das Mädchen gab ihm keine Ruhe . » Komm , Butzi , « rief sie dabei , » komm , Onkelchen , sei nicht langweilig , « und näherte sich immer wieder mit der Maske . » Wart , ich will dich lehren , Respektspersonen zum Narren zu halten , « gilfte Herr Carovius in wohlwollendem Ärger und glich einem alten Hund , der Sprünge macht , wenn sein Herr einen Spazierstock ins Wasser wirft . Da er aber in dem Eifer , das Attentat auf seine Würde zu verhindern , die Papierkrone auf seinem Haupt vergessen hatte und diese bei all seinen Bewegungen komisch wackelte , geriet das junge Mädchen vor Lachen völlig außer Atem . Nun trat eine Magd ins Tor und brachte Schnee , den sie vom Hof geholt und in ihre Schürze getan hatte . Das Mädchen lief ihr entgegen , füllte die Hand mit Schnee und erhob sie scherzhaft drohend gegen Herrn Carovius . Herr Carovius winselte um Gnade , mit dem Schnee als wirksamem Zwangsmittel kam sie heran , und Herr Carovius hatte solche Furcht vor dem kalten Bombardement , daß er keinen Widerstand mehr leistete und sich die Larve umbinden ließ . Das Mädchen legte , erschöpft vom Lachen , die Stirn auf seine Schulter , und die Magd , es war Döderleins Magd , stieß vor Vergnügen Laute wie ein gackerndes Huhn aus . Die Szene wurde vom dürftigen Licht eines an der Mauer hängenden Lämpchens beleuchtet und hätte deshalb auch ohne den Anblick des Herrn Carovius mit der Papierkrone und der Säufermaske etwas Phantastisches gehabt . Daß das Mädchen Dorothea Döderlein war , wußte Daniel nicht , obwohl er es halb und halb erriet . Doch wer sie auch sein mochte , er war betroffen von dieser Fröhlichkeit , dieser Lachlust , dieser unbändigen Ausgelassenheit . Er kannte dergleichen nicht , und wenn er es jemals gekannt hatte , erinnerte er sich nicht mehr daran . Die jungen Züge , die leuchtenden Augen , die weißen Zähne , die behenden Gesten , das alles flößte ihm Ehrfurcht ein , und in seinen Augen malte sich ein erschüttertes Gemüt . Er fühlte sich so alt , so fremd ; so ohne Sonne und ohne Blüte ; ihm war , als zeige sich ihm das Leben mit einem Mal von einer neuen , freundlichen und verlockenden Seite . Zögernd schritt er herab . » Ist ' s die Möglichkeit ! « schrie Herr Carovius und riß die Larve von seinem Gesicht ; » was sehen meine Augen ! Unser Maestro ! Oder ist ' s sein Geist ? « » Er und sein Geist , beide , « entgegnete Daniel trocken . » Geister haben hier nichts zu tun , « rief Dorothea und schleuderte einen Schneeball , der seine Schulter streifte . Unter Daniels Blick errötete sie plötzlich und schaute Herrn Carovius fragend an . » Kennst du denn unsern Daniel Nothafft nicht , du ungebildete Katze ? « sagte dieser ; » weißt du nichts von unsrer Koryphäe ? Wieder in der Heimat , Meister ? Ruhmbedeckt zurückgekehrt ? « Zu anderer Zeit hätte der gallige Spott des Herrn Carovius Daniels Unwillen erweckt ; jetzt bemerkte er ihn kaum . Wie jung sie ist , dachte er , indem er die befangen lächelnde Dorothea musterte , wie herrlich jung ! Dorothea ärgerte sich , daß sie nicht ihr rotes Kleid anhatte , das sie sich in München hatte machen lassen . » Dorothea ! « tönte eine gewaltige Stimme im ersten Stock . » Och , der Vater ! « flüsterte Dorothea erschrocken und lief auf den Fußspitzen , den langen Schleier raffend , die Treppe empor . Die Magd folgte ihr . » Ein Teufel , ein wahrer Teufel , Maestro , « wandte sich Herr Carovius triumphierend zu Daniel . » Sie müssen einmal zu mir kommen und hören , wie sie den Fiedelbogen streicht . Ein Teufel , sag ich Ihnen . « Daniel wünschte Herrn Carovius gute Nacht und trat gesenkten Hauptes auf die Straße . 