aus der Tiefe kommen , das Land fruchtbar zu machen , so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt . O Vater , der Mensch hat doch nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach oben ! Ohne es bleibt er immerdar Erde , von Erde genommen , in ihm und durch es richtet er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf , in ihm reicht er , wie wenig es auch sei , was er erlange , allen himmlischen Mächten die Hand ; in ihm steht er auf der winzigsten Scholle , in dem engsten Kreise als Herrscher des unendlichsten Gebietes da , als Herrscher seiner selbst . Auch der Zweifel ist ja Gewinn in seinem Leben , und der Schmerz ist so edel - oft edler als das Glück , die Freude . Vater , ich bin meinen Weg in Unruhe gegangen ; aber ich habe die Wahrheit gefunden : ich habe gelernt , das Nichtige von dem Echten , den Schein von der Wirklichkeit zu unterscheiden . Ich fürchte mich nicht mehr vor den Dingen , denn die Liebe steht mir zur Seite ; - Vater , segne deinen Sohn für seinen künftigen Weg und bitte für ihn , daß der Hunger , der ihn bis hierher geleitet hat , ihn nicht verlasse , solange er lebt . « Mit allen seinen Gestorbenen Verkehrte Hans an diesem dunkeln Christmorgen , ehe die Dämmerung kam . Sie schritten im langen Zuge vorüber , und er dankte jedem für das , was er von ihm als Mitgabe für den Lebensweg erhalten hatte . Daß die Mutter , die kleine Sophie , der Armenlehrer Karl Silberlöffel , die Base Schlotterbeck und der Oheim Nikolaus Grünebaum vorübergingen und ihm lächelnd zunickten , das war kein Wunder ; aber es war fast ein Wunder , wie viele andere Leute aus dem Dunkel hervortraten , um ihr Teil an seinem Werden und Wachsen in Anspruch zu nehmen . Es war ein Wunder , an wie vielen Stätten die Geschichte seiner Bildung haftete , wie weit zurück oft der Ausgangspunkt jeder Seelenregung lag . Erst in diesen Augenblicken sah Hans so recht ein , wie reich sein bisheriges Leben gewesen war , welchen Reichtum er aus der versunkenen Welt seiner Jugend , aus der mit der Base Schlotterbeck und dem Oheim versunkenen Welt von Neustadt , aus der versunkenen Welt seiner Wanderjahre mit hinübernahm in das neue Leben zu Grunzenow an der Ostsee . Immer neue , immer wechselnde Bilder und Gestalten zogen vorüber und stiegen herauf , als die Kirchenglocke von Grunzenow anfing zu läuten . Die Glocke von Grunzenow , der neuen Heimat ! Die Glocke der Weihnachtskirche ! Aufrecht saß Hans Unwirrsch auf seinem Lager und horchte ; - sein Herz klopfte , und alle Pulse schlugen ! Nach Herz und Hirn drängte sich alles Blut - - - o Fränzchen , Fränzchen ! Alle Kindheitsgefühle waren in der Brust des Mannes wach geworden . Ehe er die Treppe hinabstieg , kniete er nieder und barg minutenlang stumm das Gesicht in den Händen ; er hörte es nicht , daß die Tür hinter ihm sich öffnete . In seinem schwanen Predigerrock trat der alte Josias in die Kammer und setzte leise das Licht , das er trug , neben die Lampe des Kandidaten . Regungslos stand er , solange die kleine Glocke läutete , solange Johannes Unwirrsch neben seinem Bette kniete . Als die Glocke schwieg und der junge Hausgenosse das Haupt wieder erhob , legte er ihm die Hand auf die Schulter und sagte gerührt , indem er sich zu ihm niederbeugte : » Es ist ein glückliches Zeichen , unter solchem Geläut zu neuer Arbeit , neuen Sorgen , neuem Leben zu erwachen . Mein lieber , lieber Sohn , sei mir willkommen in diesem armen und doch so reichen , diesem so begrenzten und doch so grenzenlosen