Hunnius , gestattet , daß ich Sie tiefer in unsere Interessen einblicken lasse ! Aus demselben Portefeuille zog er einen zweiten Brief und ließ auch diesen Lucinden lesen , indem er auf- und niederging , bald zum Fenster blickte und auf jedes Geräusch achtete , bald sich aber auch an dem Anblick Lucindens , dem Ton ihrer Stimme , dem erneuten Ueberblick des ganzen , so wunderbar überraschend ihm gekommenen Verhältnisses weidete . » Die Zeit ist reif ! « las Lucinde . » Man muß mit Gewalt alles ergreifen ! Der Herr Kirchenfürst gibt zu allem seinen Segen , thut aber einstweilen bei allem noch die Augen zu , sodaß unsere Unternehmungen nur Privatunternehmungen sind ! ... Ich will kurz nacheinander in unserer Kirchenresidenz vier Jesuiten , in der nahe gelegenen Universität einen unterbringen ! Diese werden schon einen Wirkungskreis erhalten ... Ich ziehe einige talentvolle Knaben ganz zu diesem Zwecke heran und an der Universität sind mehrere der talentvollsten Theologen , die in den Orden treten wollen . Mit diesen errichten wir einen Glaubensbund und bringen sie dann mit den hiesigen Jesuiten in Verbindung ... Von Rom werden zwei Jesuiten erwartet . Sie bringen scheinbar ärztliche Atteste mit , welche ihnen nur vorschreiben , in unserer Gegend zu verweilen ... Die Missionen treten da und dort ins Leben ; bei uns ist es noch schwer . Der Herr Kirchenfürst wünschen sehr , daß alle Wallfahrten wieder ins Leben treten ! Ich bitte , arbeiten Sie wie Sie können , daß alles Abgeschaffte wieder aufgenommen werde . Mit aller Verehrung Ihr ergebenster M. Alles zur größern Ehre Gottes ! Der Sicherheit wegen nicht frankirt . Thun Sie es ebenso . « 2 Und einen dritten Brief las Hunnius dann noch selbst . Sie thaten ihm als Ableiter seines Zornes wohl . Triumphirend betonte er : » Die gute Wendung der Wallfahrtsangelegenheit macht mir erstaunliche Freude . Wie gerne macht ' ich selbst einmal die Springprocession mit , wenn es meine Geschäfte erlaubten ! Sorgen Sie für Ihre Gegend : nur daß man es mit der Regierung nicht unrecht angreift , dann ist alles verloren ! In all der Drangsal , die wir leiden , habe ich doch auch manche Freude . Mehrere Pfarrer sind verklagt . Je mehr , desto besser ! ... Geben Sie dem Kirchenboten mehr Nahrung ! Man muß immer hervorheben , wie jede Beschränkung und Hemmung der Kirche und jede Auflösung des Gehorsams gegen Bischöfe und Rom auch die Grundfesten des Staates untergrabe ! Das ist für die Fürsten ein Argumentum ad hominem ! ... « Hunnius unterbrach sich , um diese Worte zu übersetzen ... Das greift den Fürsten an ihre eigene Krone ! fiel Lucinde schon ein . Wie ? erwiderte er staunend . Aber kein Wunder , mein im Heiland geliebtes Fräulein ! Niggl schreibt mir ja von Ihnen , daß Sie ein Wunder nicht nur in - Bitte ! unterbrach sie und ermahnte den sich ihr Nähernden zum Lesen . » Die guten Folgen der Mission freuen uns ! « fuhr Hunnius fort . » Es muß uns glücken , über ganz Deutschland die Jesuiten als Prediger auszubreiten . Ich erwarte mit jedem Tage 2000 Missionszettelchen . Es wird alles gut gehen ! Ihr ergebener M. Alles zur größern Ehre Gottes ! « 3 Lucinde dankte für das ihr geschenkte Vertrauen und wollte sich entfernen . Es schlug von den Thürmen der Stadt schon ein Viertel elf Uhr ... Fräulein , sagte Hunnius , ich begleite Sie selbst zurück ... ich stehe , obgleich geistig auf völlig anderm Boden , doch gesellschaftlich sehr gut mit der Dechanei ... Bitte ! Lesen Sie aber noch , was Niggl von Ihnen selbst geschrieben hat ! Da sie es wiederholt ablehnte , ließ Hunnius nicht