sich rechtzeitig in Hubertus ein . Das Schloß hatte schon Frühlingstoilette gemacht : die Geweihe hingen an der Mauer , die Fontäne plätscherte , die Rosenstämmchen waren aufgebunden , und in der Ulmenallee , deren Bäume von einem zartgrünen Schimmer überhaucht waren , saßen die fünf Adler hinter dem Gitter . Einer der Vögel trauerte . Den Kopf zwischen die Schultern geduckt , saß er auf der Stange und blähte das Gefieder auf , als wäre ihm nicht mehr behaglich in seiner Haut . Moser , der gerade die Fütterung erledigte , sagte zu Franzl : » Ich kann mir gar net denken , was der Vogel hat . Die Gschicht is wie verhext . Ich bin net abergläubisch . Aber da gschieht wieder ebbes im Haus ! Nix Guts ! « Moser verstummte , denn er hörte von der Straße her das Rollen eines Wagens . Mit raschem Trab , dessen Hufschlag der weiche Kiesgrund dämpfte , kamen die Pferde durch die Ulmenallee . Den Schoß von einer rot eingefaßten Pantherdecke überbreitet , saß Graf Egge allein in der offenen Kalesche ; er trug einen dunkelgrünen Jagdanzug mit Lederknöpfen , einen neuen , grauen Havelock und dazu seinen alten verwitterten Filzhut , auf dem ein dickes Büschel der Reiherfedern nickte , die er im Winter an der unteren Donau erbeutet hatte . Franzl eilte dem Wagen entgegen . » Grüß Gott , Herr Graf , und Weidmanns Heil daheim ! « Bis ins Herz erschrak er , als er das Gesicht seines Herrn in der Nähe sah ; es hatte eine fahlgelbe Färbung , wie verregnetes Heu , der Mund war bitter verzerrt , jede Furche schärfer geschnitten , und die tiefliegenden Augen hatten einen fieberhaften Glanz . Graf Egge stieg mit gebeugtem Rücken und etwas steifem Fuß aus dem Wagen ; er dankte für den Gruß des Jägers nicht ; sein erstes Wort war die Frage : » Was machen die Adler ? « » Sie horsten bei uns . « Langsam streckte sich Graf Egges Gestalt , und in Erregung spannten sich seine schlaffen Züge . Er legte die Hand auf Franzls Schulter , atmete tief und nickte lächelnd . Ohne ein Wort zu sprechen , ließ er sich von Fritz und Moser begrüßen und trat ins Schloß . Zuerst öffnete er die Tür der Kruckenstube und warf einen Blick über die Wände ; dann ging er in das Speisezimmer , wo zum Frühstück für ihn gedeckt war . Neben dem Teller lag die in den letzten Tagen eingetroffene Post . » Hornegger soll kommen ! « befahl Graf Egge , als Fritz zu servieren begann . Franzl mußte am Tisch Platz nehmen und die Reviergeschichte des Winters erzählen . Graf Egge aß dazu einige Bissen und öffnete die Briefe . Unter ihnen war ein Nachzügler der schwarzen Rechnungen : eine Forderung für » Kranzschleifen mit Golddruck « . Graf Egges Gesicht entstellte sich , und im Zorn warf er das zerknüllte Blatt unter den Tisch . » Das nimmt kein Ende mehr ! Ich will Ruhe haben ! Ruhe ! « Er drückte die Fäuste an seinen Kopf und sagte nach einer Weile zu Franzl : » Erzähle weiter ! Wann hast du die Hütte bezogen ? « » Am 10. April , Herr Graf ! Und da hab ich mir gleich denkt , daß die Adler horsten müssen . ' s Weiberl is verschwunden gwesen , und die ganze Zeit her hab ich nur allweil ' s kleinere Manndl streichen sehen . Seit fürgestern sind s ' wieder alle zwei am Flug . Es müssen die Jungen schon ausgfallen sein . « Diese Meldung schien Graf Egges Erregung zu beschwichtigen . » Wo liegt der Horst ? « » Den hab ich