ihm doch ein Denkmal setzen , welches ihn genau so gibt , wie ich ihn in diesem Augenblick empfinde - - als Seele ! « » Das können wir ! « antwortete ich . » Wirklich ? « fragte er . » Ja ! Das können wir , und das werden wir ! « » Unmöglich ! « » Warum unmöglich ? « » Ihn als Seele zu zeigen ? In Erz , in Marmor oder in sonstigem Gestein ? « » Nicht in Erz und nicht in Stein ! Und doch höher und herrlicher ragend als die steinerne Gestalt , welche sich auf dem Mount Winnetou erheben soll ! « » Ich verstehe dich nicht ! « » Du wirst mich verstehen . Vielleicht schon morgen . Komm ! Setze dich ! Ich habe dir noch mehr zu zeigen . « Er folgte dieser Aufforderung . Da erhob Kolma Putschi sich von ihrem Platze . Sie hatte ihr erstauntes Schweigen bis jetzt beibehalten ; nun aber sagte sie , sich an mich wendend : » Old Shatterhand hat gesiegt , wie immer . Doch nicht allein . Sondern mit seinem Freund und Bruder Winnetou . « Bei diesen Worten deutete sie auf das Bild und fuhr dann fort : » Freilich , einen solchen Winnetou bringt weder Young Surehand noch Apanatschka fertig ! Ich gehe jetzt . Ich werde deine Einladung zum Mittagessen überbringen , und ich hoffe , sie stellen sich ein , die du zu sehen wünschest . Würdest du ihnen deinen Winnetou zeigen ? « » Wenn sie ihn zu sehen wünschen , ja . « » So lebt wohl ! Ich wußte bisher nicht , daß es Bilder gibt , die mächtiger und eindringlicher predigen , als Worte predigen können ! « Sie ging . Ja , sie hatte bisher nicht geahnt , welch eine Sprache die wahre Kunst besitzt . Ich aber wußte es . Und darum hatte ich ihr dieses Bild gezeigt , für dessen Stimme in ihrem Herzen die tiefste Resonnanz zu hoffen war . Sie hatte ihn ja persönlich gekannt , den es darstellte . Sie hatte ihn verehrt und geliebt . Und sie hatte es ihm zu verdanken , daß ihr einst so freudeloses Leben eine so unerwartete Wendung zum Glück genommen hatte . Da konnte sein Bild ja ganz unmöglich ohne Wirkung auf sie sein . Und diese Wirkung nahm sie jetzt mit sich heim . Meine Strenge war berechnet , und ich erwartete , daß diese Rechnung stimmen werde . Als sie sich entfernt hatte , begann Tatellah-Satah : » Ich komme , um dich über deine Höhlenforschung zu hören und dir sodann die Bibliothek zu zeigen , aus welcher die Karte gestohlen worden ist . Doch sprechen wir vorher erst über dieses Bild . Hast du vielleicht nur dieses eine ? Dann darf ich den Wunsch nicht aussprechen , den ich hege . « » Ich besitze mehrere . « » So bitte ich dich , mir eines davon zu schenken ! « » Nimm dieses hier ! Es ist dein ! « » Ich danke dir ! Ist es nicht sonderbar , daß Old Shatterhand immer der Gebende ist , so oft er zu seinen roten Brüdern kommt ? Was er von ihnen bekommt , ist wenig , denn sie sind arm . Was aber er gibt , das sind innere Reichtümer , für die es keine äußere Bezahlung gibt . Wenn ich in dieser Weise von Old Shatterhand spreche , so meine ich ihn nicht allein , sondern das Bleichgesicht überhaupt , dem wir von jetzt an nur noch Gutes zu verdanken haben werden . Glaubst du , mit diesem Bild die Gegner zu besiegen ? « » Nicht mit Winnetous Bild , sondern durch Winnetou selbst . Das Bild soll nur der Schlüssel sein , der mir die Herzen und das Verständnis öffnet . Während die da unten am Schleiersee am Monumente bauen , lasse auch ich bauen . « » Was ? « » Auch eine Figur , eine Winnetoufigur . Aber unendlich größer , schöner und edler , als sie je ein Künstler herstellen könnte . « » Und wer baut sie ? Du ? « » Ich ? O nein ! Wenn kein Künstler das vermag , so vermag ich es doch noch viel weniger ! Der Baumeister , der Bildhauer ist Winnetou