Wirkungskreise . Gott gebe dir Kraft und Segen an diesem Strand , unter diesen Hütten , unter diesem Dache . Gott behüte dich in deinem Glücke und segne dich im Leid ! « Zum zweitenmal läutete die Glocke , als Hans an der Seite des greisen Pfarrherrn die Stufen emporstieg , die hinter dem Pastorenhaus auf den Kirchhof des Dorfes führten . Quer über den Kirchhof ging der Weg zur Kirche , und zwischen den weißen Gräbern und den schwarzen Kreuzen , welche auch alle Schneehauben trugen , blieben die beiden geistlichen Herren stehen , um auf das Dorf zurückzuschauen . Das Meer rauschte in der Finsternis , aber im Dorf war fast jedes Fenster erleuchtet , und ein reges Leben herrschte auf dem Kirchwege . Aus seinen Hütten stieg das Volk der Fischerleute zu seiner Kirche empor - Greise , Männer , Weiber , Kinder ! Sie kamen mit Laternen und Lichtern , und wenn die Erwachsenen , die Älteren im Vorüberschreiten mit vertraulicher Ehrerbietung ihren Pfarrherrn grüßten , so kam fast jedes Kind zu ihm heran , um ihm die Hand zu geben ; er aber kannte sie alle bei ihrem Namen , kannte ihre kleine , kurze Lebensgeschichte und hatte fast für jedes ein anderes Liebkosungswort . Von Zeit zu Zeit zögerte einer der Erwachsenen auf dem Wege oder wandte sich seitwärts , um seine Laterne niederzusetzen und sich über eins der verschneiten Gräber zu beugen ; dann war der Pfarrherr von Grunzenow an der Seite der Trauernden und sprach ihnen leise zu , und die Sterne lächelten am schwarzen Winterhimmel , und es war , als ob das Meer sanfter rausche . Zum drittenmal zog der Küster von Grunzenow den Glockenstrang , als wieder eine größere Gruppe in die Kirchhofspforte trat , und Grips war ' s , der hier die Laterne vortrug . Ritterlich führte der Oberst von Bullau das Fränzchen an der Spitze seiner Hofleute und sagte , als Hans Unwirrsch vor ihm stand und Grips seine Laterne erhob , um die Begrüßung zu beleuchten : » Also pflegt der Mensch auszusehen , der nicht sagen kann , wie wohl ihm zumute ist Da , Herr Kandidatus , da habt Ihr Euer Mädchen ; ich wünsche Euch fröhliche Feiertage und viel Pläsier damit . « Hand in Hand gingen Hans und Fränzchen mit den andern Leuten von Grunzenow in die kleine Kirche , wo der Küster bereits vor der Orgel saß . Auf dem kurzen Wege konnte Franziska dem verlobten und Hans der Braut wirklich nicht sagen , wie ihnen zumute sei ; aber beide wußten es doch . Den schönsten Gruß von Onkel Rudolf bestellte jedoch das Fränzchen ; unter dem Christbaum im Kastell saß der Onkel mit seiner Pfeife und hatte seine Weihnachtsgedanken so gut wie alle andern . Wohl hundert Lichter erhellten die kleine Kirche ; niemand hatte sein Lämpchen beim Eintritt ausgeblasen , und wunderbar feierlich erschien die Versammlung dieser Gemeinde am Ufer der See . Auf einer der vordersten Bänke dicht vor dem Altar und der Kanzel saß der Kandidat Unwirrsch neben seiner Braut und dem Obersten von Bullau nieder und sang im rauhen Chor der Fischer das alte Weihnachtslied mit bis zum Ende ; bis unter den letzten Klängen der Orgel und des Gesanges Ehrn Josias Tillenius auf seine Kanzel trat , um seine Weihnachtspredigt zu halten ; bis alle die von der Sonne gebräunten , vom Sturm und Wetter zerbissenen Gesichter der Männer , bis alle die ernsten Gesichter der Frauen , bis alle Kinderaugen sich zu dem alten , treuen Berater und Tröster emporhoben . Und keiner der berühmten und beliebten Redner , die Hans in der großen Stadt gehört hatte , keiner der berühmten Professoren , die ihm auf der