Ohr gefangennimmt « , bemerkte Hirschfeldt , der sich von Spanien her ähnlich bestechender Namenseindrücke entsinnen mochte , und Lewin und Tubal stimmten ihm bei . » Gewiß « , fuhr Hansen-Grell fort , » dieser Fremdklang ist von Bedeutung . Aber es ist , über denselben hinaus , doch schließlich ein anderes noch , was diesen altdänischen Namen ihren eigentümlichen Zauber leiht . Es spricht sich nämlich in ihnen jene der Sprichwörterweisheit der Völker verwandte Begabung aus , Menschen , Erscheinungen , ja ganze Epochen in einem einzigen Beiwort zu charakterisieren . Die Kraft in der Knappheit , das Viel im Wenigen , da haben wir den Schlüssel zum Geheimnis . « Bummcke geriet in Aufregung , so sehr , daß er - was sonst nicht seine Sache war - den Château d ' Yquem mit ablehnender Handbewegung an sich vorübergehen ließ und zu Hansen-Grell wie zu einem Herzensvertrauten hinüberrief : » Ich weiß , worauf Sie hinauswollen . Sprichwörterweisheit sagten Sie , ganz richtig . An den König Erichs , wenigstens an den ersten sechs oder sieben , läßt es sich am besten zeigen : Erik Barn , Erik Ejegod , Erik Lam , Erik Plopenning , Erik Glipping . Ich verbinde mit jedem ein Bild , eine Vorstellung , besonders mit dem Plopenning und dem Glipping . Glipping , das heißt soviel wie Augenplink oder der Wimperer . Und wirklich , es ist zum Lachen , aber ich sehe ihn vor mir , wie er mit dem rechten Augenlide immer hin und her zwinkert . « Jürgaß warf sich in den Stuhl zurück und sagte während eines Hustenanfalls , der sich vor lauter Heiterkeit nicht legen wollte : » Das ist denn doch das kapitalste Stück von Fremdlandsenthusiasmus , das mir all mein Lebtag vorgekommen ist . König Wimperer , ich grüße dich . « » Wenn Sie mehr von ihm wüßten , Jürgaß , so würden Sie dieser bedeutenden Figur mit mehr Respekt begegnen . Er war ein guter König und wurde zu Viborg mit sechsundfünfzig Stichen ermordet . « » Nicht mehr wie billig . Warum hat er gewimpert ? Ich greife mit dem Champagner um zwei Gänge vor . Es lebe Erik Glipping ! « » Er lebe , er lebe ! « und die Gläser klangen zu Ehren des alten Dänenkönigs zusammen . Hansen-Grell aber , ehe noch der Übermut sich völlig gelegt hatte , sagte : » Halten Sie es der Pedanterie eines Kandidaten und Schulmeisters zugute , wenn er von seinem Thema nicht los kann , ich verspreche aber , kurz zu sein . « » Kurz oder lang , Grell , Sie sind immer willkommen . « » Gut , ich akzeptiere . Unseres verehrten Hauptmanns Vorliebe für König Glipping und , wenn ich mich so ausdrücken darf , die plastische Gegenständlichkeit , mit der er uns denselben vorzuführen verstand , hat uns auf einen Schlag die goldenen Tore der Heiterkeit aufgeschlossen , ich muß aber doch noch einmal ins Ernste zurück . In unserer neueren Geschichte , soweit sie uns von Kaisern und Königen erzählt , ist jetzt die Zahl in Mode gekommen ; der Erste , Zweite , Dritte , auch der Vierzehnte und Fünfzehnte ; die Zahl gilt , und mit ihr das Nüchternste , das Unpoetischste , das Charakterloseste , das es gibt . Dem gegenüber stehen meine alten skandinavischen Königsnamen , nach Klang und Inhalt , ich betone , auch nach Inhalt , auf dem Boden der Poesie , und das ist es , was sie mir so wert macht . Epigrammatischer als ein Epigramm , ist mancher dieser Namen doch zugleich wie ein Gedicht , rührend oder ergreifend , je nachdem . Urteilen Sie selbst . Ich will nur zwei nennen : Olaf Hunger und Waldemar Atterdag ! Ist es möglich , Personen und Epochen in einem einzigen Worte schärfer und eindringlicher zu zeichnen ? Es vergißt sich nie wieder . Olaf war ein guter König , aber das Land siechte hin an Mißernten