unbestimmte Sehnsucht ihres reinen Herzens .... Sie nennen ihr Herz rein ? Und ich selbst , ich selbst , Caplan , unterbrach ihn der Baron , habe von ihrem Munde , ohne all mein Zuthun , ja , fast ohne meine Frage , hören müssen - er trat an den Geistlichen heran und sagte leise , seinen Zorn gewaltsam niederkämpfend - daß sie diesen Herbert liebe , daß sie ihn geliebt habe , seit er in mein Haus getreten , daß Herbert und Sie und die Herzogin und wer sonst noch diese schmähliche Verirrung kennen ! - Und das nennen Sie reines Herzens sein ? Das nennen Sie schuldlos und ohne Makel sein ? - Sie sind sehr nachsichtig , mein Freund ! Ihre Moral ist wenigstens nicht unerbittlich ! Er ging heftig im Zimmer umher . Des Caplans Miene wurde immer sanfter , sein Ton noch milder . Es war nicht der junge Mann , auf den ich hinwies , sagte er , als ich die Ueberzeugung aussprach , es wäre diesem Hause besser gewesen , wäre kein Fremder zwischen Sie und Ihre Frau getreten , es war die Frau Herzogin , an die ich dabei dachte ! Der Baron blieb vor ihm stehen . Die Frau Herzogin ? wiederholte er . Sehen Sie , wie Ihre Voreingenommenheiten Sie bis zur Ungerechtigkeit verblenden ! Die Herzogin ist es gewesen , die mir Nachsicht mit der Baronin anempfohlen , die .... Die die Frau Baronin gelehrt hat , nahm der Caplan das Wort , Nachsicht mit der flüchtigen Aufwallung ihres Herzens zu haben , als jene den ersten Kampf mit einer augenblicklichen Verirrung ihrer Phantasie mit Strenge gegen sich selbst zu kämpfen dachte . O , mein verehrter Freund , rief der Geistliche , indem er sich erhob und an den Freiherrn herantrat , nur dieses Eine Mal hören Sie mich , mich allein , und glauben Sie mir ! - Ich bin ein einsamer Mann . Kein Band der Blutsverwandtschaft , kein persönliches Verlangen , kein Ehrgeiz , kein Begehren knüpft mich an die Welt ! Mein Wünschen habe ich früh begraben . All mein Wollen und Hoffen hatte ich an Ihr Haus geknüpft , und es gab eine Zeit , in welcher ich mit froher Zuversicht auf dessen Gedeihen und Bestehen blicken konnte , denn diejenigen , die es trugen und stützten , hatten sich in Liebe vereinigt und standen fest zusammen . Jetzt , wo der Geist einer wilden , neuen Zeit überall drohend seine Hand gegen das Bestehende erhebt , wo die alten Geschlechter durch Würde und Selbstvollendung das andringende neue Geschlecht mit sich versöhnen , wo ihr innerer Adel es darthun müßte , daß sie die Vorzüge verdienen , welche man ihnen mißgönnt und streitig macht , jetzt , wo das ganze Leben des deutschen Adels darauf hin gerichtet sein müßte , es darzuthun , wie er nichts gemein hat mit jener französischen Adelskaste , deren Sittenlosigkeit und Hochmuth sie ihrem Volke mit Recht verächtlich gemacht haben , und wo das Bestreben aller Wohlmeinenden das Band zu erhalten trachten sollte , das die alten eingeborenen Familien mit dem Bürgerstande und den Insassen der Güter verbindet , jetzt muß ich hier von allem dem das Gegentheil erfolgen sehen , und es ist Niemand da , Niemand außer mir allein , der Ihnen zuruft : halten Sie ein , versöhnen Sie , stellen Sie her um jeden Preis - da es noch Zeit ist ! Des Freiherrn Aufregung hatte einem tiefen Nachdenken Platz gemacht . Er ging gesenkten Hauptes , die Hände auf den Rücken gelegt , mit langsamem Schritte in dem großen Zimmer auf und nieder . Dieses Nachdenken ermuthigte den Geistlichen . Denken Sie des Abends , sprach er , da Sie mir