gewandte und umsichtige Führung der Offiziere selbst , sodann die Leitung des Generalstabs , die allgemeine vortreffliche Ausrüstung der Armee ; endlich der Wille der Vorsehung , die das zu erstrebende Ziel längst vorgesteckt hatte . » Den Zufall giebt die Vorsehung « , bemerkt Marquis Posa , » zum Zwecke « - muß halt der Mensch dabei sein . Und da helfen z.B. im Kriege Unteroffiziere und Offiziere durchaus nichts , falls nicht die angeborene Tüchtigkeit und Energie und Tapferkeit des Soldatenmenschen , des sogenannten » Kerls « , dahinter sitzt . Jeder , der ein wenig mit militairischen Dingen vertraut ist , wird wissen , daß die ewig neu erhobene Behauptung jedes Reservisten : er habe genau die Hälfte seiner drei Jahre rein für Nichts vertrödeln müssen , ja das Alles in weniger als einem Jahr lernen können , - stets belächelnswerth bleibt , da ja interne Kasernenfragen und Commiß-Gewohnheiten gerade die drei Jahre vom Mark und Schweiß des Bürgers bedingen . Mit weniger wird halt die Drehung des regelrechten Zopfes nicht erreicht , der dem ganzen modernen Heerwesen noch immer im Nacken baumelt . Kann man mit einem Jahr Ausbildung einen Gemeinen erzielen , der vor dem Feind seinen Mann steht ? - O pah , dazu braucht ' s nur eines Halbjahrs - wie bei den Einjährig-Freiwilligen , die ja ihr zweites Gefreiter-Halbjahr auch eigentlich nicht brauchten . Im Grunde taugen sogar auch die eben erst Eingezogenen dazu , wenn sie nur von gutem Geist beseelt sind . Aber , mein Verehrtester , was gilt das uns ? Wir wollen nicht gute Vaterlandsvertheidiger , wir wollen Soldaten mit allem Gamaschen-Zubehör . Wir spielen halt gern Soldätles und dazu brauchen wir drei Jahre . Sehr gut . Wer kann einen so rührenden Geschmack anfechten ! Spielt ihr nur fort - aber wie ? Die allgemeine Dienstpflicht ist es , d.h. das Vaterland und Volk ist es , mit dem ihr zu spielen wagt ? » Patriotische Pflichterfüllung « nennt ihr es , wenn dem Vaterlande der ungeheuerste Verlust in national-ökonomischer Hinsicht dadurch erwächst , daß man die besten Kräfte in der schönsten Zeit für Parade-Exercitien vergeudet ? So kauft euch eine Söldner-Armee . Dies aber erinnert an den hessischen Menschenverkauf . Denn nur mit dem , den man gekauft hat , darf man wie mit einem Heloten wirthschaften - freilich thut ' s im bürgerlichen Leben kein anständiger Mensch . Die fortwährend zunehmenden Unteroffizier-Prozesse , welche die monstruösesten Details enthüllen , die Selbstmord-Epidemie unter den Gemeinen , weil sie » die ewige Angst und grausame Behandlung nicht mehr ertragen könnten « , haben denn doch in letzter Zeit nicht nur in gebildeten Kreisen und in der Presse einen Sturm der Entrüstung entfesselt , sondern sogar in Offizierkreisen haben sich die ernstesten Bedenken geäußert , ob dieser Eckpfeiler des Preußenthums , der Unteroffizier , noch länger als eine solche Bestie zu dulden sei . Man hat sogar aus den Garde-Dragonern zwei Wachtmeister , welche es bis 2000 Thaler pro Jahr an Bestechungen brachten ( dort dienen nur die reichsten Freiwilligen ) , endlich ausgestoßen . Aber der dreijährige Missethäter an Leib und Seele des armen Rekruten wird noch lange seinen Unfug treiben und , das leicht erlernbare Pensum eines halben Jahres endlos durch tausend Mätzchen hindehnend , den ohnehin beschränkten Bauern das Lernen redlich erschweren . Bei dem intelligenten Freiwilligen wirkt er freilich nicht direkt verderblich , weil derselbe das Pensum ohnehin in ein paar Wochen übersieht . » Der Rest « seiner Dienstzeit » ist Schweigen « - und zwar in wörtlicher Beziehung , nämlich » Maulhalten « vor ' m Vorgesetzten . Außerdem ganz nutzlose Strapazen erdulden , wohl auch vier Wochen im Lazareth liegen , und zahllose Brutalitäten hinnehmen . Das ist die Ueberfracht von elf Monaten , außer dem einen , der ihn im Kriegsfall als durchgebildeten Soldaten vor den Feind gebracht hätte . Mit einem Worte , der wahre Nutzen der dreijährigen