zu sein schien , als Trägerin eines so weit in die Umgegend hinausleuchtenden Gotteshauses dienen zu sollen . Die abfallende Lage brachte es mit sich , daß die vordern Säulen auf hohem Felsen fußten , der auf breiten Stufen zu ersteigen war , während die hintere Seite sich auf der Berührungslinie des Steines mit dem Berge erhob . Das Innere des Tempels war mit Platten ausgelegt und , wie schon einmal erwähnt , vollständig leer . Aber heut hatte man vorn , an der östlichen Säule , von welcher aus sich die beste Aussicht in die Weite und ein Ueberblick der ganzen Nähe bot , für mich einen Sitz hergerichtet , nach welchem ich direkt getragen wurde . Als ich ausgestiegen war , entfernten sich die Leute mit der Sänfte ; Tifl aber sagte : » Ich bin dein Diener für den ganzen Tag , Effendi . Ich werde stets dort an der hintersten Säule sein . Du brauchst mir nur zu winken , wenn ich zu dir kommen soll . Aber es ist der Wunsch des Ustad und auch des Pedehr , daß niemand dich belästige . Sie bitten dich , zu denken , du seiest zwar hier in unserer Mitte , aber ganz unsichtbar für Jeden , mit dem du nicht verkehren willst . Hast du jetzt etwas zu befehlen ? « » Bleib jetzt noch hier bei mir , « antwortete ich . » Ich bin doch fremd und werde dich wahrscheinlich zunächst um Auskunft zu bitten haben . « Er erwartete wohl , daß ich mich setzen werde ; aber dies zu thun war mir unmöglich . Der Blick , der sich mir von dieser Stelle aus bot , war so köstlich , so einzig , so unvergleichlich schön , daß er einen Sterbenden hätte zwingen können , die Augen wieder aufzuschlagen und nach diesem Erdenparadiese zurückzukehren . Die Sonne stand jetzt fast im Scheitelpunkte ; also lag das Innere des Tempels , durch welchen ein reger Lufthauch strich , in kühlem Schatten . Ich lehnte mich an die Außenseite der Säule und ließ mein Auge rundum wandern gehen . Im Osten schlossen sich die Berge bis auf jene Lücke , welche den Weg nach dem Hasen- und Courierpaß offen ließ . Im Norden ragten himmelhoch die stillen , ernsten Gipfel , die durch Nadel- und dann Laubwald , immer wilder werdend , zu den Gärten und mit diesen bis mitten in den Duar hinabstiegen . Im Süden stand ich hier auf frommer Höhe , und im Westen trat das » hohe Haus , « den Blick gefangen nehmend , aus dem mächtigen Massiv der schweren Felsenwand hervor . Tief unten lag der See . Da die Sonne fast senkrecht über ihm stand , so strahlte er in jenem köstlichen , adularen Blauweiß , welches den ceylonischen Mondsteinen eigen war , die mir in den Juwelenläden von Colombo zum Kaufe angeboten wurden . Auf dem Hauptwege des Duar herrschte reges Leben . Die Bewohner begannen , ihre Häuser und Zelte zu verlassen , um zum Beit-y-Chodeh emporzusteigen . Die Frauen und Mädchen trugen in malerischer Weise auf den Köpfen oder Schultern Thongefäße oder selbstgeflochtene Körbe mit Blumen und den Speisen , welche mitzunehmen waren . Die sich nicht , wie sonst im Oriente , absondernden Männer gingen ihnen würdevoll zur Seite . Die Kinder füllten , stets in lebhafter Bewegung , sämtliche Lücken aus . Das waren nicht die langsamen , schweren , melancholischen und nur selten eine Miene verziehenden Puppen , als welche im Morgenlande sich so oft die Kinder zeigen ! Auch ein Teil der Tierwelt war mit in Bewegung , denn man hatte für frische Milch zu sorgen ; die deshalb mitzunehmenden Kühe und Ziegen waren mit grünen Zweigen geschmückt , und manche von ihnen trugen bunte Sträuße auf den Hörnern . Waffen sah ich nicht . Es war ein Bild der Eintracht und des Friedens . Das alles erfaßte ich mit einem kurzen Blicke . Dann lenkte ich meine Aufmerksamkeit dem » hohen Hause « zu . Was ich in Tifls Manier von dem Gespräche des Ustad mit dem Fremden über dieses Haus gehört hatte , das sah ich nun vor meinen Augen liegen . Es war einiges dabei gewesen , was ich nicht verstehen konnte ; nun aber begriff ich es sofort . Ja ; der Ustad hatte recht gehabt : ich sah eine in Stein laut tönende Predigt der Jahrtausende vor mir liegen . War sie häßlich , war sie schön ? Das fragte ich mich nicht . Ich sah und hörte sie zu mir herüberklingen , in Tönen , die so gewaltig waren , daß für Stilfragen weder Zeit noch Raum in mir gefunden wurde . Die Wirkung war da ; was kümmerte mich der Stil ! Was sind die altindischen Tempel ? Die ägyptischen Pyramiden ? Die mittelamerikanischen Teocalli ? Gewaltige Menschenwerke , welche der Zerstörung bis heutigen Tages trotzten , ja . Doch reden sie zu uns von einer gewissen , ganz bestimmten Zeit in einem ebenso gewissen , ganz bestimmten Tone . Hier aber lag ein Bau vor mir , zu dem in unberechenbarer Vorzeit der Grund gelegt worden war ; die später Gekommenen hatten ihn fortgesetzt , und heut sah ich , daß er noch fortzusetzen war . Also kein Ueberrest aus einer vergangenen , besonderen Epoche , sondern ein steinernes Kalenderwerk von Anbeginn bis auf die Gegenwart , mit Raum auch noch für die zukünftige Zeit ! Von Anbeginn ? Ja , von Anbeginn ! Denn die lange , untere , massive , viele , viele Meter hohe und bis in das Innere des Berges reichende Mauer hatte kein anderer als nur der gegründet , der von Anfang war ! Waren vielleicht die höheren Teile dann ihm geweiht gewesen ? Wie hieß hierauf der Mensch , der mächtige , dem diese Riesenmauer noch zu niedrig gewesen war ? Vielleicht Olor , der sagenhafte ? Oder war es Hasisadra , von dem man sagt , daß er zur Zeit der Sündflut dort König gewesen sei ? Hatte er das Nahen der Flut geahnt und baute höher , um sich vor ihr zu schützen ? Oder ging der Geist des ersten Brudermordes , Kains Gespenst , im Lande um ? Mußte der Mensch sich von den Menschen durch Mauern trennen , die selbst für Giganten unersteigbar waren ? Denn die Riesenquader , welche ich auf Gottes Fundament an- und übereinandergefügt sah , hatten wenigstens dieselben Dimensionen , wie die weltberühmten Mauersteine , welche die Umfassungsmauer von Baalbeck bildeten . Ich selbst bin , um ihn auszuschreiten , dort auf einen Block gestiegen , den man Chadschar el Hubla nennt , und habe ihn über einundzwanzig Meter lang , mehr als vier Meter hoch und genau vier Meter breit gefunden . Und hier am » hohen Hause « zählte ich sechs Lagen solcher Steine . Sie waren nicht durch Mörtel , sondern durch ihre eigene Schwere miteinander verbunden und hatten so fein und genau geschliffene Seiten , daß von da aus , wo ich stand , selbst nach verflossenen Jahrtausenden die Fugen nicht überall deutlich zu erkennen waren . In gleicher Höhe mit ihnen lagen in den Seiten des Berges die Brüche , denen man diese Kolosse entnommen hatte . Sie waren dunkel , fast schwarz gefärbt . Welche Art von Gestein , das konnte ich natürlich von so weit aus nicht bestimmen . Was für Innenräume waren durch diese Quader wohl nach außen abgeschlossen worden ? Es gab in gewissen Zwischenräumen Oeffnungen , um Luft und Licht den Zutritt zu gestatten . Ich war sehr wißbegierig , zu erfahren , ob man noch heut von