aber mit seiner Bitte um Aufnahme als Bruder abgewiesen sei . Ebenso betroffen als mitleidig liebevoll , wie ihm schien , ließ sie ihr Auge auf ihm ruhen , wie von einem innern Lichte sanft erglänzend , und sagte dann mit leiser und doch wohltönender Stimme , ihm sei mehr die Liebe zum Herrn und Erlöser als irdische Liebe vonnöten ; aber er solle nicht verstoßen werden und möge einen oder zwei Tage noch im Gasthause warten . Hierauf grüßte sie ihn mit mildem Ernste und ging ihren Schwestern nach . Schon am nächsten Morgen wurde Albertus von einem der Vorsteher aufgesucht und nochmals abgehört und geprüft . Sei es nun , daß er durch die träumerischsüße Hoffnung , die ihn von neuem erfüllte , ein etwas andächtigeres Aussehen gewonnen oder daß die Mayluftin einen so bedeutenden Einfluß übte er wurde auf Probe zugelassen und der untersten Klasse von Neulingen beigesellt , immerhin in der Meinung , daß er sich nach Verlauf einiger Zeit dem Entscheide des Loses über seine endgültige Aufnahme zu unterwerfen habe , wie denn dieses Mittel in wichtigeren Angelegenheiten bekanntlich angewendet wurde , um dem unmittelbaren Kundgeben des göttlichen Willens Raum zu gestatten . Er mußte nun auf die rechte Art lesen , beten , singen lernen , bescheiden , still und arbeitsam sein und vor allem aus über sein sündhaftes und elendiges Wesen nachdenken ; da er aber von alledem inwendig nichts fühlte und nur an die , wie er glaubte , von ihm geliebte Afra dachte , so wurde ihm die Sache sehr schwierig , und er verriet sich täglich mit barbarischen Blicken und Worten . Die Geliebte bekam er nur von weitem in den gottesdienstlichen Versammlungen zu sehen , wo sie in den Reihen der Unvermählten saß , während er im Chore der ledigen Mannsbilder seufzte . Sie schien ihn aber jedesmal mit den Augen zu suchen und einen Augenblick zu betrachten , ob er noch da sei , immer mit jenem großen Kinderblick , der ihn zum ersten Mal schon so plötzlich gerührt hatte . Dann faßte er stets wieder Mut und fuhr in seinem Werke der Heiligwerdung fort . Es gelang aber so kümmerlich , daß nach Verfluß einiger Monate , bevor man weitere Mühen an ihn verschwenden wollte , das Befragen des göttlichen Orakels wirklich angeordnet wurde . In feierlicher Versammlung , in welcher eine kleine Zahl ähnlicher Fälle entschieden werden sollte , beim Schimmer geheimnisvoller Kerzen , kniete er abgesondert auf dem Boden , während Gebet und Gesang den Raum erfüllte , bis er an die Urne geführt wurde und in tiefer Stille sein Los zog . Dasselbe war ihm günstig und entschied für seinen Eintritt in eine etwas vorgerücktere Prüfungsklasse . Als er jetzt wieder in den Reihen der Genossen saß , war er so erschüttert , daß er das Singen und Beten versäumte , welches abermals begann , da nun ein angesehener und vielgereister Missionär an der Stelle kniete , welche Albertus Zwiehan vorhin innegehabt . Bei diesem Missionär handelte es sich darum , ob er eine afrikanische Station mit höchst ungesundem Klima übernehmen dürfe , wie er durchaus begehrte , oder ob er sich mit einer gesünderen Luft begnügen solle , wie die Gemeinde seiner etwas erschöpften Kräfte wegen verlangte . Das Orakel entsprach seinem Begehren , worauf er an den alten Ort zurückkehrte und abermals hinkniete ; die Gesänge erschallten von neuem , und Albertus Zwiehan , der sich inzwischen etwas gesammelt , benutzte die wachsende Begeisterung , um den Anblick der Afra Zigonia Mayluft aufzusuchen , die er noch nicht gesehen . Er fand sie nicht an ihrem gewohnten Platze , weil sie still an der Seite des Sendboten kniete , wo das herumschweifende Auge Alberts sie unversehens entdeckte . Denn bei ihr handelte