hier an derselben Stelle den Schmuck zeigten , den Sie der Frau Baronin zur Morgengabe bestimmten . Es ist Sitte unter uns , daß für jede neue Baronin von Arten der Schmuck vergrößert werde ! sagten Sie mir damals , und ich dachte in meinem Innern : das ist in der Ordnung , sind doch auch das Ansehen und die Liebe , welche das Geschlecht derer von Arten hier im Lande genießt , von Geschlecht zu Geschlecht gewachsen ! - Und mit welchem Zutrauen , mit welcher Liebe empfing man Sie und die Frau Baronin hier bei Ihrem ersten Kommen ! Keinem Königspaare wurde mehr verehrende Neigung entgegen gebracht - keine Frau der Welt war mehr geeignet , mehr gewillt , diese Liebe zu verdienen - bis .... Er hielt inne und zuckte die Schultern . Sprechen Sie es aus , rief der Freiherr , da ich ja doch weiß , was Sie denken ! Aber der Caplan gab dieser Aufforderung nicht Folge . Er wußte , daß nicht immer der nächste Weg der beste ist , und sich vorläufig von dem Gegenstande , der ihn hieher geführt , anscheinend zurückziehend , sprach er : Ich habe Sie oftmals und mit Recht über jenes Verlangen nach Neuerungen klagen hören , das jetzt in den Geistern rege ist . Sie aber , Herr Baron , befinden sich ja in der glücklichen Lage , daß man von Ihnen nur die Erhaltung der früheren Zustände begehrt . Es ist gut , daß ein mir unbekannter Anlaß den Herrn Marquis entfernte , die Leute freuen sich darüber und wären gern bereit , es als eine ihnen gewährte Gunst zu betrachten , wenn Sie daneben nur den Amtmann in seiner Stelle lassen wollten . Die Steinerts gehören für die Vorstellung der Leute hier zum Grund und Boden . Es ist ihnen also , als ob der Boden unter ihnen wanke , seit es heißt , daß Steinert fort soll , und da im Laufe der Jahre im Schlosse einige der Domestiken durch Franzosen ersetzt worden sind , so fürchten die Leute .... Die Leute und immer die Leute , fuhr der Freiherr auf , das ist ' s ja eben ! Was kümmert es die Leute , wem ich die Verwaltung meiner Güter überantworte ? Was kümmert es die Leute , wenn ich es vorziehe , mich lieber von gewandten Franzosen , da der Zufall sie mir bietet , bedienen zu lassen , statt erst mühsam die hiesigen tölpischen Burschen zu ungeschickten Domestiken auszubilden ? Sie werden mich ungeduldig , mich mißtrauisch machen mit Ihrem beständigen Hinweis auf das Wollen und Nichtwollen der Leute , lieber Caplan ! Haben die Gedanken der Neuerer auch Sie ergriffen ? Haben die in Frankreich gemachten und zu machenden Erfahrungen auch Sie noch nicht belehrt , daß man mit Nachgiebigkeit nur seine gefährliche Schwäche verräth ? - Hätte ich auch damals nachgeben sollen , mein lieber Caplan , als die Leute bei der Grundsteinlegung zu unserer Kirche sich so widerwillig zeigten ? Er hatte diese Worte mit einer spöttischen Herausforderung gesprochen ; aber er war sichtlich überrascht , als der Caplan ohne ein Zeichen von Mißmuth ruhig sagte : Vielleicht wäre es weiser gewesen , den Bau zu unterlassen ; vielleicht irrte ich , als ich damals mein augenblickliches Bedenken gegen denselben unterdrückte , und ich hätte vielleicht mehr im Sinne und im Geiste meines Amtes gehandelt , wenn es mir gelungen wäre , Sie und die gnädige Frau von dieser äußerlichen Befriedigung einer religiösen Empfindung zurückzuhalten und Sie dafür um so lebhafter auf jene innerliche Auferbauung hinzuweisen , in deren Heiligthum kein Zweifel einzudringen vermocht haben würde . Aber das ist jetzt