Kehlchen . Das Rankengefieder der chinesischen Glycinen steigt hoch am Hause und zu seiten meiner Fenster bis an das Dach empor , mit genau solchen Ferndurchblicken , wie von meiner Wohnung aus auf der großen Sundainsel . Es ist mir , als ob ich mich heut in dieser Wohnung befände . Ich denke mich in sie zurück . Das Zimmer Raffleys nebenan steht offen . Ich trete hinein . Er sitzt mit dem Onkel und dem alten Heidenpriester am Tische . Der letztere ist gekommen , um uns Ade zu sagen - - - Da ertönen die Glocken ; es wird geläutet . Ich rufe mich aus Sumatra zurück , um mich zu besinnen , daß ich mich körperlich in Radebeul befinde . Ich wohne da in unmittelbarer Nähe der Kirche . Man läutet zum ersten Male . In einer halben Stunde erklingen die Glocken zum zweiten Male , zum Zeichen , daß der Gottesdienst beginne . Da sehe ich die allsonntäglichen Kirchenbesucher an meinem Hause vorübergehen . Gehe auch ich ? Ich greife zur Bibel , um nachzusehen , über welche Stelle heut gepredigt wird . Es ist der Text Matthäus 5 , Vers 20 bis 26. Da heißt es : » Denn ich sage Euch : Wenn Eure Gerechtigkeit nicht besser ist als diejenige der Schriftgelehrten und Pharisäer , so werdet Ihr nicht in das Himmelreich eingehen . - Ihr habt gehört , daß zu den Alten gesagt worden ist : Du sollst nicht töten ; wer aber tötet , der soll des Gerichts schuldig sein . Ich aber sage Euch : Wer mit seinem Bruder zürnet , der ist des Gerichts schuldig ; wer aber zu seinem Bruder saget : Raka , der ist des Rates schuldig ; und wer zu ihm sagt : du Narr , der ist des höllischen Feuers schuldig . Daher , wenn du deine Gabe nach dem Altar bringst und wirst da eingedenk , daß dein Bruder etwas wider dich habe , so laß deine Gabe vor dem Altar dort , und geh zuvor hin , und versöhne dich mit deinem Bruder , und dann komm und opfere deine Gabe . - Besänftige deinen Widersacher , so lange du mit ihm noch auf dem Wege bist , auf daß der Widersacher dich nicht einst dem Richter übergebe , und der Richter dich dem Diener überantworte und du in den Kerker geworfen werdest . Wahrlich , ich sage dir , du wirst von da nicht herauskommen , bis du auch den letzten Heller bezahlt hast ! « Das war der heutige Predigttext ! So stand da , genau so , in der heiligen Schrift ! Christus hat es gesagt , und da wir Christen sind , haben wir es wörtlich zu befolgen ! Also , schon wer mit seinem Nächsten zürnet und ihn mit Worten beleidigt , der ist dem Mörder gleich , ist des Gerichtes , des Rates und des höllischen Feuers schuldig ! Der Christ soll sich nie zum Gottesdienste wagen , wenn er sich nicht zuvor mit seinen Widersachern ausgesöhnt hat ! Und er soll niemals und keinen Augenblick zögern , Verzeihung zu erlangen , denn es wird ihm von seiner Schuld an seinem Nächsten kein einziges Jota und kein einziger Heller abgelassen werden ! Soll ich heut in die Kirche gehen ? Oder vielmehr , darf ich ? So frage ich meine Widersacher ! Wo ist der Christ , der nach diesem Worte seines Heilandes noch würdig ist , die Kirche zu betreten ? Wie viele Menschen , die ihren Brüdern zürnen , die ihre Brüder beleidigten , die ihre Brüder hassen , die also des Gerichtes , des Rates und des höllischen Feuers schuldig sind , werden heut in die Kirchen gehen und die Predigt über diesen Text nicht im geringsten auf sich selbst beziehen ! - » Du sollst nicht töten ! « Wenn schon die Beleidigung dem Morde gleich zu achten ist , was soll man da erst über die Arten und Abarten des wirklichen Mordes sagen ! Mir wird angst ! Es läutet zwar jetzt zum zweiten Male , aber ich gehe nicht ; ich bleibe daheim ! Ich will , während die ersten Töne der Orgel zu mir