ich die Hand , schickte ihn hinaus , tat einen Aufblick zur Höhe und wandte das Auge wieder zur Schrift . » Friede sei mit Dir , Johannes ! Ergib Dich drein ! Unser Kind ist ja geborgen - ruhet in des Ewigen Schoße . « - Damals freilich , als das Grausige geschah - als der kleine Johannes der Teufelsmette zum Opfer fiel ... doch das alles sollst du später hören . Einstweilen will ich nur sagen : Eine Mutter , die mit eigenen Augen zuschauen mußte , wie ihres Leibes Frucht dem Flammentode preisgegeben ward von wahnwitzigen Menschen - sie hat mit solchem Leid einen Dämpfer empfangen , der den Trieb ihrer Sinne , falls er hinfüro einmal unbändig werden will , zu beschwichtigen weiß . Nun aber laß mich der Reihe nach erzählen , wie das alles mit mir gekommen ist , seit ich Dich verlor . In Scham und Zittern hatte mich Dein jähzorniger Handel mit dem Ritter Zetteritz versetzt . Als man Dich fesselte und auf Deck schleppte , war ich versucht , hinterdrein zu stürzen und wie ein Raubtier um Dich zu kämpfen . Dann aber drückte ich hilfloses Weib die Hand auf mein wild Herze : » Stille , still ! und nicht den Kopf verloren ! Raserei kann hier nur schaden , Hilfe wird nicht ohne Besonnenheit erlangt . « Ich beobachtete den Zetteritz . Aufgebracht maß er den Schiffsraum mit großen Schritten und zischte mit höhnischem Lachen zwischen den Zähnen : » Hei warte nur , Tielsch , das sollst du mir büßen ! « Gar nicht schildern mag ich , welch wilde Drohungen er ausstieß . Besorgt , man könne Dich töten , sank ich dem Tobenden vor die Füße : » Erbarmen , Herr Ritter ; Ihr werdet edelmütig handeln . Habet mir ja angeboten , meiner Hilflosigkeit beizustehen . Nun erfüllet Euer Versprechen , so Euch wirklich an meinem Wohle gelegen . « Solch Flehen aus Frauenmunde machte den Ritter verwirrt , daß er mich aufhub : » Verzeihe die Jungfer Gräfin meine Wildheit ; aber dieser kecke Rebell ... « Da ich ihn bat , innezuhalten , mäßigte er sich : » Gebiete das Fräulein über mich . Soweit Sie für sich selbst etwas begehrt , bin ich Ihr Kavalier . Den Tielsch aber lasse Sie endlich aus dem Spiele . Danke Sie mir lieber , daß ich Sie befreiet von diesem lästigen Kommißhund . Sakrament , er soll Elbwasser schlucken wie eine versaufende Katze . « Und von neuem lief er wütend umher . Da überfiel mich Verzweiflung . Im Geiste sah ich Dich gefesselt in die Todesflut sinken , hilflos Entsetzen auf Deinem erbleichenden Angesicht . Ich schrie auf , und ein Toben kam über mich , das ich bisher nicht gekannt . Das Messer , so auf dem Tisch gelegen , zückte ich wider meinen Busen . Die Augen aufgerissen , stund Zetteritz vor mir , ohne mir in den Arm zu fallen , da er wohl besorgte , in meiner Raserei möcht ich ihm zuvorkommen und zustoßen . » Halt ! Besinnt Euch ! « rief er heiser . » Mein Blut über Euch ! « entgegnete ich und fühlte des Messers Spitze auf meinem Busen . Zetteritz machte ein ganz entsetztes Gesicht , streckte zitternde Hände aus und rief : » Ich begnadige den Tielsch ! Messer weg ! « » Hebet erst die Hand zum Schwur , bei Eurer Ehre schwöret , daß Ihr ihn nicht tötet ! « Er tat nach meinem Geheiß : » Bei meiner Ehre ! « Nun ließ ich das Messer fallen , atmete tief und sank auf die Bank . Da rief Zetteritz nach seinen Leuten , und ein paar Dragoner kamen von oben . » Tut das Messer weg und