den Anzug der Goldgräber , die ungeheuren Kanonenstiefel und den breiten Ledergurt schafften sie sich gleich an . Das bare Geld wurde sorgfältig versteckt , und dann nahm Robert von seinen bisherigen Kameraden einen herzlichen Abschied . Nur den Neger sah er nicht . Auf seine Frage hieß es , daß auch Mongo am Tage vorher abgemustert habe . Roberts Erstaunen stieg immer mehr . Sollte sich der Alte , nachdem er mit ihm so schwere Stunden geteilt hatte , jetzt ohne ein Wort des Abschieds von ihm trennen wollen ? Unbegreiflich ! Aber die Zeit drängte , und daher konnte Robert keine weiteren Nachforschungen halten . Seufzend kletterte er das Fallreep hinab . » Leb wohl , du blaues , geliebtes Meer , jetzt soll ich dich monatelang nicht einmal mehr sehen , soll Hunderte von Meilen landeinwärts fahren und mit Spaten und Axt die Erde durchwühlen . « » Leb wohl ! « Er sah nicht zurück , sondern bezwang die aufsteigende Bitterkeit , um Gottlieb nicht zu verletzen . Es mußte sein , und Roberts fester Wille unterdrückte erfolgreich jede Mißstimmung . Er sprach dem schüchternen Freund Mut zu und führte ihn zum Bahnhof , wo für die ganze Reise nach den Minenstädten die Karten gelöst wurden . Wenn ihn erst einmal die fremde Welt , die er jetzt betreten sollte , umgab , wenn er eine neue , geregelte Tätigkeit besaß , so mußte auch seine frühere Zuversicht zurückkehren . Und ging es wirklich nicht , konnte er das Leben in den Minen unmöglich ertragen , nun , so stand ihm ja der Weg zur nächsten Hafenstadt immer offen . Für den Augenblick mußte er jedoch den Kopf oben behalten . Nur daß er Mongo nicht mehr gesehen hatte , tat ihm leid . Der Alte mußte irgendeinen ganz besonderen Grund haben , da er ja nicht einmal ein Abschiedswort gefunden hatte . Das Glockenzeichen ertönte , die Türen wurden geöffnet , und die beiden stiegen in den Wagen - da sahen sie draußen ein schwarzes , lächelndes Gesicht , da stand Mongo im ledernen » Digger « -Anzug und saß im nächsten Augenblick drinnen neben den beiden überraschten Freunden . » Du junger Spitzbube , wer soll dich aus der Patsche ziehen , wenn ich es nicht tue ? Bist ja ein viel zu großer Sausewind und Wagehals , als daß man dich allein reisen lassen könnte . « » Aber Scherz beiseite « , fügte er hinzu , » wollt ihr mich überhaupt mitnehmen ? Schaden kann ' s euch nicht , in den Minenstädten jemanden zu haben , der sich auskennt . « Robert war glücklich über die Nähe des Freundes . Er und auch Gottlieb schlugen bereitwillig ein , als ihnen Mongo die Hand entgegenstreckte . » Aber warum hast du uns nicht schon viel früher etwas davon gesagt , alter Geheimniskrämer ? « fragte Robert . Der Neger wiegte den Kopf . » Ich wußte es ja vorher selbst nicht , du Schlingel ! « antwortete er . » Die Minen sind es auch keineswegs , die mich locken , sondern nur deine Nähe . Es ist für einen alten Menschen wie mich doppelt schwer , so ganz allein dazustehen . « Robert drückte ihm seufzend die Hand . » Auch für einen jungen , Mongo « , erwiderte er . » Hast doch deiner Mutter geantwortet , Junge ? « fragte der Neger . » Natürlich . Sie nimmt ja meine Briefe an . « » Nun , nun , du mußt das nicht mit so großer Bitterkeit betonen . Dein Vater hat wie die Schnecke in ihrem Gehäuse sein Leben lang auf demselben Tisch gesessen , den schon zwei Generationen der Krolls als häuslichen Thron behaupteten , - er kann sich eine andere Möglichkeit einfach nicht denken , daher ist