nicht mehr zu ändern ! Und wieder blieb der Freiherr vor ihm stehen . Sie würden also , das sehe ich , sich in Frankreich auch zu den Geistlichen gehalten haben , die den Eid auf die Verfassung leisteten ! rief er vorwurfsvoll . Ganz gewiß ! entgegnete der Caplan . So hatte die Herzogin doch Recht , sprach der Freiherr wie zu sich selbst ; aber die Worte entgingen dem Ohre des Geistlichen nicht und sie klärten ihn über die Wege auf , welche die Herzogin eingeschlagen hatte , um ihm den Freiherrn abgeneigt zu machen ; auch ließ dieser ihn darüber nicht im Ungewissen . Es bewegt mich sonderbar , nahm der Baron nach kurzem Schweigen im Tone ruhigster Unterhaltung und Betrachtung wieder das Wort , zu sehen , wie wenige Naturen sich dem mächtigen Strome der Zeit entgegensetzen , wie Wenige sich ihrem umgestaltenden Einflusse entziehen . Sie nannten sich vorher einen einsamen Mann . - Sie sind nicht einsam in der Welt , die uns umgiebt , mein lieber Freund , denn Sie haben die große Menge für sich , die überall zusammenhält , überall für sich Zugeständnisse begehrt , überall zum leicht errungenen Gemeingut machen möchte , was unser altes , wohl erworbenes Erbe ist . Ich tadle Sie nicht , hob er nach flüchtiger Unterbrechung seiner Rede wieder an , wenn Sie in sich die Kraft nicht fühlen , gegen einen solchen wilden Strom zu schwimmen und sich seinem fortreißenden Zuge zu widersetzen . Aber haben Sie sich wohl jemals gefragt , wohin dieses Nachgeben Sie führen wird , oder haben Sie geglaubt , bis hieher , bis zu uns , könnten die Fluthen des Unheils nicht dringen , welche in dem unglücklichen Frankreich Thron und Kirche , das Leben des edelsten Königspaares und das Leben all der Tausende von Märtyrern der guten Sache in sich begraben haben ? Es ist gar zu verlockend für die rohen Massen , zügellos zu sein und keine Gewalt über sich anzuerkennen , als die eigene blinde Willkür . Sie haben den König ermordet , den Adel seines Besitzes , seiner Rechte beraubt und das Blut vergossen , dessen erhabene Herkunft sie auch damit nicht zu vernichten vermochten ; sie haben die Kirche aufgehoben und sich bis zum Wahnsinne der Gottesleugnung erhoben .... Und die Kirche erhebt sich wieder unter dem Schutze Gottes , und das eigene Bedürfniß wird die von ihrem Hochmuth Verblendeten wieder , Rettung vor sich selber suchend , zu den Füßen des Gekreuzigten führen ! Es geht nichts unter , was unsterblich ist , und wandelbar in seiner Form , erhält das Ewige sich unwandelbar ! rief der Caplan , während die Innigkeit seiner Ueberzeugung sein würdiges Antlitz erleuchtete . Nicht uns dem Strome widersetzen können wir , denn er ist mächtiger , als der Wille des Einzelnen , und mächtiger , als das Zusammenhalten und Entgegenstemmen Vieler . Aber zu einander stehen sollen wir Alle dennoch in Liebe , damit wir uns erhalten in der Zeit der Noth , damit wir eine Gemeinschaft bilden , in welcher der rechte Sinn lebendig bleibt und die versöhnend und gewinnend und überzeugend die Kräfte wieder sammelt und zur Einheit bindet , wenn der Kampf der blinden Selbstsucht sie bald genug vereinzelt haben wird . Liebe und Friede in jeder Gemeinschaft , das ist es , was uns jetzt Noth thut , und um dieser Nothwendigkeit , um der Selbsterhaltung willen , zur Beruhigung derjenigen , welche seit Hunderten von Jahren zu Ihrem Hause emporgesehen und demselben in Liebe angehangen haben , beschwöre ich Sie , Herr Baron ! machen