und deshalb , liebes Weibchen , wär ' es recht gut , Du verschafftest uns Thee mit Rum , anstatt hier zu stehen und mit offenem Munde den Schreckensnachrichten zu lauschen . Sophie fiel ihrem Gatten um den Hals , drückte ihm einen Ruß auf die Lippen und eilte zur Thür hinaus , um das Abendbrod zu besorgen . Die beide Freunde setzten sich unterdessen auf das Sopha und besprachen mit Ernst und Gründlichkeit ihre eigenen und die öffentlichen Angelegenheiten . Vierzigstes Capitel Es war heute Abend kaum noch ein Platz zu haben in den vier oder fünf großen Räumen , aus welchem der » Dustre Keller « bestand . Elise , Bertha und Pauline , die Schenkmädchen , hatten zu thun , wenn sie jedem durstigen Gast das gefüllte Seidel bringen und bei jedem sich wenigstens doch so lange aufhalten wollten , bis er Zeit gehabt , ihnen in die Wangen zu kneipen oder mindestens ein verbindliches Wort zu sagen . Die Wirthin des Kellers hatte eben ihren Platz hinter dem Buffet verlassen , um die Runde durch den Keller zu machen , hier einem Bekannten vertraulich auf die Schulter zu klopfen , dort einen Fremden willkommen zu heißen , hier ein enthusiastisches Lob über die Trefflichkeit des Biers huldvoll entgegen zu nehmen , dort einen etwaigen Tadel dadurch zu entkräften , daß sie das Glas des Klägers an dem Mund führte und daraus einen Schluck that , der für einen durstigen Waidmann eben recht gewesen wäre . So war sie denn jetzt auch an ein paar Männer herangetreten , die in einer Ecke allein an einem kleinen Tische saßen und , die Köpfe zusammensteckend , sich im Flüsterton mit einem Eifer unterhielten , der deutlich genug bewies , daß der Gegenstand ihres Gespräches für sie von ungewöhnlichem Interesse war . Nun , Schmenckelchen , wie geht ' s ? sagte Frau Rosalie , die fette Hand auf die breite Schulter des starken Herrn im Sammetrock legend ; mir däucht , Ihr seht ein wenig echauffirt aus . Trinkt nur nicht zu viel , damit Ihr hernach Eure Kunststücke ordentlich macht . Ihr habt heute ein großes Publicum . Ich fürcht ' ich werd ' heute Abend nicht Gescheidtes mehr zusammenbringen ; sagte der Director , dessen aufgedunsenes Gesicht sehr stark geröthet war , mit lallender Zunge . Aber , Schmenckel , Ihr habt es ja versprochen ! erwiderte Frau Rosalie , und ihre Augen blickten nichts weniger als freundlich ; eine Liebe , wißt Ihr , ist der andern werth . Mein Freund Schmenckel besinnt sich noch , verehrte Frau ! sagte der Begleiter des Directors ; er ist für den Augenblick nur etwas angegriffen von einem Rencontre , das wir von einer Stunde Unter den Akazien gehabt haben . Uebringens freue ich mich ganz ausnehmend , verehrte Frau , daß ich durch Herrn Schmenckel Ihre neue Adresse erfahren habe ; ich habe Sie nach Ihrer alten seit zwei Tagen in der ganzen Stadt vergeblich gesucht . Frau Rosalie Pape warf einen prüfenden Blick auf den Sprecher . Es lag in seiner ganzen Erscheinung und in seiner Art zu sprechen ein Etwas , durch welches sie sich angenehm berührt fühlte . Mit wem habe ich das Vergnügen ? fragte sie . Ganz auf meiner Seite ! Wollen Sie uns nicht für einen Augenblick die Ehre ihrer Gesellschaft gönnen ? sagte der junge Mann , Frau Rosalien den noch unbesetzten dritten Stuhl am Tische präsentirend ; mein Name ist Albert Timm - aus Grünwald - ich habe einen Empfehlungsbrief an Sie von einem alten Freunde , der Sie bestens grüßen