beginnt , Prondzynski läßt sich noch einmal von Krukowiecki in den Reichstag schicken , Niemojewski und der Marschall erheben sich gegen ihn , der Lärm beginnt von neuem , er erhält aber doch die schriftliche Erlaubnis , mit Rücksicht auf den Geist der früheren Gesetze in Unterhandlung zu treten . Rasch läßt nun Krukowiecki seine Abdankung wieder vom Tische nehmen , und sendet abends um sechs den immer reitenden Prondzynski nochmals ins russische Lager mit jener Bevollmächtigung und mit einem eignen Unterwerfungsbriefe an den Kaiser von Rußland . Unterdessen ist Czysti genommen , und die Russen dringen durch diese eine Lücke in die Vorstädte , die Uminskischen Linien , welche noch unversehrt sind , in der Flanke und im Rücken lassend . Von hier aus greifen nun die Polen an , und es entsteht ein neues entsetzliches Gemetzel , die Nacht bricht ein , der Tod mäht wüst , da fehlen plötzlich überall die polnischen Truppen , wie sie von Malachowski und Uminski beordert waren ; auf Krukowieckis Befehl sind sie in die Stadt und bis nach Praga hinübergezogen worden ; Chrzanowski läßt niemand über die Brücke von Praga flüchten , es ist offenbar darauf abgesehen , Krukowieckis Unterwerfung an die Russen zu bestätigen . Es herrscht die trostloseste Verwirrung , man rennt , man klagt , man schimpft , Truppen ziehen dazwischen ; aus den Vorstädten herein knattert das Gewehrfeuer , braust das Kampfgetümmel - da bringt der Marschall Ostrowski noch einen kleinen Teil der Landboten im Palaste zusammen , Krukowiecki wird von ihnen abgesetzt . Die beiden Ostrowski unterzeichnen es und tragen es selbst zu ihm hin , viele Landboten folgen . » Was wollen Sie ? « schreit er und gerät in schäumende Wut , als ihm die Absetzung mitgeteilt wird - » sagt dem Großfürsten , daß er jetzt die Stadt beschieße , ich nehme die Entlassung nicht an , holla , Ordonnanz , die Gitter vom Reichstagspalaste sollen geschlossen werden , ich will sehen , ob der Reichstag meinen Vertrag ratifizieren wird . « Aber dies war die letzte Wut , er wartete selbst die Rückkehr Prondzynskis nicht ab , ließ alles im Stich und entwich über die Weichselbrücke . Die Verwirrung war nun noch größer , als der russische Parlamentär ankam und nur mit Krukowiecki unterhandeln wollte ; es war mitten in der Nacht , und man mußte Reiter abschicken , um Krukowiecki zurückzuholen . Am 8. September endlich , vormittags gegen 12 Uhr , ward eine militärische Kapitulation abgeschlossen , nach welcher Warschau und Praga übergeben wurden und die polnische Armee mit ihren Effekten nach Plock abmarschieren sollte . Um diese Zeit ritt Valerius zum letzten Male durch die Straßen , am Hause des alten Grafen vorüber , wo er mit Konstantien glücklich gewesen war ; sie stand neben dem alten Herrn am Fenster und sah in das vorübertosende militärische Getümmel , der Graf hatte seine sonstige stille Miene , und man konnte darauf lesen , daß er nicht flüchten , sondern sich mit den Russen abfinden werde . Sie mochten Valerius in dem Wirrwarr nicht erkennen , aber es war diesem ein schneidender Eindruck , der Fürstin Augen lächelnd auf diesem Untergange ruhen zu sehn . » Bist du ein unbedeutender Geist , « sprach sein Gewissen , » ist sie ein so überlegener ? Oder gibt Geburt und Stellung auch in den wichtigsten Fragen soviel richtigere Einsicht ? Sie hat es dir voraus gesagt , daß es so kommen würde , du hast es jetzt zum Schrecken gesehen , was eine Macht , die in strenges Verhältnis , in strenge Einheit gefügt ist , Überlegenes leistet ! Wie gewaltig