Universität so viele gute Lehren gaben , hätte eine trefflichere Rede halten können als der Greis von der Hungerpfarre zu Grunzenow , der sich in der Bibliothek seiner Vorgänger nicht zurechtfinden konnte und dem die moderne Wissenschaft der Theologie ein Buch mit sieben Siegeln geblieben war . Mit jenem Gruß der Engel , über welchen kein anderer in der Welt geht , grüßte er seine Gemeinde : » Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen ! « Dann wünschte er allen Glück zu dem hohen Feste , den Jungen wie den Alten , den Greisen wie den Kindern ; und er hatte recht , als er einst zu Hans Unwirrsch sagte , daß es ein seltsam Ding sei , wenn einem Pastor das Meer in seine Worte klinge . Er sprach von dem Guten und Bösen , was geschehen sei , seit man vor einem Jahre diesen Tag feierte ; er sprach von dem , was werden könne bis zu dem nächsten Weihnachtsglockenklang . Er hatte ein Wort für die Trauernden und für die , welchen Freude gegeben worden war . Seine Vergleiche konnte er nicht wie seine Amtsbrüder weiter im Lande , die jetzt auch auf ihren Kanzeln standen , der Arbeit des Ackermanns entnehmen ; er konnte nicht sprechen vom Säen , Blühen , Fruchtbringen und Verwelken - das Meer rauschte in seine Worte . Er sprach von den Angehörigen seiner Gemeinde , die jetzt in der Fremde schifften , von denen man nicht wußte , ob sie lebten oder ob sie tot seien : die Erde vom Nordpol bis zum Südpol mußte Raum finden in seiner Predigt . Er sprach von den Verschollenen , deren Platz am Herde seit Jahren leer war , nannte zwei weinende Mütter bei ihren Namen und tröstete sie mit der Verheißung , daß niemand , niemand verlorengehen könne , so weit die Welt auch sei , da geschrieben stehe , daß Gott die Meere in der hohlen Hand halte . Er sprach von dem großen Weihnachtsbaum der Ewigkeit , unter welchem einst alle , alle versammelt sein würden . Hans Unwirrsch dachte an die Hungerpredigten , welche er in der Grinsegasse hatte schreiben wollen , um durch ihren Druck einen Namen zu erwerben und Tausende dadurch zu rühren und zu erheben . Er ließ das Haupt sinken vor der Rede dieses Greises , die gewiß nicht druckfähig war und doch den Hörern bis ins tiefste Herz drang . Das Fränzchen weinte ihm zur Seite , der Oberst von Bullau räusperte sich von Zeit zu Zeit sehr vernehmlich und murrte in den grauen Bart ; das Volk der Fischer seufzte und schluchzte ; - der Kandidat Unwirrsch hatte keine Zeit , die Erinnerung an sein Manuskript und die Grinsegasse weiterzuverfolgen . Ehrn Josias Tillenius war an den Weihnachtsbaum jeder Hütte seines Dorfes getreten ; nun stand er plötzlich im Schatten des Baumes der Weltgeschichte , durch dessen Gezweig der Stern der Verkündigung auf die Krippe zu Bethlehem niederleuchtete . In einfach-ergreifender Art erzählte er seiner Gemeinde , wie es aussah auf Erden , als die Engel ihren Gruß vom Himmel niederbrachten . Von der Stadt Rom erzählte er und von dem römischen Kaiser Augustus , von den stolzen Tempeln , den stolzen Weisen . Kriegern und Poeten . Er sprach , davon , wie die Sonne , der Mond und alle Gestirne damals so segensreich ihren Weg gingen als wie heute , wie die Erde ihre Früchte trug , wie das Meer seine Schätze ebenso gutwillig hergab als jetzt . Er erzählte , wie die Menschen sich damals wie jetzt in ihrer Zeit eingerichtet hatten : wie Zoll gefordert und gegeben wurde , wie die Seen und Flüsse und das Meer voll Schiffe wie die Landstraßen voll Wanderer und die Märkte voll Kaufleute waren . Er berichtete , wie