oben da hinuntersteigen könne . Da die Treppe eine spätere Erfindung ist , so hatte früher wohl ein steinerner Gangweg hinaufgeführt . War ein solcher doch sogar bis fast auf die Spitze des babylonischen Turmes , natürlich in Spiralen , angelegt gewesen ! Jene Zeit verwendete kolossale Kräfte auf den Gebrauch kolossaler Mittel . Waren die Zwecke entsprechend groß ? Wer will und kann die Antwort übernehmen ? Diese Riesenquadermauer erreichte nicht die volle Breite des Felsenfundamentes . Es war überhaupt jedes folgende Stockwerk schmäler als das vorhergehende gebaut , dafür aber mehr artikuliert . Je mehr der Geist den Stoff beherrscht , desto weniger ist von dem letzteren zu gleichem Zwecke nötig . Die obere Lage der Steine war etwas vorgerückt , vielleicht den sechsten Teil von ihrer Breite . Dadurch war der Abschluß erreicht worden , der zugleich als Brüstung für das jedenfalls glatte Dach gedient hatte . Welchem Zwecke hatte dieser cyklopische Bau gedient ? Der Verehrung des großen , einzig-einen El , dessen Name in so vielen Gottesnamen wiederklingt ? Warum ihm , dem » Allanwesenden « und » Nieverschwindenden « diese unzerstörbaren Felsenblöcke auf unwandelbarer , von der Natur selbst hergestellter Unterlage ? Wie lange wohl hatte das obere Dach dieses Souterrain , wie ich es nennen will , das Sonnenlicht geschaut ? Wer kann es sagen ! Dann waren Andere gekommen und hatten weitergebaut . Die folgende Etage war , wie bereits erwähnt , schmäler ; auch trat sie etwas zurück , um eine Vorhalle bilden zu können . Auch sie bestand aus schweren Werkstücken , welche teils dem schon angegebenen , teils den darüberliegenden Brüchen entnommen waren . Das Material der letzteren hatte hellere Farbe . Darum schaute die Etage nicht so sehr tiefernst , fast drohend wie das Erdgeschoß , zu mir herüber . Sie war nicht hoch , zeigte dafür aber schon das Bestreben der Gliederung und des figurenbildenden Meißels . Die vordere Seite wurde nicht von einer kompakten Mauer gebildet , sondern von starken , breiten , ungemein tragfähigen Pfeilern , deren Zwischenräume dem Sonnenlicht direkten Zutritt gewährten . Der Abschluß über ihnen ließ schon den Versuch zur Bogenlinie sehen . Die beiden Pfeiler , welche den Haupteingang bildeten , fielen mir ganz besonders auf . Es traten aus ihnen zwei höchst eigenartige Hochreliefs hervor , welche sitzende Figuren bildeten , an denen die Zeit leider nicht schonend vorübergegangen war . Doch konnte man noch recht wohl erkennen , daß es sich um die Darstellung eines Wesens handelte , dessen Personifizierung vier Gesichter hatte . Durfte ich diese Figuren nur als Andeutung der Himmelsrichtung , der vier Winde betrachten ? Ganz gewiß nicht . Wer wurde mit vier Gesichtern abgebildet ? Brahma . Aber ihm direkt war doch nie ein Tempel geweiht ! Und die Reste , welche von der einstigen Vorhalle noch übrig waren , deuteten auf das alte Persien , nicht aber nach Indien hin . Sie war von einem auf leichteren Pfeilern ruhenden Dach überdeckt gewesen . Wahrscheinlich hatte es den Himmel darstellen sollen . Es war längst eingefallen , und von den Pfeilern standen nur noch zwei , deren Knäufe menschlichen Köpfen mit Hals und Schultern glichen . Von den letzteren gingen nach den Seiten Flügel aus , um das Architrav zu bilden . Geflügelte Wesen ! Sollte diese Meißelarbeit auf die Strahlenflügel schlagenden Amschaspands deuten , welche nach altiranischem Glauben den Himmel bevölkerten und im Sonnenlichte zur Erde