im Begriff , Mason niederzuschlagen , ihn auf den Boden der Kirche hinzustrecken , schonungslos sein Leben zu zerstören – aber Mason zuckte zurück und schrie hilflos » Allmächtiger Gott ! « Hier bemächtigte plötzlich grenzenlose Verachtung sich Mr. Rochesters und machte ihn ruhig – seine Leidenschaft erlosch , als hätte der Frost sie mit einem Schlage vernichtet , und er fragte nur : » Was haben Sie noch zu sagen ? « Eine unhörbare Antwort entrang sich den bleichen Lippen Mr. Masons . » Der Teufel soll dich holen , wenn du nicht deutlich antworten kannst . Ich frage dich noch einmal , was du zu sagen hast , « schrie Mr. Rochester ihn an . » Sir – Sir , « unterbrach ihn hier der Geistliche , » vergessen Sie nicht , daß Sie sich an geweihter Stätte befinden . « Dann wandte er sich zu Mr. Mason und fragte sanft : » Wissen Sie , Sir , ob die Frau dieses Herrn hier noch am Leben ist oder nicht ? « » Mut , – Mut ! « tröstete ihn der Advokat , » sprechen Sie nur gerade heraus . « » Sie lebt noch – und zwar in – Thornfield-Hall ; « sagte Mason mit deutlicherer Stimme . » Zum letztenmal sah ich sie dort im April . Ich bin ihr Bruder . « » In Thornfield-Hall ! « rief der Prediger entsetzt aus . » Unmöglich ! Ich bin ein alter Bewohner dieser Gegend , Sir , und noch niemals , nein , niemals habe ich von einer Mrs. Rochester auf Thornfield-Hall gehört . « Ich sah , wie ein grausames Lächeln Mr. Rochesters Lippen verzerrte . Er murmelte : » Nein , bei meinem Gott ! Ich habe Sorge getragen , daß niemand davon hören sollte – oder von ihr – unter jenem Namen . « Er dachte nach . Volle zehn Minuten ging er mit sich zu Rate . Dann hatte er seinen Entschluß gefaßt und verkündete ihn : » Genug – genug ! Jetzt soll alles mit einemmal heraus , wie die Kugel aus der Kanone . – Wood , schließen Sie Ihr Buch und ziehen Sie Ihren Chorrock aus ; John Green ( zum Küster gewendet ) verlaßt die Kirche . Heute wird keine Trauung mehr stattfinden . « Der Mann that , wie ihm geheißen . Mr. Rochester fuhr fort , kühn und unentwegt : » Bigamie ist ein furchtbares Wort ! Und doch hatte ich die Absicht , ein Bigamist zu werden ! – Aber das Schicksal hat mich überlistet – oder die Vorsehung hat mir Einhalt geboten , – vielleicht ist das letztere richtig . In diesem Augenblick bin ich wenig besser als ein Teufel , und , wie der Priester dort wahrscheinlich sagen würde , verdiene ich ohne Zweifel die furchtbarsten Strafen des Himmels – das ewige Feuer – die ewige Verdammnis . Ihr Herren , mein Plan ist durchkreuzt ! – was dieser Advokat und sein Klient sagen , ist wahr : ich war verheiratet – und das Weib , mit welchem ich verheiratet war , lebt ! Wood , Sie sagen daß Sie niemals von einer Mrs. Rochester da drüben im Herrenhause gehört haben , – aber ich vermute , daß Sie Ihr Ohr gar manchesmal den Klatschereien über die geheimnisvolle Wahnsinnige geliehen haben , die dort unter Aufsicht und strenger Wacht gehalten wird . Einige Leute haben Ihnen zugeflüstert , daß sie meine illegitime Halbschwester sei , andere wieder , daß sie meine verstoßene Geliebte , welche ich selbst zum Wahnsinn getrieben ! Aber ich sage Ihnen jetzt , daß sie meine Gattin ist , mit welcher ich mich vor fünfzehn Jahren verheiratet habe , – Bertha