Herr Heinrich nickte : » Gold , wenn ich weiß , von wem die Botschaft kommt . « Er ging mit flinkem Schritt auf den Laitzinger zu . » Hast du Kenntnis von dem Inhalt dieses Blattes ? « Der Bote schüttelte den Kopf . » Wer hat dich geschickt ? « » Herr , ich hab auf das heilige Brot geschworen , daß ich schweig . « Da lächelte Nikodemus . » Als Priester sag ich dir : Erzwungener Eid ist keiner , Reden aus Zwang ist Schweigen . Ich absolviere dich . « » Und bleibst du schweigsam « , fiel Herr Heinrich ein , » so laß ich dich auf die spanische Bank legen und schicke dich morgen mit diesem Blatt nach Ingolstadt zu meinem Vetter Loys . Dann wird der dich fragen . « Der Bote schloß die Augen und wankte , daß man ihn stützen mußte . » Redest du aber , so sollst du leben bei mir wie einer , der mich beschenkte mit einer unbezahlbaren Kostbarkeit . « Laitzinger tat die verstörten Augen auf und kämpfte in seiner verlorenen Seele einen langen , stummen Kampf . Dann keuchte er : » Laßt mich leben , Herr ! Ich will es Euch ins Ohr sagen . « Gierig streckte Herr Heinrich den Hals . Und Laitzinger flüsterte am Ohr des Herzogs . Ein paar Worte nur . Erschrocken wich Herr Heinrich zurück . Und während er sprachlos stand , war Entsetzen in seinen Augen . Den Arm des Kahlköpfigen umklammernd , stammelte er : » Nikodemus ! Ich bin nicht der übelste der Menschen . Es gibt noch Dinge , die auch mich empören . « Mit jagendem Schritt verließ er die Stube . Und eilte durch den kahlen Gang zu einer Türe , vor der zwei Harnischer auf Wache standen . Als er im Geklirr seines Stahlkleides den kleinen dämmerigen Raum betrat , der von einer verschleierten Ampel nur matt erleuchtet war , erwachte der schlafende Knabe . Der Herzog riß ihn aus den Kissen und schüttelte heftig das feste , gesunde Körperchen . » Du ! Du ! Wirst du mich auch einmal verraten ? « Er sah nicht das blasse Gesicht der Wärterin , sah nicht die Herzogin in ihrem Schreck . Nur immer die Augen seines Kindes sah er an , diese noch schlaftrunkenen und doch schon neugierigen Knabenaugen . Der kleine Hemdschütz wollte unter dem harten Griff der gepanzerten Fäuste ein bißchen greinen . Aber da erkannte er den Vater , lachte , schlang die Ärmchen um Herrn Heinrichs Halsberge und sagte munter : » Gut Nacht , Vatti ! Denk des Lllloys ! « » Ich denke ! « Herr Heinrich hielt an seiner eisernen Brust das Kind umschlungen . » Gott ! Schicke mir alles Üble , ich hab ' s verdient . Nur dieses Eine nicht ! Dieses Fürchterliche ! Daß mein eigen Kind mich verrät ! « Nun war er ruhig . Er küßte und , herzte den Knaben , schwatzte lustig mit ihm , huschelte ihn auf die Kissen hin und deckte ihn sorglich zu . » Schlaf , mein Jung ! Schlaf nur wieder ! Ich arbeite für dich . « Ohne der bleichen , zitternden Frau einen Blick zu gönnen , verließ er die Kammer . Als er wieder in die große Stube kam , legte er den Helm , das Schwert und den Mantel ab und ließ sich von Malimmes die Wehrstücke herunterschnallen . Dabei sagte er zum Laitzinger , der zitternd auf einem der dreibeinigen Stühle saß , weil ihn , seine Knie nicht trugen : » Deine Botschaft ist Gold geworden . Aber du hast nur halb geredet . Jetzt rede ganz ! Wieviel Helme kann der Vetter zu Ingolstadt noch aufbringen ? Wer steht noch zu ihm ? Wer ist in Ingolstadt ? « Der Laitzinger schätzte den Rest von Herzog Ludwigs Macht auf dreitausend Helme . Und zählte die Namen der fremden Herren auf , die nach Ingolstadt gekommen waren , um Ritterschaft