ein wenig zu schwarz - Blos zu schwarz ? sagte der Doctor lachend ; ich sehe sie weder grau noch schwarz , ich sehe sie gar nicht ; ich bin blind , stockblind auf beiden Augen . Adieu , mon cher , adieu . Wenn Sie sich über kurz oder lang nicht mehr so kerngesund fühlen sollten , wie zu dieser Stunde - so schicken Sie nur zu mir ! Sie sollen sehen , daß ich nicht nur ein Arzt für die Gesunden bin , sondern auch für die Kranken . Mit diesen Worten eilte der Doctor zur Thür hinaus , und einen Augenblick später hörte Oswald das Knirschen der Räder seines Wagens auf dem Kies vor dem Portale . Einundvierzigstes Capitel Daß der Rath des Doctors vortrefflich sei , konnte Oswald um so weniger entgehen , als er noch vor kurzer Zeit über seine schiefe und ganz unhaltbare Situation in der Grenwitz ' schen Familie nicht viel anders gedacht hatte . Aber einen Ausweg aus diesem Labyrinth vermochte er nicht zu entdecken ; wenigstens nicht für den Augenblick . Er hatte in der letzten Zeit über seine Liebe zu Melitta alles Andere vergessen und an eine Veränderung , die ihn sofort von der Geliebten entfernen mußte , dachte er nicht , ja die Möglichkeit einer solchen hatte er immer als das größte Unglück angesehen . Und auch jetzt , wo durch Melitta ' s Reise und durch den wahrscheinlichen Tod des Herrn von Berkow die Gegenwart und die Zukunft gleich dunkel und verworren schienen , konnte er sich unmöglich über einen Punkt entscheiden , der für Melitta nicht weniger wichtig war , als für ihn selbst . Und dann , ganz abgesehen von seinem Verhältniß zu Melitta , hatte er so gar keinen stichhaltigen Grund , die Stellung , zu der er sich auf mehrere Jahre verpflichtet hatte , aufzugeben , daß er einen Bruch hätte gewaltsam herbeiführen müssen . Ein solcher kecker Schritt aber würde zu jeder Zeit für Oswald ' s Natur etwas Peinliches und Widerliches gehabt haben , und jetzt , wo die Baronin , gegen die er sich doch in einem solchen Falle wenden mußte , offenbar bemüht war , mit ihm , ebenso , wie mit aller Welt , in Frieden und Freundschaft zu leben , fehlte es ihm sogar an dem Allerwichtigsten , an einem Gegner , welcher den von ihm hingeschleuderten Fehdehandschuh hätte aufnehmen können und mögen . Ueberdies hatte er noch ganz kürzlich der Baronin den Gang des Unterrichts der Knaben bis zu der Zeit , wo er mit ihnen die projectirte große Reise durch England , Frankreich , die Schweiz , Italien , vielleicht auch Aegypten antreten würde , ausführlich geschildert , mit einem warmen Interesse , das , wenn es seine Absicht war , die Ausführung dieses Planes einem Andern zu überlassen , mindestens unerklärlich schien . Auch auf den Wunsch der Baronin , mit Fräulein Helene die durch ihren Fortgang von der Pension unterbrochenen Studien wieder aufzunehmen , war er bereitwilligst eingegangen ; und morgen schon sollten diese Lectionen , an denen auch die lernlustige Baronin manchmal theilzunehmen versprach , ihren Anfang nehmen . Und abgesehen von dem Allen , so hätte er doch , ging er von Grenwitz fort , auch Bruno verlassen müssen , Bruno , den er brüderlich liebte , dessen glänzende Fähigkeiten zu entwickeln ihm eine so köstliche Aufgabe däuchte , den in die Wissenschaft und hernach in das Leben einzuführen , bisher einer seiner liebsten Wünsche gewesen war ! Die kurze Reise schien , wie auf Alle , so auch auf Bruno , einen sehr wohlthätigen Einfluß gehabt zu haben . Er hatte viel von seinem trotzig düstern Wesen