und böser Krankheit , und weder seine Gebete noch sein ausgesprochener Wille , sich für das Volk zum Opfer zu bringen , konnten den Unsegen tilgen oder gar in Segen verwandeln . Und so bedeutet dieser König , auf den Blättern der dänischen Geschichte , eine Zeit des Fluchs , von Not und Tod , und sein gespenstisches Bild trägt unverschuldet die furchtbare Unterschrift : Olaf Hunger . « » Und hält uns eine Fastenpredigt bei unserem Frühstück ! Lassen Sie ihn fallen , Grell . Was ist es mit dem andern ? « » Er steht da wie sein Gegenstück . « » Gott sei Dank ! « » Er war schön und siegreich und liebte die Frauen . « » A la bonne heure . « » Aber mehr als das , er war auch heiter und gütig . In jungen Jahren hatten ihn eigene Leidenschaft und anderer Rat zu hitzigen Taten fortgerissen ; als er aber ein Mann geworden war , da reute ihn die Raschheit seiner Jugend , und er schwur es sich , nichts Hartes und Strenges mehr aus dem Moment heraus tun zu wollen . Umdrängten ihn seine Hofleute und forderten einen schnellen Spruch von ihm , wohl gar Tod , so machte er eine leichte Bewegung mit Kopf und Hand und sagte nur : Atterdag . Das heißt : Andertag . Und ein Füllhorn reicher Gnade quoll aus dem einen Wort , und Atterdag hat einen guten Klang in Dänemark bis diese Stunde . « » Das ist mein Mann , Grell . Atterdag ! Und Sie haben recht , da haben wir Klang und Inhalt . Sie decken einander . Ich seh ihn vor mir , so deutlich , wie Bummcke den Glipping sah . Aber mein Atterdag zwinkert nicht . Er hat ein wundervolles blaues Auge , und hinter ihm her ziehen endlose Hochzeitszüge , und die Fahnenschwenker werfen ihre Stöcke bis hoch in den Himmel hinein . Lassen Sie den Fasan noch einmal herumgehen , Tubal , das sind wir dem Atterdag schuldig und dem Olaf Hunger erst recht . « Das Gespräch ließ nun die Dänenkönige fallen , bald Skandinavien überhaupt , und nur Bummcke machte noch einen herkömmlichen Versuch , von Kopenhagen aus in Aalborg zu landen , um dann , quer durch Jütland hin , den großen Limfjord zu befahren . Dies war seine Lieblingstour , weil er in elf Gesellschaften von zwölf darauf rechnen durfte , sie allein gemacht und somit unangefochten das Wort zu haben . Aber dieses Vorzuges ging er heute verlustig , und kaum daß er in ziemlich sentimentalen Ausdrücken von dem » Klageton « und dem » Wehmutsschleier « der nordjütischen Landschaft gesprochen hatte , als ihm auch schon der Widerspruch Grells hart auf der Ferse war , der , der hunderttausend wie weiße Nymphäen auf dem Limfjord schwimmenden Möwen ganz zu geschweigen , nie ein smaragdgrüneres Wasser und nie einen azurblaueren Himmel gesehen haben wollte . » Nichts Gewöhnlicheres als ein solcher Gegensatz empfangener Eindrücke « , nahm von Meerheimb das Wort , » und es bedarf nicht einmal zweier Personen , um Widersprüchen wie diesen zu begegnen ; wir finden sie in uns selbst . Was wir die Stimmung der Landschaft nennen , ist in der Regel unsere eigene . Lust und Leid färben verschieden . Als wir auf der Smolensker Straße zogen und in die Nähe der alten russischen Hauptstadt kamen , war es uns , als marschierten wir unter einem Regenbogen , und überall , wohin wir blickten , stiegen , wie durch Spiegelung , die goldenen Kuppeln Moskaus vor uns auf . Unsere Sehnsucht sah sie , lange bevor sie sich wirklich in dem Nebelduft des Horizontes abzeichneten . Das war um die Mitte September . Und vier Wochen später zogen wir wieder dieselbe Straße . Der Rückzug hatte begonnen . Es war noch nicht kalt , und die Oktobersonne schien nicht weniger hell , als die Septembersonne geschienen hatte , aber ringsumher lag Öde und Einsamkeit , und die