, Judith ? Moyses , Solon , Confutse , Christus , Zoroaster , Muhamed - haben wir glücklich überwunden ! Wir laborieren für den Augenblick ein wenig an Fourier , Proudhon und Brigham Young ; aber das alles liegt doch schon in den letzten Zügen und nicht lange währt ' s , so herrscht in der fortschreitenden menschlichen Gesellschaft die absolute Subjektivität . Jeder sitzt auf dem Thron , den er sich selbst baut - trägt eine Krone , die er sich selbst flicht - empfängt den Kultus , den er sich selbst darbringt - lebt nach den Gelüsten seines Herzens , die natürlich ebenso erhaben sind , wie dies Herz es ist - und nebenbei wird Italien glückselig und Rom der Mittelpunkt der modernen Götterherrschaft . « » Diese und ähnliche Hochgefühle schwellten meine Brust , und im stolzen Bewußtsein meiner Würde und meiner Weisheit wanderte ich , wie ein verkappter Göttersohn , zwischen den armseligen und einfältigen Menschenkindern umher , die sich zu meinem Fortschritt nicht erschwangen und die sich wie eine Völkerwanderung über Einsiedeln ausgossen . In den verschiedensten Trachten , hier ländlich , da städtisch , dort national eigentümlich , wogten tausend Gruppen , in besonderer Färbung und geschiedener Originalität , zu einer Masse verschmolzen , durch die Gassen dem großen freien Platz zu , wo sie sich sonderten und trennten , am Springbrunnen tranken , die Kaufläden besichtigten , am Bergesabhang sich lagerten oder die breiten Stufen zum Portal der Kirche hinanstiegen . Da waren Leute aus allen katholischen Kantonen und aus allen Nachbarländern der Schweiz : aus Oberbayern , Schwaben und dem badischen Oberland ; aus dem Elsaß und dem fernen Lothringen ; aus Deutschland und Welschtirol . Da hört man italienisch , französisch , deutsch , romanisch in den verschiedensten Mundarten reden , und da sah man Gesichter und Trachten , die eine ebenso große Verschiedenheit der Sitten , der Gewohnheiten , der Lebensverhältnisse andeuteten . War es nicht sehr seltsam , daß so viel tausend Menschen aus allen Weltgegenden , von einem und demselben Gedanken bewogen , sich hier zusammenfanden in aller Stille , Ruhe und Ordnung ! und was war es für ein Gedanke ? wollten sie einen Karnevalszug sehen , - oder ein Pferderennen - oder die Eröffnung einer Eisenbahn - oder den Einzug einer Prinzessin ? wollten sie Gold graben , wie in Kalifornien , oder Diamanten suchen , wie in Peru ? - Ach nein ! sie wollten hier beten . Keiner störte den anderen , keiner beeinträchtigte den anderen ; keiner beobachtete den anderen ; jeder war wie versunken in seine innere Welt , und alle waren in vollkommener Eintracht in der äußeren . Signora , ich muß gestehen , diese idealische Geistesverbrüderung frappierte mich ungemein , besonders weil sich mir gewisse patriotische Feste in ' s Gedächtnis drängten . die wir vor sechs , acht Jahren in Rom feierten , und weil diese Zusammenstellung nicht zum Vorteil unserer Bacchanalien war . Nun warf ich mich , um gegen alle milde Eindrücke hieb- und schußfest zu sein - in die Frechheit . Das hab ' ich schon oft mit Glück getan . Ich ging umher , Händ ' in den Taschen , Cigarre im Munde , Lorgnon in der Augenhöhle - und sah mir die Leute an . Es waren wirklich kräftige Männer dabei . frische Burschen , hübsche junge Mädchen , - keineswegs lauter Krüppel , Greise und alte Hexen . Aber bei den jungen Mädchen dachte ich : Ah , ihr wollt hier um einen Ehegatten bitten ; und