auf die der unsichtbaren zu übertragen . Sidonie , die während dergleichen » Transfigurationen « nicht immer streng bei der Sache war , summte vor sich hin : » Zart Gebild wie Regenbogen wird auf dunklem Grund gezogen « , Rose aber sog den Duft einer Hyazinthe ein , lächelnd mit halboffenem Munde , so als ob auch ihr ein heiteres Gebilde sich auf dunklem Grunde male , und als ob auf ihren Lippen der Ruf schwebe , » sieh , die liebe Sonne ist wieder durchgebrochen ! « Dezimus gedachte des Tages , wo ihm der Vater das Wunder der bunten Himmelsbrücke als eine Tat der göttlichen Versöhnung erklärt hatte und er , hinauslaufend , um noch eine Spur aus der himmlischen Werkstatt zu entdecken , sein weißes Fräulein wie einen Engel der Verheißung stehen sah . Und bei diesem Erinnern überkam ihn so völlig wie noch nie das Bewußtsein dessen , was er diesem herrlichen Wesen schuldig geworden war ; nicht bloß durch die Wirkung , welche es auf ihn geübt , sondern mehr noch durch die , welche ihm gestattet worden war , dagegen auszuüben . Und das ist ja wohl das Höchste , was ein Mensch dem anderen danken kann . Seine Blicke hingen an dem edlen Gebilde , das auch ihm sich auf dunklem Grunde erhob ; er sah , wie sie die Brücke der Versöhnung , die aus dem eigensten Gemüte heraus in den Himmel führt , dem Greise gedankenvoll nachbaute , wie sie verständnisvoll mit einem innigen Blicke ihm die Hand drückte . Dann aber sah er sie , erbleichend , plötzlich auf ihrem Stuhle zurücksinken : die Tür ihr gegenüber war leise geöffnet worden , und in ihrem Rahmen stand , wie von der unerwartetsten Erscheinung gebannt , die Blicke auf sie geheftet , ein schlanker , bleicher Mann , die unerwartetste Erscheinung auch für sie . » Max ! « jubelte Sidonie auf , indem sie sich in seine Arme stürzte , » Max ! « Ja , Max ! Länger als vier Jahre waren es , daß er den Groll des Titaniden in diesem Raume ausgeströmt ; länger als vier Jahre , daß er mit neuen Titanengelüsten gegen den alten Himmel gestürmt , Menschen nach seinem Bilde gedichtet und - wohl mehr denn der ursprüngliche Prometheus - genossen und sich gefreut als geweint und gelitten hatte . Die Büchse der Pandora hatte sich auch über seinem Haupte ergossen ; die Jünglingsblüte , das Erbe eines kampfgestählten Geschlechts , war auf dem Antlitz des Mannes verwelkt ; die bleiche Farbe , das erweiterte Auge , die gedehnten Züge sprachen von der Müde , die der Überreizung folgt , und dennoch , ja darum erst recht , war er der schönste Mann , welchen alle in dieser Minute auf ihn gerichteten Blicke jemals geschaut hatten oder schauen würden , und darum erst recht war er , wie man es so nennt , ein interessanter Mann . Menschen aus einem Gusse wie Lydia , oder nach seiner Art auch Held Dezimus , werden schwerlich , sogar von schmeichelnden Biographen , als interessante Leute aufgeführt werden . In Max von Hartensteins Anlage und Schicksal , ja bis auf den äußerlichen Habitus hinab , lag jedoch wie selten in einem jenes zwiefältige oder zwiespaltige Etwas , das als Zauber der Interessantheit wirkt . Er war nach Geblüt und Neigung Edelmann und nach Gesinnung Demokrat ; er fühlte sich einen Dichter und lebte wie ein Kind der Welt ; er wußte sich und stellte sich dar als den Erben einer Million und darbte wohl manchmal um das tägliche Brot ; er betrat den heimischen Boden als ein Fremdling und den Kreis der Gleichgestellten nahezu mit dem Stigma des Ausgewiesenen , aber mit den Ansprüchen und dem Gebaren des Herrn ; er trug noch das strenge Trauerkleid um seine Mutter , aber von einem Schnitt , wie im weiten Umkreis seines künftigen Dominiums noch kein