und ganz ist dir in den letzten Tagen der russische Feldherr entgegengetreten neben diesen aufgelösten Revolutionszuständen ! Hätte er nicht auch siegen müssen , wenn nicht gerade von den Krukowiecki und Chrzanowski hantiert worden wäre ? Täuscht man sich nicht eben weiter , wenn dieser Untergang auf einzelne Persönlichkeiten und Zufälligkeiten geschoben wird ? Was ist alle Frage und Untersuchung und Redensart im Staatsleben , was bleibt der ewige Mittelpunkt ? Kraft und Macht - wo wohnt sie in dieser Verworrenheit ? « Der Zug war just vor des Grafen Hotel ins Stocken geraten , und Valerius mußte dort harren wie im Feuer einer Batterie . Auch Williams sonst so düstres Angesicht sah er am Fenster , und er glaubte die Schadenfreude darauf zu erkennen . Als er endlich bis an die Brücke gekommen war , fand er ein Drängen und ein Gewirr , daß er sein Pferd auf die Seite schieben und sich ruhig im Warten bescheiden mußte . In den Heereszug drängte sich alles , was bisher in Warschau regiert oder mitgesprochen hatte , dieser und jener , der bis daher ein vornehmer Mann gewesen war , trug sein Bündel , sein Kästchen , was er eben zunächst retten wollte ; die ganze letzte Zeit gewann hier das Ansehn eines Mummenschanzes , der plötzlich verboten wird , auf die enge Passage dieser Brücke war mit einem Male alles angewiesen , was bisher agiert hatte . Sieh da , auf einem kleinen Vorsprunge stand Leopold und sah neugierig dem allen zu ; Valerius rief ihn an ; der Kleine bewies sich auch hier wie immer redselig und heiter . » Es ist ein historischer Moment , den muß ich mir betrachten , lieber Alter , sieh , sieh , wie das höchst interessant sich gestaltet hat , ich hab ' mir ' s gedacht , Lieber , es mußte so kommen , eine gestorbene alte Geschichte bleibt eine Leiche , man mag tun , was man will . « Es war ein wunderlich ironischer Eindruck auf Valerius , daß selbst dieser kleine , leichtsinnige Fant sich überlegen fühle , ihn gewissermaßen beschäme oder herausfordere . Er fragte ihn , ob er sich denn nicht retten wolle , daß er hier im dünnen Leibrock mit dem Zuschauen begnügt sei ? » Wovor mich retten ? Ich bin ja kein Revolutionär , bin ein neutrales Element ; die zerstörende Leidenschaft der Menschen , du weißt es ja , ist nie meine Sache gewesen , nur die gefällige - schau , schau , kennst du ihn noch von neulich , da sah er anders aus . « » Krukowiecki , Krukowiecki ! « sprach hie und da ein Vorüberziehender , aber man hatte in der allgemeinen Notwendigkeit keinen Raum zu absonderlicher Beachtung , auch nicht zu zorniger . Er hatte seinen Mantel umgeschlagen und ritt unter dem polnischen Zuge , als wäre nichts Störendes zwischen ihm und seinen Patriotischen Landsleuten vorgefallen . Valerius reichte Leopold die Hand , er wollte nun ebenfalls durchzukommen versuchen . » Leb wohl , Gott weiß , wo wir uns wiedersehen ! « » In Petersburg oder in Paris , Lieber . « » In Petersburg ! Hansnarr ! « » Höre , Valerius , bist du vielleicht stark bei Kasse ? « Das Gewühl drängte den Befragten weiter , ein Wagen , der rasch vorwärts strebte , nötigte ihn zu großer Aufmerksamkeit auf sein Pferd - » ach , Herr von Valerius ! « hörte er eine sanfte Stimme rufen , sie kam aus dem Wagen , und war Hedwigs , welche mit der steinalten Großmutter und dem Vater darin saß . Die arme Kleine hatte ein verschwollen geweintes Antlitz und streckte ihm die Hand entgegen . » Bitte , begleiten Sie uns ! « bat sie inständig . » Wie freue ich mich in allem Elend , daß ich Sie gerettet sehe . « Ihr Vater lag