Dienstpflicht besteht in der Ausbildung der Dulderfähigkeit des Menschen . Wer das überstanden , kann Alles überstehn . Der Soldat hat gelernt , wie schwer und sauer das menschliche Leben gemacht werden kann . Das ist schon ein großer Vorzug vom ethischen Standpunkt aus . Und unsere Moralisten des » kategorischen Imperativs « lobpreisen diesen erhabenen Zweck hinter ' m warmen Ofen mit sinnigem Behagen . Aber seltsam ! Der heimkehrende Reservist , der drei kostbare Jahre seines Lebens dem Erlernen dieser spartanischen Moral geopfert hat , zeigt sich in der nächsten Zeit nach seiner Entlassung nicht pflichteifriger , sondern weit arbeitsunlustiger wie früher : Er hat für die Gewerbe des bürgerlichen Lebens , also für seinen Beruf und Unterhalt den Geschmack verloren . Sogar bei den Einjährigen zeigt sich nach übereinstimmenden Aussagen nach ihrem Zurücktritt ins Civil zuerst eine unüberwindliche Arbeitsscheu und Hang zum Bummeln . Ganz auffallend aber ist die durchgängige Verrohung der Sitten , Gewaltthätigkeit und Brutalität in Wort und That , bei dem sonst ruhigen Charakter des Deutschen , welche nach jedem Krieg in der Masse , nach jedem Erfüllen der Dienstpflicht bei den Reservisten hervortrit . Begreiflich ! In welcher moralischen Sphäre hat der Soldat sich so lange bewegt ! Rechtes Arbeiten , d.h. geistiges oder handwerkliches , hat er total verlernt . Dafür ist er gewöhnt , auf lauter Aeußerliches zu achten , und empfindliches Ehrgefühl als gar nicht vorhanden anzusehen , da die pöbelhafte Rohheit in Worten und Thaten seine tägliche Umgangs-Nahrung war . Während der Krieg selbst die männlichsten und hehrsten Gefühle und zugleich alles Bestialische der Menschennatur erweckt , impft der Soldatendienst im Frieden der Seele nur die schändlichsten Empfindungen und Gesinnungen ein : Knechtssinn , mit all seinen Abzweigungen ( allerdings eine würdige Vorbereitung für manche amtliche Abstumpfung des Ehrgefühls ) , Gleichgültigkeit gegen das physische und moralische Kränken des Nebenmenschen , allgemeine Brutalität der Gesinnung . - Verzeihe man diese erneute Betonung des schon früher Gesagten ! Der Vertreter dieser herrlichen Schule echtdeutscher Gesinnung ist eben der Unteroffizier , dieser erlauchte Zuchtmeister und Erzieher von Gottes Gnaden - dieser rohe , freche , knechtische Charakter der zugleich in unsere reine , preußische Luft den moskowitischen Wohlgeruch einer staatlich tolerirten , groben Bestechlichkeit hineinträgt . Wahrlich , ein staunenswerthes Denkmal unserer Triumphe ! Sollen sich diese von Jedermann privatim vertretenen , aber aus guten Gründen öffentlich nur in flagranten Fällen von Rohheit besprochenen Ansichten etwa gegen die allgemeine Dienstpflicht richten ? Mit Nichten . Es wäre komisch , so lange Europa sich in Waffen gegenübersteht , daran rütteln zu wollen . Die stets mit jeder neuen Session neu auftretenden Forderungen der Liberalen zielen einfach auf gänzliche Reducirung der Dienstzeit hin , bis dieselbe auf das gebührende Maß von Bürger-Aufopferung herabgeschraubt werden wird - d.h. auf die Hälfte der bisherigen . Vor allem aber wird und soll einmal Ernst gemacht werden gegen den unerhörten Schandfleck der Armee , gegen das in ein unzerbrechliches System gebrachte Unteroffizierthum . Denn nicht in den Mißhandlungen , die solcher Auswurf sich gegen den Bürger erlaubt und nachher , wenn als Schutzleute in den Polizeidienst übergegangen , fortsetzt , liegt das eigentlich Gefährliche dieser Landplage . Nein , sondern die Betrachtung , daß ein auf der untersten Stufe des Geistes und der Moral stehendes Individuum die staatlich patentirte Berechtigung haben soll , die bestialischen Neigungen seiner gemeinen Seele jahrelang an der Blüthe des Volkes üben zu können , mit einer Unverletzlichkeit , die sich bei der späteren Metamorphose in den » Schutzmann « durch die bei uns sprüchwörtlichen Dienst-Meineide fortsetzen darf , - diese Betrachtung selbst wirkt empörend und