herüberklingen , das Buch über die Heldentaten der christlichen Krieger auf den chinesischen Schlachtfeldern lesen und dann hierauf den Schluß meiner friedlichen Geschichte erzählen . Ich brauche viel Sonnenschein dazu , viel Liebe und viel Versöhnlichkeit , und das ist nirgends so wie hier bei mir in meinem Heim zu finden . Ich denke mich also wieder hin nach Kota Radscha , wo ich schon vorhin war , und höre den alten , ehrwürdigen malaiischen Priester zu John Raffley sagen : » Und steigt in meines Lebens Abendröte von Westen her ein lieber Gruß empor , umsäumt vom goldenen Lichte dessen , was ich wünsche , so ist es kein Abschied gewesen , den wir jetzt hier nehmen , sondern Ihr seid bei mir geblieben in Eurer Liebe , wie ich Euch begleitet habe mit der meinigen . Vergeßt nicht diese meine Worte , und laßt den Gruß mir steigen ! Ich möchte ihn so gern noch sehen , bevor mein Abendrot zur Morgenröte wird ! « Indem ich diese seine Worte zum zweiten Male niederschreibe , hier im Abendlande , im Westen , von wo aus er sich einen lieben Gruß ersehnt , bevor sein Geist im Morgenland zur Abendröte steigt , klingt aus der Kirche die Responsorie zu mir herüber : » Der Herr sei mit Euch ! « singt der Pfarrer . » Und mit deinem Geiste ! « antwortet die Gemeinde . Ja , wüßte dieser Geist den Weg von hier nach dort ! Ich wollte ihn bitten , unsere Grüße dem Osten zuzutragen , heute , bald , so lange es noch am Tag des Schaffens ist ! Ich wollte ihm sagen , daß auf den fernen Atjeh-Bergen ein liebes , klares Augenpaar allabendlich in die niedersteigende Sonne schaut , ob nicht ein kleines , goldumsäumtes Wölklein sich am Himmel zeige , um den Durst des Morgenlandes zu stillen , wie einst jenes lang ersehnte , handgroße aber dunkle Wölkchen des Elias auf dem Berge Karmel . Und ich wollte ihm alle , alle Liebe mitgeben , die ich in meinem Herzen für die Menschheit trage , damit alle dort Aufschauenden erfahren möchten , daß wir unsere Augen nicht vor ihnen niederzuschlagen haben . Aber nein ; das ist ja doch nicht möglich ! Warum ? Die Grüße , welche wir ihnen senden , riechen nach Pulver . Aus den Wolken , die von uns zu ihnen gehen , brüllt der Donner der Geschütze . Und das ganze , große Reich der Liebe , welches wir bei ihnen gegründet zu haben behaupten , ist in - - - christliche » Interessen « -Sphären eingeteilt ! Wie begann doch gleich das Gedicht des alten Malaiien ? » O komm , sei wieder Gast auf Erden , du gottgesandter Menschheitschrist ! « Dieser Ruf der gelben Rasse blieb nicht unerhört : Der Christ ist gekommen , in kaukasischer Gestalt und Farbe . Hat er ihnen gebracht , was die Engel bei Christi Geburt der Menschheit verhießen ? Den Frieden auf Erden ? Damals kamen die Könige und Weisen des Morgenlandes , um den Erlöser Anbetung , Gold und Weihrauch darzubringen , freiwillig , unaufgefordert ; es war ihnen nichts so köstlich , daß sie es ihm nicht gern geopfert hätten ! Gegenwärtig aber gibt es Leute , welche behaupten : » Das war damals , vor zweitausend Jahren , als der Christ noch in den Windeln und in der Krippe lag ; da mußte man ihm Alles bringen . Jetzt aber ist er Mann geworden . Da wartet er nicht , bis man zu ihm kommt , sondern er geht , um selbst zu holen , was ihm gebührt : Gold , Gold , Gold ! Und den Weihrauch ? Auch den streut er sich dann selbst ; das ganze Abendland duftet nach diesem ihm doch eigentlich ganz fremden Harze ! « Enthalten diese Behauptungen Wahrheit oder Lüge ? Es ist nicht meine Aufgabe , zu antworten , sondern zu erzählen . Und indem ich nun damit beginne , erklingt da drüben in der Kirche die Orgel von neuem . Der Kantor spielt das » Große Halleluja « von Händel . Ich höre es bis zu Ende . Dann aber ist es , als ob jemand hinter mir stehe , wie auf Seite 389 hinter dem Governor . Lind weht es um mich her , und eine leise Stimme spricht in mir : » Der Habsucht sei das Gold beschieden , Der Weihrauch dem , der Weihrauch liebt , Uns Armen aber gib den Frieden , Den uns kein Fürst , kein Weiser gibt ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die letzten Worte meiner Erzählung waren : Mehr hörte ich nicht , denn ich schlich mich hinaus , schloß möglichst unhörbar die Tür und entfernte mich . Wenn England China in so aufrichtiger und reuevoller Weise segnet , ist Deutschlands Unterstützung überflüssig . Wohin ich ging , das war mir gleich , nur nicht nach meinem Zimmer , weil dies ja neben dem des » uncle « lag . Ich hatte den Korridor noch nicht zur Hälfte durchschritten , da kam mir Raffley entgegen , so schnell , als ob er Eile habe . Als er mich sah , fragte er : » Ihr seid es , Charley ? Habt Ihr vielleicht meine Yin gesehen ? « » Ja , soeben , « antwortete ich . » Wo ? « » Sie ist beim Governor . « Er schien erschrecken zu wollen , wechselte aber rasch den Ausdruck seines Gesichtes , über welches nun ein warmes , frohes Lächeln ging . » Welche Kühnheit von ihr ! « sagte er . » Sie hat mich gar nicht erst gefragt . Aber wenn eine solche Frau dem eigenen Herzen folgt , so darf man ihr sehr gern vertrauen . Es ist also gut , da es nun einmal nicht so geschehen soll , wie ich die erste Zusammenkunft zwischen diesen beiden beabsichtigt hatte ! Gott lasse es gelingen ! Und ich wiederhole : Der Frauen Gefühl ist so unerforschlich richtig , und meine Yin muß immer , immer siegen ! Kommt , Charley ! Will Euch den Garten zeigen . Mir ahnt , daß sie den uncle dann herunterbringt . Sie hat da einen Lieblingsplatz . Da ist sie Blume unter lauter Blumen , und wenn sie fühlt , daß es in ihr zu blühen hat , zur Freude irgend eines anderen Menschen , so führt sie ihn dorthin . Im übrigen aber ist dieses Haus mit seinem Gebiet ihr zwar recht wohl bekannt , doch innerlich fremd . Ihre Heimat ist ja unser Raffley-Castle . « » Raffley-Castle ? « fragte ich , indem wir miteinander weitergingen , der Treppe nach dem Garten zu . » So gibt es hier eine Kopie dieses Stammsitzes Eures Geschlechtes ? « » Das Wort Kopie ist eigentlich falsch , denn mein neues , hiesiges Schloß ist jedenfalls originaler als das alte drüben in der Heimat . Na , Ihr werdet es ja kennen lernen ! « Jetzt traten wir aus dem hintern Tor des Gebäudes in den Garten hinaus . Er war groß , außerordentlich wohlgepflegt und ging in einen Park über , der sich auf der andern Seite den ganzen Berg hinunterzog . Da sah man die hinterasiatische Baum- und Blumenflora in den herrlichsten Exemplaren , aber er war nicht spezifisch chinesisch angelegt , sondern in einem Stile , in welchem auch der europäische Geschmack zur Geltung kam . Sauber gehaltene Wege führten zwischen den verschiedenen Gruppen dahin . Indem wir diesen Wegen folgten , fuhr Raffley fort , zu sprechen . Er wiederholte in kurzem , was er mir bereits von seiner Yin erzählt hatte , und fügte nun eine Menge erläuternder Bemerkungen bei , welche vom größten persönlichen Interesse waren . Dabei kamen wir nach der westlichen Seite der Bergeskuppe , von wo aus wir den Meeresarm überblicken konnten , welcher die Insel von dem Festlande trennte . Er war ungefähr zwei Seemeilen breit und von allerlei vielgestaltigen , hin und her gehenden Booten belebt . Da der eigentliche Hafen hier bei uns an der Insel lag , gab es jenseits drüben nur einen Landeplatz , der nicht sehr breit war , aber außerordentlich geschützt lag und so tief