mehr als er saß totenbleich im Wagen , nur die alte Gräfin saß kerzengerade , wie sie immer gesessen hatte , und starr und geisterhaft sah ihr toter Blick vor sich hin . Jenseits der Brücke hatte General Bem vierzig Kanonen auffahren lassen , und sie kamen eben dazu , als Krukowiecki die Weisung erhielt , man werde auf ihn schießen , wenn er das rechte Weichselufer betrete . Zusammenfallend suchte der alte Intrigant mühsam einen Weg nach Warschau zurück , er war vernichtet . Valerius war übrigens nicht mit vielen andern der Meinung , daß er offener Verräterei anzuklagen sei , er sah jenes unglücklichste Moment des polnischen Nationalcharakters zum äußersten in ihm wirksam , welches den einzelnen persönlichen Einfluß , den einzelnen persönlichen Ehrgeiz ohne aufopfernde Rücksicht für das Ganze und Große um jeden Preis geltend macht . Wo diese Fähigkeit der Entäußerung und Entsagung fehlt , glaubte Valerius jetzt mehr als je , da sei auch keine Kultur , und , als Ergebnis derselben , kein gedeihender Staat möglich . So stellte sich ihm das polnische Unglück als ein regelmäßiger Verlauf der ganzen polnischen Geschichte dar , in welcher niemals die einzelne Person dem allgemeinen Bewußtsein einer allgemeinen Notwendigkeit untergeordnet worden , in welcher das Opfer im feinsten Sinne des Wortes unbekannt geblieben sei . In dieser Weise habe auch Krukowiecki blindlings hineingewirtschaftet und nur dafür gearbeitet , bis zum letzten Augenblicke , selbst als Überlieferer an den Feind , die Hauptperson zu bleiben ; nebenher sei er der gepriesene Patriot gewesen , mehr aber Krukowiecki als Patriot . Sie waren im Freien , links nach der Straße von Plock zog das Heer , geradeaus vor ihnen lag der Weg nach Siedlce , die früher so wichtige große Chaussee . Auf dieser wollte die Familie weiter , um dann rechts durch die Wälder nach ihrem Gut zu gelangen und dort ergeben die weitere Entwicklung des Dramas abzuwarten . Hedwig bat unter immerwährenden Tränen , Valerius möge sie begleiten ; das kindliche Anschmiegen rührte ihm die Seele ; Florian , düster und niedergeschlagen , fand sich mit einigen Bauern ein , um , wie er sagte , die alte Gräfin in Sicherheit zu bringen ; er antwortete dem fragenden Valerius , das Ramorinosche Korps rücke durch die Wälder herauf , dem könne er sich anschließen ; der Graf sprach nicht ein Wort , der Wagen rollte weiter ; Valerius trabte halb unschlüssig hinterher , von der sich zum öftern umschauenden Hedwig wie gezogen . Er wußte es , wie gefährlich der Weg für ihn sei mitten in das von Russen überschwemmte Land hinein . Florian mit den Bauern war beritten , es ging rasch nach den Wäldern zu , in einiger Entfernung folgte ein einzelner Reiter . Auch Florian sprach kein Wort , nur seine Handbewegung drückte aus : » Alles ist verloren , « ein einziges Mal , als Valerius sagte , es sei ja nur Warschau hin , erwiderte er : » Warschau ist alles , die großen Herren haben ihr Spiel verloren , und wir kommen hinterdrein . « Bei einbrechender Nacht vernahm man aus der Ferne jenes ruckweis murmelnde Geräusch , welches den Anzug von Truppen bezeichnet ; der Wagen hielt still ; Florian und die Bauern ritten auf Rekognoszierung aus ; es war eine windige unfreundliche Nacht , der Hufschlag des Reiters , welcher dem Zuge gefolgt war , näherte sich rasch , hielt aber plötzlich still , als er etwa auf zehn Schritt dem Wagen nahe gekommen war . Valerius ritt langsam und vorsichtig nach ihm hin , und erkannte - Joel . Florian brachte die Nachricht , es sei ein Teil des