Sie Frieden mit denen , mit allen denen , die zu Ihnen gehören und die , ich versichere Ihnen es aus voller Ueberzeugung , Ihnen in Ergebenheit und Liebe eigen sind , selbst wo sie ein Schwanken zu sehen , einen Zweifel erheben zu müssen glauben ! - Er war damit wieder auf den Ausgang der Unterhaltung zurückgekehrt und hoffte jetzt besseres Gehör zu finden , da er dem Freiherrn bereits Gelegenheit gegeben hatte , sich vielfach auszusprechen . Der Baron war sehr erregt . Bald ging er lebhaft , bald langsamer , in dem Gemache umher , bald blieb er stehen ; er schien nicht mit sich fertig werden , den Kampf nicht zum Abschlusse bringen zu können , der offenbar in seiner Seele vor sich ging , und plötzlich aus seinen Sinnen auffahrend , fragte er : Was denken Sie sich unter diesem Friedenmachen ? Versuchen Sie es nur einmal wieder eine kurze Zeit , eine ganz kurze Zeit , ohne alle andere Gesellschaft an der Seite der Frau Baronin zu leben ! bat der Geistliche dringend . Hören Sie ihre Geständnisse mit dem Glauben an ihre reine Seele an ! Glauben Sie auch mir , auch mir , dem sein Beruf nicht heiliger ist , als Ihre Ehre , Herr Baron , daß es die gewissenhafte Aengstlichkeit eines unschuldigen , aber irregeleiteten Herzens war , die sich vor Ihnen , durch Ihren Zorn gereizt , zu einer Untreue bekannte , welche nichts , nichts als eine flüchtige , durch fremde Schuld erregte Gedankensünde war ! Hören Sie sonst Niemanden , fragen Sie Niemanden um Rath , als Ihre eigene Menschenkenntniß , als Ihr eigenes Herz ; und Sie werden nicht lange an der Mutter Ihres Sohnes zweifeln , Sie werden den Stein nicht werfen können auf eine Frau , die , rein und edel , nur Ihres Glaubens und Ihrer Liebe nöthig hat , um wieder fest und unwandelbar zu Ihnen zu stehen in guten und bösen Tagen ! Der Freiherr hatte wieder auf dem Sessel Platz genommen , aber er erwiederte dem Geistlichen nichts . So blieben sie lange einander gegenüber sitzen . Als die Glocke der großen Pendeluhr auf dem Simse des Kamins die siebente Stunde schlug , richtete der Baron sich auf . Ich danke Ihnen , sagte er , daß Sie Ihrem Gewissen , Ihrer Ueberzeugung folgten . Sie haben Ihre Pflicht gegen mich , Sie haben überhaupt in edelster Weise Ihre Pflicht erfüllt . Denn wie peinvoll mir diese Unterredung auch gewesen ist , hat sie mir doch wohlgethan und mich veranlaßt , unerbittlich gegen mich selbst , noch einmal in mein Inneres zu blicken . Ich danke Ihnen dafür , mein theurer Caplan . - Er reichte ihm die Hand , der Geistliche ergriff dieselbe mit Wärme ; die Haltung , die Redeweise des Freiherrn schienen ihm Gutes zu verkünden , und doch hatte er sich , so sicher er ihn zu kennen meinte , zum ersten Male über dasjenige getäuscht , was in dem Freiherrn vorging . Aber er sollte nicht lange im Dunkeln bleiben , denn Jener fing von selber zu sprechen an . Wir beide , mein Freund , Sie und ich , sind eben verschieden geartete Menschen , und Sie kennen meinen Glauben in diesen Dingen , wir müssen unserer Naturbestimmung folgen . Sie hätte Ihr Charakter , in welchem Stande Sie auch geboren worden wären , zur Kirche und innerhalb derselben zur Entsagung und zu ausgleichender Vermittlung geführt ; ich hätte unter allen Verhältnissen nicht entsagen , mich nicht bescheiden , nicht vermitteln können . Ich verlange nach einer Ganzheit , nach einem vollen Genügen ; ich kann nicht vermitteln zwischen Recht und Unrecht , ich bin absolut - und muß und will das bleiben nach allen Seiten und in jeglichem Betracht ! Er erhob sich bei den Worten und stellte sich , den Arm auf die hohe Brüstung gelehnt , sei es zufällig oder absichtlich , in solcher Weise neben dem Kamine hin , daß er von Zeit zu Zeit seines eigenen Antlitzes in dem hellen Spiegelglase ansichtig werden mußte . Als ich mich mit der Baronin verband , war ich kein Jüngling und kein Schwärmer mehr , sagte er . Wäre ich meiner Neigung , meiner innersten Ueberzeugung gefolgt , so würde ich mich niemals verheirathet haben , denn darüber habe ich mich nie getäuscht , die arme Pauline , an die ein dämonisches Geschick mich band - und heute noch bindet - ist , wie ich es mir später auch wegläugnen wollte , die einzige Liebe meines Lebens und das einzige Weib von unabänderlicher Herzenstreue gewesen , das ich je gekannt habe . Das Geschlecht ist schwach ! Aber , Herr Baron ! wendete der Geistliche mit wachsendem Erstaunen ein . Indeß der Freiherr ließ ihn nicht zu Worte kommen . Kein Aber , mein Freund ! rief er ; Sie sollen mich bis zu Ende hören , damit wir über diesen Gegenstand ein Mal und ein für alle Mal in das Klare und zu Ende kommen . - Als ich mich aus Standesrücksichten , aus Rücksicht auf das Fortbestehen meines Hauses dann zur Ehe entschloß , wünschte ich in der Baronin eine Mutter für meine Kinder , eine Frau für mein Haus zu finden , und ich würde zufrieden gewesen sein , hätte sie mir nur ein achtungsvolles Vertrauen mitgebracht . Die Baronin glaubte mich zu lieben , obschon sie , wie sie es mir ja selbst in Ihrem Beisein einst gestanden , Anfangs ein lebhaftes Abmahnen gegen mich gefühlt hat , und da diese anscheinende Liebe nach dem schmerzlichen Zwiespalte , in welchen der Untergang der armen Pauline mich geworfen , die Neigung der Baronin nicht von mir wandte , so nahm ich die Liebe meiner Frau dankbaren und vertrauensvollen Herzens auf und schätzte sie um so höher , als ich - bemerken Sie das wohl , mein Freund - diese Liebe nicht erwartet , nicht gefordert hatte . Ich genoß sie als eine frei gewährte Gunst , und ich habe auch den Uebertritt zu unserer Kirche nie von meiner Frau begehrt ; ich habe es nicht verlangt , daß sie um meinetwillen mit ihrem ganzen Hause breche - ich bin , Sie wissen das ja selbst , nicht orthodox und eigentlich nicht einmal kirchlich . Was ich mit mir , mit meinen Erinnerungen abzumachen hatte , das würde ich allein oder mit Ihrem Beistande in meinem Herzen abgeschlossen und zu versöhnen getrachtet haben . Ich bedurfte der sichtbaren Versöhnung , der Buße , der Opfer , der Auferbauung nicht . Sie selber legen ja auch , wie Sie mir heute bewiesen , nicht grade den höchsten Werth darauf . Der Uebertritt der Baronin zu unserer Kirche war ihr ein Bedürfniß ; der Kirchenbau und obenein der Bau in Rothenfeld , das ich gern meide , war aber ein selbst in materieller Hinsicht sehr schweres Zugeständniß an meine Frau ! Er hatte das bestimmt und lebhaft gesprochen ; nun hielt er plötzlich inne . Sagen Sie selbst , rief er , habe ich mich in dieser Darstellung beschönigt ? Nicht eigentlich , entgegnete der Caplan , nur möchte ich Sie daran erinnern .... Das nachher ! Das nachher , mein Freund ! fiel der Freiherr ein . Lassen Sie mich vollenden . Es genügt mir , daß Sie mir gerecht sind . - Er sammelte sich darauf abermals und fuhr fort : Wir leben allerdings in einer schweren Zeit , in welcher , wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten , der Adel die Pflicht hat , sich in seiner ganzen angestammten Würdigkeit zu behaupten . Dieser Pflicht zu genügen , öffnete und bot ich einer flüchtigen und edeln Verwandten mein Haus und meinen Beistand ; aber auch bei uns ist das Unheil , ist der Uebermuth der unteren Classen so weit gediehen , daß selbst meine Diener urtheilen , wo sie zu gehorchen hätten , und sich Vorstellungen erlauben , die über ihre Befugnisse hinausgehen . Der Amtmann , welcher sich als Herrn fühlt , weil unsere Nachsicht seinen Voreltern die Möglichkeit gegeben hat , sich in unserem Dienste zu bereichern , unterfängt sich seit einiger Zeit , mir Vorhaltungen wegen meiner Ausgaben zu machen - während ich seine Einnahmen nicht controlire - und fühlt sich beleidigt , wird aufsässig , wie das ganze Volk , weil ich nicht darein willige , seine Schwester mit einem jungen Manne zu verheirathen , der , ebenfalls in meinen Diensten , frech genug war - er unterbrach sich und sprach dann schnell und bitter - sein Auge und seine Wünsche bis zu der Baronin von Arten zu erheben , und von dem die Baronin , welche mich einst , ohne daß ich es begehrte , und vielleicht mehr als ich ' s verdiente , liebte , jetzt , nach achtjähriger Ehe , nach acht Jahren eines vollen , unbedingten Zutrauens in ihre Ehre und Tugend , mir eingesteht , daß sie ihn liebe , ihn schon lange geliebt habe , und daß ich ziemlich der Einzige sei , der dieses noch nicht wisse ! Er ging wieder umher ; die Lust , sich im Spiegel zu betrachten , mußte ihn verlassen haben . Er schöpfte tief Athem , nahm die Dose heraus und hielt sie mechanisch in der Hand , ohne sie zu öffnen . Als er die Dose wieder eingesteckt hatte , sagte er : Solchen Ereignissen gegenüber giebt es für einen Mann wie ich nur Einen Weg . - Ich habe der Baronin nichts zu verzeihen , denn ich kann sie nicht dafür verantwortlich machen , daß sie nicht stärker ist , als ihr Geschlecht , und daß ich thöricht genug war , sie für eine Ausnahme zu halten . Aber erinnern Sie sich , was ich Ihnen oftmals sagte : meine Sinne haben mich niemals beherrscht , wo mein Herz mit ihnen nicht im Bunde war , und mein Herz hat sich der Baronin abgewendet . - Um Gottes willen , Herr Baron , wie ist das möglich ? Wie darf ein flüchtiger Irrthum das Vertrauen , die Neigung , die Liebe langer Jahre unwiederbringlich vernichten ? Wie dürfen Sie in solcher Weise richten , Herr Baron ? Lassen Sie das , mein Freund . Ich richte , ich verdamme nicht , aber Sie kennen das Geheimnißvolle in der Liebe nicht , Sie haben nie ein Weib geliebt , niemals Ihr Herz einem Weibe anvertraut ! entgegnete der Baron mit dem Tone der Empfindung , und so beschäftigt und hingenommen war er von sich selbst , daß er das sanfte , traurige Lächeln nicht bemerkte , welches wie ein Schein des Abendlichtes über des Caplans mildes Antlitz glitt . Es giebt keine Wiederkehr in der Liebe , fuhr der Freiherr fort , oder glauben Sie , ich könnte es vergessen , was die Baronin mir gestanden hat ? Würde nicht , so oft sie mir von Liebe spricht , jenes : ich liebe Herbert , ich , die verheirathete Frau , die Gattin des Freiherrn von Arten , liebe diesen Herbert - mir in das Ohr klingen ? Er ergriff abermals des Caplans Hand , und mit zusammengepreßter Stimme sprach er : Das ist nicht die Eitelkeit des älteren Mannes , Freund , die es nicht ertragen kann , neben einem geliebteren Manne zurückzustehen ! Es ist das nicht zu besänftigende Ehrgefühl des Edelmannes , und die Baronin kennt meinen Entschluß ! Unsere Kirche , welche stets die Schwäche und Hülfsbedürftigkeit des Menschen im Auge behält , hat uns auch für den Fall , in dem ich mich befinde , das Mittel an die Hand gegeben ! Erkennt sie doch in dringendem Falle auch dem Laien eine priesterliche Machtvollkommenheit zu ! Ach , Herr Baron , rief der Caplan erschreckt und schmerzlich , Sie haben sich der Herzogin vertraut , Sie sprachen mit der Herzogin davon ! Der Baron stutzte . Was soll der Ausruf ? Sie bitten , Sie beschwören , dies nicht zu thun ! Entfernen Sie die Herzogin nur wenig Wochen , nur wenig Tage ! Um alles Guten , um Ihrer und Ihres Sohnes willen flehe ich Sie darum an ! Nicht doch , mein Freund ! Wozu sollte das führen ? versetzte der Freiherr ; ich bin fest entschlossen und mir völlig klar . Ich habe mein Leben von dem der Baronin in meinem Herzen ein für alle Mal geschieden . Sie weiß das seit diesem Abende , und ich habe ihr gesagt , daß ich Sie , mein Freund , und die Frau Herzogin , die das Geheimniß kennen , deß zu Zeugen nehme ; im Uebrigen soll kein Mensch davon erfahren . - Und wie ich hier gethan , was dem Manne und dem Edelmanne gebührt , so denke ich überhaupt mein Recht zu wahren . - Es bleibt dabei , daß Adam fortgeht ! Ich kann keine Beamten brauchen , welche es vergessen , daß ich hier zu gebieten habe , daß ich der Herr bin ; und es ist mir ganz recht , daß ich dieses Exempel an dem ersten , dem obersten meiner Leute statuiren kann . Die Anderen werden sich um so besser danach zu richten wissen . Ich dränge ihn nicht , fortzugehen , er mag seine und meine Angelegenheiten in Ruhe abwickeln . Ist dies gethan , so soll er gehen ! Der Caplan neigte das Haupt . Dann freilich habe ich nichts mehr zu sagen ! sprach er und stand auf , um sich zurückzuziehen . Der Freiherr hielt ihn nicht zurück . Erst als jener der Thüre zuschritt , sagte er : Nur Muth , mein alter Freund ; man muß den Kopf hoch tragen , wenn man ihn in diesen Tagen des Mißgeschickes überhaupt oben auf seinem Rumpf behalten will ! Sie thaten , was Ihres Amtes ist , ich thue das Meinige ! Geschieht das überall , weicht Niemand von seinem Platze , vergiebt man nichts von seiner Würde , von seinem Rechte , zeigt man sich unerschütterlich , wer und was sollte uns da erschüttern ? - Ich habe leider nach einer Seite kein Glück gehabt , lassen Sie mich also an meiner alten Ueberzeugung um so fester halten , daß ich Glück in der Freundschaft habe , daß ich mich zu den nicht eben zahlreichen Personen rechnen darf , die es verstehen , die Freundschaft zu ehren und zu pflegen ! Und glauben Sie mir , die Frau Herzogin theilt meine Freundschaft , ja , meine Sorge für und um Sie . Nur Geduld bis in den Sommer , bis wir die Kirche fertig haben und die Steinerts fort sind ; dann schaffe ich Ihnen ein eigenes Haus , ein Asyl , in dem es Ihnen wohler sein soll , als hier unter uns , die wir ja leider einmal Weltkinder sind und bleiben ! O , ich kenne den Antheil , den die Frau Herzogin an mir nimmt ! sagte der Caplan , während ein schmerzliches Lächeln um seine Lippen spielte . Aber der Freiherr schien dies nicht zu bemerken , und die Bedeutung nicht zu verstehen , welche der Geistliche in seine Worte legte . Er reichte ihm mit freiem Anstande freundlich die Hand und begleitete ihn bis gegen die Thüre hin , obschon jener die ihm zum