zu suchen . Und nannte die Verbündeten , die dem Herzog mit Hilfstruppen zugezogen waren , nannte den Kaspar von Törring , den Hochenecher von Salzburg , den Bischof Engelmar und den Chorherrn Hartneid Aschacher von Chiemsee , den Fürstpropst Pienzenauer und den Ritter Lampert Someiner von Berchtesgaden . Der Herzog nickte heiter vor sich hin . Dann sah er ein bißchen verwundert den Runotter und den jungen Harnischer an . Doch um Erregung und Sturm in den Gesichtern seiner Leute pflegte sich Herr Heinrich nicht viel zu kümmern . Und was er in den Augen dieser beiden sah und im brennenden Gesicht des Malimmes , das deutete er als kriegsmännische Ahnung der Dinge , die jetzt kommen würden . » Ja , Leut ! « In seiner Stimme war ein fröhlicher Hohn . » Arbeit kommt . Die letzte . Dann wollen wir uns als friedsame Seelen des schönen Lebens freuen ! « Er wurde ernst und betrachtete den Laitzinger . » Du ! Man wird dich speisen und kleiden , wird dich ruhen lassen , bis du nimmer zitterst . Ich schenke dir als Botenlohn einen Waldhof im Innviertel , mit Knechten , Vieh und Feldern . Morgen wird man dich hinbringen . Dort lebe ! Ich mag dich nimmer sehen . Fort mit ihm ! « Er wandte sich von den Harnischern , die den Laitzinger aus der Stube führten . Und lachend faßte er den Kahlköpfigen an der Schulter . » Nikodemus ! Dieser andere ist der Starke . Ich bin der Kleine , bin seine Laus . Aber bei ihm ist Verrat und Dummheit . Bei mir das Glück . « Herr Heinrich und Nikodemus arbeiteten bis zum Morgen . Als die Sonne kam , jagten sieben berittene Boten davon . Und während der folgenden Wochen verließ an jedem Abend ein kleiner Trupp von Harnischern , die den Landfrieden bewachen sollten , oder ein Häuflein von Spießknechten mit Armbrustern , Faustschützen und Troßwagen die Mauern von Burghausen . Alle Leute erfuhren es : Das waren Hilfstruppen , die der Herzog Heinrich über Mühldorf , Landshut und Kehlheim nach Nürnberg schickte , um das Reichsheer mehren zu helfen , das der deutsche König wider die Hussiten in Böhmen rüstete . Als Führer dieser getrennt und auf verschiedenen Wegen marschierenden Kriegshäuflein wählte Herr Heinrich seine Verläßlichsten ; sie beschworen auf das Kruzifix die geheime Order , sich bis zum 12. September in der Nähe von Landshut zu halten , dann in Nachtmärschen auf versteckten Wegen an Freising vorbeizuziehen und sich zwei Tage vor Matthäi , am Abend des 18. September , in den Wäldern zwischen Dachau und dem Webelsbach zu sammeln . - - - König Sigismund war zu Nürnberg eingetroffen , erließ unter Androhung der Reichsacht ein neues Friedensgebot an die kriegführenden Herzöge von Bayern und beschied sie auf den 1. Oktober zu einem Fürstentag nach Regensburg . Hier sollten alle Gegner sich versöhnen und einen heilsamen Frieden beschwören , um Gott , der Kirche , dem Reich und dem König als deutsche Herren und fromme Christen zu dienen . Hundert Königsboten trugen dieses Geheiß durch die fränkischen , pfälzischen und bayerischen Lande , trugen es durch verödete Gebiete , an Verwüstung und Elend vorbei , an Brandschutt und Ruinen vorüber , zu allen Herzögen , Grafen , Baronen und Kirchenfürsten , zu Lehensherren und freien Städten , zu Burgen und Klöstern . Wie beim Sieben des Getreides der Staub und die Spelten durch das Gitter fallen , so rieselte eine kleingewordene Kunde dieser Königsbotschaft aus den Schlössern , Klöstern , Burgen und städtischen Ratsstuben herunter in die Bürgerhäuser , in die der Vernichtung entronnenen Hütten des Volkes . Durch jene Dörfer , die halb entseelt waren , aber doch mit unverbrannten Häusern noch auf der bayerischen Erde standen , ging ein Aufatmen der Hoffnung , ein froher Schrei des Glaubens an die Rettung . » Der deutsche König ist kommen und hilft den Bauren . « Um die Mitte dieses schönen , in milder Sonne leuchtenden September , in dem gar manche , mit Blut , Verwesungssäften und Asche gedüngte Blume ein zweitesmal blühen wollte , sah man viele , viele von diesen Königsgläubigen gegen die Donau wandern . Es waren Hunderte und Tausende , die den hilfreichen König sehen , zum deutschen König einen Schrei ihres Elends tragen wollten . Darbend , in Durst und Hunger , auf dem Rücken den mageren Binkel der Armut , in zermürbten Kleidern , die Gesichter von Not und Gram zerfressen , wanderten sie auf versteckten Wegen oder hielten sich aus Furcht vor den ritterlichen und gemeinen Straßenräubern am Tage verborgen und sprangen um so flinker in den milden , sternschönen Septembernächten . Wo zwei und drei und mehr von ihnen zusammentrafen , redeten sie unermüdlich vom deutschen König , wie hochgewachsen und schön er wäre , wie freundlich , leutselig und hilfreich , wie gerecht und stark ! Doch ein lützel ginge es auch dem König so wie den Bauern . Auch bei ihm wäre das bare Geld ein mageres Ding . Weil ihm die Fürsten und Pfaffen alles nehmen , was er hat . Wenn diese heimlich Wandernden so redeten , sagten sie nur selten : König . Fast immer sagten sie : Kaiser . Deutsch und König und Kaiser - das sind drei Worte , die zusammengehören . Mag der römische Papst Herrn Sigismund die Krönung verweigern und noch zehn Jahre lang seinen feilschenden Handel um die Kaiserkrone treiben ! Der deutsche König trägt sie . Ob der Papst sie ihm aufsetzt oder nicht . Als in einem Schwärme der Wandernden dieses Wort gesprochen wurde , nickte ein langer , magerer Bergbauer und sagte : » Was denn sonst ! « Seit dem Tode des Seppi Ruechsam hatte der Fischbauer von Hintersee diese drei kostbaren Weisheitsworte sich angeeignet , gleichsam als unverliehene Krone seiner Albmeisterwürde . Neben diesen Wanderzügen des Elends und der Sehnsucht sah man auch andere Schwärme reisen . Gauner , Gaukler und käufliche Weiber taten sich zu Erwerbsgenossenschaften zusammen , um unter dem Sonnenglanz des königlichen Hofes ihre Ernte zu halten . Die vornehmen Herren , die auf guten Gäulen ein flinkes Reisen hatten , brauchten sich nicht so frühzeitig auf den Weg zu machen . Dennoch brach Herr Heinrich schon am Abend des 14. September , sechs Tage vor Matthäi , von Burghausen auf . Er tat es leider den Rat seiner Ärzte . Die Erregung , die in ihm wühlte , hatte sein rätselhaftes Leiden , von dem er vor kurzer Zeit erst genesen war , wieder wach gemacht . Der Leibarzt beschwor ihn , seiner kostbaren Gesundheit zu gedenken und die Reise zu verschieben . Mit schnatternden Zähnen sagte der Herzog : » Wär ich du , so blieb ich im Bette . Wärst du ich , so würdest du reiten . « Am Morgen vor seiner Reise lag er in der Schloßkapelle drei Stunden im Gebet auf den Knien . Und erhob sich mit den Worten : » Gott soll ' s wollen ! « Er stiftete an diesem Tage drei ewige Messen : eine für die Schloßkapelle , eine für die Pfarrkirche von Burghausen , eine für das Münster von Raitenhaslach , wo seine zierliche Mutter Maddalena Visconti begraben lag . Und dieser Sparsame , der bei Feinden und Freunden den Namen der Filz