läßt . Darf ich mir erlauben , dieses Document in Ihre schönen Hände zu legen ? Und Herr Timm überreichte der Frau einen unversiegelten Brief , den er aus einer sehr schäbigen Brieftasche genommen hatte . Frau Rosalie schien über diese Mittheilung ein wenig betreten . Sie warf abermals einen noch schärfer prüfenden Blick auf den Fremden , entfaltete den Brief , wandte sich so , daß das Licht der Gasflamme darauf fiel und las : Liebe Rosalie , Ueberbringer dieses ist ein sehr guter Freund von mir , dem du unbedingt vertrauen kannst . Er wird dir in Beziehung auf die * witzer Geschichte eine Mittheilung machen , daß Dir die Augen übergehen werden . Wenn du und Jeremias ihm beistehen wollt , zweifle ich nicht , daß wir einem gewissen Erben zu seiner Erbschaft und uns zu einem Profit verhelfen können , der sich gewaschen hat . Adies ! Es mag dir immerhin wohl gehen , aber auch Deinem , Dich noch immer zärtlich liebenden T.G. Sie kennen die Hand ? fragte Herr Timm , als die Frau , nachdem sie den Brief zweimal sorgfältig gelesen , und dann nicht minder sorgfältig zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt hatte , jetzt mit einem mißtrauischen Blick zu ihm ausschaute . Die Hand kommt mir allerdings bekannt vor , erwiderte sie . Vorläufig die Hauptsache . Das Uebrige will ich Ihnen zur gelegenen Zeit schon sagen . Ich hoffe , daß Sie mir noch heute Abend das Vergnügen und die Ehre einer Vertraulichen Unterhaltung gewähren . Ich bin überzeugt , daß wir vor morgen früh die besten Freunde sind . Die Zuversicht und Bestimmtheit in dem Auftreten des jungen Mannes imponirte Frau Rosalie entschieden . Sie erwiderte den vertraulichen Druck von Alberts Hand und erhob sich , da gerade in diesem Augenblick eines der Mädchen des " Dustern Kellers " herantrat , zu melden , daß man am Buffet nach der Gebieterin verlange . Albert wandte sich zu Schmenckel , welche in seine Gedanken so vertieft war , daß er der Unterredung zwischen seinem Freunde und Frau Rosalie wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte , und sagte , die Abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehmend : Ich begreife nicht , wie Sie auch nur einen Augenblick zweifeln können . Ich sage Ihnen , wie Ihr Euch so einander gegenüber standet , fiel mir die Aehnlichkeit auf , obgleich ich in dem Augenblicke wahrhaftig nicht viel Zeit hatte , lange Beobachtungen zu machen . Ich gebe zu , der Zufall ist ganz wunderbar , der Euch nach so vielen Jahren zum ersten Male , ohne das Ihr von Eurer gegenseitigen hochverehrlichen Existenz auch nur eine Ahnung habt , an diesem Orte und zu dieser Stunde zusammenbringt ; aber was ist ' s denn weiter ? ich habe allen Respekt vor dem Zufall , denn er hat mir schon oft im Leben aus der Patsche geholfen , wenn ' s mit allem Verstand der Verständigen Matthäi am letzten war . Und dieser Zufall ist zu famos , als daß er nicht etwas mehr als bloßer Zufall sein sollte . Und was ist ' s denn schließlich so Wunderbares ? Sie sind vor zweiundzwanzig Jahren der Galan eines wollüstigen Weibes . Der Gemahl ist während der ganzen Zeit verreist und kommt nur nach Hause , um nachzusehen , wie groß die Hörner sind , die feine treue Gattin für ihn in Bereitschaft hat , und sich nebenbei von dem Galan zum Fenster hinauswerfen zu lassen . Die Dame hat in ihrer Ehe nur ein Kind gehabt und dieses einzigen Kindes Alter stimmt auf