bei den Jünglingen : und ihr um die Gunst eurer Liebsten ; und bei den Männern : und ihr um das große Los , oder um den Tod eures verblühten Weibes ; und Tagediebe seid ihr alle miteinander . Traf ich aber auf ein altes Weiblein oder einen müden Greis , die erschöpft von der Wallfahrt hastig und zerstreut einige Gebete murmelten , dann dacht ' ich frohlockend : Ihr seid der echte und rechte Wallfahrertroß ! Euch grinst der Tod an ; da erschreckt ihr und nennt die Freuden eurer Jugend - Sünden . Und eure Feigheit läßt sich ' s weiß machen , daß ihr eurem Gott ein X für ein U machen und aus Sündern - Heilige werden könnt , wenn ihr gerade hier auf dieser Stätte fünfhundert Ave Maria murmelt . Ja , ja , ihr seid mir die Rechten . euch kennt man ! In Gedanken von solcher Stupidität , solcher Bosheit und solcher Gemeinheit erging ich mich con amore . Endlich begab ich mich in die Kirche , die nach einer Feuersbrunst im vorigen Jahrhundert im reichsten , ornamentiertesten , italienischen Stil , mit einer Fülle von Gemälden , Statuen und Fresken gebaut und geschmückt ist . Meißel und Pinsel stellen durch Marmor und Farben die Geschichte der Menschheit in jenen großartigen Umrissen dar , welche aus dem Alten und dem Neuen Bunde geschöpft werden , und an den majestätischen Gewölben rollen sich die Geheimnisse des Christentums und das Leben des Gottessohnes von Bethlehem bis Kalvaria , dem himmelwärts gewendeten Blick auf . Unfern vom Eingang , mitten im Hauptschiff , steht eine kleine offene Kapelle , deren Kuppel von schwarzen Marmorsäulen getragen wird . Unter der Kuppel steht über dem Altar eine schwärzliche Mutter-Gottesstatue mit dem Jesukinde . Goldene Strahlen bilden ihr den Hintergrund und vor ihr schwebt eine Lampe mit dem ewigen Licht . Mit meinem Lorgnon im Auge gaffte ich alles an , und zum Glück durfte ich mir , als Künstler , erlauben , diese ganze Schöpfung der christlichen Kunst zu bewundern . Daß sie ein Sprößling des christlichen Glaubens sei , ließ ich bei Seite . Es waren viele Leute in der Kirche , aber es herrschte eine lautlose Stille . Die Meisten knieten um die Mutter Gottes-Kapelle herum , denn die kleine Statuette ist St. Meinard ' s uraltes Gnadenbild , und der Altar , über dem sie sich erhebt , ist derjenige , an welchem Bischof Konrad die himmlische Erscheinung wahrnahm . Dort ergießen sich seit tausend Jahren die Menschenherzen in Gebet und Tränen ; dorthin wenden sich zuerst die Pilger . Ich aber , als ein Neugieriger , schlenderte auf und nieder in den breiten Schiffen der Kirche und besichtigte alle Seitenkapellen . In einer derselben kniete eine einsame Frau . Sie fiel mir auf , denn in ihrer edlen Haltung war etwas , das mich an meine Mutter erinnerte . Auch in deren Alter mochte sie sein ; aber sie trug noch die Spuren einer so ausgezeichneten Schönheit , daß es mich verdroß , solch ein edles Menschenbild in dem Verdummungsprozeß des Rosenkranzgebetes zu sehen . Ich pflanzte mich seitswärts vom Altar , vor dem sie kniete , auf und starrte sie an . « » Aber Lelio , Sie sind unerträglich ! « unterbrach ihn Judith . » Gönnen Sie doch den Leuten das Gebet - besonders den Frauen ! Wer weiß , in welchen Schmerzen es die einsame Beterin getröstet hat . « Nein , Signora , das dürfen wir nicht dulden . Die Apostel des Lichts müssen Licht verbreiten und Finsternis erhellen ! Ich nahm meine ganze Frechheit zusammen und sagte auf italienisch ganz