verweilet bei der Jungfer Gräfin . Ihr habet sie zu bewachen , daß sie sich kein Leides antut . Mit keinem Schritte darf sie auf Deck , und wenn sie nach dem gefangenen Rebellen fragt , daß mir keiner mit einem Wörtlein antworte ! Sonsten aber sind des Fräuleins Wünsche zu respektieren und mir zu melden , wie denn die Jungfer Gräfin als eine Person von Stand zu behandeln . « Zu mir wandte sich Zetteritz mit den Worten : » Wolle die Jungfer Gräfin bedenken , daß unser Kahn durch unsicheres Gebiet fährt , wo feindliche Parteien herumschweifen , die mit ihren Kugeln auf Deck leicht Schaden anrichten . Hier unten aber ist ein sicherer Ort . Drum hab ich befohlen , Sie solle diesen Raum nicht verlassen . « Höfisch neigte sich Zetteritz und ging . Da saß ich nun , zwar etwas beruhigt , doch sattsam in banger Unsicherheit . Durch Lauschen wollt ich erraten , was auf dem Deck vorging . Vernahm nur die dumpfen Ruderschläge , zuweilen das Wiehern der Pferde . Auf einmal scholl Hornsignal , und die Ruderschläge hörten auf . Über mir stampften die schweren Reiterstiefel , und bald darauf schienen Ruderschläge jenes kleine Boot , mittels dessen unsere Gefangennahme erfolgt war , vom Kahn wegzutreiben . Ich sprang auf und rief : » Was geschiehet meinem Gatten ? ich will es wissen ! « Doch die Dragoner griffen mich bei den Handgelenken , daß ich mich nicht rühren konnte . Hilflos hub ich zu weinen an . Eine Zeitlang blieb alles still . Dann hörte ich die Ruderschläge sich wieder nähern ; das Boot ward am Kahne befestigt , und am Stampfen über mir erkannte ich , daß seine Bemannung an Bord zurückkehre . Auf einmal knallte ein Schuß vom Ufer her . Sogleich hörte ich Zetteritz kommandieren , und dann gab man über mir mehrere Schüsse ab . Das Rudern ward wieder aufgenommen und beschleunigt . Die Dragoner bei mir hatten Worte gewechselt , aus denen ich entnahm , daß eine Partei Schweden auf unsern Kahn geschossen habe . Mir gereichte das Gefecht zum Troste , denn ich sagte mir : Zum Kundschaften ist das Boot benutzt worden , und so wird meine Sorge , man könne den Johannes weggeschafft haben , wohl unzutreffend sein . Beruhigten Herzens blieb ich bis zur Abenddämmerung an meinem Platze . Dann kam Zetteritz und hieß seine Leute , einen Verschlag neben der Kajüte für mich mit einem Strohlager versehen . Mich streifte sein scheuer Blick , und da ich wegen Johannes ihn befragte , wehrte er mit düsterm Schweigen ab . Man brachte mir eine Lampe , Speise und Trank . Ohne die Nahrung anzurühren , warf ich mich auf mein Lager , und da ich sehr erschöpft war , erbarmte sich mein der Schlummer . Erwacht , sah ich den Tag durch einen Türspalt in mein Kämmerlein lugen . Da ich keine Ruderschläge mehr vernahm , dachte ich mir , unser Kahn müsse gelandet und also wohl am Ziel sein . Flehend hub ich meine Hände zum Himmel : » Was wirst du heute über uns verhängen ? Darf ich mit meinem lieben Manne heute deine Güte erfahren , oder möchtest du uns noch länger prüfen ? Nun , wie du willst , dein Wille geschehe ! « So sprachen meine Lippen , das Herz wußte nichts von solcher Ergebung . Vielmehr suchten die Gedanken in banger Unrast nach Mitteln , mich und meinen Mann aus den Nöten herauszuwinden . Daß meine Jugendblüte Eindruck auf den Ritter gemacht hatte , konnte ich mir nicht hehlen . Sorgsam richtete ich