Ramorinoschen Korps , wahrscheinlich dessen Avantgarde , man könne die Reise ruhig fortsetzen . - Dies Korps war dadurch so verspätet worden , daß es sich mit Gefechten gegen den Feind zu tief eingelassen , und daß es mehrmals widersprechende , mitunter ganz sorglos klingende Nachrichten von Warschau erhalten hatte . Es konnte wünschenswert sein , Stanislaus darunter ausfindig zu machen , damit sich dieser seiner Braut annehme , es sprach aber niemand davon , es war Nacht , und , wie immer bei solchem Begegnen , von großer Schwierigkeit , aus einem marschierenden Heere den einzelnen auszufinden . Um einen ungenierten Fahrweg zu gewinnen , bog man auf Nebenwege ab , die Nacht war bald wieder still und tot um die Reisenden , und Valerius , den eine schwere Bangigkeit überfiel , tiefer in das verlorne Land hineinzureiten , fand es nun doch geratener , einen Rückweg zu suchen , welcher ihn mit der Ramorinoschen Kolonne vereinigte . Joel , der sich dem Wagen nicht zu nähern wagte , beschwor ihn umsonst ; er ritt hin , um von Hedwig Abschied zu nehmen . Was sollte er hier ? Was konnte er helfen ? Aber es war bereits zu spät . Die Heeresabteilung , welcher sie eben begegnet waren , bildete nur eine Nebensäule des Ramorinoschen Korps , die leichte Reiterei der Russen umschwärmte es bereits , in diesem Augenblicke erschien dicht neben ihnen ein Kosak ; man sah ihn beim Scheine der Wagenlaternen , er mochte die polnischen Uniformen von Valerius und Joel erkennen , war schnell wie ein Blitz wieder verschwunden , und gleich darauf vernahmen die Reisenden aus allen Seiten des Waldes ein schreckenerregendes Hurra . Die Kosaken stürzten zwischen den Bäumen hervor ; Florian mit den Bauern gaben Feuer ; Valerius und Joel zogen die Säbel und verteidigten sich gegen die eindringenden Lanzen ; aber aller Widerstand war nutzlos , der feindliche Trupp ward immer stärker , und mochte wohl ein Pulk von hundert Mann sein , das Kämpfen war bald zu Ende , der alte Graf lag im Blute sterbend ausgestreckt im Wagen , Valerius und Joel waren entwaffnet und gebunden , Florian , als Schmied von Wavre erkannt , schwer verwundet , war an ein Kosakenpferd gebunden , seine Bauern hatten entweder unter den Lanzenstichen und Kugeln der Kosaken ihr Leben verloren , oder hatten sich in das Waldesdickicht gerettet ; Hedwig saß vorn auf dem Sattel des bärtigen Führers dieser Kosakenabteilung , der sie mit den rauhen schmutzigen Händen liebkosen wollte ; man ritt und fuhr nach einer Waldblöße , um dort den nahen Morgen zu erwarten und den Wagen zu plündern . Da wurde ein Feuer angezündet , der alte Graf , welcher indessen verschieden war , aus dem Wagen geworfen , und man ging eben daran , die Gräfin , welche fortwährend unbeweglich geblieben war , anzufassen , als Florian in übermenschlicher Anstrengung Reiter und Pferd , an welche er mit einem starken , langen Riemen gebunden war , mehrere Schritte mit sich fortriß , auf den Wagentritt sprang , den im Wagen stehenden Kosaken mit einem Schlage ins Genick niederwarf , um den Gürtel faßte und brüllend in die Lanzen der übrigen warf . Auffallenderweise trat eine große Stille ein , die Kosaken schienen das heilige Gefühl des Schmiedes zu erkennen und zu ehren , sie machten keine Anstalt , den also getroffenen Kameraden zu rächen , wie ihnen überhaupt eine solche kameradschaftliche Verpflichtung nicht eigen zu sein scheint ; Florian stand eine Weile unangefochten neben der unbeweglich sitzenden Gräfin , das Feuer beleuchtete sein verwildert fliegendes , dickes Haar