Mason mit Namen , Schwester jenes entschlossenen , furchtlosen Menschen , der Ihnen jetzt mit seinen bebenden Gliedern und leichenfahlem Antlitz beweist , welch mutiges Herz mancher Mann im Leibe trägt ! – Ermanne dich , Dick ! Hab doch keine Angst vor mir ! – Ich würde doch eher ein wehrloses Weib schlagen als dich armen Kerl ! – Bertha Mason ist wahnsinnig ; und sie entstammt einer wahnsinnigen Familie – Idioten und Tobsüchtige seit drei Generationen ! Ihre Mutter , die Kreolin , war sowohl eine Verrückte , wie eine Säuferin ! Das erfuhr ich erst nachdem ich die Tochter geheiratet hatte , denn vor meiner Heirat hatten sie alle Familiengeheimnisse mit größter Diskretion gehütet . Bertha als pflichtgetreue Tochter ahmte ihrer Mutter in beiden Dingen nach . Ich hatte eine reizende Gefährtin – rein , unschuldig , klug , bescheiden – Sie können mir glauben , daß ich ein glücklicher Mann war ! – Ich erlebte die schönsten Scenen ! O ! meine Erfahrungen waren himmlischer Art ! Wenn Sie das alles nur wüßten ! Aber zu weiteren Enthüllungen bin ich Ihnen nicht verpflichtet . Briggs , Wood , Mason , – ich lade Sie alle ein , hinauf ins Herrenhaus zu kommen und Grace Pooles Schutzbefohlene , meine Gemahlin , zu besuchen ! – Sie sollen mit eigenen Augen sehen , wie man mich betrogen , als man mich dieses Geschöpf heiraten ließ . Und dann sollen Sie urteilen , ob ich ein Recht hatte oder nicht , einen solchen Vertrag zu brechen und Sympathie und Teilnahme bei einem Wesen zu suchen , das wenigstens menschlich ist . « » Wood , « fuhr er fort , » dieses Mädchen hier hatte ebensowenig eine Ahnung von dem widerlichen Geheimnis , wie Sie selbst . Sie glaubte , daß alles in bester Ordnung und nach dem Gesetz sei ; sie ließ sich ' s nicht träumen , daß sie im Begriff war , eine fingierte Ehe mit einem betrügerischen , elenden Verbrecher einzugehen , der bereits an ein schlechtes , wahnsinniges und vertiertes Weib gebunden ist ! Kommt alle ! alle ! alle ! Folgt mir ! « Und indem er mich noch immer mit eiserner Faust hielt , verließ er die Kirche . Die drei Herren folgten uns . Vor der großen Einfahrtsthür zur Halle fanden wir den Wagen . » Fahr ihn nur zurück in die Remise , John , « sagte Mr. Rochester ganz ruhig und gefaßt , » heute werden wir ihn nicht mehr brauchen . « Bei unserem Eintritt kamen uns Mrs. Fairfax , Adele , Leah und Sophie entgegen , um uns zu beglückwünschen . » Fort mit euch ! Jeder an seine Arbeit ! – Fort ! fort ! « schrie der Gebieter , » zum Teufel mit euren Glückwünschen ! Wer braucht sie ! Wer hat sie verlangt ? – Ich nicht ! – Sie kommen um fünfzehn Jahre zu spät ! « Immer noch meine Hand haltend , stürmte er an den versammelten Frauen vorüber und machte den Herren ein Zeichen , ihm zu folgen , was auch geschah . Wir gingen die erste Treppe hinauf , gingen über die Galerie und gelangten endlich in das dritte Stockwerk . Mr. Rochester öffnete mit seinem Hauptschlüssel die niedrige , schwarze Thür , ließ uns in das mit Gobelins behangene Zimmer eintreten , in welchem sich jenes große Bett und der altmodische , schöne Schrank befanden . » Sie kennen dies Gemach , Mason , « sagte unser Führer , » hier war es ja , wo sie Sie biß und zu erdolchen versuchte . « Er hob die Vorhänge