niederschwebten , um die Wünsche der Menschen im Gebete zu Gott emporzutragen ? Man darf heutzutage kaum mehr von den Engeln reden , obgleich sogar in der Bibel zu wiederholten Malen und deutlich genug von ihnen erzählt und gesprochen wird . Warum ? Der Eine versteht unter ihnen wirklich existierende Geschöpfe Gottes ; der Andere läßt sie nur als Personifikationen gewisser Kräfte oder Eigenschaften gelten . Welcher von Beiden hat recht ? Aber wer gab dem Anderen die Erlaubnis , über den beglückenden Kindesglauben des Einen zu zürnen ? Und von wem wurde diesem Einen der Auftrag , dem Anderen zu verbieten , die Ursachen und Wirkungen im Bereiche der irdischen Natur zu poetischen Gestalten zu verklären ? Die heilige Schrift bedient sich beider Anschauungsweisen . Sie erzählt von persönlich auftretenden Engeln , und sie spricht von Winden und Feuerflammen , die sie Engel nennt . Nur der Mensch allein ist es , der da ewig deutelt ! Abermals zurücktretend und wieder etwas schmäler folgte nun ein zweietagiges Geschoß . Es stellte sich , obgleich aus hellerem Material gebaut , nichts weniger als freundlich dar . Es hatte nur oben Fensteröffnungen , nicht aufrecht stehend , sondern wagrecht liegend , als solle jeder Blick von außen her abgewiesen werden . Wie schmal , wie niedrig sie doch waren ! Und unten gab es nur eine ebenso schmale Thür , deren Oberschwelle von zwei steinernen Tafeln gebildet wurde . Sie hatten eine Schrift enthalten , welche man wahrscheinlich noch jetzt entziffern konnte , doch sah ich , daß sie durch einen quer darübergehenden Riß wie ausgestrichen worden war . Sie hatten nicht Festigkeit genug gehabt , den Druck von oben auszuhalten . Dieser Bau sah ganz so aus , als müsse sein Bewohner jeden Augenblick aus der engen Thür treten , um in alle Welt hinauszurufen : » Daß sich mir niemand nahe ! Ich bin der Auserwählte von Anfang an und werde es ewig bleiben ! « Auf dem Vorhofe sah es wüst aus . Auf Haufen von Schutt und Scherben wucherte dichtes Unkraut . Besonders vor der Thür waren die Disteln und Stechranken so undurchdringlich geworden , daß der erwähnte imaginäre Bewohner am besten drinzubleiben und zu schweigen hatte . Ueppige Dornen wanden sich auch um den Ueberrest eines steinernen Gebildes , dessen Gestalt ich also nicht erkennen konnte . Es schien eine Säule zu sein , die sich in sieben Arme geteilt hatte . War es vielleicht ein Kandelaber gewesen ? Aber die Arme hatten einander nicht gekreuzt gegenübergestanden , sondern ihre noch vorhandenen Stümpfe zeigten , daß sie nebeneinander , also in gleicher Fläche , emporgerichtet gewesen waren . Wo giebt oder gab es solche Leuchter ? Wem war das siebenfache Licht verlöscht , als jener Riß dort an der Thür quer über die beiden Tafeln ging ? Hatte der » allanwesende El « da unten im Erdgeschoß nicht Macht genug besessen , die Leuchter hier oben zu schützen ? Oder hatte man sein vergessen gehabt , grad so , wie man das Vermächtnis dessen vergaß , der einst in Chaldäa sein wirklich Auserwählter gewesen war ? Jede der bisherigen Etagen hatte , wenn nicht einen besonderen Stil , so doch wenigstens Einheitlichkeit . Nun aber kam ein Geschoß , welches nur das Einheitliche besaß , daß die Gesamtfassade aus einem und demselben Material bestand . Dies war ein weißlichgrauer , dichter Kalkstein , vermengt mit den Ueberresten fossiler Organismen , Schnecken , Muscheln und Korallen . Das Bauwerk erhielt durch diese hellere Färbung , welche auch die in