und seine Züge , welche die entsetzlichste Wut ausdrückten - nur Joel entfuhr der Ausruf : » Florian ! « » Schweig , Jude ! « erwiderte dieser , und in demselben Momente verschwand er unter den Pferden . Der Kosak , an dessen Tier er gefesselt war , hatte es fortgedrängt , Florian war hinuntergezerrt , und da die Kosaken nach der Erschütterung des Schweigens eine lebhafte Bewegung machten , so war er unter den Hufschlägen ihrer Rosse zermalmt worden . Der erste Morgenschein flog grau über den Himmel , man erkannte , daß die alte Gräfin leblos war und nur noch mumienartig dasaß ; schonend hoben sie die Kosaken aus dem Wagen und setzten sie an einen Baum . Dort saß sie , drohend noch im Tode , als man aufbrach , eine schreckliche Leiche einsam im Walde ; einige Schritte vor ihr lag der verstümmelte Leichnam Florians , einige Schritte neben ihr der erschlagene Graf , ihr Sohn . Hedwig , Valerius und Joel sahen noch tiefer aus dem Walde auf die Lichtung zurück , über welche ein grauer Morgen aufging . Hedwig war totenbleich , aber ohne Träne . 32. Der Kosakentrupp , welcher die drei Gefangenen transportierte , war folgenden Tages nicht weit gekommen ; die Nachricht vom Falle der Hauptstadt mochte beim Ramorinoschen Korps eingetroffen sein , wenigstens hielt es inne in seinem Marsche , und die leichte Verfolgung der Kosaken ward dadurch ebenfalls gehemmt . Sie rasteten des Abends in einem kleinen Heidedörfchen , und der Teil , welchem zunächst die Bewachung der Gefangenen anheimfiel , nahm eine Scheune und deren Umgebung zum Nachtquartier . Hedwig war noch immer sehr begünstigt und durfte ohne Fessel bleiben ; man sah es nicht gern , wenn sie sich den beiden Schicksalsgefährten zugesellte , hinderte es aber doch nur leichthin und ohne Nachdruck . Es wurde Nacht , die Kosaken lagen unordentlich auf der Tenne umher und schliefen , durch die zerschlagenen Torflügel der Scheune schimmerten die in Kohlen zusammenfallenden Feuer herein , um welche her die Piken aufgesteckt waren und die kleinen Pferde standen und lagen . Valerius und Joel , denen die Hände fest auf den Rücken gebunden waren , blieben wach und dachten auf Flucht . Hedwig lag in einiger Entfernung von ihnen und sprach leise zu Valerius herüber . Der Kosak neben ihr hatte dies zwar mehrmals verboten , wenigstens war durch Pantomime und Betonung dies unverkennbar gewesen , obwohl sie des Kosaken Mundart nicht verstand , sie hatte aber keine Notiz davon genommen , und der Kosak war endlich eingeschlafen . » Nach einer Viertelstunde , « sagte sie leise , » werde ich meinem Wächter das Messer aus dem Gürtel ziehn und den Strick durchschneiden , an welchem er mich festhält , dann komme ich zu Ihnen , um Ihre Bande zu lösen - geben Sie doch dem Kerl , welcher von hier aus vor Ihnen liegt , einen Stoß , damit er sich ein wenig anders legt , über seine breite Figur kann ich nicht geräuschlos wegsteigen . « Es geschah , der Gestoßene knurrte und erwachte halb , warf sich aber in eine andere Lage . Hedwig vollführte an ihrem Nachbar das Vorhergesagte glücklich und schlüpfte leise zwischen den schlafenden Gestalten hin , hier über ein Bein , dort über einen Arm hinwegschreitend - plötzlich entstand ein Geräusch vor der Scheune , und mehrere Kosaken fuhren in die Höhe ; Hedwig , die just neben Valerius angekommen war , kauerte sich zusammen ; die Kosaken riefen hinaus , und man antwortete von draußen ; Hedwigs Lage war peinlich , und wenn ihr eigentlicher Wächter erwachte , so wurde sie mehr als dies . Dennoch schnitt sie in