ein Haar . Sie sind , sagen Sie , im Herbst Achtzehnhundertfünfundzwanzig in Petersburg gewesen , und der Fürst ist im Juni sechsundzwanzig geboren . - Woher wissen Sie denn das aber ? fragte Herr Schmenckel und kraute sich ungläubig den dicken Kopf . Ich sage Ihnen , Mann , daß ich es weiß . Das kann Ihnen doch genug sein . Und gesetzten Falls , der Bursche wäre Ihr Sohn nicht , so - Aber warum sollt ' er denn nicht mein Sohn sein ? rief Herr Schmenckel und schlug mit seiner schweren Faust auf den Tisch ; seh ' ich aus , als ob ich dazu nicht im Stande wäre ? Albert nahm die Brille ab , wischte die Gläser rein , setzte sie sich wieder auf , schaute lachend in des Seiltänzers hochgeröthetes Gesicht und sagte gemüthlich : Hört mal , Alter , Ihr seid der närrischste Kauz , der mir in meinem Leben begegnet ist . Erst spreche ich mich vergeblich heiser , um Euch zu beweisen , das Ihr der Vater von diesem hoffnungsvollen Jüngling seid , und bei der bloßen Annahme , Ihr wäret es nicht , werdet Ihr grob und prügelt mich am Ende noch durch . Ich wollte aber nur dies sagen : gesetzten Falls , der Bursche ist nicht Euer Sohn , so kommt darauf auch nicht so viel an . Wir wollen vorläufig einmal auf den Busch klopfen , vorläufig einmal anfragen , ob sich die gnädige Frau Fürstin noch eines gewissen Herbstes in Petersburg erinnert und so weiter , und so weiter - ich setze meinen Kopf gegen einen hohlen Kürbis : wir jagen sie in ' s Bockshorn , das ihnen die Rubel nur so aus den Aermeln fallen . Aber werden Sie uns nicht die Polizei auf den Hals schicken ? meinte Herr Schmenckel , den Kopf schüttelnd . Pah ! sie werden froh sein , wenn sich kein Dritter hineinmischt ! Es giebt für Leute wie wir keinen besseren Bundesgenossen , als so ein schlechtes Gewissen - ich sage Ihnen , ich habe Erfahrung in diesem Fach . Herr Schmenckel dachte über den verzwickten Fall so tief nach , das ihm der Kopf glühte . Plötzlich kam ihm ein Gedanke , der , wenn auch nicht Licht in die räthselhafte Angelegenheit , so doch in den Charakter seines neuen Freundes werfen konnte . Aber , sagte er , was habt den nur Ihr eigentlich für ein Interesse an der ganzen Geschichte ? Pfui , Herr Director , antwortete Albert mit großer Indignation ; eine solche Frage hätte ich Ihnen nicht zugetraut ! Haben Sie mich nicht aus den Klauen der Soldaten gerettet ? Wäscht eine Hand nicht die andere ? giebt ' s auf der Welt nicht ein solches Ding , wie Dankbarkeit ? Wenn Sie partout ein armer Teufel bleiben und auf den Jahrmärkten herumziehen wollen , während Sie eine anständige Pension von einigen Tausend Rubeln jährlich in Ihrem eigenen Hause verzehren und in Ihrer eigenen Equipage fahren können - mir ist es recht ! Verzeihen Sie , daß ich Sie mit diesen Dingen behelligt habe , und lassen Sie uns von etwas Anderem sprechen . Aber so nehmen Sie doch Vernunft an , rief Schmenckel ängstlich ; es fällt mir ja gar nicht ein , es Ihnen irgendwie übel zu nehmen , daß Sie mich partout zu dem Vater von einem Fürsten machen wollen . Aber das ich einen so vornehmen Sohn hab ' und gleich das erste Mal , daß ich ihn erschau ' , sollt ' durchgewammst haben , das ist doch dann so erstaunlich , wenn Caspar Schmenckeln das Andere erzählen thäten , er glaubt ' s nimmer . Ich sehe nicht ein , sagte Albert , weshalb das erstaunlicher ist , als daß ich von den Tausenden in der Volksversammlung