es sich darum , ob es im Willen der Vorsehung liege , daß sie jenem als Ehefrau in die heiße und rauhe Wüste hinaus folgen solle oder ob ihre Person nicht vielmehr zu fein und zart , zu innerlich und vornehm hiefür beschaffen sei . Aber auch ihre Wünsche erfüllte das Los , als sie zur Urne geführt wurde , und wie sie nun mit dem Erwählten Hand in Hand zur sofortigen Verlobung schwebte , leuchteten ihre sonst so ruhigen Augen beinah um ein weniges zu warm und zu hell für eine irdische Angelegenheit . Mit offenem Munde und totenbleich saß Albertus , und nur seine Unfähigkeit , auch nur aufzuatmen oder zu seufzen , verhinderte , daß er eine Aufmerksamkeit erregte . Nachdem alles vorüber , schlich er lautlos auf sein Lager und brachte eine schreckliche Nacht zu ; seine ungeschulte , unwissende Selbstsucht würgte ihm wie eine ringelnde Schlange fast das Herz ab ; dazwischen sah er immer die Afra mit dem Missionär an der Hand davonschweben das war also das Licht , welches sie in jenem trügerischen Traume in der Hand getragen hatte ! Ganz abgemattet und niedergeschlagen kam er andern Tages zum Vorschein , so daß er als zum Durchbruche reif erachtet wurde . Um ihn in eine erfrischende Bewegung und Tätigkeit zu versetzen , wurde er zum dienenden Gehilfen eines andern Missionsbeamten bestimmt , welcher auf dem Punkte war , die Niederlassungen in Grönland , Labrador und der Kalmückei zu bereisen . Ohne jeglichen Widerstand ließ er sich dazu vorbereiten und fuhr mit seinem geistlichen Seelenmeister davon , ohne daß er die Afra wieder zu sehen bekommen hätte . Nur ein schön gebundenes kleines , dickes Büchlein hatte sie ihm zum Andenken gesendet ; es enthielt für jeden Tag im Jahr einen Spruch oder ein Gedicht , und überdies war ein Stäbchen von Elfenbein zum prophetischen Zwischenstechen daran befestigt . Mit dem Büchlein in der Hand saß er einige Monate später eines Tages an einem grönländischen Seestrande in der Nähe von St. Jan ; schwächlicher Sonnenschein beleuchtete die Gewässer , aus denen hie und da ein Seehund emportauchte . In dieser schläfrigen Lage stach er von ungefähr in das Buch ; denn er war von der Arbeit in Magazin und Schreibstube ein wenig ermüdet und träumte noch so hin , als er eine wunderliche Liederstrophe las : In einem Gärtlein , wo du weißt , Da blüht der Seelen Paradeis , Da bad ' t im Brunn der Heilig Geist Die Taubenflüglein silberweiß . Da riecht der himmlische Jasmin , Die Seel ' spazieret süß erbaut In Zimmetröslein her und hin , Da küßt der Bräutigam die Braut . Durch die letzteren Zeilen wurde er zuerst halb und dann ganz munter ; plötzlich sah er den Garten hinter seinem Hause und in demselben die schlanke Nachbarin Cornelia durch die Jasminbüsche schlüpfen , und obgleich das Büchlein , das er in der Hand hielt , schon seit manchem Jahre gedruckt war , hielt er doch den Liedervers sogleich für eine unmittelbare Eingebung oder vielmehr für einen durch die Afra wunderbar bewirkten Aufruf zur Heimkehr und Heirat mit der Cornelia , die ihm mit jedem Augenblicke , den er darüber nachdachte , wieder wünschenswerter erschien . Aber auch gegen Afra Zigonia empfand er , zum ersten Male seit dem Abenteuer des Losziehens , ein dankbares Wohlwollen , überzeugt , daß sie weiser sei als er und ihn schließlich auf den Weg geleitet habe , den er nie hätte verlassen sollen . Das sei der Sinn ihres Wegganges im Traume und des Lichtes , das sie ihm aufgesteckt . Er packte in der Nacht seine Habseligkeiten zusammen , lief seinen Vorgesetzten davon , fuhr mit einem Walfischfänger südwärts und strebte unaufhaltsam der Heimat zu , wo er an seinem Hause eines Abends anschellte , gerade als er die einst