gleicher Höhe liegenden Brüche zeigten , ein freundliches , beinahe einladendes Aussehen ; leider aber wurde dieser gute Eindruck fast vollständig dadurch aufgehoben , daß es sich in allen übrigen Beziehungen als ein architektonisches Quodlibet darstellte . Es gab Thore und Thüren in den verschiedensten Formen und Größen . Eine imposante Freitreppe führte zu einem so engen und niedrigen Thürchen , daß man nicht aufrecht passieren konnte ; man war gezwungen , zu kriechen . Und vor einem hohen , breiten , weitgeöffneten Thore lag eine alte , schmale , wackelige , hölzerne Treppenstiege , der eine ganze Anzahl von Stufen abhanden gekommen waren . Es gab Eingänge ganz zur ebenen Erde und aber auch solche , die man nur per Leiter erreichen konnte . In so ganz verschiedener Höhe lagen auch die Fenster , bei denen die Ungleichheit noch viel größer als bei den Thüren war . Keines befand sich in gleicher Höhe mit dem anderen . Neben breiten , hohen Saal-oder Kirchenfenstern gab es kleine , arme Gucklöcher , in die kein Mensch den Kopf zu stecken vermochte . Hier war eines vollständig unbeschützt , dort ein anderes mit einem so starken Laden versehen , als ob man sich vor ganzen Räuberbanden zu fürchten habe . Man denke sich hierzu die ebenso unregelmäßig und verworren angebrachten , oft ganz schief gehenden Haupt- , Brüstungs- , Gurt- , Kämpfer- und Sockelgesimse , die Eckarmierungen und Lisenen , die » Säulen-und Pilasterstellungen « , zwischen denen es keine einzige verbindende Idee gab , so kann man sich wohl schwerlich darüber wundern , daß der Fremde , von welchem Tifl mir erzählte , dieses Bauwerk häßlich genannt hatte . Ein anderer hätte es wohl gar als lächerlich bezeichnet , was doch noch schlimmer als nur häßlich ist ! Und das Dach , oder vielmehr die Dächer ? Denn ein einheitliches Dach , das gab es nicht . Ich sah zwei einander nahestehende , sehr hohe Abteilungen , welche noch gar nicht ausgebaut waren , von ihnen eingeengt aber , kaum einige Meter breit , ein winziges Parterregelaß , dessen nadeldünne Turmspitze zwischen den beiden anderen hoch empor und weit über sie hinausragte . Tief unten eine Zwiebelkuppel , hoch oben über ihr ein Schindeldach ! Daneben ein mit Ziegeln gedeckter Balkenreiter ! An dem einen Ende ein runder Quaderturm , stolz für die Ewigkeit gebaut , und doch schon fast in sich zusammengestürzt , weil auf die allerschwächste Stelle der Unterlage gesetzt . An dem anderen ein hagerer , schiefer Campanile , auch noch nicht fertig , weil er beim Weiterführen unbedingt eingestürzt wäre , denn man hatte ihn zwar absichtlich schief gebaut , aber den Schwerpunkt falsch berechnet . Wer war der Architekt , der dieses Unikum ersann ? Oder hat ein solches Quodlibet gar nicht in seiner Absicht gelegen ? Hat er keinen Plan , keine Zeichnung hinterlassen ? Hat er keine Weisungen gegeben ? Kein einziges Wort über die Aufgaben gesagt , die er den Arbeitern zu stellen hatte ? Sollte es nicht eine Wohnung für viele unter einem einzigen Dache werden ? Wo sind die hin , welche anfingen , und dann die , welche aufhörten , hier zu bauen ? Warum steht das ganze Gebäudekonglomerat jetzt leer ? Warum haben nicht einmal die Dschamikun sich entschlossen , es zu bewohnen ? Befürchten sie , daß es zusammenbrechen werde ? Oder ist ihnen ihr auf Gottes ebenem Boden und am klaren Wasser liegender Duar lieber als die fremdartige , untrauliche Baute , die wie die Bergeszellen am Dschebel Qarantel bei Jericho136 nur