ganz zufälligerweise Euere Bekanntschaft mache , daß wir unter tausend Officieren gerade dem Fürsten in den Weg laufen , ich ihn ganz zufälligerweise von früher her kenne , seinen Namen weis , Ihnen den Namen nenne und Sie an den Namen eine Reminiscenz aus ihrem Wanderleben knüpfen , die uns zu einer so unbezahlbaren Entdeckung verhilft . Ich kann Sie versichern , daß ich im Anfang fast eben so erstaunt gewesen bin , wie Sie , aber dergleichen dauert bei mir , Gott sei Dank , nicht lange . Albert warf sich in seinen Stuhl zurück und stocherte sich die Zähne . Schmenckel betrachtete mit unendlicher Verwunderung , in die sich eine Art von Grauen mischte , den Mann , der sich selbst durch eine so außerordentliche Begebenheit nicht aus der Fassung bringen ließ . Es war mehrere Stunden später . In dem " Dustern Keller " , in welchem es heute nacht sehr lebhaft zugegangen , waren nur noch wenige Gäste hier und da zerstreut , kleine Gruppen von drei und vier Personen - Leute von zum Theil wunderlichem Aussehen , Männer in schäbiger , manchmal phantastischer Kleidung mit verwüsteten , interessanten Gesichtern , aus denen die Augen bald in Leidenschaft aufblitzen , bald stumpfsinnig in ' s Leere starrten - seltsame Gestalten , die , ohne daß sie den Mund öffneten , dem kundigen Auge lange Geschichten erzählten von stolzen Plänen und kindischen Thaten , von großen Talenten und noch größerer Lüderlichkeit , hohem Stolz und tiefer Schande , sinnloser Schwelgerei und nagendem Hunger , von unerhörten Anstrengungen eines Fleißes , der zu dem Schicksal des Sisyphus , und eines Ehrgeizes , der zu den Qualen des Tantalus verurtheilt ist , bis Fleiß und Ehrgeiz und jede Tugend , ja , jede Regung in dem Sumpfe apathischer Gleichgültigkeit versinkt . Doch auch diese Gruppen lösten sich allmählig auf ; eine Flamme nach der andern wurde von den armen Mädchen ausgelöscht , die schon seit einer Stunde hier und da in der Ecken , mit den hübschen Köpfen auf den runden Armen , geschlafen hatten , und zuletzt war Niemand mehr da , als Herr Schmenckel , der auf einem der Sophas schnarchte , und zwei andere Herren , welche mit der Wirthin des Locals an einem runden Tischchen bei einer Flasche Champagner saßen . Der eine dieser Herren war Albert Timm , der andere ein Mann in mittleren Jahren , der erst vor einer Stunde etwa gekommen und von Frau Rosalie Herrn Timm als der Bruder seines Grünwalder Wirthes , Herr Jeremias Gutherz , vorgestellt worden war , und den Albert seiner Kleidung und seinem ganzen Aussehen nach für einen kleinen Bürger in nicht unebnen Verhältnissen gehalten haben würde , für eine Gewürzkrämer vielleicht , oder Tabakshändler , wenn nicht in den schmalen , von dichten Brauen überschatteten Augen ein Etwas gelegen hätte , das anzudeuten schien : die Beschäftigung des Herrn sie keine ganz so harmlose , zum mindesten nicht immer eine so harmlose gewesen . Die drei Personen hatten eine sehr eifrige Unterredung geführt deren Resultat Albert jetzt zusammenfaßte . Es handelt sich also um zweierlei , sagte er ; einmal , uns einen Einblick in die Taufregister der St. Marienkirche , oder noch besser , eine vidimirte Abschrift des Taufzeugnisses zu verschaffen , zweitens um die Auffindung der Hauptperson in dieser Komödie , ich meine des Herrn Oswald Stein . Woraus wissen Sie denn aber , daß er sich hierher wenden wird ? fragte der