die Schätze der Nationen wie heute hin und her getragen wurden , und dann - dann sprach er von dem großen Hunger der Welt . Die schönen Götterbilder in den herrlichen Tempeln waren Masken , die kein Leben hatten . Die Priester , welche ihnen dienten , spotteten ihrer und des Volkes , das vor ihnen kniete ; die Weisen und Klugen aber schämten sich der Götter und der Priester . Die Welt war zu einem Durcheinander geworden , in dem es keinen Halt mehr gab . Frieden fand der Mensch weder in seinem Herzen noch in seinem Hause , noch draußen auf dem Markte . In dem römischen Kaiserreich hatte die Menschheit sich an sich selber verloren , sie lag in Ketten unter dem Purpurmantel , der ihre blutenden , zerschlagenen Glieder deckte ; der Himmel war dunkel über ihr , und das Licht , das von ihrem goldenen Diadem ausging , war nur das fahle Leuchten in der Nacht des Todes . Trotz aller Pracht und Bewegung des Lebens war die Erde wüst und leer geworden wie vor dem Erschaffungswort . Ehrn Josias Tillenius sagte das in Worten , die seine Gemeinde verstand Es wagte niemand , sich zu regen ; man hörte nur das schnellere Atmen der Zuhörer , und als der fast hundertjährigen Urgroßmutter Margarete Jörensen , die allein schlummerte in der Versammlung und nach einem früheren Gebot des Predigers unter keiner Bedingung geweckt werden durfte , das große Gesangbuch vom Schoß rutschte und zu Boden fiel , ging es wie ein jäher Schrecken durch jedes Herz , und die abgehärtetsten Seeleute fuhren zusammen . » Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen ! « Es war , als ob das Wort den Bann , der auf dem Volk von Grunzenow lag , löste , wie einst die Fesseln der ganzen Menschheit . Über der Hütte zu Bethlehem stand der Stern der Erlösung ; der Heiland war in die Welt des Hungers geboren worden ; der Schmerzenssohn der Menschheit , der Sohn Gottes , der die Sünde seiner Mutter auf sich nehmen sollte , war erschienen ; und vom Felde kamen die armen Hirten , denen die Könige und Weisen erst später folgten , hergelaufen , um das Kind in der Krippe zu begrüßen , dieses Kind , das nun noch mit in die Register der Bevölkerung des römischen Reiches , die der Kaiser Augustus anfertigen ließ , aufgenommen werden konnte . Nun war die Zeit erfüllt und das Reich Gottes erschienen . Die hungrige Menschheit aber reckte die Hände auf nach dem » Brot , das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt « . Der Himmel , der so finster und leer gewesen war , öffnete sich über den Kindern der Erde : alle Völker sahen das große Licht - die Menschheit riß die Krone von dem gedemütigten Haupt und warf den Purpurmantel von den Schultern . Sie schämte sich ihrer blutenden Wunden , ihrer gefesselten , zerschlagenen Glieder nicht mehr - sie kniete und horchte . Wahrheit , jauchzte es vom Aufgang ; Freiheit , jauchzte es vom Niedergang ; - Liebe ! sangen die Engel um die Hütte , in welcher die Erbtochter des Stammes David und Joseph , der Zimmermann von Nazareth , den Hirten das Kind zeigten , das in der Nacht geboren worden war . Ehrn Josias Tillenius aber zeigte es jetzt den Kindern seines Dorfes ; denn das Weihnachtsfest ist das Fest des Kindes , welchem die erhabenen Ostern fremd bleiben , bis es über den ersten wahren Schmerz nachdenken mußte . In die Weihnachtsworte aber , die der alte Prediger zu den Kindern sprach , dämmerte der neue Tag . Es wurde Dämmerung vor den Fenstern der kleinen Kirche , und das Licht der Lampen und Wachskerzen erbleichte vor dem rosigen Schimmer , der den