mein Antlitz , Haar und Gewand für diese eitle Welt her . Wie ich nun aus dem Schlafraum trat , saß Zetteritz schmausend am Tische . Errötend stund er auf , neigte sich und lud mich ein , am Frühstück teilzunehmen . Auf den ersten Blick erkannte ich , daß er eine Schuld auf dem Herzen habe , und dieser Argwohn brachte mich in solche Erregung , daß ich meinen Blick in sein Auge bohrte und wie eine gereizte Tigerin losfuhr : » Wo ist mein Mann ? Was habt Ihr mit ihm getan ? « Da Zetteritz keine Worte fand , brach ich in lautes Weinen aus und schalt ihn ins Gesicht einen wortbrüchigen Kavalier . » Schweige Sie , Jungfer « , herrschte er mich an und stampfte mit dem Fuße : » was ich versprochen , das habe ich gehalten . Habe den Tielsch nicht ersäuft , wie er es verdient hatte , sondern an Land setzen lassen . « » Tückischer Jesuiter ! « schrie ich . » Das nennet Ihr begnadigen ? « Ich wollte noch weiter toben , doch er eilte an Deck , und die Dragoner vertraten mir den Weg , als ich nachstürzen wollte . Wiederum verfiel ich in Schluchzen und Klagen . Da ließ sich auf einmal eine gebieterische Frauenstimme vernehmen , und in die Kajüte hinunter stieg eine Frau in dunklem Sammetkleid , auf dem weißen Haar einen Federhut . Sie blickte groß und mild auf mich , und sprach streng zu Zetteritz : » Tu die Kerle weg ! « Worauf die Soldaten an Deck mußten . Und Zetteritz zog seinen Hut : » Wolle die Jungfer Gräfin hier meine Mutter begrüßen , die Edelfrau Katharina Zetteritz . Meine Mutter hat sich in Mechelnburg aufgehalten , und mit dem Kahn , drauf wir uns befinden , bin ich ihr entgegengeeilt , um sie vor den andrängenden Schweden zu sichern . « » Mein armes Fräulein , « sprach die edle Frau und griff nach meiner Hand ; » mein Sohn hat mir gebeichtet , wie übel er Euch mitgespielt , da bin ich nun resolvieret , kraft meiner Mutterwürde darauf zu halten , daß er seine rauhe Soldatenart zügele und als Edelmann den Willen eines hochedel geborenen Fräuleins erfülle . Euern Vater habe ich verehrt , und wenn er sprechen könnte , so würde er bestätigen , wie gern er sich der Freiin von Smiritzky entsinnt . « Nun herrschte die Edelfrau den Sohn an : » Laß unverzüglich das ganze Ufer absuchen , an dem der Gatte meiner Schutzbefohlenen ausgesetzt worden . Wir müssen alles tun , die voneinander getrennten Gatten wieder zu vereinigen . Seid getrost , Gräfin , harret in Geduld ! Zuvörderst will ich Euch Kleider aus meiner Truhe schicken . « Dankbar warf ich mich vor meiner Retterin auf die Knie und bedeckte ihre Hand mit Küssen . Sie zog mich empor , streichelte mein Haupt , drückte mich sanft auf die Bank und ging , von ihrem Sohne gefolgt . Gleich darauf hörte ich über mir ein Stampfen von Rossen , und durfte nun hoffen , daß Zetteritz dich suchen lassen wolle , teurer Gatte . Es dauerte nicht lange , so kamen Soldaten in die Kajüte und brachten eine Truhe . Dann erschien Frau Zetteritz , grüßte mich abermals , schloß die Truhe auf und suchte eine feine weibliche Tracht aus , worauf sie mich bat , mich einzukleiden und mit ihr einen Gang durch das Städtlein zu tun , damit ich mir die Sorgen aus dem Sinn schlage . Der Kahn sei am Ziel , in Wittenberge ; und nun werde die Rückfahrt nach Magdeburg unverzüglich beginnen , da der Nordwind tüchtig in die Segel blase . Nach meinem Gatten sei man