unfreiwilligen Anachoreten zur Wohnung dienen konnte ? - Abseits von diesen bergan kletternden Etagen und von ihnen durch die schon wiederholt erwähnte Pferdeweide getrennt , lag in südlicher Richtung ein anderes Bauwerk , welches nun jetzt mein Auge auf sich zog . Der Grundfelsen stieg hier viel weiter als da drüben den Berg empor . Er trug ganz so wie dort , aber bedeutend höher , die Riesenmauer , von deren kolossalen Quadern der Garten des Ustad und der Vorplatz gehalten wurde , auf dem ich im Schatten der Dälbiplatanen gesessen hatte . Die Breite des Vorplatzes und Gartens freigebend , stand hier nun das gastliche Haus , dessen Bewohnern wir so viel , so viel zu verdanken hatten . Es war mir möglich gewesen , schon einen Teil desselben zu sehen , vom Vorplatze aus . Aber der lag so nahe am Gebäude , daß ich wohl an ihm emporschauen , es aber nicht ganz überblicken konnte . Nun sah ich es vollständig vor mir liegen . Da bemerkte ich denn , daß es aus einem uralten und aus einem späteren Mauerwerk bestand . Zu dem ersteren gehörte das Gewölbe , in welchem jetzt die gefangenen » Soldaten « steckten . Es stieg dann noch um zwei Stockwerke höher empor und schien ein altpersischer Wartturm gewesen zu sein , zum Aufenthalte für die Personen bestimmt , welche man in unserer Ritterzeit die Knappen nannte . Das einstige » Herrenhaus « , um zwei Geschosse höher gebaut , lag etwas davon entfernt . Sein glattes Dach hatte eine Mauerkrönung nach altassyrischer Weise . Haus und Wartturm waren später durch den jetzigen Versammlungssaal verbunden worden , in welchem Halefs und mein Lager sich befanden . Ich sah auf dem Dache dieses Saales Laubhütten stehen , in denen , wie ich später hörte , Hanneh und Kara schliefen . Daß es in dem Kalkfelsen über dem Hause Höhlen gab , habe ich schon erwähnt . Auch daß in einer von ihnen die Glocken hingen , zu denen ein Weg und eine bequeme Treppe führte . Nun aber sah ich noch etwas bisher für mich vollständig Unbekanntes . Nämlich das eigentliche » hohe Haus « . Ich hatte bei dieser Bezeichnung stets nur an die Wohnung des Ustad gedacht . Jetzt glaubte ich , den vorhin beschriebenen Etagenbau so nennen zu müssen . Ich fragte Tifl , und er sagte mir , daß das wirkliche » hohe Haus « dort auf der höchsten Höhe stehe , daß man aber nebenbei diese Bezeichnung auch den beiden anderen Bauwerken gebe , weil auch sie von den Bewohnern des Duar dem Ustad überlassen worden seien . Auf der Spitze des Berges , hoch über der ganzen Umgegend , doch auf bequemen Pfaden zu erreichen , da wo der klare Himmel sich für das Auge auf die grüne Alpe legte , stand in andächtiger Erdenstille ein nach vier Seiten offenes , weitgespanntes , weißes Leinwandzelt . So schien es mir beim ersten Blick . Aber die vermeintliche Leinwand empfing die Strahlen der über ihr stehenden Sonne nur , um sie in so wunderbarer Weise in das Thal herniederzubrechen , daß ich mein Auge mit der Hand beschirmte , um das flimmernde Licht von ihnen abzuhalten . Da sah ich freilich , daß es nicht Leinen , sondern , man denke , Alabaster war . Freilich aber ist da nicht der echte Gipsalabaster gemeint , den man z.B. in Derby und Volterra findet und zur Herstellung teurer Kunstwerke verwendet , sondern der mit dem Tropfsteine verwandte und häufig vorkommende Kalkalabaster , den die Kalkhöhlen ihres Berges den Dschamikun geliefert hatten . Tifl bestätigte mir dieses letztere . Er nannte den Alabaster » weißen Rucham « 137 und sagte : » Im Innern