abgelegt ; er suchte jetzt die Gesellschaft , die er früher im Verein mit Oswald gemieden hatte , und gab auch Oswald gute Worte , an Spaziergängen und an andern gemeinsamen Vergnügungen Theil zu nehmen . Er ahnte nicht , daß Oswald ihm durchaus kein großes Opfer brachte , wenn er diesen Bitten nachgab , ja , daß dieser sich nur zum Schein bitten ließ , um vor sich selbst die Inconsequenz , deren er sich in dieser Beziehung schuldig machte , zu beschönigen . Bruno , von Oswald mit seinem Interesse an Dingen und Personen , die ihm sonst gleichgültig oder verhaßt gewesen waren , geneckt , sagte , er wisse nicht , was mit einem Male über ihn gekommen sei ; ihm sei zu Muthe , wie einem Vogel , der , aus seinem Käfig entflogen , die Freiheit wieder erlangt habe ; wie einer Blume , wenn nach Sturm und Regen die Sonne wieder scheine . Und wirklich , Bruno war munter wie ein Vogel und , in dieser seiner Munterkeit , schön wie eine Blume , die eben dem Lichte den vollen Kelch erschließt . Es war unmöglich , den herrlichen Knaben nicht zu bewundern : seine Freundlichkeit war eben so hinreißend liebenswürdig , wie sein Trotz abstoßend und oft geradezu beleidigend war . Alle waren miteinander darüber einig , daß eine merkwürdige Veränderung mit Bruno vorgegangen sei ; was aber diese Veränderung hervorgebracht hatte - das wußte , das ahnte Keiner . Dennoch hätte der Grund derselben einem scharfsinnigen Beobachter nicht entgehen können , und würde auch wohl Oswald nicht entgangen sein , wenn er mit seinen eigenen Herzensangelegenheiten nicht so vollauf beschäftigt gewesen wäre . Schon die Unterhaltung mit Bruno am ersten Abend hätte ihm einen Aufschluß geben müssen . Wie Helene ' s Name dort wieder und immer wiederkehrte , so ließ sich jetzt Alles , was der Knabe sagte und that , schließlich auf Helene zurückbeziehen , obgleich er allerdings , dem Vogel gleich , der durch Hin- und Herflattern den Verfolger von seinem Nest fortzulocken sucht , sorgfältig darauf bedacht war , Andere vorzuschieben und sich für Helene gerade am wenigsten zu interessiren schien . Was ist nur mit dem Knaben ? fragten sich die Andern , wenn sie sahen , wie seine dunkeln Augen leuchteten , wie stolz und kühn seine Haltung , wie elastisch sein Schritt war ; wenn sie seine Stimme hörten , die bald so weich war , wie ferner Gesang , bald in der Aufregung des Spiels , oder wenn sonst etwas seine Energie herausforderte , klar und scharf und machtvoll wie Drommetenton . Und wenn es wirklich manchmal schien , als ob Bruno nur seiner schönen Cousine zu Liebe dem Einsiedlerleben entsagt habe , so konnte dies um so weniger auffallen , als Alle mehr oder weniger seit der Reise sich verändert hatten , und Alle mehr oder weniger dem neu aufgegangenen glänzenden Stern huldigten . Oder weshalb war die Baronin jetzt ganz Freundlichkeit und Güte ? Weshalb erschien sie bei Tisch jetzt stets mit einem lächelnden Gesicht und bemühte sich , die Unterhaltung während der Mahlzeit nicht in ' s Stocken gerathen zu lassen ? weshalb ließ der Baron , zum großen Aerger des schweigsamen Kutschers , sobald nur der Wunsch ausgesprochen war , diesen oder jenen weiter gelegenen Punkt zu besuchen , die schwerfälligen Braunen anspannen - während so Etwas vor der Reise geradezu ein Ereigniß hatte genannt werden müssen ? weshalb hatte Herr Timm jetzt zum ersten Male seinen Frack aus der Ecke des melancholischen Koffers hervorgesucht und mit dem Frack , wie es schien , eine etwas weniger nachlässige Haltung und eine etwas weniger burschikose Sprache ? Weshalb klang der Ton von Mademoiselle Marguerite ' s Stimme jetzt etwas weniger scharf , wie sonst ? und weshalb hatte sie sich gerade jetzt darauf besonnen , daß sie ein paar recht hübsche seidene Schleifen besitze , die schon seit Jahren in ihrer Commode müßig gelegen hatten ? weshalb gab sich jetzt selbst Malte beim Reifenspiel Mühe , die Spielregeln zu beobachten und den ihm zugeschleuderten Reifen womöglich aufzufangen ? Ob Fräulein Helene wußte , daß sie die Ursache aller dieser großen und kleinen Veränderungen war ? Es war sehr schwer , zu sagen , ob Fräulein Helene etwas bemerkt hatte oder nicht ; ja , ob sie sich über etwas freute oder nicht ; ob sie heiter war oder nicht ; ob Jemand in der Gesellschaft für sie vorhanden war oder nicht . Ihre stolze ruhige Miene veränderte sich sehr selten , und das Lächeln , zu dem sie sich gelegentlich herabließ , war , obgleich außerordentlich reizend , doch so flüchtig , daß man nicht wohl den Antheil , den ihr Herz etwa dabei hatte , bestimmen konnte . Sie war gegen ihre Eltern ganz die gehorsame , aufmerksame Tochter , gegen ihren Bruder die ältere Schwester , die , wenn sie die Schwächen des Bruders schonen soll , auch ihrerseits respectirt zu werden wünscht ; gegen Mademoiselle Marguerite ganz die freundliche Herrin , die sich in jedem Augenblicke des Unterschiedes der Stellung bewußt bleibt ; gegen Oswald und Albert ganz die vornehme junge Dame , welche von der Pension her noch sehr gut weiß , wie tief die Verbeugung vor Herren in niedrigen Lebensstellungen sein muß , und nur für Bruno schien sie eine herzliche Zuneigung zu haben , nur ihm gegenüber ließ sie ein wenig von der ruhig vornehmen Haltung nach , die sie im Uebrigen so wenig ablegen zu können schien , wie die dunkle Farbe ihres reichen Haares , oder den tiefen Glanz ihrer großen grauschwarzen Augen . Aber wenn selbst die Baronin sich gegen ihren Gemahl über Helene ' s fast allzu schroffes Wesen beklagte , wenn sie die Bemerkung machte , die lange Abwesenheit scheine denn doch Helene ihrer Familie etwas entfremdet zu haben , so war dies freilich nur zu wahr , aber die Schuld daran traf weniger die junge Dame , als die Baronin selbst . Sie war es gewesen , auf deren Wunsch Helene so lange Jahre fern von ihrem elterlichen Hause gewesen war ; sie hatte dem schwachen Gemahl , wenn er sich nach der geliebten Tochter sehnte , auseinandergesetzt , wie vortheilhaft für die äußere und innere Bildung einer jungen Dame es sei , wenn sie so früh wie möglich in die strenge Schule eines Musterpensionats komme und so lange wie möglich dort bleibe ; sie hatte schon vorher , wenn die Kleine sich liebevoll an sie schmiegen wollte , nur eine kalte Miene und ein paar kühle französische Redensarten für sie gehabt , bis das Kind , größer geworden , die Hoffnungslosigkeit des Versuchs , einen Weg zum Mutterherzen zu finden , einsah und sie fortan mit Liebkosungen , die nicht erwidert wurden , verschonte . Die arme Kleine mußte das Unrecht , kein Knabe zu sein und nichts zur Sicherung des Majorats in der Familie thun zu können , schwer büßen , und sie hätte wohl noch lange , von der Mutter halb vergessen , in der Verbannung leben können , wenn diese nicht endlich auf den Gedanken gekommen wäre , ob Helene durch eine Heirath mit ihrem Cousin Felix , dem Majoratserben der Grenwitz ' schen Güter nach Malte ' s Tode , nicht doch vielleicht mittelbar zur Erhaltung der Herrschaft beitragen könne . Daß dieser Gedanke sich würde ausführen lassen , daran zweifelte die energische Frau nicht . Felix hatte nicht nur das Projekt höchlichst gebilligt , sondern schon alle Schritte gethan , die ihm die Baronin als nothwendige Vorbereitungen zum abzuschließenden Heirathscontract bezeichnete . Er hatte seinen Abschied genommen ; er hatte die Garnisonsstadt , den Schauplatz seiner Heldenthaten , verlassen und sich auf seine Güter begeben , vermuthlich , um sich die Stellen anzusehen , wo einst die schönen Waldungen standen , die er erbarmungslos hatte umhauen lassen , die dringendsten Gläubiger zu befriedigen . Baron Felix hatte die Gewohnheit , Jedem , der ihm Geld lieh , Alles zu versprechen , was man verlangte - warum sollte er nicht der Baronin versprechen , ihre Tochter zu heirathen , wenn sie sich anheischig machte , seine Schulden , die drückendsten wenigstens , zu bezahlen und ihm zu helfen , die in Grund und Boden gewirthschafteten Güter wieder nutzbar zu machen ? Von dieser Seite sah die Baronin also nicht das geringste Hinderniß der Ausführung ihres Projects . Von Seiten Helene ' s erwartete sie eben so wenig einen ernstlichen Widerstand , oder genauer , hatte sie bis zu diesem Augenblick einen solchen nicht erwartet . Sie hatte vergessen , daß sie ihre Tochter drei Jahre lange nicht gesehen , daß drei Jahre viel zu ändern vermögen und aus einem trotzigen , aber doch aus Furcht und Gewohnheit gehorsamen vierzehnjährigen Mädchen eine siebenzehnjährige stolze junge Dame machen können , die unterdessen verlernt hat , vor ihrer Mutter zu zittern , und unter Leitung einer strengen , aber hochherzigen Erzieherin viel zu selbstständig geworden ist , um ihren Willen so ohne Weiteres dem eines Andern , er sei auch , wer er sei , unterzuordnen . Dies erkannte die Baronin fast auf den ersten Blick , als sie im Empfangssaale der Pension ihre Tochter zur Thür hereintreten sah . An der Haltung der jungen Dame , die ohne Hast , aber auch nicht zu langsam , auf die Mutter zuschritt , ihr die dargebotene Hand küßte und dann einen Schritt zurücktretend , wie weiterer Befehle gewärtig , in ruhiger Haltung stehen blieb , war sicher nichts auszusetzen ; aber die großen Augen blickten so stolz und gelassen , und die Worte fielen so gemessen von den ausdrucksvollen Lippen , daß die Mutter fühlte , bei dieser ihrer Tochter , die ihr so fremd erschien , könne sie auf kindlichen Gehorsam , auf einen Gehorsam aus Liebe , mit Sicherheit nicht rechnen . Das große Project , welches sie so ganz fertig im Kopfe trug , erschien ihr plötzlich in sehr ungewissem Lichte , und die ersten Worte , die sie nach der Begegnung zu ihrem Gemahl sprach , waren : Ich glaube , lieber Grenwitz , wir werden in der Heirathsangelegenheit sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen . Du würdest mich verpflichten , wenn Du mir die Sache vollkommen überließest . Eine ungeschickte Einleitung , ja nur eine Andeutung zur unrechten Zeit könnte leicht Alles verderben . - Der gute alte Mann kam dieser Aufforderung um so lieber nach , als selbst sein felsenfester Glaube an die Unfehlbarkeit seiner Anna-Maria nicht im Stande gewesen war , die Bedenken , welche er gegen das Heirathsproject hatte , gänzlich zu beseitigen . Die Baronin sah ein , daß , im Falle Cousin Felix vor Helenes Augen keine Gnade finden sollte - und dieser Fall war zum mindesten nicht