entsittlichend : Es ist eine feierliche Erklärung der Menschen-Nichtrechte , der brutalen Gewalt . Alle Beispiele von Tyrannei wirken stets demoralisirend auf die Schwachen und Gedankenlosen . » Militarismus ! « Hat man denn wohl bedacht , daß von einem solchen überhaupt erst bei der allgemeinen Wehrpflicht die Rede sein kann ? Wer eine Armee von Miethlingen mit der Peitsche drillt wie die Engländer , hat dazu das völlige Recht . Wer sich als Vieh verkauft , mag so gehalten werden . Daß allerdings die Miethlingsarmee Napoleons III. ohne solch entehrende » Disciplin « eine unvergleichlich bessere wurde , ist auch ein Factum . Aber von einem entehrenden Militairzwang kann doch überhaupt erst geredet werden , wo Freiwillige , die höchstgebildeten Elemente des Landes , sich derselben entehrenden Behandlung unterziehen müssen . Aber lassen wir diesen braven Handlanger der Autoritätssclaverei , den Unteroffizier mit seinen Ohrfeigen und Bestechungen , den Polizisten mit seinen Ohrfeigen und amtlich patentirten Meineiden ! Unsre ganze Aufmerksamkeit wollen wir jetzt einem viel gefährlicheren Feinde gesunder Entwickelung , einem viel berühmteren Eckpfeiler des Deutschthums zuwenden . Dieser Charakter ist ein wesentlich verschiedener . Denn obwohl die eigenthümlichen socialen Verhältnisse es mit sich brachten , daß in diesem hochgeachteten Stande sich das niedrige Streberthum mit besonderer Ueppigkeit entfalten konnte , so wird man im Allgemeinen den deutschen Schullehrer wohl für einen höchst pflichttreuen , und mit Geist und Wissen wohlversehenen Mann ansehen dürfen , der in mancher Hinsicht eine Zierde der Nation repräsentirt . Nicht er ist es , dessen verderblichen Einfluß wir hier signaliren möchten , sondern sein System . Wir verschmähen es , in boshaft satirischer Weise zu zergliedern , wie dies ohnehin verderbliche System durch pädagogische Unfähigkeit nur zu oft verschlimmert wird . Wir verzichten ebenso auf Illustrirung des berühmten Schubart ' schen Verses : » Als Dionys von Syrakus aufhören muß Tyrann zu sein , da ward er ein Schulmeisterlein . « Wir lassen alle und jede Rancune gegen die oft unlautern Elemente dieses Standes bei Seite , welchem sich bei uns die Meisten nur darum widmen , weil er zuerst zu Brod verhilft . Denn während Juristen erst mit dreißig Jahren Besoldung erzielen können , ist dies als Schullehrer zu Beginn der zwanziger Jahre möglich . Wir wollen nicht näher auf die Thatsache eingehen , daß dieser Beruf wie kein andrer dummdreiste Arroganz ausbildet . Noch wollen wir das bekannte Faktum erörtern , daß bei uns die gräulichsten Streber , sei es als reactionäre Speichellecker , sei es als fortschrittliche Spekulanten , sich aus diesen Kreisen recrutiren . - Uns selbst ist der Beruf des Pädagogen der höchste und heiligste , aber darum auch verantwortlichste . Und gerade darum sei es erlaubt , ein wenig über die berühmte deutsche Erziehung zu plaudern . Erziehung kann , soll und muß zwei Ziele erreichen : Ausbildung des Geistes durch wohlverdautes Wissen und moralische Ausrüstung für den Kampf des Lebens . Sehen wir zu , wie die berühmte deutsche Schule diesen Aufgaben gerecht wird . Was macht im Leben den gebildeten Mann , der zu höheren Gesichtspunkten Stellung zu nehmen weiß ? Kenntniß der Geschichte und Litteratur . Ebenso nothwendig , wenn auch nicht so bündig verlangt , sind geographische und Sprachkenntnisse , wovon Englisch und Französisch fast unerläßlich . Die Kenntniß der eignen Sprache , ein erträglich guter Stil , wird als selbstverständlich angenommen . Wohlan , welche dieser landläufigen Vorstellungen von Bildung erfüllt ein deutscher Student ? Keine . Seine Kenntnisse in ethnographischer Völkerkunde sind miserabel . Begreiflich . Wer hat ihm je die für die moderne Weltbildung unerläßliche Kenntniß der nationalen Eigenarten und Unterschiede beizubringen gewußt ? Dies banausische und profane Wissen zu erlernen , überläßt die Schule halt dem Leben , das denn allmählich , durch Reisen , durch Lectüre , ( oft aber auch gar nicht ) den wüsten Unrath traditioneller Vorurtheile aus dem Schädel entfernt . Die Ströme in Hinterindien hat er freilich auswendig gelernt . Ja , ich schwärme heute noch für Bramaputra und Irawaddie - von der Ethnographie , von der Flora und Zoologie jener Tropenländer habe ich freilich auf der Schule nie das Geringste erfahren . Wenn ich nur die Nebenflüsse des Ganges kenne ! Um kurz zu sein , der Unterricht in der Erdkunde nach jeder nützlichen Richtung hin ist gleich Null . Wenn der Schüler nur nach dem Leitfaden hübsch auswendig lernt und der Lehrer auf dem Katheder schlafen kann - das bleibt immer die Hauptsache . Die geschichtlichen Kenntnisse ? Ein gräßliches Spinnennetz von Jahreszahlen und aneinandergereihten unerklärten Begebenheiten umklammert den armen jugendlichen Kopf und saugt ihm für immer und ewig jedes Interesse an der Geschichte fort . Jene wenigen schätzbaren Geister nehme ich aus , die wie Faust ' s Famulus mit unendlichem Behagen im Pergamentstaub der historischen Spezialforschung wühlen und oft mit krasser Unwissenheit im Ueberblick der allgemeinen Weltgeschichte eine wundervolle Werthschätzung ihrer eigenen Maulwurfsweisheit in » Quellenforschung « vereinen . Für diese Lumpensammler der Historie mag allerdings gerade der biedere stramme Daten-Unterricht besonders bahnweisend gewesen sein . Aber aus solch bevorzugten Geistern , welchen etwa eine Monographie über einen hohlen Zahn des Königs Ramses gelingt , besteht doch nur ein Millionstel der Unterrichteten . Entschädigt uns die erquickende Anregung solch künftiger » Quellenforscher « für die ertötende Qual , mit dem das geistlose öde Repetiren den jugendlichen Geist niederdrückt und ihm für immer unüberwindliche Abneigung gegen alles Historische einflößt ? Ja , nicht einmal in jenem rohen Ballast von Auswendiglerne-Pensum sind Sinn und Ordnung zu erkennen . Zwar lernt der Deutsche verhältnißmäßig mehr von der Geschichte andrer moderner Völker , als diese von der unsern , obwohl mir auch dies Maß ein recht geringes erscheint und der deutsche Durchschnittsgebildete doch wenig Grund hat , sich über die Ignoranz der Engländer und Franzosen in dieser Hinsicht aufzuhalten . Aber während seine eigne Geschichte natürlich ganz wüst und ordnungslos , ihm spärlich und bruchstückweise vorgekaut wird , so daß er wohlweislich von diesem bösen Jahrhundert nichts zu hören bekommt , - werden ihm die Cantönlifehden der Griechen und Römer in einer Breite und mit einer Selbstgefälligkeit vorgetragen , als hinge das Wohl der ganzen Bildung davon ab , wie Cäsar ' s Legaten , Tribunen , Centurionen und Primipile geheißen . Ebenso fordern dieselben Erzieher , welche die deutschen Gesetze und politischen Constitutionen ängstlich zu behandeln vermeiden , unbedingteste Kenntniß der Gesetze des ehrwürdigen Servius Tullius - um so ehrwürdiger , da er nie gelebt hat - und die Gesetzveränderungen je nach Stand der Parteien werden mit allen Klauseln unauslöschlich dem Gedächtniß eingeprägt . Bravo ! Deutscher Student , kennst Du die Declaration of human rights ? Kennst Du die Verfassung des Englischen Parlaments ? Nein . Kennst Du die Déclaration des droits de l ' homme ? sowie die Decrete des National-Convents ? Nein . Kennst Du endlich die politischen Gesetze , um welche Deutschland seit Napoleon rang ? Nur in nothdürftigen Phrasen . - Aber man frage Dich von der lex Acilia de repetundis bis zur lex Voconia das ganze alphabetische Verzeichniß der leges durch - da bist Du zu Hause . Und das auch nur , falls Du ein strebsamer und erfolgreicher Lernender gewesen - was ich immer zur Voraussetzung nehme , obschon noch nie ein origineller selbstthätiger Geist der deutschen Gymnasialbildung das Geringste verdankt hat , ja verdanken konnte . Denn selbst die Kenntniß der Antike flösse den Wenigen , die derselben bedürfen , auf dem Wege des Selbststudiums in kürzerer Zeit