selbst ! Und sein Werk ist ein Meisterwerk . Es ist schon vollendet . Ich brauche es nur aufzustellen . « » Wo hast du es ? « » Hier , im Nebenzimmer . Ich grub es aus . Am Nugget-tsil . Es ist sein Vermächtnis . Es sind die Manuskripte , welche er schrieb . Laß also die Surehands und die Apanatschkas da unten am Wasserfall bauen ! Wir bauen auch ! Hier oben , bei dir , im Schlosse . Wessen Bau eher fertig wird und welcher der wertvollere ist , das wird sich finden ! Ich bitte dich um die Erlaubnis , morgen ein Mittagessen zu geben . Punkt zwölf . Ich ließ Old Surehand und Apanatschka durch Kolma Putschi laden . « » Uff ! Die kommen nicht ! « » Sie kommen ! Denn ich ließ ihnen sagen , daß ich , falls sie mich durch Absage beleidigen , die Kugeln sprechen lassen werde . « » So kommen sie ! « » Ich lade alle deine Häuptlinge dazu . Auch Athabaska und Algongka , Wagare-Tey , Avaht-Niah , Schako Matto und andere . Nur dich nicht . Denn du hast höher zu stehen , als alle die welche ich nannte . « » Tue , was dir beliebt ; Du weißt , daß du Herr hier bist . Sag ' Intschu-inta alles , was du brauchst , besonders die Speisen , welche du wählst . Er wird dir alles besorgen . Darf ich fragen : Wozu dieses Mittagessen ? « » Erstens , um Old Surehand und Apanatschaka herbeizuzwingen . Zweitens und hauptsächlich aber , um mit diesen Häuptlingen allen das zu bilden , was die Bleichgesichter als einen Lesezirkel bezeichnen . Sie haben täglich des Abends hier oben im Schlosse zu erscheinen . Du übernimmst den Vorsitz , und ich lese vor , was Winnetou geschrieben und allen roten , weißen und anderen Menschen hinterlassen hat . « » Uff , uff ! Vortrefflich , vortrefflich ! « rief der » Bewahrer der großen Medizin « aus . » In diesen Papieren ist sein Geist und ist seine Seele enthalten . Während ich lese , tritt aus ihnen seine klare , reine , edle und wahrhaft große Persönlichkeit hervor . Im Innern des Zuhörers bildet sich die seelische , also die wirkliche , die wahrheitstreue Figur meines und deines Winnetou . Und wer diese in sich fühlt , wer sie geistig gesehen und begriffen hat , der ist für das Komitee und für Mr. Okih-tschin-tscha alias Antonius Paper verloren . Stimmst du mir bei ? « Er reichte mir die Hand und sprach : » Ich bin von ganzem Herzen einverstanden ! Zwar kenne ich das , was unser Winnetou geschrieben hat , nicht wörtlich , aber er hat mich oft einen Blick in diese Gedanken tun lassen , und so vermute ich , daß der von dir vorgeschlagene Weg wahrscheinlich ohne häßlichen Kampf zum Frieden führt . Also , ich bin einverstanden . « » So nimm dein Bild , und erlaube mir , dir noch ein zweites zu zeigen . « Ich gab ihm das erstere und steckte einen großen Abzug von Marah Durimeh an dessen Stelle . Kaum sah er diesen , so erhob er sich von seinem Sitze und rief aus : » Wer ist das ? Bin das ich ? Ist das meine Schwester ? Ist es meine Mutter ? Oder eine Ahne von mir ? « » Es ist Marah Durimeh , von der ich dir noch viel erzählen werde . « » Du sagst Marah Durimeh . Ist das gleichbedeutend mit unserer Königstochter Marimeh ? « » Ja ; doch davon später . Da wir einmal hier bei den Bildern sind , zeige ich dir noch ein drittes . « Ich steckte neben Marah Durimeh einen Abzug von Abu Kital an die Wand . Es war ein ganz eigentümlicher Eindruck , den dieses Porträt auf Tatellah-Satah machte . Er sah es starr an , schloß hierauf die Augen , dachte nach und sagte dann , ohne die Augen zu öffnen : » Den kenne ich ! Den hat mir Winnetou beschrieben . Und dabei sagte er mir , er habe diese Beschreibung von dir ! Das kann nur der Gewaltmensch sein , dessen bloßer Anblick schon