12 Für unsere Provinz war Dorothea Döderlein , nachdem sie aus der Hauptstadt zurückgekehrt war , eine Erscheinung , die alles Interesse auf sich lenkte . Ihr Betragen erschien zwar etwas frei , aber da sie eine Künstlerin war und ihr Name bisweilen in den Zeitungen genannt wurde , sah man ihr vieles nach . Als sie ihr erstes Konzert gab , war der große Adlersaal beinahe ausverkauft . Der Musikkritiker des » Herold « war begeistert von ihrem kapriziösen Spiel . Er nannte sie eine phänomenale Kraft und prophezeite ihr eine glänzende Zukunft . Andreas Döderlein nahm gönnerhaft die Gratulationen entgegen , Herr Carovius schwamm in Wonne . Von Kritik war bei dem ehemals so Gestrengen keine Rede mehr ; der Kultus , den er mit Dorothea trieb , machte ihn ganz urteilslos . Anfangs fehlte es Dorothea nicht an Einladungen zu allerlei Kränzchen , Hausbällen und Familienassembleen . Sie wurde lebhaft umschwärmt , und die heiratsfähigen Töchter konnten vor Neid nicht schlafen . Bald aber zogen sich die soliden jungen Männer , gewarnt durch ihre Mütter , Schwestern und Basen , ängstlich zurück . Es erregte Mißbilligung , daß sie mit ihren Verehrern öffentlich lustwandelte . Auch sah man sie häufig in Gesellschaft mehrerer Offiziere in der Eisenbeißschen Konditorei sitzen , wo sie Schokolade trank und ausgelassen lachte . Einmal war sie mit einem blonden Schweden von den Schuckertwerken im Tingeltangel gesehen worden ; dann verbreitete sich das Gerücht , sie habe in München ein lüderliches Leben geführt , die Nächte durchschwärmt , Schulden gemacht und mit allen möglichen Männern kokettiert . Indessen tauchten doch einige ernsthafte Bewerber auf , die durch Andreas Döderleins diplomatisches Wirken ins Haus gezogen wurden und am Sonntag mit Vater und Tochter speisten . Aber Dorothea schien es nur darauf anzulegen , einen gegen den andern zu hetzen , und da es bürgerlich denkende Männer waren , wurden sie unsicher und verwirrt . Um sie geduldig zu stimmen , hielt ihnen Döderlein bisweilen Vorträge über die verwickelte Anlage der Künstlernatur , oder er machte geheimnisvolle Andeutungen über die große Erbschaft , die seine Tochter zu gewärtigen habe . Eben dieser Umstand nötigte ihn zur Rücksicht gegen Dorothea . Von ihrem Trotz und ihrer Unberechenbarkeit war zu befürchten , daß sie eine Dummheit beging und den alten Narren Carovius beleidigte . Es war ja schon eine große Hilfe , daß er Dorothea hie und da ein wenig Taschengeld gab . Denn die Vermögenslage Andreas Döderleins war trostlos . Nur mit Mühe hielt er den Schein der Wohlhabenheit noch aufrecht . Die Hauptschuld hieran trug eine langjährige Beziehung zu einer Frau , mit der er drei Kinder gezeugt hatte . Diese zweite Familie zu ernähren , von deren Existenz niemand in seiner Umgebung etwas wußte , bürdete ihm eine Sorgenlast auf , unter der er die heitere Jupitermiene kaum bewahren konnte . Seit vierzehn Jahren führte er ein Doppelleben ; seine regelmäßigen Gänge zu der Geliebten , die zurückgezogen am äußersten Ende einer Vorstadt hauste , unauffällig zu machen , das Verhältnis selbst mit all seinen Folgen vor den wachsamen Augen seiner