Winterhimmel überzog . Wieder erklang die Orgel , die Gemeinde von Grunzenow sang den Schlußvers des Weihnachtsliedes , die Kirche war zu Ende . Hans und Fränzchen standen auf dem Kirchhofe neben dem Prediger und dem alten Oberst , und alle Grunzenower , die an ihnen vorübergingen , um wieder in das Dorf hinabzusteigen , nickten ihnen zu oder kamen auch wohl heran , um ihnen die Hand zu geben und sie in ihrer Mitte willkommen zu heißen . Röter und röter färbte sich der Himmel , die Lichter des Dorfes erloschen in der Dämmerung wie die Lichter in der Kirche . Die Orgel schwieg , der Küster kam auch lächelnd-scheu , den Kandidaten Unwirrsch zu beglückwünschen . Es wurde Tag , aber die Stimme des Meeres verklang nicht . Die letzten Bewohner des Dorfes hatten sich entfernt ; Ehrn Josias Tillenius sah auf das Brautpaar und sagte dann : » Kommt , Oberst ! Ihr müßt mir wie gewöhnlich Euren Arm leihen . Die jungen Leute werden schon ihren Weg allein finden . « Der Oberst von Bullau sah auf Hans und Fränzchen und zog die Hand des alten Freundes unter seinen Arm . Auch der Pastor und der Herr von Bullau stiegen herab von dem Kirchhofe ; - Hans und seine Braut standen allein unter den schneebedeckten Gräbern . Sie standen und hielten einander fest umschlungen . Zu gleicher Zeit kam beiden derselbe Gedanke , daß sie dereinst auch auf diesem kleinen Kirchhof liegen und schlafen würden ; aber sie lächelten und sehnten sich nicht fort . Arbeit und Liebe ! zitterte es durch ihre Herzen , und sie wußten , daß ihnen beides gegeben worden war . Klar kam der Tag vom Osten ; über der See zerrissen die Nebel - von der Freiheit sang das Meer , von der Wahrheit sang die Sonne ; die Welt aber gehörte nicht dem Doktor Theophile Stein , der einst Moses Freudenstein hieß ; über den Gräbern des armen Dorfes Grunzenow standen Johannes und Franziska und fürchteten in der Liebe weder das Leben noch den Tod . Fünfunddreißigstes Kapitel Herbst ! Auf alle Höhen Nun ist ' s geschehen ; - Da wollt ich steigen , Aus allen Räumen Zu allen Tiefen Hab ich gewonnen Mich niederneigen . Ein holdes Träumen . Das Nah und Ferne Nun sind umschlossen Wollt ich erkünden , Im engsten Ringe , Geheimste Wunder Im stillsten Herzen Wollt ich ergründen . Weltweite Dinge . Gewaltig Sehnen , Lichtblauer Schleier Unendlich Schweifen , Sank nieder leise ; Im ew ' gen Streben Im Liebesweben , Ein Nieergreifen - Goldzauberkreise - Das war mein Leben . Ist nun mein Leben . Diese Reime standen mit abgebrochenen Sätzen in Prosa , Gedankenbruchstücken aller Art , griechischen und hebräischen Schriftschnitzeln und sonstigem Federwirrwarr auf ein und demselben Blatte . Dieses Blatt aber lag auf dem Schreibtische des Pastoradjunkt Unwirrsch , und der Pastoradjunkt saß davor , stützte die Stirn mit der Hand und blickte durch das offene Fenster auf die im verschleierten Sonnenlicht glitzernde See , auf der weiße Pünktchen - die Segel der Fischerboote von Grunzenow - hin und her glitten . Herbst ! Von dem verschleierten Kirchhof waren Hans und Fränzchen am Christmorgen des vergangenen Jahres niedergestiegen in eine stille , glückliche Zeit der Arbeit und Liebe . Auf dem Haus Grunzenow veränderte sich unter dem lieblichen Wirken des jungen Mädchens das Leben sehr zu seinem Vorteile , und das wilde Volk wäre bald für sein Fräulein durch Wasser und Feuer gegangen . Die alten Herren in den Bilderrahmen drehten nicht ihre verdunkelten Visagen der Wand zu ; es fehlte wenig , daß Grips jetzt behauptet hätte , sie lachten , als