an der Wand empor und enthüllte unseren Blicken auf diese Weise eine zweite Thür , welche er ebenfalls öffnete . In einem Zimmer ohne Fenster brannte ein großes , helles Feuer , welches durch einen starken Kaminschirm geschützt wurde . Eine Lampe hing an einer Kette von der Decke herab . Grace Poole stand über das Feuer gebeugt und war augenscheinlich damit beschäftigt , irgend etwas in einer Kasserole zu kochen . An dem entfernteren Ende des Zimmers in tiefem Schatten lief eine Gestalt unaufhörlich hin und her . Beim ersten Anblick vermochte man nicht zu entscheiden , ob es ein Tier oder ein menschliches Wesen sei . Anscheinend kroch es auf allen Vieren . Es schnappte und brüllte wie ein wildes Tier . Aber es war mit Kleidern behängt , und eine Menge dunklen , ergrauenden Haars verbarg Kopf und Gesicht wie eine wilde Mähne . » Guten Morgen , Mrs. Poole ! « sagte Mr. Rochester . » Wie geht es Ihnen ? Und wie steht es heute mit Ihrer Schutzbefohlenen ? « » Ich danke Ihnen , Sir , « entgegnete Grace , » es geht uns beiden ganz erträglich . « Dann setzte sie das kochende Gericht behutsam auf den Kaminsims . » Ziemlich bissig , aber nicht tobsüchtig . « Ein wütender Schrei schien diesen günstigen Bericht Lügen strafen zu wollen . Die angekleidete Hyäne erhob sich und stand groß und gewaltig auf ihren Hinterfüßen . » Ach , Sir . Sie hat Sie gesehen ! « rief Grace ; » es wäre besser , wenn Sie fortgingen ! « » Nur ein paar Minuten , Grace ; ein paar Minuten müssen Sie mir gestatten . « » Aber dann seien Sie vorsichtig , Sir ! um Gottes willen – seien Sie sehr vorsichtig ! « Die Wahnsinnige stieß ein förmliches Gebell aus . Sie strich sich die wilde Mähne aus dem Gesicht und blickte ihre Besucher wild und tierisch an . Ich erkannte dies blaurote Gesicht gar wohl wieder , – diese geschwollenen Züge . Mrs. Poole näherte sich ihr . » Gehen Sie mir aus dem Wege , « sagte Mr. Rochester , indem er sie beiseite stieß , » ich hoffe , daß sie in diesem Augenblick kein Messer hat ; überdies bin ich auf meiner Hut . « » Man kann niemals wissen , was sie hat , Sir ; sie ist so listig , so verschlagen . Es liegt nicht im Bereich der Möglichkeit , ihre Schlauheit , ihre Hinterlistigkeit zu ergründen . « » Wollen wir sie nicht lieber verlassen ? « flüsterte Mason . » Geh zum Teufel ! « lautete die freundliche Aufforderung seines Schwagers . » Achtung ! « schrie Grace , Die drei Herren traten gleichzeitig in den Hintergrund . Mr. Rochester warf mich hinter sich : die Wahnsinnige stürzte sich auf ihn , packte ihn wütend an der Kehle und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht , Sie rangen miteinander . Sie war ein starkes Weib , an Länge kam sie ihrem Gatten fast gleich , außerdem war sie korpulent . In diesem Kampfe bewies sie eine fast männliche Kraft ; mehr als einmal war sie nahe daran , ihn trotz seiner atlethischen Geschmeidigkeit zu erdrosseln . Mit einem wohlgezielten Schlage hätte er sie zu Boden schlagen können ; aber er wollte nicht schlagen , er wollte nur kämpfen und ringen . Endlich war er imstande , ihre Arme zu packen ; Grace Poole gab ihm einen Strick , und er band sie ihr auf dem Rücken zusammen ; mit einem zweiten Strick , der schnell zur Stelle geschafft wurde , band