er widerborstig wie ein Igel und quält sich und andere . Oder glaubst du etwa , daß er sich nicht im stillen bittere Sorgen um dich macht . « » Das glaube ich kaum , Mongo . « » Ach , was weißt du davon ? Ein Vater kann nie aufhören , sein Kind zu lieben , aber er kann es auf verkehrte Weise zeigen , das ist wahr . « » Laß uns über die traurige Angelegenheit nicht wieder reden Mongo « , bat Robert . » Ich kann vor ihm nicht nachgeben , wie zur Zeit meiner Schuljahre oder auch später noch , als er mein halbfertiges Schiff mit dem Küchenbeil zerschlug und mich regelrecht durchprügelte . « Mongo antwortete nicht . Wozu gleich den Anfang der Fahrt mit trüben Erinnerungen oder noch trüberen Zukunftsaussichten vergällen ? - Robert war aus der jungenhaften Sehnsucht nach Abenteuern längst aufgerüttelt , er fühlte den Zwiespalt mit dem eigenen Gewissen sehr deutlich , und das war für den Augenblick vollständig genug . » Mongo « , fragte Robert nach einer Pause , » bist du schon früher einmal in den Goldminen gewesen ? Es schien mir vorhin so . « Der Schwarze nickte . » Wo wäre ich nicht gewesen , Bob ? « fragte er wehmütig . » Überall ohne Heimat , ohne Familie , ohne Glück , da greift man bald nach rechts , bald nach links , und sucht nach einem Platz , wo man für immer bleiben möchte . « Robert blies den Rauch seiner Zigarre in die heitere Morgenluft hinaus . Er fühlte sich von der erfrischenden Fahrt durch die Herbstlandschaft , von dem hellen Sonnenschein und der schönen Umgebung mehr und mehr angeregt . Vielleicht ging es ja jetzt dem Glück entgegen , jedenfalls wollte er sich nicht länger quälen , es half ja doch nichts . » Mongo « , sagte er , » du kennst also das Leben in den Minen aus Erfahrung und kannst uns dort helfen ? « » Natürlich , Bob . Eben deshalb begleite ich euch ja . « Robert übersetzte die Worte des Negers , und auch Gottlieb freute sich , in Mongo einen erfahrenen Menschen zur Seite zu haben . » Du gehst ja doch schon bald wieder zurück , Robert « , sagte er . Der errötete . » Weshalb , du ? Ich will mit dir in den Minen das Glück suchen « , antwortete er . » Möchtest du es finden , Robert ! « sagte Gottlieb einfach in seiner bescheidenen Art. » Möchten wir alle Glück haben ! « Mongo zog aus der Tasche ein großes Paket Fleisch und Brot sowie eine Korbflasche , die er den beiden jungen Gefährten hinreichte . » Auf die Verwirklichung unserer Hoffnungen ! « sagte er . Und alle drei tranken reihum . Der Eisenbahnzug hatte die Station Bandigo verlassen , und die Landschaft wurde immer schöner . Wälder von Eichen und Buchen , manchmal auch von Tannen , säumten die Strecke . Dann wieder ging es am Ufer eines blauen Sees entlang oder durch eine weite Ebene . Roberts für alles Schöne so empfängliche Herz gab sich den unbekannten Freuden der Fahrt vollständig hin . Während seine beiden Reisegefährten Mittagsruhe hielten , beobachtete er die Landschaft ringsumher und ließ sich nicht die kleinsten Einzelheiten entgehen . Es war alles anders als zu Hause in Deutschland , wo er zwar nur von Pinneberg nach Altona , also gerade zwanzig Minuten gefahren war , wo er aber doch die Bahnanlagen häufig gesehen hatte . Streckenwärterhäuschen gab es nicht , die Stationen waren manchmal nur hölzerne Schuppen mit hochklingenden Namen , aber höchst ärmlicher Einrichtung . » Waterloo-Hotel « oder » Vereinigte-Staaten-Hotel « las er mehr als einmal , beim Aussteigen jedoch sah Robert nur