Eile die Stricke um Valerius Hände durch und gab ihm das Messer , damit er Joel ein Gleiches tue . Mit Entsetzen gewahrte sie , daß auch ihr Wächter jählings sich aufrichtete und seine Stimme zu einigen unverständlichen Lauten erhob - aber wie bewußtlos und vom Schlaf überwältigt fiel er sogleich wieder zurück ; es ward still . Schweigend verharrten die drei zur Flucht Fertigen ; Joel ergriff im Drange seines Gefühls Hedwigs Hand , um sie zu küssen , sie zog dieselbe aber rasch zurück , und Valerius bei der seinigen ergreifend eilte sie vorsichtig über die Schläfer hinweg nach dem Tore . Dort schlüpften alle drei durch die Öffnung , welche durch losgerissene Planken geboten war . Sie standen im Freien , der Wald lag nur etwa zwanzig Schritt entfernt , die Nacht war schwarz und finster , wenige Kohlen glühten noch in den Haufen . Es mußte aber darauf gerechnet werden , daß an mehreren Punkten eine reitende Schildwacht aufgestellt sei , die man umgehen müsse ; die schwere Aufgabe blieb auch noch übrig , sich durch den Knäuel von Pferden und Lanzen und auswärts Schlafenden ohne Geräusch hindurch zu schleichen ; Hedwig riß eine Pike aus der Erde , die beiden Folgenden taten ein Gleiches , sie waren glücklich den gefüllten Kreis passiert , da hörten sie dicht neben sich den langsamen Tritt eines Pferdes . Dies war der patrouillierende Kosak ; sie bückten sich rasch zur Erde , sein Auge aber , schon mehr an die Nacht und Dunkelheit gewöhnt , schien doch etwas gesehen zu haben , er hielt sein Pferd an und streckte wie prüfend und untersuchend die Lanze nach der Gegend , wo sie kauerten . Hedwig , welche zunächst damit in Berührung kam , schlug sie fort , sprang auf und stieß ihre Pike mit aller Anstrengung nach dem Reiter . Ein Schrei , eine lebhafte Bewegung des Pferdes war die nächste Folge . Die Fliehenden eilten jetzt rücksichtslos schnell nach dem Walde , hinter sich hörten sie den schnellen Pferdetritt und ein paar hin und her fliegende Kosakenworte , zuverlässig war es der zweite Wachtposten , welcher zu dem ersten , getroffenen heransprengte , das Nötige hörte , das Pferd nach ihnen wendete und schreiend hinter ihnen dreinsetzte . Sie waren eben bis zwischen die Bäume gekommen , ein Ruck verriet , daß der Lanzenstich des Kosaken gegen einen Stamm geprallt war , wenige Momente darauf knallte ihnen aber ein Schuß nach , und sie hörten den Lärm der aufgeschreckten Schläfer . Hedwig , welche wieder die Hand von Valerius ergriffen hatte , zuckte heftig zusammen , sie war getroffen . Nur eine kleine Strecke konnte sie noch vorwärts , dann brach sie zusammen ; der Wald war ein dichtes Gestrüpp ; Valerius trug sie noch einige Schritte mit Hilfe Joels , der bei Erkennung des Unglücks in Jammer ausbrechen wollte und nur mühsam von Valerius zur Ruhe gebracht wurde . Mitten in dem dichten Gestrüpp kamen sie auf einen kleinen lichten Fleck , etwa von der Größe eines Zimmerchens ; dort ertasteten sie einen mit der Wurzel herausgerissenen Baum ; durch die ausgehobenen Wurzeln hatte sich unten eine Art Höhlung gebildet , da hinein brachten sie das arme Mädchen . Unterdessen entstand rings im Walde ein brausendes Getümmel der nacheilenden Kosaken , die in den eng stehenden Bäumen nicht wohl fortkamen ; bald sahen die Flüchtlinge über das Gestrüpp herüber auch Kienspäne leuchten ; aber man glaubte die Fliehenden schon weiter , es hielt sich kein Verfolger damit auf , durch das dichte Gesträuch einen beschwerlichen Weg zu suchen . Der Lärm und die Gefahr hörten aber keinen Augenblick