unmöglich - durch Einschüchterung , durch Gewaltmaßregeln nichts ausgerichtet werden könnte , und daß Güte nicht nur der sicherste , sondern auch der einzige Weg sei . So war sie denn gütig , nach ihren Begriffen äußerst gütig gegen die schöne Tochter , und damit die Andern nicht merkten , worauf dies Alles hinausging , oder auch nur um in der Uebung zu bleiben , war sie es gegen diese auch . Seltsamerweise indessen schien gerade die , für welche diese Gnadensonne leuchtete , am wenigsten dadurch erwärmt zu werden . Helene veränderte ihre ruhig abgemessene Haltung , ihr höflich kühles Wesen auch nicht im mindesten : die von der Baronin stets so gerühmte Pension hatte in der Erziehung Fräulein Helene ' s offenbar ein Meisterstück geliefert . Und dennoch war dieses junge Herz , das so kalt , so unzugänglich schien , warmer Gefühle wohl fähig . Sie hatte , als sie von ihrer Freundinnen und der hochverehrten Lehrerin Abschied nahm , heiße Thränen geweint , die sie freilich , als die Mutter eine Bemerkung darüber machte , sofort trocknete ; sie erwies dem Vater manche Aufmerksamkeiten , auf welche die bloße Höflichkeit nie verfällt ; sie konnte ein armes Kind nicht blos beschenken , sondern auch an die Hand nehmen und freundlich mit ihm sprechen . Ihre Freundinnen , deren sie allerdings nur sehr wenige besaß , hatten niemals Ursache gehabt , über Lieblosigkeit von Seiten Helene ' s zu klagen ; und die Briefe , die sie von Grenwitz aus nach Hamburg schrieb , waren der Beweis , daß sie wenigstens gegen die , welche sie liebte , weder kalt noch verschlossen war . So schrieb sie unter Anderem an Mary Burton , eine junge schöne Engländerin , die sie von allen Freundinnen am meisten liebte und die einen großen Einfluß auf sie ausgeübt hatte : Doch das sind tempi passati , meine gute Mary ! Ich muß nun lernen , mich an der Musik zu ergötzen , ohne sie zusammen mit Dir zu hören , und eine Gesellschaft erträglich zu finden , in der ich nicht Deinen holden Augen begegne . Bis jetzt freilich fehlst Du mir überall , und auch die Andern ; bis jetzt halte ich es nur für eine Möglichkeit , auch ohne Euch froh sein zu können . Glaube indessen nicht , daß man mir hier unfreundlich begegnet ! im Gegentheil , ich muß gestehen , daß mir die Meinigen über all mein Erwarten liebenswürdig entgegen gekommen sind . Von meinem Vater hatte ich es nicht anders erwartet , aber - Du hast ja die Briefe meiner Mama gelesen ! Du meintest , sie glichen sich , wie eine Schneeflocke der anderen - auch sie ist viel weniger streng , als ich sie von früher her kannte und als sie in ihren Briefen erscheint . Sie läßt mir alle nur möglichen Freiheiten ; ich kann - was wir uns in der Pension immer als das Höchste dachten - thun und lassen , was ich will . Meine Zimmer liegen im Erdgeschoß des alten Schlosses , dicht über dem Garten , in welchen aus meinem Salon eine Thür mit ein paar Stufen hinabführt . So lebe ich ganz ungestört , obgleich ich mit wenigen Schritten über die Corridore in die Wohnzimmer gelangen kann . Du weißt , ich fürchtete schon , hier nicht meiner großen Leidenschaft , des Abends spät , wenn Alles rings um mich her still ist , zu musiciren , folgen zu können . So bin ich dieser Sorge vollkommen überhoben , und ich habe auch schon jeden Abend von dieser Freiheit den ausgedehntesten Gebrauch gemacht . Ich störe Niemand , es müßten denn einige Herren sein , die ebenfalls in diesem Theile des Schlosses irgendwo über