Flüsse , statt mit uns zu plaudern , schienen hinzuschleichen wie die Wasser der Unterwelt . Das Land war nicht verändert , aber wir . « Jeder stimmte bei , selbst Jürgaß , der nur den Strich zwischen Neustadt und Gantzer ausnahm , von dem er versicherte , immer denselben Eindruck empfangen zu haben . Welchen ? darüber schwieg er , entweder aus Vorsicht oder weil er die sich gerade jetzt bequem darbietende Gelegenheit zu einer noch ausstehenden Ansprache nicht unbenutzt vorübergehen lassen wollte . » Herr von Meerheimb « , so hob er an , während er mit dem Messerrücken an das Glas klopfte , » hat uns soeben über die Felder von Moshaisk oder ihnen nahe gelegener Territorien geführt , nicht in breiter Schilderung , sondern diskursive , wenn ich mich so ausdrücken darf , in landschaftlichen Aperçus , in gegensätzlichen Stimmungskizzen . Ich erinnere Sie daran , daß uns die vorgerückte Stunde der letzten Kastaliasitzung um einen Vortrag brachte , der , wenn ich recht unterrichtet bin , sich auf denselben Feldern von Moshaisk bewegt , freilich nur um auf eben diesen Feldern sehr andere Bilder als die Kuppeln von Moskau , die wirklichen oder die visionären , vor unseren Blicken aufsteigen zu lassen . Und so erlaube ich mir , an unseren verehrten Gast die Frage zu richten , ob es ihm genehm sein würde , das in erwähnter Sitzung Versäumte nachzuholen und vor diesem engeren Kreise den uns zugedachten Abschnitt aus seinem Tagebuche zu lesen ? « Von Meerheimb verneigte sich und sagte dann : » Ich gehorche gern Ihrer freundlichen Aufforderung , sosehr ich auch , ganz in Übereinstimmung mit Herrn von Hirschfeldt , der mir darüber nach der letzten Kastaliasitzung seine Confessions gemacht hat , das Mißliche solcher Vorlesungen fühle . Dies Mißliche wird dadurch nicht vermieden , daß man auf die Mitteilung aller persönlichen Heldentaten - ein Wort , das ich zu nehmen bitte , wie es gemeint ist - Verzicht leistet . Man bleibt eben ein Teil des Ganzen , und indem man dieses feiert , feiert man wohl oder übel sich selber mit . Keine Darstellung großer Vorgänge , bei denen man zugegen war , wird dies vermeiden können , auch die dezenteste nicht , und jeder , der es dennoch wagt , ist auf die besondere Nachsicht seiner Hörer angewiesen . Dieser Nachsicht bin ich bei Ihnen sicher . Im übrigen bitte ich , trotz des Bannes , unter dem in diesem Kreise die Vorreden stehen , noch vorweg bemerken zu dürfen , daß ich nur Erlebtes , also im Hinblick auf den großen Vorgang nichts Vollständiges gebe . Einzelnes , was jenseits des persönlich Erlebten liegt , ebenso wie die Namen von Ortschaften und Personen , verdanke ich den Mitteilungen und Aufschlüssen gefangener russischer Offiziere , mit denen ich später im Smolensker Lazarette lag . Und nun habe ich geschlossen und ersuche unseren verehrten Wirt , in jedem Momente , der ihm passend scheint , über mich zu verfügen . « » Nehmen wir den Kaffee « , damit hob Jürgaß die Tafel auf und schritt , Herrn von Meerheimb den Arm bietend , in das Wohnzimmer voran . Hier waren inzwischen alle Vorbereitungen getroffen und , trotzdem es noch früh war - nach vorgängiger Schließung der schweren Fenstergardinen - , die kleinen mit Kristallglas gezierten Wandleuchter angezündet worden . In dem blanken englischen Kamin , der als Schmuckstück der Wohnung in den großen Ofen hineingebaut worden war , brannte ein helles Feuer , und um den Sofatisch herum , den ein golddurchwirktes türkisches Tuch bedeckte , standen an den frei gebliebenen Seiten hohe Lehnstühle und gepolsterte Sessel . Der Kaffee wurde serviert , und während Wirt und Gäste um den Tisch her Platz nahmen , rückte