Mitbürger zu verbergen , erforderte eine beständige Verstellung , Vorsicht und Schlauheit ; unter dem Druck der Geldnot erfüllten sie den Mann , der sie üben mußte , mit stiller Wut und Furcht . Er fürchtete sich auch vor Dorothea . Es gab Augenblicke , wo er sie am liebsten mit Fäusten traktiert hätte ; und sah sich doch gezwungen , sie mit süßen Worten in Schach zu halten . Sie war ihm undurchdringlich . Dabei war sie immer da , immer in lästiger Weise gegenwärtig , immer voll von Wünschen , Plänen , Geschäften und Intrigen . Man glaubte sie zu beherrschen und entdeckte plötzlich , daß sie einen tyrannisierte . Eben war sie einer Lappalie wegen in Tränen ausgebrochen , jetzt lachte sie , als ob nichts gewesen wäre . Die Rosen , die ihr die ernsthaften und wohlhabenden Bewerber brachten , zerpflückte sie vor deren Augen und warf sie dann ins Kehrichtfaß . Man ließ ihr herzliche Ermahnungen im Hinblick auf Sittsamkeit und Haltung zuteil werden , sie hörte zu wie eine Heilige , fünf Minuten später lag sie am Fenster und liebäugelte mit einem Friseurgehilfen . Ich bin ein unglücklicher Vater , sagte sich Andreas Döderlein , als er zu allem Überfluß auch an der künstlerischen Begabung Dorotheas zu zweifeln begann . Kurz nach dem Nürnberger Erfolg hatte sie in Frankfurt gespielt , aber es blieb ziemlich still danach . Dann produzierte sie sich in einigen Mittelstädten , wurde bejubelt und mit Lorbeerkränzen bedacht , doch davon war nicht viel zu halten . Eines Abends lernte sie bei der Kommerzienrätin Feistmantel , einer Frau , deren Vergangenheit mancher stadtbekannte Skandal verunzierte , den Schauspieler Edmund Hahn kennen . Er hatte wollige , blonde Haare und ein aufgeschwemmtes blasses Gesicht . Er war ziemlich groß und hatte lange Beine . Dorothea schwärmte für lange Beine . Es war eine sinnliche Atmosphäre um ihn , und er verschlang Dorothea mit frechen Blicken . Seine Person , sein Auftreten , seine bald blasierte , bald emphatische Redeweise machten Eindruck auf Dorothea . Bei Tisch saß er neben ihr und suchte mit seinen Füßen die Füße des Mädchens . Endlich erwischte er mit seinem linken Stiefel ihren Halbschuh und trat darauf . Sie wollte den Fuß zurückziehen , er trat fester darauf . Verwundert schaute sie ihn an . Er lächelte zynisch . Bald hernach waren sie schon ganz vertraut miteinander und zogen sich in eine Ecke zurück , von wo man Dorothea kichern hörte . Es wurde ein Stelldichein verabredet , und sie trafen sich in der Dunkelheit an einer Straßenecke . Er schenkte ihr Freikarten zu » Maria Stuart « und zu den » Räubern « ; er gab den Mortimer und den Kosinsky und brüllte , daß das Gebälk zitterte . Er machte Dorothea mit mehreren seiner Freunde bekannt , diese brachten ihre Freundinnen mit , und sie saßen im Nassauerkeller , bis der Morgen graute . Ein gewisser Samuelsky war darunter , Prokurist des Bankhauses Reutlinger ; er hatte die Manieren eines Lebemanns , zahlte Champagner und war von Dorothea ganz hingerissen . Sie ließ sich seine Anbetung gefallen , auch nahm sie kleine Geschenke von ihm an , doch schien es stets , als ob sie sich zuvor der Zustimmung Edmund Hahns versicherte . Einmal wollte er sie küssen , da gab sie ihm eine schallende Ohrfeige . Er wischte sich die Backe und nannte sie eine Sirene . Die Bezeichnung gefiel ihr . Sie stand bisweilen vor dem Spiegel und flüsterte lächelnd : » Sirene . « Als Andreas Döderlein von dem Treiben erfuhr , bekam er einen Anfall von Raserei . » Ich verstoße dich , « schäumte er , » ich schlage dich zu einem häßlichen Krüppel . « Aber in seinen Augen war wieder jene Furcht , die seinen Berserkerzorn Lügen strafte . » Eine Künstlerin braucht sich nicht nach den Vorschriften der Philistermoral zu richten , « sagte Dorothea mit größter Unverfrorenheit ; » es sind feine Leute , mit denen ich verkehre ; jeder ist ein Herr . « Ein Herr ; das war ein Argument , gegen welches kein Einspruch bei ihr galt . Der war ein Herr in ihren Augen , der sich ' s was kosten ließ , Kellnern und Kutschern imponierte und gebügelte Hosen trug . » Keiner darf mir zu nahe kommen , « sagte sie stolz , und das entsprach der Wahrheit , denn noch keiner hatte ihre tiefste Neugierde aufgeweckt , und sie war entschlossen , sich teuer zu verkaufen . Nur Edmund Hahn hatte Macht über sie , weil er vollkommen fühllos war und eine Art von Schamlosigkeit besaß , die sie entwaffnete und erschreckte . Andreas Döderlein mußte sie gewähren lassen und sich mit der Überlegung trösten , daß eine echte Döderlein sich nicht wegwerfen würde . War Dorothea eine echte Döderlein , so marschierte sie zielbewußt auf das Ersprießliche und Nützliche des Lebens zu ; ging sie darin fehl , so war eben ein Makel an ihrer Geburt . Und er hüllte sich kühlbeschauend in die Wolken seines Olymps . Ihrem Onkel Carovius aber erzählte Dorothea ausführlich , wie sie die jungen und die alten Courmacher zappeln ließ . Wie der Schauspieler zappelte und der Bankmensch zappelte und der Kerzenfabrikant zappelte und der Oberingenieur zappelte und wie sie sie alle miteinander an der Nase zog . Da strahlte Herr Carovius und hieß sie seinen süßen Maulaffen und das Glück seines Alters . Er sagte sich , daß sie eine echte Carovius und ausersehen sei , Großes zu vollbringen . » Du hast ' s nicht nötig , zu heiraten , « eiferte er und rieb sich die Hände ; » wenn ein Graf kommt mit einem Schloß und ein paar Millionen im Hintergrund , darüber läßt sich reden , aber daß dich der erste beste Schmierenkomödiant mir wegstibitzt oder irgendein dickärschiger Bureaugaul dich in seinen Stall schleppt , das wär noch schöner . Gib ' s ihnen nur , gib ' s ihnen tüchtig , den geilen Lumpenkerlen . « » Ach , Onkelchen , « klagte dann Dorothea , » ich weiß , du meinst es gut mit mir , du bist der einzige , der ' s gut meint . Aber wenn ich nur nicht gar so armselig dastünd ! Schau mich an , was ich für ein Kleid tragen muß ! Eine Schande . « Und sie drückte das Gesicht in den aufgehobenen Arm und schluchzte . Herr Carovius zerrte an seinem Schnurrbart , zog die Augenbrauen hoch , dann ging er zu seinem Sekretär , öffnete eine Lade , zog einen Hundertmarkschein heraus und reichte ihn Dorothea mit abgewendetem Kopf und mit Bewegungen , als fürchte er sich vor dem erzürnten Schutzgeist des Geldschranks . So lagen die Dinge , als Daniel im Haus des Herrn Carovius der jungen Dorothea begegnete und mit ihrem unverlöschlichen Bild in der Seele hinwegging . 