in das Land eindrang , daß er weit mehr Schiffe fassen und weit mehr größeren Baulichkeiten Raum geben konnte , als der Hafen selbst . » Herrliche Lage für ein Zukunftsprojekt , « erklärte mir Raffley . » Ihr werdet überhaupt sehen , daß wir nur für die Zukunft arbeiten . Vergangenes muß uns nützen , wenn es kann , aber es fast anzubeten , wie Ihr Euer Griechenland und Rom , das tun wir nicht . Jede Zeit besitzt ihre eigenen Ideale , denen sie nachzustreben hat . Ob sie erreicht werden oder nicht , es entwickeln sich unaufhörlich neue , andere aus ihnen , welche dieselben Rechte erlangen , der Gegenwart als Muster zu dienen . Wer seine Ideale aus alten , vergangenen Zeiten holt , der hat sie mit häßlicher Gewaltsamkeit herüberzuzerren und setzt dem Menschengeiste Ruinen , anstatt ihm brauchbare Wohnungen zu bauen . Sprechen wir Europäer ja nicht von Heiden ! Wir nennen uns Christen , ja , aber wir herbergen und schlafen doch allgesamt in den Ruinen der alten heidnischen Götter und Göttinnen , deren Mono- und Biographien wir Wort für Wort auswendig lernen müssen , während wir an ganz denselben Schulen über den wahren Gott und Herrn meist nur in der Weise unterrichtet werden , daß wir fast lieber an ihm zweifeln , als an ihn glauben möchten ! « Als er so sprach , schaute ich ihn verwundert an . Er sah es , lächelte ein wenig und fuhr fort : » Jawohl , ich bin nicht mehr der Alte . Ich schwieg . Warum ? Aus Stolz , dachte ich . Es war aber nicht berechtigter Stolz , sondern Dummheit . Nun ich sehend geworden bin , habe ich auch gelernt , mich auszudrücken , in Worten und in Taten . Die Worte könnt Ihr allezeit hören ; ich bin bereit , einem Jeden zu sagen , was ich denke . Und die Taten liegen da drüben , jenseits des Wassers . Schaut hinüber ! Was Ihr dort liegen seht , das ist ein heidnisches , ein vollständig heidnisches Land . Denn , glaubt es mir : Kein Einziger von Allen , die da wohnen , hat jemals aus dem Munde eines Christen die Worte gehört , daß sein Glaube , also der Glaube dieses Landes , ein falscher sei ! Als ich mit meinem Freunde Fu diese Gegend durchzog , um sie kennen zu lernen , sah ich alle Vorzüge und alle Schattenseiten der chinesischen Kultur . Der Vorzüge waren viele , der Fehler nur wenige . Ein Lügner wäre ich gewesen , wenn ich behauptet hätte , daß diese Kultur eine falsche sei ! Ich gab ihr das volle Recht , welches ihr gebührt , und ließ sie dann nach meiner Vereinigung mit Fu sich unter meiner Hand still fortentwickeln . Nun reiht sich Wiese an Wiese und Feld an Feld . Ihr geht auf Wegen und Straßen immerfort zwischen Fruchtbäumen dahin . Der Draht des Telephon und Telegraph begleitet Euch . Ihr kommt an Wagen , Reitern , Sänften , Fußgängern vorüber , und jede dieser Begegnungen ist eine freundliche , ich möchte sagen , herzliche . Teilt sich der Weg , so geht es links nach der Stadt , rechts aber hoch hinauf nach Raffley-Castle . Sähet Ihr nicht an der Kleidung der Menschen , daß Ihr Euch in China befindet , so würdet Ihr annehmen können , in Old England oder Deutschland zu sein . Weit draußen , am fernsten Horizont , ragen Berge , gewaltige Phonolithmassen aus der Tertiärzeit . Auch der Berg , auf dem wir uns jetzt befinden , gehört zu dieser Gruppe , zu deren Füßen die ewig arbeitende See eine unendlich fruchtbare , allmählich ansteigende Ebene abgelagert hat . Auf halber Höhe liegt mein Raffley-Castle , mein Paradies , geschützt vor kalten Winden . Wie freue ich mich : heut abend bin ich dort ! « » Heut abend schon ? « fragte ich . » Ja , selbstverständlich . Die Pflichten der Gastlichkeit veranlassen uns , Ocama fast noch gleich in dieser Stunde