nach ... Es wird uns enger verbinden ! sagte er mit Salbung . Es wird das Symbol unserer von ihm gewünschten Vereinigung werden ! Wir haben dann ein gleichsam ausgesprochenes Bekenntniß , das sichere Fundament unsers Verständnisses , den geschriebenen Pact unsers Seelenbündnisses ! Der gute Curatus ! sagte Lucinde sich zurückziehend und ließ die Vorlesung geschehen ... theils um ihren neuen so schnell gewonnenen Freund zu zerstreuen , theils aber auch , weil sie auf diese Art allerdings erfahren konnte , warum Grützmacher hatte sagen können , er wäre über sie » ins Klare « und Schulzendorf sie so scharf und wie eine mit Steckbriefen Verfolgte beobachtete . » Mein innigstgeliebter und gefeierter Seelenfreund ! « las Hunnius ( und diese Worte nicht ohne beschämt niederblickende Genugthuung ) , » Sie lernen mit diesem herzinniglichen Gruße nach langem , unverzeihlichstem Schweigen ein Fräulein Lucinde Schwarz kennen , wie man sagt , die Tochter eines einfachen protestantischen Dorfschullehrers . Vor drei Jahren kam diese Seltenste ihres Geschlechts als Gehülfin in die Ihnen bekannte orthopädische Heilanstalt und wurde an demselben Tage , wo wir drei , Sie , mein innigstgeliebter Freund , Asselyn und meine Unwürdigkeit , die letzten Weihen empfingen , in plötzlicher Erleuchtung vom Geiste der Wahrheit ergriffen . In unserer ehrwürdigsten Kathedrale wurde sie von unserm hochwürdigsten Bischof selbst dem Schoose unserer gnadenreichsten Mutter einverleibt ... Ja Ihnen , Ihnen , Hunnius , der Sie so ganz der Musik der menschlichen Seele in ihren tiefsten Accorden nachzulauschen verstehen - Ihr letztes Gedicht : Myrrhe und Aloe - « Eine kleine Pause und Auslassung im Lesen war hier natürlich ... » Ihnen schreib ' ich « , fuhr Hunnius nach einigem Murmeln fort ; » das Leben dieser Neugeborenen muß ein außerordentlich bewegtes gewesen sein ! Da sie bald durch Anmuth und Geist hervorragte , so bildete sich , wie in solchen Fällen zu geschehen pflegt , in kurzem gegen sie eine Anfeindung , die eine Beschuldigung nach der andern gegen sie aufbrachte . Aber allen diesen Angriffen stellte Fräulein Schwarz ihre aufrichtige Wiedergeburt entgegen . Diese wurde ihr reiner , heller , metallener Schild , der sie gegen alles Ungebührliche schützte ! Ihre Andacht wurde jene glühende Hingebung an die ewige Liebe , die auch nach dem Rauschen Ihrer Harfe , Hunnius , die Seele von allen Schlacken reinigt ! Sie sah und sie hörte auf nichts , was sie umgab . Sie lebte nur ihrem Berufe , ihrem neuen Glauben . Ihre Augen , von denen sie behauptet hatte , daß sie nie geweint hätten , obgleich sie Vater , Mutter , Geschwister , Freunde , Glück und alles , nur die Ehre nicht , verlor , waren stets umflort von dem feuchten Schimmer frommer , wie vergessen gewesener Thränen . Führen Sie das einst aus , Hunnius , in einem Gedichte ! Vergessene , verstockte , sitzen gebliebene Thränen ! Wenn die einst zu strömen und zu rinnen anfangen ! Diese Flut , dieser heilende Bethesdateich dann ! ... Diese Seele gestand mir oft , daß ihr alles Leid , was ihr je widerfahren , erst jetzt den Zoll der Thränen abforderte , daß sie über alles , worüber sonst ihr Auge trocken geblieben , nun erst nachträglich weinen müsse und - das ist der Triumph der Wiedergeburt ! - weinen könne ! Hunnius , ich sage Ihnen nur , Fräulein Schwarz blieb im genannten Institute einige Jahre . Sie hatte die besondere Obhut zu führen über Comtesse Paula von Dorste-Camphausen , jene Erbin , deren Lebensverhältnisse unsere Aufmerksamkeit jetzt so dringend in Anspruch nehmen ! Der Vater derselben war gestorben ; Vormund und Verwandte riefen sie zurück : es war in jenen Tagen , als uns auch Asselyn verließ , diese emporwachsende Ceder , diese edle Palme ... « Hunnius stockte wieder und überschlug auch jetzt einige Stellen ... » Um « , fuhr er , den Zusammenhang suchend , fort , » um bei Ihnen die Kaplanei zu St.