dem Herzen wehe tut ! Du hast ihn Abukal genannt . « » Richtig ! Nur der Name ist falsch . Er heißt Abu Kital , nicht Abukal . Ich habe mit Winnetou oft über ihn gesprochen . « » Ich kann ihn nicht ersehen , bitte dich aber doch , ihn später einmal genau betrachten zu dürfen . « » Nimm ihn mit . Nimm auch Marah Durimeh mit . Du kannst sie beide behalten ; ich habe mehrere Exemplare . « » So schlage sie mir ein , und gib sie mir ! « Ich tat dies . Erst als er sie in der Hand hatte , öffnete er die Augen wieder und sprach : » Ich gehe ; ich nehme sie mit , alle drei . Sie halten mich und meine Gedanken fest . Ich bin ihr Gefangener . Nun fehlt mir für heut ' die Zeit , dir die Bibliothek zu zeigen . Ich werde es morgen tun oder später . Also , sprich mit Intschu-inta über alles , was du zum Mittagessen brauchst ! Ich gehe . « Es war ein eigentümliches Gefühl , welches er uns zurückließ . Unsere Photographien hatten gar nicht den Zweck gehabt , mit nach dem Mount Winnetou genommen zu werden , und nun schienen sie uns hier von Wichtigkeit zu sein . Für das Herzle aber gab es zunächst noch viel größere Wichtigkeiten , und es versteht sich ganz von selbst , daß sich diese alle auf das morgige Mittagessen bezogen . Die Einladung war von mir ausgegangen ; darum fühlte sie sich als Wirtin . Sie war der Ansicht , daß sie mit Intschu-inta den Speisezettel zu besprechen habe . Sie ließ also den riesigen Diener kommen . Das machte mir Spaß . Als er sich einstellte , gab er uns vor allen Dingen die Versicherung , daß von allem , was wir brauchten , Fleisch , Mehl und anderes , mehr als genug vorhanden sei . Das klang so tröstlich , daß das Herzle Mut bekam . Sie stellte ein Menü auf . Eine Suppe mit Schaumklößchen , Huhn , Fisch , Braten , Kochfleisch , Salat , süße Speise , Käse usw. Vor allen Dingen lag ihr sehr viel an einem Ragout von Wildbret und einem Flammeri von Gries mit Beerensauce . Intschu-inta hörte andächtig zu und nickte zu allem . Er hatte alles ; er wußte alles ; er kannte alles ; und er versprach alles . In Wahrheit aber wurde sein Gesicht immer länger und länger . Als sie die verschiedenen Gewürze erwähnte und dabei nach einer Peppermill27 fragte , versicherte er , daß mehr als zwanzig Stück vorhanden seien . Da strahlte sie vor Vergnügen . » Hörst du , es ist alles , alles da ! « jubelte sie . » Das wird ein Essen , mit dem ich Ehre einlege ! « » Liebes Herzle , willst du dir diese schönen Sachen nicht vielleicht erst einmal zeigen lassen ? « fragte ich . » Ja , das werde ich ! « antwortete sie . » Aber du darfst nicht dabei sein ! « » Warum nicht ? « » Ich brauche dich nicht ! Topfgucker verderben den Brei ! « » So gehe hin , und koche ! Meine Wünsche begleiten dich bis in die Küche ! « » Ich danke dir ! Leb ' wohl ! Ich komme bald wieder . « Sie entfernte sich froh-elastischen Schrittes . Intschu-inta folgte ihr . Aber ehe er ganz hinaus war , drehte er sich noch einmal um und warf mir einen derart hilflosen und verlegenen Blick zu , daß ich mir Mühe geben mußte , nicht laut aufzulachen . Nach einer Stunde brachte man mir das Abendbrot . Das Herzle ließ mir sagen , ich solle allein essen ; sie käme noch nicht . Nach wieder einer Stunde schickte sie Intschu-inta und gab mir durch ihn die Nachricht , daß sie noch zwei Stunden brauche , um fertig zu werden . Ich wollte ihn fragen , um näheres zu erfragen ; aber er verschwand so schnell , daß ich gar nicht zum Worte kam . Ich las in Winnetous Manuskripten . Als die zwei Stunden vorüber waren , erklang hinter mir von der Tür her die Stimme meiner Frau : » Geh ' immer schlafen , wenn du müde bist ! Ich habe