mir hausen , und glücklicherweise zur Kategorie derer gehören , die man in Eurer aufrichtigen Sprache mit dem Ausdruck Nobody bezeichnet . Es sind nämlich der Hauslehrer , ein gewisser Herr Stein , und ein Geometer , der für Papa arbeitet , und den aristokratischen Namen Timm führt . Sie können beide für hübsche Männer gelten , oder , um ganz aufrichtig zu sein , ich vermuthe fast , daß Du den Herrn Stein handsome and very gentlemanlike indeed finden würdest ; aber Du brauchst deshalb nicht zu glauben , daß sie , oder einer von ihnen , einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätten . Ich habe eine Antipathie gegen Leute in dergleichen untergeordneten Stellungen wie etwa gegen Kattunkleider und böhmische Diamanten . Das mag recht gut sein für Bürgermädchen und Gouvernanten , aber für uns paßt es nicht . Ich sehe die Herren des Mittags , des Abends - im Uebrigen existiren sie nicht für mich . Herrn Stein begegne ich außerdem noch jeden Morgen früh im Garten , denn die Vögel singen hier so dicht unter meinen Fenstern , daß man aufstehen muß , man mag wollen oder nicht . Ich wäre diesen Begegnungen gern überhoben , aber was läßt sich thun ? Ich kann dem armen Menschen , der hernach von sieben bis elf den Knaben Unterricht ertheilt , nicht wohl verbieten , die einzige freie Morgenstunde , die er hat , zu benutzen , und wenn ich selbst später ginge , so käme ich wieder um den schönsten Genuß ; also : ich muß es mir gefallen lassen - non son ' rose senza spine ! Uebrigens ist dieser Stein , trotzdem er nur ein böhmischer Diamant ist , so fein geschliffen , daß ihn ein weniger geübtes Auge leicht mit einem echten verwechseln könnte . Er hat , was man bei Leuten aus den unteren Ständen so selten findet , viel Haltung und Selbstbeherrschung . Er hat eine Weise , mit der ruhigsten Miene von der Welt , Jemand , er sei , wer er sei , eine Schmeichelei oder eine Malice zu sagen , die wirklich in Erstaunen setzt . So sagte er gestern , als wir uns zum dritten Male zur selben Zeit und an demselben Orte auf dem Walle begegneten und dasselbe Gespräch über das Wetter geführt hatten , ob wir nicht in Zukunft bis eine Veränderung des Wetters einträte , ganz einfach : wie gestern ; sagen wollten ? Wir wären denn doch nicht ganz stumm an einander vorüber gegangen , was für Hausgenossen immer etwas Peinliches habe , und dabei wären doch die Kosten der Conversation beinahe bis auf Null reducirt , eine Ersparniß , die selbst für den Geistreichsten - hierbei eine halb ironische Verbeugung - nicht ganz unbedeutend sei . - Das war doch ziemlich stark ; aber wie gesagt , er bringt dergleichen mit so ruhigem Lächeln vor , daß man niemals weiß , ob er es im Scherz oder im Ernst sagt . Auch scheinen Alle , selbst Mama , einen ziemlichen Respect vor ihm zu haben . Zwischen Bruno und ihm existirt ein ganz eigenthümliches Verhältniß , gar nicht wie zwischen Lehrer und Schüler , sondern wie zwischen Freunden , die innigst verbrüdert sind , etwa wie Orest und Pylades ; und wirklich , es ist ein reizender Anblick , wenn man sie Arm in Arm zusammen durch den Garten schlendern sieht . Diese rührende Freundschaft hindert indessen Bruno nicht , sich bei jeder Gelegenheit als mein Ritter zu geriren . Der Junge sieht mir wahrlich an den Augen ab , was ich will und wünsche ; oder vielmehr er ahnt und weiß es , ohne daß er mich nur anzusehen braucht . Es ist mir manchmal ordentlich unheimlich dabei . Wenn ich auf dem