Kleiderschnitt gesehen worden war . Und wie trug er das Kleid ! Wie ließen dem blondlockigen Germanen mit dem tiefblauen , treuherzigen Hartensteinschen Blick und Ton die flüssigen Allüren , die spielenden Aperçüs eines Eingewohnten von Paris ; wie verstand er , wenn er wollte , und heute wollte er es , jedem zu sagen , was ihm zu hören gefiel , wie kaum merklich zu schmeicheln , wäre es auch nur mit einem Augenaufschlag , einer Bewegung der Hand . Und doch war er zum Komödienspiel zu gründlich Stimmungsmensch und zur Koketterie zu selbstbewußt und stolz . Er war seiner Überraschung alsobald Herr geworden und grüßte nun rund im Kreise mit vollkommener Unbefangenheit . Nachdem er sich vor Vater Blümel ehrerbietig wie vor einem Patriarchen verbeugt , zog er die Hand , die Lydia ihm schweigend gereicht hatte , ebenso schweigend an seine Lippen und hielt sie ein paar Sekunden an denselben fest . Etwas anders nüanciert , nicht ganz so ernsthaft oder vielleicht ritterlich war die Berührung der rosigen Fingerspitzen ihrer Nachbarin , der erste Handkuß , mit welchem irgendein Mensch das Pfarrröschen ehrte ; selber ihr alter Dezem war in den Tagen seiner Rosenwonne auf solche Galanterie nicht verfallen ; und wer in aller Welt hatte vor diesem aristokratischen Demokraten das Pfarrröschen jemals » gnädiges Fräulein « tituliert , wer sich so ausdrucksvoll gewundert , wie bis zum Nichtwiedererkennen in den Jahren der Trennung eine freundliche Gönnerin größer und schöner - das letzte Epitheton wurde nur mit den Augen gelächelt - geworden sei ? Auch der Herr Kandidat würde mit dem biderben Handschlag , den er erntete , wohl zufrieden gewesen sein , wenn die nachfolgende Gratulation zu seinem Verlobungsglück ihm nur nicht wie ein Stich durch die Brust gefahren wäre . Endlich aber die kleine Sidi , die ließ der prächtige Mensch gar nicht aus dem Arm , nicht von seiner Hand . Er streichelte ihre blassen Wangen , ihren schlichten Scheitel , blickte und nickte ihr zu wie eine Mutter ihrem kranken Kind , und alles das so einfach , als ob das Gehörige auch immer das Natürliche wäre . Er erzählte darauf , daß er in die Heimat gekommen sei , um unter den Auspizien seiner Schwester ein tüchtiger Landwirt zu werden , daß er sich auf ihre Überraschung gefreut und , als er sie nicht in ihrer Werkstatt , den armen alten Großvater aber bereits schlummernd gefunden , er der Lockung nicht habe widerstehen können , sie im Kreise der Freunde aufzusuchen . Welche wohlgelungene Überraschung nicht bloß für die Eine , der sie galt ! diese Eine aber strahlte wie eine Selige ; kaum daß sie die Augen von ihrem Liebling verwendete , heute in Wahrheit ihrem Bertrand de Born ! Denn auch des Greises Puls schlug in einem lebhafteren Takt , und der betrübte Kandidat des Predigtamts sah seinen Jovisstern leuchten wie in der Schülerzeit ; die aber , welche als seine Braut von dem Gaste beglückwünscht worden war , die noch vor einer Stunde so träumerisch prüfend zu dem brüderlichen Verlobten hinübergeschielt hatte , die funkelte und sprühte jetzt wie ein gestreicheltes Kätzchen , tändelte zierlich mit dem Teegeschirr und hatte - wo nahm sie es nur auf einmal her ? - für jedes heiter neckende Wort ein heiter neckendes Gegenwort . Das frische Blut , das aus einem fremden Herzen dem ihren eingeimpft worden , war nach langem Stauen in Fluß gekommen , das kindliche Gesicht bis unter die üppigen Locken mit seinem Purpur übergießend . Die verschämte Mädchenblüte hatte sich wiederum zur Zentifolienknospe umgewandelt , die unter dem ersten Sonnenstrahl die Hülle sprengen wird . Nur Lydia schien von dem allseitigen Zauber unberückt , sie , die doch zweifellos die einzige war , welche der Zauberer des Berückens wert geachtet , und ebenso zweifellos die einzige , für welche ein jeder im Kreise die Bezauberung am natürlichsten gefunden haben würde . Ihr greiser Freund lauschte mit einem Ausdruck froher Hoffnung zu ihr hinüber ; ihr junger Freund mit einem der scheuen Furcht , über deren Beweggrund er sich keine Rechenschaft hätte geben können ; sie aber war wieder das unnahbare Klosterfräulein geworden ; wie das Röschen plötzlich zur Rose aufzubrechen schien , so hatte sie den geöffneten Lilienkelch zusammengezogen . Sie blickte ernst vor sich hin , sprach nur , wenn sie eine Antwort zu geben hatte , und als die Stunde des gewöhnlichen Aufbruchs gekommen war , erhob sie sich vor den anderen , um heimzukehren . Dezimus wollte sie begleiten ; Sidonie aber sagte lachend : » Für heute , Freund , sind Sie Ihres Ritterdienstes quitt . Unser Weg führt ja am Schlosse vorüber . Verzögern Sie Papa Blümel , der über Gebühr aufgeregt worden ist , den Abendsegen nicht . « Lydia legte ruhig ihren Arm in den , welchen Max ihr bot ; Sidonie hing sich in den anderen . Rose flatterte wie ein Schmetterling ihnen bis an die Haustür voran und kehrte nicht wieder in das Wohnzimmer zurück ; Dezimus hatte das Nachsehen , ein schmählich ausgestochener Held . Er sang dem Vater das Abendlied , schloß keine Wimper in der Nacht und fühlte am Morgen sich doch , als erwache er aus einem wüsten Traum . Wie gestern die kriegerische Wallung , war heute die zauberische Blendung gescheucht . Aber die Augen taten ihm weh und das Herz wie kaum je . Rose hatte an diesem Tage zu schaffen wie die Maus in sieben Wochen . War das aber ein Wunder ? Rose war ja an die Stelle der Hausfrau gerückt und es Mutter Hanna gleichzutun sicherlich nichts Kleines . Die alte Lene mußte frische Teekringel backen , obgleich der Vorrat noch nicht aufgezehrt war ; ei nun , er mochte etwas abschmeckend geworden sein ; dem Bräutigam fehlte dafür nur das würdigende Organ ; ihm mundete früherhin alles und jetzt leider nichts . Reine Gardinen wurden aufgesteckt . Zuverlässig waren die alten bestäubter gewesen , als sie dem Bräutigam vorgekommen , Sterngucker haben für Mullwolken selten den richtigen Blick ; wem aber hätte es auffallen dürfen , daß blühende Hyazinthen und Tazetten mit Myrten und Geranien zu zierlichen Gruppen geordnet wurden ? Hatte das liebe Röschen ihre Umgebungen nicht allezeit gern geputzt ? Die Lust zum Putzen war ihr nur in den Schattenmonden eingeschlummert . Aber sieh doch ! hat sie sich selbst heute zum ersten Male nicht wieder geputzt ? Gott behüte ; sie trägt ja ihr tägliches Trauerkleid , und wenn die schwarze Krause den schlanken Hals etwas weniger knapp umschließt , die natürlichen schwarzen Löckchen etwas zierlicher sich ringeln , so ist das zufälliges Geraten oder , wenn ja ein bißchen Kunst mit unterlief , das allererfreulichste Zeichen . Sich hübsch machen , heißt bei einem siechenden Kinde genesen sein und bei einem gesunden doch wahrhaftig nicht etwa eine Sünde ! Lydia stellte zu gewohnter Stunde sich ein . » Aber wo bleibt denn Sidi ? « fragte Rose und spähete aus dem Fenster , wenngleich es so rabendunkel war , daß weder auf dem Talwege noch irgendeinem anderen ein lebendes Wesen hätte erspäht werden können ; und nach einer Viertelstunde fragte und spähete sie von neuem , obschon der Mond noch immer nicht aufgegangen war . Sidonie kam nicht ; das geistliche Konzert unterblieb ; Rose erklärte sich für heiser , dem Kandidaten war die Kehle zugeschnürt . Auch der Kosmos wurde heute nicht aufgeklappt , da Lydia es angemessen fand , der Freundin nicht zuvorzueilen , und auch kein anderer ein lebhaftes Verlangen nach einem Horizont , der über den beider Werben hinausreichte , zu tragen schien . Dagegen sang Lydia , ehe sie sich entfernte , zum ersten Male das Novalislied , das sie ihrem Vater jeden Abend vor dem Schlafengehen gesungen hatte : » Wenn alle untreu werden , so bleib ich dir doch treu . « Als Dezimus sie nach dem Schlosse zurückführte , fragte sie ihn , welchen Eindruck Max auf ihn gemacht habe , und er bekannte ihr aufrichtig den Zauber , den diese außergewöhnliche Persönlichkeit mehr denn je auf ihn und die Seinen ausgeübt . Sie erwiderte im Augenblick nichts ; aber er dankte ihr schon die Frage ; es war das erstemal , daß sie den Namen des einst so tiefgeliebten Mannes vor ihm oder irgendeinem anderen ausgesprochen hatte . Liebte sie ihn noch , oder liebte sie ihn wieder ? Nach einer langen Stille sagte sie : » Es ist etwas Seltsames um solch ein Wiedersehen . Man merkt an ihm erst das Wirken der Zeit . Mir ist , als ob eine Binde von meinen Augen gefallen wäre . « Sie ahnete wohl nicht , daß sie mit diesen Worten dem Freunde ein Rätsel aufgegeben hatte . Denn die Zeit versöhnt , und die Zeit verlöscht . Rose war heute ausnahmsweise noch nicht in ihr Stübchen gegangen . Sie stand wieder am Fenster und schaute in das Tal hinab , das jetzt vom Mond beleuchtet ward . » Wie langweilig diese Lydia ist , « sagte sie mit krauser Stirn , ein Gähnen unterdrückend . » Hätte Sidonie nicht ein bißchen Leben in die langen Winterabende gebracht , sie wären nicht zum Aushalten gewesen . « Als sie Dezimus zur guten Nacht die Hand reichte , fragte sie : » Glaubst du , Dezimus , daß Lydia den Baron noch liebt ? « Das war ja eben die Frage , die ihm so mächtig in Kopf und Herzen herumging ; aufrichtig aber , wie er nun einmal war , auch wenn er mit seiner Aufrichtigkeit sich selbst ein Leides tat , antwortete er , daß er das allerdings nicht wissen könne , aber ihre Liebe zu ihm ebenso natürlich finden würde wie die seine zu ihr . » Er - sie ? Ach warum nicht gar ! « rief Rose unmutig . » Es ist Torheit , was man von alter Liebe sagt . Was im Herzen gestorben ist , wacht nicht wieder auf . Und wie viele mag er in der Zwischenzeit angebetet haben ! Sie ist ja auch viel zu alt für ihn . « » Sie ist zwei Jahr jünger als er . « » Aber steif wie eine Großmutter . « Das liebe Röschen war keineswegs , wie die kluge Sidi behauptete , ihrer Stimmungen allezeit Herr , sonst würde sie die heutige fein für sich behalten haben ; denn wehe tun wollte sie ihrem armen Dezem gewißlich nicht . Am nächsten Sonntag , dem , an welchem das dritte Aufgebot und nach ihm die Trauung stattgefunden haben würde , war Max mit seiner Schwester in der Kirche . Er hatte seinen Platz dem Herrenstuhl gegenüber gewählt , wo er von Lydia bemerkt werden mußte , sobald sie den Blick der Kanzel zuwendete . Sie wendete , nach ihrer Gewohnheit , während der Predigt ihn kaum von der Kanzel ab , der Prediger hätte aber nicht die leiseste weltliche Störung ihrer Andacht wahrnehmen können . Wenn die alte Liebe wieder aufgewacht war , mußte der heilige Ort den gebührenden Bann ausüben . Unter der Kirchpforte stieß das Geschwisterpaar mit dem nominellen Brautpaar zusammen und geleitete es zu einer Staatsvisite in die Pfarre . Der Herr Baron wunderte sich , daß er das gnädige Fräulein nicht in der Kirche bemerkt habe , worauf das gnädige Fräulein mit einem allerliebsten Schelmenblinzeln erwiderte , der Herr Baron habe eben mit dem Rücken gegen den Pfarrstuhl gelehnt gestanden . Das hätte der Herr Baron sich nun für künftige Kirchbesuche gesagt sein