-Zeno anzutreten . Laßt aber diese Seele nur anklagen ! Laßt die Stimmen über sie getheilt sein ! Laßt - « Hunnius schien Anstand zu nehmen , der ganzen , hier den Tadel wiederholenden Wortfülle des Freundes zu folgen ... Lesen Sie alles , sagte Lucinde . Es sind Anschuldigungen - ! O , auch das ist manchmal gut , erwiderte sie , zu wissen , was man von uns Uebles denkt ! » Die Stimmen sind getheilt , fuhr Hunnius fast mit Lucinden über die Parodie seiner frühern Worte liebäugelnd fort . Die einen sehen in ihr ein Wesen , das seiner persönlichen Eitelkeit alles opfert , ein herzloses , undankbares - « Lucinde , die Arme übereinandergeschlagen , stand in einer Stellung wie ein furchtloser , unerschrockener Feldherr ... » Doch « , überschlug Hunnius beruhigt diese ominöse Partie , » unsere Stadt , Sitz einer Universität , einer starken Garnison , weiß nichts von einer irgend unpassenden Beziehung zu erzählen : größtentheils nur in unsern geistlichen Kreisen verkehrte sie . Aber sie kennen ja unsere Mit-Leviten ! Sie kennen die Lauheit der Zeit , kennen die Bequemlichkeit unsers Standes , dem nichts störender ist als mitgearbeitet zu sehen an seinem Beruf auch von der Laienwelt aus ! Niemand soll da reden , ohne gefragt zu sein ! Niemand soll das Entzücken , das ihm der Glaube macht , in Bildern und Anschauungen wiedergeben , die über das Maß einer gewöhnlichen Erbaulichkeit hinausgehen ! Da irrt nun eine glühende Seele von Beichtstuhl zu Beichtstuhl ! Niemand weiß ihr ein Herz , ein Verständniß , eine Hingebung entgegenzutragen ! Ihr Verstand ist diesen Menschen lästig und selbst unsere Collegen - brauche ich Ihnen die Namen zu nennen ! - verkehren lieber mit der Gewöhnlichkeit , wenn sie nur Whist spielt ! Hunnius ! Wenn diese Feuerseele in der Dechanei so verbraucht würde ! ... Sie tritt dort als Gesellschafterin ein ... Ich dachte an Sie , Freund , an Ihre Verbindungen , Ihre Beziehungen zu Ihrem Kirchenfürsten , an die ernsten und wichtigen Dinge , die von Ihrer hohen Warte aus das Zeichen geben werden für das übrige Deutschland ! O , diese Convertitin hat für die Flammen , die in ihr lodern , noch keine Nahrung gefunden ! Wer einen Schritt thut , wie sie , will ihn doch anerkannt sehen , will doch wissen , bezeugen , täglich bezeugen , warum er ihn that ... Was thut man aber hier ? Man fordert sie auf zum Vergessen , zur Ergebung ! Immer diese Abneigung gegen Neugewonnene ! Immer diese Kälte gegen den Enthusiasmus , der sich bewähren will ! Convertiten , gehegt und gepflegt , sind ein Segen unserer Kirche ; Convertiten , vernachlässigt , zurückgestoßen , einsam gelassen und wol gar zur Reue gedrängt , können ihr zur fürchterlichsten Geisel werden ! Das Schicksal Lucindens ist in Ihrer Hand ! Sie Schöpfer , Gestalter , Dichter ! Vollenden Sie den Triumph dieser gottberufenen Bekennerin ! « Der gute Niggl ! sagte Lucinde , als Hunnius diesen enthusiastischen Brief vollendet hatte . Er war seinerseits gerührt von den Schmeicheleien für seinen Genius ; sie ihrerseits erstaunte , wie sie sagte , » über den langen Schatten , den sie würfe « ... Ich lernte Niggl kennen , erzählte sie , als ich von ihm eines Tages erfuhr , daß er jeden Sonntag Nachmittag einen Kaffee für Damen gibt . Ich wurde neugierig auf einen so gemüthlichen Priester , erkundigte mich näher und ließ mich eines Sonntags Nachmittags an sein Haus bei der Barfüßerkirche führen , wo er Curatus ist . Ich wollte , aufrichtig gesagt , die Damen belauschen , die bei ihn zum Kaffee kamen . Ich stand im Schatten der alten Kirche . Es schlug vier Uhr . Der Nachmittagsgottesdienst war vorüber . Der Kaffee begann nach vier . Wie ward ich beschämt ! Welche Damen kamen ! Erst eine Blinde , die von einem Kinde geführt wurde ; dann kam eine kleine Buckelige , die stolz auf ihre Begleiterin hinaufsah , denn diese durfte nicht mit zum Kaffee , sie aber stieg zum Herrn Curatus hinauf ! Nun kam eine Lahme an einem Krückstock ! Jetzt fuhr ein Rollwägelchen vor und siehe , der Herr Curatus kam lachend und freudigst selbst die Stiege herunter und hob eine Person aus den Betten im Wägelchen , die nur dem Kopfe nach der Menschheit angehörte ! Nach unten zu hing ein Körper , der völlig schlaff , ja nur eine einzige unförmliche und unausgebildete Masse war . Es war ein Mädchen von vielleicht dreißig Jahren und ein halbes Kind ! Der Curatus trug sie auf seinen Armen in seine Wohnung und in seinen Kaffee . Nun band ich mir , wie eine Augenleidende , mein Taschentuch über die Stirn und tastete mich auch hinauf . Da war denn eine Damengesellschaft beisammen aus lauter Blinden , Tauben und Gichtbrüchigen , und sie war so lustig , so vergnügt wie jeder andere Damenkaffee auch , wenn es nur etwas zu lästern gibt ! Unser kindlicher Niggl hatte nur immer zu dämpfen , daß wir die gesunden und schönen Menschen nicht auch zu schlecht machten ! Ja , wo gibt es solche Entsagungen wie in unserer Kirche ! rief Hunnius . Wo solche muthvollen Bewährungen ! Solche Triumphe dann auch und solche Belohnungen wieder ! Er erörterte dann die Situation , in der sich Lucinde in der Dechanei befinden würde . Er wiederholte öfter seine Bitte um Discretion wegen der von ihm vorgelesenen Briefe . Er warnte vor der Erwähnung der Jesuiten , die man von obenher noch verfolge wie Verbrecher , und doch wären sie die Sehnsucht aller Gläubigen ! Schon wenn einmal ein einzelner Mönch außer Clausur leben sollte , kostete das die größte Anstrengung ... Wer ist dieser Pater Sebastus ? warf Lucinde erbebend ein . Pater Sebastus , sagte Hunnius , ist erst seit kurzem aus der Dunkelheit eines Klosters bei Witoborn in der Residenz des Kirchenfürsten erschienen . Seine außerordentlichen Geistesgaben wurden die Veranlassung , daß man ihm gestattete , auf einige Zeit seine Zelle zu verlassen . Man weiß nicht , soll man seine Begeisterung für das Interesse der Kirche höher anschlagen oder seinen Lebenswandel . Sie sollten doch schon , mein ' ich , von diesem Mönch gehört haben , der den Gelübden seines Ordens gemäß sich die größten Entbehrungen auferlegt ! Sebastus lebt nur von dem , was er sich erbettelt hat ! Er geht auf die Dörfer in der Umgegend der Residenz mit einem alten Topf in der Hand , um sich selbst die Mahlzeit von den Thüren zu holen ; er geht gerade vor die Thüren , wo er in Erfahrung gebracht hat , daß hier die geizigsten Herzen wohnen ! Zum ersten male nach Jahren wieder gestattete er sich heute bei mir eine Cigarre und kaum ein halbes Glas Wein ! Lucinde war von einem Schauer durchrieselt . Diese Entbehrungen paßten für das Bild nicht , das von Klingsohrn noch in ihr lebte , und doch war er es ! Klingsohr mit einem Topf vor Bauerhäusern ! Klingsohr nicht rauchend , nicht trinkend ! Und doch war er es - der Stadtpfarrer nannte ihn Heinrich Klingsohr und erzählte den Tod seines