hatte , verschenkte an diesem gleichen Tag erschreckende Geldsummen und kostbare Kleinode an Kirchen und Klöster seines Landes und an den römischen Stuhl . Am Abend , beim Anbruch der Dämmerung , begann er die Reise , als sein Stern , der Mars , wie eine feine , rötlich blitzende Nadelspitze schon am wolkenlosen Himmel stand . Sein Leibarzt und vier Diener begleiteten ihn . Zweihundert Harnischer und hundert berittene Faustschützen waren ihm Schutz und Gefolge . Kein Troßwagen ging mit . Pulver , Blei , Geldsäcke , Ersatz an Waffen , Zehrung , Zeltbedarf und Kleider waren auf hundertfünfzig Maultiere und Gäule gepackt , die zwischen den Harnischern und Schützen traben mußten . Dieser Zug , der nicht ausgerüstet war wie zu einer fürstlichen Prunkreise , sondern wie zu schwerem Gefechte , wurde vom Hauptmann Seipelstorfer und vom Schützenmeister Kuen geführt , der seit den heißen Tagen von Plaien große Brandnarben im Gesicht und an den Händen trug . Auch diese beiden kannten den Weg nicht , den Herzog Heinrich nehmen wollte , und waren der Meinung , es ginge nach Regensburg . Nur Nikodemus - der am 18. September die zwanzig Troßwagen mit den Hofkleidern , dem fürstlichen Prunk und einem großen Vorrat an gemünztem Golde nach Regensburg geleiten sollte - wußte um alle Wahrheit dieser verfrühten Reise . Gleich außerhalb des nördlichen Tores von Burghausen begann Herr Heinrich einen sausenden Trab . » Gnädigster Herr « , mahnte der Seipelstorfer , » ich mein ' , Ihr solltet um Eurer Gesundheit willen langsamer tun . Das Glück versäumt Ihr nicht . Das ist allweil mit Euch . « Der Herzog lachte und spornte den Gaul . Zwischen den Leibtrabanten , die hinter dem Fürsten waren , ritten Malimmes , Runotter und Jul . Als der Reisezug das Gehäng des Salzachtales überwunden hatte und zu freier Höhe kam , drehte Malimmes das Gesicht . Er sah die Mauern und Türme des herzoglichen Schlosses und den vom Balkengerüst umsponnenen Hunds-Törring gegen den stahlblauen Abendhimmel ragen . Bei einem Abschied für immer pflegen viele Menschen zu weinen . Malimmes lachte . Und sagte mit heiterem Hohn einen alten Vers : » Zwischen Ach , Elend und Grausen Liegt Burghausen . « Jul und Runotter hörten das nicht . Sie hatten auch keinen Blick für den lachenden Malimmes , hörten nur die Stimme , die unter ihren Kürassen redete , und hatten nur Augen für die noch in gelbe Helle getauchte westliche Ferne , der sie entgegenritten . Herr Heinrich trabte ohne Rast die ganze Nacht , neun Stunden lang . Hauptmann Seipelstorfer gewann schon in dieser ersten Nacht die Meinung , das wäre nicht der Weg nach Regensburg . Als er eine Frage stellte , sagte Herr Heinrich mit einem wunderlichen Gekicher : » Mein alter Seipelstorfer , laß du die Kinderfragen ! Kannst du dich nicht gedulden , bis ich rede , so bleibe neugierig ! « Als der Morgen hell wurde , gebot Herr Heinrich die erste Rast . Die Stelle schien vorausbestimmt ; drei Kundschafter mit abgehetzten Gäulen warteten hier , brachten Briefe und ritten wieder davon . Weit entfernt von der Straße in einem Buchenwald , der sich schon gelblich färbte , wurde Lager gehalten und das Zelt für den Herzog aufgeschlagen . Aus dem Sattel hob man ihn auf das Feldbett . Der Leibarzt mischte den Kühltrank und verbrauchte für die Waschungen eine reichliche Menge von Essig und Wohlgerüchen . Man schlief von zehn Uhr morgens bis zur fünften Nachmittagsstunde . Die Gäule grasten an den Pflockleinen . Als es dunkel wurde , brach man auf . Und so drei Nächte und drei Tage . Im Morgengrauen des 18. September erreichte Herr Heinrich , der während dieser letzten Nacht an drei kleinen , vorsichtig ziehenden Heerhaufen vorbeigeritten war , die Wälder zwischen Dachau und dem Webeisbache . Der Zug der Harnischreiter und Schützen mit den Troßtieren mußte lagern . Herr Heinrich ließ sich nicht auf das Feldbett heben , ließ sich nicht mit Essig waschen . Er blieb im Sattel . Nur den Becher mit dem Kühltrank schlürfte er gierig aus . Er befahl : » Heute darf kein Feuer brennen . Wer Rauch macht , den laß ich hängen . « Und obwohl ihm das steigende Fieber dunkelrote Flecken auf seine braunen Wangen brannte , ritt er mit dem Seipelstorfer und sechs Trabanten davon . Unter diesen sechsen waren die drei Ramsauer . Ehe die Sonne heraufstieg , kam der kleine Trupp zu einem Waldsaum , von dem man hinuntersah in ein langes und breites Bachtal . Auch hier die schwarzen Kohlflecken niedergebrannter Dörfer . Durch das Tal bachab und bachauf war nirgends ein Mensch zu sehen . Das Wiesengras , das man nicht eingeheut hatte , stand hoch und welkte . Auf den Feldern waren Weizen und Hafer vom Hochwild durchwatet und niedergetreten . Viele Rudel sah man ; bei einem stand ein Hirsch mit herrlich verästeltem Kronengeweih . Herr Heinrich , von jäh erwachender Jagdleidenschaft befallen , vergaß seiner Krankheit und verlangte nach seiner Armbrust . Doch als man ihm die Waffe reichte , hatte er die weidmännische Gier schon niedergerungen . Er lachte : » Wär ich jetzt der Kaspar Törring , so ließ ich meine Welt zugrunde gehen und schösse den Hirsch da drunten . Aber so kleine Läuse , wie ich eine bin , haben starke Seelen . Die bringen das Übermenschliche fertig . « Ein spitzes Kichern . » Das kostbare Gut meiner Münchener Vettern soll mir heilig sein . Heute . « Die Pferde wurden tief in den Wald gestellt . Ein alter Harnischer blieb bei ihnen . Die anderen sieben setzten sich am Waldsaum zwischen welkenden Weißdornstauden in das hohe Gras . Weil Herzog Heinrich immer nach Norden spähte , taten es auch die sechse , die bei ihm waren . Gegen die neunte Morgenstunde sagte Malimmes : » Weit da draußen seh ich den Staub eines großen Heerhaufens . « » Nüremberger ! « Die Stimme des Herzogs klang wie ersticktes Jauchzen . » Deine Augen sind Gold . Verlange von mir , was du willst . Ich geb ' s. « Das Gesicht des Malimmes spannte sich . Dann sagte er leise gegen den Herzog hin : » So verlang ich für mich den Gadnischen Ritter Lampert Someiner , wenn er morgen oder übermorgen gefangen wird . « In seltsamer Verwunderung sah Herr Heinrich auf . » Mensch ? Woher weißt du ? « » Aber , Herr ! Man ist doch kein Hammel , der die Blumen erst schmeckt , wenn sie verschluckt sind . « Lachend nickte der Herzog und spähte wieder in die nördliche Ferne , in der die Staubwolke deutlicher wurde . » Der Mann ist dein . « Er zitterte heftig , und immer heißer brannte das Fieber auf seinen Wangen . Hauptmann Seipelstorfer guckte verdutzt den Fürsten an , stellte aber keine Frage . Und Runotter , mit den Fäusten den Schwertgriff umklammernd , hatte um den harten Mund ein ruhiges Lächeln ; nichts anderes sah er als die graue , wachsende Wolke in der Ferne . Er hörte auch nicht an seiner Seite diesen mühsamen Atemzug , der wie das zerbissene Stöhnen eines unerträglichen Schmerzes war . Nur Malimmes vernahm diesen Laut . Mit ein paar flinken Sätzen sprang er zu Jul hinüber , ließ sich neben dem