viel gründlicher zu . Wer wäre je auf der Schule in den wahren Geist der antiken Dichter und Geschichtsschreiber eingedrungen , da die Repetition der » unregelmäßigen Verba « daran hindert ! Die lateinische und griechische Grammatik , nicht die Litteratur , derentwillen angeblich die todten Sprachen gepflegt werden , trägt der deutsche Gymnasiast nach Hause . Und dieser Formelkram , der den Geist ertötet , setzt sich auf der Universität fort . Die Studenten , die nicht einzig irgend einem Brodstudium fröhnen , sollen mit ihrer allgemeinen Unwissenheit von geschichtlichen Vorlesungen profitiren , welche irgend einen kleinen specialistischen Winkel-Abschnitt der Historie behandeln , den man in Wahrheit nur durch überschauende Kenntniß der allgemeinen historischen Verhältnisse begreifen könnte . Wo man aber gar einen » Lehrstuhl der Aesthetik « amtlich besoldet , da wird der angehende Bierphilister durch widerliche Shakespeareomanie und Goethepfafferei um den letzten Gran gesunden Urtheils und natürlicher Empfindung gebracht . Ein künftiges Jahrhundert wird darüber richten , ob die einseitige deutsche Gelehrsamkeit die Nation nicht vielfach in Entfaltung ihrer Kräfte gehemmt habe . Das Buch der Bücher , die Weltgeschichte , lehrt , daß aller vernunftwidrige Unsinn eines Tages seine Grenze findet . Ich verlasse hier den Größenwahn des deutschen Schulmeisters , der als würdiger Bruder des Unteroffiziers und geistiger Knote jede freie Geistesentfaltung zu nivellirender Uniformität herabdrillen möchte . Jetzt wende ich mich zum Schluß einigen allgemeinen Beobachtungen über den deutschen Nationalcharakter zu . Wir verstehen diesen am besten , sobald wir den französischen und englischen zum Vergleich heranziehn . Der Franzose ist ein Sanguiniker . Mit leicht beweglicher , jedoch rein in die sinnliche Wahrnehmung gebannter Phantasie verbindet er im Ganzen eine erstaunliche Kälte des Herzens . Er ist grausam , unbarmherzig im Verfolgen egoistischer Pläne und Leidenschaften , zu welchen besonders seine phänomenale Sinnlichkeit zu rechnen ist , brutal im Besitze der Macht und wesentlich nur aus Eitelkeit zur sogenannten französischen Courtoisie und Ritterlichkeit geneigt . Nichtsdestoweniger berauscht ihn seine oberflächliche schillernde Phantasie sehr oft bis zur größten Noblesse und Empfindsamkeit , sobald man an seine Würde als Glied der großen Nation appellirt . Somit ist Eitelkeit und wieder Eitelkeit die Triebfeder seiner guten wie seiner schlechten Handlungen und Eigenschaften . Sein Idealismus ist stets aus diesem einen Beweggrund herzuleiten , persönlicher oder nationaler Eitelkeit . Darum wird er mit Begeisterung Jeden betrachten , der den äußern Glanz Frankreichs fördert , um so mehr er im Ganzen von erstaunlicher Unselbständigkeit ist und sich am liebsten von einem zusammenfassenden energischen Willen leiten läßt . Er ist mit Begeisterung servil , ebenso wie er mit Begeisterung die Freiheit anbetet - Beides , um seiner Phantasie ein Idol zu bieten , heiße es nun gloire oder liberté . Seine aufopfernde Hingebung für dies momentane Idol schlägt natürlich in das Gegentheil um , sobald diese Hingebung dem Heißhunger seiner phantastischen Eitelkeit nicht mehr genug entsprechende Sättigung gewährt . Aber der künstlich zur National-Eitelkeit großgezogenen Eitelkeit seines Naturells und seinem Leithammelsuchenden Instinkt verdankt er seine erlauchteste Tugend , den unbestreitbaren stets bewiesenen Patriotismus , der Alle vereint . Auf Gemeinsamkeit ist der Franzose überhaupt hingewiesen und veranlagt , in eminentem Sinn ein Zoon politikin . Ihm ist » die Gesellschaft « Alles , weswegen er eine tödtliche Furcht vor dem Lächerlichen empfindet . Diese in seinem Charakter liegende Unselbständigkeit bei aller Selbstüberschätzung , diese Selbstverknechtung unter die eiteln Dogmen äußerer Gesellschaftszustände erklärt denn das Problem , daß der Franzose - aus Eitelkeit , phantasievoller Nervenerregtheit