Vaters - vor ihren Augen stand das Christusbild , an das er einst ihren Hut gehängt hatte mit den Worten : Am Bilde des Erlösers Hängt ihr pariser Hut ... Und ihre dunkeln Locken Netzt heil ' ger Wunden Blut ... Da Hunnius sie in die Dechanei zurückzubegleiten versprach , störte beide der Schlag der elften Stunde nicht . Er machte der sinnend Träumenden die lebhafteste Schilderung von dem Leben in der Residenz des Kirchenfürsten . Er gab Lucinden den Einblick in eine geheimnißvolle geistige Werkstatt , von der sie die Ahnung gehabt hatte , ohne die Thür zu finden , die ihren Eingang bildete . Sie sah , was sie in Bonaventura ' s Nähe schon oft zu erblicken geglaubt hatte , nahe und entfernte Ziele , sah Zusammenhänge von Zuständen und Personen , erblickte ein harmonisches Vereintwirken , ein lautloses , geräuschloses und dennoch von ersichtlichen Wirkungen begleitetes . Ob auch kein deutscher Staat mehr vom Krummstab regiert wird , gibt es doch geistliche Höfe , gibt es geheime Sitzungen in geheimen Cabineten und Anekdoten und geheime Verkehre aller Art. Auch , das erfuhr sie : Einflußreiche Frauen stehen diesen geistlichen Höfen nahe . Der Reiz des Verschwiegenen verbindet die Geister und die Gemüther . Stürmisch und fest ist der Wille , aber zurückhaltend die Form , ihn zu äußern ; unhörbar geht , wie auf unsichtbaren Teppichen , der Schritt , und dabei keine wilde Zumuthung , nichts Rohes , nichts Begehrliches . Das Streben nach Läuterung und Religion ist äußerlich die Oriflamme und das heilige Feldzeichen dieser ganzen geisterhaften Bewegung und doch bringt man duldsamst dabei die menschliche Natur in Rechnung . Man setzt das wahre Verdienst eben immer nur in den Kampf mit der Sünde , nicht in den Sieg über sie . Und wie gering auch die innere Treue Lucindens für Religion überhaupt war , Haß für alles Norddeutsche und Protestantische hatte sie . Ihre ganze Vergangenheit hatte sich in das verwandelt , was ihr neuer Glaube bekämpfte . Und von diesem Gesichtspunkte aus war sie den Gesinnungen ihrer jetzigen Freunde verwandt . Galt es Kampf , so empfand sie die dämmernden Schauer ihres neuen Bekenntnisses , ja empfand sogar den Reiz , daß in alle diese Intriguen die langen Schatten der Kirchen fielen , die Glocken der Dome läuteten , die Farben der priesterlichen Gewänder blitzten . Bis in die unabsehbare Ferne war die wühlende Ahnung freigegeben : in die Ferne des Raumes sowol wie in die der Zeit . Vor allem prangte Rom durch die Nebel hindurch wie die Stadt des ewigen Sonnenscheins ! Dort fand der müdeste Fuß auf den Trümmern der Jahrhunderte einen schattigen Ruheplatz , das wundeste Herz Heilung in den Melodieen der Sixtinischen Kapelle ; der Blinde wurde dort sehend , der Taube hörend ; alles lief aus und vereinigte sich in dem Centralnervensitz des historischen Europa ... Dies Bild war es , das Lucinden aus halben und träumerischen Zuständen , aus bitterer Lebenserfahrung und nicht immer selbstverschuldeten Kränkungen einst in den Schoos jener Kirche geführt hatte und darin festhielt und ermunterte und bestärkte , alles zu unternehmen , alles zu wagen , was die Umstände von ihr verlangt hätten , wenn sie damit nur den Beifall und die Liebe Bonaventura ' s hätte gewinnen können ! Nun brach sie auf . Der Stadtpfarrer , glücklich über diese Eroberung , fast getröstet über die Censurstriche , holte seinen Hut . Schon hatte er auf ein Bücherbret gelangt und gab ihr ein Buch zum Andenken an die eben erlebte Stunde . Es war eine neueste Sammlung seiner Gedichte , die » Saronsrosen « . Er ergriff eine Feder , zeichnete auf das Blatt vor dem Titel ein Kreuz und in dies hinein ein flammendes Herz und seinen Namen . So gab er ' s Lucinden und vergaß vor Aufregung den Streusand . Lucinde trug das Blatt offen und versprach , mit Aufmerksamkeit in den Gedichten zu lesen . Hunnius nahm die Lampe und rief seiner Wärterin ... Er wollte mitgehen ... Indem aber klingelte es heftig . Der Druckerbursche ! rief es in allen seinen Nerven . Und in der That - ein Knabe kam - kam mit einem hoch emporgehaltenen Blatte ! Von Instanz zu Instanz kehrten erst jetzt die von Hunnius gemachten Aenderungsvorschläge zurück ... einige waren angenommen worden ... bei andern verlangte man am Rande noch diese und jene Milderung ... einige Bilder waren gerettet ... Hunnius konnte vor Freude sogar jetzt Lucinden vergessen . Der Bursche erklärte , daß die Censur noch warte , ebenso wie die Presse seines Herrn . Wenn der Herr Stadtpfarrer noch sofort die Aenderungen machte , konnte die Nummer in der ersten Morgenfrühe noch gedruckt werden ... Schon rief Hunnius , sich nun mit seinen Redactionspflichten entschuldigend , seiner Magd . Aber Lucinde sagte : Lassen Sie , Herr Pfarrer ! Ich finde den Weg ! Es ist Mondschein ! Wirklich , wirklich ! Bitte , bleiben Sie ! Hunnius mußte den Burschen , der allenfalls auch noch Lucinden hätte führen können , zurückbehalten ... seine Magd war nicht die flinkste ... er zögerte noch , als Lucinde schon mit den Worten : Beruhigen Sie sich , Herr Stadtpfarrer ! Ich finde den Weg ! - unten schon vor der Hausthür und verschwunden war . Lucinde war allein . Sie schritt durch die still gewordene Stadt über den mondhellen , jetzt menschenleeren Marktplatz dahin ... Ach , sie kannte solche Nachtbilder kleiner Städte aus der Zeit her , wo sie mit der unglücklichen Gauklerfamilie über die norddeutschen Heiden gezogen ... Sie kannte diese Brunnen , die da rauschten , diese Linden , die da so klein und verkrüppelt an einer Straßenecke stehen . Hier in einem Giebelfenster erlischt ein Licht , dort geht eins auf ... Hier jammert ein Kind , das von seinen Träumen geängstigt wird und eine Mutter spricht liebe , beruhigende Worte ... dort bellen zwei Hunde wachsam um die Wette ... Sie hatte das alles so oft erlebt , mit demselben Mondlicht , derselben Stille , immer in einer andern geistigen Beleuchtung ... Heute ? ! ... Sie liest noch die Schilder der armen Schuhflicker und Schneider ... sie sieht den schwarzen Mohrenkönig an einem Laden , durch dessen geschlossene Thür ein Schiebfensterchen erleuchtet ist , eine Apotheke , wo vielleicht für Frau Ley der letzte Linderungstrank bereitet wird ... Dort ein Gasthof : Zum Riesen ! Der Goliath steht über dem Thorweg , der noch offen ist ... Sie sieht das stattliche Reisecoupé Thiebold ' s de Jonge unter ihm ... Oben vier Fenster erleuchtet ... Zechen dort oben vielleicht noch Benno von Asselyn und seine Gefährten und erzählen sich Anekdoten und verhöhnen die Würde der Frauen und lachen über das , was andern Schmerzen bereitet , über Porzia , über Hedemann ? ... Gerade so wie sie einst Klingsohrn so unter seinen Freunden wußte , den Weltenstürmer , den jetzt mit dem Topfe Bettelnden ! Sie konnte über Hunnius nicht lachen . Es lag selbst in den » Saronsrosen « , wo endlich das Kreuz mit dem Herzen getrocknet war , nach ihrer gegenwärtigen Stimmung etwas vom allgemeinen Schmerz des Lebens und vom bittersten Weh der Welt ... Denn ist nicht das größte Weh Blindheit , Thorheit , Anmaßung , Kampf und Wahn und leidenschaftliches Ringen und das Ganze ein so tief entmuthigendes Durcheinander ? Nun überfiel sie auch noch die Furcht vor der Rückkehr in die Dechanei ... Wenn die Pforte geschlossen war ! Wenn sie klingeln mußte ! Immer zaghafter wurde ihr ums Herz ... Langsamer und langsamer trat der müde Fuß ... Sie kam bei den Stufen an , die zur Kathedrale von St.