laut zu der Beterin : Nicht wahr ? du bist eine perfekte Magdalena ? Sie schlug ein paar große , milde , müde Augen zu mir auf und sagte im reinsten Italienisch mit einem unaussprechlich friedlichen und sanften Lächeln : » Nicht in der Buße , mein Sohn ! bete ein Ave Maria für mich . « - Judith ! mein Gefühl war ungefähr das von Don Juan , als die Marmorstatue des Komthurs ein vernehmliches Ja ! sagt ; nur mischte sich in meinen Schreck eine grenzenlose Beschämung . Ich hätte mich unsichtbar machen und aus der Kapelle , aus der Kirche , aus ganz Einsiedeln verschwinden mögen . Ich fand mich auf dem freien Platz wieder , ohne Lorgnon vor dem Auge . Wie ich hinaus gekommen , weiß ich gar nicht ! mir schien , alle Blicke müßten auf mich gerichtet gewesen sein . « » O wie gönne ich Ihnen die Beschämung ! « rief Judith und klatschte in die Hände . » Sie waren ja von einer ganz giftigen Insolenz . « » Es scheint , die heilige Atmosphäre habe die Macht gehabt , alle Herzen zu öffnen , und als das meine sich auftat - sieh ' ! da kam Gift heraus ! Und hätten Sie nur die Frau gesehen mit dem schönen Blick und der schönen Sprache und wie sie so mild sagte : Figlio mio ! so würden sie sich noch mehr meiner Beschämung freuen ! In der frischen Luft und im heitern Sonnenschein , der die bunten bewegten Bilder glänzend umrahmte , kam ich wieder zu mir und kehrte in die Kirche zurück , als zur Vorfeier des festlichen Tages die Vesper begann . Die Menschenmasse war so groß , daß sich Kopf an Kopf und Schulter an Schulter drängte ; doch kein profanes Wort wurde laut und keine profane Neugier gab sich kund . Ich fand gar keinen Stoff für meine Beobachtungen und horchte deshalb auf die Musik . Das Magnifikat wurde prachtvoll gesungen , mit einer Würde , einem Schwung , einer Ruhe , einem feierlichen Ernst , daß jedes Wort und jeder Ton wie Perlen in Gold gefaßt dahin rollten und in mein Ohr fielen . Was das für eine seltsame Verheißung ist , dachte ich bei mir selbst : Die Mächtigen stößt er vom Stuhl und erhöhet die Niedrigen . Sollte Gott wirklich mit den Republikanern gemeinsame Sache machen , die Fürsten und großen Herren wegjagen und das Volk auf den Thron bringen wollen ? Dann kämst du auch auf den Thron , Lelio ! - Aber du hast schon deinen Thron , inwendig in dir ! - Am Ende gehörst du zu Denen , welche gestürzt werden sollen , und die kleinen niedrigen Geschöpfe rings um dich her kämen dann in die Höhe ! Ja , klein und niedrig von Gesinnung wie jene Frau , die zu dem bösen Buben , der sie zu beleidigen versucht , mild sagt : Mein Sohn , bete für mich ! Solche kuriose Gedanken hatte ich bei dem Magnifikat . Nach der Komplet mit ihren wunderbaren Tönen , die wie Abendglocken zur Ruhe läuten , wurde es still in der Kirche und dämmernd . Die Kerzen erloschen . Vor dem Tabernakel hing eine Lampe mit dem ewigen Licht und vor dem Gnadenbild eine andere . Wie selige Gestirne flimmerten sie in die Schattenwelt hinein . Ein Teil der Pilger hatte sich in die Gallerie begeben und umlagerte die Beichtstühle so massenhaft , so ausdauernd , wie unsereiner die Aspiranten zu einer anderen Gallerie vor der Türe des Opernhauses zu sehen pflegt - wenn Judith die Norma oder die Desdemona singt . In der Kirche , um die Beichtstühle , allüberall , Stillschweigen , Sammlung , Ruhe und keine andere Bewegung als die , welche durch das leise Kommen und Gehen vieler Menschen verursacht wird . Ich fragte