lassen können . Leider hatte es jedoch bei diesem ersten Besuche sein Bewenden . Es wäre der Werbenschen Erbgruft nur ein Erinnerungszoll dargebracht worden , äußerte der Herr Baron . Überhaupt drückte in dem Baron der Umschlag aus einer interessant gemütlichen in eine interessant ironische Stimmung sich deutlich aus . Er beglückwünschte Pastor Blümel über das Wunder der Toleranz , das sein Beispiel in der Gemeinde gewirkt habe . Wie müsse dem standfesten Onkel Propst im Chore der himmlischen Heerscharen zumute sein , wenn er seine Tochter mit so seelenruhiger Andacht einem unionistischen Gottesdienste beiwohnen sähe ? Schreite die Freisinnigkeit in gleicher Progression fort , könne die einstmalige Seelenfreundin des Professor Hildebrand es noch zur Adeptin von Papa Zacharias bringen . Pastor Blümel erwiderte ruhig , daß er diese Befürchtung nicht hege , und lenkte das Gespräch auf ein Gebiet , wo er seinen Gast mehr als in dem eines gläubigen Herzens zu Hause halten durfte : auf das der Politik ; indessen auch auf dieses nur so weit , als es die vaterländische Grenze nicht berührte . Er bat um eine nähere Erklärung der Reformbankette , die in den Zeitblättern ja nahezu als eine Existenzfrage des französischen Staates behandelt würden , war aber nach erhaltener Aufklärung merklich enttäuscht , da er hinter dem ungestümen Verlangen , ein Mahl zu halten und beliebige Toaste auszubringen , eine karbonaristische Verschwörung oder andere dergleichen Heimlichkeit , welche die Regierung ausgewittert , vermutet hatte . Worauf denn Herr von Hartenstein lächelnd erwiderte , es sei in Frankreich nichts Neues , mit Explosivstoffen in der Form von Knallbonbons eine Feuersbrunst zu entzünden . Im teuren Vaterlande walte die entgegengesetzte Manier ob . Wenn die Mine bis zum Platzen vollgeladen sei , leite man sie in Äderchen und Kanälchen ab , und der erste beste Landregen spüle sie in den Strom der Zeit . Nun , Konstantin Blümel wußte von einer vaterländischen Mine , und er hatte sie selbst mit laden helfen , die gar wuchtig einen Koloß über den Ozean geschleudert hatte ! Doch verlautbarte er diese Erinnerung nicht , sondern erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Amtmann Mehlborn . Der Pulsschlag seines Entzückens hatte sich während dieser Sonntagsvisite indessen bedeutend ermäßigt . Am anderen Tage fand Rose es dringlichst angemessen , daß der amtliche Stellvertreter des Vaters diese Visite erwidere , fühlte sich selbst auch hinlänglich zu einem Spaziergang bei so prachtvollem Winterwetter gekräftigt , begleitete den väterlichen Stellvertreter demnach ein Endchen und bekam bei Wege ein unwiderstehliches Gelüste , zu sehen , wie Freundin Sidi sich in der alten Bärenhöhle ihr Nest eingerichtet habe . Ei nun , fürwahr traulich genug . Zunächst gab es gar keine Höhle mehr , sondern ein sauberes Wohngelaß und in dem Gelaß keinen brummenden Bären , sondern einen gemütlichen alten Herrn , der ganz fidel hinter seinem Spitzgläschen sang : » Gestern abend war Vetter Michel da « , und dann seine Augen zutat und schlief . Die Augen seiner Hüterin aber , die klugen Sidiaugen , die hatten noch nie in einer reineren Freude gestrahlt . Zum ersten Male hatte sie einen Menschen , vor dem sie ihre reichen Gaben unter keinem anderen Zwang als dem der natürlichsten Liebe entfalten durfte , den sie hegen und pflegen durfte , den sie zu halten hoffte für das Leben . Denn auch er war glücklich neben ihr und durch sie . Wer liebte nicht das Neue ? wer bedürfte seiner nicht ? Wer aber hätte jemals mehr unter seinem Banne gestanden als der Dichter Hartenstein ? Er lebte und webte im Wechsel . Der Wechsel war sein Element , sein tägliches Brot . Der erwünschteste Zustand hätte ihn auf die Dauer bedrückt , der unerwünschteste Umschlag ihn momentan aufgeschnellt . Paris mit seiner unerschöpflichen Mannigfaltigkeit war ihm daher der gedeihlichste Boden und die Ebbe und Flut seiner äußeren Mittel , die ihn zwischen den verschiedenartigsten Existenzen auf und nieder trieb , für seine Schaffenskraft das vielleicht notwendige Ferment . Allezeit im Salon , würde er aufgehört haben ein Dichter zu sein ; allezeit in der Mansarde , wäre er es wahrscheinlich niemals geworden . Auch die Einsamkeit wurde dann und wann zu einem ersehnten Wechsel . Auf Alpengipfeln , am Meeresstrand , oder wie diesen Herbst unter einem südenprächtigen Himmel , ganz allein , da dehnte sich die Brust , schwellte sich die Künstlerseele - drei , vier Wochen lang , dann aber zog es ihn wieder in das Gewühl wie in ein Heim . Dieser Aufenthalt mitten im Winter , in nüchterner Landschaft , auf Papa Mehlborns emsigem Wirtschaftshof hätte daher , so scheint es , der widerwärtigste sein müssen , den er erwählen konnte . Aber es war etwas Neues ; er nannte ihn ein Idyll . Die Erwartung des großväterlichen Ablebens , das , gegen ihren Glauben , seine Schwester ihm als bevorstehend dargestellt hatte , eine brüderliche Wallung , vielleicht eine momentane Geldklemme hatten ihn hergetrieben ; nun hielt das Wohlgefühl zärtlicher Fürsorge , mit welchem zum ersten Male seit seiner Kindheit ein Mensch ihn umspann , ihn fest ; die materielle Fülle , das Ansehn der Seßhaftigkeit machten sich geltend , hohe Kulturbestrebungen , im nächsten Zusammenhange mit seinen bisherigen literarischen Tendenzen , tauchten auf . Möglich , daß auch die Wiedereroberung seiner frühesten , einzigen wahrhaft Schönen , auf welche unerwartet sein erster Blick gefallen war , ihn lockte , daß nebenbei das deutsche Pfarrtöchterchen ihm zu einem kleinen Roman allerliebst genug dünkte . Einem Dichter ist Frauengunst ja der Kastalische Quell , und hat denn nicht der alte Meister , welchem der junge bescheidentlich nachstrebte , die angenehme Empfindung einer gleichzeitigen Doppelliebe zu rühmen gewußt ? So war er denn allen Ernstes gewillt , in dem stattlichen Grafenschlosse von Bielitz , dessen Erbe zu werden er jeden Tag erwarten durfte , sich häuslich einzurichten und a priori den Herrn in ihm zu spielen . An dem nervus rerum gebrach es nicht ; Sidonie war vollständig Meisterin der Lage , der alte bärbeißige Mehlborn ein stillvergnügter Knabe geworden , seitdem seine junge Pflegemutter ihm die Milch des Alters nicht ausgehen ließ . Er nippte , zippte und nahm seinen Herrgott für einen frommen Mann . Wiederholt hatte Dezimus seinem guten Kameraden diese Behandlungsweise vorgehalten : » Sie schläfern Ihr altes Kind mit Mohnsäftchen ein und erziehen es zum Idioten , « hatte er gesagt , sie aber lachend erwidert : » Zum Idealisten erziehe ich es , und die guten Genien der Jugend wecke ich auf . Hätte ich mein Papachen bei seinem Dünnbier belassen , fühlte es sich blind und elend , wäre mißtrauisch und mißvergnügt , keifte am Tage mit widerborstigen Frönern und grauelte sich nachts vor Raubmördern und dem Gespenst des schwarzen Todes . Nun ich ihm stündlich ein Gläschen von dieser braven Liebfrauenmilch einschenke - selbstverständlich unter der Etikette Werbensches Gewächs - , glaubt er , liebt , hofft , vertraut , sieht mit Augen seine Felder sprießen , an seines Sidonchens problematischem Schulterstück zwei goldene Engelsfittiche leuchten und schlummert von vierundzwanzig Stunden netto zwanzig wie der Gerechte in Abrahams Schoß . Wer ein