und angeborner fränkischer Wildheit mit denkbar höchstem physischen Muth begabt - im Uebrigen als ein moralischer Feigling erscheint . Folge von dem allen , daß die französische Nation mit Recht eine große genannt werden kann , der Franzose selbst aber im Ganzen ein kleiner und kleinlicher Charakter ist und bleibt . Genau das Umgekehrte gilt vom Engländer , wo der Einzelne im Ganzen achtungswerth erscheint , die Nation aber als Totalität einen peinlichen Eindruck hervorruft . Der Engländer entwickelt in seiner Art dieselbe Eitelkeit , wie der Franzose - nur in anderer Form , die zwar weniger kindisch , aber desto widerwärtiger wirkt . Der Britte ist Choleriker mit melancholischem Anhauch . Die lebensfrohe Eitelkeit , das kindliche Behagen an allem Gleißenden , » Kinderklappern « wie Napoleon das treffend bezeichnete , fehlt daher dem Inselbewohner . Seine Selbstvergötterung richtet sich vielmehr nach innen , statt nach außen . Statt von der Welt Weihrauch zu fordern , baut er sich selber Altäre als sein eigner Hohepriester . Eine ungeheure Werthschätzung seines kleinen erbärmlichen Ichs dehnt sich dann concentrisch auf alles ihm Anhängende , also auch auf seine Nation aus . Daher der starke Familiensinn , der Clan-Geist auf den britischen Inseln . Die Begriffe dieser Insulaner von der Bedeutung ihres Landes und also auch ihrer selbst sind freilich weit verletzender als die der Franzosen . Frankreich möchte die » Herrin der Welt « heißen , an der » Spitze der Civilisation marschiren « . Das will England gar nicht . Civilisation ? Giebt ' s außer England überhaupt nicht . Die Welt ? Die Welt ist England . Alles nicht England Zugehörige ist werthlos und gleichgültig , geradezu ein Lapsus der Schöpfung . Der Franzose schwatzt von » des barbares « , der Engländer aber denkt es , ohne daß er es der Mühe werth fände , es auszusprechen . Alle Continentalen , den eitlen Franzosen inbegriffen , sind Barbaren , unmündige Kinder , bemitleidenswerthe Schwächlinge . Es erhellt daraus der gradezu organisirte Egoismus dieser Nation , welche sogar die selbsttäuschende Phrase des Franzosen bei seinen brutalen Gelüsten gleichgültig verschmäht und die nackte eisige Selbstsucht der Nützlichkeitstheorie offen als Richtschnur ihrer Handlungen angiebt . In Folge dessen wird der englische Staat d.h. die den Staat repräsentierente Adels-Oligarchie stets ein direkter Feind der Menschheit bleiben , weil dort die persönlichen Eigenschaften des Engländers als Mensch nicht sichtbar werden , sondern nur der destillirte Genius dieses Volkes : schrankenloser Egoismus und Hochmuth . Emerson nennt Jeden dieser Insulaner eine Insel für sich . Schon hieraus erhellt , daß er in striktem Gegensatz zum Franzosen die Tyrannei der äußerlichen Gesellschaftsformation an sich verachtet und diese nur in dem Grade respektirt , als sie seinem Egoismus entgegenkommt . Sein kaltes Nützlichkeitsprinzip läßt daher mit stillschweigendem Achselzucken die verrottetsten Mißbräuche der Gesellschaft bestehn , indem seine durch und durch pessimistische Weltanschauung diese Mißbrauche und inhumanen Thorheiten für nothwendig hält , um die materielle Wohlfahrt , die ihm über Alles geht , aufrecht zu erhalten . Hiermit correspondirt oder vielmehr hieraus resultirt auch die häßlichste seiner Charaktereigenheiten , die alle Schichten des englischen Lebens durchdringende Heuchelei . Es ist dies eine eigenthümliche Verlogenheit der Gesinnung , welche stillschweigend alle Vorurtheile und Legenden der Dummheit in dem Maße sanktionirt , daß jede mündliche und private , geschweige denn gar schriftliche und öffentliche Aeußerung gegen dieselben als ein Beweis mangelnden Anstandes und frecher Pöbelhaftigkeit betrachtet wird . Im Besitz der schärfsten Verstandesfähigkeit , ist der Britte oder vielmehr macht sich mit instinktiver Absichtlichkeit unfähig , über die selbstgesteckten Schranken seiner Vorurtheile hinauszudringen . Der Franzose fürchtet nur die