mitgenommene Barschaft gänzlich aufgezehrt hatte ; denn er war jetzt schon im zehnten Monat von Hause abwesend Er überlegte soeben , ob er , bei anbrechender Dämmerung , noch heute durch das Gartenpförtchen gehen und die verlassene Freundin wohltätig überraschen solle , als die Haustüre sich öffnete und ein fremdartiger Mensch vor ihm stand , ein blatternarbiger , gelbbrauner Mann mit gebogener Nase , starkem Schnurrbarte und runden Augen , der als Haustracht türkische Pantoffeln an den Füßen und eine lang herabhängende rote Kappe auf dem Kopfe trug , wie sie in den Ländern des Mittelländischen Meeres und weiterhin häufig bei Seeleuten gesehen wird . Der fragte nach dem Begehren desjenigen , der geläutet habe . » In mein Haus will ich ! « antwortete dieser verwundert , » ich bin der Herr Hieronymus Zwiehan ! « » Der bin ich selbst « , sagte jener barsch und schlug die Türe zu . Noch einige Minuten stand Albertus , bis ihm einfiel , er wolle den Notar aufsuchen , der wohl wissen werde , von welchem Insassen sein Haus besetzt sei . Allein der öffentliche Schreiber , der an seinem Abendessen gestört wurde , sah ihn groß an und rief ob er sich endlich sehen lasse , nachdem er so lang nichts von sich habe hören lassen ? ( Denn damals gab es noch nicht die vielen Publikationsmittel , um einen unbekannt Abwesenden aufzurufen . ) Im Hause sitze kein anderer als der Adoptivsohn und einzige Erbe des verstorbenen Zwiehan , oder wenigstens einer , der sich gleichmäßig dafür ausgebe wie Albertus und ganz die gleichen Schriften besitze . Bereits habe die Mamsell Cornelia Soundso , die man für die Verlobte des letztern gehalten , gerichtlich bezeugt , daß sie von Albertus selbst auf dem Wege des Vertrauens das Geheimnis erfahren habe , wie er nicht sein Halbbruder , der ertrunkene Hieronymus , sondern der eigene natürliche Sohn des alten Zwiehans sei . Auf dieses Zeugnis hin habe man dem unvermutet angekommenen Hieronymus einstweilen den Aufenthalt in dem Hause gestattet ; denn wenn es sich so verhalte , so sei nach hiesigem Erbrecht nicht der natürliche Sohn Albertus , sondern der Adoptivsohn rechtmäßiger Erbe , und jener könne gehen , wo er wolle , das heißt , insofern er nicht etwa wegen Fälschung des Familienstandes eingesperrt werde . Was er nun dazu sage ? Albertus hatte zwar wenig Ursache mehr , auf seine Träume zu bauen ; allein die grimmige Notwendigkeit zwang ihn , diesmal noch den Hieronymus für ertrunken zu halten ; verwirrt und aufgebracht stotterte er , das sei alles nicht wahr und nicht möglich und werde sich leicht aufklären ; aber der Notar zuckte die Achseln und ließ sich kaum herbei , dem Unglücklichen aus dem ihm anvertrauten Vermögen etwas weniges an Geld zu verabreichen , damit er eine Herberge suchen konnte . In der Tat war der verschollen gewesene Bruder bald nach der Abreise des Albertus in Ostindien unversehens erschienen und den Spuren des letztern nach der Schweiz gefolgt . Wo er die vielen Jahre sich umgetrieben , wurde nie völlig klar , unterderhand aber behauptet , er sei bei den Piraten gewesen und habe einen ordentlichen Beutel voll Dukaten zusammengerafft . Es kam nun zum gerichtlichen Austrag des Streites , welcher von den beiden Halbbrüdern und Bastarden der Adoptivsohn des leichtsinnigen toten Vaters sei . Jeder von ihnen hatte einen Advokaten , der sich um die zu erhoffende Beute tüchtig wehrte , und eine Zeitlang schien bei der Entfernung des ursprünglichen Schauplatzes und dem Mangel an Zeugen der Kampf innezustehen , bis der Advokat des Hieronymus , nach Anleitung der Cornelia , einige ältere Männer herbeibrachte , welche den alten Zwiehan in seinen jüngeren Jahren , vor der