schon auf der Suche . Der Gang durchs Städlein tat mir wohl . Bei unserer Rückkehr zum Kahn war man mit den letzten Zurüstungen zur Abfahrt beschäftigt . Ein Mast war aufgerichtet , bald blähte sich das Segel , und nun stießen Schiffer und Soldaten mit Stangen vom Ufer ab , während Ritter Zetteritz nebst seinem Leutnant Befehle gab . So schnell , wie wir vorher gefahren waren , ging es jetzo nicht , da wir ja gegen den Strom angingen . Immerhin kamen wir bei dem guten Segelwinde zu des Ritters Zufriedenheit vorwärts . Mehrfach wandte ich mich an Zetteritz mit der Frage , ob die Soldaten auch wirklich meinen Gatten ausfindig machen würden , und jedesmal ängstete es mich , daß er seine zuversichtlichen Worte durch die Miene scheuen Bedenkens Lügen strafte . Der Abend rötete den Himmel , als ein Hornsignal erscholl , und das Rudern eingestellt ward . » Unsere Leute ! « rief der Korporal , worauf der Steuermann den Kahn auf das havelländische Elbufer zusteuerte . In zitternder Spannung spähte ich zum Ufer , wo etliche Reiter nebst einem Hunde zwischen den Weidenbüschen erschienen . Meine Knie wankten , als ich von Dir , mein Johannes , nichts wahrnahm . An dem Angesicht des Ritters erkannte ich , daß auch er von Schrecken erfüllt war . Ich fühlte , wie ein Weinen mich anwandelte , da ich nun den Kopf zur Frau Zetteritz wandte und mit brechender Stimme sagte : » Sie haben ihn nicht , haben ihn nicht ... O weh , mein lieber Mann ! « Dann sank ich unmächtigen Geistes hin und kam erst wieder zu mir , als man mich in der Kajüte auf die Bank gelegt hatte und meine Schläfe mit Wein rieb . Mein erstes Wort war : » Mein Mann - warum hat man ihn nicht ? Was ist mit ihm ? « Frau Zetteritz suchte zu beschwichtigen : » Er wird ja wohl am Leben sein . Nur gefunden hat man ihn nicht . « » Aber warum suchen die Reiter nicht länger ? « rief ich vorwurfsvoll . Verlegen blickte Frau Zetteritz ihren Sohn an . Der starrete düster zu Boden und zuckte die Achsel . Dann sprach er kleinlaut : » Es ging nicht , bisweilen schwedische Völker durch das Brandenburgische streifen und unsere Leute zurückgejagt haben . « Frau Zetteritz fügte hinzu : » Drum so dürfet Ihr annehmen , Gräfin , daß Euer Gemahl bei den Schweden ist . « Diese Hoffnung blieb in der nächsten Zeit mein einziger Trost . Allerdings machte es mir Unruhe , daß die Dragoner auf alle meine Fragen nach dem , was ihnen beim Suchen begegnet sei , immer nur ausweichend , mit schweigendem Achselzucken antworteten und zu guter Letzt erklärten , sie hätten dem Ritter alles gemeldet und nichts mehr hinzuzufügen . Nach vielem Weinen in einsamen Stunden ergab ich mich in des Himmels Schickung und stellte ihm die Zukunft anheim . Wie nun Frau Zetteritz sahe , daß ich mich in mein Unglück gefunden , eröffnete sie mir eines Tages , sie habe bisher nicht die volle Wahrheit gesagt , weil sie mir nicht auf einmal einen so großen Schmerz habe antun wollen . Es sei kein Zweifel , daß der Verlorene nicht mehr unter den Lebenden weile ; eine Beute der Wölfe sei er worden . Von den ausgesandten Dragonern seien nämlich an der Stelle , wo man meinen Gatten ans Ufer gesetzt habe , die Reste eines Menschen gefunden , der von Wölfen zerrissen gewesen ; dabei seien die Kleidungsstücke gelegen , die mein Gatte angehabt . Zum Wahrzeichen habe ein Dragoner ein