hingen ihre Damen nicht neben ihnen . Grips war in die Bande des Fränzchens gefallen wie jeder Bewohner des Dorfes und Kastells ; es war ihm angetan , wie er sagte , und wir müssen zu seinem Lobe melden , daß er den Zauber mit grimmiger Vergnüglichkeit trug und daß er niemals mehr von seiner martialischen Gravität verlor , als wenn des Fräuleins Stimme bittend oder dankend erklang oder ihre kleine Hand winkte . Wenn in dieser Weise die Dienerschaft dem magischen Einfluß unterlegen war , so kann sich jedermann leicht vorstellen , wie leicht das Dasein dem Obersten und dem Oheim durch das » Kind « gemacht wurde Der Oberst von Bullau hatte wiederum sich » das so nicht gedacht « ; er war glücklich und nur ein wenig eifersüchtig auf den Leutnant , der überglücklich war . Es war rührend , zu sehen und zu fühlen , wie zart die beiden alten Kriegsleute mit dem Mädchen umgingen , wie einer den andern in Sorglichkeit und Aufmerksamkeit zu überbieten trachtete und wie sich der » Liebling « wehren mußte , daß sie das Haus Grunzenow seinetwegen nicht auf eine andere Stelle trugen . Des Obersten Kopf summte und brummte von den wunderlichsten Plänen und Vorschlägen , wie man das wüste Nest zum Paradies machen könne ; in jeder Nacht fiel ihm » etwas « ein , und an jedem Morgen rückte er mit » etwas « heraus , was nicht immer so höchst praktisch , angenehm und leicht ausführbar war , wie er es sich vorstellte . Grips , der künstliche Mann und » Faktotus « , hatte niemals so hoch in der Achtung seines Herrn gestanden als jetzt . Seine Talente für Malerei , Schreinerei , Gärtnerei und höhere Dekorationskunst wurden alle Augenblicke in Anspruch genommen ; der Oberst von Bullau entwickelte selber Farbensinn und strich die unmöglichsten Dinge so bunt als möglich an . Noch niemals war seine Burg so sehr wie jetzt sein Haus gewesen ; er vergaß nicht nur den Polnischen Bock zu Freudenstadt , er vergaß sogar die Neuntöter in ihrem Neste darüber . Die Pelzstiefel des Leutnants Rudolf wurden auf die Rauchkammer gebracht , um sie gegen die Motten zu schützen , der Rollsessel wurde in die Polterkammer gerollt , das Podagra wanderte aus und zog zu Leuten , die seines Besuches würdiger waren . Der Leutnant marschierte frisch wie ein Jüngling umher und freute sich seines Fränzchens und seines Lebens ; die heitere Gegenwart ließ ihn alle Trübnisse der Vergangenheit leicht vergessen . Er hatte seinen Bruder zugleich betrauert und wegen seiner Erlösung beglückwünscht ; von Kleophea sprach er wenig , doch , wenn es geschah , nie gehässig , sondern bedauernd und mild entschuldigend . Nur wenn der Name seiner Schwägerin und Theophiles genannt wurde , fuhr er auf und schnaubte Grimm , Zorn und Verachtung ; aber es wurde auf Grunzenow von der verwitweten Geheimen Rätin Götz , geborener von Lichtenhahn , sowie von dem Doktor Stein wenig gesprochen . Die Gefühle und Auslassungen des alten Herrn gegen den Verlobten seiner Nichte waren anfangs sehr wechselnder Natur und verfestigten sich erst um die Zeit des längsten Tages in gleichmäßiger Gemütlichkeit . Wenn er ein wenig eifersüchtig auf den Obersten war , so war er auf den armen Hans sehr eifersüchtig , Der lächelnde Gott , welcher die Karte , die der schlaue Alte so fein in das Spiel schob , so glänzend bedient hatte , lächelte gewiß wieder über den Seelenprozeß , dem der Leutnant Rudolf anheimfiel . Auf das grenzenloseste Erstaunen folgte die langatmige , zweifelnde Verwunderung über sich selbst und die Welt ; der weisen Betrachtung , daß