zu verlassen , damit wir Euch morgen , wenn Ihr zu uns kommt , ohne Mangel an Vorbereitung empfangen können . Yin bittet mich , es Euch anzuvertrauen , daß wir uns ohne alles Aufsehen , also fast heimlich , entfernen werden . Die Andern kommen dann bereits morgen zu uns nach , weil Fang und Tsi ihren Patienten nicht länger , als unbedingt nötig ist , hier an der Küste bleiben lassen wollen . « Während er dies sagte , machten wir eine Wendung , um die Stelle , an welcher wir standen , zu verlassen . Da sahen wir zwei Personen aus dem Hause kommen und nach dem Garten gehen - - - der Governor und Yin . Sie schauten nicht nach unserer Seite her und gingen also von weitem vorüber , ohne uns zu bemerken . » Habt Ihr es gesehen ? « fragte John . » Sie hatte bei ihm eingehängt ! Was habe ich gesagt ? Als auf der Jacht der uncle so Arm in Arm mit Tsi verschwand ? ! Da sagte ich zu Euch : Ich bin überzeugt , daß er schon in den nächsten Tagen auch mit meiner herrlichen Yin genau so Arm in Arm promenieren gehen wird . Und nun ist es geschehen ! Stören wir sie nicht ! Ich gehe hinab in den Hafen , um unsere Flucht still vorzubereiten . Lebt wohl ! « Wir reichten uns die Hände . Er ging durch das Haus nach vorn , ich aber hinauf nach meinem Zimmer , wo ich den Sejjid beschäftigt fand , meine Habseligkeiten in und unter die verschiedenen Möbels zu verteilen . » Sihdi , « redete er mich an , » nun sind wir endlich und wirklich in China angekommen ! Wie freue ich mich , daß ich nun nur noch chinesisch mit dir reden darf ! « Das hatte er arabisch gesagt ; ich antwortete ebenso : » Wer hat dir verboten , arabisch oder deutsch mit mir zu reden ? « » Ich selbst , Sihdi . Denn schau , was ich dir jetzt zeigen werde ! « Er zog aus der tiefen Tasche seines Kaftans ein Paket hervor und schlug es auseinander . Es war eine ganze Anzahl engbeschriebener Papierbogen . » Hier steht die ganze chinesische Sprache , « erklärte er mir . » Ich habe sie mir aufgeschrieben . Es sind über vierhundert Worte , die etwas sind , und beinahe fünfhundert Worte , die etwas tun . Auf den hintersten Seiten stehen dann die Worte , die nichts sind und auch nichts tun . Ich werde sie dir vorlesen , alle zusammen ! Ihr lest von links nach rechts ; wir lesen von rechts nach links , und die Chinesen lesen von oben nach unten . Wie soll ich anfangen ? Oben oder unten ? Hinten oder vorn ? « » Fang an , wo du willst , aber nur nicht jetzt ! « lachte ich . » Uebrigens , sprich mit mir , in welcher Sprache du willst , aber nur vernünftig ! « Da nickte er schnell vor sich hin und meinte : » Das ist mir lieb , denn ich habe dir Etwas zu sagen , was sehr vernünftig ist . « » Was ? « » Darf ich reden , ohne daß du es mir übel nimmst ? « » Ja . « Da legte er die braunen Hände zusammen , schaute mir mit seinen dunkeln , ehrlichen Augen in das Gesicht , lächelte ein wenig verlegen dazu und sprach : » Ich habe in der letzten Zeit viel , sehr viel nachgedacht , erstens über dich und zweitens über mich . « » Nun , hast du da Etwas gefunden ? « » Ja . « » Was ? « » Du bist nicht das , was du bist , und ich bin nicht das , was ich bin , sondern du bist das , was ich bin , und ich bin das , was du bist . « » So ? Das klingt allerdings sehr schön und ist jedenfalls noch viel schöner , als es klingt ; aber sag mir vorerst einmal : Wer bist denn eigentlich ich , und wer bin denn nachher du ? « » Du scherzest , Sihdi , mir aber ist es ernst ! Höre , was ich meine ! Ich bin kein Moslem , und du bist kein Christ . « » Oho ! « » Ja , so ist es ! Sondern du bist der Moslem , und der Christ bin ich ! Ich bitte dich , Sihdi , werde nicht darüber zornig , und lache