einige Farbige , ein paar spuckende , Tabak kauende und trinkende Yankees , und zu essen konnte man nur ein paar dürre Butterbrote haben , hier Sandwiches genannt , dafür aber überall Branntwein , den er nur ungern trank . Meistens bezahlte er das scharfe Getränk , um dann am Brunnen seine Reiseflasche mit frischem Wasser zu füllen und den Fusel stehen zu lassen . An einer kleinen , ganz am Ausgang eines Waldes liegenden Station sahen die drei eine Menge Menschen stehen . Man sprach und gestikulierte lebhaft , eine Gruppe von Frauen schien in großer Unruhe , und verschiedene Männer fluchten in allen möglichen Ausdrücken . Es mußte irgendein außergewöhnliches Ereignis vorgefallen sein . Robert lief voran , ehe ihm noch Mongo und Gottlieb folgen konnten . Im Augenblick interessierte ihn nur das , was dort passiert war . Aber seine Neugierde sollte wenig Befriedigung finden . Ein paar Kilometer weit oberhalb der Station war ein Zug entgleist , die Schienen aufgewühlt und zum Teil mit Trümmern bedeckt und der Verkehr für die nächsten Stunden unterbrochen . Es blieb jetzt den Reisenden nur die Wahl , entweder bis zum folgenden Morgen in einigen Holzschuppen und leeren Wagen ein Unterkommen zu suchen , oder aber mit der Postkutsche die Fahrt fortzusetzen . Die drei sahen sich an , und Mongo erkannte sofort , worauf Robert hinauswollte . » Hierbleiben ! « neckte er , » hierbleiben , Bob . Nicht wahr , du hast jetzt keine Lust , mit zwanzig anderen Passagieren bei Nacht und Nebel in der engen Kutsche weiterzufahren ? Brr , eine kalte Partie müßte das sein ! « » Und gefährlich ! « warf Gottlieb ein . » Es sollen hier sogar noch Büffelherden vorkommen . « » Und wilde Raubtiere « , fügte der Neger mit besorgtem Gesicht hinzu , » und blutdürstige Indianer ! « Jetzt verstand Robert , was Mongo wollte , und die beiden lachten lustig . » Komm nur ruhig mit « , versicherte der Schwarze dem erstaunten Gottlieb , » es wird uns schon nichts kosten , höchstens etwas Zähneklappern . Aber in diesen luftigen Holzställen wird es kaum angenehmer sein als dort « , fügte er hinzu . » Und außerdem hätten wir eine ganze Nacht unnütz verloren « , warf Robert ein . Das half , den schüchternen jungen Menschen umzustimmen . Alle drei nahmen im Postwagen Platz - Robert auf dem Bock beim Kutscher - und fort ging es mit einem Gespann von sechs kräftigen Pferden in die mondhelle Nacht hinein . Am Wegesrand zeigten sich bald tief ausgetretene Spuren , die alle in einer Richtung dahinliefen und die der Kutscher dem fragenden Robert als Büffelspuren bezeichnete . » Wir werden sehr bald die Herden selbst sehen « , fügte er hinzu . » Ist es das erstemal , daß Ihr die Steppe passiert , Sir ? « Robert bejahte , und nun erzählte ihm der Kutscher , dem offenbar diese Unterhaltung auf seinem einsamen Sitz sehr willkommen war , von den Tieren , die in dieser Gegend vorkommen . » Die Büffel erkennt Ihr von selbst , Sir « , lächelte er , » aber seht Euch auch einmal diese kleinen vierbeinigen Burschen an . Das sind Präriehunde . « Robert beugte sich vom Sitz herab und bemerkte mehrere kleine Tiere von dunkelbrauner Farbe mit weißem Bauchfell . Sie gehören zum Geschlecht der Hamster , wohnen in Erdlöchern und zeigen den Menschen gegenüber nicht die geringste Scheu . Robert wandte sich voll Erstaunen zu dem gesprächigen Kutscher . » Hunde nennt Ihr diese Tiere ? « fragte er . Der Kutscher zuckte die Achseln . » Wish-Ton-Wish , sagen