net gfunden , Herr Graf ! « gab Franzl kleinlaut zur Antwort . » Was ? Den Horst nicht gefunden ? « Es gewitterte auf Graf Egges Stirne . » Ich hab mir kein Weg verdrießen lassen . Aber ich kann den Horst net finden . « » Schipper findet ihn schon . Willst du wetten ? « Franzl gab keine Antwort . Und Graf Egge sprach nicht weiter , weil er auf einem der noch uneröffneten Briefe die Handschrift der Adresse erkannte . Hastig öffnete er und las : » Schloß Eggeberg , den 30. April Verehrte Erlaucht ! Seit acht Wochen hatten wir nicht mehr die Freude , über Erlaucht Aufenthalt und Befinden eine Nachricht zu erhalten . Da gegenwärtig die Auerhähne balzen , darf ich wohl vermuten , daß diese Zeilen Erlaucht in Hubertus finden werden . Leider muß ich Erlaucht in Ihrem Jagdvergnügen durch eine Familiensorge stören . Die Pflichten meiner Stellung zwingen mich , Erlaucht die Mitteilung zu machen , daß Komtesse Kittys schwermütiger Seelenzustand sich während der letzten beiden Monate in besorgniserregender Weise verschlimmerte . Da wir dem hiesigen Dorfarzte nicht genügendes Vertrauen schenken , sah Graf Bruno sich veranlaßt , eine medizinische Kapazität aus Würzburg zu berufen . Der Professor vermochte ein akutes Leiden nicht zu erkennen . Doch konstatierte er einedurch Gemütserschütterungen verursachte Depression , die zu ernstlichen Dingen führen könnte , wenn sie nicht bald durch mildes Klima und Aufheiterung behoben würde . In Eggeberg ist es zum Einschlafen langweilig , und immer friert man , auch wenn die Sonne scheint . Es wurde die Frage erörtert , ob nicht von einer Reise nach dem Süden eine heilsame Wirkung zu erhoffen wäre . Der Professor brachte Sorrent oder Capri in Vorschlag . Und nun bitte ich Erlaucht , eine möglichst rasche Entscheidung zu treffen . Hätten Erlaucht für den von Monat zu Monat verschobenen Besuch in Eggeberg endlich Zeit gefunden , so würde das blasse Gesichtchen des armen Kindes so eindringlich zum Herzen des Vaters gesprochen haben , daß Erlaucht selbst die Notwendigkeit eines energischen Eingreifens erkannt hätten . Indem ich hoffe , daß diese Zeilen Erlaucht bei wünschenswertem Wohlsein und in bester Jagdlaune finden möchten , grüße ich als Erlaucht ergebenste Gundi Kleesberg . « Graf Egge ließ den Brief sinken und sah zur Zimmerdecke hinauf , an der die ausgestopften Adler hingen . Sorge und Ärger sprachen aus dem unruhigen Spiel seiner Züge . Die Stirn in wulstige Falten gelegt , erhob er sich und wanderte mit langen Schritten um den Tisch . Vor einem Fenster blieb er stehen und drückte die Hand an den Hinterkopf , als hätte er Schmerzen im Genick . » Die arme Geiß ! Reise ich morgen früh , so kann ich übermorgen bei ihr sein ! « Er zog die Finger durch den Bart und wandte sich dem Jäger zu . » Seit wann , sagst du , streichen die beiden Adler wieder ? « » Seit fürgestern , Herr Graf ! « » Dann sind schon die Jungen im Horst ! Die könnten flügg sein , bevor ich wiederkäme ! « Überlegend sah Graf Egge durch das Fenster gegen die Berge und schüttelte den Kopf . » Es geht nicht . Mit dem besten Willen nicht ! « Er ging zum Tisch , riß von Tante Gundis Brief ein unbeschriebenes Blatt ab und kritzelte mit Bleistift die Depesche : » Gundi Kleesberg , Schloß Eggeberg . Willige in alles , da sehr in Sorge um arme Geiß . Reisen Sie