noch längere Zeit zu tun ! « Ich drehte mich schnell nach ihr um , sah aber nur noch den Vorhang wackeln ; sie selbst war schon wieder fort . Ich wartete noch eine Stunde ; dann ging ich nach Winnetous Schlafzimmer und legte mich nieder . Wie lange ich geschlafen hatte , das weiß ich nicht . Da wachte ich auf . Ich fühlte ihre frische , gesunde Körperatmosphäre . Sie war da . Sie stand unter der Tür , die von meinem Zimmer nach der Wohnung von Winnetous Schwester führte , die jetzt die ihrige war . Ich räusperte mich . Da fragte sie : » Bist du wach ? « » Ja ; soeben erst aufgewacht , « antwortete ich . » Wie viel Uhr ist es ? « » Gleich drei Uhr . « » Und so lange warst du in der Küche ? « » Ja ; aber das ist gar keine Küche , sondern etwas ganz anderes , was ich dir am Tage zeigen muß . Es ist hier alles kolossal - « » Wie steht es mit der Schaumklößchensuppe ? « » Die gibt es natürlich nicht . « » Mit dem Wildbretragout ? « » Auch nicht . « » Mit dem Griesflammerie in Beerensauce ? « » Höre , ich glaube gar , du willst mich hänseln ! « » Und mit den zwanzig Peppermills ? « » Bitte , sei still ! Du bist ein höhnischer Charakter ! Ein abstoßender , unsympathischer Mensch , vor dem man sich in acht zu nehmen hat ! Ist das der Lohn dafür , daß ich mich so redlich plage , um deinem Mittagessen Ehre zu machen ? Bedenke doch : Neun Indianerinnen und vier Indianer in dem großen , riesigen Gewölbe , welches man hier als Küche zeigt ! Was haben die rennen , laufen und arbeiten müssen ! Und was werden sie noch zu arbeiten haben , bis das Essen beginnen kann ! Es wird großartig ! Ich backe sogar Pfannkuchen . Es ist alles dazu da ! Nun aber gute Nacht ! « » Auf wie lange ? « » Auf nur zwei Stunden . Bis fünf Uhr . Dann muß ich wieder fort . Alle dreizehn Personen sind wieder bestellt . « » Mein armes Herzle ! « » O bitte ! Hier gibt es gar nichts zu klagen ! Ich fühle mich unendlich glücklich , für so viele und so berühmte Indianerhäuptlinge kochen , braten und backen zu dürfen ! Niemals hätte ich mir das träumen lassen ! Also , gute Nacht ! « Sie zog sich in ihre Wohnung zurück , und ich schlief wieder ein . Als ich erwachte , war es schon später Morgen , und auf meiner Decke lag ein vom Herzle geschriebener Zettel , dessen Zeilen folgendermaßen lauteten : » Ich bin seit 5 Uhr munter . Es geht alles prächtig . Das Essen wird großartig . Du kannst schlafen bis halb 12. Da komme ich , dich zu wecken . Mit dem Speisesaal bin ich fertig ; er steht bereit . Solltest du eher aufwachen , so inspiziere ihn , ob vielleicht etwas fehlt . Ueber die Gäste haben wir nichts Bestimmtes besprochen ; darum habe ich an deiner Stelle alles eingeladen , was Häuptling heißt . Ist das ein Fehler ? Zu essen haben wir genug . Es gibt sogar chinesischen Tee aus gerösteten Erdbeerblättern und einen ganzen Haufen Corn-Salad aus wildgewachsenen Rapunzeln . Dein Herzle . « Das war so echt Klara ! Alle Sorge nimmt sie mir ab . Ich soll womöglich nichts weiter tun , als essen , trinken und schlafen , damit ich so lange wie möglich lebe . Ich stand schnell auf und rief nach Intschu-inta . Als er kam , teilte er mir mit , daß zwei Weiße da seien , die seit einer Stunde auf mich warteten . » Zwei Weiße ? « fragte ich . » Ich denke , es ist Weißen verboten , hierher zu kommen ! « » Sie sind Freunde von Okih-tschin-tscha . Der hat es ihnen erlaubt . « » Ah so ! Haben sie ihre Namen genannt ? « » Ja ; sie sind Brüder und heißen Enters . « » Die kenne ich . Wo sind sie ? « » Noch im Hofe . Soll ich sie heraufbringen ? « » Nein . Ich gehe hinunter . Was tut meine Frau ? Wo steckt sie jetzt ? « » Noch immer