Zeit der Auswanderung , noch wohl gekannt hatten . Diese Männer bezeugten , daß Albertus der eigene Sohn des Alten sein müsse , weil er demselben ihrer deutlichen Erinnerung nach so ähnlich sehe wie ein Ei dem andern , wodurch der Streit zugunsten des wahren Hieronymus entschieden und dieser in das ganze Erbe , wie Albertus es hergeschleppt hatte , eingesetzt , der letztere aber wegen seines betrüglichen Vorgebens , zwar mit Annahme mildernder Umstände , für ein Jahr ins Gefängnis geworfen wurde . So war Albertus Zwiehan um sein natürliches Recht gekommen und sah den Abkömmling eines wildfremden Abenteurers , der selbst ein solcher war , durch die Schuld seiner leiblichen Mutter in den Besitz des ganzen von seinem Vater erworbenen Vermögens gebracht , während er selbst ein Bettler geworden . Cornelia dagegen , deren schönklingender Name einst den einfältigen Albertus so bestochen hatte , vermählte sich unverzüglich mit dem Piraten , dessen mangelhafte und rauhe Sitten sie nicht abschreckten . Um den unglücklichen Albertus auch nach Verbüßung seiner Strafe noch weiter quälen zu können , beredete sie ihren Mann , ihn um Gottes willen in das Haus aufzunehmen , was auch geschah . Er mußte nun die Arbeit eines Knechtes oder eher einer Magd verrichten ; denn er besaß zunächst nicht einen Pfennig , mit welchem er hätte verreisen oder ein Geschäft beginnen können , und war daher genötigt , sich allem zu unterziehen . Unkraut jäten , Salat putzen , Wasser tragen ärgerten ihn weniger als das Einrichten jener Wasserleitung und das Aufhängen der Wäsche , zu welchem ihn die Madame Cornelia Zwiehan regelmäßig mit boshaftem Lächeln anhielt . Eine Abwechslung gewährte ihm das Abschreiben der Familienchronik , welche im Besitze einer alten Frau von Zwiehanischer Abstammung war und dem Hieronymus Zwiehan geliehen wurde . Dieser , als der letzte nun legitime Stammhalter des früher nicht unbedeutenden Geschlechtes , wollte sich auf dem Wege der Abschrift seiner Vorfahren versichern , da die eigensinnige Alte das Dokument nicht abtrat . Er selbst verstand nicht deutsch zu schreiben , und die Cornelia , die sich ganz einem bequemen Wohlsein ergeben , weigerte sich , die Kopie anzufertigen . Durch das Abschreiben lernte Albertus erst Ansehen und Würde der Familie kennen , aus welcher er abstammte und nun verstoßen war ; denn nicht einmal seine Eigenschaft als illegitimer Abkömmling konnte er beweisen , weil hiefür nicht eine einzige Urkunde mehr vorhanden war . Durch die Unterdrückung seines wahren Familienstandes hatte der arme Tor sich selbst heimatlos gemacht , und die Ähnlichkeit mit seinem Vater , welche hingereicht , ihm das Erbe zu rauben , wurde nicht für genügend erachtet , ihm Namen und Bürgerrecht des Vaters zu verschaffen , weil hierüber kein Spruch und keine Notiz vorhanden war . Um wenigstens eine Spur von seinem Dasein zu hinterlassen , schrieb er heimlich sein Schicksal in das Original der Aufzeichnungen hinein , wozu eine Reihe leergebliebener Blätter genügenden Raum bot , und brachte das Buch nach beendigter Arbeit sofort jener Alten zurück . Sie las die eingeschaltete Geschichte mit aller Teilnahme , besonders da sie den neuen Stammhalter nicht leiden konnte , und als Albertus Zwiehan bald darauf aus Verdruß über den Verlust seines Daseins , ja seiner Person und Identität krank wurde und starb , ließ sie ihm einen Grabstein setzen und schrieb in die Chronik , mit ihm sei der letzte wirkliche Zwiehan begraben worden , und was allfällig in Zukunft noch unter diesem Namen herumlaufen werde , sei die Abkommenschaft eines landstreicherischen fremden Seeräubers . Es war eine warme Sommernacht , als ich mich