er die Rasende auf einem Stuhle fest . Diese Sache wurde unter dem gellendsten Geschrei vollzogen , und die Gebundene machte mehr als einen konvulsivischen Versuch , sich loszureißen . Jetzt wandte Mr. Rochester sich zu den Zuschauern . Er blickte sie mit einem Lächeln an , das zugleich bitter und trostlos war . » Das ist nun mein Weib ! « sagte er . » Dies die einzige Umarmung , die ich je noch von meiner Gattin zu erwarten habe – dies sind die Liebkosungen , welche den Trost meiner Mußestunden bilden sollen ! – Und dies hier ist das , was ich zu besitzen mich sehnte , ( hier legte er seine Hand auf meine Schulter ) dies junge Mädchen , welches so ernst und still , so unentwegt am Schlunde der Hölle steht und das Treiben eines Dämons gefaßt mit ansieht . Ich begehrte sie – nur wie eine Art von Abwechselung nach jenem beißenden Ragout . Wood und Briggs ! Sehen Sie sich doch den Unterschied an ! Vergleichen Sie diese klaren Augen mit jenen rollenden Feuerkugeln da drüben – dieses Gesicht mit jener graueneinflößenden Maske ; diese Gestalt mit jenem Klumpen – und dann verurteilen Sie mich ! – Du Priester des Evangeliums verurteile mich ! Und du Mann des Gesetzes , thu desgleichen . Aber vergeßt nicht , daß ihr gerichtet werdet , wie ihr richtet ! Und jetzt fort mit euch ! Fort ! Ich muß meinen kostbaren Schatz hier verschließen . « Wir zogen uns alle zurück . Mr. Rochester verweilte noch einen Augenblick , um Grace Poole weitere Befehle zu erteilen . Als wir die Treppe hinuntergingen , wandte der Rechtsanwalt sich zu mir . » Sie , Madame , « sagte er , » trifft wahrlich nicht der leiseste Tadel . Ihr Onkel wird glücklich sein , das zu hören – wenn er in der That noch am Leben ist , sobald Mr. Mason nach Madeira zurückkehrt . « » Mein Onkel ? Was soll ' s denn mit ihm ? Kennen Sie ihn vielleicht ? « » Mr. Mason kennt ihn . Mr. Eyre ist jahrelang der Korrespondent seines Hauses in Funchal gewesen . Als Ihr Onkel jenen Brief von Ihnen erhielt , in welchem Sie von Ihrer beabsichtigten Verbindung mit Mr. Rochester sprachen , befand Mr. Mason sich gerade zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit auf Madeira , wo er einige Wochen bei Ihrem Onkel zuzubringen beabsichtigte , bevor er nach Jamaika zurückkehrte . Im Laufe des Gesprächs erwähnte Mr. Eyre zufällig dieser von Ihnen erhaltenen Nachricht ; denn er wußte sehr wohl , daß mein Klient hier mit einem Herrn Namens Rochester bekannt sei . Mr. Mason , welcher , wie Sie sich wohl vorstellen können , ebenso erstaunt wie bestürzt war , enthüllte jetzt die ganze Lage der Dinge . Es thut mir leid , Ihnen mitteilen zu müssen , daß Ihr Onkel jetzt auf dem Krankenbette liegt , von welchem er sich wahrscheinlich niemals wieder erheben wird , wenn man die Natur seiner Krankheit – die Schwindsucht – und das Stadium , welches dieselbe bereits erreicht hat , in Betracht zieht . Er selbst konnte also nicht nach England eilen , um Sie aus der Schlinge zu befreien , in welche Sie geraten waren , aber er flehte Mr. Mason an , keinen Augenblick Zeit zu verlieren , sondern sofort die nötigen Schritte zu thun , um diese ungültige Heirat zu verhindern . Er wies ihn an mich und ersuchte um meine Beihilfe . Ich wandte die größte Eile an und bin