sich von Meerheimb einen Doppelleuchter zurecht und las : » Borodino « . Elftes Kapitel Borodino ... Wir glaubten nicht mehr , daß die Russen standhalten würden . Sie zogen sich auf der großen Smolensker Straße zurück , vermieden jedes Rencontre mit unsern Vortruppen und schienen Moskau ohne Schwertstreich preisgeben zu wollen . Es war aber anders beschlossen ; auf russischer Seite wechselte der Oberbefehl , Kutusow kam an Barclay de Tollys Stelle , und unserm Einzuge in Moskau ging ein Zusammenstoß voraus , von dem der Kaiser selbst bei hereinbrechender Nacht sagte : » Ich habe heute meine schönste Schlacht geschlagen , aber auch meine schrecklichste . « Das war bei Borodino am 7. September . Schon der 5. gab uns einen Vorschmack . Als wir am Abend dieses Tages ins Biwak rückten , hörten wir , daß in unserer Front ein heftiges Gefecht stattgefunden und die Division Compans , zu der auch das 61. Linienregiment gehörte , eine russische Schanze gestürmt habe . Unmittelbar darauf sei der Kaiser erschienen und habe , die Lücken in dem genannten Regimente wahrnehmend , unruhig gefragt : » Wo ist das dritte Bataillon vom Einundsechzigsten ? « , worauf der alte Compans geantwortet habe : » Sire , es liegt in der Schanze . « Am 6. hatten wir Gewißheit , daß uns die Russen eine Schlacht bieten würden , und tags darauf standen wir ihnen in aller Frühe schon auf Kanonenschußweite gegenüber . Es war ein klarer Tag . Die Sonne , eben aufgegangen , hing wie eine rote Kugel über einem Waldstrich am Horizont und sah auf das kahle Plateau hinunter , das sich , halb Brache , halb Stoppelfeld , in bedeutender Tiefe , aber nur etwa in Breite einer halben Meile , vor uns ausdehnte . Die Höhenstellung , auf der wir hielten , erleichterte es mir , mich in dem Terrain zurechtzufinden , und ich erkannte bald , daß das vor uns liegende Plateau keineswegs eine glatte Tenne sei , sondern mehrere kleine Senkungen und Steigungen habe . Namentlich eine dieser Senkungen , allem Anscheine nach ein ausgetrocknetes Flußbett , markierte sich scharf und zog sich , das voraussichtliche Schlachtfeld in zwei Hälften teilend , wie ein Wallgraben zwischen unserer und der feindlichen Stellung hin . Hüben wir , drüben die Russen . Dies ausgetrocknete Flußbett hieß der Semenowskagrund . Wer angriff , mußte diesen Grund passieren , und in der Tat drehte sich die neunstündige Schlacht um den Besitz desselben und dreier teils am diesseitigen , teils am jenseitigen Rand gelegenen Positionen . Diese drei Positionen waren die folgenden : 1. die Bagrationfleschen ; 2. das Dorf Semenowskoi und 3. die große Rajewskischanze . Position zwei und drei lagen jenseit des Grundes , auf der von den Russen besetzten Hälfte des Schlachtfeldes , Position eins aber , die Bagrationfleschen , waren brückenkopfartige , bis an den diesseitigen Rand des Semenowskagrundes vorgeschobene Werke . Alle drei Positionen bildeten das feindliche Zentrum , an das sich ein rechter und linker Flügel anlehnte . Der rechte bei Borodino , der linke bei Utiza . In tiefen Kolonnen stand der Feind , scheinbar endlos . Wir sahen weithin das Blitzen der Bajonette und in Front seiner Stellung , am Rande des Grundes hin , die dunkeln Öffnungen seiner Geschütze . Soweit der Feind . Aber das helle Licht des Morgens , dazu die Höhen , die wir innehatten , gönnten uns auch einen Überblick über unsere eigene Aufstellung . Unmittelbar vor uns , in sechs Divisionsmassen , standen die Corps von Davoust und Ney , hinter uns Junot und die Garden , während wir selber , zehntausend Reiter unter König Murat , sowohl in Länge wie Tiefe die Mitte des diesseitigen Schlachtenkörpers einnahmen . Der Plan Napoleons ging dahin , erst die Flügelpunkte : Borodino und Utiza , jenes durch die italienischen Garden des Vizekönigs , dieses durch die Polen unter Poniatowski , nehmen zu lassen , dann aber , und zwar unter Mitwirkung der ebengenannten von rechts und links her einschwenkenden Flügelcorps ( deren rasches Vordringen er nicht bezweifelte ) , die furchtbare Zentrumsposition des Feindes zu durchbrechen . Erst die Fleschen , dann Semenowskoi , dann die Rajewskischanze . Schon vor Tagesanbruch war der erste Kanonenschuß gefallen , um sieben begann die Schlacht . Der Vizekönig nahm Borodino ; aber Poniatowski , auf einen stärkeren Feind stoßend , als er erwartet hatte , konnte nicht Terrain gewinnen . So blieb , als namentlich auch bei Borodino der Angriff wieder ins Stocken kam , die Mitwirkung von den Flügeln her aus und zwang die zu unseren Füßen haltenden Corps von , Davoust und Ney , die Durchbrechung des feindlichen Zentrums in weder von links noch rechts her unterstützten Frontalangriffen zu versuchen . Die Division Compans , dieselbe , die am 5. das erbitterte Gefecht gehabt hatte , hatte wieder die Tête . Sie warf sich auf das nächste Angriffsobjekt , die Bagrationfleschen , nahm sie , verlor sie und nahm sie zum zweiten Mal , aber nur , um sie zum zweiten Mal zu verlieren . Der tapfere Compans fiel , Rapp und Davoust , mehr oder minder schwer verwundet , mußten das Schlachtfeld verlassen , und immer neue Divisionen wurden vorgezogen , um uns den Besitz dieses vorgeschobenen Werkes zu sichern . Erst nach dem vierten diesseitigen Sturm gaben die russischen Grenadiere , die hier unter Fürst Woronzow gestanden und geblutet hatten , jeden Wiedereroberungsversuch auf und zogen sich , soviel ihrer noch waren , auf den jenseitigen Rand des Semenowskagrundes zurück . Zu schwach , noch selber feste Körper zu bilden , reihten sie sich in andere Truppenkörper ein , die sie hier vorfanden . Es waren ihrer noch vierhundert Mann , der Rest von sechstausend . Fürst Woronzow , als er am Abend des Tages seinen Bericht an den Kaiser abfaßte , schloß mit den Worten : » Meine Grenadierbataillone sind nicht mehr ; aber sie verschwanden nicht von dem Schlachtfelde , sondern auf ihm . « Um elf Uhr hatten wir die Fleschen , und der Grund mußte nun überschritten werden , um zunächst das schon an vielen Stellen brennende Dorf Semenowskoi , dann die links daneben gelegene große Rajewskischanze zu nehmen . Aber schon begann es an den Kräften dazu zu fehlen , wenigstens in der Front . Die Divisionen des Davoustschen Corps waren nur noch Schlacke , die des Neyschen kaum minder , und nur die Division Friant war noch intakt . Sie erhielt Befehl zum Vorgehen und nahm jetzt die Tête , während die schon im Feuer gewesenen Divisionen aufschlossen . Die Bravour des Angriffs schien einen Augenblick einen großen Erfolg versprechen zu sollen ; aber in demselben Moment , wo die vordersten Bataillone den jenseitigen Rand des Semenowskagrundes erstiegen , wurden sie von einem auf nächste Distance hin abgegebenen Massenfeuer in langen Reihen niedergemäht ; die nachrückenden Bataillone stutzten , wandten sich und suchten diesseitig der Schlucht in Ravins und Einschnitten eine Zuflucht zu gewinnen . Der Sturmversuch war als gescheitert anzusehen , und in unserer ganzen Front , sowohl unmittelbar vor uns wie auch nach beiden Flügelpunkten hin , standen keine frischen Infanteriekörper mehr , denen eine Wiederholung des Sturmes zuzumuten gewesen wäre . In diesem Augenblicke kam Befehl an König Murat , es mit seinen Reitermassen zu versuchen . Zu diesen Reitermassen gehörten auch wir . Murat , nach Empfangnahme