sofort und senden Sie wöchentlich ausführliche Nachricht . Gruß und Kuß für Kitty . Wäre selbst gekommen , doch leider dringend abgehalten . Reisegeld telegraphisch angewiesen - Egge . « Bedächtig überlas er das Geschriebene , strich die überflüssigen Worte und schrieb die telegraphische Anweisung an das Bankhaus . » Hornegger ! Trag die beiden Depeschen auf die Post ! Eil ' dich ! Bis du zurückkommst , bin ich fertig für den Berg . Und bin ich einmal droben , so wird der Horst bald gefunden sein . Also weiter ! « Franzl machte lange Füße . Als er durch die Ulmenallee rannte , erschien im Parktor ein Leiterwagen , beladen mit sieben riesigen Elchgeweihen und vier großen Kisten , in denen sich die von Graf Egge auf der Winterreise erbeuteten Bärenfelle und Vogelbälge befanden . Neben dem Kutscher , auf einem über die Leitern gelegten Brett , saß Schipper in der durch die lange Reise übel mitgenommenen Büchsenspanner- das Lederfutteral mit Graf Egges Lieblingsbüchse über den Knien . Als er den Jäger gewahrte , machte er die grauen Augen klein und verzog den Mund . Wie eine Flamme schlug es über Franzls Gesicht , dann erblaßte er wieder . Zögernd griff er an den Hut und ging vorüber . Während er im Postbureau vor dem Schalter stand , hinter dem der junge Beamte die Worte der beiden Depeschen zählte , kam der Pointner-Andres mit einem dich gesiegelten Geldbrief in der klobigen Hand , die Kleider bedeckt vom Staub des Steinbruches . » Grüß Gott , Andres ! « sagte Franzl zerstreut . » Hast auch was zum Fortschicken ? « » Ja ! Wieder an Schüppel voll Avakatengelder ! Noch allweil Hochzeitskosten ! « Die Augen des ungeschlachten Menschen funkelten zornig in den Postschalter hinein . » Der Spaß , Brüderl , is teuer gwesen ! Und ich mein ' schier , er kostet mich noch mehr als Geld ! « » Drei Mark vierzig ! « sagte der Beamte verdrießlich . Franzl bezahlte und sah den jungen Bauer an . » Was is denn , Andres ? Hast an Verdruß ? « » Ich ? Gott bewahr ! « Der Pointner-Andres lachte . » Ich sitz drin im Glück wie der Kuchelschwab in der Zuckerbüx ! Hab Haus und Hof und die allerschönste Bäuerin . Ja , die allerschönste ! Hab ich net recht , Herr Praktikant ? « Der Beamte hinter dem Schalter zuckte die Achseln und brummte ein paar unverständliche Worte . » So reden S ' doch , Herr Praktikant , schenieren S ' Ihnen net ! « Die Stimme des Pointner-Andres wurde heiser . » Sie müssen doch wissen , wie schön mein Lieserl is ! Wie d ' Leut sagen , kommen S ' oft auf Bsuch zu mir . Schad , daß ich nie daheim bin . Es tät mich freuen , wenn wir zwei amal zammtreffen möchten ! « Der Praktikant fuhr auf : » Ich verbitte mir diese Redereien ! Hier ist Amtsstunde ! Geben Sie Ihren Brief her ! « Der Pointner-Andres warf den Brief auf das Zahlbrett und lachte . » Bhüt dich Gott , Andres ! « wollte Franzl sagen , aber es verschlug ihm die Rede . Den Kopf schüttelnd ging er davon . In Schloß Hubertus fand er den ganzen Flur mit den halbausgepackten Kisten verstellt . Moser sortierte die Vogelbälge , deren bunte Federn den Boden des Flurs mit leuchtenden Farben bedeckten . Graf Egge , schon für die Bergfahrt gerüstet und mit der Büchse auf dem Rücken , diktierte dem Diener die Adressen der Präparatoren , an die man die Bälge zum Ausstopfen schicken sollte . Dann sagte er zu Franzl : » Komm ! Mir brennt die Ungeduld in allen Knochen . Ich will die Adler heute noch streichen sehen . « Einige Minuten später wanderten sie durch die Ulmenallee . Graf Egge legte die Hand auf Franzls Schulter . » Du bleibst bei mir ! Der andere soll wieder seinen Bezirk übernehmen . Der Kerl hat mich während der Reise grün und blau geärgert und hat mir das Geld aus der Tasche geholt wie mit dem Stopselzieher . « Eine Weile folgten sie der Straße , dann lenkte Graf Egge in die Wiesen ein und suchte auf einem Umweg die Kirche . Fast eine Viertelstunde blieb er im Friedhof , während Franzl vor dem Gitter warten mußte . Als die beiden ihren Weg wieder aufnahmen , rannte ein derbknochiges Weibsbild an ihnen vorüber . Es war die Magd des Bruckner . Sie lief , daß ihre Röcke flatterten ; und als sie die Wohnung des Doktors erreichte , riß sie an der Glücke , daß der Hall das ganze Haus durchschrillte . Der alte Herr öffnete selbst die Tür . » Ich bitt , zum Bruckner , aber gleich ! Unser Büberl hat ' s im Hals und kriegt kei Luft nimmer . « Der Doktor sprang in die Stube , kam mit Hut und Ledertasche und folgte der Magd . Ohne Frage wußte er , zu welcher Krankheit er gerufen wurde . Seit Wochen ging im Dorf ein böses Gespenst von Haus zu Haus , der grausame Würgeengel der Kinder . Seit dem Fasching war der Friedhof schon um sieben kleine Gräber reicher geworden . Als der Doktor eine Stunde später das Haus des Bruckner verließ , begleitete ihn der Bauer bis zur Straße . Lenzi ging gebeugt wie ein Greis , sein Gesicht war nur noch Haut und Knochen ; die Sorgen des Winters hatten ihm die Haare grau bestäubt , und seine Augen blickten unstet und kummervoll . » Ich komme nach Tisch und am Abend wieder , « sagte der Arzt , » befolgen Sie nur genau , was ich verordnet habe . Und vor allem : die Magd mit den beiden anderen Kindern muß hinauf ins Giebelzimmer , sie dürfen mit dem kranken Kind in keine Berührung kommen . « » Um Gotts willen ! « Nur mühsam brachte der Bauer Wort um Wort heraus . » Steht ' s denn schon so schlecht , Herr Doktor ? Is am End kei Hoffnung nimmer ? « » Solange man lebt , ist immer Hoffnung . Beruhigen Sie sich , Bruckner ! Aber ein bißchen spät haben Sie nach mir geschickt . « Dem Bauer zog es den Kopf zwischen die Schultern . » Wie der Mensch halt is ! Ich hab mir denkt , der Hascher wird sich a bißl verkühlt haben , und drum kachezt er halt ! « » Vor allem brauchen Sie jetzt für das Kind eine verläßliche Pflegerin . Die Magd hat für die zwei anderen Kinder zu sorgen und darf die Krankenstube nicht betreten . Wie wär ' s mit Ihrer Schwester ? Das Mädel ist verläßlich und hat zur Kinderpflege eine glückliche Hand . Das haben Sie am Netterl gesehen ! Wenn die Mali wiederkäme , das wär ' der beste Ausweg . « Heftig schüttelte Bruckner den Kopf . » D ' Mali is in Horgau beim Schwager . Der kann d ' Schwester net graten . « » So ? Na , vielleicht läßt sich drüber noch reden . Nach Tisch komme ich wieder . « Der Doktor ging vom Bruckner weg zur Post und schickte ein Telegramm ab : » Amalie Bruckner , Horgau . Ein Kind Ihres Bruders schwer erkrankt . Brauche Sie zur Pflege . Doktor Eisler . « Am Abend des folgenden Tages kam Mali mit dem Botenwagen vor das Brucknerhaus gefahren . Auch ihr war es anzusehen , daß sie einen harten Winter hinter sich