die Indianer , Sir . Ich weiß nicht , wie der Vergleich mit Hunden entstanden ist . « Aber Robert hatte schon wieder eine neue Entdeckung gemacht . » Seht doch , « rief er , » vor jedem dieser Erdlöcher sitzt eine kleine Eule ! « » Well , Sir , die Tiere wohnen beieinander , und außerdem auch noch Klapperschlangen , gehörnte Eidechsen und Landschildkröten . Der Wish-Ton-Wish baut die Höhle , und das andere Völkchen nimmt ungebeten Besitz davon ; der Wish-Ton-Wish schleppt die Wintervorräte zusammen , und die übrigen teilen sich den Raub , - so geht es oftmals im Leben , Sir . « Robert seufzte heimlich . Aber hier war keine Gelegenheit , sich in Grübeleien zu versenken . Auf jedem Schritt , bei jeder Drehung der Räder begegneten ihm neue Wunder . Ein Tier mit schmutziggelbem , grauschillerndem und langhaarigem Fell , etwas kleiner als ein gewöhnlicher Wolf , mager und mit falschen , feigen Augen , umschlich die nächsten Büsche . Es blieb in scheuer Entfernung , obgleich es das vorüberrasselnde Gefährt ständig beobachtete . » Wie heißt dieser widerwärtige Bursche ? « fragte Robert . Der Kutscher schlug in der Richtung des wolfsartigen Tieres kräftig mit der Peitsche durch die Luft , worauf der graue Schatten wie in den Boden hinein verschwand . » Nicht wahr « , rief er grimmig , » das ist ein widerwärtiger Hungerleider , ein falscher Patron ! Sage Euch , Sir , es gibt mir immer einen Stich durchs Herz , wenn ich solchen Burschen sehe . Vor einiger Zeit stürzte mir mitten auf dem Wege das Handpferd und blieb mit gebrochenem Bein im Sande liegen . Na , da mußte ich es töten , Sir , um es zu erlösen , aber das Herz tat mir weh dabei , kann ich Euch sagen . Hatte mit dem braven Bill schon seit dem Jahre 1865 diesen Weg befahren , als noch der Indianerhäuptling Cut-Nose , die Schlitznase , mit seiner braunen Horde die Gegend unsicher machte und alle Passagiere den geladenen Revolver ständig in der Faust hielten . Aber gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen , Sir , - mußte den alten Bill liegen lassen , hatte ja keine Zeit , ihn zu begraben , und - sah nun alle Tage , wenn mich mein Weg vorüberführte , auf seinem armen Körper die Coyotes sitzen und gierig das Fleisch von den Rippen zerren , seitdem hasse ich die Bestien . Ein lebendiges Tier greifen sie nicht an , aber Leichen sind selbst unter der Erde vor ihren Krallen nicht sicher . Sie gleichen an Raubgier und Feigheit ganz den Hyänen . « Die Postkutsche hatte während dieser langen Erzählung ihren Weg weiter verfolgt , der Coyote kam nicht wieder zum Vorschein , aber noch eine Menge anderer Tiere bevölkerte die Nacht . Beutelratten trippelten durch das Gras , Schwärme von Kibitzen und Raben segelten durch die Luft , hier und da zeigten sich wunderschöne braune Antilopen , schlanke , rehäugige Geschöpfe , die jedoch beim Herannahen der Kutsche sofort die Flucht ergriffen . Dazwischen lagen überall am Wege bleichende Tiergerippe , besonders von Büffeln , deren Spuren jetzt auch immer deutlicher aus dem weichen Boden hervortraten , bis zuletzt die riesigen schwarzbraunen Tiere erst vereinzelt und dann immer zahlreicher auftauchten . Roberts Herz schlug schneller . Wieviel Merkwürdiges , wieviel Schönes sah er in dieser Nacht ! - » Wißt Ihr , Sir « , begann nach einer Pause der Amerikaner , » ich fahre nun seit sechs Jahren und länger täglich durch diese Gegend , aber jedesmal erscheint sie mir neu . Das macht das