in der Küche ; da gebietet sie wie eine Königin ; da strahlt sie wie eine Sonne , und da arbeitet sie wie das ärmste Weib eines Coyoteindianers . Sie hat heute früh eine Gehilfin bekommen , über die sie sehr glücklich ist . « » Wen ? « » Aschta , die unvergleichliche Frau Wakons , des berühmten Medizinmannes der Sioux . Diese hatte unten im Lager gehört , daß Old Shatterhands Squaw es übernommen habe , die Wirtin unserer heutigen Gäste zu sein , und ging sofort herauf zu ihr , um sie zu bitten , ihr helfen zu dürfen . Nun werden es zwei Wirtinnen sein , eine europäische und eine indianische , die sich vorgenommen haben , die Bedienung der Häuptlinge selbst zu überwachen . Doch schau , wer kommt da unten ? « Wir standen am Fenster . Er zeigte nach der Unterstadt . Dort war ein Zug von vielleicht hundert Indianern angekommen , in Leder gekleidet und wie es schien , sehr gut beritten . Welchem Stamme sie angehörten , konnten wir nicht erkennen . Sie hielten sich dort nicht auf , sondern wendeten sich nach der oberen Stadt . Eine hochgewachsene , stolz zu Pferde sitzende Gestalt ritt ihnen voran . Ich hatte keine Zeit , sie weiter zu beobachten , denn die Brüder Enters warteten auf mich . Als ich in den Hof kam , hatten sie sich , um möglichst wenig beachtet zu werden , in einen abgelegenen Winkel zurückgezogen . Hariman freute sich , mich zu sehen ; das war ihm anzumerken Sebulon war zurückhaltender , wie immer . » Ihr seid gewiß überrascht , uns hier zu sehen , Mr. Burton , « sagte der erstere . » Wir können keine langen Reden halten , denn niemand da unten soll wissen , daß wir mit Euch verkehren . Warum habt ihr Euch am dunklen Wasser nicht von uns sehen lassen ? « » Weil wir schneller fort mußten , als wir gedacht hatten , « antwortete ich . » Sind die vier Stämme noch dort ? « » Heut ' nicht mehr ; sie sind unterwegs . Sie kommen in drei Tagen hier an . « » Wie stark ? « » Ueber viertausend Reiter . « » Wo verstecken sie sich ? « » In einem fern von hier liegenden Tale , welches das Tal der Höhle heißt . « » Kennt Ihr es ? « » Nein . Wir werden es aber heut schon aufsuchen , um später zu wissen , woran wir sind . Die Hauptsache war , uns bei Euch anzumelden . « » Wie kommt es , daß man Euch zugelassen hat ? Man wollte doch keine Weißen hier dulden ! « » Wir waren an Mister Antonius Paper empfohlen . « » Von wem ? « » Von Kiktahan Schonka . Da ließ man uns passieren . « » Wo haltet ihr euch jetzt auf ? « » Eben bei Antonius Paper , dem Schurken ! « » Was ? Wie ? Schurke ? Wie kommt ihr dazu , ihn so zu nennen ? « » Weil er einer ist ! Wir kamen hierher , um ehrlich gegen ihn zu sein . Wir richteten alles an ihn aus , was uns von Kiktahan Schonka anvertraut worden war . Er tat , als sei er unser allerbester Freund . Er veranlaßte uns sogar , bei ihm zu bleiben . Dann aber belauschten wir ihn im Gespräch mit dem Agenten Evening , und da erfuhren wir , daß er der größte Schuft ist , den es geben kann . Denkt Euch , Mister Burton , wir beide sollen von Kiktahan Schonka , Paper und Evening ausgenutzt werden , ohne etwas dafür zu bekommen . Ja , noch schlimmer : Wenn man uns nicht mehr braucht , sollen wir auf die Seite geschafft werden und verschwinden . Ist so etwas zu denken ? « » Ich denke es mir nicht nur , sondern ich weiß es schon längst . Ich weiß sogar noch mehr . Nämlich Paper und Evening werden von dem alten Kiktahan Schonka ebenso betrogen wie ihr . Auch sie sollen verschwinden , wenn der große Streich gelungen ist . Die verbündeten Häuptlinge wollen nichts geben , sondern alles für sich behalten . « » All devils ! Da seid Ihr ja der einzige ehrliche