-Zeno hinaufführten ... Hier war es dunkel ... Hier mochte sie sich niederlassen , sich ausweinen ... vor Schmerz über die Welt und über sich selbst ... Nur die Todten die Ihrigen ! Auf der Erde nur die - die sie nicht mochten , oder die - die sie nicht mochte ! Und sie mußte sich sagen : Ihr , die ihr mich haßt und fürchtet , gewiß , ihr habt ja Recht ! Mühsam , bangend und zagend stieg sie die Stufen empor ... Ringsum die kleinen Häuserchen ... Sonst war sie in solchen Lagen so oft versucht gewesen , den Leuten Nachts von den Fensterbretern ihre Blumen aus den Töpfen zu stehlen ! Sonst langte sie im Springen nach einem Hanfbüschel hinauf , das als Wahrzeichen eines Zwirnverkäufers vor einer Thür hing ! Sonst jagte sie , wie die alte Hauptmännin , Ratten und Mäuse auf und lief ihnen nach , die Katze spielend ... und wenn etwa dann Männer sie verfolgten , so blieb sie stehen , ließ diese an sich vorübergehen und erwiderte ihre Anreden auf englisch oder italienisch fest und bestimmt : Ich kenne den Weg ! Langsam zählt sie heute dreißig Stufen , die zur Kathedrale hinaufführen ... An jeder fünften steht , wie auf einem Calvarienberg , eine steinerne Gruppe der Leidensgeschichte ... frisch übertüncht mit grünlichweißer Oelfarbe ... frisch vergoldet an den Heiligenscheinen und Gewändern ... Wie sie eben an der letzten Gruppe der Grablegung vorüber ist , wie sie quer über den den Dom umgebenden freien Platz zu der zweiten , niederwärts zu dem Park der Dechanei führenden Treppe kraftlos schreiten will , strahlt ihr plötzlich an dem im Schatten liegenden altehrwürdigen St.-Zenotempel ein magischer Lichtglanz entgegen . Von dem übrigen Mondschein weicht er völlig ab . Sie blickt noch einmal hin und wiederholt sich das Wunder von Damascus ? Lichtumflossen tritt ein Priester im Ornat auf sie zu ... Es ist Bonaventura , ihr Heiliger ... Lucinde verbirgt sich hinter der Grablegung ... Bonaventura kommt aus der Sakristeithür , die im Dunkel liegt und beim Geöffnetwerden den von der entgegengesetzten Seite , wo der Mond steht , durch ein buntes Fenster hereinfallenden Lichteffect verursachte . Es ist Bonaventura in Priestertracht , begleitet von einem weißgekleideten Knaben und einem Meßdiener . Alle drei kommen , nachdem der Meßdiener die Sakristeithür wieder verschlossen , still und schweigsam näher . Sich unbemerkt glaubend , schreiten sie die Stufen zur Stadt hinunter ... Bonaventura hält das Hochheiligste , der Meßdiener trägt Brevier und Rauchfaß , der Knabe klingelt ... Wer etwa in den Straßen noch verspätet ging , neigte sich . Wer es auf seinem Lager hörte , sagte : Das ist der Dechant ! Er geht unten an den Fall zur sterbenden Frau Ley ! Lucinden war es , als wenn sie jetzt Schutz gefunden hätte . Bonaventura mußte in die Dechanei zurück ! Konnte sie es nicht unter seinem Beistande thun ? Aber auch so und war dies alles auch nicht , doch zog es sie unwiderstehlich ... Sie mußte folgen . Es klingelte ... und klingelte ... Dahin ... dahin ... immer voraus schritt das Sakrament ... Endlich hörte man ein rauschendes Gewässer daherstürzen . Es war der Fall . Ueber ein Brücklein mußte man noch gehen , auf dem ein St.