Mann mit den seltsamen Augen . Ich vermuthe es nur . Er schrieb mir vor acht Tagen aus Paris : er könne sich dort nicht mehr halten und müsse suchen , der Heimath näher zu kommen , so lange er die Reise noch bezahlen könne . Mir scheint es unzweifelhaft , daß er sich hierher gewandt hat , oder wenden wird , wo er , wie ich von ihm selbst weiß , schon als Student literarische Verbindungen der verschiedensten Art angeknüpft hatte und deshalb noch am leichtesten hoffen darf , für sich und seine Holde Subsistenzmittel herbeizuschaffen . Nur glaube ich nicht , daß er unter seinem wahren Namen auftreten wird , um sich nicht etwaigen unangenehmen Begegnungen mit den Verwandten der Frau von Cloten , die ihm , wie ich weiß , überall nachspüren und ihn hier sicher sehr bald entdecken würden , auszusetzen . Die Erledigung dieses Punktes überlassen Sie meinem Freunde hier ; sagte Frau Rosalie , dem Herrn mit den sonderbaren Augen die Hand vertraulich auf den Kopf legend ; und nun , Ihr Herren , glaube ich , ist es Zeit , daß wir uns trennen . Morgen ist auch wieder ein Tag . - Ja , aber was fangen wir denn mit dem dicken Kerl da auf dem Sopha an , der heute für zwölf getrunken hat ? Wir werden ihn nach Hause bringen müssen , wenn Sie , schöne Frau , nicht ein Plätzchen für ihn in Bereitschaft haben ; erwiderte Albert mit einem bezeichnenden Blick . Sie Schäker ! sagte die Dame , Albert in die Wangen kneipend ; ich werde Ihnen das lose Maul stopfen . Aber hoffentlich doch nur mit einem Kusse ! Sie loser Vogel ! rief die Frau und schien nicht übel Lust zu haben , das Mittel in Anwendung zu bringen . Albert wandte sich plötzlich zu Herrn Schmenckel und fing an , ihn erst schwächer , dann stärker und zuletzt aus allen Leibeskräften zu schütteln . Uff , lallte der Riese im Schlaf ; laßt mich los , ich will schon mit dem Bub ' fertig werden . Was will er ? sagte der Herr mit den sonderbaren Augen . O , er schwatzt im Schlaf , sagte Albert ; geben Sie mir einmal ein Glas Wasser , Elischen , ich glaube , das wird ihn am ersten zu sich bringen . Endlich stand der Koloß aufrecht da , und man gelangte , wenn auch nicht ohne einige Mühe , die Kellertreppe hinauf , auf die Straße . Die Nacht war sehr finster , kein Stern am Himmel sichtbar . Der Wind wehte in klagenden Stößen durch die öden Gassen und drohte die flackernden Gaslichter ebenfalls auszulöschen . Herr Schmenckel kam in der frischen Luft wenigstens so weit zu sich , daß er seine Begleiter zärtlich umarmte , ihnen ewige Freundschaft schwur und jeder hunderttausend Silberrubel versprach , sobald es sich aus sicher herausgestellt , daß der Fürst Waldernberg , den er heut ' Unter den Akazien durchgeprügelt , wirklich sein Sohn sei . So kamen sie an das Haus und schließlich auch in das Stübchen des Hintergebäudes , in welchem Herr Schmenckel seine Wohnung aufgeschlagen . Der Riese taumelte auf sein dürftiges Lager ; und seine beiden Begleiter entfernten sich , nachdem Herr Jeremias mit einer Blendlaterne die er zu Timms nicht geringer Verwunderung aus der Tasche zog , in alle Winkel des Zimmers geleuchtet , wo sonderbare Geräthschäften : eiserne Kugeln , Reifen von Messing , Stangen und Stäbe von allen Sorten , Trommeln und Trompeten und Flitterkram jeder Art in wüster Unordnung aufeinander geschichtet waren . Nun müssen Sie das Maß Ihrer Güte voll machen , sagte Timm , als sie wieder