hatte . Mit einem Sorgenblick überflog sie das Haus des Bruders , und es beängstigte sie , daß niemand kam , als der Wagen hielt und ihr Koffer abgeladen wurde . Nun war sie im Hof , und da trat ein Mann in Hemdärmeln und mit blauer Leinenschürze aus dem Haus , in den Händen einen Zollstab , den er zusammenklappte - der Meister Schreiner . » So ? « sagte er . » Kommst dein Bruder trösten ? Grad hab ich Maß gnommen . Dös kleine Schluckerl braucht keine langen Bretter . « » Jesus ! « stammelte Mali erblassend . Sie ließ ihr Bündel fallen und rannte ins Haus . Graues Zwielicht lag in der Stube . Die anstoßende Kammer stand offen , und der Kerzenschein , der aus der Tür fiel , beleuchtete den Bauer ; er saß neben dem Tisch auf der Holzbank , die Fäuste über den Knien . Langsam hob er das entstellte Gesicht . » Du ? So ? Bist da ? « Der unerwartete Anblick der Schwester rüttelte ihn nicht auf aus seinem dumpfen Schmerz . Er deutete mit dem Arm gegen die Kammer . » Schau , was da drinliegt ! Wo mein Fuß hintritt , wachst kein Halmerl nimmer . Da geht alles z ' Grund ! « Es wurde immer dunkler in der Stube , und immer heller strahlten in der Kammer die kleinen tanzenden Kerzenflammen . Die ganze Nacht hindurch , bis zum Morgen , wachten die Geschwister miteinander . Am zweiten Nachmittage kam der Geistliche mit dem Mesner . Eine Viertelstunde später war alles erledigt . Die paar Nachbarsleute , die dem kleinen Sarg das Geleit gegeben hatten , wurden von Mali zum » Gsturitrunk « geladen ; er wurde beim Seewirt in der Schifferschwemme abgehalten ; es gab Bier und Branntwein , Brot und Käse . Die » Schmausleut « nahmen nur einen der Tische ein ; an den anderen Tischen saßen die zechenden Schiffer und Holzknechte , die bei Zitherklang und vollen Krügen sich wenig um den Tod bekümmerten , der in der stillen Ecke nach alter Sitte begossen wurden . Aber je tiefer der Abend sank , je mehr der Pfeifenqualm die trübe Hängelampe verschleierte , desto lebendiger wurde es auch am » Gsturitisch « : die Männer sprachen vom Viehhandel , die Weiber erinnerten sich der schönen » Grafenleich « vom vergangenen Herbste . » Ja , wann so a Graf stirbt , der hat ' s gut ! « Wortlos saß der Bruckner in diesem heiter werdenden Lärm und leerte ein Glas ums andere . Immer sorgenvoller betrachtete ihn die Schwester . Als die paar Stunden , die man schicklicherweise am » Gsturitisch « verbringen mußte , endlich vorüber waren , flüsterte sie ihm zu : » Komm , Lenzi , geh mit heim ! « Er schob sie mit dem Ellbogen von sich . » Ich muß aufgießen , oder es bringt mich um . « » Lenzi ! Sei gscheit ! Komm mit heim zu deine Kinder ! « » Laß mich sitzen ! Ich muß was haben , was mir ' s Blut in Ruh bringt . Saufen oder wildern ! Büchs rühr ich keine mehr an . Muß halt der Schnaps helfen . « Mali , mit kalkweißem Gesicht , reichte jedem Gast zum Abschied die Hand und sagte mit erloschener Stimme zum Bruder : » Kommst bald nach , Lenzi , gelt ? « Als sie ins Freie trat , schlug ihr ein schwüler Windstoß ins Gesicht und faßte die Röcke . Aus dem nachtschwarzen Seekessel quoll dumpfes Sausen und Gebrumm heraus . Ein Föhnsturm ! Schon wollte Mali die Lände überschreiten , als sie das Gepolter eines ans Ufer stoßenden Nachens hörte und im Dunkel eine Mannsgestalt mit Büchse und Bergstock aus dem Boot