glücklich , daß ich nicht zu spät gekommen bin . Und ich hege keinen Zweifel , daß Sie es nicht ebenfalls sind . Wenn ich nicht moralisch überzeugt wäre , daß Ihr Onkel tot sein muß , bevor Sie Madeira erreichen , so würde ich Ihnen raten , mit Mr. Mason zusammen die Reise nach dort anzutreten ; aber wie die Sachen liegen , halte ich es für besser , wenn Sie in England bleiben , bis Sie entweder von oder über Mr. Eyre Nachricht erhalten haben . « » Warten wir noch auf irgend etwas ? « sagte er dann zu Mr. Mason gewandt . » Nein , nein , nein ! Lassen Sie uns eilen , daß wir fortkommen , « lautete die angsterfüllte Antwort . Und ohne zu warten und sich von Mr. Rochester zu verabschieden , schritten sie zur Thür der großen Halle hinaus . – Der Prediger blieb noch , um seinem hochmütigen Gemeindemitgliede ein paar Worte entweder des Trostes oder des Tadels zu sagen . Als diese seine Pflicht gethan war , ging auch er fort . Ich hörte ihn gehen , als ich so an der halbgeöffneten Thür meines Zimmers stand , in welches ich mich zurückgezogen hatte . Nachdem es im Hause ruhig geworden und ich alle Fremden fort wußte , schloß ich mich ein , schob den Riegel vor , damit niemand mich stören solle , und begann – nicht zu weinen , nicht zu jammern und zu trauern ; dazu war ich noch zu ruhig – sondern mechanisch mein Hochzeitskleid auszuziehen und es durch das wollene Gewand zu ersetzen , welches ich noch am vorhergegangenen Tage getragen und zwar , wie ich damals gehofft , zum letzten Male . Dann setzte ich mich . Ich fühlte mich müde und matt . Ich verschränkte die Arme auf dem Tische und legte meinen Kopf darauf . Und jetzt begann ich zu denken . Bis zu diesem Augenblick hatte ich nur gehört , gesehen , hatte mich bewegt – ich war hinauf- und hinuntergelaufen , wohin man mich geführt oder gezogen hatte – ich hatte beobachtet , wie eine fürchterliche Begebenheit der andern folgte , wie auf eine grausame Enthüllung die nächste kam – aber erst jetzt begann ich zu denken ! Der Morgen war mit Ausnahme des einen kurzen Auftrittes mit der Wahnsinnigen ein ziemlich ruhiger gewesen . Die Transaktion in der Kirche war ohne Lärm vor sich gegangen . Keine Ausbrüche der Leidenschaft , kein lauter Wortwechsel , kein Streit , keine Herausforderung , keine Weigerung , keine Thränen , kein Schluchzen ! Nur wenige Worte waren gesprochen worden , eine ruhig ausgesprochene Einwendung gegen die Heirat ; einige harte Fragen von Mr. Rochesters Seite ; Antworten und Erklärungen wurden gegeben , Beweise beigebracht ; mein Herr und Gebieter hatte die Wahrheit offen eingestanden , – und dann hatten wir den lebenden Beweis gesehen ! Jetzt waren all jene Eindringlinge wieder fort . – Alles war vorüber ! Ich war wie gewöhnlich in meinem Zimmer – mein eigenes Selbst , ohne die geringste sichtbare Veränderung . Ich war nicht verwundet oder verletzt – niemand hatte mich geschlagen , niemand hatte mich beschimpft ! – Und doch ! Wo war die Jane Eyre von gestern ? – wo war ihr Leben ? – wo ihre Hoffnungen fürs Leben ? Jane Eyre , die ein liebendes , erwartungsvolles Weib – beinahe schon Gattin gewesen – war wieder ein kaltes , starres , einsames Mädchen . Ihr Leben war farblos ; ihre Aussichten trostlos . Ein harter Winterfrost