auf der Straße standen , und mir sagen , wie ich nach Hause komme . Ich wohne - Weißes Roß in der Falkenstraße Nr. 43 , nach hinten ; Unterbrach ihn Herr Jeremias Gutherz , indem er seine Laterne verschloß und in die Tasche steckte . Sind sie des Teufels , rief Herr Timm , unwillkürlich einen Schritt zurücktretend . Wie können sie meine Wohnung wissen , die ich hier noch Niemand gesagt habe ? Glauben Sie , das ein so bedeutender Redner der Volksversammlung unter den Buden uns lange unbekannt bleiben kann ? sagte der Mann mit der Blendlaterne . Uns ? wer ist uns ? fragte Timm . Das kann Ihnen gleich sein . Jedenfalls möchte ich Ihnen den Rath geben , Ihre Redeübungen lieber innerhalb Ihrer vier Pfähle zu halten , schon unserer Angelegenheit wegen , die arg in ' s Stocken gerathen möchte , wenn Sie eingesteckt würden . Pah , sagte Timm , glauben Sie denn , daß mir etwas an der Ruhm eines politischen Märtyrers liegt ? Ich habe den Leuten eine Rede gehalten , weil ich überhaupt gern rede , und zweitens , weil ich mich über die Spatzenköpfe ärgerte . Desto besser ; sagte der Andere trocken . Timm warf , indem sie eben jetzt unter einer Gaslaterne hinschritten , einen Blick auf seinen Begleiter , und der rätselhafte Ausdruck der Augen des Mannes und die Blendlaterne und das " Uns " wurde ihm plötzlich klar . Entschuldigen Sie , Herr Guthertz , sagte er : ich glaube von ihrem Herrn Bruder gehört zu haben , daß Sie ein sehr geschätztes Mitglied der geheimen Polizei sind . Der Mann mit den sonderbaren Augen lächelte : Ihr seid ein schlauer Fuchs ! sagte er , und habt eine seine Nase . Mein Bruder hat ' s Euch nun freilich nicht gesagt , denn der weiß nichts davon , und Rosalie auch nicht , denn die weiß es freilich , hat aber ihre Gründe , reinen Mund zu halten ; also - Wird ' s wir wohl der Teufel gesagt haben , unterbrach ihn Timm , dem diese gelungene Probe seines Scharfsinns die alte Sicherheit wiedergegeben hatte . Ich glaube , ich hätte es in Eurem Fache weit bringen können . Das käme vielleicht nur auf Sie an . Wie so ? Der Mann mit den seltsamen Augen antwortete auf diese Frage nicht , sondern sagte , als sie jetzt an einer Ecke angekommen waren : Das ist Ihre Straße . Ich komme heute Vormittag um elf Uhr zu Ihnen . Da wollen wir den die Angelegenheit weiter besprechen . Die Männer trennten sich . Ihr Fußtritt verhalte in den einsamen Straßen , während über die hohen Dächer schon das graue Morgenlicht herüberlugte . Einundvierzigstes Capitel In einem stattlichen Zimmer eines stattlichen Hôtels Unter den Akazien saßen am Abend des folgenden Tages Melitta und Oldenburg auf dem Sopha . Auf dem Tische brannte eine Lampe ; angezündete Lichter standen auf den Spiegeltischen und auf dem Sims des Kamins . Frau von Berkow erwartete heute Abend noch mehr Besuch , und Oldenburg hatte nur das Recht des Hausfreundes , vor der bestimmten Zeit zu kommen , in Anspruch genommen . Ich finde , Du bist heute Abend sehr schweigsam , Adalbert ! sagte Melitta , die Arbeit , an der sie genäht hatte , auf den Tisch legend und sich mit einem freundlichen Lächeln zu Oldenburg wendend : ich schwatze Dir von den Kindern vor , wie kräftig der Junge geworden ist und wie hübsch Czika in den modernen Kleidern aussieht , und du schaust d ' rein , wie - nun wie nur gleich ? Wie der Ritter von der traurigen Gestalt , ohne Zweifel ; wenigstens fühle ich