dazumal über die Kirchhofmauer schwang und den Schädel , den ich mir bei Anlaß eines Leichenbegängnisses gemerkt , abholte . Er lag in einem hohen grünen Unkraut , die Kinnlade daneben , und war inwendig von einem schwachen bläulichen Lichte erhellt , das leise durch die Augenhöhlen drang , wie wenn das leere Kopfhäuschen des Albertus Zwiehan , insofern es wirklich das seinige gewesen , noch von nichtigen Traumgeistern bewohnt wäre . Zwei Glühwürmchen saßen nämlich darin , vielleicht in Hochzeitsgeschäften ; ich nahm jedoch an , es seien die Seelen der Cornelia und der Afra , und steckte sie zu Hause in ein Fläschlein mit Weingeist , um ihnen endlich den Garaus zu machen ; denn ich glaubte fest , auch die fromme Afra habe den unhaltbaren Menschen absichtlich mit ihrem Rücken angelockt und irregeführt . Nachdem der Grund des Reisekastens mit dem eingemauerten Totenkopfe dermaßen gelegt war , kam die Mutter heran , um die neue Leibwäsche in gebührlicher Weise hineinzuschichten und mir die solchen Dingen zukommende Sorgfalt einzuprägen . Alles , was sie zum Vorschein brachte , hatte sie selbst gesponnen und weben lassen , eine Anzahl feinere Hemden noch in jungen Jahren ; denn da der Anwachs des Hauses so früh abgebrochen worden , so waren die Vorräte ihres Fleißes zum guten Teile verschont geblieben , und ich nahm auch von diesem wiederum nur einen Teil mit , indessen die Mutter das übrige für meine , wie sie hoffte , rechtzeitige Rückkehr zur Erneuerung bereithielt . Dann kam ein Feiertagskleid , zum ersten Mal in anständigem Schwarz ; galt es ja nun , nicht durch Verletzung der Sitte vom Wege des guten Fortkommens abgedrängt zu werden ; überdies glaubte die Mutter , daß ich durch den Besitz eines Sonntagskleides eher im Zusammenhange mit der göttlichen Weltordnung leben würde , wie sie sich auch nicht vorstellen mochte , daß ich in fremden Ländern einstmals sonn- und werkeltags im gleichen Rocke herumlaufen könnte . Sie wiederholte daher während des Packens die schon oft erteilten Ermahnungen über das Instandhalten der Kleider , wie mit einer einmaligen Vernachlässigung , einem kurzen Mißbrauche schon der frühe Untergang eines Stückes eingeleitet würde und wie wenig ehrenhaft es sei , einen weggelegten Rock später aus Armut doch wieder anziehen zu müssen , anstatt ihn von Anfang an zu schonen und möglichst lang in einem ordentlichen Mittelstande zu erhalten . Hiedurch verschaffe man dem Schicksal genügenden Spielraum , sich zu wenden , während beim schnellen Ruinieren eines Kleides ja gar nichts Rechtes vorgehen könne , eh es abgetragen und verlöchert sei . Nachdem endlich die übrigen Gewandstücke sowie die Ausstattung an kurzer Ware hineingebreitet und allerlei Wertlosigkeiten des ärmlichen Bedürfnisses dazwischengesteckt worden , schlossen wir den Koffer , und ein Mann schaffte die kleine Arche zur Post , mit welcher ich am nächsten Morgen abreisen sollte . Mit Schreck blickte die Mutter , die sich gesetzt hatte , auf den leeren Fleck des Stubenbodens , auf welchem der Kasten den ganzen Tag gestanden ; auch die Mappen waren schon weggetragen und somit von allem , was mich anging , nur noch meine Person , und auch die bloß für eine kurze Nacht , vorhanden . Aber die Mutter überließ sich nicht lange diesem Vorgefühl der Einsamkeit , sondern raffte sich , da es Sonnabend war , nochmals auf , um die Stube in gewohnter resoluter Weise zu reinigen und nicht zu ruhen , bis alles getan war und die stille Sauberkeit der Sonntagsfrühe harrte . Die stieg denn auch mit dem schönsten Maientag herauf , als ich bei dem ersten Morgengrauen erwacht und aus der Stadt auf eine benachbarte Anhöhe gelaufen war , nur um in