mich aber auch nicht aus . Es ist so , wie ich sage , wenn auch Etwas anders . Es gibt etwas dabei , was ich noch nicht begreife . Denn wenn ich mir ganz Dasselbe auf die andere Seite hinüberdenke , so bist du immer noch der wirkliche Christ , und ich bin immer noch der wirkliche Anhänger des Propheten . Aber es gibt noch eine dritte Seite , welche diese Sache noch viel verwickelter macht . Denn wenn ich uns von ihr aus betrachte , so sind wir weder Christen noch Muhammedaner , sondern Heiden . « » Das klingt sehr schlimm , Omar ! « » Laß es klingen wie es will ; schlimm ist es nicht , denn - - - « er hielt nachdenklich inne und fuhr dann fort : » Wie war das nur , was sie zu mir sagte ? Das war kurz , ehe sie ging . « » Wer ? « » Sie , die - die - - ach , das weißt du ja noch nicht ! Nämlich ich war in meiner Stube da vorn und hatte die Tür offen . Da wollte etwas Weißes an mir vorüber . Als es mich sah , blieb es stehen und kam dann näher , herein in meine Stube , um mich anzusehen . Ich wußte nicht , was es war . « » Natürlich eine Frau ! « » Ja , ein Mann war es nicht , ob aber eine Frau oder ein Mädchen , das war nicht gleich so gewiß , wie du zu denken scheinst . Ich sah einen Schmuck von Rosen und Veilchen und ein ganz unbeschreibliches Angesicht ; das hatte den Anschein , wie gar nicht von der Erde . Und da sprach es zu mir . Ich aber stand mit offenen Augen und mit offenem Munde und antwortete nicht , denn ich hörte die Worte nicht , weil ich nur auf den köstlichen Klang der Stimme achtete . Es war , als ob ein Bulbul51 sänge , im Schatten einer unter Palmen stehenden Moschee , ganz absonderlich , beinahe heilig ! Ich weiß , daß es bei den Christen heilige Frauen gibt , die gestorben sind und als Seele manchmal wieder auf die Erde kommen . War das , was so da vor mir stand , eine solche Seele oder gar ein Engel ? Natürlich wollte ich diese Frage bloß nur denken ; aber ich habe sie wirklich ausgesprochen , denn ich weiß noch , daß ich über den Klang meiner Stimme erschrak , der gegen den der ihrigen ganz unaussprechlich häßlich war . Ich kann mich auch nicht erinnern , in welcher Sprache ich es gesagt habe ; aber ich bin ganz gut verstanden worden , denn es kam ein Lächeln , als ob es plötzlich lauter Sonnenschein und Fröhlichkeit auf Erden gebe , und dann die Worte , die ich meine . Ich könnte sie dir höchst wahrscheinlich ganz genau sagen , wenn ich mich eben auf die Sprache besinnen könnte , in welcher dieser Engel oder diese Seele zu mir geredet hat . Es war kürzer , viel , viel kürzer , aber es wird ungefähr so gewesen sein : die Rassen und Religionen sind verschieden , die Menschenherzen aber sind alle eins und einig . Ich weiß nicht , ob du mich nun verstehst , mich und die Seele , die zu mir in meine Stube kam . « » Ich verstehe Euch , dich und sie . Weißt du denn nun , wer es war ? « » Ich denke es mir . Sie ging von mir nach dem Zimmer des Governor , aus welchem du dann kamst . Nach einiger Zeit verließ sie es mit ihm ; da ging ich hierher , um mich in deiner Wohnung einzurichten . Sie ist der Marmorkopf auf unserer Jacht , und sie ist das stets mit Blumen geschmückte Bild in der Kajüte . Und sie ist aber auch wieder keines von beiden , sondern sie alle drei zusammen sind - - - « wieder hielt er inne , machte eine Bewegung , als ob ihm ein überraschender Gedanke gekommen sei , und fuhr dann fort : » Sihdi , ich habe etwas entdeckt . Nämlich diese drei sind genau so Eines wie wir drei . « » Deutlicher , Sejjid ! Sprich deutlicher , sonst verstehst du dich schließlich selbst nicht mehr ! « » Ich meine : Dieses weißgekleidete Wesen , das Bild in der Kajüte und der