der Ordre , zog sofort vom linken Flügel her seine vier Kavalleriecorps staffelweise vor , erst Grouchy , dann Nansouty , dann Montbrun , dann Latour-Maubourg , und ließ sie , das letztgenannte Corps vorläufig noch zurückhaltend , mit nur kurzen Pausen gegen die Positionen des feindlichen Zentrums vorbrechen . Grouchy führte , Nansouty und Montbrun folgten . Das Schlachtfeld donnerte unter dem Hufschlag von mehr als 6000 Pferden ; selbst der Donner der Geschütze wurde momentan übertönt . Aber der ungeheure Reitersturm vermochte nicht mehr , als die wiederholten Angriffe der Infanteriedivisionen vermocht hatten ; am diesseitigen Rande des Semenowskagrundes stürzten die vordersten Reihen , und was übrigblieb , riß die nachfolgenden Regimenter mit in die Flucht der in Front gestandenen hinein . Ein neuer Mißerfolg ; tausend reiterlose Pferde stoben über das Feld hin . Grouchy , Nansouty , Montbrun hatten versagt ; nur unser 4. Kavalleriecorps , Latour-Maubourg , hielt noch unberührt am rechten Flügel , in seiner Front unsere Kürassierdivision unter General de Lorges . Wir nannten ihn scherzhaft , aber zugleich auch in Anerkennung seiner chevaleresken Tugenden , unseren » Ritter de Lorges « , und in der Tat , der Moment war nahe , wo die Division , die seinen stolzen Namen führte , den » Handschuh aus dem Löwengarten « holen sollte . Eine Staubwolke wurde von links her sichtbar , und König Murat selbst , der bis dahin am anderen Flügel gehalten hatte , sprengte bis in unsere Front . Er war prächtiger und phantastischer gekleidet denn je , und wahrnehmend , daß wir , trotz der von Zeit zu Zeit einschlagenden Kugeln , in vollkommener Ruhe Linie hielten , warf er uns im Vorüberreiten Kußhändchen zu und salutierte mit seiner Reitgerte , die er statt des Säbels führte . Zugleich gab er Befehl zum Angriff , und in zwei großen Reitermassen jagten wir über das Feld hin , die eine dieser Massen die sechs Regimenter starke polnische Ulanendivision unter General Rozniecki ( wir verloren sie bald darauf aus dem Gesicht ) , die andere , von der ich ausschließlich zu erzählen habe , unsere Kürassierdivision de Lorges . Aber auch diese teilte sich wieder , und wie sich eben erst aus unserer gesamten Latour-Maubourgschen Corpsmasse die polnische Ulanendivision herausgelöst hatte , so löste sich jetzt , nur wenige Minuten später , aus unserer Kürassierdivision de Lorges die westfälische Brigade von Lepel heraus . General von Lepel galt als der schönste Offizier der westfälischen Armee ; er war der Liebling Friederike Katharinens , der Gemahlin König Jérômes . Wir sahen ihn eben noch mit erhobenem Pallasch vor der Front seiner Brigade , als eine Paßkugel ihn vom Pferde warf . Auf den Tod verwundet , nannte er den Namen seiner Königin und starb . Seine Brigade aber stutzte , wandte sich seitwärts und griff erst später wieder in den Gang des Gefechtes ein . So waren wir denn allein : sächsische Brigade Thielmann , achthundert Reiter der Regimenter Garde du Corps und von Zastrow . War unsere Stellung ohnehin am äußersten rechten Flügel gewesen , so gebot es jetzt unsere Lage , wie General von Thielmann in Beobachtung der voraufgegangenen Gefechtsmomente klar erkannt hatte , uns immer weiter nach rechts zu ziehen . Woran waren alle bisherigen Angriffe gescheitert ? An der immer sich gleichbleibenden Schwierigkeit , den steil abfallenden Semenowskagrund angesichts der feindlichen Geschützreihe zu passieren . Eine Möglichkeit des Gelingens war also nur gegeben , wenn sich am Flußbett hin Übergangsstellen finden ließen , wo die Böschung minder abschüssig und das feindliche Feuer minder heftig war . Solche