gebeugten Buben nieder und legte ihm den Arm um die Schultern . Jul beugte das Gesicht noch tiefer gegen die stahlgeschienten Knie . Da rüttelte ihn Malimmes und flüsterte : » Eine Nacht und einen Tag noch ! Und du leidest nimmer . Oder wir alle liegen da drunten im Dachauer Moos . So oder so , die Ruh finden wir allweil . « Langsam hob Jul das Gesicht . Malimmes erschrak vor diesen irrenden , von Gram und Sehnsucht verbrannten Augen und preßte ungestüm mit seinem eisernen Arm das junge Menschenkind an sich , das kränker an seiner Seele war als Herzog Heinrich in seinem Fieber . Einer von den Trabanten sah die beiden spöttisch an , gab seinem Nebenmann einen Puff mit dem Ellbogen und zwinkerte gegen Jul und Malimmes hin . In der näher kommenden Staubwolke , deren graue Schleier über die Wiesen und Felder auseinanderflossen , war schon das Waffengefunkel der Reiterschwärme zu erkennen ; bald sah man einzelne Banner , unterschied die langen Klötze des geschlossen marschierenden Fußvolkes und den endlos scheinenden Schwanz , den hinter dem mächtigen Heerhaufen die Troßwagen bildeten . Herr Heinrich , dem die Zähne schauerten , beugte sich kichernd gegen den Hauptmann Seipelstorfer hin . » Jetzt frage , wo Regensburg liegt ! « » Herr ? « » Weißt du noch immer nicht , wer da kommt ? Eine große , große Maus . Die hungrig ist , aber das Schlageisen nicht wittert . Gott ist gerecht , lieber Seipelstorfer ! Da drunten zwischen dem Dachauer Moos und dem Haspelmoor ? Weißt du , was da den starken Loys erwartet ? Die Vergeltung für Marzoll und Piding . « Der Herzog lachte . » Und der da drunten hat keinen Galgenvogel , der morgen in fünfthalb Stunden vom Dachauer Moos nach Ingolstadt reitet . « Mit leisen Worten , die immer langsamer wurden , sprach er vor sich hin : » Er ist klug , dieser starke Loys ! Sehr klug ! Aber die Schwachen sind zuweilen noch klüger . Und Krüppel gibt es , die zu hilfreichen Vipern werden . Was sagst du , Seipelstorfer ? War das nicht ein feiner Gedanke des Loys : die Münchener Vettern zu zwicken , während die friedsame Laus von Burghausen nach Regensburg zum König kriecht ? « » Herr ? « fragte der Seipelstorfer unwillig und deutete gegen den von Staubwolken umdampften Heerhaufen . » Wissen das die Fürsten zu München ? « Lächelnd schüttelte der Herzog den Kopf . » Die schlafen den Schlaf der Biederen . Sie werden erwachen heut nacht , derweil sie von Frieden träumen . « Er kicherte in einem Schauer seines Fiebers . » Der Wessenacker - der Beste , den der Loys noch hat - ist gestern am Abend mit siebenhundert Gäulen da drunten durchgezogen . Jetzt liegt er an der Würm . Wenn der Abend dunkelt , wird er München überrumpeln . « Seipelstorfer sprang erschrocken auf und rief : » Einen Boten ! Einen flinken Boten ! Malimmes - « Da faßte ihn der Herzog , dessen brennendes Gesicht sich verzerrte , mit krallender Faust am Saum des Waffenrockes . Der Hauptmann wollte reden . Doch beim Anblick der zornglühenden Augen seines Fürsten verstummte er . Und Herr Heinrich zog an dem Waffenrocke , bis der Seipelstorfer sich wieder ins Gras setzte . » Du ? Bist du ein Kind ? Ich denke , du bist ein Mann ! Und der meine ! Da solltest du rechnen können . Für deinen schwachen Herrn . Ein geschröpftes München ist mir tauglicher als ein blutstrotzendes , das mir den Ellbogen und die Lende bedrückt . Grob werden sie dreinschlagen , diese biederen Münchener , heute nacht , wenn sie aufwachen aus ihrem friedlichen Bierschlummer . Aber Blut werden sie lassen . Und der starke Loys wird an Mark und Knochen verlieren . Sehr merklich . Und dann klopfen wir ihm den müden Rücken . « » Gnädigster Herr ! Das wird Euch der König übel vermerken . « » Meinst du ? Ich glaube , es gibt für seinen Groll ein beruhigendes Pflaster . Herr Sigismund ist wieder in der Klemme . Ich will ihm dreißigtausend Dukaten borgen . Die reisen heute von Burghausen nach Regensburg . « Herr Heinrich wollte lachen . Aber da machte er plötzlich mit dem Oberkörper einen sonderbaren Tunker gegen den Boden hin . Erschrocken griff der Hauptmann mit beiden Händen zu , und auch Malimmes sprang zu dem Fürsten hin . Der Herzog hatte sich schon wieder aufgerichtet . Mit der Hand wehrte er die Besorgten von sich ab . Seine Augen hatten den ziellosen Blick eines halb Bewußtlosen , doch seine Stimme klang fest und ruhig : » Seipelstorfer ! Paß auf ! Am Abend wird der Loys da draußen sein Lager machen , vor dem schmalen Hartboden , der zwischen dem Haspelmoor und dem Dachauer Moos gegen Bruck und Alling zieht . Da wird er warten , bis ihm von München her vier Feuersäulen künden , daß die Stadt genommen ist . Manches wird gehen , wie Gott will . Eins wird kommen nach des Teufels Wunsch . Zuweilen ist er hilfreich . Dieser Böse ! Die vier Feuersäulen werden brennen um die zehnte Abendstunde . Ein süßes Kinderherz wird sorgen dafür . Und rückt der Loys in der Nacht mit seinem Haupthaufen in den festen Landsack zwischen den Sümpfen hinein , so sperrst du am Morgen der Rückweg . Hast du verstanden ? « » Herr ? « fragte Seipelstorfer ratlos . » Mit unseren dreihundert Gäulen ? « Der Herzog , der wieder taumelig wurde , antwortete heiter : » Wenn es dämmert , stehen im Wald zwischen Dachau und dem Webelsbache dritthalbtausend von meinen Helmen . « Er schloß die Augen und tastete mit der Hand . » Den Kühltrank ! Meinen Kühltrank muß ich haben . « Weil er ins Gras zu rollen drohte , hoben der Hauptmann und Malimmes ihn auf und stützten seine tappenden Schritte . Lallend , doch immer noch mit einem Klang von Lustigkeit , sagte er : » Jetzt wird sich mein Leibarzt freuen , weil er recht behält . Ich muß ins Bett . « Als man ihn durch den Wald zu den Gäulen führte , versagten ihm die Knie . Mit erlöschenden Sinnen befahl er noch : » Mein gesunder Galgenvogel soll mich tragen . « Dann schwanden ihm die Sinne . Bis zum Abend lag Herr Heinrich bewußtlos in seinem Zelte . Als es zu dämmern anfing , flüsterte Jul , der mit drei anderen die Wache hielt , dem Malimmes mit heißem Betteln zu : » So hilf ihm doch ! « Der Söldner schwieg ; er nahm nur das blanke Eisen von der rechten Armbeuge in die linke . Bei Anbruch der Dunkelheit wurde es laut und lebendig im Wald . Die Harnischer und Spießknechte , die vor vielen Tagen von Burghausen aufgebrochen waren , begannen sich zu sammeln , wie es Herr Heinrich befohlen hatte . Sie waren verstärkt durch Kriegshaufen , die von Landshut und anderen Städten und Burgen des Herzogs kamen . Ohne Feuer verbrachte das Heer die Nacht . Nur im Zelte des kranken Fürsten flackerte das Kerzenlicht , während der Leibarzt , das Übelste besorgend , den Fiebernden aus seinen Delirien zu wecken suchte . Der Herzog schwatzte wirre Worte , die sehr heiter klangen , lachte und kicherte , stieß mit den Füßen wie beim Reiten , und gleich einem Kämpfenden schlug er mit der rechten Faust gegen einen unsichtbaren Feind . - - - Zu Beginn der gleichen Nacht brach Herzog Ludwigs Hauptmann