einen Kirchendiener , der am Eingange ein paar Lichter anzündete , damit die Dunkelheit nicht überhand nehme , ob später noch irgend eine Zeremonie statt fände . Er verneinte es mit dem Zusatz , daß die Beichten bis Mitternacht fortdauerten und daß am anderen Morgen um vier Uhr die ersten Messen gelesen würden . Ich fing an mich zu langweilen . Ich hatte genug gesehen , gehört , mein Mütchen gekühlt ; ich dachte an meinen Rückzug . Aber ich blieb wie eingewurzelt auf meinem Platz , denn es erhub sich plötzlich ein ganz eigentümliches Getön , flüsternd erst , wie das Laub im Winde , wie ein Bächlein , das über Kiesel und Moos behende fortrieselt ; dann steigend , anschwellend , rauschend wie ein gewaltiger Sturm - brausend wie die Meeresbrandung - unmelodisch und doch voll übernatürlicher Harmonie - regellos , und doch zur übernatürlichen Einheit gesammelt . Es quoll aus allen Teilen der großen Kirche hervor , aus den Stufen der Altäre ; es stieg und sank - und erhob sich wieder - eine Flut , ein Orkan von Gebet , das aus dem Herzen und von den Lippen von zehntausend Pilgern kam . Jeder betete halblaut seine Gebete in seiner Sprache , weinend , klagend , frohlockend , flehend , angsthaft , zuversichtlich , jammernd , lobpreisend - der eine ein Pater , der andere ein Miserere , der dritte ein Salve Regina , der vierte ein De profundis , der fünfte ein Te Deum , der sechste ein Veni sancte . Und einige beteten mit ihren Tränen und andere mit ihren Seufzern und andere mit gebrochenen Worten : alle Leiden und Schmerzen , alle Nöten und Trübsale , alle Kämpfe und Qualen , alle Liebe und Hoffnung , welche über den Erdball ausgebreitet sind , drängten sich auf diesem einen Punkt der Erde zusammen , und schrieen auf in diesem einen ungeheuern , Mark und Bein erschütternden Akkord : es war der Geist der Menschheit , der sehnsüchtig an das Herz Gottes flüchtete . Es überfiel mich , ich weiß nicht was für ein Verlangen , einzustimmen in diese wunderbare Hymne der betenden Menschheit ; aber ich verteidigte mich auf ' s äußerste und dachte an unsere Hymnen auf den Barrikaden , auf den Gassen , bei Volksbanketten , im Theater , bei unseren Orgien ; was fangen die ? Ja , was singen die ! Blut , Mord , Lustgier , Wahn und Rausch . Ein namenloser Ekel wandelte mich an . Ich stieß sie fort - mit dem Fuß . Hinweg mit euch ! ihr seid nicht die Stimme eines höheren Geistes in der Menschheit ; denn was ist euer Grundton ? Trotz ! - Trotz gegen Gott und seine Offenbarung . Nennt ' s wie ihr wollt ! .... aber das ists : Trotz gegen Gott und seine Offenbarung . Ihr seid gerichtet ! ! - - Judith , verstehen Sie mich ? « » Ich weiß nicht ! « flüsterte sie . » Erzählen Sie weiter . « » Aber ich ! « fuhr Lelio fort , » ich sollte einstimmen in die Hymnen des Gebetes zu Ehren eines menschgewordenen , eines gekreuzigten Gottes und Erlösers ? ich glaubte ja nicht an ihn ! Mein Glaube lag ja begraben unter jenen Disteln und Dornen , die mir das weiße Kleid der Gnade zerrissen hatten . Wer nicht glaubt , kann nicht beten ! Da fiel mir die Frau mit dem schönen liebreichen Blick ein und ihr Wort : Figlio mio , bete ein Ave Maria für mich ! Nun schloß ich einen Kompromiß mit mir selbst ab und sprach heimlich : Ich habe die Frau gekränkt ; dafür will ich ihr den Gefallen tun und ein Ave Maria für sie sprechen . Auf diese Weise war halb und halb mein Verlangen befriedigt , halb und halb meine Ehre gerettet . Es gibt nichts Elenderes unter der Sonne , als ein Kompromiß mit der Wahrheit . Dann verließ ich die Kirche , begab mich in meine Herberge und suchte zu schlafen . Es ging aber nicht recht . Teils hielten mich wahre Gedankenstürme wach ; teils störten mich die Pilger , die in neuen Scharen herbeikamen und ohne Obdach zu suchen geradesweges zur Kirche gingen und auf den Stufen gelagert , Rosenkranz und Litaneien beteten und geduldig harrten , bis sich um zwei Uhr Morgens die Türen öffneten und sie zum Teich Bethesda der Seelen - zum Bußsakrament eingehen ließen . Schlief ich aber ein paar Minuten , so war mir unaussprechlich wohl , denn das unbeschreibliche und unvergeßliche Nachtgebet der Pilger säuselte über mich fort wie ein Wiegenlied . Um drei Uhr läuteten alle Glocken . Ich sprang so eilig auf , als dürfe ich keinen Moment des Festtages verlieren und eilte in die Kirche ; nicht aus Andacht , aber wir Künstler lieben allerhand Emotionen , nicht wahr , Judith ? Wie das aber zu gehen pflegt : sucht man sie , so findet man sie nicht . Um vier Uhr begann der Gottesdienst . Die ganze Kirche und alle Kapellen waren erleuchtet . Am Hochaltar feierte der Abt das heilige Meßopfer und an den übrigen Altären die Mönche und fremde Geistliche . Dann wurde die heilige Kommunion ausgeteilt - an tausende und tausende . Zuweilen trat eine Pause in der heiligen Ausspendung ein . Dann flutete aber wieder ein Menschenstrom zum Tische des Herrn und wieder erschien der Priester und brach das Vrod des Lebens . Um zehn Uhr wurde ein prachtvolles Pontifikalamt celebriert und zwar vom Nuntius des Papstes - was mich denn wieder in meine allergiftigste Stimmung versetzte . Der alte schwache Priesterfürst in Rom hat seine Gesandten überall , bei Kirchenfürsten , bei weltlichen Fürsten und wie sie ; und die Oberhäupter des ächten , des republikanischen Roms , ein Mazzini , ein Garibaldi , werden als Revolutionäre verbannt , gehaßt und mißachtet ! Überdies mißfiel mir die frohe Stimmung des Volkes , das sich nach dem Hochamt wie ein bunter , beweglicher , tausendsarbiger Teppich über den Platz und den Bergabhang und die Gassen hinzog . Und ach ! was war das doch für eine unschuldige Fröhlichkeit ! sie waren mit Gott ausgesöhnt , sie waren mit der Speise der Engel erquickt : nun lagerten sie sich traulich zusammen , die Familien , die Freunde , die Gemeinden - auf dem Rasen , um den Brunnen , in den Gaststuben , wo sie eben ein Plätzchen fanden - und genossen das Wenige , was sie mitgebracht hatten , oder was sie mit knapper Not sich kauften . Und wer etwas hatte , der teilte es mit dem Dürftigen und labte den Krüppel und den Armen . Wie hätten die nicht froh sein sollen ! Da waren ja alle beisammen , die Christus auf Erden geliebt und denen er im Himmel die Seligkeit versprochen hat : die reinen Herzen , die Armen im Geist , die Leidtragenden , die Barmherzigen . Aber ich - ich gehörte nicht in das Reich dieser guten Kinder Gottes und deshalb grollte ich ihnen . Um mich zu zerstreuen , geriet ich auf einen seltsamen Einfall . Ich ging in die Sakristei und bat um Erlaubnis , die Orgel spielen zu dürfen , da ja jetzt während einiger Stunden kein Gottesdienst stattfinde ; ich sei ein Musiker aus Rom , und die Orgel mein eigentliches Fach . Sie wissen , Signora , daß dies die volle Wahrheit ist , daß meine Eltern mein Talent für die Kirchenmusik ausbilden ließen und daß sogenannte Freunde