dieses Berges und auch anderer Berge der Umgegend giebt es sehr große Mengen dieses schönen Steines . Man erkennt sein Vorhandensein an dem Wasser , wenn es aus dem Gebirge zu Tage tritt . Es löst den Kalk wie Zucker auf und setzt ihn in den Felsenzwischenräumen als festen Rucham wieder an . Doch nimmt es noch so viel Kalk mit sich fort , daß man ihn leicht bemerkt . « » Wer hat das Zelt da oben gebaut ? « » Wir . « » Giebt es denn Leute bei euch , welche gelernt haben , diesen Stein zu brechen , zu bearbeiten und zu polieren ? « » Ja . Der Ustad hat es sie gelehrt . Als er noch jung war , hat er in den Städten , wo es große Plätze für die Toten giebt , überall gern den Kabristan138 besucht , um die Grabdenkmäler zu betrachten . Er verweilte sehr oft in den Werkstätten der Bildhauer , wo die Türban139 gehauen werden , um mit ihnen darüber zu sprechen , welche Gestalt und welchen Sinn man ihnen eigentlich geben sollte . Da hat er nicht bloß zugeschaut , sondern auch mit zugegriffen und also gelernt , wie Bildnissteine zu behandeln sind . Von dem Zelte da oben hat er eine Zeichnung gemacht und vorher alles genau berechnet , ehe er mit den Leuten , die er dazu aussuchte , an die Arbeit ging . Sie waren nicht geübt , und es ist also manches Stück von ihnen zerbrochen oder verdorben worden . Aber der Ustad hatte Geduld , und so wurde das Werk , wie du siehst , endlich doch so fertig , wie es von ihm vorgeschrieben war . Aber es hat viel Zeit gekostet , sehr viel Zeit , weil die Arbeiter alles erst zu lernen hatten ! « Das glaubte ich ihm gern . Einem höhern Gedanken zeitlich dauernde Gestalt zu geben , dabei hat ja die Zeit ganz vorzugsweise mit beteiligt zu sein . Wahre Kunstwerke werden nicht vom Augenblick vollendet , auch wenn ihm gewandte Hände und nicht ungeübte Dschamikun zur Verfügung stehen . » Gefällt es dir , Effendi ? « fuhr Tifl fragend fort . » Gefallen ? Das ist zu wenig gesagt . Ich möchte täglich hier stehen und zu ihm aufwärts schauen . Es wohnt ein Wort in diesem Zelte , ein großes , ernstes , und unendlich vertrauensvolles Wort . Es fällt mir jetzt nicht ein ; ich muß es aber finden . « » Vielleicht weiß ich es und kann es dir sagen . « » Du ? « fragte ich verwundert und ungläubig . » Ja , ich ! Freilich bin ich nicht klug genug , hierüber nachzudenken und das Wort zu finden . Aber wahrscheinlich ist es dasselbe Wort , welches der Ustad sagte , als das Zelt fertig geworden war . Er bezeichnet es auch oft mit ihm . « » Welches Wort ist es ? « » Amen ! Wenn er von dem Zelte spricht , so nennt er es zuweilen unser Amen . Ich verstehe das nicht ; aber du wirst es begreifen . « Ja , ich begriff es . Amen ! Das war das richtige Wort . Nun ich es hatte , zeigte mir mein Auge die Bestätigung . Ich hatte bisher nicht auf einen Umstand geachtet , den ich erst jetzt bemerkte . Die Stelle , an welcher das Zelt stand , lag nämlich gerade über dem Etagenbau . Indem ich nun den Linien desselben folgte und sie bis oben weiterführte , sah ich , daß der unten auf der breiten Felsenbasis ruhende und aufwärts immer schmäler werdende Bau bei einer gedachten Weiterführung ein gleichschenkeliges Dreieck bilden mußte , dessen Spitze ganz genau das Zelt berühren würde . War dies Berechnung vom Ustad ? Jedenfalls ! Das Thema der vor mir in Stein erklingenden Predigt hatte mir der Felsengrund im tiefsten Tone heraufzurufen : » Wo warst denn du , o Mensch , als ich die Berge gründete ? Wo stecktest du , als ich die Sonnen