steigen sah . Erschrocken drückte sie sich in die Finsternis der nächsten Schiffshütte . Nun vernahm sie die Stimme des Jägers , der mit dem Schiffer sprach . Sie hatte sich umsonst geängstigt . Es war Graf Egge , der allein von der Jagdhütte nach Hubertus zurückkehrte . Mali rannte über die Lände . Noch ehe sie das Haus des Bruders erreichte , fiel der Sturm mit voller Gewalt über das Tal . Die Schindeln flogen von den Dächern , in den Kronen der knospenden Bäume brachen die morschen Äste , und in das Heulen des Windes mischte sich das Gepolter fallender Bretter und das Gerassel der losen Fensterläden . Am Brucknerhaus waren alle Scheiben dunkel . Mali trat in den Flur und konnte , gegen einen Windstoß ankämpfend , nur mühsam die Haustür wieder schließen . Unter dem tobenden Lärm , der um die Wände sauste , klang aus der Giebelstube herunter das Weinen eines Kindes und eine scheltende Stimme . Mali sprang über die Treppe hinauf und trat in die dunkle Stube . » Aber Madl ! Was bleibst denn mit die Kinder in der Finsternis ? Warum machst denn kein Licht net ? « » Wenn mich die Kinder net dazu kommen lassen ! « brummte die Magd . » ' s Netterl geht mir net vom Arm , und d ' Hanni macht so Gschichten mit ihrer Wehleidigkeit . « Weinend war Hannerl auf Mali zugegangen und hängte sich an ihren Rock . » Mir tut ' s so weh , Malimahm , mir tut ' s so weh da drin ! « » Wo denn , Schatzerl , wo tut ' s dir denn weg ? « » Da drin ! « Mali , die im Dunkel der Stube nicht zu sehen vermochte , griff erschrocken mit den Händen zu und fühlte , daß das Kind die Fingerchen am Hals hatte . » Mar ' und Joseph ! « Ein paar Augenblicke stand sie wie gelähmt . Dann kreischte sie : » Schaff das Kind ins Bett ! Und gib mir ' s Netterl her ! « In verzweifelter Angst riß sie das Jüngste vom Arm der Magd und stürzte zur Stube hinaus , über die Treppe hinunter und ins Freie . Das Köpfchen des Kindes mit der Schürze verhüllend , rannte sie durch den tobenden Sturm zum Nachbarhaus . Mit der Faust schlug sie an die Tür und schrie : » Nachbarin ! « Eine alte Bäuerin öffnete . » Um tausend Gotts willen , Nachbarin , nimm mein Netterl ins Haus ! Bei uns daheim is kein Bleiben nimmer . Jetzt fangt ' s beim Hannerl an ! « Ohne die Antwort abzuwarten , drückte Mali der Nachbarin das Kind in die Arme und rannte wieder zum Haus des Bruders . Immer tosender wuchs der Sturm , und krachend stürzte im Garten des Bruckner ein Apfelbaum , dessen Stamm seit Jahren im Kerne faul gewesen . 14 Unter den Windstößen klapperten in der finsteren Parkallee die Äste der Ulmen gegeneinander - wie die Stangen kämpfender Hirsche , meinte Graf Egge , der das eiserne Gitter hinter sich zuwarf . Fritz machte große Augen , als er seinen Herrn bei Nacht so unerwartet im Schloß erscheinen sah , mit Sturmzeichen im Gesicht . Graf Egge hatte die Tage her mit vier Jägern vom Morgen bis zum Abend in seinem Gemsrevier alle Felswände abgesucht , ohne den Adlerhorst zu finden . Mit jedem resultatlos verbrachten Tag war seine Mißlaune gewachsen und hatte den Jägern üble Stunden bereitet . Und am Mittag - weil er vom Föhn einen Wetterumschlag befürchtete , bei dem man das Suchen nach dem Horste einstellen mußte und keinen Auerhahn mehr hörte - war er wütend aus der Jagdhütte davongerannt . Heulende Windstöße umsausten das