Spaziergange denke , Du könntest auch wohl ohne Tuch gehen , sagt Bruno sicher : soll ich Dir das Tuch ein wenig tragen , Helene ? Bei Tisch , wo er neben mir sitzt , reicht er mir nur , was ich gern habe , anderes läßt er vorübergehen und sagt : das issest Du doch nicht , Helene ! Er ist ein lieber Junge , obgleich eigentlich dieser Name nicht mehr recht auf ihn paßt , denn er wird nächstens sechszehn Jahr , und ist groß und stark und schön , wie ein junger Achill . Ich glaube , er würde für mich durch ' s Feuer gehen ; in ' s Wasser wenigstens ist er gestern schon für mich gesprungen . Wir gingen des Abends auf dem Wall spazieren und ein plötzlicher Windstoß warf meinen runden Strohhut - Du kennst ihn ja - in den Graben . Mein armer Hut : rief ich . - Willst Du ihn wieder haben ? fragte Bruno . - Ei natürlich , sagte ich , - aber nur im Scherz , denn ich weiß , daß der Graben sehr tief ist und an dieser Stelle war er noch dazu wohl zwanzig Schritt breit , und der Hut schwamm mitten drauf . Aber Bruno war mit zwei Sprüngen den Wall hinab und in ' s Wasser hinein . Ich war wirklich erschrocken und ich glaube , ich stieß sogar einen leichten Schrei aus . Beruhigen Sie sich , sagte Herr Stein - außerdem war glücklicherweise Niemand zugegen - Bruno schwimmt wie ein Neufoundländer , und selbst wenn er nicht wieder herauskäme , so ist er ritterlich im Dienste der Damen gestorben . Das ist immer ein Trost . - Glücklicherweise kam Bruno nach ein oder zwei ängstlichen Minuten wieder an ' s Land geschwommen , und Herr Stein half ihm beim Heraussteigen , dann gingen sie Beide lachend von dannen und ließen mich mit dem nassen Hut in der Hand - ein rührendes Bild - ganz allein stehen . - Uebrigens scheint mir Herr Stein doch übel genommen zu haben , daß ich seinen Liebling in diese Gefahr brachte . Wenigstens ist er heute Morgen nicht auf der Promenade erschienen , bei Tische sehr einsilbig gewesen und hat die Literaturstunde , die er mir wöchentlich zweimal giebt , absagen lassen , » weil er Kopfschmerz habe , « was ihn freilich , wie ich von meiner Stube aus beobachten kann , nicht hindert , in der glühenden Nachmittagssonne draußen im Garten mit unbedecktem Haupt eine halbe Stunde lang , die Arme untereinander geschlagen , auf einem Fleck zu stehen und in das Wasserbecken eines Brunnens zu starren , von dem eine Najade aus Sandstein lächelnd auf ihn herabschaut - es ist ein wunderlicher Heiliger . Zweiundvierzigstes Capitel Es war an dem Abend desselben Tages , an welchem Helene von ihrem Schreibtische aus Oswald am Brunnen der Najade beobachtete , daß in einem Zimmer des » Kurhauses « in Fichtenau , berühmt durch Doctor Birkenhain ' s große Heilanstalt für Geisteskranke , zwei Personen , eine Dame und ein Herr , in der Nähe der geöffneten Balkonthür saßen . Es dämmerte bereits ; Kurgäste kamen bestäubt von ihrer Nachmittags-Promenade zurück , von Zeit zu Zeit rollte eine elegante Kutsche vorüber , in welcher , vornehm in die schwellenden Kissen gedrückt , schön geschmückte Frauen saßen . Dann wurde es stiller auf der Straße ; drüben über den Gärten schimmerte der Abendstern aus dem safranfarbenen Himmel . Die Dame in der Thür des Balkons hatte die Augen auf den Stern gerichtet , der Herr , der tiefer im Zimmer saß , die seinen auf das Antlitz der Dame . Die Beiden hatten seit einer halben Stunde kaum ein Wort gesprochen ; jetzt stand der Herr auf , trat nahe an den Stuhl der Dame und sagte leise : Ich will fort , Melitta ! Wann kommen Sie morgen wieder ? Ich komme morgen nicht wieder ; ich will fort von Fichtenau , heute Abend noch . Melitta stand auf und blickte , sich für einen Augenblick auf das Geländer des Balkons lehnend , in die schon dunkle Straße hinab . Dann trat sie wieder in das Zimmer zurück und sagte : Reisen Sie direkt nach Cona zurück ? Nein , ich will die Zeit , die mir noch bleibt , zu einer kleinen Reise benutzen ; vielleicht komme ich wieder über Fichtenau . So lassen Sie mir die Czika bis dahin ; es soll ein Pfand sein , daß Sie hierher zurückkommen . Wünschen Sie es , Melitta ? Sie sind wieder einmal sehr gut gegen mich gewesen . Also bloße Dankbarkeit ? Und - Freundschaft . Leben Sie wohl , Melitta ! Reisen Sie glücklich , Oldenburg ! Der Baron ging mit langsamen Schritten nach der Thür ; dort angelangt , blieb er stehen , dann kam er noch einmal zurück und sagte : Haben Sie immer geglaubt , daß ich Ihr Freund sei , Melitta ? Ja . Haben Sie je geglaubt , daß ich Sie liebe ? Melitta schwieg . Nie ? zu keiner Zeit ? fragte der Baron mit dumpfer Stimme . Lassen Sie das Vergangene vergangen sein ! Nein , Melitta , lassen Sie uns davon sprechen . Ich finde ja eine Gelegenheit wie diese vielleicht nicht zum zweiten Mal im Leben wieder ; nein , nein ! Denn das alte gute Verhältniß zwischen uns ist todt , seitdem ich unsinnig genug war , Ihnen zu zeigen , daß ich Sie liebte - und über diesen Schlund , der da zwischen uns aufklaffte , giebt es keine Brücke . Für den Augenblick hat uns die Noth zusammengeführt , oder , wenn Sie lieber wollen : mein alter Aberglaube , ich müsse zu Ihnen eilen , an Ihrer Seite stehen , wo und wann Sie in Noth , in Bedrängniß irgend welcher Art sind ; sobald ich aus diesem Zimmer gehe , sind wir uns wieder Fremde . Melitta , um unserer alten Freundschaft willen , bei der Erinnerung an die gemeinsam verlebte selige Jugendzeit , sagen Sie mir , haben Sie nie geglaubt , daß ich Sie liebe ? Ich weiß es nicht - Das ist hart , sagte der Baron leise ; das ist hart . Er ließ sich auf einen Stuhl sinken , stützte den Arm auf die Lehne und verbarg sein Gesicht in der Hand . Und wenn ich nicht an Ihre Liebe glaube , sagte Melitta , wer ist denn schuld daran ? wer hatte die Scene im Garten der Villa Serra di Falco arrangirt ? ich oder Sie ? Wie ? sagte der Baron sich emporrichtend , sind Sie wirklich ein solcher Neuling in der Liebe , daß ich Ihnen in allem Ernst die Erklärung zu dieser Farce geben muß ? Glauben Sie wirklich , daß ich - dem doch sonst so leicht nichts entgeht - Sie nicht schon länger hinter den Myrthengebüschen bemerkt hatte , ehe ich zu Hortense ' s Füßen sank , und die Sonne , obgleich sie untergegangen war , und der Mond , obgleich er nicht schien , und die Sterne , die es besser wußten , zu Zeugen meiner heißen Liebe anrief ? das hätten Sie auch nur einen Augenblick für Ernst gehalten ? Was war es denn ? Eine Allegorie . Ich wollte Ihnen zeigen : sieh ! dies bleibt mir übrig , wenn Du meine Liebe verschmähst ! Du zwingst mich , der ich immerdar vor einer Heiligen anbeten möchte , in den Armen einer Buhlerin Vergessenheit zu suchen . Melitta , Melitta , gestehe es ! Du wußtest recht gut , daß dies eine Farce war ; aber es war Dir bequem , sie für Ernst zu nehmen . Du wolltest von mir befreit sein , selbst um den Preis - eines Mißverständnisses ! Und wenn dies mein Wille gewesen wäre ? - und ich will annehmen , es war mein Wille