mich so von dem Scheitel bis zur Sohle , erwiderte Oldenburg aufstehend und einen Gang durch das Zimmer machend . Daß ich nicht wüßte ! sagte Melitta ; ich dachte , Du nähmest Dich in diesem grauen Anzug nach der neuesten Pariser Mode ganz besonders stattlich aus . Ohne Scherz , Melitta ; ich bin in der That in einer traurigen Gemüthsverfassung . Das ist ein allerliebstes Compliment für mich , die ich nur Dir zu Liebe - hören Sie wohl , mein Herr , nur , um Ihnen eine , wie ich hoffte , angenehme Ueberraschung zu bereiten - aus meinem traulichen Nest die lange Reise mit den Kindern hierher mache in diese langweilige Stadt , und mir jetzt am Ende noch sagen lassen muß : Du hättest auch wohl zu Hause bleiben können . Willst Du es glauben , Melitta , daß mir dieser Gedanke wirklich gestern und heute schon ein paar Mal gekommen ist ? Das ist stark ! erwiderte Melitta und wußte im Augenblick nicht , ob sie die Worte Oldenburgs für Wahrheit oder für Scherz nehmen sollte . Der Baron lies sie nicht lange in dieser Ungewißheit ; er setzte sich wieder zu ihr , ergriff ihre Hand und sagte : Liebe Melitta , meine Worte klingen sehr hart , aber frage Dich selbst , ob ich als Mann nicht so fühlen und denken muß . Daß ich Dir für Deine Güte in tiefster Seele dankbar bin , das weißt Du , solltest Du wenigstens wissen . Auch daß Du für mich Deinen guten Ruf auf ' s Spiel setzest , schlage ich so hoch eben nicht an , denn es ist ein jämmerlich Ding um das Urtheil der Welt ; ich hab ' s mein Lebenlang verachtet . Es ist etwas ganz Anderes , was mich hindert , rechte Freude an diesem Wiedersehen zu haben ; und ich will Dir offen sagen , was dieses Etwas ist . Sieh , Melitta , es ist dem Manne angeboren , daß er für das , was er liebt , auch sorgen und schaffen will , ja noch mehr , daß er die Geliebte in einer gewissen Abhängigkeit von sich sehen will , ich meine : abhängig von seiner Kraft , seinem Muth , seiner Einsicht . An der Unmöglichkeit , das Verhältniß so zu gestalten , ist manche starke liebe schon gestorben , verzehrt sich manche starke Liebe . So auch meine Liebe zu Dir . Ich kann , wie die Sache jetzt liegt , nur , so zu sagen , im Vorbeigehen für Dich leben , sorgen und schaffen , nicht zu jeder Stunde , jeder Minute , wie ich es wünsche , wie ich es muß , wenn ich glücklich sein will . Auf dem Lande , wo wir , die Nachbarn ungestört und unbelauscht oft halbe Tage lang beisammen sein konnten , ging es noch : und dennoch war das Gefühl der Halbheit so peinlich für mich , daß ich den politischen Verhältnissen dankbar war und gern nach Paris ging , um mir einbilden zu können , es läge zwischen Dir und mir nur die Entfernung und weiter nichts . Hier nun aber , in der großen Stadt , überkommt mich das leidige Gefühl mit doppelter Gewalt ; ja , es ist , als ob der Moment , in welchem wir uns hier getroffen haben , ausgesucht wäre , mir das Verkehrte , das Geschraubte , das Unnatürliche unseres Verhältnisses so recht zu Gemüthe zu führen . Wir stehen hier auf einem Vulkan , der jeden Augenblick zum Ausbruch kommen kann . Schon schwankt der Boden unter unsern Füßen , und ehe noch viele Tage vergehen , werden wir unerhörte Dinge erleben . Ich zittere nicht vor der Entscheidung ; im Gegentheil , ich sehne sie herbei , denn sie ist nothwendig und wird für uns zum Heile ausschlagen . Aber um in den Tagen der Noth und Gefahr , die über