ledern Wams mit schwarzer Stickerei gebracht . Nachdem ich mich über diese Schreckenskunde ausgeweint , hat Frau Zetteritz mir das Wams gezeigt , und es war das Deinige , mein Johannes , wie Du es in den gemeinsam verlebten Schreckenstagen an Deinem Körper getragen hast . So deuchte mich nun gewiß , Du werdest mir nimmermehr auf Erden begegnen . Ich brauche nicht zu berichten , wie wir aus dem Magdeburgischen nach Altenhof in Böheim gereiset sind . Genung , ich folgte der Witfrau Zetteritz in ihr Haus und verblieb daselbst jahrelang als ihre Gefährtin und Helferin . Nach etlichen Monden kam mir ein wehmütig Glück , indem nun sichtbar war , daß ich in den kargen Stunden unserer Ehe gesegneten Leibes worden . Am 6. Hornung des Jahres 1632 hat mir Gott unser Knäblein , den kleinen Johannes , geschenkt , und der ist mir sowohl , wie auch meiner mütterlichen Freundin ein rechter Sonnenschein worden und die wenigen Jahre hindurch geblieben , so er in meinen Armen verlebte . O daß es mir dereinst noch vergönnt sein möchte , teurer Mann , Dir all die lieblichen Stunden zu schildern , da ich unseres Knaben Stammeln belauschte , da ich ihn gängelte und dann die ersten Male frei laufen sah , da sein lieblich Stimmlein singend mit meiner Stimme zusammenging , da wir jauchzend einander im Garten haschten und den Ball in die Lüfte warfen . Für jetzo darf ich nicht verweilen bei solchen Wonnen ; schon trüben Zähren mein Aug , indessen ich doch weiter schreiben muß . Zu bemerken wäre noch , daß Zetteritz sich vergebens bemüht hat , von Kaiserlicher Majestät ein Gnadengeschenk für mich zu erwirken ; denn es hat der Kaiser die Bitte nur unter der Bedingung erfüllen gewollt , daß ich zur papistischen Kirche mich bekehre . Solch Ansinnen hab ich abgelehnt , nicht bloß aus Treue für den Glauben , den mein teurer Vater mit seinem Märtyrertode besiegelt , sondern auch , weil mir die Lehren der Brüdergemeinde nahegekommen und dann gar lebendig ins Herze gepflanzt worden sind . Ein Gesuch , das ich an den Schwedenkönig richtete , kam zu spät , da dieser Held etliche Tage vorher auf dem Schlachtfelde von Lützen den Geist aufgegeben . Meine Armut ist mir insofern zum Segen gediehen , als Frau Zetteritz meiner Verheiratung mit ihrem Sohne widerstrebte , indem sie ganz offenherzig geltend machte , bei seinem geringen Vermögen müsse ihr Sohn eine begüterte Frau haben . Ich hatte nun guten Vorwand , die dargebotene Hand des Ritters abzulehnen . War gewillt , nicht mehr zu ehelichen , insonderheit nicht den Mann , durch dessen Verschulden mein Gatte ums Leben gekommen . Aber die Dinge änderten sich , als meine mütterliche Freundin unerwartet das Zeitliche segnete , und Ritter Zetteritz etliche Wochen später sein ererbtes Gut bezog . Da er mich jetzo des öfteren sah , entflammte aufs neue sein Herz , also daß er vor seinem Abschied unter Beteuerungen der Liebe in mich drang , einstweilen sein Haus zu verwalten , dann aber als Gattin ihm die Hand zu reichen . Ich wies ihn abermals zurück , wiewohl ich mich geneigt stellte , ihm als Schaffnerin zu dienen . Dabei beruhigte er sich , hoffend , die Zeit werde mich willig machen , und zog wieder in den Krieg . Hierauf hatte ich nur gewartet , entschlossen , sein Haus zu verlassen . Doch wohin mich wenden ? Dich hielt ich ja für tot , Verwandte hatte ich nicht