-Nepomuk den Gruß der Vorübergehenden empfing ... Die Zahl derselben mehrte sich ... Wol ein Dutzend Menschen aus dem Volke schloß sich dem klingelnden Knaben an , so spät auch die Stunde schon vorgerückt war ... Es kam ein ganz vertrockneter Lindenbaum und ein Haus , in das sie eintraten ... An der Wand neben dem Thorweg fand Lucinde die verrosteten Haken , von denen der Dechant erzählt hatte ... Noch stand der Hackeklotz im Gange ... Auf dem steinernen Estrich der Vorflur ging eine Rinne , durch welche sonst das Blut floß aus dem im Hofe befindlichen Schlachthause . Unter den Anwesenden , die der Hostie gefolgt waren , fiel Lucinde noch nicht auf . Meist waren es Frauen . Sie hielten sich in der Vorflur , während eine Thür geöffnet wurde , durch die man in ein hinteres Zimmer sah , wo die Sterbende lag . Bonaventura schritt durch einige Betten hindurch , wo ruhig die kleinern Kinder der sterbenden Mutter schliefen ... Treudchen Ley und ein Bruder , der den Dechanten nun doch noch gerufen hatte , lagen über dem Bette der Mutter ausgestreckt und schluchzten ... Der so überraschend statt des Dechanten gekommene geliebte Priester nahm von dem Ministranten das heilige Oel , um damit seine Finger zu netzen . Mit diesen berührte er die einzelnen Theile des Antlitzes der Sterbenden ... Für Bonaventura konnten Menschen zugegen sein , die noch heftigere Wallungen in ihm hervorgerufen hätten als Lucinde , er würde nicht auf sie geachtet haben . Er ließ die Sterbende , die ihn noch erkannte , mit einem matten Aufblick die ganze letzte Freude empfinden , an seiner Hand aus dem Irdischen hinausgeleitet zu werden . Mit groß und geisterhaft aufgeschlagenen Augen sah sie auf seine hohe Gestalt und zupfte mit den unruhigen Fingerspitzen an der Decke , bis ihre Tochter , wie wenn sie Wünsche hätte , sich ihr näher beugen mußte . Ihr Wunsch war nur , noch so viel Schärfe des Gehörs zu besitzen , die milde Stimme des geliebten Priesters zu hören . Bonaventura salbte die Sterbende mit leise begleitenden Worten an den von der Kirche vorgeschriebenen Theilen , an denen , welche die Organe unserer Sinne , unsers Willens und unserer Sünden sind . Mit Auge , Ohr , Geruch , Mund , Hand und Fuß sind wir an die Sinnenwelt gebunden : die Lösung von ihr , den Abschied und die Trennung bezeichnet die Berührung mit dem , wie man sagt , schmerzenstillenden Oel ... Bonaventura ' s Gebet übertönte das laute Weinen ... Herr , unser aller Gott , sprach er , erquicke die Seele , die du geschaffen hast ! Reinige sie von allen Sünden und Makeln , damit sie würdig werde , durch die Hände der Engel dir dargestellt zu werden ! Durch Jesum , unsern Herrn ! Die Seele der armen Metzgersfrau war schon vor dem Amen ! zu der ihr nun gelinderteren Pein des Fegfeuers entflohen . Treudchen benahm sich mit großer Standhaftigkeit . Daß auffallend schöne Kind war blaß , zart , tief verhärmt , tief erschüttert und doch blieb sie umsichtig ... Als die Sterbende geendet hatte , drückte der Leiche jemand von den Nähergekommenen die Augen zu . Es war eine hohe , kräftige weibliche Gestalt . Sie trug ein gelbrothes Tuch um den Kopf gewunden und mußte eine Jüdin sein ... Und dicht hinter ihr stand ein Protestant , Nachbar Grützmacher , der würdige Wachtmeister ... Er begrüßte Lucinden , die nun vortrat und jetzt erst von Bonaventura bemerkt und erkannt wurde ... Muß man erleben den Gegenstand ! sprach inzwischen mit lauter alles übertönender Stimme die Jüdin ... Eine Frau so sanft wie ein Lamm ! Ein Engel ! Muß ich sie noch sehen , wie sie ist gelaufen über Land und hat die Bauern gebitt ' t und gebettelt , daß sie bringen sollten ihren Mann wieder auf die Füße ! Wie hat sie die paar Thälerchen ,