Schloß , während Fritz mit erhobener Lampe im Flur umherleuchtete und Graf Egge die unter die Trophäen eingereihten Elchgeweihe musterte , die kaum noch Platz gefunden hatten . Er ließ sich die Lampe in die Kruckenstube tragen . Auf die Frage des Dieners , was Erlaucht zu speisen wünsche , sagte er : » Milchsuppe . Einen Schmarren bringt ihr nicht fertig . « Eine halbe Stunde später saß er im Speisezimmer . Gespensterhaft bewegten sich in der aufsteigenden Lampenwärme die an der Decke hängenden Adler , während draußen der Föhnsturm ungestüm an allen Fenstern rüttelte , als wollte er Einlaß begehren für den Frühling . Graf Egge hatte das Gedeck beiseitegeschoben und löffelte die Milchsuppe aus der Schüssel . Er war mit seinem Mahl noch nicht zu Ende , als Moser eine Depesche brachte : » Wohlbehalten in Genua eingetroffen , dampfen mit Bismarck nach Neapel und sind morgen abend in Capri . Haben herrliches Wetter , Komtesse Kitty sichtlich erquickt . Grüße in ihrem Namen . Gundi . « Verdrossen betrachtete Graf Egge das Blatt . Außer den vielen überflüssigen Wörtern schien ihm noch was anderes gegen den Strich zu gehen . » Herrliches Wetter ? « brummte er und legte die Depesche fort . » Unsinn ! Wäre sie zu mir gekommen ! Schmarren und Bergluft hätten ihr besser geholfen als das wälsche Gesäusel da drunten . « Er steckte seine kurze Pfeife in Brand und las die Depesche wieder . » Die Alte , natürlich ! Das ist wieder was für ihren romantischen Haubenstock . Die wird in Wonne schwimmen . Auf meine Kosten ! « Seufzend erhob er sich . » Und dieser Unsinn ! Mit dem kranken Mädel die Reise so zu überstürzen ! Als fände die Schmalgeiß da drunten ihre Gesundheit über Nacht ! Wie ein Wunder ! « Mißmutig setzte er sich in einem dunklen Winkel auf die gepolsterte Wandbank und sog an der Pfeife . Sie schien ihm nicht zu schmecken . Er stand wieder auf , tappte im Zimmer umher , ließ den Blick über alle Wände irren und bewegte mit einem Gefühl des Unbehagens die Schultern unter der Joppe . Er fühlte sich einsam . Während Moser den Tisch räumte , preßte Graf Egge stöhnend die Faust in den Rücken . » Zum Teufel auch ! Was ist denn mit meinen Knochen ? « » Herr Graf , « sagte Moser vorwurfsvoll , » es wär kein Wunder ! Den ganzen Winter eine Strapaz um die ander und nach der weiten Heimreis wieder am Berg auffi ! Sie verlangen a bißl z ' viel von Ihrem Alter . « » Alter ? Du Rindvieh ! Ich hoffe noch meine zwanzig Jahr ' zu jagen ! Und wenn ich steif und krumm werde , laß ich mich tragen auf die Jagd . Wenn nur die Augen aushalten ! Die Hand ist Nebensache . Wackelt beim Zielen das Korn aus dem Hirsch heraus , so kann ' s auch wieder hineinwackeln . Das Aug ' macht es . Und meine Augen sind gut . Die haben noch Falkenblick ! - Aber müd bin ich . « Die ganze Nacht tobte der Föhnsturm . Als der Morgen graute , begann das Rauschen des Windes langsam zu verstummen . Bei lachender Sonne und blauem Himmel stieg ein linder Frühlingstag von den Bergen herunter . Die Felsenzinnen , auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war , schimmerten wie frischer Silberguß , das tiefe Grün der Fichtenwälder schien erneut in seiner Farbe , an den Hecken im Dorf und an allen Laubbäumen waren die Knospen gesprungen , und die warme Luft war erfüllt von würzigem Geruch , als hätte