mehr , und von Marianka war keine Spur zu finden . Wußte sonst niemanden , wo ich Zuflucht suchen konnte , als die Preislerin in Schreiberhau . Ging sie also brieflich an , mich bei sich aufzunehmen , damit ich vom Ritter Zetteritz nicht zu einer mir widerstrebenden Ehe gedrängt werde . Wenige Tage nachdem ich den Brief abgeschickt hatte , erhielt ich Botschaft , Zetteritz sei auf dem Heimwege und könne jede Stunde eintreffen . Unverzüglich raffte ich meine geringe Habe zum Bündel zusammen und wollte mit meinem Knaben eben aus der Wohnung gehen , als meine Magd meldete , es sei da ein Weib zu Pferd gekommen und habe Wichtiges mit mir zu reden . » Laß eintreten , « sagte ich , und es kam eine Jungfer , gut gekleidet , fein und schön von Antlitz und Gestalt ; hatte flächsern Haar und eine weiße Haut , jedoch , was selten dabei zu finden , kohlschwarze Augen ; die dunklen Brauen waren ob der Nase zusammengewachsen . Sie neigte sich und küßte mein Gewand ; sie komme von der Preislerin , sagte sie , mich nach Schreiberhau zu holen . Gab sich für eine Emigrantin aus , so glaubenshalber verfolgt , zu Schreiberhau ein ander Heim gefunden habe . Nannte sich Berthulde . Ungeachtet sie liebreich tat , entging mir nicht etwas Lauerndes , Wildes in ihrem Blicke . Doch ich beschwichtigte mein leis Mißtrauen , zumal sie alsogleich eine lebhafte Neigung für den Knaben zeigte . Als sie vernommen , es sei mein Kind , fragte sie , ob Zetteritz der Vater . » Nicht doch ! « entgegnete ich und konnte meinen Unwillen nicht ganz verhehlen . » Nichts für ungut , gnädige Gräfin , « bat die Jungfer ; » Ihr habt ja der Preislerin geschrieben , daß Ihr längst im Hause eines Ritters weilet , der Euch zum Weibe begehrt . Aber wollet mir sagen , wie Euer Knabe geheißen . « - » Johannes , « entgegnete ich . Da verschlang sie ihn mit lodernden Augen und nickte : » Wie sein Vater . « Ich stutzte : » Was weiß Sie denn von seinem Vater ? « Sie lächelte : » Ich habe nur sagen wollen , daß er seinem Vater ähneln muß , inmaßen die Frau Gräfin ja braune Augen und dunkles Haar , der kleine Johannes aber blaue Augen und güldene Locken hat . « Dabei kniete sie zum Kinde , schaute ihm zärtlich ins Gesicht und küßte es . Lieb war mir , von der Jungfer zu hören , daß sie Pferde für uns bereithalte . An einem Bachbrücklein unweit des Dorfes wollten wir uns treffen . Vor den Augen der Magd nahm Berthulde Urlaub und ritt davon , indessen ich mit dem kleinen Johannes in den Garten ging und durch ein Hinterpförtlein ins nahe Gebüsch schlüpfte . Auf einem Umwege gelangte ich zum Bachbrücklein und fand die Jungfer mit zwei Reisepferden . Unverzüglich stieg ich in den Sattel und ließ mir den Knaben reichen . Berthulde schwang sich gleichfalls aufs Pferd , und wir trabten los . Meine Führerin wählte lauter einsame Waldwege . Abends kamen wir in ein Dorf namens Altenhain und wollten daselbst herbergen . Die Jungfer besorgte im Gasthause für uns Quartier . Die Pferde wurden in den Stall gebracht , und wir aßen zu Nacht . Berthulde war gern um den kleinen Johannes beflissen und hätschelte ihn . Derweilen kamen andere Gäste . Ein Planwagen , mit zwei Pferden bespannt , ward von einem Mann soldatischen Aussehens in den Hof geführt . Herunter stiegen zwo Frauen mit einem Kinde . Als die Pferde eingestellt waren , kamen die