unser Volk hereinbrechen , fest zu stehen , um ein ganzer Mann nach außen sein zu können , muß ich erst in mir selbst zur Ruhe kommen , und das kann ich unter diesen Verhältnissen nicht , das kann ich nur , wenn ich weiß , daß ich für Weib und Kinder rede , handle , kämpfe und , wenn es sein muß , falle . Des Barons Stimme zitterte , obgleich er sich augenscheinlich Mühe gab , so ruhig und überzeugend wie möglich zu sprechen . Er hatte sich noch näher zu Melitta gebeugt , die ihr schönes Haupt tief gesenkt hatte . Als er schwieg , blickte sie auf und zeigte Oldenburg ein bleiches , thränenüberströmtes Gesicht . Sie sagte mit leiser Stimme : Wollte Gott , Adalbert , ich könnte Dir , um Deinet- , um meinet- , um unser Aller willen , das Weib sein , dessen Du entbehrst . Weshalb kannst Du es nicht ? Du weißt es . Aber , Melitta , soll denn die Erinnerung an diesen Mann , den Du unmöglich noch Lieben kannst , von dem Du selbst sagst , daß Du ihn nicht mehr liebst , uns ewig trennen ! Hast Du dein Unrecht , wenn es unrecht war , dem Zuge eines Herzens , das sich frei wußte , zu folgen , - nicht durch tausend Thränen gesühnt ? Willst du mir nicht noch , was Du mir immer warst ? Und , wenn doch einmal zwischen uns abgerechnet werden soll , hast Du mir , wenn Du mir würdigst , Deine Gatte zu sein , nicht mehr zu vergessen und zu verzeihen , als ich Dir ? Ist es vernünftig , die Frau zu dem Opfer eines rigorosen Sittengesetzes zu machen , über das sich der Mann mit Leichtigkeit hingesetzt ? Wer hat dies unvernünftige Gesetz geschaffen ? Nicht ich , noch Du - was sollen denn Du und ich sich ihm beugen ? Ich sage Dir , der Tag der Freiheit , der heraufdämmert , wird diese und noch manche Satzung , die ein finsterer Mönchsinn ausgrübelte , die Natur zu knebeln und zu quälen , aufheben und die Blätter , auf denen sie verzeichnet stehen , in alle vier Winde wehen . Wenn dieser Tag kommt - und wenn er mir kommt , erwiderte Melitta : ich will ihn mit freudigem Herzen begrüßen . Ist es wirklich ein Wahn , was mich hindert , in Deine Arme zu fliegen , und zu sprechen : nimm mich , ich will Dein sein nun und immerdar ! - habe Mitleid mit mir ! ich leide ja eben so viel darunter , wie Du ; aber Adalbert : ich bin ein Weib ; und das Weib kann wohl auf den Tag der Erlösung hoffen und harren , aber für diesen Tag kämpfen , wie Ihr , kann es nicht . Und bis dieser Tag kommt , bis ich mich so frei fühle , wie ich mich fühlen muß , wenn ich mit Ehren die Deine sein will , muß es bleiben , wie es ist . Melitta hatte dies mit einer leisen , traurigen Stimme gesagt , und Oldenburg fühlte , das es Grausamkeit sei , weiter in sie zu dringen . Er nahm ihre Hand , küßte sie und sagte : Laß es gut sein , Melitta ! Ich bin geduldig . Und dann : der Tag der Erlösung , den Du erharrst , muß ja doch einmal kommen . In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet , und der alte Baumann meldete den erwarteten Besuch an . Melitta fuhr sich mit dem Taschentuche über die Augen , während Oldenburg Sophie entgegenging , die von ihren Gatten und Bemperlein begleitet , so eben zur Thür hereintrat . Melitta und Sophie sahen sich heute Abend zum ersten Male , aber man bemerkte nichts von der Förmlichkeit einer ersten Begegnung . Die beiden Damen hatten von einander ( besonders Sophie von Melitta ) so oft und so viel gehört , daß sie sich selbst bis auf die