mich später in das Bühnenorchester und so weiter ! und so weiter lockten ! aber die Orgel blieb mein Lieblingsinstrument , und in Einsiedeln überfiel mich das Verlangen , sie zu spielen . Mein Wunsch wurde gewährt ; doch mit kluger Vorsicht . Man kannte mich ja nicht ! ich konnte ein Stümper sein oder ein Böswilliger , der durch schlechtes Orgelspiel die Andächtigen verletzte oder ärgerte . Man führte mich auf eine Orgelbühne , die zu einem Oratorium gehören mochte ; und da fand ich ein herrliches Instrument . Ich war ganz allein , ganz ungestört . Durch die Fenster , die mehr als mannshoch vom Fußboden angebracht waren , schaute der reine Septemberhimmel wie ein tiefblaues Augenpaar auf mich herab . Außerdem sah und hörte ich nichts von der ganzen Welt . Ich setzte mich an die Orgel . Die Anklänge des gestrigen Abends gingen mir noch durch die Seele . Ich entfesselte eine Welt von Tönen . Alle Klagen der Menschenbrust , vom Jammerschrei bis zum Todesseufzer rief ich wach und ließ ihre Wogen steigen , wachsen , schwelen , bis sie mir selbst über dem Kopf zusammenschlugen und nicht ich mehr sie beherrschen konnte , sondern ein höherer Meister ; und wer ? Pergolese ! an seinem himmlischen Stabat mater brach sich die steigende Flut . Erinnern Sie sich , Signora , wo Sie zuletzt das Stabat sangen und ich Ihren Gesang begleitete ? In der letzten Charwoche war ' s , zu Paris , in der Kapelle der Klosterfrauen von Notre-Dame-de-Sion - da war ' s ! da sangen Sie mit Ihrer Erzengelstimme , großmütig wie immer , für den Zweck dieses Ordens : die Bekehrung der Juden in Jerusalem . Seitdem hatte ich nicht an das Stabat gedacht . Nun fiel es mir ein . Nun tauchte aus den Schmerzen einer Welt - das Kreuz auf , und alles irdische Wehegeschrei verstummte vor der übermenschlichen Klage eines Herzens , das unter dem Kreuze stand pertransivit gladius . Ich weiß nicht , wie lange ich spielte . Ich schwamm , ich badete in diesen Melodien einer höheren Sphäre ; ich durchwob sie mit meinen Phantasien , ich ließ alle Verzweiflung der Erde und alles Wutgeheul der Hölle in sie hineingellen ; aber nur um so mächtiger rauschten die Ströme himmlischer Harmonie auf sie herab , und wie ein stiller silberweißer Schwan zog das Stabat durch die tobende See und stellte das Kreuz immer fester , immer leuchtender auf ein zermalmtes Mutterherz . Endlich kam ein dienender Bruder mit der Bemerkung , daß der Abend sinke , und daß ich doch ja nicht die Prozession versäumen möge , welche beginne , sobald es ganz dunkel sei . Ich riß mich mühsam von meiner Orgel los und eilte in ' s Freie . Ich hatte die Absicht , einsam auf den Bergen umher zu schweifen , um der langweiligen Prozession aus dem Wege zu gehen ; da bemerkte ich Anstalten zu einer Beleuchtung und die Beleuchtung der St. Peterskirche in Rom , diese Wonne meiner Kindheit , fiel mir ein . Ich blieb , um zu sehen , ob hier etwa eine Nachahmung stattfinden solle . Je mehr die Nacht einbrach , desto mehr versammelte sich die Menschenmasse auf dem freien Platz . Er war zuletzt wie gepflastert mit Köpfen . Da ich etwas kurzer Statur bin , verwünschte ich hundertmal die langgewachsenen Söhne der Alpen , zwischen denen ich eingekeilt stand , und verfiel in eine höchst grimmige Stimmung über die stupide Neugier , welche so viel tausend Menschen hier zusammenführe , während ich vielleicht der einzige stupid Neugierige unter ihnen war . Endlich entstand in