Leute in die Wirtsstube und setzten sich . Des Kindes Mutter war bleich und krank . Der Mann bestellte beim Wirt zu essen . Die neuen Gäste sprachen nur leise mitsammen . Ich hörte , wie der Mann Heinrich genannt wurde und das gesunde Weib Schwester Sibylle anredete . Nach beendeter Mahlzeit suchten wir unsere Kammer , wo eine Streu mit Decken belegt war . Der kleine Johannes schlief sofort ein , wir aber beredeten noch dies und jenes . Berthulde brachte das Gespräch auf den Ritter Zetteritz , und mich überraschte ihr Wort : » Warum will die gnädige Gräfin nicht den Ritter heuren ? « Von neuem stieg mir Mißtrauen auf , und ich fragte , wie sie dazu komme , mir den Ritter Zetteritz zu empfehlen . » Es wäre doch für den kleinen Johannes gut , einen Vater zu haben , zumal wenn es ein Ritter ist , « antwortete sie . Ich schwieg , und wir legten uns schlafen . Ich fand aber wenig Ruhe , da ich mir Gedanken über der Jungfer verdächtige Art machte . Mitten in der Nacht ward ich inne , wie Berthulde sich aufrichtete und nach mir lauschte , wie sie dann behutsam sich erhub und aus dem Gemach schlich . Argwöhnisch folgte ich ihr und sahe , wie sie über den Hof in den Pferdestall ging . Nach einer Weile kehrte sie zurück , ich huschte vor ihr in die Kammer und stellte mich schlafend , während sie auf leisen Sohlen kam und sich niederlegte . Was hatte sie bei den Pferden zu schaffen ? Es ließ mir keine Ruhe , und wie ich bald darauf die Jungfer schnarchen hörte , schlich ich zur Kammer hinaus , die Treppe hinunter , zündete eine vorgefundene Laterne an und trat in den Pferdestall . Durchleuchtete ihn , um herauszufinden , was Berthulde Heimlichkeit getrieben , fand aber nichts Absonderliches . Auffällig war nur , daß mein Pferd mit dem einen Vorderfuß scharren wollte und dabei zusammenzuckte . Da entdeckte ich unterm Huf eine Nadel , die an einer empfindlichen Stelle hineingesteckt war . Ich zog die Nadel heraus , und nun konnte das Pferd schmerzlos auftreten . Nun wußte ich , daß Berthulde mir eine Tücke antun wollte ; resolvierete mich , unverzüglich meinen Knaben zu holen und mit dem besseren Pferde davonzureiten . In diesem Augenblicke erschien Berthulde in der Stalltür . » Warum hat Sie meinem Pferde eine Nadel beigebracht ? « herrschte ich sie an . Sie tat unschuldig , konnte aber das Feindselige ihres Blickes nicht hehlen . » Sie will meine Reise aufhalten , « sagte ich ihr ins Gesicht ; » warum das ? Und weshalb hat Sie mir gestern geraten , ich solle den Zetteritz heuren ? Stehet Sie etwan gar im Bunde mit ihm ? « - Berthulde biß sich auf die Lippe , scheu rollte ihr Auge unter den finstern Brauen : » Weil ich dem kleinen Johannes wohl will . Was soll denn der Knabe in Schreiberhau , wo doch nur ein Glasmacher aus ihm wird . Indessen er als Sohn des Ritters zu Ansehnlichem gelangt . Auch hehle ich nicht , daß die Preislerin ebenso gesonnen wie ich . « » Was ? « entgegnete ich befremdet ; » die Preislerin ebenso gesonnen ? Wie kann sie mich alsdann zu sich laden und holen lassen ? « Hart versetzte die Jungfer : » Die Frau Gräfin irrt , oder vielmehr , ich habe ihr nicht die Wahrheit gesagt . Die Preislerin mag nichts davon wissen , daß Ihr in ihr Haus kommet , will hingegen , daß ich Euch in die Hand des Ritters Zetteritz liefre . Den habe ich auch bereits verständigt , wohin