13 Die nahenden Vierzig erschienen Daniel wie ein finsteres Tor zum Niedergang . Erraffe , was noch zu erraffen ist , rief eine Stimme in ihm , auf den Gräbern wächst Gras . Die Sinne tobten wider den Geist , wider das Herz . So wie jetzt hatte er Frauen nie angeblickt . Eines Tages fuhr er nach Siegmundshof hinaus . Eberhard war auf Reisen . In Sylvias Gesicht lag eine stille Melancholie . Sie hatte drei Kinder , eins hübscher als das andre , aber wenn ihr Auge auf ihnen ruhte , war es voll Trauer . Frauen , die in der Ehe leiden , haben erloschene Züge , und ihre Hände sind durchsichtig und gelb . Rascher , als er gewollt , nahm Daniel wieder Abschied . Er empfand einen egoistischen Unwillen gegen die Freudlosen . Er ging zu Herrn Carovius . Die Lachende , die er suchte , traf er nicht . Herr Carovius sah ihn bisweilen argwöhnisch an . Das Gesicht seines alten Feindes gab ihm zu denken . Es war durchpflügt wie ein Acker und von Flammen verbrannt wie ein Herdstein . Es war ein Sträflingsgesicht , verbissen , ausgemergelt , gespannt und bedrohlich umwittert . Herr Carovius verstand sich auf Gesichter . Um dem leeren Gerede zu entkommen , spielte Daniel Herrn Carovius einige alte Motetten vor . Herr Carovius war so begeistert , daß er in seine Vorratskammer lief und ein halbes Dutzend Borsdorfer Äpfel holte , die er Daniel in die Taschen steckte . Diese Äpfel kaufte er im Herbst metzenweise und hütete sie wie einen Schatz . » Bei solcher Musik könnte man wahrhaftig ein frommer Christ werden , « äußerte er sich . » Es ist Frühling drin , « antwortete Daniel , » da ist die Kunst noch unschuldig wie junge Saat . Aber Ihr Instrument ist verstimmt . « » Symbol , Symbol , geschätzter Freund , « rief Herr Carovius und blähte die Backen auf ; » aber wenn Sie wiederkommen , ist der Schaden gerichtet . Kommen Sie nur fleißig , Sie verdienen sich einen Gotteslohn damit . « Herr Carovius , um Gesellschaft bettelnd ; es hatte etwas Ergreifendes . Daniel versprach , einige von den Handschriften mitzubringen , die er gesammelt . Als er ein paar Tags später kam , war Dorothea da , und dann jedesmal . Und seine Besuche wurden immer länger . Als Herr Carovius bemerkte , daß nun auch Dorothea häufiger kam , setzte er alles daran , um Daniel zu bewegen , täglich zu kommen . Er überschüttete ihn mit Vorwürfen , wenn er einmal ausblieb ; selbst bei Verspätungen begrüßte er ihn mürrisch und scheute nicht vor indiskreten Fragen zurück . An den Nachmittagen , wo er allein war , rückte die Zeit nicht vom Fleck ; da glich er einem Trinker , dem man das gewohnte Quantum Schnaps vorenthält . Die Gegenwart der beiden Menschen wurde ihm so unentbehrlich , wie ihm in vergangenen Jahren die Zeitungslektüre , die Brüder vom Jammertal , die Bedrängnisse Eberhards und die Beerdigungen unentbehrlich gewesen waren . Dem Kleinbürger wird jede Gewöhnung zur Leidenschaft . Wenn Daniel die alten Kirchenchöre spielte , hörte Dorothea ruhig zu , verhehlte aber die Langeweile nur schlecht , die sie dabei empfand . Einmal geriet die Rede auf ihr Geigenspiel , und Herr Carovius drang in sie , sie möge doch etwas zum besten geben . Sie weigerte sich ohne Ziererei . Daniel sprach kein Wort der Aufmunterung . Er fand , daß diese Bescheidenheit sie lieblich kleidete ; er glaubte , Erkenntnis und Entsagung darin zu spüren und lächelte ihr freundlich zu . » Erzählen Sie lieber etwas ! « sagte sie zu Daniel . Allmählich trat es zutage , daß sie keinen andern Wunsch hatte als diesen . » Ich bin ein schlechter Erzähler , « versetzte Daniel , » ich hab eine schwere Zunge . « Sie bat ihn aber mit gestammelten Worten und flehentlichen Gebärden . Herr Carovius kicherte . Daniel nahm die Brille ab , putzte sie und schaute das Mädchen mit verkniffenen Augen an . Es war , als hätte ihn die Brille gehindert , Dorothea genau zu sehen , oder als ziehe er es vor , sie undeutlich zu sehen . » Wüßte nicht , was ich erzählen sollte , « meinte er kopfschüttelnd . » Alles , alles ! « rief Dorothea in seltsamer Begehrlichkeit und streckte die Hände aus . Ihm erschien das kindlich . Er hatte nie einem Kind erzählt . Er hatte überhaupt nie erzählt ; Gertrud und Lenore gegenüber hatte ihm die Not einer Stunde Bekenntnis und Klage entrissen , mehr war es nicht gewesen , hatte es nicht sein dürfen . Plötzlich lockte ihn das Wort , in welchem sein Schicksal sich ruhig spiegeln würde ; lockte ihn das feurig-junge Auge , in dessen Glanz das Wirre einfach , das Dunkle hell werden konnte ; lockte ihn der böse alte Mann , dem in seinem Sumpfloch die ganze Welt zur giftigen Speise geworden war . Und mit seiner brüchigen Stimme erzählte er von den Ländern , in denen er gewandert war ; vom Meer und von den Städten am Meer ; von den Alpen und ihren Seen , von Domen und Palästen und Klöstern , von wunderlichen Leuten , denen er begegnet war , von seiner Arbeit , seiner Einsamkeit , alles ohne rechten Zusammenhang , trocken und lieblos . Trotz der Lockung wich er dem , was an inneres Erlebnis streifte , im letzten Augenblick stets aus . Als er von der Jüdin sprach , von der Schwalbe , beendete er sogar den Satz nicht , machte eine lange Pause und schilderte dann ganz unvermittelt , wie er nach Eschenbach gegangen war . Auch hier stockte er wieder . Aber Dorothea fragte . Es war ihr alles zu allgemein , und sie schien unzufrieden . » Was war in Eschenbach ? « fragte sie kühn , » warum sind Sie dort gewesen ? « Er täuschte sich über die brennende Begehrlichkeit in ihren Augen . Es überlief ihn wohlig , er glaubte edle Menschenwärme zu spüren . Es ergriff ihn das Verlangen des reifen Mannes , eine unberührte Seele nach einem erträumten Bild zu formen . » Meine Mutter hat dort gelebt , « antwortete er zögernd , » sie ist gestorben . « » Ja , - und ? « hauchte Dorothea . Sie hatte erfaßt , daß das nicht alles war . Da fühlte er seine starre Zurückhaltung wie Schuld . Noch zögernder , sofort bereuend , fügte er hinzu : » Auch ein Kind von mir hat dort gelebt ; elf Jahre alt . Es ist verschwunden , niemand weiß , wohin . « Dorothea faltete die Hände . » Ein Kind ? Und verschwunden ? Ganz einfach verschwunden ? « flüsterte sie erregt . Herr Carovius sah aus wie einer , der auf einem heißen Rost sitzt . » Elf Jahre alt ? « fragte er sensationshungrig , » das war ja dann noch ... vor der Zeit ... « » Ja , es war vor der Zeit , « bestätigte Daniel düster . Er hatte sich verraten ; er war sich gram . Er schwieg , und es war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen . Herr Carovius beobachtete , wie Dorothea mit ihren Blicken an Daniel hing . Ein quälender Verdacht stieg in ihm auf . » Gestern auf dem Josefsplatz Hab ich einen deiner Verehrer gesprochen , den Kulissenzertrümmerer , « begann er mit vorbedachter Bosheit ; » der Kerl hat die Stirn gehabt , mir zu sagen : Sorgen Sie nur , daß die Dorothea Döderlein bald einen Mann kriegt , sonst reden sich die Leut noch die Zunge aus dem Hals . « » Das ist nicht wahr ! « rief Dorothea entrüstet und wurde rot bis in die Haarwurzeln , » das hat er nicht gesagt . « Herr