Wessenacker mit siebenhundert Gäulen bei Planegg aus den Wäldern an der Würm heraus . Durch stille Dörfer , die unter dem Schutz der nahen und starken Hauptstadt von schweren Kriegsschäden bisher verschont geblieben , und über abgeerntete Wiesen und Felder jagte die klirrende Reitermasse auf das schlafende München zu . Ein feiner , schwarzer Schattenriß , hundertfältig ausgezähnelt , heben sich die Basteien , Mauern , Dächer und Türme der Isarstadt gegen den mit funkelnden Sternen besäten Himmel . An vielen Stellen ist dieses Schattenbild unruhig überschimmert vom Schein der Pfannenfeuer , die bei den Toren und über den Zinnen der Wachtürme brennen . Gleich einem Murmellied von vielen Stimmen gaukelt das Rauschen der Isar durch die stille Nacht und übertönt den Hufschlag der Pferde . Kleine Häuser und Hütten , die schon dunkel sind , stehen vereinzelt unter Stauden und Bäumen am Ufer des breiten Stromes , in dem die weißen Kiesbeete wie mächtige Linnenstücke schimmern . Mit dem Rauschen des Wassers mischt sich das Fauchen des kräftigen Nachtwindes , der kühl aus den Bergen kommt und die ersten welken Blätter von den Bäumen schüttelt . Im Wehen dieses Windes tönt von der Stadt ein verschwommener Hall , zehn Schläge einer großen Glocke . Bei den Holzhöfen zwischen dem Glockenbach und der Isar klingen ein paar Männerstimmen . Hier sind zu dieser späten Stunde noch Menschen bei der Arbeit , heitere Menschen . Sie lachen , sie schwatzen lustig . Eine Jünglingsstimme trällert einen kecken Vierzeiler . Es sind Oberländer Flößer , die sich auf der Fahrt versäumten und ihre Flöße noch festlegen wollen . Nun steigen sie schwatzend über die Böschung des Ufers herauf , um die Herberge zu suchen . Verwundert gucken sie die vielen Reiter an , die neben dem Glockenbach aus den Sätteln springen . Freundlich grüßen sie : » Gut Nacht , ihr Herren ! « Das ist das letzte Wort ihres fröhlichen Lebens . Ein Klingen von Eisen , klatschende Schläge , wehes Stöhnen und ein gräßlicher Schrei . Fünf blutende Körper rollen über steiles Ufer in das rauschende Wasser hinunter . Hundert Reiter sind abgesessen . Zwei Feldbüchsen , unter deren Gewicht die Saumtiere gekeucht hatten , werden abgeladen und hastig aufgeholzt ; ihre kopfgroßen Kugeln sollen Bresche in das Tor schießen ; vierzig Gepanzerte spannen sich an die Zugstränge . Und Hauptmann Wessenacker sprengt von einem Reitertrupp zum andern und verteilt die Befehle zum Sturm auf das Angertor , das er für den Handstreich wählte , weil es unter den Toren Münchens das älteste und schwächste ist . Da sieht er in der Gegend , aus der die siebenhundert gekommen waren , eine grelle Feuerröte gegen den Himmel steigen . » Teufel , was ist das ? « Und dort , gegen Pasing hin , steigt eine zweite Feuersäule auf ! Eine dritte ! Eine vierte ! Im Milchwinkel der Hauptstadt München brennen die Dörfer Germaring , Gauting , Pasing und Aubing . Wer hat den roten Hahn auf diese Hunderte von Dächern gesetzt ? Ein feindlicher Zufall ? Oder haben wider den strengen Befehl des Wessenacker die Nachzügler das Sackmachen und Brandschatzen schon vor dem Sieg begonnen ? Oder ist Verrat im Spiel ? Der Hauptmann zittert vor Wut und findet in dieser brennenden Gefahr keinen Rat . Diese vier verfrühten Feuersäulen können für Herzog Ludwig zu einem bösen Irrtum werden . Sie lügen ihm vor , daß München genommen ist . Und der Ingolstädter Haupthaufe rückt sorglos in den schmalen Landsack ein , der zwischen den weglosen