einst entzündete ? Wo sind sie alle hin , die hier zum Berge kamen ? Bau auf mein ew ' ges Wort ; steig auf zur Sonne . Amen ! « So sprach der Fels , der einst aus der Tiefe stieg , um alles , was da lebt , emporzuheben . Und nun der Menschenbau ? Seine Lippe war längst erstarrt , hohl , leer und darum stumm sein Mund . Aber seine steinerne Leiche lag vor mir ausgestreckt in jener wortlosen und doch überwältigenden Beredsamkeit , die jedem von der Seele verlassenen Leibe eigen ist . Dann kam die leer gebliebene und also der Zukunft vorbehaltene Baustelle . Was sagte sie ? Sie sprach nur Fragen aus . Wer ist es , der da kommen wird ? Vielleicht einer , der niemals starb ? Der , welcher mitten unter ihnen ist , wenn zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen ? Aber wenn er es thäte , würde er in der bisherigen Weise weiterbauen ? Sprach er nicht immer nur von seines Vaters Hause , in dem es viele Wohnungen gebe , und daß er hingehe , sie für uns vorzubereiten ? Warum also hier Stein auf Stein türmen , wenn wir gar nicht bleiben können ? Warum Häuser neben und über Häuser bauen , während für unsere kurze Wanderung ja doch ein Zelt genügt ? Da stand es oben , dieses Zelt , hell leuchtend an der Scheidelinie zwischen Himmel und Erde ! Jahrtausende haben da unten gebaut , stark und fest wie für endlose Zeiten , und doch und doch vergeblich für die Ewigkeit ! Und da kommst du , o Ustad , du Unbekannter , du , der du dem Auserwählten von Chaldäa gleichst , der dort sein Zelt abbrach , um es im Haine Mamre wieder aufzuschlagen . So schlugst auch du dein Zelt da oben auf . Du nennst es das Amen der unter ihm erklingenden Berg- und Felsenpredigt . Ich habe dich verstanden . Möchten doch auch andere dich verstehen ! - - - Ich hätte jetzt noch gern verschiedene Fragen an Tifl gerichtet ; aber da erklangen drüben , ganz unerwartet für mich , die Glocken , und ich sah die Dschamikun erscheinen . Sie bildeten einen Festzug , welcher mir hinter dem dichten Grün der Gärten verborgen geblieben war . Nun er die offene Matte erreichte , mußte ich ihn bemerken . Voran schritt der Pedehr . Ihm folgte eine Anzahl meist graubärtiger Männer , welche zusammenzugehören schienen . » Das ist die Dschemma140 « , sagte Tifl . Nach ihnen kamen die Bewohner des Duar mit allen ihren Gästen , wohl geordnet , doch in beliebiger Reihenfolge , zunächst die männlichen und dann die weiblichen mit den Kindern und dem wirtschaftlichen Zubehör . Sie zogen heran , erst über die grünende Weide , dann durch den duftenden Park . Als der Zug den Tempel erreicht hatte , löste er sich auf . Die Tiere wurden nach dem Waldesrande geführt , wo eine reichlich fließende Quelle frisches Wasser gab . Jedermann ging , wohin es ihm beliebte . Der Pedehr aber kam mit der Dschemma die Stufen heraufgestiegen . Es waren feierliche Augenblicke . Ich fühlte mich ergriffen von dem Gefühle ernster und doch froher Erwartung . Wo aber war der Ustad ? Ich sah ihn nicht . Da bemerkte ich , daß die Männer der Dschemma ihre Blicke aufwärts nach dem Walde richteten . Ich drehte mich um . Er kam . Sein Gewand war kein anderes als das bescheidene , härene , in welchem ich ihn schon gesehen hatte . Er trug keinen anderen Schmuck als nur eine halboffene Rosenknospe an der Brust und eine ebensolche in der Linken . Aber wie er so aus dem dunklen Walde trat und sinnend mild zu uns herniederstieg , mußte ich an das Wort Jesaias , des Sohnes Amos denken : » Wie köstlich sind auf