Lächerlichkeit , der Engländer nur den Skandal . » A scandal « ist ihm aber in erster Linie alles Extravagante und Exentrische - was Napoleon als » Ideologie « bezeichnet hätte . Ein Britte sagt sehr richtig : » Sich gegen die Bornirtheit auflehnen heißt bei uns to loose caste , die Kaste verlieren « . Und der Kastengeist ist das herrschende Princip Englands , da derselbe auf dem sich selbst abschließenden Insulaner-Egoismus und dem Triebe zum brutalen Hochmuth in dieser Race beruht . Bornirte Bigotterie in jeder Beziehung ist der Stützpfeiler dieses Systems , das um so schwerer zu erschüttern ist , als der Britte genau in demselben Maße treu , zähfesthaltend und schwerfällig , als der Franzose brüderlich , flüchtig und gewandt . Durch dieses Grundgebrechen wird jedoch der Charakter des Engländers vergiftet . Denn der Heuchler dient nicht nur dem Geist der Lüge , sondern selbstgerechter Pharisäismus wird lieblos und inhuman auf den Zöllner herabblicken . Ursprünglich von aufrichtiger Liebe für die Wahrheit beseelt , läßt er dieselbe ungehört verhallen , sobald seine pharisäische Selbstanbetung durch sie verletzt wird . Neben dem jugendlichen Größenwahn des Franzosen und dem verhärteten greisenhaften Dünkel des Engländers leidet nun der Deutsche vielfach an hündischer Demuth und Fremdthümelei . Dazu hat er wenig Grund . Man prahlt so häufig mit dem , was man nicht ist und nicht hat , nicht mit dem , was man ist und hat . Möge der Deutsche doch endlich aufhören , seine fragwürdige Tugend herauszustreichen und sich lieber - statt grade hier bewundernd nach dem Ausland zu schielen - seiner superioren Begabung bewußt werden , die ihm in Künsten , Wissenschaften und Gewerken , in Krieg und Frieden stets eine überwältigende Fülle von Talenten verschaffte wie keine andere Nation sie aufzuweisen hat ! So wird man ihm die zwei großen Güter für den Kampf ums Dasein , Klugheit und Fleiß , in hervorragendem Maße nachrühmen müssen . Daß diese Arbeitskraft , Ausdauer und Ueberlegung , nichtsdestoweniger die , aus lauter solchen Einzelkräften bestehende , große deutsche Nation erst durch bittere Not und eisernen Zwang zu einer klugen und standhaften Politik bewegen konnten , während doch diese Eigenschaften sie zu einem politischen Volk in erster Linie stempeln , - das hat der Deutsche einzig seinem mangelhaften Charakter zuzuschreiben . Neid , Mißgunst , Unfähigkeit zur Begeisterung , Gleichgültigkeit gegen ideale Interessen ( alle deutschen Dichter und Denker von Wolfram von Eschenbach bis auf Richard Wagner wissen davon ein Lied zu singen ) , Pedanterie und Philistrosität , Knechtssinn , verbunden mit mißvergnügtem Fortschrittsgezänk - das sind kleine und kleinliche Laster , für die man gern die phraseologische Verlogenheit und Leichtfertigkeit der Franzosen und die Brutalität der Briten eintauschen möchte . Es mangelt dem Deutschen vor allem das wahre männliche Selbstvertrauen und dies mußte erst wieder durch das stramme Preußenthum geweckt werden . » Wenn Sie übrigens bedenken , daß Sie Preußen sind , so habe ich nichts mehr hinzuzufügen « - diese großen Worte des großen Friedrich vor der Schlacht bei Leuthen bilden einen Wendepunkt der deutschen Geschichte . Leonhart verbeugte sich und verschwand . Die Versammlung der Zuhörer summte und brummte beim Aufbruch durcheinander . Ein Offizier schnarrte laut : » Eine solche Frechheit ! « und ein alter Herr , der wie ein Gymnasialprofessor aussah , schnob majestätisch : » Muß wegen schlechten Betragens an den Ofen gestellt werden . « Der allgemeinen Volksstimme aber , welche bekanntlich Gottes Stimme ist , lieh Dr. Drechsler-Cannibalis monumentalen Ausdruck , indem er laut mit ausgestreckter Rechten brüllte : » Ein solcher Größenwahn ist reif fürs Irrenhaus ! « II. Krastinik und Leonhart gingen in Friedenau spazieren . Sie hatten mitsammen einen Ausflug gemacht , um einen dort wohnenden Antisemiten zu besuchen , da sich Krastinik lebhaft für diese