Abschiede dargebotene Rechte zum ersten Male nicht ergriffen hatte . Drittes Buch Erstes Capitel Die Tage waren mild und ohne Wind . So weit das Auge reichte , bedeckte wieder der Schnee das Land . Auf dem Amthofe in Rothenfeld ertönte laut der Schall der Arbeit . Der Takt der Dreschflegel , die Axt des Holzhauers , das Knarren des Brunnenrades , das Brüllen und Blöcken der Hausthiere , das aus den weiten Stallungen herübertönte , unterbrachen die Stille , und das Thun der Menschen , ihr Kommen und Gehen belebte mit der sich alljährlich wiederholenden nothwendigen Beschäftigung in gewohnter Weise die Einsamkeit . Es war Alles , wie es im vorigen Winter , in allen ihm vorangegangenen gewesen war , obschon es der letzte sein sollte , welchen die Bewohner des Amthauses in demselben zubrachten . Im Schlosse zu Richten war es anders . Dort hörte man nichts von der wohlthätig wiederkehrenden Gleichmäßigkeit der Arbeit , und der Winter ist sehr lautlos auf dem Lande . Die großen Portale waren geschlossen , um der Kälte den Eingang zu wehren ; auf weichen Teppichen bewegte die Dienerschaft sich geräuschlos in den Gängen und auf den Treppen umher , und nur wenn man an die Fenster trat , sah man in weiter Ferne gelegentlich einen Schlitten wie einen flüchtigen Schatten halb verschleiert von dem feinen Dufte , der die ganze Luft erfüllte , über die weite Ebene gleiten . Was unter der weißen Hülle im Schooße der Erde arbeitete , was in den heimlichen Nestern und Schlupfwinkeln geschah , in die das Leben der Feldthiere , der Vögel und der Insecten sich zurückgezogen hatte , das verbarg sich dem Auge des oberflächlichen Beobachters ; und wer flüchtig an dem Schlosse vorüberging , in dessen weiten Gärten und auf dessen prächtigem Hofe die lustigen Spatzen und die immer rührigen Krähen ihr Wesen trieben , oder wer nur als Gast in das Schloß kam und die glänzende und würdige Gastfreiheit der Schloßherrschaft genoß , der hätte meinen müssen , es sei auch hier im Schlosse Alles noch so , wie es in dem vorigen und in den ihm zunächst vorangegangenen Jahren gewesen war . Aber auch über das Leben der Schloßherrschaft lag , wie draußen die kühle , weiße Decke des Schnee ' s , der verhüllende Mantel der formvollen Gewohnheit und der feinen Sitte gebreitet und entzog dem Auge , was sich unter ihm verbarg . Es war ein Schweigen über die Menschen gekommen . Angelika kränkelte und sah noch übler aus , als ihre seltenen Klagen über ihr Befinden es rechtfertigten . Der Freiherr hatte , weil er spät zu wachen liebte und weil Angelika , wie er sagte , Ruhe haben sollte , ihre Zimmer verlassen und die Wohnung bezogen , welche er vor seiner Verheirathung inne gehabt hatte , und alle einzelnen Personen hielten sich mehr als je bisher in ihren besonderen Gemächern auf . Die Herzogin erschien sehr niedergeschlagen . Man glaubte , daß sie den Marquis vermisse und daß sie Langeweile fühle , denn sie ließ den Caplan öfter zu sich bitten , hatte lange Gespräche mit demselben , und doch sah man nicht , daß sich eine wirkliche Annäherung zwischen den beiden Personen gebildet hätte oder auch nur allmählich bildete . Was sich allein und immer gleich blieb , war die Freundschaft , welche der Freiherr für die Herzogin an den Tag legte , und die rücksichtslose Freigebigkeit und Zuvorkommenheit , mit welcher er allen ihren Neigungen begegnete . Der Freiherr zeigte sich immer ruhig , Angelika sanft , aber zurückhaltend , und