Achtziger werden will , kann sich nichts Besseres wünschen . « Indem Sidonie auf diese Weise Genien der Jugend , die in Papa Mehlborn bis dahin geschlummert hatten , zum Leben erweckte , war sie indessen vorsichtig und auch gutmütig genug , die Dämonen des Alters , die von Kindesbeinen an in ihm rege gewesen waren und selten gründlich einzuschläfern sind , nicht heraufzubeschwören . Die vielwerte Eisentruhe blieb unverrückt unter Papachens Bett , ihr Schlüssel tags in Papachens Rocktasche , nachts unter seinem Pfühl . Sein Sidonchen hatte noch keinen Blick in die Truhe getan . Ihr genügten die Wirtschaftserträge , nach welchen Papachen wenig mehr fragte , und gewisse Stempelbogen , zu deren Kontrasignatur - unter der Rubrik Rechnungen , Quittungen und so weiter - sie sonder jeglichen Gewissensskrupel Papachen die Hand führte . Die großjährige Enkelin und Erbin des unzurechnungsfähigen Greises erfreute sich eines weittragenden Kredits , bedurfte desselben aber auch nach Ankunft ihres Bruders in täglich wachsendem Maße . Er hatte Bedürfnisse der mannigfaltigsten Art , eine allezeit offene Hand , auch große philanthropische Projekte , für welche bis zum reellen Erbantritt wenigstens die Einleitungen getroffen wurden . Sidonie nahm alles auf ihre Kappe ; ihres Bruders Kredit blieb unangetastet , sein Name stand unter keinem Wechsel ; er war der Schöpfer , sie der Handlager . Da sollten die Lasten der » weißen Sklaven « nicht etwa abgelöst , sondern einfach aufgehoben werden , den freiwilligen Arbeitern Häuser gebaut , gegen welche die der Grabesstraße von Werben armselige Hütten waren , und dergleichen vieles . » Der Baum eines Volkes treibt von unten herauf , « sagte er , und wer hätte etwas dagegen sagen können ? » Seine Wurzeln müssen gedüngt und begossen werden . « Wo Max von Hartenstein lebte , mußte menschenwürdig zu leben sein ; war er ein Egoist , so war sein Egoismus großmütiger Natur . Ja , er trug sich allen Ernstes mit dem Entwurf eines Phalansteriums auf seinem einstigen Grund und Boden , nachdem er für die Errichtung eines solchen in überseeischen Zonen seit seinen Pariser Tagen geschwärmt und schriftstellerisch gewirkt , sogar gedichtet hatte . In der Neuordnung des Eigentums sah er die große Frage der Zukunft und in der republikanischen Freiheit , der sozialen Gleichheit nur ihre Vorläufer . Vorderhand mußte man sich freilich begnügen , das eigene Leben menschenwürdig auszugestalten . Die Einrichtung des Herrensitzes , Anschaffungen , Bestellungen , anzuknüpfende Verbindungen ließen es auch für die unermüdliche Intendantin zu regelmäßigen Pfarrbesuchen nicht mehr kommen . Um so erfreulicher waren die Überraschungen , wenigstens für Freundin Rose . Sidonie war beflissen , sie in ihre Nähe zu ziehen , sie zu sich einzuladen , sich auf ihren Fahrten in Stadt und Umgegend von ihr begleiten zu lassen , und der Vater gönnte seinem Liebling diese Erholung , bevor binnen kurzem sich wiederum ein Trauerschleier über ihren Jugendtag breiten würde . Auch das peinliche Zusammensein der dem Namen nach noch immer Verlobten erhielt dadurch eine für beide Teile wohltätige Unterbrechung . Denn , ohne es auszusprechen , hatte der Vater von der ersten Stunde ab nicht nur die Lösung des Verhältnisses , das seine Kinder ein paar Monate hindurch gequält hatte , klar erkannt , sondern auch ehrend und verstehend deren Grund ; und wenn er die Getrennten dennoch vereint in seiner Nähe hielt , so geschah es in der Hoffnung , daß sie sich stillschweigend wieder in jenes geschwisterliche Verhältnis zurückleben würden , das sie mehr als zwei Jahrzehnte beglückt hatte . Er achtete den Sohn