Großartige , glaube ich , das Wilde , Ursprüngliche . Wenn Meilensteine am Wege ständen und Straßengräben und Wirtshäuser da wären , dann käme auch gewiß bald die Langeweile , so aber ist alles das in jeder Stunde neu und doch wie ein lieber alter Bekannter , den man freudig begrüßt , wenn er zur Tür hereintritt . Und glaubt Ihr wohl , Sir , daß diese Gegend ihren Dichter hatte ? - Ich habe ihn selbst gekannt , damals zu Schlitznases Zeiten . Er hat die Fahrt mit mir und dem alten Bill , den die Coyotes fraßen , oft gemacht ; - wollt Ihr einmal hören , was er schrieb , da auf Euren Sitz und auf den Einband eines Buches , das er bei sich trug ? Mir hat er ' s zuerst vorgelesen , nachher aber ist es gedruckt worden . « Und der Amerikaner , ganz erfüllt von seiner Sache , begann in wenig künstlerischer , aber begeisterter Weise ein einfaches Lied zu singen , das in treffenden Bildern das Leben in den Wäldern und Prärien des Landes schilderte . Mit einem lustigen Peitschenknall , der das Sechsgespann zu erhöhter Eile antrieb , schloß der brave Postillion die letzte Strophe des Gedichtes , das auf seinem Kutschbock geschrieben worden war und das er sicherlich schon vielen Reisenden vorgetragen hatte . » Seht nur , « rief er , » da sind auch die Büffelherden . « Und wirklich war die Postkutsche jetzt mitten auf dem Weideplatz . Von allen Seiten stürmten in brausendem Galopp die Tiere heran , ihre Hufe dröhnten auf dem Grasboden , ihre Nüstern stießen schnaubend den Atem aus , ihre kurzen Hörner wühlten die Erde auf . Dicht hinter dem plumpen , unförmigen Hals erhob sich ein buschiger Höcker , während der Vorderkörper mit der gewaltigen Brust und dem dicken Kopf zum Hinterteil in keinem richtigen Verhältnis zu stehen schien . Der gewaltige Rumpf und die schlanken , fast zierlichen Beine , die feurigen Augen und der große , häßliche Kopf paßten durchaus nicht zueinander . Robert bemerkte jedoch , daß die schwerfälligen Tiere schneller als ein Pferd laufen konnten , besonders aber , daß sie eine wahrhaft riesige Körperkraft besaßen . Der Kutscher sagte auch , daß die Büffel zur Landwirtschaft nicht verwendet werden könnten , weil ihre Wildheit und völlig unberechenbare Kraft nicht zu zügeln sei . Ihnen ist kein Zaun zu stark , kein Graben zu breit und kein Fuhrwerk zu schwer , sie überrennen alles . Jetzt befand sich die Kutsche mitten in der unübersehbaren Masse der auf ihrer großen Herbstwanderung begriffenen Tiere . Manchmal mußte im Schritt gefahren , manchmal gehalten werden , so dicht umdrängten die Büffel das Gespann und die Kutsche . Mit lang heraushängender Zunge , vorgestrecktem Hals und krummem Buckel rannten die braunen Riesen scheu an dem Postwagen vorüber , während die jüngeren Kälber neugierig herankamen , jedoch von ihren Müttern sofort wieder zur Herde zurückgedrängt wurden . Etwa zwei Stunden lang fuhr der Wagen durch die endlosen Massen der Tiere , dann erst war die Ebene wieder frei . Robert atmete auf , als die Kutsche wieder schneller vorwärtskam . So wenig er sich gefürchtet hatte , die Nähe der riesigen Büffelherde war doch fast erdrückend gewesen . Dann aber fiel es ihm ein , sich nach seinen Gefährten umzusehen . Das Innere des Wagens war von einer Hängelampe trübselig erleuchtet , so daß er in den Reihen der Sitzenden auch Mongo und Gottlieb leicht erkennen konnte . Der Neger schlief den Schlaf des Gerechten , wobei sich sein Kopf vertraulich gegen Gottliebs Schulter