Carovius lachte schadenfroh ; » wenn ' s nicht wahr ist , ist ' s doch gut gedichtet , « sagte er meckernd . Als Daniel sich verabschiedete , ging auch Dorothea und begleitete ihn in den Hausflur . » Schade , « murmelte Daniel , » schade . « » Warum schade ? Ich bin frei , keiner hat ein Recht auf mich . « Sie sah ihn mit einem mutigen Weiberblick an . » Es gibt Worte , die sind wie Schmutzflecken , « entgegnete er . » Wer kann sich hüten vorm Schmutz ? « fragte sie fast wild . Daniel ließ sein Auge prüfend auf ihrem Gesicht ruhen wie auf einem Gegenstand . Langsam und ernst sagte er : » Lassen Sie die Hände und Augen von mir , Dorothea . Ich bring kein Glück . « Ihre Lippen öffneten sich durstig . » Möcht gern einmal mit Ihnen spazieren gehen , « flüsterte sie , und ihre Züge zitterten in einem Entzücken , von dem er betört glaubte , es gelte ihm , während es nur der Erwartung des Abenteuers galt und der Enthüllung des Geheimnisses . » Vor vielen Jahren , « sagte Daniel , » Sie werden sich kaum mehr erinnern , hab ich Sie hier unterm Tor vor einem großen Hund in Schutz genommen . Erinnern Sie sich ? « » Nein . Oder doch ; ja , ganz dunkel erinner ' ich mich . Das waren Sie ? « Dorothea ergriff dankbar seine Hand . » Gut , gehen wir morgen , gehen wir irgendwo hinaus , « sagte Daniel . » Sie müssen mir aber alles erzählen , alles , alles , « drängte Dorothea wie vorhin im Zimmer , nur noch ungestümer und ungeduldiger . Sie bestimmten den Ort , wo sie sich treffen wollten . 14 Anfangs gingen sie kurze Wege , die entlegen waren , dann dehnten sie ihre Spaziergänge aus . Am Johannistag wanderten sie nach Kraftshof und zum Irrhain der Pegnitzschäfer . Die Wege zu vermeiden , die er einst mit Lenore gegangen , war Daniel unbewußt bestrebt . Nicht selten machte ihn Dorotheas überschäumende Laune still und schwer , und er spürte seine Jahre hypochondrisch als Last . War es Schicksalsrache , daß er bisweilen , wenn ein Hügelanstieg kam , den Schritt verlangsamen mußte , während Dorothea vorauseilte und lachend oben wartete ? Sie sah keine Blumen , keine Bäume , keine Tiere , keine Wolken ; aber wenn Menschen sichtbar wurden , geschah immer eine Wandlung in ihr ; da war immer eine Gebärde mehr ; oder ein Zusammenraffen , ein Hinüberspielen . War es auch bloß ein Bauernbursch oder ein Landstreicher , sie drehte sich in den Hüften und lachte um einen Ton höher empor . Die Jugend ist ihr wie Wein zu Kopf gestiegen , dachte Daniel dann . Einmal brachte sie eine Tüte Schokoladeplätzchen mit , und als sie sich satt gegessen hatte und Daniel nichts nehmen wollte , warf sie , was übrig war , achtlos auf die Wiese . Daniel tadelte sie deshalb . » Warum soll ich mich schleppen ? « war ihre unbefangene Antwort ; » wenn man an einer Sache genug hat , wirft man sie weg . « Sie zeigte ihre Zähne und sog gierig die Luft ein . Daniel betrachtete sie . Die ist gefeit , sagte er sich , die ist unverwundbar in ihrer Wunschkraft und Lebensfülle . Und es wollte ihm scheinen , als sei sie von der Art seiner Eva , der Art jener Lichtelfen , deren Heiterkeit manchmal etwas Grausames an sich hat . Aber nun nahm er sich vor , nicht mehr das tückische Ungefähr walten zu lassen , sondern die Hand auszustrecken , wenn es not tat . » Wann werden Sie endlich erzählen ? « fragte Dorothea ; » ich muß , ich muß es wissen , « fügte sie mit Glut des