auf , und man mußte des Schlimmsten gewärtig sein . Der Schuß war in den Rücken des Mädchens gedrungen , die Sprache wurde immer schwächer , der Tod näherte sich schnell . Und noch in diesem Zustande wies sie die beflissenen Dienstleistungen Joels zurück . Als der weiter spähende Teil der Kosaken wieder am Versteck vorüber zurückzukehren schien , starb die arme Hedwig in Valerius ' Armen . Die Freunde saßen erstarrt und schweigend bei der Leiche bis zum Morgen ; der Gedanke an den nahen Feind schien ganz vergessen zu sein ; wenigstens ging Joel ohne weitere Vorsicht , sobald es Tag geworden , hinüber nach dem Heidedorfe , um ein Grabscheit zu leihen . Die Kosaken waren glücklicherweise fort , er fand den Spaten , grub auf der kleinen Lichtung seiner Geliebten , die bis in den Tod seine Liebe abgewiesen hatte , ein tiefes Grab und bestattete sie mit dem ebenfalls schweigenden Freunde in schauerlicher Waldesstille . - Sie waren später auf dem Wege nach Joels Vaterstädtchen , wo der alte Manasse schwerkrank daniederliegen sollte . Valerius konnte den Versuch nicht mehr wagen , durch die verfolgenden Russen hindurch bis zu Ramorinos Korps zu dringen , er mußte Joels Vorschlag annehmen . Dieser war Tag und Nacht mit ihm durch die Wälder gewandert , zehnmal hatten sie seitab sich bergen müssen , um den russischen Truppen zu entgehen ; Joel hatte nur das Allernotwendigste gesprochen ; am nächsten Morgen war ihm der starre Schmerz in strömende Tränengüsse aufgegangen , und damit war ihm denn auch die Sprache wiedergekommen , und er konnte in einem gewissen Zusammenhange folgendes vorschlagen : Valerius solle mit zu Manasse kommen , von dort wollte ihn Joel nach Krakau bringen . » Dort , « sagte er , » werden wir diese unglücklichen Soldatenjacken los , ich werde wieder das , was ich bin und bleiben muß , um eine Existenz zu haben , ein Judenjunge , ich gehe auf den Schacher , da läßt mich die Welt gewähren . Sie stößt mich , sie behandelt mich verächtlich , sie weist mich in den Winkel ; aber das wird meinem Herzen wohltun , es wird Ruhe haben . Ich habe ein Mensch sein wollen mit Menschen , man hat dazu gelächelt , und ich habe leider nicht sterben können an diesem Lächeln ; andrer Unglück ist der Tod , unser Unglück ist das Leben . Namenlos , namenlos Unglück ! Ist ' s ein nationaler Zug , den wir vom Jordan mitgebracht haben , diese feige Liebe zum Leben , oder ist er uns eingewachsen durch die über tausendjährige Gefangenschaft ? Wer weiß es ? Oder hängen wir in aller Erniedrigung stolz und gläubig an der alten Tradition , das vornehmste Volk , das auserwählte Volk Gottes zu sein ? - Wir können den Tod nicht suchen und wünschen , so notwendig er uns sei . Ich werde ein Schacherjunge , um weiter zu leben . Und was hab ' ich erlebt ! Ein gemeiner Bauer verschmäht den Ausdruck meiner Teilnahme ; ein Mädchen , das mich geliebt hätte , ich weiß es , wäre ich ihrer Abstammung gewesen , diesem Mädchen blieb ich zuwider bis in den Augenblick des Todes , weil mein Leib eine nationale Atmosphäre hat , die ihr fremd und unheimlich ist , weil ich an den Jordan gehöre und an der Weichsel ein verachteter Fremdling bin . Fremd , fremd , fremd ! in dem Worte liegen alle Abgründe der Existenz ! Euch stinkt die Zwiebel , die anderen duftet . Nur das verwegene Glückskind trete aus seinem Kreise , ich werde ein Schacherjude und vergesse meine Philosophie und Kenntnis , die ich in falschen Kreisen erlernt habe ; Gott gebe , daß ich zurück kann ! Der Christ verstößt mich , und ich habe schon