Stellen lagen flußaufwärts nach Utiza zu , und durch immer weiteres Ausbiegen uns mehr und mehr aus dem Kanonenbereich herausziehend , entdeckten wir endlich , keine tausend Schritt mehr von dem genannten Flügelpunkt entfernt , eine flach abfallende , vom russischen Geschütz kaum noch erreichte Stelle , die uns ein bequemes Hinabreiten in den Semenowskagrund zu ermöglichen schien . Das war , was wir suchten . Eine Minute später hielten wir in dem ausgetrockneten Flußbett , dessen Ränder , je mehr wir uns , links einschwenkend , dem feindlichen Zentrum wieder näherten , immer höher und steiler wurden . Aber diese höher und steiler werdenden Ränder waren zunächst unser Schutz , und das Feuer der um Dorf Semenowskoi her in Batterie stehenden hundert russischen Geschütze ging über unsere Köpfe hinweg . Wir waren schon bis dicht an das Dorf heran , ohne nennenswerten Verlusten ausgesetzt gewesen zu sein ; General Thielmanns geschickte Führung hatte uns davor bewahrt . Aber nun kam der entscheidende Moment , und dieselben steilen Böschungen , die bis dahin unsere Rettung gewesen waren , waren nun unsere Gefahr . Und doch mußten wir sie hinauf . Unser Regiment Garde du Corps führte : » In Zügen rechts schwenkt , Trab ! « , und im nächsten Augenblick suchten wir den Abhang und gleich darauf die Höhe zu gewinnen . Einzelne überschlugen sich und stürzten zurück ; die meisten aber erreichten die Crête , rangierten sich und gingen zur Attacke vor . Erst im Anreiten sahen wir , wo wir waren . Keine dreihundert Schritt vor uns brannte Dorf Semenowskoi ; zwischen uns und dem Dorfe aber , und dann wieder über dasselbe hinaus , standen schachbrettartig sechs russische Carrés , Gardegrenadierbataillone , die berühmten Regimenter Ismailoff , Litauen und Finnland . Ihr Feuer empfing uns aus nächster Nähe , aber ehe eine zweite Salve folgen konnte , waren die diesseits des Dorfes stehenden Vierecke niedergeritten , und durch das brennende Semenowskoi hindurch ging die Attacke , ohne Signal oder Kommandowort , aus sich selber heraus im Fluge weiter . Innerhalb des Dorfes freilich stürzten viele der vordersten Reiter in die den ehemaligen Wohnungen als Korn- und Vorratsräume dienenden , jetzt mit glühendem Schutt gefüllten Kellerlöcher , aber die nachfolgenden Rotten passierten glücklich die gefährlichen Stellen , und alles , was jenseits stand , teilte das Schicksal derer , die diesseits gestanden hatten . Das Regiment Litauen verlor in zehn Minuten die Hälfte seiner Mannschaften . Aber nicht die ganze Brigade Thielmann war durch das brennende Dorf geritten ; ein kleines Häuflein derselben , nicht hundert Mann stark und aus Bruchteilen beider Regimenter gemischt , hatte sich vielmehr , gleich nach dem Niederreiten der ersten Carrés , nach rechts hin tiefer in die russische Schlachtordnung hineingewagt , um hier dem Angriff einer eben hervorbrechenden feindlichen Kavallerieabteilung zu begegnen . Es glückte ; die feindlichen Kürassiere wurden geworfen , und in Ausbeutung des auch an dieser Stelle beinahe unerwartet errungenen Erfolges jagten wir - ich selber gehörte dieser Abteilung zu - zwischen den massiert dahinterstehenden Bataillonskolonnen hindurch und erwachten erst wieder zu voller Besinnung , als wir uns plötzlich im Rücken der gesamten russischen Aufstellung sahen . Wir hätten von dieser Stelle aus leichter bis Moskau reiten können als bis an den Semenowskagrund zurück . Und doch mußten wir diesen Grund , die Scheidelinie zwischen Freund und Feind , wieder zu gewinnen suchen . Also kehrt ! Jeder hing an dem Wort unseres Führers , willig , ihm zu folgen , aber ehe wir noch wenden konnten , brachen