meiner Ungeduld die Zeit zu verbringen und den letzten Blick auf die Heimat zu werfen . Ich stand unter den Vorbäumen des Waldes ; hinter demselben lag der Osten mit dem erschimmernden Morgenrot ; zugleich aber erglühten die obersten Spitzen , Kämme und Wände des Hochgebirges im Süden , die dem Osten zugekehrt waren , in ungewohnten Formen , da ich sie zufällig nie so gesehen . Abstürze und Klüfte , allmählich auch ganze hochliegende Gefilde und Ortschaften kamen zum Vorschein , von denen ich keine Vorstellung gehabt ; und als endlich auch die alten Kirchen der mir zu Füßen liegenden Stadt durch irgendeinen Bergeinschnitt östlich beglänzt wurden , dazu ein wolkenloser Äther sich über das Land ergoß und rings um mich her der Gesang der Vögel ertönte , da erschien mir diese Heimat so neu und fremdartig , als ob ich sie , statt sie zu verlassen , erst jetzt kennenzulernen hätte . Es war einer jener Fälle , wo ein Altgewohntes , Naheliegendes erst in dem Augenblicke , in welchem wir uns von ihm wenden , einen ungekannten Reiz und Wert enthüllt und die schmerzliche Erfahrung unserer Flüchtigkeit und Beschränktheit wachruft . Hier reichte der bloße Umstand , die Sache einmal im wörtlichsten Sinne von der anderen Seite beleuchtet zu sehen , hin , mir den Abschied zu erschweren und ein Gefühl der Reue und Unsicherheit zu erwecken , ja mich den fruchtlosesten aller Vorsätze fassen zu lassen , ein fleißiger Frühaufsteher und Zeitbenutzer zu werden , wie wenn ich ein Ackersmann , Jäger oder Soldat wäre , die allerdings mit der ersten Morgenfrühe aufs Feld gehören . Als ein Zeugnis meines Vorsatzes und der besseren Pflichttreue hob ich das weiß und blau gestreifte Federchen eines Hähers vom Boden auf , welches die Farben unsers alten eidgenössischen Standes zeigte , und steckte es auf meine Sammetmütze . Damit eilte ich wieder in die Stadt hinunter , in deren Gassen jetzt die Morgensonne webte und die ersten Kirchenglocken erklangen . Während die Mutter das letzte Frühstück bereitete , machte ich den Umgang , mich bei den Hausgenossen zu verabschieden , welche die einzelnen Stockwerke als Mieter bewohnten . Zuunterst hauste ein Spenglermeister , ein Bearbeiter jenes nützlichen Materials , das an sich fast wertlos , nur durch unendliches Schneiden , Klopfen und Löten etwas wird und nie zum zweiten Male gebraucht werden kann . Es beruht somit alles auf der zuwege gebrachten Form , mit welcher tausend hohle Räume umschlossen werden , und , da wegen des geringen Stoffes niemand viel Geld daranwenden will , auf einer von früh bis spät andauernden rastlosen Arbeit , damit durch die Menge des Gehämmerten ein bedürfnisgemäßer Ertrag ermöglicht wird . Hiedurch sowie durch die erste Vorsicht , welche beim gefährlichen Anschlagen von Dachrinnen erforderlich ist , war der Meister ein etwas grämlicher Formalist geworden , der , streng gegen seine Gesellen , mit Frau und Kindern auch nicht freundlich tat . Aus mißtrauischer Bescheidenheit hatte er nie gewagt , etwa einen Verkaufsladen zu eröffnen und sein Geschäft auszudehnen , sondern beschränkte sich darauf , in seiner dunklen Werkstatt , die in einer entlegenen Gasse lag , vom frühsten Morgen bis in die Nacht zu arbeiten , auch wenn seine Gesellen schon im Bette oder im Wirtshaus waren . Er bezahlte den Mietzins immer pünktlich und verhielt sich der Mutter gegenüber gut und geziemend ; mich aber sah er mehr von der Seite an und behandelte mich abgemessen und trocken , weil er , wie ich längst bemerkt , mein bisher so freies und sorgenloses Leben , meinen Beruf , überhaupt alles , was ich tat , mißbilligte . Um so überraschter war ich , als er mich jetzt ganz aufgeräumt und