gelehnt hatte . Der dagegen wachte ! Seine blauen , gutmütigen Augen sahen angstvoll aus dem gegenüberliegenden Fenster , während die rechte Hand den geladenen Revolver schußfertig hielt . Der schüchterne junge Mann wagte es offenbar nicht , sich auf seinem Platz zu bewegen , sondern saß steif wie eine hölzerne Puppe , während er ab und zu , wenn der Wagen besonders hart aufstieß , die Rechte mit dem Revolver vorsichtig hob , um Mongos herabgleitenden Kopf ein wenig wieder aufzurichten . Robert lachte in sich hinein . Das Bild war urkomisch , obwohl es etwas rührend wirkte . Gottlieb dachte ja nie an sich , sondern immer nur an andere , er ertrug das Unvermeidliche mit Haltung und war frei von aller Selbstsucht , das machte ihn so liebenswert . Robert wandte sich ab , als habe er sich auf etwas Unrechtem ertappt . Ob er jemals so gut , so anspruchslos werden würde wie Gottlieb ? - Er knüpfte das Gespräch mit dem Kutscher wieder an , und beide unterhielten sich , bis es gegen Morgen etwas kälter wurde und an den Wolkenrändern die ersten lichten Streifen erschienen . Der Postillion reichte seinem jungen Begleiter eine Büffeldecke , in die er sich vollständig einhüllte . » Es gibt heute noch Regen « , sagte er . » Ihr hättet Euch besser mit Decken versorgen sollen , Sir . « Robert lächelte . » Ein Seemann fürchtet die Nässe nicht « , antwortete er . » Aber weshalb meint Ihr , daß wir bei diesem herrlichen Wetter Regen zu befürchten hätten ? « Der Kutscher deutete mit dem Peitschenstiel auf einen rötlichen Schimmer am östlichen Horizont . » Wißt Ihr nicht , daß diese dunkle Färbung einen nassen Tag ankündigt ? « fragte er . » Hat Euch Eure Mutter nie gesagt , daß das Morgenrot Wasser in den Brunnen trägt ? « Robert nickte . » Doch « , antwortete er , » ich kenne das Sprichwort , aber ich habe nie so recht daran geglaubt . « » Seid Ihr aber ein Starrkopf ! « lachte der Kutscher . - » Aber da hinten liegt auch schon die Station « , fügte er hinzu , » und wenn mich nicht alles trügt , so wird in einer kleinen halben Stunde der Zug von dort abgehen . « Er bog über eine Lichtung und lenkte in eine holprige Straße ein , an deren Seiten einige hölzerne Häuser die » Stadt « andeuteten . Vor dem Bahnhofsgebäude hielt er endlich . Die Fahrt hatte vierzehn Stunden gedauert . Robert kletterte vom Bock und öffnete die Tür des Wagens . » Hallo « , rief er , » habt ihr endlich ausgeschlafen , ihr beiden ? « Gottlieb sah ihn an wie einen , der aus unmittelbarer Todesgefahr noch glücklich gerettet wurde . » Ich habe mich um dich so sehr geängstigt « , sagte er . » Wenn nun die entsetzlichen Tiere den Wagen angegriffen hätten ? « Robert lachte . » Dann wärest du ja nicht besser geschützt gewesen als ich « , antwortete er . Gottlieb errötete . » Wenn auch , aber - ach , es ist doch schrecklich , dieses Leben in ständiger Gefahr . « Und seufzend kletterte er aus der Tür . » Laßt uns ins Haus gehen « , bat er , » Mongo erwacht schon . « Der Neger hatte die ganze Zeit geschlafen , hatte nichts gesehen und gehört , sondern von Afrika geträumt , und daß er den Königsthron von Dahomey wieder besteigen sollte . » Du « , sagte er , » Bob , ich könnte es doch nicht mehr ! « » Was denn , Alter ? « » Ach so , du hast es nicht miterlebt , obgleich ich dich immer an meiner Seite sah , das vergaß ich . Aber komm nur herein , mein Junge , damit wir einen tüchtigen Schluck Whisky bekommen . Mir träumte , ich sei im