für stark genug , diese schwere Probe zu bestehen , und gönnte ihm die Befriedigung , seinem väterlichen Wohltäter bis zu seiner letzten Stunde eine Stütze zu sein . Nach derselben mochte er frei aus seinem Gemüte heraus die Entscheidung über seine Zukunft treffen . Sein Vögelchen ließ er für ein Weilchen fliegen ! Und da waren es für das Pfarrröschen wohl goldene Stunden , wenn es , in seidene Wagenpolster gedrückt oder im lustigen Schlitten , den der schöne , junge Baron hinter den beiden Damen lenkte , ein zierlicher Jockey zu Pferde vorantrabend , in der Gegend umherschwärmte , Stunden , wie sie das Pfarrröschen wohl für eine Märchenprinzeß geträumt , einen wirklichen Menschen sie aber noch niemals hatte durchkosten sehen . Es mochte der weltlustigen jungen Seele bedünken , als ob das Schicksal sie recht irrtümlich in den Schoß einer still in sich begnügten geistlichen Familie getragen habe . Indem Sidonie die Freundin auf diese Weise ihrer heimischen Sphäre entfremdete , nahm sie den Bruch des Verlöbnisses als ein fait accompli und als des Bräutigams gutes Glück . Hätte sie sein Glück aber auch in Rosens Besitz gesehen , würde sie schwerlich angestanden haben , es auf diesen Bruch ankommen zu lassen , insofern das Wohlbefinden ihres Bruders auch nur auf Momente dadurch gefördert wurde . Es galt , ihn mit starken Reizen an die Heimat zu fesseln . Lydias Wiedergewinn würde der am stärksten wirkende gewesen sein . Aber die Kluge zweifelte nicht bloß an dem aus ihm erblühenden Segen , sondern einfach an seinem Gelingen , und so wurde die leicht zu gewinnende liebliche Rose , coûte que coûte , als Gegenreiz in den Vordergrund geschoben . Dieses von Grund aus gütige , recht und billig denkende Mädchen , das einst seine unglückliche Verwandtin » eine Jesuitin der Familienpflicht « gescholten hatte , es fand jetzt jedes Mittel gut und gerecht für einen Liebeszweck , dem sie sich blind wie einem Schicksalszwang unterwarf . Ach , der Ärmste , den sie ein Johanniskind nannten ! Hätte Freund Peter Kurze ihn gegen Ende des Winters gesehen , er würde ihn nicht , wie zu seinem Anfang , als Hahn im Korbe beneidet haben . Verlassen hatte ihn die Braut , verlassen sein Kamerad ; ohne das Recht des Eingriffs und doch ohne die Freiheit zur Flucht sah er , in der beschämendsten Lage , ratlos und tatlos ein Verhängnis herantreiben , dem er sich mit seiner letzten Kraft hätte entgegenstemmen mögen , und er würde an sich selbst und an aller Menschenhoheit und Treue haben verzweifeln müssen , hätte nicht sein weißes Fräulein fest und ermutigend ihm zur Seite gestanden . Ja , Lydia war ihm geblieben , Lydia und Konstantin Blümel , der herrliche Greis , der sich noch niemals so väterlich ihm zugeneigt hatte wie jetzt , da es galt , die Wunden zu verbinden , die sein liebstes Kind ihm schlug ; die Wunden , welche der Sohn um jeden Preis dem Auge des Vaters - ach nein , jedem Auge - hätte entziehen mögen . Der alte Vater erkannte mit Reue seinen Irrtum , als er dem flügellahmen Vögelchen den Käfig öffnete . Er hatte seinem Liebling den kleinen Finger bewilligt , und der Liebling herzhaft beide Hände ergriffen . Der alte Vater , so todesgewiß er war , er hätte jetzt leben mögen , leben mit Jugendkräften , um den Flatterling wieder einzufangen , das betörte Kind zu überwachen , das strauchelnde zu leiten und es , würdig seiner selbst , nicht mehr , wie er eine kurze Zeit gehofft , dem Gatten am Herzen , aber dem Bruder an der Hand zurückzulassen . Der Greis so wenig wie der Jüngling war erfahren in den Vorspiegelungen , unter welchen eine Leidenschaft sich unbewußt in die Herzen schmeichelt , und