freundschaftlich empfing und seine unverhoffte Heiterkeit durch ein frischrasiertes Gesicht und sonntäglichen Anzug noch verklärt wurde , was ihn freilich nicht hinderte , einen kleinen Knaben durch eine Ohrfeige schnell zum Weinen zu bringen , der , beim Frühstück sitzend , noch mehr Milch verlangte . Gleich darauf begann auch ein Mädchen unterdrückt zu schluchzen , das er plötzlich am Zopf gezerrt , weil es sein Brot hatte auf die Erde fallen lassen . Nachdem auf einen strengen Blick des Mannes die Frau sich mit den Kindern in die Küche zurückgezogen , besprach er in heiterm Ton meine Reise , die Städte , welche ich sehen würde , die Wahrzeichen derselben , die ich besichtigen solle , und nannte mehrere , wie die Handwerksburschen auf der Wanderschaft sie sich zu überliefern pflegen , hier einen steinernen Mann , dort einen schiefen Turm , anderswo einen hölzernen Affen am Rathaus . Dann brachte er Speis und Trank zur Sprache , was hier oder dort gut zu trinken oder zu meiden sei , die leckeren Nationalgerichte , die er nie vergessen und auf die ich stoßen werde , je nach Landesart . Da möge ich mir nichts abgehen lassen . Bedächtig schritt er unversehens zu seinem Schreibtisch , nahm ein Papierchen heraus , in welches ein Brabantertaler gewickelt war , und überreichte es mir als bescheidenes Reisegeschenk , wie er sagte , mit der Aufforderung , es mit guter Gesundheit fröhlich zu verzehren . Ich durfte es nach der Sitte nicht ablehnen , sondern behielt es mit höflichem Dank in der Hand und stieg eine Treppe höher . Später habe ich erst erfahren , welche Bewandtnis es mit seiner Freundlichkeit hatte . Er war so fröhlich und scheinbar wohlwollend , weil er der Überzeugung lebte , ich werde nun lernen , was Leben und Arbeiten sei , und in der Schicksalsschule , der ich so harmlos entgegenreise , gehörig gemaßregelt werden ; denn es war mit den nationalen Leckerbissen , die er auf der Wanderschaft genossen haben wollte , nicht weit her ; Hunger und Durst hatte er gelitten und jegliche Not durchgemacht , nicht aus eigenem Verschulden , sondern aus Unstern . Sein heiterer Abschied war daher eine Art Verwünschung , die er mir auf den Weg gab , obgleich zu meinem Besten , wie er meinte . Auf dem nächsten Stocke , den ich nun besuchte , wohnte ein kleiner Mechanikus , welcher mit allerlei volkstümlichen Genauigkeitswerkzeugen , wie Waagen , Maßstäben , Zirkeln , dann mit Kaffeemühlen , Waffeleisen , Äpfelschälmaschinchen handelte , dergleichen auf Verlangen auch ausbesserte mit Hilfe eines alten Arbeiters . Zugleich aber bekleidete er das Amt eines Eichmeisters über einen Kreis , prüfte Maß und Gewicht und kerbte , schlug und schliff die Zeichen in die betreffenden Gegenstände . Vorzüglich mit den vielen Schenkwirten führte er einen beständigen Krieg , wenn sie mit allen Ränken und öfterm Wechsel ihres Glasgeschirres das Gesetz zu umgehen suchten . Nun trieb ihn die Leidenschaft , nicht nur darüber zu wachen , daß das Geschirr richtig geeicht sei , sondern auch darüber , daß es gehörig gefüllt werde , und er zog von einem Wirtshaus ins andere , um nachzusehen , wo das Getränke unter dem Strich blieb und die Gäste sich das gefallen ließen . Bei dieser Gelegenheit verlor er selbst das Maß und verfiel einem Trinken unzähliger halber Schöppchen , aus dem er sich nicht mehr losnesteln konnte , so genau und scharf er auch jedes einzelne betrachtete , bevor er es zu sich nahm . Noch unrasiert und im Werktagshabit wartete er jetzt auf seinen Morgenkaffee , welchen die Frau still bereitete ; denn sie hielt mit ihren spitzigen Strafreden klug zurück , bis der letzte Rest der Weinlaune , aus welchem er noch Kraft zum