aus zwei links und rechts befindlichen Waldparzellen dichte Baschkiren- und Kalmückenschwärme hervor , irreguläre Truppen , denen man , weil man ihnen in der Front nicht traute , diese Reserveposition angewiesen hatte . Im Nu saßen sie uns mit ihren Piken in Seite und Nacken , und eine Niederlage , der wir in zweimaligem Kampfe mit den Elitetruppen des Feindes glücklich entgangen waren , sie harrte jetzt unserer im Angesichte dieses Gesindels . Oberst von Leyser wurde vom Pferde gestochen , gleich nach ihm Major von Hoyer , und ehe fünf Minuten um waren , waren von unserem ganzen Häuflein nur noch zwei übrig : Brigadeadjutant von Minckwitz und ich . Wir hieben uns aus der immer dichter werdenden Gesindelmasse heraus und jagten dann auf unseren müden Pferden durch dieselben Intervallen , durch die wir gekommen waren , wieder zurück . Was uns rettete , waren sehr wahrscheinlich die schwarzen Kürasse , die das Regiment von Zastrow trug , so daß wir beim Passieren der langen Infanterieflanken für russische Kürassiere gehalten wurden . Unsere Pferde , Wunders genug , dauerten aus , und ehe eine halbe Stunde um war , hielten wir wieder in der Reihe unserer Kameraden , so viele deren überhaupt noch waren . Von unserem Todesritt zu erzählen , dazu war keine Zeit . Denn eben jetzt bereiteten die Russen , zur Rückeroberung der Position von Semenowskoi ( von einem Dorfe gleichen Namens war nicht mehr zu sprechen ) , einen großen Angriff vor , und alles , was noch jenseits des Grundes hielt , mußte wieder nach diesseits zurück . Auch wir . Es mochte jetzt Mittag sein oder doch nur wenig später . Unsere Anstrengungen , dies konnten wir uns nicht verhehlen , waren im wesentlichen ebenso resultatlos verlaufen wie die voraufgegangenen Kavallerieangriffe Grouchys , Montbruns , Nansoutys ; wir hatten die feindliche Seite des Semenowskagrundes erstiegen , sechs Gardebataillone niedergeritten , russische Reiterregimenter geworfen und die feindliche Schlachtaufstellung vom Rücken her gesehen , aber der endliche Abschluß war doch der , daß wir , wenn auch tausend Schritt vorgeschoben , abermals am diesseitigen Rande des Grundes standen und die Aufgabe , die Russen auch vom jenseitigen Rande zu vertreiben , aufs neue aufnehmen mußten . Daß dies geschehen würde , war unzweifelhaft ; ein Verzicht darauf würde soviel wie Verlust der Schlacht bedeutet haben . Es war also nur die Frage : wann ? Zwei Stunden blieben wir in Erwartung ; es schien , daß man an oberster Stelle schwankte ; endlich kam Befehl , alle in Front stehenden Kräfte zusammenzufassen und auf der ganzen Linie noch einmal vorzugehen . Unserer Brigade Thielmann , bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen , war dabei der Löwenanteil zugedacht ; sie erhielt Ordre , die gefürchtete Rajewskischanze , den festesten Punkt der feindlichen Zentrumsstellung , zu stürmen . Ein Schanzensturm mit Kavallerie ! Es war Ney selbst , der diesen Befehl überbrachte . General Thielmann zeigte statt aller Antwort auf die zertrümmerte Brigade : vierhundert Reiter auf müden Pferden . Aber Ney , in der furchtbaren Erregung des Moments , zog das Pistol aus dem Halfter und hielt es im Anschlag , zum Zeichen , daß er bereit sei , jeden Versuch eines Widerspruchs zum Schweigen zu bringen . Thielmann setzte sich vor die Front , die Trompeter bliesen , und abermals ging es gegen den Grund . Diesmal mit halblinks , weil die Rajewskischanze um fünfhundert Schritte weiter flußabwärts lag . Was und wen wir im Anreiten verloren , weiß ich nicht mehr , weil sich alles , was nun kam , in wenige Minuten zusammendrängte . Nur so viel , daß die Verluste bedeutend