Bewegung interessirte . Freilich hinderte ihn das nicht , mit den jüdischen Redactionen persönlich auf bestem Fuße zu verkehren . Von einem Grafen läßt man sich ja viel gefallen . Darauf spielte Leonhart an , indem er ironisch äußerte : » Ach Gott , der Antisemitismus des Adels ! Da ärgert sich Baron v. Habeiuchts , daß Itzigs Madera und Maitresse feiner als die seinen , und gnä ' Fröl ' n Adelheid v. Schwindelheim kriegt die Gelbsucht , weil Kalle Mosessohn kann fahren mit Gummiräder . « » Das sagen Sie , Verehrtester , und gelten doch für einen fanatischen Antisemiten ? « » Wieso ich zu dieser Ehre kam , blieb mir schleierhaft . Mag ich gelten , wofür man will ! Man lasse die Leute schwatzen ! Ich habe Ihnen schon oft gesagt , daß ich in dem gang und gäben Sinne kein Antisemit bin , sondern nur so , wie alle lebenden Deutschen es sind und ein guter Bruchtheil der anständigen Juden dazu . Ich bewundere den dämonischen Selbstsucht-Instinkt dieser Race und schätze sie als zersetzendes Element für die teutonische schlafmützige Michelei . Nur darf die semitische Unduldsamkeit nicht jedes freie Wort verpönen . Ich hasse nicht die Juden , sondern den jüdischen Geist . Und der steckt in manchem getauften Antisemiten erst recht . Ich habe den Muth meiner Meinung und sage ins Gesicht , was die Philosemiten hinter ' m Rücken ihrer jüdischen Brotherrn stänkern . Aber nicht mal die jüdische Presse , die vielverschrieene , taugt weniger als die christliche . Stets gerecht , erkenne ich gewisse großartige Eigenschaften des Judenthums im Gegensatz zu deutscher Kleinlichkeit willig an . Der semitische Größenwahn gründet sich auf wirkliches Kraftgefühl und ihr Nützlichkeitsprinzip verbindet sich sogar mit warmblütigem Gemüth . Eigentlich liebe ich die Juden , diese willensstarke napoleonische Race , ebenso wie ihre Weiber oft den ältesten Blutadel der Welt im Gesichtsschnitt aufweisen . « » Sie sonderbarer Schwärmer ! Und haben ' s doch so ganz mit den Söhnen Israels verdorben ! « » Mit wem hätte ich das nicht ? ! « » Sehr wahr . Wie werden die Schulmeister auf Sie schimpfen nach Ihrer neulichen Rede ! « » Pah ! « lachte der Umstürzler verächtlich . » Kerls , die ihr Waschbecken für den Ocean ansehn und den alten Homer , dem bei ihrem Anblick übel geworden wäre , als ihr Eigenthum betrachten ! O diese Kleinigkeitskrämer ! Wo ist ein Mann , ein Ganzer , unter all diesen Halbmenschen ! « In diesem Augenblick kam eine merkwürdige Erscheinung die Friedenauer Chaussee herab , wie als Antwort auf diese Frage . Ein ungeheurer Hund sprang bellend vorüber und dann folgte ein Herr ( seine Kutsche rollte in einiger Entfernung nach ) in einfachem schwarzem Anzug mit einem großen Schlapphut , so wie der alte Wodan ihn getragen haben soll . Und ein durchdringendes forschendes Wodansauge flammte unter buschigen Brauen auf , als die Beiden ehrerbietig grüßten und er höflich dankte . In diesen Zügen , welche Europa kennt , lag eine tiefe unergründliche Trauer . Die Hünengestalt schritt wuchtig vorüber . Die Beiden sahen ihm lange schweigend nach , dann setzten sie ihren Weg fort . » Schwer genug , « hob Leonhart nach einer Pause , wo Jeder seinen Gedanken nachhing , an , » ja , fast unmöglich , schon heute über einen Bismarck abschließend zu urtheilen ! In ununterbrochener Entwickelungskette wälzt sich die Geschichte fort . Diese Kette führt von den Wickingfahrten der Nordseesachsen zur Hansa , von den Wendenkämpfen zum deutschen Orden in Preußen , von den Hohenstaufen zu den Hohenzollern . « » Sehr gut , « fiel Krastinik ein . » Das ließe sich noch weiter ausführen . Der Nibelungendichter , Wolfram und Walter befähigten wohl Goethe , Schiller und Hutten zu sprechen . « » Zweifellos . Es ist der Geist Luthers , der in Lessing weiterwirkt . « » Und vielleicht das Genie Friedrichs des Großen , dessen Abglanz auf Bismarck ruht ? Aber nein , dieser Vergleich würde hinken . Vielmehr scheint mir gerade Luther « - er zögerte