Ihr entweichen wollet , daß ich Euch geleite und in Gewahrsam halte . Jede Stunde kann der Ritter hier eintreffen , und möget Ihr Euch wenden , wohin Ihr wollt , er wird Euch einholen . « Wie eine Betäubte wankte ich bei dieser Enthüllung . Dann witterte ich das Falsche darin und gab entrüstet zurück : » Du willst mich täuschen ! Was du vorgibst , ist ohne Sinn . Die Preislerin ist eine gute Frau ; sie kann nicht also gesonnen sein . Du leugest , und das wird an den Tag kommen , sobald ich in Schreiberhau anlange . « Wie ein Tier , das sich in der Schlinge gefangen hat , ließ Berthulde ihre Augen umherirren , dann ballte sie die Faust und knirrschte mit den Zähnen : » Wehe Euch , so Ihr waget nach Schreiberhau zu kommen ! Des Todes seid Ihr ! « Verächtlich entgegnete ich : » Des Todes ? Ha , blinder Lärm ! Wer sollte denn in Schreiberhau wider mich sein ? « - » Wer ? Der Zetteritz ! ich hetze ihn hinter Euch drein . « - » Man wird mich vor ihm schützen . « - Scheu tat die Jungfer einen Blick hinter sich nach der Stalltür . Dann verzog sich ihr Mund zu einem grimmen Lächeln : » Wer wird Euch schützen ? Wer denn ? Etwan Euer Buhle ? Der ist ja tot . « Da überwältigte mich das Leidvolle meiner Verlassenheit . Ich schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte : » Tot ! tot ! « - » Ihr habt es ja selber gesagt , er sei längst tot , « setzte Berthulde hinzu und lachte auf . Entrüstet fand ich wieder meinen Mut und fuhr meine Feindin an : » Teufelin ! Es sind noch andere Männer zu Schreiberhau , die mich schützen . « Unschlüssig stund sie da und schien nach Rat zu suchen . Ihr Angesicht war verzerrt , und sie zitterte wie von Fieberfrost geschüttelt . Fletschte dann die Zähne wie ein Hund , und auf einmal blinkte in ihrer erhobenen Rechten ein Dolch , während ihre Linke meinen Arm packte und mich auf die Knie riß . » Die Schwurhand hoch ! « zischte sie ; » Schwöret , Euch nicht in Schreiberhau blicken zu lassen . Auf der Stelle seid Ihr sonst des Todes . « Ich rang mit der Entsetzlichen , und in meiner Hilflosigkeit entfuhr mir der Schrei : » Johannes ! « - - » Johannes ? « kreischte sie . » Den bekommst du nicht ! Nimm lieber das da ! « Und sie stach nach mir , daß ich den Stich bei der Schulter fühlte . Der Odem ging mir aus , ich taumelte und verlor die Besinnung . Wieder zu mir gekommen , lag ich entkleidet in der Kammer , wo ich die Nacht zugebracht hatte . Der Gast , den man Heinrich nannte , und seine Schwester waren bei mir . Meine Wunde brannte , war mit nassen Linnen verbunden . Hastig sah ich mich um , wo der kleine Johannes wäre . Aber das Weib , Sibylle mit Namen , faßte mich beim Arm : » Stille , bleibet liegen ; Ihr seid ja verwundet . « - » Aber wo ist mein Kind ? « wiederholte ich in Angst und wollte aufspringen . Der Mann lief sogleich hinaus und rief : » Wo ist ihr Kind ? « Schrecken malte sich auf Sibyllens Angesicht ; » Euer Kind ? Ich weiß , gestern abend , da saß es bei Euch . Ja , wo ist es nur ? In dieser Kammer war es nicht . « Da schrie ich auf : » Sie hat ' s mitgenommen , mein Kind geraubt , geraubt ! Hinterdrein ! « Und ich sprang auf . Doch es drehte sich alles um mich , und ich sank in Sibyllens Arme . Dann kamen Heinrich , der Wirt und andere Leute , und man rief : » Sie ist mit dem Kinde davon . Hat es bei sich auf dem Pferde