Mensch , den es hier gibt ! Wir stecken mitten zwischen Lügnern und Verrätern ! Gebt uns guten Rat , Mister Burton ; wir brauchen ihn ! « Was ich ihnen riet , versteht sich ganz von selbst . Sie sollten bei Paper bleiben , die Augen offen halten und mir alles mitteilen , was sie beobachteten . Das weitere würde sich dann finden . Als sie fortgingen , war ich ihrer bedeutend sicherer als vorher . Doch ehe sie sich entfernten , fragte Sebulon in etwas zaghafter Weise : » Darf ich erfahren , wie es Mistreß Burton geht ? « » Ich danke , « antwortete ich . » Sie befindet sich sehr wohl . Sie spricht oft von Euch . « » Wirklich , wirklich ? « » Ja . Ich glaube sogar , sie hat Euch gern . « Da nahm sein Gesicht einen ganz eigentümlichen , glücklichen Ausdruck an , der alles Schlimme , was sonst von ihm zu denken war , vergessen ließ . Seine Lippen bewegten sich , als ob er noch etwas sagen wollte , doch wurde es nicht laut . Als sie zum Tore hinaus wollten , mußten sie zur Seite treten . Ein Reiter kam herein . Ich erkannte den hohen stolzen Mann , der den vorhin angekommenen Indianern vorangeritten war . Er beachtete die Brüder nicht , kam bis zu mir herangeritten , schaute mich an und sagte in kurzer , bestimmter Weise : » Noch sah ich dich nie ! Aber du bist Old Shatterhand ? « » Der bin ich , « antwortete ich . » Ich komme direkt zu dir , zu keinem Andern . Ich hörte , daß du hier oben wohnest . Daß meine Squaw bei der deinen sei . Ich kam soeben an . Ich bin Wakon . Ich bringe euch die auserlesene Jugend meines Stammes . « In seinem Gesichte strahlte die Freude des Erkennens . Er schwang sich vom Pferde und begrüßte und umarmte mich wie einen alten , sehr lieben und sehr werten Bekannten . » Ich bin dein Freund , « fügte er hinzu . » Laß mich dein Bruder werden . Zeig ' mir deine Squaw und auch die meine , damit ich beide begrüße ! « Ich hatte keine Ahnung , wo die sogenannte Küche zu suchen war . Zum Glück erschien in diesem Augenblick unser riesiger Intschu-inta , der uns nach der richtigen Stelle brachte . Das war im Parterre , hinter einer großen , offenen Halle . Man sah uns kommen . Da traten sie heraus , die beiden , die wir suchten : das Herzle die Aermel aufgeschlagen und die beiden Arme bis an die Ellbogen mit Teig beklebt , und Aschta , die Mutter , auch beide Aermel aufgeschlagen , die Arme aber glänzend von Backfett , Salatöl und ähnlichen guten Dingen . Wir lachten alle vier . Eine gegenseitige Berührung war unmöglich . Darum nahm die Begrüßung einen weniger intimen Verlauf , worauf wir beiden Männer unsere Frauen ihrem schmackhaften Berufe zurückgaben . Intschu-inta nahm das Pferd des Medizinmannes in Verwahrung . Ich aber hielt mich für verpflichtet , Wakon zunächst zu Tatellah-Satah zu führen . In seinem Hause angekommen , hörten wir , daß er sich in der Bibliothek befinde . Diese lag im zweiten Hause . Ich übergehe die Begrüßung dieser hochbedeutenden Männer , auch die sehr wichtige Konferenz und Aussprache , welche hierauf folgte . Dann geleitete Tatellah-Satah uns durch die sämtlichen Räume der Bibliothek und nach dem dritten und vierten Hause , wo wir den Tempel und die weit ausgedehnten Räume fanden , in denen die geheimnisvollen Zeugen vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende untergebracht waren . Eigentlich betrachten konnten wir nichts ; dazu war die Zeit zu kurz . Es handelte sich nur um einen schnellen , allgemeinen und nur orientierenden Blick auf alle die Reichtümer und Herrlichkeiten , von deren Vorhandensein die Angehörigen der außeramerikanischen Rassen gar nichts ahnten . Wenn ich » Winnetous Testament « veröffentliche , werde ich auf diese Räume zurückkommen und habe dann Zeit , ihrer so ausführlich zu gedenken , wie sie es verdienen . Eins nur will ich erwähnen . Nämlich wir sahen im Tempel die Riesenhaut des » längst ausgestorbenen Silberlöwen « , von welcher der Medizinmann der Komantschen im » Haus des Todes « gesprochen hat . Dieser Löwe war allerdings ganz bedeutend größer gewesen , als die jetzigen Pumas sind . Die Schrift war noch vorhanden . Daneben hing die Haut des großen Kriegsadlers , die von dem Medizinmann der Kiowa erwähnt worden war . Wir waren mit diesem unserem Rundgange noch lange nicht zu Ende , so mußte ich Tatellah-Satah bitten , uns für heut zu entlassen . Es waren nur noch Minuten , so mußten unsere Gäste erscheinen . Es gab da zwei Punkte , an die ich mit großer Spannung dachte . Der eine war , ob Old Surehand und Apanatschka erscheinen würden oder nicht . Hierauf kam sehr viel an . Der andere Punkt betraf das Mahl und das ganze Arrangement dieses sehr wichtigen , festlichen Empfanges . In letzterer Beziehung hatte ich mich auf Intschu-inta verlassen , der von Tatellah-Satah mehr als genügend instruiert worden war . Und in ersterer Beziehung war abzuwarten , ob wir uns mit den Künsten der roten und der weißen Küchensee blamieren würden oder nicht . Ich bat Wakon , mir beim Empfange der Gäste ebenso beizustehen , wie seine Aschta meinem Herzle im Backen und Braten Hilfe leistete . Er war gern einverstanden . Der Empfang fand nicht in demselben Raume statt , in dem später gegessen werden sollte , sondern in dem , wo die Platte mit den Friedenspfeifen stand . Kaum hatten wir uns da eingestellt , so kamen die ersten Gäste ; die anderen folgten schnell hinterher . Die beiden letzten waren - - Old Surehand und Apanatschka . Als sie eintraten , suchten sie mit den Augen nach mir . Sie sahen mich , und da brach alles , alles , was früher gewesen war , durch , und all der gegenwärtige Zwist war verschwunden . Sie eilten jubelnd auf mich zu , drückten mich wieder und wieder an sich und baten , sich zu meiner Rechten und Linken niedersetzen zu dürfen . Wie froh ich war ! Ich wußte nun mit einemmale , daß ich gewonnen hatte . Die Pfeifen wurden gefüllt . Ich hatte die Gäste zu begrüßen . Ich tat dies in kurzer , doch herzlicher Weise . Die Zeremonie des Rauchens braucht nicht beschrieben zu werden . Ein jeder antwortete . Als das vorüber war , galt es , den Hauptgegenstand des heutigen Tages in das Auge zu fassen . Eben wollte ich aufstehen und eine hierauf bezügliche Ansprache halten , da ging die Tür auf , und wer trat herein ? Tatellah-Satah , der » Bewahrer der großen Medizin « . Sobald sie ihn sahen , erhoben sich alle Anwesenden ehrerbietig von ihren Plätzen . Ich brannte schnell eine Pfeife an und gab sie ihm . Er tat die vorgeschriebenen sechs Züge der Begrüßung , gab sie mir wieder und sprach so kurz und prägnant , wie nur jemand spricht , der zu gebieten versteht : » Ich bin Tatellah-Satah . Ihr seid die Stimmen meines über alles geliebten Volkes . Ihr sollt erklingen , und ich will hören . Der edelste aller Männer dieses Volkes war Winnetou , der Häuptling der Apatschen . Ihm soll ein Denkmal werden . Was heißt das ? Der Gedanke Winnetou soll äußerlich Gestalt gewinnen . Einige von euch denken sich diese Gestalt von Erz oder Stein . Sie soll auf der kalten , einsamen Höhe des Berges stehen . Wir andern denken uns diese Gestalt von Fleisch und Blut , nicht tot , sondern lebend . Ein jeder , der zur roten Rasse gehört , soll ein Tropfen dieses warmen , edlen Blutes sein . Der Winnetou der Erstgenannten wird gehämmert , gemeißelt oder gegossen