Ausdrucks hinzu , » es gibt mir Tag und Nacht keine Ruhe . « Das war die Wahrheit . Um in seine Vergangenheit einzudringen , die sie sich von bunten und leidenschaftlichen Begebenheiten erfüllt vorstellte , hätte sie alles getan , was er von ihr gefordert hätte . Daniel weigerte sich stumm . Er glaubte , den reinen Sinn des Mädchens zu trüben , ihre Ahnungslosigkeit zu gefährden . Und er hatte Furcht davor , die Schatten heraufzubeschwören . Eines Tages plauderte sie in ihrer leichten Weise , und im Plaudern verstrickte sie sich . Sie hatte begonnen , ihm von den Männern zu berichten , mit denen sie sich abgab , und war dabei unversehens in den Ton gefallen , in welchem sie darüber zu ihrem Onkel Carovius sprach . Als sie ihrer Unvorsichtigkeit inne wurde , stockte sie verlegen . Daniels ernste Fragen zwangen ihr Geständnisse ab , die sie freiwillig nie gemacht hätte ; da kam dann viel Trübes und Häßliches zutage , und es war schwer für sie , sich ganz unschuldig und als Opfer hinzustellen . Zuletzt , da sie nicht mehr entrinnen konnte , mischte sie die Farben zum grellsten Bild und wartete ängstlich und angenehm erregt auf die Wirkung . Daniel schwieg eine Weile , dann bewegte er die flache Hand , als schnitte er etwas entzwei und sagte schroff : » Weg von denen , Dorothea , oder weg von mir ! « Dorothea senkte den Kopf und sah ihn scheu von unten her an . Die Entschiedenheit , mit der er sprach , war ihr neu , mißfiel ihr aber keineswegs . Ein wollüstiger Schauer lief über ihre Glieder . » Ja , « flüsterte sie magdhaft , » ich will ein Ende machen . Ich hab ja gar nicht gewußt , was das alles eigentlich bedeutet . Sei ' n Sie mir nur nicht böse . Nicht bös sein , gelt ? « Sie trat näher zu ihm heran ; ihre Augen waren feucht umschleiert . » Nicht zornig sein , « bat sie noch einmal , » die arme Dorothea kann ja nichts dafür . « » Wie ist ' s denn möglich ! « sagte Daniel ; » hat Ihnen denn nicht geekelt bis ins Herz ? Wie ist ' s möglich , mit dem Gedanken an solche Hyänen unter Gottes freiem Himmel zu wandeln ? Mädchen , in mir zweifelt alles . « » Was hätt ich tun sollen , Daniel , « antwortete sie , und zum erstenmal nannte sie ihn beim Vornamen , mit einer tiefberechneten Mischung von Unterwürfigkeit und Kühnheit , die ihn bezauberte und rührte ; » was hätt ich tun sollen ! Sie kommen , sie reden , sie spinnen einen ein , zu Haus ist ' s so traurig , das Herz ist so öd , der Vater ist so schlecht mit einem , man hat niemand , keinen Menschen auf der Welt ! « Sie setzten ihren Weg fort . Es war ein Waldtal , durch das sie gingen , rechts und links standen hohe Fichten , auf deren Kronen die Abendsonne lag . » Das Schicksal läßt nicht mit sich spaßen , Dorothea , « sagte Daniel ; » es verstattet uns keine Sudeleien und Manschereien , wenn wir in unserer Seelenkraft vor ihm bestehen wollen . Unbestechlich führt es Buch über unser Soll und Haben , und alle Schulden , die wir machen , müssen irgendwo und -wann bezahlt werden . « Dorothea fühlte , daß er im Zuge war , daß nun das Große , Beglückende kam . Sie blieb stehen , breitete ihren Schal auf die Erde und setzte sich in anmutig aufmerksamer Haltung hin . Daniel warf sich neben ihr ins Moos . Und er erzählte , ins Moos hinein , wo kleine Tiere krochen . Er erhob das Auge nicht , die Stimme nicht . Manchmal mußte Dorothea den Kopf niederbeugen , um besser zu hören