Königspalast von Dahomey , und man reichte mir Blut aus einem Menschenschädel , - brr ! - das war gräßlich . « Alle drei verließen die offene Straße und betraten das Brettergebäude , wo wieder gegen teure Preise nur Branntwein und einige magere Sandwiches zu haben waren . Aber wer Hunger hat , nimmt mit allem vorlieb ; der Wirt konnte kaum soviel herbeischaffen , wie von der durchfrorenen , zusammengerüttelten Reisegesellschaft verlangt wurde , und lange nicht alle Passagiere waren satt , als der schrille Pfiff der Lokomotive zum Einsteigen mahnte . » Vorwärts ! « rief Robert , » noch zwei Tage und eine Nacht , dann ist unser Ziel erreicht . « » Dann suchen wir Gold ! « fügte Gottlieb mit glänzenden Augen hinzu . » Robert , was würdest du tun , wenn dir ein tüchtiger Gewinn in den Schoß fiele ? « » Dann baue ich dir in Pinneberg das abgebrannte Haus deiner Eltern wieder auf , « rief der junge Matrose . » Alles soll so schön werden wie früher , und du müßtest glauben , daß die ganze Zwischenzeit ein böser Traum gewesen sei . « Gottlieb drückte stumm die Hand seines Freundes . » Und du , Mongo ? « fragte er nach einer längeren Pause , » was tätest du ? « Der Neger schüttelte den Kopf . » Ich habe einen Sohn « , sagte er , » und wenn die Summe nur klein wäre , so müßte sie für ihn sein , - fände ich jedoch Schätze , dann sollten sie meinen armen Unglücksbrüdern zugute kommen , dann würde ich in Afrika Schulen errichten und das Volk frei machen . Dahomey müßte ein zweites Liberia werden . « Gottlieb legte die Hand über die Augen und blieb lange stumm . » Laßt ' s gut sein « , brachte er endlich hervor . » Wenn uns Gott nur so viel schenkt , daß wir unser täglich Brot haben und ein paar Taler zurücklegen können . « Und der Eisenbahnzug donnerte über Berg und Tal . Die Herbstluft wehte spielend gelbe Blätter in den Wagen , und die Herzen der Reisenden schlugen schneller mit jeder Station , die hinter ihnen zurückblieb . Nur ein Gedanke erfüllte alle : » Gold ! « In den Minen Eine Minenstadt in den Golddistrikten von Kalifornien ist etwas so ganz anderes , als sonst ein Ort oder überhaupt ein Wohnsitz zivilisierter Menschen , daß für das Verständnis des folgenden erst einige Erklärungen notwendig sind . Nicht um zu bleiben und für ihre Familien eine Heimat zu gründen , kommen die Menschen hierher , nicht um den Boden urbar zu machen und zu bebauen , arbeiten sie , sondern nur um der Erde ihre Schätze zu entreißen und auf der Suche nach neuem Gewinn immer weiterzuziehen . Man wagt und hofft , anstatt zu wissen , man wandert , anstatt zu wohnen , man setzt alles auf eine Karte und spart seine Kräfte nicht , um sein Glück zu finden . Nach diesem Grundsatz gestaltet sich hier das äußere Leben . Ein paar Bretter werden notdürftig zu einem Haus zusammengeschlagen , das unentbehrliche Gerät aus Blech und Eisen hineingebracht , ein Bett aus Wolldecken auf dem Fußboden hergerichtet und zum Selbstschutz gegen Diebe die erforderlichen Maßnahmen getroffen , - dann ist das Heim des Goldsuchers fertig . Seine Familie hat er meist in der nächstgelegenen Stadt zurückgelassen , seine Gesundheit darf er nicht schonen , sein Leben muß er stündlich aufs Spiel setzen , aber - wenn ihm das Glück günstig ist , so kann er nach kurzer Zeit in die zivilisierte Welt zurückkehren und als gemachter Mann künftig sein Leben genießen . Das Ziel lockt Tausende an ; wo einer erliegt , da treten zehn andere an seine