lange den Juden in mir verstoßen ! Weh ! Dies wird der Zwitterzustand , den diejenigen durchmachen müssen wie eine lebenslange , schmerzliche Geburt , die sich einlassen auf Emanzipation . Ihr haltet diese Gewährnis der Emanzipation für eine besondere Gunst , für ein wohlschmeckendes Recht , das ihr uns gewährt - weh , der emanzipierte Jude zieht ein stechend Hemd auf seinen Leib , das er Zeit seines Lebens mit Schmerzen tragen muß , um außen Frack und Weste darüber zu tragen , wie ihr tragt . Wer hilft , wer hilft gegen historisch Unglück ? Und diesem Volke , das in grobe Kinderei entzweit ist , diesem polnischen , das in ungebildeter Persönlichkeit auseinanderklafft und deshalb wieder verloren hat sein Spiel , es wird ihm nicht viel besser gehen als den Juden , und wenn es nicht wandert , so wird es doch beherrscht sein von Fremden , freilich immer noch ein Glück gegen ein Geknechtetwerden in der Fremde ! Hatten meine Väter vor ihrem Untergange Streitigkeiten unter sich , so waren ' s doch große Fragen der Ewigkeit . Der Sadduzäer sprach : Es lebt kein Fleisch fort in anderer Welt , der Pharisäer wollte Gesetz und Prophezeiung und Glaube wörtlich und ganz . Habt ihr die Fragen geschlichtet , an denen wir untergegangen sind ? - Was war hier neben uns , hier in Polen zu fragen ? Über ein bißchen Verwaltung , ob das Ding so heißt , oder so - pah ! Aber was höhn ' ich , so spricht kein Schacherjude , und mein Unglück ist unwandelbar . « Er setzte sich erschöpft nieder ; Valerius rastete schweigend neben ihm . Dann sprang er hastig wieder auf und rief : » Ach , ich sollte fliegen , Manasse hat mir nach Warschau sagen lassen , er sei schwer krank , und wo bleibt mein Sohn Joel ? und ich bin meinem Vergnügen mit der kleinen Hedwig nachgelaufen , ' s war wohl ein schlimmes Vergnügen , und nun ist ' s aus für immer , aber es war doch mein Gelüst , und ich habe versäumt , was allein hält in diesem Leben , das Band zwischen Eltern und Kindern . Vater Manasse , lebe noch , ich komme ; du bist vom besten Stamme , vom Stamme Levi , und jeder Jude hat ein zäheres Leben als ein Mensch von anderem Volk ; wir sind in allen Dingen die Aristokratie der Welt , von reinem , uraltem Blut - aber was hilft alle Wahrheit , und was ist wahr ? Das , was geglaubt wird , sonst nichts . Wir ältesten Aristokraten , wir handeln mit Band und heißen Juden - o Hedwig , wenn du mich einen Augenblick geliebt hättest , dann wäre alles gut - weiter , weiter ! « Die Wanderer kamen des Abends vor dem Städtchen an , in welchem Manasse wohnte ; sie traten in das erste Häuschen , um sich zu orientieren und umzukleiden . Das tat wirklich not , denn es war ein Trupp Russen im Orte ; in dem Hause wohnte ein jüdischer Trödler , welcher Joel mit lebhafter Freudenäußerung empfing und mit wahrem Jubel den Anzug eines wandernden Bandkrämers zusammenschleppte , einmal über das andere rufend : » Nun haben wir Euch wieder , Herr Joel , nun seid Ihr wieder von unsere Leut ! Gottes Wunder , wie wird sich der heilige Rabbiner , Euer Vater Manasse , freuen ! « Joel strich sich die Haare anders , und der elegante Reiter glich wirklich im Handumkehren einem Bandjuden aufs Haar , so daß Valerius erschrak . Die Klagen des schönen jungen Mannes , welche er so lebhaft mitfühlte , waren ihm viel würdiger erschienen , solange der Klagende in besserer Kleidung neben ihm hergegangen war . Er schalt sich über solche Schwäche , fuhr in den Bauernanzug , der ihm auf Joels Veranlassung geboten wurde , und begleitete diesen zu Manasse . Es