Widerstande schöpfen konnte , abgestorben und nur noch die Schwäche übrig war , die sie jeden Tag nutzlos mit Worten zusammenhieb . Der Eichmeister goß in ein zylindrisches Gläschen , das zum Ausgleichen und Abwägen kleiner Mengen diente , etwas Kirschgeist , da die Frau aus Neid oder Bosheit sein letztes Kelchgläschen zerbrochen habe Diese metrische Erquickung setzte er mir vor , während er sich selbst einen tüchtigen Schluck in ein größeres Glas schenkte , als willkommenes Mittel , den Zustand seiner Wehrbarkeit etwas zu verlängern . Im ungekämmten Haare kratzend , sah er mich aus geröteten Augen blitzelnd an , seufzte und behagte die Unsitte , sich den Sonntagmorgen immer durch das lange Sitzen in der Samstagsnacht zum voraus zu verderben . Dann sagte er : » Ich bin Euerer Mutter , Herr Lee , noch den letzten Hauszins schuldig ; es wäre daher nicht schicklich , wenn ich Euch ein noch so bescheidenes Reisegeschenk anbieten wollte . Dafür will ich Euch aber einen guten Rat auf den Weg geben , der Euch , insofern Ihr ihn befolget , nützlich sein wird . Haltet immer auf rechte Gesellschaft und einen fröhlichen Sinn ; aber Ihr möget reich oder arm , beschäftigt oder müßig , geschickt oder ungeschickt sein , geht niemals am Tage ins Wirtshaus , sondern wartet den Abend ab ! Das ist der Standpunkt eines gesitteten und gebildeten Mannes , was ich leider nicht mehr bin ! Und auch am Abend gehet eher spät als früh ; es gibt nichts , das so ehrbar und angenehm wäre als der zuletzt erscheinende Gast , vorausgesetzt , daß er nicht aus andern Wirtshäusern kommt . Freilich kann nicht jeder nach dieser Ehre trachten , weil auch einer oder mehrere die ersten sein müssen , andere die mittleren usw. ; dann aber nehmt Euer bescheidenes Maß entschlossen zu Euch und brecht ebenso entschlossen wieder auf , oder wenigstens hockt nicht mit langweiligem Geschwätz vor leeren Gläsern ; lieber lasset diese nochmals füllen , als daß Ihr dem Wirte auf so niederträchtige Art die Nacht stehlet wie die Tagediebe dem Herrgott den Tag ! Und nun will ich Euch zum guten Abschied noch eichen , daß Ihr in allen Dingen Maßhaltet ! « Er holte ein längliches Futteral herbei , nahm aus demselben ein amtliches Urmaß , fein aus glänzendem Messing gearbeitet , legte es mir an den Hals und sagte : » Bis hier hinauf und nicht weiter dürfen Glück und Unglück , Freude und Kummer , Lust und Elend gehen und reichen ! Mag ' s in der Brust stürmen und wogen , der Atem in der Kehle stocken ! der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod ! « Da der blanke Metallstab sich kalt anfühlte , so hatte ich am Halse die Empfindung , wie wenn eine gebieterische Einwirkung in der Tat stattgefunden hätte , und ich wußte nicht , ob Torheit oder Weisheit aus dem Manne sprach . Auch lachte er gleich mir , als er sich zu seinem Frühstück setzte und ich meines Weges weiterging . Nun kam ich an eine verschlossene Türe , was ich eigentlich hätte vermuten können . Dort wohnte nämlich ein unverheirateter kleiner Beamter , der jeden Sonntag , wenn das Wetter es irgend erlaubte , früh wegging und den ganzen Tag fortblieb , um ja nicht zu irgendeiner unvorhergesehenen Verrichtung oder Arbeit geholt zu werden . So warf er auch jeden Tag , sobald es sechs Uhr schlug , die Feder weg und verließ das Lokal , mochte die Arbeit noch so dringend sein . Den Posten , den er bekleidete , verfluchte er unablässig , obgleich er ihm jahrelang nachgelaufen war und fast kniefällig darum angehalten hatte . Er nannte sich ein Opfer » enttäuschter Grundsätze « und besuchte nur solche Gesellschaften , wo seine Vorgesetzten geschmäht wurden , und er verbreitete dort die Meinung , daß