Geschehenes sich schwer ändern lasse , folgten die bekannten philosophischen Versuche , das Ding im rechten und besten Lichte zu betrachten . Erst um die Zeit der ersten Tag- und Nachtgleiche war der Onkel Rudolf so weit in seinen Beweisführungen gekommen wie der Oheim Grünebaum in ähnlichen Fällen , nämlich , daß er frischweg gegen sich und die Welt behaupten konnte , er habe den Kandidaten Unwirrsch nur deshalb von Kohlenau geholt und in das Haus des Bruders geführt , damit er sich in das Fränzchen und das Fränzchen sich in ihn verliebe . Indem er auf diese Weise die Leiter der Selbstüberwindung hinaufstieg , wuchsen mit den wachsenden Tagen des jungen Jahres seine Heiterkeit und Selbstzufriedenheit so sehr , daß sie am längsten Tage ebenfalls unmöglich mehr zunehmen konnten . Herbst ! - In den Versen , die zu Anfang dieses Kapitels stehen , hat Hans eigentlich alles gesagt , was wir über seine vita nuova am Strande der Ostsee berichten können ; aber wenn sich auch sein Leben im » engsten Ringe « zusammengezogen hatte , so war es doch kein enges Leben . Er hatte sich so sehr nach der rechten , tüchtigen Arbeit gesehnt ; nun hatte er sein gutes , volles Teil davon erlangt und tat seine Pflicht , wie ein echter Mann sie tun soll . Nachdem ein hochehrwürdiges Oberkonsistorium und die Regierung sein Adjunktentum bestätigt hatten , lud ihm der greise Tillenius lächelnd ein gut Teil seiner Amtsbürde auf den Rücken , und bereitwilliger hatte Hans Unwirrsch noch niemals eine Last auf sich genommen . Trotzdem daß er ein Mann aus dem Binnenlande war , war das seefahrende Volk mit seinen Predigten zufrieden und gewann ihn lieb . Er taufte das erste Kind und legte die erste Leiche in die Erde , er gab das erste Paar zusammen und hatte sich nur selten von Ehrn Josias Tillenius sagen zu lassen , daß weder er - Ehrn Josias - noch die Leute von Grunzenow ihn - den Herrn Pastoradjunkt - verstanden hätten . Solch einen Frühling und solch einen Sommer wie im ersten gesegneten Jahre seines Wohnens in Grunzenow hatte er noch nicht erlebt . Alle Herrlichkeiten des Traumes reichten nicht an die Wirklichkeit dieser goldenen Tage seines Bräutigamsstandes am Ufer der Ostsee . Klar und mutig sah er in das Leben ; alles Unbestimmte und Schwankende , welches Natur und Schicksal in seinen Charakter gelegt hatten , suchte er mit männlichem Willen von sich zu weisen . Soviel er dem Glücke zu verdanken hatte , soviel und mehr suchte er durch treues Bemühen und ernstestes Streben zu verdienen . Der unbestimmte Hunger seiner Jugend war nun zu dem ruhigen , überlegten , still anhaltenden Streben geworden , das , in den Millionen wirkend , die Menschheit auf ihrer Bahn erhält und weiterführt . Johannes Unwirrsch hatte das Leben wohl kennengelernt im Guten wie im Bösen . Nun waren die Kreise , die er durchwandert hatte , mit allen ihren Gestalten , lieblichen wie schreckhaften , versunken ; er stand nun inmitten des Ringes , den sein Wirken ausfüllen sollte . Es war ihm nicht gleichgültig , daß ihn kein Band mehr an die Heimatstadt fesselte , daß er aus der Kröppelstraße in das neue Leben nichts mit hinübernehmen konnte als die süße , wehmütige Erinnerung an die glänzende Glaskugel , welche vordem über seines Vaters Tische hing . Diese Glaskugel warf ihren Schein jetzt über das Leben , welches der Meister Anton Unwirrsch in seinen Träumen vom wahren Dasein auf Erden aufbaute ; aber kein Geschlecht der Menschen reicht weit genug in die kommenden Geschlechter , daß es seine Ideale , die