Marmorkopf müssen zusammengerechnet werden . Und der Christ , der Mohammedaner und der Heide müssen auch zusammengerechnet werden . Da kommt hier Etwas und dort Etwas heraus , was du vergleichen mußt . Vielleicht ist es Einunddasselbe , vielleicht ist es nicht Einunddasselbe , aber etwas Aehnliches - - - Ich gehe ! « Er drehte sich um , entfernte sich und machte die Tür so schnell hinter sich zu , daß ich gar keine Zeit fand , ihn mit einem Worte , einer Frage zurückzuhalten . Das war so seine Art , wenn er etwas getan oder gesprochen hatte , was er für klug , vielleicht gar für geistreich hielt . Da ließ er mich so schnell wie möglich allein , damit ich Zeit und Raum gewinnen möge , ihn ungestört zu bewundern . Was hatte er mir sagen wollen , und was hatte er mir gesagt ? In seiner eigenartigen , so außerordentlich ernsten und doch fast komischen Weise ? Das Mittel ziehen aus einer Frau und ihren beiden künstlerischen Werken ! Einen Christen , einen Moslem und einen Heiden addieren und die Summe mit drei dividieren ! Wie heißt der Quotient ? Das war eine Aufgabe , die mir ein Araber , ein Eselsjunge aus Kairo vorgelegt hatte ! Er hatte sich etwas ganz Bestimmtes dabei gedacht , gleichgültig , ob ich ihn begriff oder nicht . Er , der nicht das Allergeringste von Kunst verstand , hatte mir in Beziehung auf die Yin einen geradezu bewundernswerten Wink gegeben . Und er , der sich stets mit so großem Stolze als Sejjid , also als Nachkomme Mohammeds bezeichnet hatte und dem es geradezu gräßlich gewesen war , einen Heiden auch nur anzurühren ; er wollte jetzt nicht nur sich , sondern dazu auch mich mit allen möglichen Andersgläubigen zusammenwerfen und hinterher noch dividieren lassen ! Warum , wozu ? Weil er endlich , endlich zu ahnen begann , daß sein sogenannter » wahrer « Glaube auch nichts Anderes als eben nur eine Art des Glaubens ist . Eine ganze Fülle von Gedanken stürmte auf mich ein , und ich setzte mich ins Freie hinaus , auf den hohen Söller . Das weit vorspringende Dach beschattete ihn . Vor mir lag beinahe der ganze Ort , der Hafen und der Meeresarm . Jenseits desselben die Küste des Festlandes und der Landeplatz , hinter diesem die weiten , langsam ansteigenden Fluren und Felder , welche den bereits erwähnten dunkeln , sonderbar zacklinigen Bergen zustrebten , auf denen ich Raffley-Castle zu suchen hatte . Eben als ich mich draußen niedergesetzt hatte und mein Auge hinunter nach dem überaus belebten Hafen richtete , kam Sejjid Omar aus dem Hause und wendete sich nach dem bergabwärtsführenden Wege . Er hatte nichts zu tun und ging darum spazieren , um den interessanten Ort , an dem wir uns befanden , kennen zu lernen . Von unten kam ein Chinese herauf , langsamen Schrittes , wie einer , der auch nur spazieren geht . Sie grüßten einander . Der Chinese blieb stehen und sprach auf Omar . Dieser antwortete . Es entwickelte sich zwischen ihnen ein Gespräch , infolge dessen der Chinese die bisherige Richtung seines Spazierganges aufgab ; er drehte sich um und schritt mit Omar den Berg hinab . Aus seinen Handbewegungen schloß ich , daß er dem Araber die umliegende Gegend zeigte und erklärte . Weiter hatte dieser Mann für mich kein Interesse - - - notabene für jetzt . Er sollte mir wichtiger werden , als ich dachte ! Es fiel mir an ihm auf , daß er einen ganz eigenartig geformten Hut trug und daß kein Zopf bei ihm zu sehen war . Nach einiger Zeit hörte ich meine Tür drin gehen . » Charley ! « rief die Stimme des Governor . » Hier bin ich , auf dem Balkon , « antwortete ich . Er kam heraus . » Da sitzt Ihr also , da ! « sagte er . » In aller Seelenruhe ! Während ich in meiner Seele ein