Stelle , wo einer einen reichen Fund gemacht hat , da folgen ihm Unzählige , um das gleiche Glück zu finden , aber dennoch gelingt es im allgemeinen nur wenigen , mit leichter Mühe zu einem beträchtlichen Vermögen zu kommen . Die Straßen einer solchen Goldstadt sind keineswegs planmäßig angelegt , gepflastert oder sogar beleuchtet , es gibt keine Bürgersteige und keinen Polizeischutz . Davon findet man keine Spur . Zwei tiefe Gräben von etwa anderthalb Meter Breite durchziehen in ihrer ganzen Länge die Straße , und die Erdwälle zu beiden Seiten dienen als Fußweg . An starkbelebten und daher plattgetretenen Stellen läuft der Verkehr so ziemlich , wo aber nach der Laune irgendeines Miners ein Quergang etwa bis vor die Tür des nächsten Hauses angelegt worden ist , wo der Regen sich zum Tümpel angesammelt oder die gehäufte Erde einen Hügel gebildet hat , da hört einfach die Verbindung auf , und wer hinüber will , der muß selbst sehen , wie er es am besten anstellt . Der Miner bezahlt für jeden Liter Wasser , den er für seine Arbeit braucht , zwischen zwanzig bis fünfzig Cent , er hat das Recht , überall nach Gold zu suchen , aber er läuft Gefahr , vielleicht umsonst zu graben und umsonst sein kleines Betriebskapital verschwendet zu haben - alle diese Dinge machen ihn rücksichtslos und hart ; er verfolgt die gelben Körner , und wäre es bis unter das einstürzende Haus des nächsten Nachbarn , er kümmert sich um keinen , und keiner kümmert sich um ihn . Als Schutz gegen die zahllosen rohen und gesetzlosen Menschen , die sich in den Golddistrikten sammeln , hat jeder nur die Kraft seiner Fäuste , die Sicherheit seiner Augen . Der Amerikaner ist durchweg » self-made-man « , er hat sich durch eigene Kraft emporgearbeitet und braucht die Waffe ohne lange zu zögern . Das alles ist Grundbedingung , ist die alleinige Existenzmöglichkeit in den Minenstädten , wo sich der Auswurf aller Länder sammelt . Das Leben macht den einzelnen Menschen roh , es stumpft die edleren Eigenschaften seines Charakters ab und läßt von dem , was er vielleicht früher in besseren Verhältnissen gewesen war , wenig oder nichts mehr übrig . Wo der Revolver im Gürtel steckt und das Messer ebenso zum Brotschneiden wie zum Selbstschutz verwendet wird , da hört der Begriff » Gemütlichkeit « vollständig auf , da stockt sozusagen das innere geistige Leben , und nur das » Soll und Haben « scheint noch einer wirklichen Beachtung wert . Die Minenstädte und ihre Bewohner bilden eben Ausnahmen , bei denen kein Maßstab des gewöhnlichen , täglichen Lebens angelegt werden kann . Auch die drei Freunde hatten eine schwere Zeit , bis sie sich einigermaßen an den rauhen Ton von Lenchi , so hieß die Minenstadt , gewöhnen konnten . Der Ort lag fast völlig in der Wildnis , er war von der letzten Eisenbahnstation aus nur auf Maultieren oder Eseln in mehreren Tagen erreichbar und stellte kaum den ersten Anfang einer bewohnten Kolonie dar . In Idaho , dem ursprünglichen Ziel ihrer Reise , hatte man den Goldsuchern gesagt , daß in Lenchi bedeutend bessere Aussichten beständen , weshalb sie unter Aufopferung der letzten baren Mittel die lange Maultierreise unternahmen und erst nach weiteren sechs Tagen an ihrem Bestimmungsort anlangten . Robert war so ziemlich in seinem Element , aber der arme Gottlieb litt wie ein Märtyrer . Während der ersten Nacht wanderte er ruhelos wie ein irrendes Gespenst durch das hölzerne Haus , in dem sie Quartier genommen