dann selten noch die ganzen Ideale sind , erfüllt sähe . - Herbst ! Die Tage des Frühlings und des Sommers waren vorüber ; aber die Sonne des Herbstes leuchtete so lieblich wie je , und Land und Meer freuten sich ihrer . Der Adjunktus am offenen Fenster jedoch hatte das Recht , ihrer trotz aller Holdseligkeit nicht zu achten ; man schrieb den siebenten September , und morgen , am achten September , einem Sonntag , sollte seine Hochzeit sein . Er hatte die Reime nicht in dem Augenblick gemacht , in welchem er sie zwischen die andern Gedankenschnitzel hinkritzelte . Der Pastor Tillenius hatte den Hochzeitstag ausgewählt und bestimmt ; der Pastor Tillenius hatte dem Onkel Rudolf und dem Oberst von Bullau die Einwilligung künstlich und diplomatisch genug abgelockt und sie festgehalten , als die beiden alten Herren sie zurücknehmen und » ihr Mädchen « aus ihrem Kastell nicht herausgehen wollten . Der Pastor Tillenius , gestützt auf den apostolischen Satz : » Ein Bischof soll sein eines Weibes Mann « , hatte das Feld gegen die beiden hartnäckigen , eigensinnigen Kriegsmänner behauptet . Es stand fest , daß das Fränzchen das Haus Grunzenow verlassen und auf die Hungerpfarre ziehen müsse ; - das Fränzchen hatte ja ebenfalls seine Einwilligung dazu gegeben , und dies war im Grunde ja doch das Wichtigste . Herbst ! Was war alle Wonne des Frühlings und des Sommers gegen die Seligkeit , die der Herbst zu geben versprach ! Es war , als ob alle Zugvögel im Lande bleiben müßten , um die Hochzeit und die Flitterwochen mitzufeiern . Nachdem sich Haus Grunzenow in das Unabänderliche gefunden hatte , zog es unendliches Vergnügen aus der Notwendigkeit und stürzte sich wieder mit einem Eifer , der alles hinter sich zurückließ , in die Vorbereitungen zu dem festlichen Tage . Der Oberst befand sich Tag und Nacht in einem gelinden Fieber , der Leutnant in einem ähnlichen Zustand ; aber wahrhaft groß war Grips , der Mann für alles . » Wer preist genug des Mannes kluge Hand ? « Hier schlug sie einen allzu » unbegrifflichen « Hofjungen » hinter den Löffel « ; dort schlug sie wohlüberlegt einen Nagel ein , um zierlich eine selbstgewundene Girlande daran aufzuhängen . Grips hatte etwas gelernt auf seinen Feldzügen .. Im Dorfe regte es sich ebenfalls . Alt und jung wollten das Ihre dazu tun , den achten September zu einem Gedenktag in der Chronik von Grunzenow zu machen ; - wochenlang vorher waren die Frauen und Mädchen in Bewegung , wochenlang vorher schlief der Küster , welcher der lieben Jugend die Hochzeitskantate einstudierte , sehr schlecht vor innerer Aufregung und allzu lebendigen Träumen von Gelingen und Glorie , von Mißlingen , Schmach und Jammer . Ehrn Josias Tillenius verfertigte seine Hochzeitsrede , und da er die schönsten , wenn auch traurigsten Erinnerungen seines eigenen Lebens , sein ganzes , gutes , altes , volles Herz dazu gab , so geriet sie vortrefflich , ohne niedergeschrieben oder auswendig gelernt zu werden . Am siebenten September waren alle Vorbereitungen beendet ; es mangelte auf Haus Grunzenow weder an Speisen noch an Getränk ; die Pfosten und Säulen waren bekränzt , die Türen standen offen , den Hochzeitsjubel herein- und die Braut herauszulassen . - Lichtblauer Schleier Sank nieder leise ; Im Liebesweben , Goldzauberkreise - Ist nun mein Leben , hatte der Bräutigam in seinem Studierstübchen auf der Hungerpfarre auf das bekritzelte Blatt geschrieben . Es war alles bereit , und das Fränzchen legte leise dem Verlobten die Hand auf die Schulter , sah