der Kirche eine große Bewegung ; die Orgel erklang , die Kerzen auf allen Altären wurden angezündet , feierlicher Gesang ertönte , die Glocken huben an zu läuten , die Prozession setzte sich in Bewegung . Eine Doppelreihe von Mönchen und Geistlichen , jeder mit einer brennenden Kerze in der Hand , zog vom Hochaltar aus durch die Kirche , aus der Türe , die Stufen hinab , um den Platz . Am Schluß der Doppelreihe ging der Abt unter einem Baldachin , von Weihrauchwolken umwogt , das Sanktissimum tragend . Als es außerhalb der Kirche erschien , flammte über dem Portal ein koloslales Lichtkreuz und rings um den Platz , in gewissen Zwischenräumen , Bündel von Fackeln auf , und im feierlichen Reigen wandelte die Prozession dahin . Wie die Wellen des roten Meeres sich teilten , um dem Volke Israels Durchgang zu lassen : so wich die Menschenmasse und stand zu beiden Seiten wie eine Mauer , und kniete nieder , wenn die kleinen Glöckchen und die Weihrauchwolken sich näherten , und erhob sich wieder , wenn das Sanktissimum weiter zog . Ich aber kniete nicht nieder , sondern reckte mich so hoch ich konnte , und stand mit verschränkten Armen , Lorgnon vor dem Auge , Hut auf dem Kopf , in der vordersten Reihe kerzengerade , als sich das Sanktissimum meinem Platze nahte und alles neben mir , hinter mir und gegenüber auf die Knie sank . Ich stand im stolzesten Bewußtsein meiner Würde und Freiheit ; aber mein Hut fiel ! ein ernster dunkeläugiger Tiroler nahm ihn mir ganz ruhig ab , mit dem Ausdruck eines Vaters , der seinem Bübchen zeigt , was schicklich sei . Ich riß ihm empört meinen Hut aus der großen sehnigen Hand , die mit ungewöhnlicher Behendigkeit das Kreuzzeichen machte , und drängte mich , von Zorn gekräftigt , nach der anderen Seite des Platzes , wo man unfern der Kirche zum Behuf dieser Feierlichkeit einen Altar errichtet hatte , der wie ein Meteor im nächtlichen Dunkel aufstrahlte . Er war um viele Stufen erhöht und von einer säulengetragenen Kuppel überwölbt , und alle Umrisse des kleinen Gebäudes waren mit ungemein glänzenden Lampen , wie mit Schnüren von Diamanten eingefaßt . Das Innere war ganz mit Blumen austapeziert und an der Hinterwand ein großes transparentes Gemälde angebracht , jene Vision , die Johannes auf Pathmos hatte : das wunderbare Weib mit den zwölf Sternen um das Haupt und der Mondessichel zu ihren Füßen . Nach diesem Altar zog die bewegliche Lichtlinie der Prozession . Trotz meiner kritisierenden Stimmung fand ich das Schauspiel großartig . Es war nichts zu sehen , als eine tiefdunkele , von einzelnen Lichtgruppen erleuchtete Erde : das Kreuz in der Höhe , Altar und Fackelbündel im Vorgrund , in der Tiefe des Bildes der Flecken Einsiedeln illuminiert von tausend Lichtlein - einer kleinen Welt von Leuchtkäfern ähnlich . Die Menschen - still , ernst , gesammelt , ruhig auf einem Fleck , kein Gedränge , keine Schaulust , und doch zu tausenden beisammen . Im Hintergrund die gewaltigen Berge , die sich in ihrer Massenhaftigkeit ganz schwarz zum Nachthimmel erhoben . Dazu die großartigen Stimmen , welche dem Bilde einen Ausdruck von Seelenleben gaben , Orgelklang , Chorgesang , Glockenton - und über dem allen der starke Wind , der von den Gletschern kam und über den Wald sauste und die Spitzen der hohen Tannen umbog und mit ihren Ästen wie mit Fahnen wehte . Der Abt war zum Altare hinaufgestiegen und nun erklangen diese wunderbaren eucharistischen Hymnen , welche von den Heiligen geschaffen sind und vielleicht von den Engeln gesungen werden . Dann hob er hoch auf das goldene Haus , in welches die überhimmlische Dreifaltigkeit , verschleiert von der heiligen Hostie , sich herabgelassen hat , hielt es einige Augenblicke fest und hoch vor allem Volk und bewegte sich dann langsam , im Kreuzzeichen , segnend über die Menge . Alle Gebete waren verstummt ; die Orgel schwieg ; nur die Kanonen donnerten in den Choral der Glocken hinein ; alle Stirnen senkten sich zu Boden ; denn nicht der Priester - Gott der Herr segnete sein Volk . Und ich ? - o ich stand aufrecht , als der Abt die Monstranz erhob und hoch hielt und darzeigte ; und stand aufrecht , als die Kanonen krachten und die Menge auf die Knie fiel und der Abt die beiden ersten Bewegungen mit der Monstranz machte . Und als er sie nach meiner Seite wendete und ich sie fest und kalt ins Auge fassen wollte , da ging von ihrem Mittelpunkt ein goldener Strahl aus - und der traf mich , war ' s in ' s Herz , auf die Stirn , im Blick - ich weiß es nicht ! genug , er traf mich besiegend . Meine Stirn sank zur Erde , meine Seele flog in den Himmel , ich lag im Staube und ich betete an . « » Was ist das , Lelio ! « rief Judith gespannt und aufgeregt . » Was war das für ein Strahl ? « » Nichts Irdisches war ' s , Signora , nichts Materielles . Kein Blitzstrahl war es , und kein Spiel der Lichter auf den Diamanten der Monstranz . Aber auch eine Vision war es nicht , wie die Heiligen sie wohl haben ; kein Flammenpfeil , wie er der heil . Therese das Herz durchbohrt und zu seraphischer Liebe entzündet ... « » Nun denn , « rief Judith beinahe heftig , » was war ' s ? « » Die Gnade war es , Signora ! « sagte Lelio sanft . » Der Hebel war es , der seinen Stützpunkt im Herzen des Erlösers hat , und der ein elendes Menschenherz aus dem Abgrund der Sünde emporhebt . « » Das verstehe ich nicht , « sagte Judith kalt . » Ich prophezeihte es , « erwiderte er lächelnd . » Nun weiter ! « rief sie . » Ich bin zu Ende , Signora ! ich habe in der ganzen Zeit Einsiedeln nicht verlassen , gründlich in meinem Gewissen aufgeräumt und komme nun , um meine Vorsätze auszuführen . « » Aber Ihre unbekannte Beterin werden Sie doch erkundschaftet haben ? « » O nein ! die ist mir unbekannt geblieben . Komme ich aber einst in den Himmel , so werd ' ich sie schon erkennen - unter den Heiligen oder zwischen den Engeln . « Das Geschlecht , welches » das schöne « und » das fromme « genannt wird , hat eine Eigenschaft , welche seine Schönheit und Frömmigkeit sehr beeinträchtigt : es verträgt nicht gut das Lob einer anderen Frau . Bei Judith , die nicht den mindesten Anspruch an Frömmigkeit machen konnte , wird es also nicht auffallen , daß sie von ihrer Höhe herab entgegnete : » Nun was ist denn darin so großartig , einen armseligen Menschen zu verachten , der uns beleidigen will ? es fliegt Staub an den Saum unseres Kleides : wir schütteln ihn ab - und gehen weiter . Das ist doch eine allzu unbedeutende Handlung , um einen Paß in die Heimat der Engel zu erwirken . « Lelio machte eine lebhafte verneinende Geberde . » Tag und Nacht ! « rief er , » Himmel und Erde ! Sie verachten den Menschen , der Sie beleidigt : heidnischer Stolz ! die Unbekannte bittet ihn : Mein Sohn , bet ' ein Ave für mich : katholische Demut ! « » Und gaben Sie sich gar keine Mühe , diesem Mirakelwesen auf die Spur zu kommen ? Schade , daß