der Föhn den Blumenduft des Südens über die Berge in das Tal getragen . In allen Menschen war Freude . Nur Graf Egge - wegen des versäumten Pirschmorgens , der ihm ein paar Auerhähne hätte bescheren können - fluchte wie ein Berserker . Um seine Schauerlaune ein bißchen aufzubessern , setzte er sich in der Kruckenstube vor den eisernen Schrank und begann die Edelsteine , die er von der Reise mitgebracht hatte , in seine Sammlung einzureihen . Als er in eines der Fächer griff , geriet ihm eine Münze zwischen die Finger ; er zog sie hervor und betrachtete sie ; es war ein Taler , ein gewöhnlicher Taler , ohne irgendwelchen Wert für den Sammler ; dennoch schien die Münze für Graf Egge besonderen Wert zu besitzen ; er lächelte , nickte in Gedanken vor sich hin und legte den Taler wieder in das Fach zurück . Während er dann Lade um Lade aufzog und die Etuis mit den funkelnden Steinen auf dem eisernen Klapptisch vor sich ausbreitete , ging draußen vor dem Fenster der alte Büchsenspanner vorüber , der den Adlern das Futter zum Käfig trug . Als Moser den Käfig erreichte , öffnete er das Futtertürchen und warf den Inhalt der Schüssel hinter das Gitter . Vier Adler hüpften mit geöffneten Schwingen von den Stangen herunter und rauften sich gierig um die blutigen Brocken . Der fünfte blieb regungslos mit aufgeblähtem Gefieder in seinem Winkel sitzen und hielt wie im Schlaf die gelben Lider über die Augen gezogen . » Der macht ' s nimmer lang . Jetzt muß ich reden , oder es bleibt auf mir sitzen ! « Er wollte schon den Rückweg antreten . Da hörte er , daß ein Wagen vor dem Parktor hielt . Das eiserne Gitter klirrte . Ein Offizier , in den umgehängten Mantel gewickelt , kam hastig durch die Ulmenallee gegangen . Moser riß die Augen auf . » Meiner Seel , da kommt der Graf Robert ! « Er stellte die blutige Schüssel nieder und säuberte die Hände an der Lederhose . » Grüß Ihnen Gott , Herr Graf ! Die Freud , die der gnädig Herr haben wird ! « Roberts Gesicht war welk wie nach einer durchwachten Nacht . Er übersah die Hand , die ihm der alte Jäger bot , nickte wortlos und schritt vorüber . Auf der Veranda nahm er den Mantel ab . Als er im Flur die spiegelblanke Büchse und den verwitterten Filzhut seines Vaters am Gewehrrechen hängen sah , atmete er erleichtert auf . Mit zitternden Händen schnallte er den Säbel ab und hängte ihn neben die Büchse ; dann ging er auf die Tür der Kruckenstube zu und pochte . » Herein ! « Graf Egge machte bei Roberts Anblick einen Ruck , daß sich der Lehnstuhl drehte . Der Klapptisch des eisernen Schrankes zitterte , und die Hunderte von bunten Edelsteinen , die vor Graf Egge in Reihen geordnet lagen , blitzten und funkelten in gesteigertem Feuer . » Du ? « Der harte Klang dieses Wortes und der mißtrauische Blick , mit dem der Vater den Sohn vom Kopf bis zu den Füßen musterte , ließ erraten , daß Graf Egge sich von dem unerwarteten Besuch nichts Gutes versprach . Robert hatte die Tür zugedrückt . Ein paar Augenblicke war es still im Zimmer . Graf Egge lehnte sich in den Sessel zurück und zog die Hand durch den Bart. » Guten Tag , Papa ! « Mit diesem Gruß , der etwas unsicher klang , ging Robert auf den Vater zu . Da gewahrte er die Verwüstung , die der Winter in diesem Gesicht angerichtet hatte . » Bist du nicht wohl , Papa ? « » Ich ? Warum ? «