Gott gebetet und ihn um seinen Beistand angerufen ? « Caspar nickte . » Und wie ist Ihnen darauf gewesen ? Haben Sie sich nicht gestärkt gefühlt ? « Caspar schwieg . » Wollen Sie nicht wieder beten ? « » Bin zu schwach ; vergehen mir gleich die Gedanken . « Und nach einer Weile sagte er wie für sich , seltsam leiernd : » Das ermüdete Haupt bittet um Ruhe . « » So will ich ein Gebet sprechen , « fuhr der Pfarrer fort , » beten Sie im stillen mit . Vater , nicht mein - « » Sondern dein Wille geschehe « , vollendete Caspar hauchend . » Wer hat so gebetet ? « » Der Heiland . « » Und wann ? « » Vor - seinem - Sterben . « Bei diesem Wort sträubte sich sein Körper empor , und über sein Gesicht ging ein höchst qualvolles Zucken . Er knirschte mit den Zähnen und schrie dreimal gellend : » Wo bin ich denn ? « » Aber , Hauser , in Ihrem Bett sind Sie , « beruhigte ihn Quandt . » Es kommt ja bei Kranken öfter vor , daß sie sich an einem andern Ort zu befinden wähnen « , wandte er sich erklärend an den Pfarrer Fuhrmann . » Geben Sie ihm zu trinken « , sagte dieser . Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser . Als Caspar getrunken hatte , wischte ihm Quandt den kalten Schweiß von der Stirn . Er selber bebte an allen Gliedern . Er beugte sich über den Jüngling und fragte dringend , feierlich beschwörend : » Hauser ! Hauser ! Haben Sie mir nichts mehr zu sagen ? Sehen Sie mich einmal so recht aufrichtig an , Hauser ! Haben Sie mir nichts mehr zu beichten ? « Da packte Caspar in höchster Herzensnot die Hand des Lehrers . » Ach Gott , ach Gott , so abkratzen müssen mit Schimpf und Schande ! « stieß er jammernd hervor . Das waren seine letzten Worte . Er kehrte sich ein wenig auf die rechte Seite und drehte das Gesicht zur Wand . Jedes Glied seines Körpers starb einzeln ab . Zwei Tage später wurde er begraben . Es war nachmittags und der Himmel von wolkenloser Bläue . Die ganze Stadt war in Bewegung . Ein berühmter Zeitgenosse , der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt , erzählt , es sei zu der Stunde Mond und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden , jener im Osten , diese im Westen , und beide Gestirne hätten im selben fahlen Glanz geleuchtet . Etwa anderthalb Wochen später , drei Tage nach Weihnachten , es war Abend , und Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben , erschallten starke Schläge gegen das Haustor . Sehr erschrocken , zögerte Quandt eine Weile ; erst als sich die Schläge wiederholten , nahm er das Licht und ging , um zu öffnen . Draußen stand Frau von Kannawurf . » Führen Sie mich in Caspars Zimmer « , sagte sie zum Lehrer . » Jetzt noch ? In der Nacht ? « wagte dieser einzuwenden . » Jetzt , in der Nacht « , beharrte die Frau . Ihr Wesen schüchterte Quandt dergestalt ein , daß er stumm zur Seite trat , sie vorangehen ließ und mit dem Licht folgte . In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen . Es war alles umgestellt und verräumt . Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem Ecktisch neben dem Fenster . » Lassen Sie mich allein « , gebot Frau von Kannawurf . Quandt stellte den Leuchter hin , entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit seiner Frau unten an der Stiege . » Es ist sehr gutmütig von mir , daß ich mir so etwas in meinem Hause gefallen lasse « , murrte er . Mit verschränkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und ab . Ihr Blick fiel auf den Tisch , wo eine Abschrift des Sektionsprotokolls lag ; es ging daraus hervor , daß man nach dem Tode Caspars die Seitenwand seines Herzens ganz durchstochen gefunden hatte . Clara nahm das Papier mit beiden Händen und zerknitterte es in ihren Fäusten . Was fruchtet aller Schmerz und Reue ? Man kann nicht die Gewesenen aus Luft zurückgestalten ; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern . Tränen beruhigen ; aber diese Trauernde hatte keine Tränen mehr ; für sie waren keine Sterne mehr , kein Glanz des Himmels ; für sie wuchs kein Gras mehr , duftete keine Blume mehr , ihr schmeckte der Tag nicht mehr und die Nacht nicht mehr , für sie hatte sich alles Menschentreiben , ja selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige düstere Wolke von nie wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt . Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein , als Clara wieder herabkam . Sie blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen , und während sie ihn mit weitaufgeschlagenen Augen ansah , sagte sie bebend und kalt : » Mörder . « Dies war für Quandt etwa so , wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter die Nase gehalten hätte . Es läßt sich denken , der wackere Mann war vollkommen ahnungslos ; im Schlafrock , gesticktem Hauskäppchen und mit Schlappschuhen an den Füßen wartet er , daß der ungebetene Gast sein Haus wieder verlasse , und da fällt ein Wort , wie es nicht einmal ein böser Traum erzeugen kann . » Das Weib ist wahnsinnig ! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen « , tobte er noch im Bette . Clara wohnte bei Imhoffs . Sie fand die Freundin noch auf . Frau von Imhoff sagte ihr , daß man morgen auf den Kirchhof gehen wolle , weil das Kreuz auf Caspar Hausers Grab errichtet werde . Frau von Imhoff empfand Claras Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzählte , erzählte . Vieles von Caspar , vieles von denen , die um ihn waren . Quandt wolle ein Buch schreiben , worin er haarklein nachzuweisen gedenke , daß Caspar ein Betrüger gewesen ; daß Hickel den Dienst quittiert habe und aus Ansbach wegziehe , wohin , wisse niemand , daß alle Bemühungen , dem furchtbaren Verbrechen auf den Grund zu kommen , vergeblich gewesen seien . Clara blieb wie aus Stein . Als sie sich für die Nacht trennten , sagte sie leise und mit unheimlicher Sanftmut : » Auch du bist seine Mörderin . « Frau von Imhoff prallte zurück . Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft fort : » Weißt du es denn nicht ? willst dus nicht wissen ? Versteckst du dich vor der Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf ? Weißt du denn nicht , wer er war ? Glaubst du denn , daß die Welt immer und ewig darüber schweigen wird , so wie sie jetzt schweigt ? Er wird auferstehen , Bettine , er wird uns zur Rechenschaft fordern und unsre Namen mit Schmach bedecken ; er wird das Gewissen der Nachgebornen vergiften , er wird so mächtig im Tode sein , als er ohnmächtig im Leben war . Die Sonne bringt es an den Tag . « Darauf verließ Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten . Am andern Morgen ging sie früh vom Hause fort . Sie besuchte ihren Türmer auf der Johanniskirche , saß lange oben auf der Steinbank in der schmalen Galerie und blickte weit über die winterliche Ebene . Sie sah aber nicht Schnee , sie sah nur vergossenes Blut . Sie sah nicht das Land , sie sah nur ein durchstochenes Herz . Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein . Der Totengräber führte sie zum Grab . Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hölzernes Kreuz gegen den Stamm einer Trauerweide . Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann . Er erkannte Clara und grüßte sie ernst und höflich . Sie , ohne zu danken , schaute an ihm vorüber , ihr Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten Grabhügel und die Arbeiter , die jetzt das Kreuz zu Häupten des Grabes einrammten . Auf einem großen , herzförmigen Schild , das inmitten des Grabkreuzes befestigt war , standen in weißen Lettern die Worte : HIC JACET CASPARUS HAUSER AENIGMA SUI TEMPORIS IGNOTA NATIVITAS OCCULTA MORS Sie las es , schlug die Hände vors Gesicht und brach in ein gellend wehes Gelächter aus . Jählings wurde sie aber wieder ganz still . Sie drehte sich gegen den Pfarrer um und rief ihm zu : » Mörder ! « In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute , die der Zeremonie der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen : Herr und Frau von Imhoff , Herr von Stichaner , Medizinalrat Albert , der Hofrat Hofmann , Quandt und seine Frau . Sie sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt , und der Eindruck eines jeden war , daß etwas Schlimmes vor sich gehe . Frau von Imhoff , voller Ahnung , eilte auf ihre Freundin zu und umschlang sie mit den Armen . Aber mit verwilderten Gebärden machte sich Clara los , stürzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit durchdringender Stimme : » Mörder seid ihr ! Mörder ! Mörder ! Mörder ! « Nun rannte sie an ihnen vorbei , auf die Straße hinaus , wo sich alsbald viele Menschen um sie versammelten , und schrie , schrie ! Endlich wurde sie von einigen Männern umringt und am Weiterlaufen verhindert . Quandt hatte wieder einmal recht behalten . Sie war wahnsinnig geworden . Noch am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht . Mit der Zeit verging die Raserei , aber ihr Geist blieb umnachtet . Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen . Er wollte sich nicht zufriedengeben , wenn man ihm vorhielt , daß es doch eine Irre gewesen , die so gehandelt . Noch vor seinem kurz darauf erfolgten Ableben sagte er zu Frau von Imhoff , die ihn besuchte : » Mich freut die Welt nicht mehr . Warum klagte sie mich an ? Mich , gerade mich ? Ich hab ihn ja liebgehabt , den Hauser . « » Die Unglückliche , « erwiderte Frau von Imhoff leise , » an Liebe allein hatte sie nicht genug . « » Ich trage keine Schuld « , fuhr der alte Mann fort . » Oder doch nicht mehr , als dem sterblichen Leib überhaupt zukommt . Schuldig sind alle , die wir da wandeln . Aus Schuld keimt Leben , sonst hätte unser Stammvater im Paradies nicht sündigen dürfen . Auch unsern hingeschiedenen Freund kann ich nicht freisprechen . Was hat es ihm gefrommt , das Träumen über seine Herkunft ? Wo Verrat von allen Lippen quillt , flieht der Tüchtige in den Kreis fruchtbarer Neigungen . Aber Schwärmer hören nur sich selbst . Unschuldig , meine Beste , unschuldig ist nur Gott . Er gnade meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser . « Ende